Handbuch Projektmanagement Agil Klassisch Hybrid
Handbuch Projektmanagement – Agil – Klassisch – Hybrid
Jürg Kuster, Christian Bachmann, Eugen Huber, Mike Hubmann, Robert Lippmann, Emil Schneider, Patrick Schneider, Urs Witschi, Roger Wüst
4., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Springer Gabler 2018
---
Handbuch
Projektmanagement
Jürg Kuster · Christian Bachmann
Eugen Huber · Mike Hubmann
Robert Lippmann · Emil Schneider
Patrick Schneider · Urs Witschi
Roger Wüst
Agil – Klassisch – Hybrid
4. Auflage
Handbuch Projektmanagement
Jürg Kuster Christian Bachmann
Eugen Huber Mike Hubmann
Robert Lippmann Emil Schneider
Patrick Schneider Urs Witschi Roger Wüst
Handbuch
Projektmanagement
Agil – Klassisch – Hybrid
4., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage
Jürg Kuster
Winterthur, Schweiz
Christian Bachmann
Bäretswil, Schweiz
Eugen Huber
Parpan, Schweiz
Mike Hubmann
Liebefeld, Schweiz
Robert Lippmann
Männedorf, Schweiz
Emil Schneider
Warth, Schweiz
Patrick Schneider
Nussbaumen TG, Schweiz
Urs Witschi
Ennetbaden, Schweiz
Roger Wüst
Dänikon, Schweiz
ISBN 978-3-662-57877-3
ISBN 978-3-662-57878-0 (eBook)
https://doi.org/10.1007/978-3-662-57878-0
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Lektorat: Stefanie Winter
Zeichnungen: Agentur Aufwind GmbH, CH-7000 Chur, Corina Rüegg und Reto Sommerau
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Die Anschrift der Gesellschaft ist: Heidelberger Platz 3, 14197 Berlin, Germany
Vorwort zur vierten Auflage
Die vorliegende vierte, vollständig überarbeitete Auflage des „Handbuches Projekt-
management“ basiert auf den Grundlagen des bisherigen Standardwerkes. Sie behandelt
eine Vielzahl neuer oder aktualisierter Themen. Das Handbuch enthält Erkenntnisse und
Empfehlungen aus unserer Praxis als Projektleiter und Projekt-Coaches sowie aus unserer
Lehrtätigkeit im Projektmanagement. Besonders freut uns, dass dieses Werk nicht nur ei-
ne Summe von Beiträgen aus verschiedenen Federn ist, sondern dass wir uns als Team in
ungezählten Stunden ausgetauscht und die Inhalte gemeinsam strukturiert und entwickelt
haben.
Seit Erscheinen der ersten Auflage im Jahr 2008 haben wir für rund 8000 Teilnehmer
in mehr als 200 Organisationen in der Schweiz, in Deutschland und Österreich sowohl
öffentliche wie auch firmenspezifische Trainings zum Projektmanagement durchgeführt
oder Entwicklungsarbeit zur Förderung der Projektmanagement-Kompetenz in diesen Or-
ganisationen geleistet. Man darf also mit Fug und Recht behaupten, dass das vorliegende
Werk sowohl die heutige als auch die künftige Praxis des Projektmanagements widerspie-
gelt.
Einer der großen Trends der letzten Jahre ist, dass nicht nur bewährte Führungsstruk-
turen, -konzepte und -prozesse gefragt sind, sondern vermehrt temporäre Organisationen
eingesetzt werden, um rascher und flexibler agieren zu können. Die hierarchischen Füh-
rungsbeziehungen werden abgelöst durch laterale Systeme mit flexiblen Rollenmodellen
und stark lösungsorientierten Zusammenarbeitsformen. Projektmanagement ist von die-
ser Entwicklung stark betroffen. Wir haben diese Tatsache mit einer deutlich erkennba-
ren Leserführung umgesetzt. Diese unterscheidet nicht nur zwischen der agilen und der
klassischen Projektführung, sondern vertieft auch die für die Zukunft wahrscheinlichste
Methode, die hybride Projektabwicklung. Diese ermöglicht eine situations- und phasen-
spezifische Kombination beider Modelle.
Eine weitere Neuheit sind reale Projektdokumente, welche wir als Praxisbeispiele in
dieses Buch eingefügt haben. Dafür danken wir dem Transportunternehmen BLS, na-
mentlich Daniel Hofer, Irina Schneider, Daniel Leuenberger und Marc Zesiger sowie
dem Schweizer Hersteller von Präzisionsgeräten für die chemische Analytik Metrohm,
namentlich Patrick Hunziker, Christian Feuerlein, Michael Edelmann und Karolina Bruck-
müller.
V
VI
Vorwort zur vierten Auflage
Die Visualisierung der Inhalte haben wir für diese Auflage in professionelle Hände
gegeben. Wir danken Corina Rüegg und Reto Sommerau von der Kommunikationsagentur
Aufwind in Chur, dass sie mit großer Konsequenz die Abbildungen in diesem Buch auf
überzeugende Einfachheit und klare Aussagekraft getrimmt haben.
Struktur dieses Buches
Verschiedene Strukturelemente vereinfachen die Anwendung dieses umfassenden Werkes
in der Praxis. Der Projektmanagement-Kompass dient als detaillierte Orientierungshilfe
für die Projektabwicklung und präsentiert zwei unterschiedliche Vorgehensmodelle für
agil und klassisch geführte Projekte.
Der Erfolg von komplexen, interdisziplinären Vorhaben setzt gerade beim Projektma-
nager zunehmend breit gefächerte Kompetenzen voraus. Deshalb stellen wir die methodi-
schen Grundlagen in Bezug zum Menschen, der im Team das Projekt umsetzt. Die Ebenen
„Methodik“, „Mensch“ und „Team“ stehen in einer Wechselwirkung zueinander. Darum
ist der Buchinhalt in vier Kapitel gegliedert:
1. Übersicht Projektmanagement im Überblick und im Führungskontext
2. Methodik Modelle und Arbeitsmethodik zur Abwicklung von agilen und klassischen
Projekten
3. Mensch Wesentliche Merkmale des Menschen als Gestalter von Projekten
4. Team Aspekte der erfolgreichen Zusammenarbeit in Teams
Das vorliegende Werk wurde auch mit Blick auf die Zertifizierung nach IPMA ver-
fasst und bietet in Kap. 5 eine umfassende Referenztabelle zu sämtlichen Kompetenzele-
menten der Individual Competence Baseline von IPMA® (ICB4).
Wir wünschen Ihnen viele neue Einsichten bei der Lektüre und den gewünschten Erfolg
in Ihren zukünftigen Projekten.
Im November 2018
Jürg Kuster
Christian Bachmann
Eugen Huber
Mike Hubmann
Robert Lippmann
Emil Schneider
Patrick Schneider
Urs Witschi
Roger Wüst
Vorwort zur vierten Auflage
VII
Auf einen Blick
1
Einleitung .......................................................................................................................................1
1.1
Projektmanagement, wozu? ..................................................................................................1
1.2
Was sind Projekte? ...............................................................................................................3
1.3
Was ist Projektmanagement? .............................................................................................12
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten .........................................................................................18
1.5
Projekte basieren auf Teamarbeit .......................................................................................38
1.6
Projekte sind soziale Systeme ............................................................................................41
1.7
Vielseitigkeit und Kreativität .............................................................................................46
1.8
Standards und Zertifizierungsmodelle im Projektmanagement .........................................51
1.9
Projektportfolio-, Multiprojekt- und Programmmanagement ............................................58
2
Methodik ......................................................................................................................................61
2.1
Einführung ..........................................................................................................................61
2.2
Phase Projektbeauftragung .................................................................................................69
2.3
Phase Initialisierung ...........................................................................................................74
2.4
Phase Konzept ..................................................................................................................159
2.5
Phase Realisierung............................................................................................................195
2.6
Phase Einführung..............................................................................................................229
2.7
Projektportfolio- und Programmmanagement ..................................................................239
2.8
Lösungsfindung ................................................................................................................255
2.9
Beschaffung ......................................................................................................................268
3
Mensch .......................................................................................................................................275
3.1
Kompetenzmodell.............................................................................................................275
3.2
Bedingungen für gute Leistung ........................................................................................276
3.3
Phänomen Mensch............................................................................................................278
3.4
Persönliche Kultur und Werte ..........................................................................................293
3.5
Stress und Veränderung ....................................................................................................295
3.6
Flow ..................................................................................................................................302
3.7
Motivation und Sinn .........................................................................................................304
3.8
Selbstmanagement ............................................................................................................308
3.9
Persönliche Kommunikation ............................................................................................318
3.10
Persönliche Weiterentwicklung ........................................................................................335
4
Team ..........................................................................................................................................347
4.1
Zusammenarbeit und Führung ..........................................................................................347
4.2
Dynamik in Teams ...........................................................................................................403
4.3
Verhandlungsführung .......................................................................................................409
4.4
Konfliktmanagement und Krisen .....................................................................................422
4.5
Veränderung und Widerstand ...........................................................................................476
4.6
Zum Schluss ... .................................................................................................................492
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline (ICB) der IPMA ........................................495
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1
1.1
Projektmanagement, wozu? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1
1.2
Was sind Projekte? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3
1.2.1
Projektausprägungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4
1.2.2
Projektarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
6
1.2.3
Projektwürdigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
8
1.2.4
Klassifizierung von Projekten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
8
1.2.5
Entstehung von Projekten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
11
1.3
Was ist Projektmanagement? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
12
1.3.1
Hierarchien im Projektmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
12
1.3.2
Dimensionen im Projektmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . .
13
1.3.2.1 Kompetenzbereich Kontext (Perspective) . . . . . . . . . .
14
1.3.2.2 Kompetenzbereich Menschen (People) . . . . . . . . . . .
14
1.3.2.3 Kompetenzbereich Praktiken (Practice) . . . . . . . . . . .
15
1.3.3
Vorgehensprinzipien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
16
1.3.3.1 Vom Groben zum Detail . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
16
1.3.3.2 Variantenbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
18
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
18
1.4.1
Agile Vorgehensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
18
1.4.1.1 Scrum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
20
1.4.1.2 Kanban . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
22
1.4.2
Klassische Vorgehensweise: Phasenkonzept . . . . . . . . . . . . . .
22
1.4.2.1 Die Phase der Projektbeauftragung . . . . . . . . . . . . . .
24
1.4.2.2 Die Initialisierungsphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
24
1.4.2.3 Die Konzeptphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
26
1.4.2.4 Die Realisierungsphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
26
1.4.2.5 Die Einführungsphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
27
1.4.2.6 Die Nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
28
1.4.3
Hybrides Projektmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
28
1.4.4
Change-Projekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
29
1.4.5
Weitere Vorgehensmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
31
IX
X
Inhaltsverzeichnis
1.4.5.1 V-Modell
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
31
1.4.5.2 Simultaneous Engineering . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
32
1.4.5.3 Prototyping . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
32
1.4.5.4 Versionenkonzept . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
33
1.4.6
Wahl eines Vorgehensmodells – klassisch, agil oder hybrid? . . . .
34
1.5
Projekte basieren auf Teamarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
38
1.5.1
Inhalt: Arbeit im System
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
38
1.5.2
Organisation und Beziehung: Arbeit am System . . . . . . . . . . .
39
1.5.3
Wechselwirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
40
1.6
Projekte sind soziale Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
41
1.6.1
Taylorismus in unseren Köpfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
41
1.6.2
Menschen und Teams sind nicht-triviale Systeme . . . . . . . . . .
41
1.6.3
Systemischer Ansatz im Projektmanagement . . . . . . . . . . . . .
43
1.6.4
Mechanistisches und systemisches Weltbild . . . . . . . . . . . . . .
44
1.7
Vielseitigkeit und Kreativität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
46
1.7.1
Vielseitigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
47
1.7.2
Kreativität als Überschuss von Aufmerksamkeit . . . . . . . . . . .
47
1.7.3
Wechselspiel zwischen Mensch, Feld und Domäne . . . . . . . . .
48
1.7.4
Rahmenbedingungen für Kreativität . . . . . . . . . . . . . . . . . .
51
1.8
Standards und Zertifizierungsmodelle im Projektmanagement . . . . . . .
51
1.8.1
IPMA – International Project Management Association . . . . . .
52
1.8.2
PMI – Project Management Institute . . . . . . . . . . . . . . . . . .
53
1.8.3
PRINCE2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
54
1.8.4
HERMES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
57
1.8.5
Scrum Alliance . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
57
1.8.6
DIN 69901 und ISO 21500 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
58
1.9
Projektportfolio-, Multiprojekt- und Programmmanagement . . . . . . . .
58
Literatur
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
59
2
Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
61
2.1
Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
61
2.1.1
Klassisch, agil und hybrid . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
61
2.1.2
Genauigkeit von Schätzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
65
2.1.3
Praxisbeispiele
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
66
2.2
Phase Projektbeauftragung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
69
2.2.1
Worauf kommt es in der Phase Beauftragung an? . . . . . . . . . .
69
2.2.2
Projektsteckbrief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
72
2.2.3
Business Case . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
72
2.2.4
Projektantrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
73
2.2.5
Checkliste Abschluss Projektbeauftragung . . . . . . . . . . . . . .
74
2.3
Phase Initialisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
74
2.3.1
Worauf kommt es in der Phase Initialisierung an? . . . . . . . . . .
75
Inhaltsverzeichnis
XI
2.3.2
Zielsetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
80
2.3.2.1 Zielsetzung entlang der Projektphasen . . . . . . . . . . . .
81
2.3.2.2 Globalziel und Detailziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
82
2.3.2.3 Systemziele und Vorgehensziele . . . . . . . . . . . . . . .
83
2.3.2.4 Kriterien für zweckmäßige Projektziele . . . . . . . . . . .
84
2.3.2.5 Mussziele und Wunschziele . . . . . . . . . . . . . . . . . .
85
2.3.3
Anforderungen/Requirements Engineering . . . . . . . . . . . . . .
86
2.3.3.1 Tätigkeiten des Requirements Engineering . . . . . . . . .
87
2.3.3.2 Arten von Anforderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
87
2.3.3.3 Kriterien für die Güte von Anforderungen und
Anforderungsdokumenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
88
2.3.3.4 Priorisierung von Anforderungen . . . . . . . . . . . . . . .
88
2.3.4
Das magische Dreieck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
92
2.3.5
Stakeholder-Management . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
93
2.3.5.1 Anspruchsgruppen managen . . . . . . . . . . . . . . . . . .
93
2.3.5.2 Stakeholder identifizieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
94
2.3.5.3 Stakeholder analysieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
94
2.3.5.4 Stakeholder bewerten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
94
2.3.5.5 Stakeholder steuern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
95
2.3.6
Projektmarketing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
97
2.3.7
Prüfung der Machbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
99
2.3.8
Risikomanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
2.3.8.1 Die konkreten Schritte im Risikoprozess . . . . . . . . . . 100
2.3.8.2 Failure Mode and Effect Analysis (FMEA) . . . . . . . . . 106
2.3.9
Projektorganisation/Rollen/Gremien . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
2.3.9.1 Linie und Projekt: zwei unterschiedliche Welten
. . . . . 108
2.3.9.2 Die Rollen und Gremien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
2.3.9.3 Kompetenzen und Führungsaufgaben in der
Projektorganisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
2.3.9.4 Projektorganisation in der agilen Vorgehensweise . . . . . 110
2.3.9.5 Projektorganisation in der klassischen Vorgehensweise . 115
2.3.9.6 Projektorganisation in der hybriden Vorgehensweise . . . 118
2.3.9.7 Projektorganisation in Kundenprojekten . . . . . . . . . . . 119
2.3.9.8 Die Anbindung der Projektorganisation an die
Stammorganisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
2.3.9.9 Die Kompetenzregelung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
2.3.9.10Bildung der Projektorganisation . . . . . . . . . . . . . . . . 128
2.3.10 Informationsbeschaffung und Situationsanalyse . . . . . . . . . . . 129
2.3.10.1Kontextanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
2.3.10.2SWOT-Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
2.3.10.3Ursachen-Wirkungsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
2.3.10.4Analyse der Rechtsgrundlagen und Compliance Vorgaben 134
XII
Inhaltsverzeichnis
2.3.10.5Schutzbedarfsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
2.3.10.6Planhorizont . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
2.3.10.7Szenario-Technik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
2.3.11 Projektstrukturierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
2.3.11.1Vorgehen bei der Projektstrukturierung: . . . . . . . . . . . 138
2.3.11.2Im Projekt Meilensteine setzen: der Phasenplan . . . . . . 138
2.3.11.3Projekte, Teilprojekte, Arbeitspakete, Lieferobjekte und
Tätigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
2.3.11.4Der Projektstrukturplan PSP . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
2.3.12 Projektauftrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
2.3.13 Projekthandbuch/Projektmanagementplan . . . . . . . . . . . . . . . 149
2.3.14 Kick-off-Veranstaltung
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
2.3.15 Problemlösungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
2.3.16 Design Thinking . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
2.3.17 Checkliste Abschluss Initialisierungsphase . . . . . . . . . . . . . . 157
2.4
Phase Konzept . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
2.4.1
Worauf kommt es in der Konzeptphase an? . . . . . . . . . . . . . . 160
2.4.2
Produktkonzept . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
2.4.3
Product Backlog
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
2.4.4
Releaseplan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
2.4.5
Pflichtenheft – Lösungskonzept . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
2.4.6
Aufwandschätzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
2.4.6.1 Bedeutung der Aufwandschätzung in der klassischen
Vorgehensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
2.4.6.2 Planning Poker/Story Points . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
2.4.6.3 T-Shirt Sizing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
2.4.6.4 Multiplikatoren Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
2.4.6.5 Prozentsatzmethode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
2.4.6.6 Expertenschätzung (Delphi Methode) . . . . . . . . . . . . 173
2.4.6.7 PERT (Program Evaluation and Review Technique) . . . 173
2.4.6.8 Reserven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
2.4.6.9 Typische Fehler in der Aufwandschätzung . . . . . . . . . 174
2.4.7
Ablauf/Terminplan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
2.4.7.1 Ablauf- und Terminplan erstellen . . . . . . . . . . . . . . . 174
2.4.7.2 Terminierung, kritischer Pfad und Schlupf . . . . . . . . . 176
2.4.7.3 Genauigkeit in der Ablauf- und Terminplanung . . . . . . 176
2.4.7.4 Vorgehensweisen bei der Planung . . . . . . . . . . . . . . . 178
2.4.7.5 Termintreue und kapazitätstreue Planung . . . . . . . . . . 181
2.4.7.6 Wie detailliert soll eine Planung sein? . . . . . . . . . . . . 182
2.4.7.7 Weitere Planungsvarianten: Target Costing, Design-to-
Cost . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182
2.4.8
Ressourceneinsatzplan und Ressourcenabstimmung . . . . . . . . . 184
Inhaltsverzeichnis
XIII
2.4.8.1 Ressourceneinsatzplanung im Projekt: Linie und
Projektleiter als Partner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
2.4.8.2 Ressourcenabstimmung im Multiprojektmanagement . . 185
2.4.9
Kostenplan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
2.4.10 Information, Kommunikation und Dokumentation . . . . . . . . . . 189
2.4.10.1Grundsätze der Information und Kommunikation . . . . . 190
2.4.10.2Umfang eines Informations- und Kommunikationssystems 191
2.4.11 Qualitätsmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
2.4.12 Checkliste Abschluss Konzeptphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
2.5
Phase Realisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
2.5.1
Worauf kommt es in der Phase Realisierung an? . . . . . . . . . . . 195
2.5.2
Sprintplanung/Sprint Backlog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
2.5.3
Sprintdurchführung/Daily Standup Meeting . . . . . . . . . . . . . . 200
2.5.4
Sprint Review . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
2.5.5
Retrospektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
2.5.6
Projektcontrolling . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
2.5.6.1 Projektkontrolle
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206
2.5.6.2 Berichtswesen (Reporting) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208
2.5.6.3 Projektsteuerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210
2.5.6.4 Projektbeurteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
2.5.6.5 Das 90 %-Syndrom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
2.5.7
Termin-, Kosten- und Ressourcenkontrolle . . . . . . . . . . . . . . 218
2.5.7.1 Termin- und Kostenkontrolle
. . . . . . . . . . . . . . . . . 218
2.5.7.2 Ressourcenkontrolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
2.5.7.3 Kostentransparenz und realistische Beurteilung der
wirtschaftlichen Projektsituation . . . . . . . . . . . . . . . 221
2.5.8
Projektänderungen, Change Request Management, Claim
Management . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
2.5.8.1 Projektänderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
2.5.8.2 Änderungsmanagement (Change Request Management) . 223
2.5.8.3 Nachforderungsmanagement (Claim Management) . . . . 227
2.5.9
Checkliste Abschluss Realisierungsphase . . . . . . . . . . . . . . . 228
2.6
Phase Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
2.6.1
Worauf kommt es in der Einführungsphase an? . . . . . . . . . . . . 229
2.6.2
Einführungsarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
2.6.3
Abnahme und Inbetriebnahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
2.6.3.1 Abnahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
2.6.3.2 Inbetriebnahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
2.6.3.3 Produktivsetzung in der agilen Vorgehensweise . . . . . . 233
2.6.3.4 Pilotversuch, Nullserie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
2.6.3.5 Von der Nullserie zur Serienproduktion . . . . . . . . . . . 234
2.6.4
Benutzerschulung/Ausbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
XIV
Inhaltsverzeichnis
2.6.4.1 Konzeption Benutzerschulung . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
2.6.4.2 Arten der Benutzerschulung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
2.6.5
Überführung in die Betriebsorganisation . . . . . . . . . . . . . . . . 235
2.6.5.1 Vorbereitung Betrieb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
2.6.5.2 Betriebsorganisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
2.6.5.3 Betriebsübergabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
2.6.6
Projektabschluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
2.6.7
Checkliste „Abschluss Einführungsphase“ . . . . . . . . . . . . . . 238
2.7
Projektportfolio- und Programmmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
2.7.1
Projektportfolio und Multiprojektmanagement . . . . . . . . . . . . 239
2.7.1.1 Multiprojektmanagement: Problemfelder, Aufgabenfelder
und Elemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
2.7.1.2 Multiprojektmanagement-Prozess . . . . . . . . . . . . . . 241
2.7.1.3 Konfiguration des Portfolios . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
2.7.1.4 Priorisierte Projektliste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
2.7.1.5 Inhaltliche Abhängigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
2.7.1.6 Ressourcenverfügbarkeit und -abhängigkeiten . . . . . . . 247
2.7.1.7 Das Projektportfolio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
2.7.1.8 Reporting . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
2.7.1.9 Stufen zu einem exzellenten Portfoliomanagement . . . . 250
2.7.2
Programmmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250
2.7.2.1 Was kennzeichnet ein Programm? . . . . . . . . . . . . . . 251
2.7.2.2 Mehrwert der Programmorganisation . . . . . . . . . . . . 252
2.7.2.3 Unterscheidung Projekt- und Programmmanagement . . . 252
2.7.3
Project Management Office – PMO . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
2.7.4
Projektmanagementhandbuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
2.8
Lösungsfindung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
2.8.1
Kreativitätstechnik, Lösungsfindung und Lösungsauswahl . . . . . 255
2.8.1.1 Ohne Neugierde keine Kreativität . . . . . . . . . . . . . . . 255
2.8.1.2 Möglichkeiten, kreativ zu werden . . . . . . . . . . . . . . . 256
2.8.1.3 Brainstorming . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
2.8.1.4 Analogie: Bionik und Synektik . . . . . . . . . . . . . . . . 259
2.8.1.5 Lösung herstellen
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260
2.8.1.6 Lösungstest . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260
2.8.1.7 Lösungssuche: Optimierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261
2.8.1.8 Lösungssuche: Lösungen analysieren . . . . . . . . . . . . 262
2.8.2
Lösungen bewerten und entscheiden . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
2.8.2.1 Nutzwertanalyse und Kosten-Wirksamkeitsanalyse . . . . 262
2.8.2.2 Alternativen zur Nutzwertanalyse . . . . . . . . . . . . . . . 266
2.8.2.3 Übersicht über die Vorgehensschritte der
Lösungsbewertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
2.9
Beschaffung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
Inhaltsverzeichnis
XV
2.9.1
Beschaffungsvorgehen in der agilen Vorgehensweise . . . . . . . . 268
2.9.1.1 Beschaffungsbedarf klären . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
2.9.1.2 Geeignete Anbieter auswählen . . . . . . . . . . . . . . . . 269
2.9.1.3 Umsetzung eines Pilotprojektes . . . . . . . . . . . . . . . . 269
2.9.1.4 Vertrag verhandeln und Beschaffung abschließen . . . . . 270
2.9.2
Beschaffungsvorgehen in der klassischen Vorgehensweise . . . . . 270
2.9.2.1 Beschaffungsbedarf klären . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
2.9.2.2 Beschaffungsplan erstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
2.9.2.3 Ausschreibungsunterlagen erstellen . . . . . . . . . . . . . 272
2.9.2.4 Ausschreibung und Evaluation durchführen . . . . . . . . 273
2.9.2.5 Vertrag verhandeln und Beschaffung abschließen . . . . . 274
Literatur
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274
3
Mensch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
3.1
Kompetenzmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
3.2
Bedingungen für gute Leistung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
3.3
Phänomen Mensch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
3.3.1
Wer sind wir? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
3.3.2
Wunderwerk Hirn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
3.3.3
Grundbedürfnisse bestimmen unser Leben . . . . . . . . . . . . . . 282
3.3.4
Spezielle Bedürfnisse der Generation Y . . . . . . . . . . . . . . . . 285
3.3.5
Wahrnehmung des Menschen
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
3.3.6
Bewusstsein und Selbstreflexion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
3.3.7
Vertrauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290
3.3.8
Humor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
3.4
Persönliche Kultur und Werte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
3.4.1
Was ist Kultur? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
3.4.2
Organisationskultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
3.4.3
Sich der eigenen kulturellen Prägung bewusst werden . . . . . . . 294
3.5
Stress und Veränderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
3.5.1
Hintergründe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
3.5.2
Psychischer Stress . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296
3.5.3
Leben heißt Veränderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296
3.5.4
Persönliche Bewältigungsstrategien und Dilemmata . . . . . . . . . 297
3.5.5
Angst als Auslöser der Stressreaktion
. . . . . . . . . . . . . . . . . 298
3.5.6
Kontrollierbare Stressreaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298
3.5.7
Unkontrollierbare Stressreaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299
3.5.8
Bewältigung von Stressoren in der Projektarbeit . . . . . . . . . . . 299
3.5.9
Burnout . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
3.6
Flow . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302
3.7
Motivation und Sinn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304
3.7.1
Zielorientierung des Menschen
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304
XVI
Inhaltsverzeichnis
3.7.2
Was ist Motivation?
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304
3.7.2.1 Gallup: Engagement und Motivation bei der Arbeit . . . . 305
3.7.2.2 Intrinsische und extrinsische Motivation
. . . . . . . . . . 305
3.7.2.3 Motivation durch Bearbeitung der Demotivationsfaktoren 306
3.7.3
Sinn als intrinsischer Motivator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306
3.7.3.1 Was ist Sinn? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306
3.7.3.2 Lebenssinn ¤ Sinn des Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . 307
3.7.3.3 Unsere Lebensweise zerstört systematisch Sinn . . . . . . 307
3.7.3.4 Sinnerfüllung im Beruf? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
3.8
Selbstmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
3.8.1
Handlungsfähigkeit des Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309
3.8.2
Persönlicher Kompetenzkreis: Stärken und Schwächen . . . . . . . 310
3.8.3
Zeitmanagement und Arbeitstechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311
3.8.4
Resilienz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
3.8.4.1 Was ist Resilienz? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
3.8.4.2 Grundhaltungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315
3.8.5
Umgang mit Scheitern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316
3.8.5.1 Scheitern bei Roche und Dyson . . . . . . . . . . . . . . . . 316
3.8.5.2 Persönliche Anteile: Haltung
. . . . . . . . . . . . . . . . . 317
3.8.5.3 Organisationale Anteile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317
3.8.5.4 Fail fast . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318
3.9
Persönliche Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318
3.9.1
Was ist Kommunikation? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318
3.9.2
Axiomtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319
3.9.3
Kommunikationsquadrat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319
3.9.4
Kommunikationskreislauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
3.9.5
Meta-Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
3.9.6
Ich- und Du Botschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325
3.9.7
Feedback . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325
3.9.7.1 Johari-Fenster . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326
3.9.7.2 Johari-Fenster in der persönlichen Weiterentwicklung . . 328
3.9.7.3 Feedbackregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
3.9.8
Fragetechniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
3.9.8.1 Offene und geschlossene Fragen . . . . . . . . . . . . . . . 330
3.9.8.2 Aktives Zuhören . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332
3.9.8.3 Weitere Fragetypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334
3.10 Persönliche Weiterentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335
3.10.1 Die drei Lebenswelten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335
3.10.2 Selbsterkenntnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336
3.10.2.1Belbin
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337
3.10.2.2MBTI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340
3.10.3 Coaching . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340
Inhaltsverzeichnis
XVII
3.10.4 Intervision . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342
3.10.5 Upside- oder Downside-Strategie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343
Literatur
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 344
4
Team . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
4.1
Zusammenarbeit und Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
4.1.1
Zusammenarbeit im Projekt
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
4.1.2
Führung – was ist das? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349
4.1.3
Macht und Autorität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
4.1.3.1 Ermächtigung und Bemächtigung: Macht basiert auf
Beziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
4.1.3.2 Klassische Quellen der Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . 351
4.1.3.3 Weitere Machtquellen im Projektmanagement . . . . . . . 352
4.1.3.4 Projekte benötigen immer auch geliehene Macht . . . . . 353
4.1.3.5 Machtquellen: Zwischen Person und Institution . . . . . . 354
4.1.3.6 Autorität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355
4.1.4
Anbindung der Projektorganisation an die Stammorganisation . . 356
4.1.5
Aufgabe-Kompetenz-Verantwortung (A-K-V) . . . . . . . . . . . . 357
4.1.6
Vom vorauseilenden Gehorsam in den konstruktiven Ungehorsam 358
4.1.7
Unterschiedliche Ausprägungen von Führung . . . . . . . . . . . . 359
4.1.8
Delegation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361
4.1.9
„Aufstellung“ in Teams: Position und Rolle . . . . . . . . . . . . . . 364
4.1.10 Rollenträger und Rollensender . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367
4.1.11 Rolle als Bindeglied zwischen Organisation und Person . . . . . . 367
4.1.12 Spezifische Eigenschaften im agilen Projekt . . . . . . . . . . . . . 370
4.1.12.1Grundsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 370
4.1.12.2Gewichtete Kompetenzprofile Product Owner und Scrum
Master . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371
4.1.12.3Wie funktioniert Selbststeuerung? . . . . . . . . . . . . . . 372
4.1.12.4Wann ist Selbststeuerung sinnvoll? . . . . . . . . . . . . . . 372
4.1.12.5In eigener Kompetenz über Vorgehen und Lösungen
entscheiden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
4.1.12.6Müssen Mitglieder selbstgesteuerter Teams besonders
ausgebildet sein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
4.1.12.7Kollegiale Führung innerhalb selbstgesteuerter Teams . . 373
4.1.12.8Vertrauen als Voraussetzung für selbstgesteuerte Teams . 374
4.1.12.9Indirekte Führung – Leadership neu definiert . . . . . . . . 374
4.1.13 Spezifische Eigenschaften im klassischen Projekt . . . . . . . . . . 377
4.1.13.1Grundsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
4.1.13.2Gewichtete Kompetenzprofile Projektleiter und
Auftraggeber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
4.1.13.3Führungsstile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378
XVIII
Inhaltsverzeichnis
4.1.13.4Führen über Ziele (Management by Objectives MbO) . . 383
4.1.13.5Schlüsselpositionen im Projektteam . . . . . . . . . . . . . 385
4.1.13.6Aspekte der Projektteamzusammensetzung . . . . . . . . . 386
4.1.14 Einflussfaktoren für die erfolgreiche Zusammenarbeit . . . . . . . 388
4.1.14.1Belbin Teamrollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388
4.1.14.2Projektkultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 391
4.1.14.3Radical Collaboration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 392
4.1.14.4Multikulturelle Zusammenarbeit . . . . . . . . . . . . . . . 394
4.1.14.5Mit virtuellen Teams effektiv kommunizieren . . . . . . . 399
4.1.14.6Organisationsaufstellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 400
4.2
Dynamik in Teams . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403
4.2.1
Forming: Orientierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403
4.2.2
Storming: Auseinandersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404
4.2.3
Norming: Vertrautheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405
4.2.4
Performing: Arbeit im System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407
4.2.5
Adjourning: Abschied und Trennung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408
4.2.6
Dynamiken und Wechselwirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409
4.3
Verhandlungsführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409
4.3.1
Verhandlungen im Projektmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . 409
4.3.2
Was ist eine Verhandlung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410
4.3.3
Verhandlungszyklus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410
4.3.3.1 Vorbereitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411
4.3.3.2 Optimale Verhandlungsstrategie und Taktik: Situativ . . . 416
4.3.3.3 Verhandlungsführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417
4.3.3.4 Auswertung und Controlling . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419
4.3.4
Verhandlung nach dem Harvard-Konzept führen . . . . . . . . . . . 419
4.3.4.1 Trennung zwischen Person und Sache . . . . . . . . . . . . 419
4.3.4.2 Interessen anstatt Positionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 420
4.3.4.3 Kriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421
4.3.4.4 Möglichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421
4.3.4.5 Auswahl nach dem BATNA-Prinzip . . . . . . . . . . . . . 421
4.4
Konfliktmanagement und Krisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422
4.4.1
Was ist ein Konflikt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422
4.4.2
Ursprung und Symptom: Das systemische Phänomen . . . . . . . . 424
4.4.3
Konfliktsyndrom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 427
4.4.4
Konfliktsymptome . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429
4.4.5
Potenzial von Konflikten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429
4.4.6
Was passiert bei Konflikten in unserem Gehirn? . . . . . . . . . . . 430
4.4.6.1 Erregung im Gehirn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 430
4.4.6.2 Verlust von Selbstreflexion und Selbststeuerung . . . . . . 431
4.4.6.3 Konflikte verletzen die Grundbedürfnisse des Menschen
432
4.4.6.4 Konflikte tun weh . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433
Inhaltsverzeichnis
XIX
4.4.7
Konfliktarten im Projektmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433
4.4.7.1 Ziel- und Interessenkonflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433
4.4.7.2 Verteilungs- und Ressourcenkonflikt . . . . . . . . . . . . . 435
4.4.7.3 Struktureller und organisatorischer Konflikt . . . . . . . . 435
4.4.7.4 Bewertungskonflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 436
4.4.7.5 Rollenkonflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 436
4.4.7.6 Persönlicher Konflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 437
4.4.7.7 Beziehungskonflikt (Sozialer Konflikt) . . . . . . . . . . . 439
4.4.7.8 Wertekonflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441
4.4.8
Konfliktdiagnose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441
4.4.8.1 Hypothesen bilden statt wissen wollen . . . . . . . . . . . . 441
4.4.8.2 Äußerungsform von Konflikten . . . . . . . . . . . . . . . . 442
4.4.8.3 Konfliktstile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 444
4.4.9
Modelle zur Konfliktdiagnose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 447
4.4.9.1 Konflikt-Eskalationsstufen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 447
4.4.9.2 Schichtenmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449
4.4.9.3 Fragen zur Konfliktdiagnose . . . . . . . . . . . . . . . . . . 452
4.4.10 Konfliktbewältigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 454
4.4.10.1Das Ziel von Konfliktmanagement . . . . . . . . . . . . . . 454
4.4.10.2Die Selbststeuerung wiederherstellen . . . . . . . . . . . . 454
4.4.10.3Prozess der Konfliktbewältigung . . . . . . . . . . . . . . . 455
4.4.10.4Harvard-Konzept in der Konfliktbewältigung . . . . . . . . 459
4.4.11 Konfliktbewältigung je nach Konfliktart . . . . . . . . . . . . . . . . 463
4.4.11.1Ziel- und Interessenkonflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . 463
4.4.11.2Verteilungs- und Ressourcenkonflikt . . . . . . . . . . . . . 464
4.4.11.3Struktureller und organisatorischer Konflikt . . . . . . . . 465
4.4.11.4Bewertungskonflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 465
4.4.11.5Rollenkonflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 466
4.4.11.6Persönlicher Konflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467
4.4.11.7Beziehungskonflikt (sozialer Konflikt) . . . . . . . . . . . . 468
4.4.11.8Wertekonflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 470
4.4.11.9Zusammenfassung Konfliktbewältigung . . . . . . . . . . . 472
4.4.12 Konfliktprävention . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 472
4.4.12.1Projektmanagement Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . 472
4.4.12.2Störungen haben Vorrang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 473
4.4.12.3Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz . . . . . . . . . 473
4.4.13 Umgang mit Krisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 474
4.5
Veränderung und Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 476
4.5.1
Change und Transformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 476
4.5.1.1 Change: Probleme lösen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 477
4.5.1.2 Transformation: Lösungen finden . . . . . . . . . . . . . . . 477
4.5.2
Mind Change . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 478
XX
Inhaltsverzeichnis
4.5.3
Der Mensch und Veränderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 478
4.5.4
„Formel“ der Veränderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 480
4.5.5
Veränderungsbereitschaft in Organisationen . . . . . . . . . . . . . . 481
4.5.6
Psychologik und Sachlogik in Projekten . . . . . . . . . . . . . . . . 482
4.5.7
Gestaltungswille und Kooperationsbereitschaft . . . . . . . . . . . . 483
4.5.8
Veränderungsprozess-Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 484
4.5.8.1 Phasen der Veränderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 484
4.5.8.2 Ungleichzeitigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 486
4.5.9
Umgang mit Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 486
4.5.9.1 Positive und negative Konnotation . . . . . . . . . . . . . . 486
4.5.9.2 Ist Widerstand ein Synonym für Konflikt? . . . . . . . . . 488
4.5.9.3 Formen von Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 488
4.5.9.4 Umgang mit Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 489
4.5.9.5 Interventionen bei Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . 492
4.6
Zum Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 492
Literatur
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 492
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline (ICB) der IPMA . . . . 495
Über die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507
Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511
1
Einleitung
1.1
Projektmanagement, wozu?
Veränderungsgeschwindigkeit und Komplexität haben in den letzten Jahren drastisch zu-
genommen. Die Organisationsstrukturen behindern mehr als sie nützen. Organisationen
sind zu fragmentiert und zu hierarchisch strukturiert. Damit sind sie für interdisziplinäre
Zusammenarbeit und rasche Entscheide zu schwerfällig. Vorhaben lassen sich mit den
etablierten Abläufen kaum mehr bewältigen. Gefordert sind neue Organisationsformen
und Strukturen. Diese müssen vor allem effiziente Führungs- und Kommunikationswege
ermöglichen.
Projektmanagement wurde in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts in der Raum-
fahrt und im Anlagebau entwickelt. Für diese Projekte wurden spezielle Planungsmetho-
den wie z. B. die Netzplantechnik (Critical Path Method) oder PERT (Program Evaluation
and Review Technique) entwickelt. Diese wurden zur Lösung komplexer Aufgaben nicht
nur bei technischen Aufgabenstellungen, sondern auch bei Problem- und Krisensitua-
tionen in allen Funktionen des Managements eingesetzt: beispielsweise für Marketing,
Personalwesen, Finanzen und Organisation in privatwirtschaftlichen Unternehmen und
öffentlichen Verwaltungen. Die klassischen Vorgehensweisen haben heute immer noch
Gültigkeit und werden breit angewendet. In verschiedenen Bereichen wie beispielsweise
der Produkt- oder Softwareentwicklung stoßen sie aber an ihre Grenzen. Agile Metho-
den wie beispielsweise Scrum helfen weiter. Die agilen Methoden setzen auf das Prinzip
der Selbstorganisation von Teams. Sie sind bewusst schlank aufgestellt und auf schnel-
le, iterative Lieferung von Resultaten und Prototypen fokussiert. Aus der klassischen und
agilen Vorgehensweise haben sich Mischformen entwickelt, welche als hybrides Projekt-
management bezeichnet werden. Umfassen Vorhaben betriebliche, strukturelle, organisa-
torische oder personelle Aspekte, wird Projektmanagement oft auch Change-Management
genannt.
Das klassische Projektmanagement hat im Industriezeitalter des Taylorismus zu effi-
zienten Vorgehensweisen verholfen. Heute, im Wissenszeitalter der Netzwerkökonomie
1
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019
J. Kuster et al., Handbuch Projektmanagement, https://doi.org/10.1007/978-3-662-57878-0_1
2
1
Einleitung
Effizienz
Methode
Regeln
Maschine
Mensch
Zeit
Wer?
Wer?
Wie?
Handwerk
Anteil Wertschöpfung
enge lokale Märkte
1900
1980
2000
Innovations-
druck
Effizienz-
druck
kompliziert
komplex
Wissen
Ausprobieren
Sinn
Manufaktur
Taylorismus/
Industriezeitalter
Netzwerkökonomie
weite globale Märkte
enge globale Märkte
Marktdruck
Abb. 1.1 Taylorwanne
bestimmen Komplexität und Dynamik den Alltag der Unternehmen. Bernd Oestereich
und Claudia Schröder stellen dies auf Taylorwanne von Wohland et al. 2004 und Pflae-
ging et al. 2015 in Abb. 1.1 dar.
Auf den intensiven Wettbewerb und die gesteigerte Nachfrage nach personalisierten
Angeboten müssen sich die Unternehmen einstellen. Um die hohe Dynamik und Komple-
xität im Alltag zu meistern, setzen sie eher agile Vorgehensweisen im Projektmanagement
ein. Je nach Situation, in welcher sich eine Organisation befindet, wählt sie die entspre-
chende Vorgehensweise.
Folgende Merkmale charakterisieren das Projektmanagement:
Eine einfache, flexible und rasch reaktionsfähige temporäre Organisation sorgt für die
optimale Abwicklung des jeweiligen Vorhabens.
Das Projektmanagement erleichtert und fördert die direkte, interdisziplinäre Zusam-
menarbeit.
Die Kompetenzen der Führung sind in der Projektorganisation geklärt.
Die direkten Kommunikationswege innerhalb und außerhalb des Projektes sind leicht
zugänglich.
1.2
Was sind Projekte?
3
Das vorhandene Leistungspotential wird durch Teamarbeit und eine stimulierende At-
mosphäre aktiviert.
Klare Zugehörigkeit zum Projektteam erleichtert es, Loyalitätskonflikte zu erkennen
und zu bearbeiten.
Der Einbezug der betroffenen Personen ermöglicht es, eine lernende Organisation zu
sein.
1.2
Was sind Projekte?
Eine allgemein gültige Definition des Begriffs Projekt hat sich nicht durchgesetzt. Or-
ganisationen definieren Projekte nach ihren Bedürfnissen unterschiedlich. Die folgenden
gemeinsamen Merkmale lassen sich festhalten:
Projekte sind zielgerichtete Vorhaben. Sie bewirken Veränderungen, die sehr unter-
schiedliche Reaktionen auslösen können: von Euphorie bis Widerstand, von Skepsis
und Angst bis Freude und Motivation. Sie stellen große organisations-psychologische
Ansprüche an die Projektleitung.
Projekte sind Innovationen. Entweder stoßen sie an die Grenze des technisch oder
organisatorisch bisher Machbaren (z. B. neue Informations- und Kommunikationstech-
nologien), oder sie sind für die Organisation etwas völlig Neues, wofür erstmals Wissen
aufgebaut werden muss (z. B. Selbstorganisation).
Projekte sind abgegrenzte Vorhaben: Sie sind einmalig, zeitlich begrenzt und unter
Termindruck.
Projekte sind interdisziplinär: Sie überschreiten die gewöhnliche Organisationsstruktur
der Linie und tangieren verschiedene Disziplinen und Verantwortungsbereiche.
Projekte sind von hoher fachlicher und sozialer Komplexität.
der Projektcharakter ändert sich von Phase zu Phase (Vision, Konzept, Ausführung)
und erfordert unterschiedliche Managementfähigkeiten.
Projekte sind schwierig zu planen und zu steuern, verlangen besondere organisatorische
Maßnahmen sowie klare und eindeutige Entscheide.
Projekte brauchen außerordentliche Ressourcen bezüglich Führung, Wissen, Personal,
Finanzen.
Projekte weisen je nach Größe und Komplexität verschiedene Risiken finanzieller, per-
soneller, fachlicher und terminlicher Art auf.
Projekte verlangen für ihre Abwicklung eine eigene Projektorganisation: „Projekte sind
Organisationen“.
4
1
Einleitung
Das Autorenteam definiert „Projekt“ wie folgt:
Ein Projekt ist ein einmaliges, bereichsübergreifendes, zeitlich begrenztes, zielge-
richtetes und interdisziplinäres Vorhaben, das so wichtig, kritisch und dringend ist,
dass es nicht in der bestehenden Linienorganisation bearbeitet werden kann, sondern
besondere organisatorische Vorkehrungen erfordert.
Vorhaben, welche zwar nicht Projekte sind, bei denen jedoch einzelne Elemente des
Projektmanagements zur Anwendung kommen, sind unter anderem:
einmalige Sonderaufträge, die im Wesentlichen durch eine Person, also ohne eigene
Projektorganisation, erfüllt werden können;
kontinuierliche Prozesse wie Lern-, Fertigungs-, Entwicklungs- oder Veränderungspro-
zesse ohne definiertes Ende. Sie sind wie ein Strom. Darin können allerdings Projek-
te eingelagert sein. Beispielsweise werden Konzeption und Einführung eines Quali-
tätsmanagementsystems meist als Projekt abgewickelt, um damit auch weiterlaufende
Rückkoppelungs- und Lernprozesse zu installieren.
Die Grundsätze und Methoden des Projektmanagements können für solche Vorhaben
weitgehend übernommen werden.
1.2.1
Projektausprägungen
Der Projektcharakter gibt dem Projektleiter wichtige Hinweise, wie er das Projekt struk-
turiert, die Projektorganisation definiert und welche Ressourcen er dazu benötigt. Es gibt
verschiedene Möglichkeiten, Projekte zu charakterisieren.
Man unterscheidet Projekte nach der Ausprägung ihrer Aufgabenstellung: geschlos-
sen/offen und nach ihrer sozialen Komplexität: tief/hoch (Tab. 1.1). Aus Abb. 1.2 lassen
sich vier Projektausprägungen ableiten:
Standardprojekte können auf reiche Erfahrung zurückgreifen und demzufolge stan-
dardisiert und einfach abgewickelt werden. Beispiele: technisches Kundenprojekt, Er-
satzinvestition.
Akzeptanzprojekte sind Vorhaben mit klar umrissenen Aufgabenstellungen. Auf-
grund der Erfahrungen können Methoden und Hilfsmittel bis zu einem gewissen Grade
formalisiert und standardisiert werden. Da sie oft mit Akzeptanzproblemen verbun-
den sind, spielt die Kommunikation mit den Stakeholdern eine entscheidende Rolle.
Beispiele: Straßenbau-Projekt, komplexes Software-Projekt.
1.2
Was sind Projekte?
5
Tab. 1.1 Projektausprägungen
Aufgabenstellung
Geschlossen
Bekannte, klare Aufgabenstellung mit begrenzten Lö-
sungsmöglichkeiten, z. B. bauliche Erweiterung für
bestimmte Nutzungen
Offen
Viele Möglichkeiten bezüglich Inhalt und Vorgehen ohne
Lösungsvorstellungen, z. B. Verbesserung der Flexibilität
und Reaktionsgeschwindigkeit einer Organisation
Soziale Komplexität Tief
Unproblematische Zusammenarbeit, z. B. wenige
Anspruchsgruppen, wenig ausgeprägte Interessenun-
terschiede, Zusammenarbeit hauptsächlich in einem
Fachgebiet
Hoch
Interdisziplinär, politisch brisant, unterschiedliche Benut-
zerinteressen, großes Konfliktpotential
Hoch
Bereichsübergreifend,
interdisziplinär, komplizierte
Wirkungszusammenhänge
Geschlossen
Klare Aufgabenstellung
Offen
Aufgabenstellung mit vielen
inhaltlichen und vorgehens-
mässigen Möglichkeiten
Tief
Hauptsächliche Zusam-
menarbeit im Fachgebiet,
einfache Wirkungszusam-
menhänge, kleines Risiko
Aufgabenstellung
soziale Komplexität
Akzeptanzprojekt
Pionierprojekt
Standardprojekt
Potenzialprojekt
Abb. 1.2 Projektausprägungen
Potentialprojekte sind Aufgaben mit offenen Fragestellungen, die jedoch mit dem
Projektumfeld (noch) wenig vernetzt und diesbezüglich wenig risikoreich sind. Die
Projektorganisation ist hier meist einfach und klein. In diese Kategorie fallen Studi-
en, Potentialabklärungen, Machbarkeitsstudien, oft auch Forschungsprojekte. Beispiel:
Produktinnovationen, Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.
6
1
Einleitung
Pionierprojekte sind folgenreiche Eingriffe in die Organisation, übergreifen mehre-
re Bereiche, haben hohen Neuigkeitsgehalt und sind für viele Betroffene bedrohlich
und risikoreich. Der Aufgabenumfang ist schwer abzuschätzen. Beispiel: Fusion zwei-
er Firmen, Entwicklung selbstfahrender Fahrzeuge.
Viele Projekte wechseln während ihrer Entwicklung von der Initialisierungsphase bis
zur Einführung den Projektcharakter. Oft wandeln sie sich vom Potentialprojekt zum Pio-
nierprojekt und werden dann zum Akzeptanzprojekt oder gar zum Standardprojekt.
Diese Typologie kann nicht nur Hinweise geben über den grundsätzlichen Projekt-
management-Ansatz, die Wahl der Projektorganisation, die Ausprägung der Kommuni-
kation oder der methodischen Schwerpunkte, sondern auch über die nötigen Stärken und
Qualifikationen des Projektleiters. So erfordert z. B. ein Bauprojekt andere Qualifikatio-
nen als ein Change-Projekt, ein Entwicklungsprojekt oder ein Auftragsabwicklungspro-
jekt.
Für die Abwicklung von Standardprojekten eignet sich die klassische Vorgehensweise
gut. Hingegen sind für die Abwicklung von Pionier-, Potential- und selbst von Akzeptanz-
projekten agile Vorgehensweisen besser geeignet.
Die Schätzung von Terminen und Kosten ist in Standard- und Akzeptanzprojekten
einfacher. Termine und Kosten können mit einer geringen Toleranz geplant werden. Hin-
gegen ist die Schätzung der Aufwände und die Ableitung eines möglichen Terminplans in
Potential- und Pionierprojekten viel anspruchsvoller und in der Tendenz mit einer höheren
Unsicherheit und Unschärfe verbunden.
1.2.2
Projektarten
Eine weitere Möglichkeit, Projekte zu klassifizieren, besteht darin, sie nach ihrem Zweck
zu ordnen. Für einige Zwecke wurden von entsprechenden Gremien eigene Projektvorge-
hen entwickelt und standardisiert. Typische Projektarten sind:
Investitions-Projekte
Produktentwicklungs-Projekte
Organisationsentwicklungs-Projekte
Change-Projekte
Informatik-/Kommunikations-Projekte (IKT-Projekte), Softwareentwicklung, IKT-In-
frastrukturprojekte
Auftragsabwicklungsprojekte, Kundenprojekte
Prozessoptimierungsprojekte, Effizienzsteigerungsprojekte
Infrastruktur-Projekte
Bauprojekte
Forschungs- und Entwicklungsprojekte
Near-/Offshore Projekte
1.2
Was sind Projekte?
7
Tab. 1.2 Beurteilung der Projektwürdigkeit und Ausprägung
Kriterium
Beschreibung
Einschätzung = 1
(1 Punkt)
Einschätzung = 2 (2 Punkte)
Einschätzung = 3 (3 Punkte)
Personenkreis
Von der Lösung betroffene Stellen,
betroffene Organisationseinheiten
Einzelne, aus gleicher
Abteilung
Einige, arbeiten zusammen
Beinahe aus dem ganzen Un-
ternehmen
Interdiszipli-
narität
Anzahl Organisationseinheiten, die
am Entstehungsprozess mitarbeiten
Nur eine
Wenige
Viele
Komplexität
Grad der Vernetztheit von verschie-
denen Problemstellungen
Gering, klar
Mittel, überschaubar
Hoch, schwierig vernetzbar,
noch nicht überschaubar
Wichtigkeit
Strategische Wichtigkeit des
Vorhabens für den Bereich, das
Unternehmen
Unbedeutend, klein
Mittel, strategisch wichtig für
Teile des Unternehmens
Gross, strategisch wichtig für
das gesamte Unternehmen,
Schlüsselfunktion
Dringlichkeit
Zeitlicher Druck: Wie schnell müs-
sen Lösungen verfügbar sein?
Problemlos
Fixer Termin, genügend Zeit
vorhanden
Zeitkritisch, anspruchsvoller,
fixer Termin
Finanzieller
Aufwand
Investitionen?
Klein, ca. < C 0,5 Mio.,
gut verkraftbar
Mittel, ca. C 0,5 bis 1 Mio.,
braucht spezielle Vorkehrung
Hoch, > C 1 Mio., sprengt
Budgetkompetenz, braucht
Entscheid des Vorstands
Finanzieller
Zeitrahmen
In welchem Zeitrahmen sind die In-
vestitionen zu amortisieren: Return
on Investment (ROI)?
Schnell, im laufenden Jahr,
unbedeutend
Tragbar, innerhalb von ein bis
zwei Jahren
Wesentliche Belastung für
Unternehmen, braucht mehrere
Jahre
Aufwand
Durchführungsdauer? Interner Per-
sonalaufwand?
Gering, tangiert Tagesge-
schäft nicht
Mittel, mit bestehenden
Ressourcen machbar, im Ta-
gesgeschäft möglich
Hoch, erfordert zusätzliche
Ressourcen, sprengt Tagesge-
schäft
Wissen
Verfügt das Unternehmen über das
notwendige Wissen?
Vorhanden, Routinepro-
jekt, Standards vorhanden
Teilweise vorhanden bei
Schlüsselpersonen, wenig
Standards
Nicht vorhanden, muss aufge-
baut werden, keine Standards
Risiko
Realisierungsrisiko? Schadenhöhe
bei Misserfolg?
Klein
Mittel
Hoch, kann Unternehmen
gefährden
Planbarkeit
Wie genau ist der Ablauf, sind die
Teilschritte planbar?
Gut, klar
Mittel, schwierig
Schlecht, fast nicht planbar
Motivation
Bereitschaft zum Projekt bei Auf-
traggeber und Mitarbeitern
Gut, wenig Konflikte zu
erwarten
Unterschiedlich, braucht Auf-
merksamkeit der Führung
Kritisch, Krisen und Wider-
stand zu erwarten
8
1
Einleitung
Tab. 1.3 Organisationsformen und Projektcharakteristik
Prozess-
Eigenschaften
Wiederholte
Durchführung
Einmalige Durchführung
Geringe Komple-
xität
Geringe bis mitt-
lere Komplexität
Mittlere bis hohe
Komplexität
Hohe bis sehr
hohe Komplexität
Kurz-/mittel-
fristig
Kurzfristig
Kurzfristig
Kurz-/mittel-
fristig
Organisations-
form
Laufendes Ge-
schäft:
permanente Pro-
zess-Organisation
Sonderaufgabe:
temporär beauf-
tragte Person
oder Arbeits-
gruppe
Projekt:
temporäre Pro-
jektorganisation
Programm:
temporäre
Programm-
organisation
1.2.3
Projektwürdigkeit
Viele Unternehmen und Verwaltungen haben Entscheidungshilfen in Form eines Bewer-
tungsschemas gemäß Tab. 1.2 entwickelt. Mit einem solchen können sie beurteilen, ob für
ein Vorhaben die Projektwürdigkeit erreicht ist oder nicht. Auch teilen sie ihre Projekte in
unterschiedliche Kategorien ein, je nach Komplexität und strategischer Bedeutung für das
Unternehmen.
Aufgrund der Einschätzungen der Kriterien muss für oder gegen die Projektwürdigkeit
des Vorhabens argumentiert und die entsprechende Einschätzung gewählt werden. Wird
ca. 40 % der Gesamtpunktzahl (14 von 36 Punkten) erreicht, so sollte ein Projekt und
ein entsprechendes Vorgehen genauer geprüft werden. Je nachdem, welche Kriterien eine
hohe Einstufung haben, kann die temporäre Projektorganisation unterschiedliche Formen
annehmen.
Tab. 1.3 zeigt eine einfache Methode zur Ableitung der Organisationsform aus
verschiedenen Projektcharakteristika. Entsprechend den Projektkategorien werden un-
terschiedliche Anforderungen an die Person des Projektleiters gestellt.
1.2.4
Klassifizierung von Projekten
In einem Unternehmen sind die anfallenden Projekte unterschiedlich groß und komplex
und werden auf unterschiedlichen Ebenen abgewickelt. So brauchen strategisch und poli-
tisch brisante Projekte die volle Aufmerksamkeit des Top Managements, während ope-
rative Projekte in den entsprechenden Bereichen abgewickelt und entschieden werden
können. Bei umfangreichen und hochkomplexen Projekten ist auch die Projektorgani-
sation entsprechend ausgebildet, bei kleinen und weniger komplexen Projekten ist sie
entsprechend schlank. Die Beurteilung und Zuordnung der Projekte kann natürlich situa-
tiv vollzogen werden. In großen Organisationen empfiehlt es sich aber, eine Systematik
1.2
Was sind Projekte?
9
einzuführen. Dies nicht nur, um die Zuordnung zu vereinheitlichen, sondern auch, um
die Sensibilität der Bedeutung und Komplexität zu entwickeln und das Projektverfahren
entsprechend zu wählen.
Im folgenden Beispiel einer Stadtverwaltung werden drei Projektklassen unterschie-
den:
Projektklasse A:
Umfangreiche, hochkomplexe Projekte mit hoher strategischer und politischer Bedeu-
tung
Auftraggeber und Entscheider ist das Top-Management (Mitglieder der Exekutivbe-
hörde)
Die Projektorganisation weist in der Regel eine Steuergruppe auf
Alle Phasen gemäß Richtlinien des Projektmanagement-Handbuches sind zu durchlau-
fen
Tab. 1.4 Beispiel einer Bewertungstabelle einer Stadtverwaltung
Kriterium
Teilkriterium
Ge-
wicht
Nicht ausge-
prägt 1 Punkt
Mittel aus-
geprägt
3 Punkte
Sehr aus-
geprägt
5 Punkte
Bewertung
Punk-
te × Ge-
wicht
Größe,
Umfang
Investitions-
summe
1
Weniger als
C 25.000
C 25.000 bis
250.000
Über
C 250.000
Interner Per-
sonalaufwand
1
Weniger als
20 Personen-
tage (PT)
20–60 PT
Über 60 PT
Projektdauer
1
Weniger als
6 Monate
1/2 bis 1 Jahr
Über 1 Jahr
Komplexität Soziale und
politische
Komplexität
2
Keine Interes-
senkonflikte
Einige Inter-
essenkonflikte
Große
Interes-
senkonflikte
Inhaltliche
Komplexität
2
Hoher Be-
kanntheitsgrad
Anspruchs-
voll,
bereichs-
übergreifend
Sehr an-
spruchsvoll,
hoher
Neuig-
keitsgehalt
Bedeutung
Strategische
Bedeutung
1
Gering
Mittel
Hoch
Zuweisung der
Kategorien
08 bis 19 Punkte: Kat. C
20 bis 29 Punkte: Kat. B
30 bis 40 Punkte: Kat. A
Total
Punkte
Kategorie
PT Personentage
10
1
Einleitung
Projektklasse B:
Komplexe Projekte, jedoch ohne strategische oder politische Brisanz
Auftraggeber und Entscheider sind das mittlere Management (Geschäftsfeld-Lei-
ter/Mitglied der Exekutivbehörde)
Projektorganisation entspricht je nach Umfang entweder der Klasse A oder C
Projektklasse C:
Kleinere, weniger komplexe Projekte
Auftraggeber und Entscheider sind das mittlere Management (Abteilungsleiter)
Einfache Projektorganisation, keine Steuergruppe
Phasen können zusammengefasst werden
Falls C-Projekte weitgehend durch eine Person bearbeitet werden können, sind sie als
Sonderaufträge einzustufen
Um die Projekte zu klassifizieren, wurde in Tab. 1.4 eine entsprechende Bewertungsta-
belle erarbeitet. Daraus kann resultieren, dass ein umfangreiches, teures Projekt durchaus
Unternehmen
Unterzeichnung
= Projekt-Auftrag
Idee, Verbesserungsvor-
schlag = Projekt-Antrag C
Projektauftrag
B
Geschäftsleitung
externer Auftrag
Offerte
Vertragsverhandlungen
externer Kunde
Mitarbeiter
Offertanfrage
A
Abb. 1.3 Entstehung von Projekten
1.2
Was sind Projekte?
11
der Kategorie B, ein kleineres, aber politisch brisantes Projekt der Kategorie A zugeordnet
werden kann.
Die Anzahl der Klassen und deren Charakterisierung, die Kriterien, die Gewichtungen
und Zuordnungen der Punkte müssen in jedem Fall betriebsspezifisch erarbeitet werden.
1.2.5
Entstehung von Projekten
Projekte können wie in Abb. 1.3 dargestellt auf unterschiedliche Arten entstehen.
Abhängig davon, wie das Projekt entstanden ist (internes Projekt oder Kundenprojekt),
welche Vorgeschichte es hat, um welche Projektart oder um welche Projektausprägung es
sich handelt, muss der Projektleiter sein Vorgehen anpassen. Diese Punkte haben einen
direkten Einfluss auf die Auswahl der Prozesse und Werkzeuge, wie folgende Beispiele in
Tab. 1.5 zeigen.
Tab. 1.5 Verschiedene Projektarten und -Ausprägungen erfordern unterschiedliche Vorgehenswei-
sen
Auftrags-
abwicklungs-
projekt
Ein externer Kunde hat ein Problem. Das Unternehmen hat dem Kunden ein
verbindliches Angebot gemacht. Termin und Kosten sind fixiert und rechtlich
verbindlich, vielleicht wurde Konventionalstrafe vereinbart. Der Projektleiter
legt den Schwerpunkt auf bewährte standardisierte Prozesse, auf eine risikoar-
me und termintreue Abwicklung sowie eine wirksame Kostenkontrolle
Internes
Entwicklungs-
projekt auf
eigenes Risiko
Die Geschäftsleitung hat ein strategisches Projekt initialisiert zur Neuausrich-
tung des Unternehmens. Zielgrößen und Termine sind nicht in Stein gemeißelt.
Bei neuen Erkenntnissen können Ziele, Termine oder Kosten durchaus disku-
tiert und angepasst werden
Verbesserungs-
vorschlag/Idee
der eigenen
Mitarbeiter
Die Motivation und das Wissen sind gegeben. Der Vorgesetzte muss den Mitar-
beitern den Rücken freihalten, dass sie über genügend Ressourcen verfügen, um
das Projekt neben allen Routineaufgaben effizient bearbeiten zu können
Kleinprojekt
Einzelne Phasen oder Tätigkeiten können übersprungen werden. Der Projektlei-
ter arbeitet nach dem Standard-Prozess, beschließt bei Projektbeginn, einzelne
Schritte und Reviews zu überspringen. Er hält dies in der Projektdokumentation
fest
Akzeptanz-
projekt
Wenn bei einem Projekt große Widerstände zu erwarten sind, wird der Pro-
jektleiter alle relevanten Stakeholder frühzeitig einbinden und ein sorgfältig
abgestimmtes Informations- und Kommunikationskonzept erstellen
Innovations-
projekt/Pionier-
projekt
Das Unternehmen ist mit seiner Produktlinie an die Grenzen gestoßen und muss
auf eine völlig neue Technologie in der Herstellung setzen. Der Projektleiter
wird eine ausgewogene Mischung von Visionären und erfahrenen Spezialisten
einsetzen und diese in selbstorganisierten Teams arbeiten lassen
12
1
Einleitung
1.3
Was ist Projektmanagement?
Jedes Unternehmen will strategische und operative Ziele erreichen.
Die gesetzten Ziele können nicht immer über das Linienmanagement erreicht werden.
Abhängig von der Situation ist es sinnvoll, Vorhaben und Maßnahmen als Projekt anzu-
gehen und umzusetzen. Dies ermöglicht die Bündelung und Fokussierung von Kräften.
Bezüglich der Führung von Projekten verfolgen die klassische und agile Vorgehenswiese
unterschiedliche Ansätze.
In der klassischen Vorgehensweise haben sich folgende Elemente sehr bewährt:
Vorgehen in Phasen und als Arbeitspakete strukturieren
Entscheidungs-, Führungs- und Fachkompetenz pro Phase neu festlegen
In der agilen Vorgehensweise setzt man den Schwerpunkt der Elemente etwas anders:
Ermächtigte, selbstorganisierte Teams, welche sich laufend überprüfen und anpassen
Timebox-Verfahren mit frühen und häufigen Lieferungen
Projektmanagement wird als Oberbegriff für alle planenden, überwachenden, koordi-
nierenden und steuernden Maßnahmen verstanden, die für die Um- oder Neugestaltung
von Systemen oder Prozessen bzw. Problemlösungen erforderlich sind. Das Vorgehen zum
Erreichen der Lösung, die dazu erforderlichen Mittel, deren Einsatz und Koordination sind
bedeutender als die Lösung selbst. Im Unterschied zum Projektmanagement hat das Lini-
enmanagement eher das so genannte laufende Geschäft sowie die Führung der beteiligten
Organisationen zur Aufgabe.
1.3.1
Hierarchien im Projektmanagement
Die Methode „Projektmanagement“ durchdringt die gesamte Organisation. Abb. 1.4 zeigt
die unterschiedlichen Aufgaben, welche durch unterschiedliche hierarchische Ebenen im
Unternehmen wahrgenommen werden.
Unter Programmmanagement wird im Zusammenhang mit Projektmanagement das
Management der Gesamtheit aller Projekte verstanden, die auf ein gemeinsames strate-
gisches Ziel ausgerichtet sind und untereinander Abhängigkeiten aufweisen. Es kann auf
unterschiedlichen Ebenen eines Unternehmens angesiedelt werden und nur eine Teilmen-
ge (z. B. Entwicklungsprojekte) oder die Gesamtheit aller Projekte eines Unternehmens
einschließen. Ein Programm ist wie ein Projekt zeitlich begrenzt und dauert so lange, bis
das Programmziel erreicht ist.
Im Programmmanagement geht es darum, verschiedene voneinander abhängige Projek-
te zu koordinieren, die Prioritäten abzustimmen und alle Ressourcen wie Arbeitsleistun-
gen und Finanzen entsprechend zuzuweisen. Beispiele: Forschungsprogramm, Entwick-
lungsprogramm usw.
1.3
Was ist Projektmanagement?
13
Programm-Management
Priorisierung
Ressourcen-Management
Lenkungs-Ausschuss
Projekt-Management
Projekt-Management
Projekt-Controlling
GL
Führungskräfte
Mitarbeiter
Abb. 1.4 Projektmanagement-Aufgaben in der Unternehmenshierarchie
Ein Projektportfolio besteht aus Projekten und/oder Programmen eines Unternehmens
oder eines Unternehmensbereichs. Sie müssen nicht zwingend miteinander in Beziehung
stehen, greifen jedoch auf den gleichen Ressourcenpool zu, meistens auf Mitarbeiter und
Finanzen. Es geht darum, die Ressourcen der Organisation optimal zu nutzen und die stra-
tegischen Ziele der Organisation bei gleichzeitiger Minimierung von Risiken zu erreichen.
Produktmanagement umfasst alle strategischen und operativen Aktivitäten einer Stel-
le oder einer Person, die für ein Produkt oder eine Dienstleistung in allen Unternehmens-
bereichen verantwortlich ist. Diese Stelle ist meist auch Ansprechpartner für die Kunden.
Entwicklungen, Einführung oder Problembehebungen im Zusammenhang mit diesem Pro-
dukt können sehr wohl wiederum als Projekte abgewickelt werden.
1.3.2
Dimensionen im Projektmanagement
Die Dimensionen im Projektmanagement lassen sich gut anhand des IPMA „Eye of Com-
petence“ (siehe Abb. 1.5) strukturieren.
14
1
Einleitung
People
People
Practice
Perspective
Perspective
Practice
Abb. 1.5 Eye of Competence von IPMA. (International Projectmanagement Association)
1.3.2.1
Kompetenzbereich Kontext (Perspective)
Dieser Kompetenzbereich befasst sich mit dem Kontext eines Projektes. Er enthält folgen-
de Themen:
Strategie
Governance, Strukturen und Prozesse
Compliance, Standards und Regulationen
Macht und Interessen
Kultur und Werte
Diese Themen setzen die Rahmenbedingungen und geben das Umfeld vor, in welchem
das Projekt abgewickelt wird. Im vorliegenden Handbuch Projektmanagement werden die-
se Themen an unterschiedlichen Stellen angesprochen und vertieft.
1.3.2.2
Kompetenzbereich Menschen (People)
Dieser Kompetenzbereich befasst sich mit den persönlichen und sozialen Kompetenzen.
Er enthält folgende Themen:
1.3
Was ist Projektmanagement?
15
Selbstreflexion und Selbstmanagement
Integrität und Verlässlichkeit
Persönliche Kommunikation
Beziehungen und Engagement
Führung
Teamarbeit
Konflikte und Krisen
Einfallsreichtum
Verhandlungen
Ergebnisorientierung
In diesem Kompetenzbereich liegt ein zentraler Schlüssel für den Projekterfolg. Ein
Projekt ist erfolgreich, wenn es gelingt, die Beziehungen der Menschen und Teams unter-
einander konstruktiv und positiv zu gestalten. Im vorliegenden Handbuch Projektmanage-
ment werden diese Themen im Kap. 3 Mensch und im Kap. 4 Team vertieft.
1.3.2.3
Kompetenzbereich Praktiken (Practice)
Dieser Kompetenzbereich befasst sich mit den Methoden und dem Handwerk des Projekt-
managements. Er enthält folgende Themen:
Projektdesign
Anforderungen und Ziele
Leistungsumfang und Lieferobjekte
Ablauf und Termine
Organisation, Information und Dokumentation
Qualität
Kosten und Finanzierung
Ressourcen
Beschaffung
Planung und Steuerung
Chancen und Risiken
Stakeholder
Change und Transformation
Um ein Projekt erfolgreich zu meistern, ist das Beherrschen des Handwerks eine unab-
dingbare Voraussetzung. Der entscheidende Faktor für den Projekterfolg liegt jedoch oft
im Faktor „wie gelingt es, die Beziehungen zwischen Menschen und Teams“ zu gestalten.
Im vorliegenden Handbuch Projektmanagement werden diese Themen hauptsächlich im
Kap. 2 Methodik vertieft.
16
1
Einleitung
1.3.3
Vorgehensprinzipien
Folgende Vorgehensprinzipien bzw. Denkhaltungen haben sich in der Praxis bewährt:
Vom Groben zum Detail
Variantenbildung
Phasengliederung
Problemlösungsprozess
Nachfolgend werden die Prinzipien „vom Groben zum Detail“ und „Variantenbildung“
erläutert. Die zwei anderen Grundsätze (Phasengliederung Abschn. 1.4.2 und Problemlö-
sung Abschn. 2.3.15) sind für das Projektmanagement derart zentral, dass sie gesondert
behandelt werden.
1.3.3.1
Vom Groben zum Detail
Das in Abb. 1.6 dargestellte Prinzip „vom Groben ins Detail“ ist eine zentrale Grundhal-
tung bei der Abwicklung eines Projektes. Es wird wie folgt umschrieben: Zu Beginn des
Projekts soll das Betrachtungsfeld weit gefasst und anschließend schrittweise fokussiert
Vorgehen vom Groben zum Detail
Ebene A
Ebene B
Ebene C
Unter
suchu
ngsb
ereich
Ges
taltu
ngs
bere
ich
Abb. 1.6 Vorgehen „Vom Groben zum Detail“
1.3
Was ist Projektmanagement?
17
werden. Dies betrifft sowohl die Untersuchung des Problemfeldes wie den Entwurf von
Lösungen.
Erst wenn das Problemfeld grob strukturiert, in sein Umfeld eingebettet und abgegrenzt
ist, bzw. Schnittstellen/Nahtstellen zum Umfeld definiert sind, kann mit detaillierten Er-
hebungen begonnen werden.
Bei der Gestaltung der Lösung sind zuerst generelle Ziele und ein genereller Lösungs-
rahmen festzulegen. Deren Detaillierungs- und Konkretisierungsgrad ist im Laufe des
Projekts schrittweise zu vertiefen.
Zum Prinzip „Top-down“ ist die Umkehrung „Bottom-up“ denkbar. Der Ansatz von
unten nach oben kann unter speziellen Bedingungen durchaus sinnvoll sein, z. B. bei Ver-
besserungen in vorhandenen, funktionierenden Lösungen, bei so genanntem empirischen
Vorgehen. Bei konzeptionellem Vorgehen, also bei Neu- oder Umgestaltungen größeren
Ausmaßes ist es meist wirkungsvoller, vom Groben her ein Gesamtkonzept zu entwickeln,
damit ein Orientierungsrahmen für die durchzuführenden Teilschritte entsteht.
In der Umsetzung zeigt es sich sowieso, dass ein zirkuläres Vorgehen von „Top-down“
und „Bottom-up“ zu der nötigen, gemeinsamen Sicht führt. Dieses Abstimmen erhöht
auch wesentlich die Verbindlichkeit der einzelnen Personen, für eine so erstellte Struktu-
rierung oder Planung die Verantwortung mit zu übernehmen.
Lösungs-
prinzipien
Konzept-
varianten
Detail-
varianten
Problem:
Auto schrottreif
Spontane Idee:
Neues Auto
weiss
blau
rot
Abb. 1.7 Beispiel für eine stufenweise Variantenbildung
18
1
Einleitung
1.3.3.2
Variantenbildung
Das in Abb. 1.7 aufgezeigte Prinzip der Variantenbildung, des Denkens in Alternativen,
ist ein unverzichtbarer Bestandteil guter Planung. Es ist eine methodische Grundhaltung
und funktioniert bei Beachtung des Prinzips „vom Groben zum Detail“ ohne nennens-
werten zusätzlichen Planungsaufwand. Wird dieses Prinzip nicht beachtet, besteht ein
größeres Risiko, dass grundsätzlich andere Lösungsansätze erst in einem fortgeschritte-
nen Planungsstadium in die Diskussion eingebracht werden.
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten
Ja nach Projektart, Größe und Komplexität des Projektes und den gegebenen Rahmenbe-
dingungen eignen sich unterschiedliche Vorgehensmodelle.
Die agilen Methoden kommen in der Softwareentwicklung und in anderen Branchen
wie beispielsweise Anlagenbau oder Produktentwicklung oft zum Einsatz.
Weit verbreitet ist die klassische, sequenzielle Phasenanordnung („Wasserfall-Mo-
dell“).
Im hybriden Projektmanagement werden klassische und agile Ansätze gemeinsam
angewendet. Das Projekt wird gegenüber Kunden klassisch geführt. Nach Innen wer-
den Teile wie beispielsweise die Entwicklung agil abgewickelt.
Jedes Vorgehensmodell hat seine Vorteile und Nachteile. Wichtig ist es, für die jewei-
lige Situation das beste Vorgehensmodell auszuwählen und anzuwenden.
Im vorliegenden Handbuch Projektmanagement werden die klassische und agile Vorge-
hensweise nicht getrennt behandelt. Im Sinne des hybriden Projektmanagements werden
die Elemente der klassischen und der agilen Vorgehensweise anhand der Phasen des klas-
sischen Projektmanagements (Projektbeauftragung, Initialisierung, Konzept, Realisierung
und Einführung) erklärt und vertieft.
Als Orientierung werden im Buch folgende Symbole verwendet:
Steht für die agile Vorgehensweise.
Steht für die klassische Vorgehensweise.
1.4.1
Agile Vorgehensweise
Klassische, traditionelle Vorgehensweisen haben wesentliche Beiträge im Projektmanage-
ment geleistet und leisten diese weiterhin. In der Produkt- und Softwareentwicklung hat
sich jedoch gezeigt, dass viele Projekte, welche mit einer Wasserfallmethode gemanagt
wurden, nicht die gewünschten Resultate brachten oder sogar scheiterten. Die Gründe
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten
19
liegen in komplexen Aufgabenstellungen, schnelleren Arbeitswelten und stetigen Verän-
derungen. Diesen Umständen können agile Methoden wie Scrum, Large Scale Scrum
(LeSS), Extreme Programming, Kanban oder Scaled Agile Framework (SAFe®) entge-
genwirken.
Agile Methoden helfen auch, in möglichst kurzer Zeit eine kunden- bzw. anwenderspe-
zifische und funktionierende Software zu realisieren, ohne dass die genauen Anforderun-
gen im Detail bereits am Anfang festgelegt sein müssen. Agiles Projektmanagement heißt
bewegliches, flinkes, prozess-orientiertes, reflexives, lernendes Vorgehen. Seine Grund-
sätze wurden im Manifesto for Agile Software Development (Beck et al. 2001, www.
agilemanifesto.org) festgelegt:
Individuen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge
Funktionierende Software ist wichtiger als umfangreiche Dokumentation
Kooperation mit Projektbetroffenen ist wichtiger als Vertragsverhandlungen
Reaktion auf Änderungen ist wichtiger als Festhalten an einem starren Plan
Das agile Manifest folgt den folgenden 12 Prinzipien:
Unsere höchste Priorität ist es, den Kunden durch frühe und kontinuierliche Ausliefe-
rung wertvoller Software zufrieden zu stellen.
Heiße Anforderungsänderungen selbst spät in der Entwicklung willkommen. Agile
Prozesse nutzen Veränderungen zum Wettbewerbsvorteil des Kunden.
Liefere funktionierende Software regelmäßig innerhalb weniger Wochen oder Monate
und bevorzuge dabei die kürzere Zeitspanne.
Fachexperten und Entwickler müssen während des Projektes täglich zusammenarbei-
ten.
Errichte Projekte rund um motivierte Individuen. Gib ihnen das Umfeld und die Unter-
stützung, die sie benötigen und vertraue darauf, dass sie die Aufgabe erledigen.
Die effizienteste und effektivste Methode, Informationen an und innerhalb eines Ent-
wicklungsteams zu übermitteln, ist im Gespräch von Angesicht zu Angesicht.
Funktionierende Software ist das wichtigste Fortschrittsmaß.
Agile Prozesse fördern nachhaltige Entwicklung. Die Auftraggeber, Entwickler und
Benutzer sollten ein gleichmäßiges Tempo auf unbegrenzte Zeit halten können.
Ständiges Augenmerk auf technische Exzellenz und gutes Design fördert Agilität.
Einfachheit – die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren – ist essenziell.
Die besten Architekturen, Anforderungen und Entwürfe entstehen durch selbstorgani-
sierte Teams.
In regelmäßigen Abständen reflektiert das Team, wie es effektiver werden kann und
passt sein Verhalten entsprechend an.
20
1
Einleitung
Sprint 1
Sprint 2
Startphase
Product
Backlog
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
Release-
plan
Sprint
Backlog
Sprint
Backlog
Product
Increment
Product
Increment
•
•
•
1
•
•
•
2
•
•
•
1
•
•
•
2
Sprint 3
Sprint
Backlog
•
•
•
…
3
Zeit
Abb. 1.8 Schematische Darstellung des agilen Vorgehens nach SCRUM
Die Grundsätze und Prinzipen des agilen Manifests lassen sich auch auf Bereiche au-
ßerhalb der Softwareentwicklung anwenden.
Bei der agilen Vorgehensweise werden die Dimensionen Zeit und Budget fix festgelegt,
das Ergebnis/der Scope ist flexibel. In der klassischen Vorgehensweise ist in der Regel der
Scope fix definiert, und die Dimensionen Zeit und Budget werden flexibel gehandhabt.
Dies ist ein Grundsatz, der in Projekten oft zu Zeitverzögerungen und Budgetüberschrei-
tungen führt.
Im vorliegenden Handbuch Projektmanagement wird Scrum als agiles Vorgehensmo-
dell vertieft ausgeleuchtet.
1.4.1.1
Scrum
Scrum wurde am Anfang sehr stark von den schlanken und innovativen Wegen in der
Produktenwicklung in Japan beeinflusst (Lean Management). Scrum besteht aus weni-
gen Regeln. Abb. 1.8 zeigt schematisch die Vorgehensweise nach Scrum auf. Nach der
Startphase (Initialisierung und Produktkonzeption) folgen die Iterationen bzw. Sprints
in vorgeplanten Zeitabständen (Timeboxes). Die vereinbarten Teilaufträge werden von
Teams bearbeitet, die weitgehend selbstverantwortlich handeln und sich selbst organisie-
ren.
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten
21
Grundprinzip dieser Ausprägungen sind die relativ kurzen und zum Voraus festgelegten
Iterationszyklen (Timeboxes), innerhalb derer hoch motivierte Teams eigenverantwortlich
Lösungen (Inkremente) entwickeln und testen. Dabei fließen die Lernerfahrungen oder
neue Anwender-Erkenntnisse in den nächsten Zyklus ein.
In Scrum gibt es die drei Rollen: Product Owner, Team und Scrum Master. Die Rolle
des klassischen Projektleiters gibt es nicht, resp. wird auf die beiden Rollen Product Ow-
ner (fachliche und inhaltliche Steuerung) und den Scrum Master (Methodenspezialist, der
allfällige Hürden beseitigt) aufgeteilt.
Die Anforderungen werden in einem priorisierten Product Backlog festgehalten. Der
Inhalt und die Priorisierung dieses Product Backlogs ändert sich während des Projektes
laufend. Dadurch kann einfach und flexibel auf Änderungen eingegangen werden. Es ist
der Product Owner, der über den Product Backlog waltet und die Priorisierung bestimmt.
Scrum ist ein empirischer Prozess, der dem Credo von „inspect and adapt“ folgt. Das
heißt das erreichte Ergebnis (Inkrement) und die Arbeitsweise werden im Sprint Review
regelmäßig begutachtet und in der Retrospektive verbessert. Dadurch ist eine kontinuier-
liche Verbesserung sichergestellt.
Ein Sprint wird so geplant, dass am Ende ein Inkrement entsteht, welches einen Mehr-
wert darstellt und funktionsfähig ist. Dieser Fokus auf das Liefern eines Mehrwerts verhin-
dert, dass man sich mit Nebensächlichkeiten oder unwichtigen Dingen beschäftigt. In der
Sprintplanung gibt der Product Owner seine Prioritäten, Wünsche und das Sprintziel vor.
Letztendlich entscheidet aber das Team nach dem Ziehprinzip (pull) über den effektiven
Inhalt des Sprints. Dies fördert die Eigenverantwortung und Selbstorganisation. Zusätz-
lich wird durch das Ziehsystem eine systematische Überlastung des Teams vermieden. Es
empfiehlt sich auch, Probleme und Hindernisse frühzeitig zu erkennen und zu adressie-
ren. Gerade in den ersten Sprints sollen die Knacknüsse angegangen und zu einer Lösung
geführt werden.
Scrum ist harte Arbeit. Es müssen neue Spielregeln gelernt, alte Gewohnheiten abge-
legt, Hindernisse bewältigt und Probleme gelöst werden. Scrum erfolgreich anzuwenden
ist ein ständiger Lernprozess, welcher auch Zeit und Geduld fordert. Es ist die zentra-
le Aufgabe des Scrum Masters, das Team und den Product Owner bei der Bewältigung
dieser Herausforderungen zu unterstützen und Scrum erfolgreich anzuwenden.
Das Phasenkonzept kann in einer adaptierten Form auch für Scrum angewendet wer-
den. In der Startphase eines Scrum-Projektes ist es zentral, dass zuerst ein Produktkonzept
erarbeitet wird. Damit wird die Idee konkretisiert. Das Produktkonzept beschreibt den
Nutzen für den zukünftigen Anwender des Produktes oder Services und die wesentlichen
Leistungsmerkmale. Weiter müssen in der Startphase der initiale Product Backlog und der
Release-Plan erstellt werden.
Agile Vorgehensweisen haben sich in komplexen Bereichen als flexibler, schneller und
ökonomischer bewährt als das planungsorientierte Projektmanagement.
22
1
Einleitung
1.4.1.2
Kanban
Kanban hat seinen Ursprung Mitte des 20. Jahrhunderts bei Toyota. Kanban wurde als
Methode zur Flexibilisierung und Effizienzsteigerung in der Produktion entwickelt. Die
Übertragung der Ideen von Kanban auf das Management von Projekten wurde später von
David J. Anderson vorgenommen.
Kanban gibt keine Abläufe oder Strukturen vor. Kanban fördert wie Scrum die Selbst-
organisation, indem die Mitarbeiter oder das Team die Aufgaben selbständig an sich
ziehen (Pull Prinzip). Kanban basiert auf vier Grundprinzipien und sechs Praktiken.
Die vier Grundprinzipien von Kanban lauten:
Starte mit dem, was Du gerade machst.
Strebe inkrementelle, evolutionäre Veränderungen an.
Respektiere aktuelle Prozesse, Rollen, Verantwortlichkeiten und Titel.
Fördere Führung und Verantwortung auf allen Ebenen der Organisation.
Die sechs Praktiken von Kanban lauten:
Mache die Arbeit sichtbar (Kanban Board siehe Abschn. 2.5.2).
Limitiere die Menge angefangener Arbeiten.
Messe und manage den Fluss.
Mache Prozessregeln explizit: eindeutig und bekannt.
Entwickle Rückmeldemechanismen.
Führe gemeinschaftlich Verbesserungen durch.
Die Prinzipien von Kanban können gut mit anderen agilen Methoden wie Scrum oder
der klassischen Vorgehensweise im Projektmanagement kombiniert werden.
1.4.2
Klassische Vorgehensweise: Phasenkonzept
Die Prinzipien „vom Groben zum Detail“ und „Variantenbildung“ bedeuten für die Be-
arbeitung von Problemen folgendes: Idee, Entwicklung, Umsetzungsplanung und Reali-
sierung einer Lösung sind in einzelne Arbeitspakete und diese wiederum in Phasen zu
unterteilen, die logisch und zeitlich voneinander getrennt werden können. Dies hat den
Zweck, den Werdegang einer Lösung in überschaubare Etappen zu gliedern. Damit wird
ein abgestufter Planungs-, Entscheidungs- und Konkretisierungsprozess mit vordefinier-
ten Meilensteinen bzw. Korrekturpunkten ermöglicht.
In der Abb. 1.9 wird das Phasenmodell in seiner einfachsten, idealtypischen Form be-
schrieben.
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten
23
Einführung
Konzept
Realisierung
Initialisierung
Beauftragung
Meilenstein: Grösse des Rhombus‘ als Mass für die Wahrscheinlichkeit eines Projektabbruchs
Projektabbruch
Abb. 1.9 Das ideale Phasenkonzept
Anzahl Projektphasen
Die Anzahl Projektphasen und auch der Formalismus, mit dem sie abgewickelt werden,
sind erheblich von Art, Umfang, Risiko und Bedeutung eines Projektes sowie auch von
der gewünschten Einflussnahme des Auftraggebers abhängig.
Kleinere Projekte können mit einer geringeren Anzahl Phasen und mit weniger Forma-
lismus erledigt werden. Andererseits sind gegenüber dem theoretischen Modell Phasen-
erweiterungen denkbar, z. B. durch Vorschalten einer Feasibility Study (Vorstudie), mit
einer Prototypphase, einer Test- und einer Abnahmephase.
Die Darstellung als Blockdiagramm oder als „Wasserfallmodell“ und die Bezeichnung
der Phasen sind von sekundärer Bedeutung, da sie von der Branche, der Aufgabenstellung
und den im Unternehmen verwendeten Begriffen beeinflusst werden. Einige gebräuch-
liche Phasenmodelle sind in Abb. 1.10 aufgeführt. Entscheidend ist, dass in Entschei-
dungssitzungen zwischen den Etappen die Komplexität einer Problemstellung und das
Risiko einer Fehlentscheidung durch die gezielte Gliederung der Arbeitspakete in einzel-
ne Planungs- und Realisierungsetappen reduziert werden können.
24
1
Einleitung
1 Vorprojekt
2 Hauptprojekt
3 Detailprojekt
4 Systembau
5 Einführung
nach Systems
Engineering
1 Vorprojekt
2 Entwicklung
3 Produktions-
vorbereitung
4 Null/Pilotserie
5 Serien-
produktion
Produktentwick-
lungs-Projekte
1 Strategische Planung
4 Ausschreibung
2 Vorstudien
2.1 Machbarkeit
2.2 Auswahlverfahren
6 Bewirtschaftung
6.1 Betrieb
6.2 Erhaltung
3 Projektierung
3.1 Vorprojekt
3.2 Bauprojekt
3.3 Bewilligungsverfahren
5 Realisierung
5.1 Ausführungsplanung
5.2 Ausführung
5.3 Inbetriebnahme
Bauprojekte SIA
1 Initialisierung
2 Grobkonzept
3 Sprints
iterative
Programmierung
Einführung und Abnahme
IT-Projekt mit Scrum
Abb. 1.10 Phasenmodelle und Phasenbezeichnungen
1.4.2.1
Die Phase der Projektbeauftragung
Diese meist eher unstrukturierte Phase umfasst die Zeitspanne zwischen dem Erkennen
des Problems und dem Entschluss, etwas Konkretes zu unternehmen. Die Problemstel-
lung kann dabei entweder bereits konkret formuliert sein oder aber lediglich aus vagen
Vermutungen hervorgehen. Dabei ist es unwesentlich, woher der Anstoß für die Um- oder
Neugestaltung kommt. Wichtig ist vielmehr, dass er von den für die Zuteilung der er-
forderlichen Mittel personeller, finanzieller, organisatorischer Art autorisierten Stellen
aufgenommen, akzeptiert und mit einer Projektvereinbarung freigegeben wird.
Die Vorarbeiten und Aktivitäten dieser ersten „Definitions-Phase“ resultieren idealer-
weise in einem Projektsteckbrief. Der Projektsteckbrief enthält Informationen zum strate-
gischen Bezug und zu dem erwarteten Mehrwert, einen ersten groben Terminplan und die
erwarteten Kosten. Er benennt die zentralen Projektrollen und dient zusammen mit dem
Business Case als Entscheidungsgrundlage, ob das Projekt bewilligt und in das Projekt-
portfolio aufgenommen wird.
1.4.2.2
Die Initialisierungsphase
Im Rahmen der Initialisierungsphase müssen verbindliche Aussagen zu Machbarkeit, Ri-
siken und Stakeholdern erarbeitet werden. Wesentliche Grundlagen dazu sind die Analyse
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten
25
Relative Bedeutung
der Entscheide
Wissen
Projektkosten
Risiko
typ. Aufmerksamkeit
des Managements
Initialisierung
Konzept
Realisierung
Einführung
Zeit
klein
mittel
gross
Abb. 1.11 Einflussmöglichkeiten im Projekt
der aktuellen Situation sowie klar vereinbarte Ziele und die Formulierung der Anforde-
rungen an das Resultat des Projekts, z. B. an das zu entwickelnde Produkt.
Zu Projektbeginn ist das Wissen zum Projektinhalt und zu den Lösungen gering. Es
steigt mit dem Projektfortschritt. Umgekehrt sind die Risiken am Anfang am größten.
So ist es wünschenswert, diese so rasch und so weit wie möglich zu reduzieren. Ge-
hen die Ziele und Anforderungen an die Grenzen des Möglichen, oder ist das Mögliche
nur ungenau bekannt (Technologiegrenze, politisch heikle Ziele), so ist es sinnvoll, vor
der Durchführung des ganzen Projektes eine Vorstudie durchzuführen (ähnliche Begriffe:
Machbarkeitsstudie, Feasibility Study, Vorprojekt). Wenn sich zeigt, dass die Ziele mit
den eigenen Möglichkeiten nicht erreicht werden können, drängt sich schon bei diesem
Meilenstein ein Projektabbruch auf. So wird vermieden, dass wertvolle Ressourcen für
ein aussichtsloses Projekt eingesetzt werden.
Die Initialisierungsphase stellt auch aus organisationspsychologischer Sicht hohe An-
sprüche an Projektleitung und Auftraggeber. Abb. 1.11 verdeutlicht dies. Wesentliche
Entscheidungen sind zu einem Zeitpunkt zu fällen, an dem weder genügend Wissen noch
Erfahrung in der Zusammenarbeit zur konkreten Fragestellung vorhanden sind.
26
1
Einleitung
In dieser Phase wird der Projektauftrag verfasst. Darin sind die Ziele und die Rahmen-
bedingungen für das Projekt festgehalten. Folgende Themenblöcke werden erarbeitet und
im Auftrag fixiert:
Anforderungen aufnehmen: Was soll realisiert werden?
Projektorganisation festlegen
Stakeholder identifizieren und analysieren
Risiken identifizieren und Maßnahmen zur Reduktion der Risiken entwickeln
Projekt strukturieren und grob planen
Der Auftraggeber ist dafür verantwortlich, den Antrag in einen Projektauftrag überzu-
führen. Mit dem Projektauftrag werden die erforderlichen Ressourcen bereitgestellt. Aus
kommunikationspsychologischer Sicht delegiert der Auftraggeber die Ausarbeitung des
Projektantrages an den Projektleiter. Dieser führt zum Abschluss der Phase das Kick-Off-
Meeting durch.
Entscheidet man sich am Ende der Initialisierungsphase zum Abbruch des Projektes,
so bedeutet dies weder „Fehler“ noch Versagen, sondern eine bewusste Weichenstellung
aufgrund von erarbeiteten Erkenntnissen.
1.4.2.3
Die Konzeptphase
Der Sinn der Konzeptphase besteht im Entwickeln von Lösungsvarianten. In dieser Phase
sind die geplante Zielerreichung, Funktionstüchtigkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaft-
lichkeit fundiert zu beurteilen. Die Aufmerksamkeit ist auf die Ausarbeitung von mögli-
chen Lösungsvarianten gerichtet.
Das Ergebnis der Konzeptphase ist die Entscheidung für eine Lösungsvariante. Für
die ausgewählte Variante werden ausführungsreife Pläne erstellt und Lösungskonzepte
erarbeitet, welche beschreiben, wie die Anforderungen umgesetzt werden.
Weiter gilt es, die gewählte Lösung im Detail zu planen und auszuarbeiten. Hier werden
oftmals Untersysteme bzw. einzelne Aspekte aus dem Gesamtsystem bearbeitet.
1.4.2.4
Die Realisierungsphase
In der Realisierungsphase werden die Pläne aus der Konzeptphase verwirklicht. Typische
Arbeiten der Realisierungsphase sind:
Anlagen und Geräte herstellen
Software abschließend erstellen
benutzerfreundliche Dokumentation bzw. Bedienungsanleitung erstellen
Organisatorische Regelungen im Falle von Störungen usw. festlegen
Wartungsorganisation, Instandhaltungskonzepte usw. festlegen
Tests durchführen
Oftmals werden hier auch einzelne Teilsysteme gebaut, die in die Gesamtlösung inte-
griert werden.
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten
27
Ein umfassendes Projektcontrolling hilft, die Erreichung der gesetzten Ziele sicherzu-
stellen. Allfällige Änderungswünsche werden über den Change Request Prozess gesteuert
und zum Entscheid geführt.
1.4.2.5
Die Einführungsphase
Einführung
Nur relativ kleine und einfache Lösungen können ohne großes Risiko als Ganzes ein-
geführt werden. Bei großen und komplexen Systemen ist wegen der Vielzahl nicht kal-
kulierbarer Nebenerscheinungen und Abhängigkeiten eine schlagartige Einführung nicht
sinnvoll. Es empfiehlt sich, stufenweise vorzugehen: Mit dem Gesamtkonzept im Visier
werden die weiteren Schritte von den ersten Erfahrungen mit der Einführung abhängig
gemacht.
In der Praxis entpuppt sich diese – oberflächlich gesehen – sehr technische Phase oft-
mals als sehr heikel und langwierig. Das Projektteam hat sich schon über längere Zeit mit
der Neuerung oder Veränderung, die das Projekt mit sich bringt, beschäftigt und merkt
gar nicht mehr, welche einschneidende Veränderung diese Einführung für alle übrigen
Personen mit sich bringt. Diese Ungleichzeitigkeit der beiden Systeme Projekt und Linie
erfordert wiederum eine gute Zusammenarbeit der Führungspersonen.
Übergabe
Der Erfolg einer Systemeinführung ist ebenfalls wesentlich davon abhängig, wie der
Know-how-Transfer greift. Das heißt, ob es gelingt, die Systembetreuer und die Anwen-
der oder Benutzer genügend schnell und umfassend zu schulen und zu informieren. Ziel
muss hier sein, dass sich das Entwicklungs- und das Realisierungsteam möglichst rasch
überflüssig machen.
Abschluss
Jedes Projekt kommt zu einem Ende. Selbst abgebrochene Projekte benötigen Abschluss-
arbeiten. Wird der Projektabschluss nicht bewusst vollzogen, so weiß niemand, ob das
Projekt abgeschlossen ist.
Für den Projektabschluss sind folgende Arbeiten durchzuführen:
Projektarbeit abschließen, d. h. mögliche Restarbeiten klar zuordnen und terminieren
oder in einen zukünftigen Release verschieben
Schlussabrechnung erstellen
Projektdokumentation vervollständigen und die Archivierung sicherstellen
Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung an die Anwender oder eine Betriebsorga-
nisation übergeben
Projektunterlagen der Betriebs- oder Wartungsorganisation abgeben
Projektabschluss mit dem Auftraggeber, um das „Projekt abzugeben“ und mit dem Pro-
jektteam, um dieses Team aufzulösen. In beiden Systemen kann es sinnvoll sein, eine
28
1
Einleitung
kritische Projektrückschau zu halten, einerseits um das Projekt loszulassen, aber vor al-
lem, weil erkannte Fehler eine grosse Lernchance im Sinne der lernenden Organisation
sind. Mögliche Fragen dabei können sein: Was ist gut gelaufen? Wo gab es Proble-
me? Konnte der geplante Aufwand (Personal, Kosten, Zeit) eingehalten werden? Was
könnte in Zukunft besser gemacht werden?
1.4.2.6
Die Nutzung
Wenn das Projekt abgeschlossen ist, beginnt die Phase der Nutzung. Nach der beim Pro-
jektabschluss bestimmten Zeitspanne findet eine Bewertung oder Kontrolle des Projekt-
ergebnisses statt. Je nach Art des Projektes werden Arbeiten in Garantie oder für eine
verbesserte Auflage der Lösung/einen neuen Release festgehalten. Meist wird hier eine
Wirksamkeitsüberprüfung/eine Projekt-Evaluation vorgenommen: Wie gut stimmen die
betriebswirtschaftlichen Prognosen?
1.4.3
Hybrides Projektmanagement
Immer weniger Projekte sind so ausgeprägt, dass für deren Management ausschließlich
das klassische oder agile Vorgehen geeignet ist. In der Praxis liegen sie meistens irgend-
wo dazwischen, so dass sich eine Kombination beider Projektmanagementphilosophien
aufdrängt (siehe Abb. 1.12). Am besten ist die Kombination dadurch möglich, dass aus-
gewählte Projektphasen oder Teilprojekte unterschiedlich abgewickelt werden. Beispiels-
weise kann in einem Produktentwicklungsprojekt, in dem zu Beginn die Anforderungen
erst grob bekannt sind, eine agile Phase eingeschaltet werden, um danach klassisch wei-
terzufahren. In einem komplexen Kundenprojekt mit Teilprojekten kann die Software-
Entwicklung mit Scrum vorteilhafter sein, während für die anderen Teilprojekte der klas-
sische Ansatz geeigneter ist.
Es ist auch möglich, im klassischen Vorgehen einzelne Komponenten wie tägliche
Standup-Meetings, Kanban Board oder Retrospektive aus dem agilen Vorgehen anzuwen-
den.
Das „Sowohl-als-auch“ stellt vom Projektmanagement her hohe Anforderungen an
die Flexibilität. Ist beim klassischen Projektmanagement der Fokus eher auf die ratio-
nalen Zusammenhänge, auf die Planung und auf die direkte Steuerung gerichtet, so stehen
beim agilen Vorgehen der evolutionäre und soziale Aspekt sowie die indirekte Steuerung
im Vordergrund. Beide Vorgehensweisen erfordern ein unterschiedliches Organisations-,
Rollen- und Führungsverständnis.
Einzelne Methoden können „hybridisiert“ werden. Doch hier gilt: nur gezielt und be-
wusst mischen, ansonsten droht die Verwässerung. Beispielsweise kann in einer klas-
sischen Projektsequenz bei parallelen Arbeitspaketen die Kanban-Methode angewendet
werden, da sie flexibler und transparenter ist als Balkendiagramme.
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten
29
Klassisch und agil abgewickelte Phasen
Klassisch und agil abgewickelte Teilprojekte
Aufbau Pro-
duktionslinie
Fertigungs-
planung
Realisierung
Konzeption
Initialisierung
Initialisierung
Realisierung
Hardware I
Einführung
Konzeption
Realisierung
Hardware II
Realisierung
Software
agil
klassisch
Abb. 1.12 Klassische und agile Phasen bzw. Teilprojekte
1.4.4
Change-Projekte
Jedes Projekt bringt Veränderungen mit sich. Unter „Change-Projektmanagement“ lassen
sich alle Vorhaben subsumieren, welche radikale, umfassende und bereichsübergreifende
Veränderungen der Organisation zum Ziel haben. Dies kann sein: Einführung von neu-
en Prozessen, Fusionen, Umsetzung neuer Strategien usw. Mitlaufend werden dabei oft
auch neue Verhaltensweisen und Kulturen angestrebt, z. B. Kommunikationskultur, Feh-
lerkultur, usw. In Abgrenzung zu Change-Projekten schließen wir hier die „kontinuierliche
Verbesserung“ aus (KVP, KAIZEN).
Da in Change-Projekten die Eigenleistungen durch das handelnde System selber er-
bracht werden müssen, sind sie durch die Betroffenheit der Organisationsmitglieder ei-
nerseits und durch die oft selbstüberschätzende Herangehensweise andererseits besonders
heikel: Es müssen Verkrustungen aufgebrochen werden, und es muss mit Ängsten und
Widerständen, aber auch mit unrealistischen Erwartungen gerechnet werden. Für diese
Vorhaben orientiert man sich daher am Transformation-Management, welches die sozia-
len Prozesse nutzt, um die sachlichen Ziele zu erreichen.
30
1
Einleitung
Voraussetzung für ein Veränderungsprojekt ist ein gewisses vorhandenes Verände-
rungsbewusstsein, sonst sind die bewahrenden Kräfte zu stark. Eine Orientierung gibt die
Formel:
U V M > W
Wobei:
U = Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand
V = Vision, Attraktivität des Soll-Zustandes
M = Maßnahmen, Konkrete Umsetzungsschritte, erreichbare erste Erfolge
W = Widerstand gegen Veränderung, Energie zur Bewahrung des Bestehenden
Nach Doppler und Lauterburg (2014) sollen bei Veränderungsprojekten die folgenden
Schlüsselfaktoren beachtet werden:
Energie wecken und Vertrauen schaffen
In Prozessen statt in Strukturen denken
Das Unternehmen auf sein Umfeld ausrichten
Durch Kommunikation vernetzen
Von außen nach innen organisieren
Das Lernen sicherstellen
Wichtig bei Change-Projekten sind daher eine Vision, klare Ziele, transparente In-
formation und Kommunikation sowie ein Vorgehen in Prozessen, welches gemeinsames
Lernen und neue Erfahrungen ermöglicht. Eine mögliche Vorgehensweise in Anlehnung
an die obige Formel schlägt John P. Kotter (2012) vor (siehe Abb. 1.13).
Technokratische Modelle fokussieren sich sehr auf eine direkte Steuerung von Verän-
derungen. Selbst bei konsequenter Anwendung und Umsetzung in die Praxis greift dieser
Ansatz aber oft zu kurz: Die Organisation erweist sich als resistent; festsitzendes organi-
sationales Wissen lässt sich nur schwer verlernen, bestehende Mauern werden verteidigt.
Ganzheitliche Ansätze orientieren sich zusätzlich an systemischen Erkenntnissen. Sie
setzen auf die reflexiven Dynamiken der Organisation, welche – gezielt genutzt – weit
größere Hebelwirkungen für grundlegende Veränderungen erzielen können als die aus-
schließliche Zentrierung auf den Menschen. Damit richtet sich der Fokus auf die Ma-
kroebene, also auf die Arbeit am System statt auf die Arbeit im System, auf indirekte
Steuerung, auf Gestaltung des Projektkontextes und dessen Beziehung zur Welt der Linie.
Diese Voraussetzungen und Bedingungen stimulieren die Organisation dazu, sich in eine
bestimmte Richtung selbst zu verändern. Eine konsequente Idee dazu ist „WaVe – Wan-
del durch Vernetzung“, ein Verfahren, den Wandel durch vernetzte und selbstorganisierte
Teams zu inszenieren (Petersen et al. 2011).
Unternehmen und Organisationen, die einen Wandel ins Auge fassen, tun jedenfalls gut
daran, sich bewusst für einen Ansatz zu entscheiden und einen neutralen Außenstehenden
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten
31
1
2
3
4
5
6
7
8
Eine Führungskoalition aufbauen
Vision und Strategie entwickeln
Die Vision des Wandels kommunizieren
Mitarbeiter auf breiter Basis befähigen
Schnelle Erfolge erzielen
Erfolge konsolidieren und Veränderungen einleiten
Neue Ansätze in der Kultur verankern
Wandel in Unternehmenskultur verankern
Einführung neuer
Verhaltensweisen
Auftauen des
verhärteten
Status quo
Ein Gefühl für die Dringlichkeit erzeugen
Abb. 1.13 Acht-Stufen-Modell nach Kotter
(bzw. ein außenstehendes System) als Berater oder Change Agent einzusetzen. Eine Or-
ganisation kann sich nur sehr schwer selber „aus dem Sumpf ziehen“. Nach dem Modell
der Komplementärberatung (Königswieser et al. 2008) kann dies auch ein Beratungsteam
sein, das aus einer Prozessberatung und einer Fachberatung zusammengesetzt ist, die sich
aber gegenseitig verstehen und zusammenarbeiten müssen.
1.4.5
Weitere Vorgehensmodelle
1.4.5.1
V-Modell
Das V-Modell ist ein weiteres sequentielles Vorgehensmodell. Das Vorgehen eignet sich
in Branchen und Gebieten mit hohen Ansprüchen an die Sicherheit, wie beispielsweise in
der Medizintechnik oder der Luftfahrt.
Auf dem linken Ast der Abb. 1.14 wird der Projektgegenstand vom Grobentwurf zum
Detailentwurf schrittweise spezifiziert. Auf dem rechten Ast werden die unterschiedlichen
Realisierungs- und Verifizierungsstufen von unten nach oben durchlaufen.
32
1
Einleitung
Validierung
Verifizierung
Entwicklung
Programmierung
Integrationstest
Systemtest
Validierung, Freigabe
Komponenten-, Modul-
bzw. Unittest
Feinarchitektur,
Komponentendesign
Architektur, techni-
scher Systementwurf
Systemanforderungen
Systemspezifikation
Stakeholder-
Anforderung
Abb. 1.14 V-Modell
1.4.5.2
Simultaneous Engineering
Simultaneous Engineering (auch Concurrent Engineering genannt) hat seinen Ursprung
in der Produktentwicklung. Die Forderung nach kürzeren Entwicklungszeiten führte zur
Entwicklung dieses Vorgehensmodells. Eine Parallelisierung der Abläufe beschleunigt die
Projektabwicklung. Die verschiedenen Bereiche, die an der Produktentwicklung beteiligt
sind, sollen möglichst frühzeitig einbezogen werden. Eine teilsimultane Erarbeitung wird
durch eine gezielt überlappende Anordnung der Phasen möglich, wie Abb. 1.15 zeigt.
Viele Projekte werden nach diesem Prinzip durchgeführt. Die Gleichzeitigkeit von un-
terschiedlichsten Aktivitäten erfordert vom Projektleiter eine laufende Überprüfung der
Ziel- und Planeinhaltung. Diese Aufgabe ist oftmals erschwert, wenn er noch fachlich im
Projekt mitarbeitet oder in anderen Projekten engagiert ist.
Wird Simultaneous Engineering für ein zeitlich enges, paralleles Projektvorgehen
durch den Auftraggeber vorgegeben oder bewilligt, sollte sich der Projektleiter frei von
weiteren Arbeiten voll der Steuerung des Projektes widmen können.
1.4.5.3
Prototyping
Der Begriff des Prototyping als Vorgehensprinzip tauchte in der Datenverarbeitung Mitte
der 1970er Jahre auf. Die Grundidee besteht darin, die vorerst abstrakten Lösungen schnel-
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten
33
Korrekturschleife
Korrekturschleife
Korrekturschleife
Zeitgewinn
Marktanalyse
Konzeptentwicklung
Designphase
Marktanalyse, Konzeptent-
wicklung, Designphase
Aufbau der
Fertigung und
Produktionsanlauf
Aufbau der Fertigung
und Produktionsanlauf
Produktionsplanung
Betriebsmittel-
konstruktion
Produktionsplanung
Betriebsmittelkonstruktion
Produktentwicklung
Versuch
Produktentwicklung, Versuch
Sequenzieller Projektablauf
Projektstart
Markteinführung
Markteinführung
Simultaneous Engineering
Korrekturschleife
Korrekturschleife
Korrekturschleife
t
Abb. 1.15 Simultaneous Engineering als überlappendes Phasenkonzept
ler zu konkretisieren, um damit eine effizientere Kommunikation zwischen Entwicklern
und Anwendern zu erzielen. In diesem Sinne dient Prototyping als Entwurfshilfe, indem
es dazu beiträgt, die Bedürfnisse der Anwender schneller kennen zu lernen.
Konkret geht es darum, mit relativ geringem Aufwand einen „Prototyp“ zu entwerfen.
Dieser soll eine bessere Beurteilung des bisher verfolgten Konzepts erlauben. Auch dient
er häufig dem Erproben unter betrieblichen Bedingungen.
Prototyping kann als Entwurfshilfe vor allem realisierungsnahe Phasen unterstützen.
Keine der einzelnen Phasen wird dadurch aber überflüssig. Vor allem kann die Konzept-
phase keineswegs ersetzt werden. Die beiden Phasen Konzept und Realisierung können
iterativ miteinander verknüpft werden. Allerdings besteht die Gefahr, dass der Ansatz zu
„quick and dirty“ Lösungen führt, die bei stetem Weiterausbau beibehalten werden. Bei
fehlendem Lösungskonzept führt dies zu Altlasten. Oder der Kunde hat den Eindruck:
„Die Lösung ist ja schon fertig. Wofür braucht ihr jetzt noch so viel Zeit?“
1.4.5.4
Versionenkonzept
Das Versionenkonzept weist Ähnlichkeiten mit dem Prototyping auf. Es ist für Entwick-
lungen beliebiger Art (Maschinen, Anlagen, Hard- und Software) einsetzbar.
34
1
Einleitung
Ziele, Alternativen und
Restriktionen bestimmen
nächsten Zyklus planen
Produktstufe entwickeln
und validieren
Alternative bewerten,
Risiko identifizieren und
beseitigen
Test und
Validierung
Implementierung
Entwurf
Simulation
Protoypen entwickeln
Voruntersuchung
und Risikoanalyse
Abb. 1.16 Das Versionenkonzept (Spiralmodell)
Die Grundidee besteht darin, eine Lösung nicht in einem Wurf perfektionieren zu
wollen, sondern eine erste Version zu entwickeln und zu realisieren, die dem Benut-
zer zur Verfügung gestellt wird. Davon ausgehend finden dann von einer Version zur
anderen Verbesserungen statt („slowly growing systems“), die aufgrund der Betriebser-
fahrungen möglich werden. Dieses zyklische Vorgehen wird daher auch Spiralmodell
genannt (Abb. 1.16). Die Vor- und Nachteile des Versionenkonzeptes – auch Spiralmodell
genannt – sind in Tab. 1.6 dargelegt.
1.4.6
Wahl eines Vorgehensmodells – klassisch, agil oder hybrid?
Die Wahl des für die Situation am besten geeigneten Vorgehensmodelles hängt von ver-
schiedenen Faktoren ab:
Ausprägung des Projektes:
– Für ein Standardprojekt empfiehlt sich die klassische Vorgehensweise.
– Für ein Akzeptanz-, Potential- oder Pionierprojekt ist eher eine agile oder hybride
Vorgehensweise zu empfehlen.
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten
35
Tab. 1.6 Vor- und Nachteile des Versionenkonzepts
Vorteile
Nachteile
Oftmals „Notfall-Lösungen“
Lösung schnell verfügbar
Probleme bzw. Verbesserungen auf die nächste Version
verschieben zu können, verleitet zu unsorgfältiger Pla-
nung
Hohes Entwicklungstempo
Rasch sichtbare Fortschritte
Hohe Anforderungen an die Dokumentation und Projekt-
administration, da zu jedem Zeitpunkt nachvollziehbar
sein muss, wo welche Version gültig ist und wie die ein-
zelnen Komponenten einer Lösung realisiert wurden
bzw. voneinander abhängig sind
Möglichkeit, sich in ein Problem-
feld zu begeben, in dem noch wenig
Wissen vorhanden ist
Planung und Prognose der Projektkosten sind äußerst
schwierig
Bei beschränktem Budget können die
Ziele und Anforderungen (Perfekti-
onsgrad der Lösung) mit dem Budget
wachsen
Durch immer neue Anforderungen seitens der Benutzer
kann die Systemgrenze gesprengt werden; das Projekt
wird unkontrolliert erweitert bzw. kommt nie zum Ab-
schluss
Die Projektart gibt sehr oft ein Vorgehensmodell vor. Bauprojekte werden nach
entsprechender Branchen-Norm abgewickelt wie beispielsweise der des Schweizer
Ingenieur- und Architektenvereins SIA.
Auch geben Unternehmen, Kunden oder die Regulationsbehörden vor, welche Stan-
dards und Vorgaben einzuhalten sind.
Komplexität der Aufgabenstellung
– Mit dem Cynefin-Framework (David J. Snowden, Abb. 1.17) und der Stacey-Matrix
Abb. 1.18 kann die Komplexität der Aufgabenstellung, resp. des Projektes bestimmt
werden.
– Für einfache oder komplizierte Aufgabenstellungen eignet sich eher die klassische,
für die Lösung komplexer und chaotischer Aufgabenstellungen hingegen eher eine
agile Vorgehensweise.
Stabilität der Anforderungen
– Für volatile Anforderungen eignet sich eher eine agile Vorgehensweise.
– Bei stabilen Anforderungen bringt die klassische Vorgehensweise mehr Sicherheit
und Planbarkeit in der Umsetzung.
– Weiter ist zu überlegen wie mit Änderungen im Projekt umgegangen werden soll.
Kompetenzen, Qualifikationen und Erfahrungen der Mitglieder des Projektteams
sowie Affinität des Managements zur Agilität sind weitere entscheidende Faktoren.
Geplante Teamgröße
– Für kleine Teams mit weniger als neun Personen sind agile Methoden sehr gut ge-
eignet.
– Große Teams können beispielsweise mittels LeSS (Large Scaled Scrum) sehr gut
agil arbeiten, wenn sie profunde Kenntnis und Erfahrung in der Anwendung von
agilen Methoden haben. Ansonsten empfiehlt sich eher ein hybrider oder klassischer
Ansatz.
36
1
Einleitung
komplex
• alles ist im Fluss und nicht vorhersehbar,
• keine richtigen Antworten,
• etliche Unbekannte,
• erkennbare Orientierungsmuster,
• viele konkurrierende Ideen,
• kreative und innovative Ansätze sind nötig.
probiere – erkenne – reagiere
kompliziert
• das System ist vorhersehbar,
• Ursache und Wirkung sind
vorhanden, aber nicht für
jeden ersichtlich,
• Expertenrat ist nötig, aber
• mehr als eine richtige Antwort.
erkenne – analysiere – reagiere
chaotisch
• hohe Turbulenz,
• keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen,
• große Unbekannte,
• viele Entscheidungen
unter hohem Zeitdruck.
handle – erkenne – reagiere
einfach
• wiederholbare Muster und
eindeutige Ereignisse,
• klare Ursachen und Wirkungen,
• klare Beziehungen,
• es gibt richtige Antworten.
erkenne – beurteile – reagiere
Abb. 1.17 Cynefin-Framework nach David J. Snowden (vereinfachte Darstellung)
Räumliche Verteilung des Projektteams
– Für agiles Vorgehen ist es empfehlenswert, dass das Projektteam in einem gemein-
samen Raum oder wenigstens im gleichen Gebäude arbeitet.
– Die Anwendung agiler Methoden in verteilten Projektteams ist anspruchsvoll. Daher
ist bei räumlicher Verteilung ein hybrider oder klassischer Ansatz die erste Wahl.
Die Wahl eines geeigneten Vorgehensmodelles ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie
soll am Anfang durch den Auftraggeber zusammen mit dem Projektleiter erfolgen. Ein
Wechsel des Vorgehensmodells im Projektablauf ist möglich, sollte aber gut überlegt und
bewusst vollzogen werden. Von Ad-hoc-Änderungen im Vorgehensmodell ist abzuraten.
Noch zu oft lässt sich beobachten, dass Unternehmen agile Methoden und Abläufe in Pro-
jekten oder in Teilen davon einsetzen, die entsprechenden Teams aber nicht entsprechend
befähigen, agil zu handeln. Tab. 1.7 gibt eine Hilfestellung für die Auswahl des Vorge-
hensmodelles.
1.4
Vorgehensmodelle in Projekten
37
WIE: Technologie
WAS: Anforderungen
klar
sicher
unklar
unsicher
politisch
chaotisch
kompliziert
visionär
komplex
einfach
Abb. 1.18 Stacey-Matrix
Tab. 1.7 Kriterien für Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodelles
Klassisch
Agil
Hybrid
Ausprägung des Pro-
jektes
Standardprojekt
Potenzialprojekt oder
Pionierprojekt
Pionierprojekt, Ak-
zeptanzprojekt oder
Potentialprojekt
Komplexität der Auf-
gabenstellung
Einfach oder kompli-
ziert
Komplex oder chao-
tisch
Kompliziert oder kom-
plex
Stabilität der Anforde-
rungen
Stabil
Volatil
Volatil
Qualifikationen Team-
mitglieder
Unerfahren in agilen
Vorgehensweisen
Erfahren in agilen
Vorgehensweisen
Erfahren in agilen
Vorgehensweisen
Teamgröße
Kleine und grosse
Teams
Idealerweise weniger
als neun Personen.
Mehrere vernetzte
Teams möglich
Große Teams
Räumliche Verteilung
Lokal oder verteilt
über mehrere Stand-
orte
Lokal in einem Raum
oder am selben Stand-
ort
Verteilt über mehrere
Standorte
38
1
Einleitung
1.5
Projekte basieren auf Teamarbeit
Projektarbeit ist immer Teamarbeit. Eine Einzelperson kann die Komplexität eines Projek-
tes nicht alleine bewältigen, sondern nur im Verbund mit anderen. Damit ist die Zusam-
menarbeit im Team ein wesentlicher Erfolgsfaktor im Projektmanagement. Das Modell
der drei Ebenen der Zusammenarbeit in Abb. 1.19 fasst die Anforderungen an die Team-
arbeit zusammen.
1.5.1
Inhalt: Arbeit im System
Sinn und Existenzgrund eines Projektes ist immer der Scope, sei es ein Produkt, eine
Dienstleistung, eine Applikation, ein Prozess oder die Weiterentwicklung der Organisati-
onskultur. In irgendeiner Art und Weise muss für die Organisation oder den Kunden ein
Mehrwert geschaffen werden.
Damit mehrere Personen auf einen gemeinsamen Scope hinarbeiten können, müs-
sen sie diesen kennen und wissen, worum es geht. Ziele und Restriktionen leiten sie,
Sachentscheide richtig zu fällen und entsprechende Dokumente zu erstellen, z. B. Kon-
Beziehung
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Gestalten der Beziehungen, Vertrauen, persönliche
Kommunikation, Projektkultur, Umgang mit Konflikten
Inhalt
Wissen, worum es geht
Produktive Arbeit, Anforderungen und Scope,
Kosten, Zeit, Entscheidungen, Konzepte
Organisation
Gestalten der Zusammenarbeit
Projektorganisation, Anbindung an die Stammorganisa-
tion, Vorgehensweise (Strukturen, Prozesse, Methoden)
Arbeit im
System
Arbeit am
System
Abb. 1.19 Die drei Ebenen der Zusammenarbeit
1.5
Projekte basieren auf Teamarbeit
39
zepte, Lasten- und Pflichtenhefte, Projektauftrag oder Produktvision, Product Backlog
und Sprint Backlog. Auch die produktive Arbeit ist auf dieser Ebene angesiedelt.
1.5.2
Organisation und Beziehung: Arbeit am System
Damit mehrere Personen einen gemeinsamen Scope erreichen können, müssen für ihre
Zusammenarbeit Rahmenbedingungen erfüllt sein.
Organisation
Die Stammorganisation stellt dem Projekt die finanziellen, technischen und personellen
Ressourcen sicher. Das Projekt ist somit immer von der Stammorganisation abhängig.
Bewusst oder unbewusst wirken aus der organisatorischen Ebene u. a. folgende Aspekte
auf das Projekt:
Anbindung des Projektes an die führende Stammorganisation (Abschn. 2.3.9.8)
Position, Rollen und Rollenübernahme in der Projektorganisation (Abschn. 4.1.9)
Methodische Guidelines, Leitfäden oder Handbücher (Abschn. 2.3.13)
Kompetenzregelungen (Abschn. 2.3.9) und Kommunikationsprozesse (Abschn. 3.9.4)
Beziehung
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist integraler Bestandteil von Projektmanagement.
Sie wird der Ebene der Beziehung zugeordnet. Der Mensch als soziales Wesen ist darauf
angewiesen, tragfähige Beziehungen leben zu können. Dadurch kann er auch wesentli-
che Grundbedürfnisse befriedigen, wie die nach Geborgenheit, sozialer Anerkennung und
nach Selbstentfaltung (Abschn. 3.3.3). Dazu ist es so wichtig, dass der Mensch sich als
Teil eines größeren Ganzen wahrnehmen kann. Wie in Abschn. 1.6.2 ausgeführt, ist der
Mensch ein nicht-triviales System: Sein Verhalten ist weder von außen steuer- noch vor-
hersehbar. Gesteuert werden kann jedoch die Gestaltung der Beziehungen zwischen den
Menschen in einer Gruppe. Erster Schritt zu dieser Beziehungsgestaltung ist im Projekt-
management die Stakeholder-Analyse mit dem Kommunikationskonzept. Zudem haben
weitere Aspekte einen Einfluss:
Wie gut sind die Vertrauensbasis (Abschn. 3.3.7) und der Zusammenhalt (Abschn.
4.2.3) entwickelt?
Wie funktionieren das formelle und informelle Netzwerk (Abschn. 4.1.3.3)?
Wie wird kommuniziert (Abschn. 3.9) und mit Feedback umgegangen (Abschn. 3.9.7)?
Wie geht ein Team mit Problemen oder auch mit dem Scheitern um (Abschn. 3.8.5)?
Wie werden Verhandlungen geführt (Abschn. 4.3) und Konflikte bewältigt (Abschn.
4.4)?
Wie wird die Projektkultur gestaltet (Abschn. 4.1.14.2)?
40
1
Einleitung
1.5.3
Wechselwirkungen
Natürlich bestehen zwischen den drei Ebenen der Zusammenarbeit Wechselwirkungen.
Unklare Ziele oder eine widersprüchliche Projektorganisation werden über kurz oder lang
auf der Beziehungsebene sichtbar und können sich in Form von persönlichen oder seeli-
schen Konflikten manifestieren (Abschn. 4.4.2).
Zudem sind auch die Bedürfnisse der einzelnen Teammitglieder unterschiedlich: Die
einen wollen sofort an den inhaltlichen Themen arbeiten, da dies die Ebene ist, auf der sie
sich sicher fühlen. Die anderen können gar nicht inhaltlich arbeiten, bevor sie gut entwi-
ckelte Beziehungen und eine solide Vertrauensbasis für einen offenen Austausch haben.
Die Bedürfnisse der Individuen sind da – abhängig von der Ausprägung der Grundbedürf-
nisse Abschn. 3.3.3 unterschiedlich. Erfasst werden können sie durch Persönlichkeitsty-
pologien wie Belbin oder MBTI (Abschn. 3.10.2).
Eine wichtige Aufgabe des Projektleiters, Product Owners und des Scrum Masters ist
es, den Zusammenhalt im Team zu fördern und zu entwickeln. Wenn dies gelingt, zieht
das Team am gleichen Strick in die gleiche Richtung (Abb. 1.20).
Projektziel
Zusammenhalt im Team
entwickeln und fördern …
… und mit Zugkraft und Entschlos-
senheit zielorientiert arbeiten
Abb. 1.20 Teambildung und Zugkraft
1.6
Projekte sind soziale Systeme
41
1.6
Projekte sind soziale Systeme
1.6.1
Taylorismus in unseren Köpfen
Wir Menschen organisieren unser Leben gerne vorhersehbar und berechenbar. Dies ver-
mittelt uns (vermeintliche) Sicherheit. Diese Haltung ist eine wichtige Grundlage für die
in Abschn. 1.1 vorgestellte Taylorwanne. Frederick Taylor entwickelte seine Theorie um
das Jahr 1910. Damals sanken die Transportkosten, und es wurden immer mehr Maschinen
erfunden. Damit eröffnete sich den Unternehmen erstmals der globale Markt. Innovation
war damals nicht entscheidend, weil wenig Konkurrenz bestand. Und wo ein Mitbewerber
auftrat, konnte der auf einen anderen Markt ausweichen.
Oben wird gedacht, Unten gemacht
Das Mantra des Taylorismus war, dass der Mensch wie eine Maschine zu funktionieren
habe (Oestereich und Schröder 2017, S. 7). Disziplin stand an erster Stelle. Die bestehen-
den Regeln und Prozesse waren einzuhalten. Jeder Arbeitsschritt war genau vorgegeben.
Mitdenken und Kreativität der Arbeiter waren nicht erwünscht. Es wurde klar unterschie-
den zwischen dem Denken und dem Handeln. Die Vorgesetzten legten die Methoden fest
und fällten die Entscheide, die Arbeiter waren für die Umsetzung verantwortlich.
Heute besteht ein hoher Innovationsdruck in globalen Märkten. Das führt dazu, dass
die Komplexität in der Projektarbeit um ein Vielfaches zunimmt. Die Trennung zwischen
Denken und Handeln ist nicht mehr praktikabel oder sehr inneffektiv: Wenn die Entschei-
de nicht durch die Personen gefällt werden können, die die spezifische Fachkompetenz,
die Nähe zur Problemstellung oder zum entsprechenden Markt haben, zieht dies in hierar-
chisch geprägten Organisationen Kommunikations- und Entscheidungsprozesse von sehr
geringer Wertschöpfung nach sich.
Das agile Projektmanagement führt das Denken und Handeln wieder zusammen, indem
es den Product Owner mit weitreichenden Entscheidungskompetenzen ausstattet und dem
Team die Autonomie einräumt, während der Sprints selbst zu entscheiden.
Nur mit der Anpassung der Methoden gelingt der Wandel zur Netzwerkökonomie aber
nicht: Es braucht die entsprechende Haltung, ein adäquates Menschen- und Weltbild.
1.6.2
Menschen und Teams sind nicht-triviale Systeme
Wer Kinder hat, erfährt immer wieder: Was man ihnen sagt (Input) und was sie schließlich
tun (Output), kann meilenweit voneinander entfernt sein. Auch in der beruflichen Zusam-
menarbeit erfahren wir immer wieder, dass eine vermeintlich klare Instruktion an einen
Kollegen eine völlig unerwartete Reaktion bewirkt. Dieses Phänomen erklärt Heinz von
Foerster durch den Begriff der trivialen- und nicht-trivialen Systeme (Abb. 1.21).
42
1
Einleitung
ƒ
Output
Input
ƒ
z
Output
Input
Abb. 1.21 Triviale und nicht-triviale Systeme. (Seliger 2014, S. 67 f.)
Triviale Systeme: Fremdsteuerung
Ein triviales System basiert auf der Logik, dass aufgrund eines klar spezifizierten Inputs
eine spezifische Funktion ausgelöst wird, die dann zu einem klar definierten Output führt.
Im Taylorismus hatte der Mensch wie eine Maschine zu funktionieren; das Menschenbild
wurde also geprägt durch die Logik der trivialen Maschine.
Diese Definition trifft in der unbelebten Natur (Mineralien, anorganische Substanzen)
sowie bei mechanischen, elektronischen und IT-Systemen zu – oder sollte es zumindest.
Autos, Schiffe oder Flugzeuge sind so gebaut, dass sie über die Handlungen aus dem
Cockpit gesteuert werden. Unsere Computer mit all den Programmen und Applikationen
sind daraufhin ausgerichtet, aufgrund spezifischer Eingaben der Benutzer über das Pro-
gramm spezifische Leistungen und Outputs zu generieren.
Nicht-triviale Systeme: Selbststeuerung
Alles was lebt, ist nicht-trivial, seien es Organismen wie Pflanzen oder Tiere, einzelne
Menschen, Projektteams und andere Organisationen. Lebendige Systeme sind selbstor-
ganisiert und von außen nicht steuerbar. Nie ist mit absoluter Gewissheit vorherseh- und
planbar, was die Reaktion (Output) auf eine spezifische Anweisung (Input) sein wird.
1.6
Projekte sind soziale Systeme
43
Eine in bester Absicht an einen Kollegen gerichtete Bemerkung kann dieser völlig
falsch auffassen. Seine aus einem Affekt hervorgegangene Reaktion macht dies deutlich.
Oder: Trotz einem unterzeichneten Projektauftrag und klar geregelten Prioritäten im Pro-
jektportfolio werden dem Projektleiter die Ressourcen nicht zur Verfügung gestellt. In
unserem privaten und beruflichen Leben sind wir immer wieder mit Verhaltensweisen von
anderen Menschen konfrontiert, welche nicht der Erwartung oder Abmachung entspre-
chen.
Diese Unvorhersehbarkeit ist darin begründet, dass die Funktion durch den Zustand des
Systems immer wieder neu beeinflusst wird. Dieser Zustand kann je nach Situation durch
ganz unterschiedliche Faktoren beeinflusst werden: Erfahrungen, Persönlichkeitsmerkma-
le, Interessen, Gefühle, Stimmung, Menschen- oder Weltbilder (Seliger 2014, S. 67).
Einzelne Menschen oder Teams haben ganz viele unterschiedliche Möglichkeiten, auf
Impulse von außen zu reagieren. Sie sind grundsätzlich selbstgesteuert und unberechen-
bar. Der Taylorismus baute auf einem gegenteiligen Menschenbild auf. Wie so oft dürfte
die Wahrheit in der Mitte liegen: Der Mensch kann nicht jederzeit einfach all seine Stim-
mungen und Impulse ausleben. Gemeinschaften wie Familien oder Projektteams sind
darauf angewiesen, dass das Verhalten eines Menschen innerhalb von gewissen Normen
und Konventionen abläuft. Von dem her muss sich der Mensch zu gewissen Teilen „tri-
vialisieren“ lassen, um für andere berechenbar zu werden. Nur so kann die Komplexität
des Zusammenlebens reduziert werden. In der Gesellschaft heißt das, dass wir die Ge-
setze einhalten. Auch Projektteams können nur funktionieren, wenn eine Rollenklärung
stattfindet (Abschn. 4.1.9) und gemeinsame Regeln der Zusammenarbeit definiert werden
(Abschn. 4.2.3). Mit und trotz aller Abmachungen und Regeln ist die Natur des Menschen
„nicht-trivial“, weshalb es immer wieder zu nicht vorhersehbaren Reaktionen kommen
kann. Dies wiederum führt oft zu Konflikten (Abschn. 4.4) und macht das Gestalten von
Veränderungsprozessen so anspruchsvoll (Abschn. 4.5).
1.6.3
Systemischer Ansatz im Projektmanagement
Mit „systemischem Projektmanagement“ ist ein ganzheitliches Projektmanagement ge-
meint, bei dem die menschlichen Aspekte eine wesentliche Rolle spielen. Der systemische
Ansatz geht davon aus, dass Projekte soziale Systeme sind, welche eigendynamisch und
selbstreferentiell wirken und mit der Umwelt vernetzt sind. Ihre kleinste Einheit ist nicht
der Mensch, sondern die persönliche Kommunikation (Abschn. 3.9). Somit ist das Augen-
merk auf die kommunikativen Beziehungen zwischen Menschen und Gruppen zu richten:
Rahmenbedingungen, Spielregeln, Dynamiken und Spannungen. Diese Betrachtungswei-
se verhilft u. a. zu folgenden Erkenntnissen:
Betriebliche Rahmenbedingungen
Das System „Projekt“ steht in Beziehung zum System „Stammorganisation“. Durch die
unterschiedlichen Kulturen entsteht eine Spannung zwischen den beiden Systemen. Die
44
1
Einleitung
Unterschiede zwischen der Welt „Stammorganisation“ und der Welt „Projekt“ sind be-
einflussbar, beispielsweise durch den Grad an Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheit im
Projekt und die Ressourcenzuteilung. Die Nominierung und Ausgestaltung der Projekt-
rollen oder die Regeln der Kommunikation sind konkrete Beispiele dazu. Solche Maß-
nahmen erhöhen die gegenseitige Aufmerksamkeit und sensibilisieren dafür, dass die
Aufmerksamkeit gesteuert werden kann (Kreativität Abschn. 1.7.2). Die damit gewon-
nene organisationale Dynamik gibt dem Projekt Energie. Oft wird aber den betrieblichen
Rahmenbedingungen – und damit der Arbeit am System – wenig Aufmerksamkeit ge-
schenkt. Daher unterstützen sie Projekte oft kaum (Dierig 2015).
Selbststeuerung
Eine rigide Fremdsteuerung widerspricht den Grundsätzen nicht-trivialer Systeme und des
systemischen Weltbildes. Dies hat man im agilen Projektmanagement wie beispielsweise
Scrum erkannt: Die Selbststeuerung des Teams ist hier integraler Bestandteil. Der Scrum
Master ist explizit für die Rahmenbedingungen verantwortlich. Er arbeitet als „Kontext-
manager“ am System. Das Team organisiert sich selber und arbeitet damit sowohl im, als
auch am System (Kollegiale Führung Abschn. 4.1.2). Das mag irritieren, bedeutet es doch
einen Paradigmenwechsel gegenüber den klaren Hierarchien, die in vielen Organisationen
heute noch anzutreffen sind.
Stakeholder Management
Beeinflusst vom Systemdenken ist auch das Stakeholder Management (Abschn. 2.3.5).
Dadurch werden u. a. die Beziehungen zu den beteiligten Menschen und Gruppen im
und ums System Projekt analysiert sowie Unterstützungen, kritische Haltungen oder un-
terschiedliche Interessen in Bezug auf das Projekt festgestellt. Das ist die Basis für die
Projektorganisation und die Projektkommunikation.
Netzwerke
Noch wenig wird mit Vernetzung gearbeitet. So können z. B. Teilprojektteams, die gegen-
seitig vernetzt – statt durch einen Gesamtprojektleiter koordiniert – werden, in komplexen
Situationen eine weit höhere Koordinationsleistung erbringen.
1.6.4
Mechanistisches und systemisches Weltbild
Ob Gift oder Medizin entscheidet das Maß (Paracelsus).
Taylor basierte seine Lehre auf einem mechanistischen Weltbild. Dieses ist geprägt von
der Überzeugung, dass der Mensch und die Organisation über Logik und lineare Kausal-
ketten erklärbar sind. Hier dominieren harte Fakten und die Überzeugung, dass es eine
gemeinsame Objektivität und damit auch eine Wahrheit gibt. Die in Abschn. 1.6.3 aus-
1.6
Projekte sind soziale Systeme
45
Tab. 1.8 Basierend auf Königswieser und Hillebrand (2004, S. 28)
Mechanistisches Weltbild
Systemisches Weltbild
Objektivität, eine Wahrheit, unveränderliche
Gesetze
Wirklichkeitskonstruktion, viele Wahrheiten,
Hypothesen
Richtig – falsch, schuldig – unschuldig
Kontextabhängigkeit, Nützlichkeit, Anschluss-
fähigkeit
Fremdsteuerung
Selbststeuerung, Selbstorganisation
Lineare Kausalketten
Vielfältige Wechselwirkungen
Formale Logik, Widerspruchsfreiheit
Integration von Widersprüchen
Harte Fakten, rationale Beziehungen
Integration von harten und weichen Faktoren
(Emotionen, Intuition)
geführten Aspekte des systemischen Projektmanagements basieren auf dem systemischen
Weltbild.
In Tab. 1.8 sind wesentliche Unterschiede zwischen diesen beiden Weltbildern gegen-
übergestellt.
Jede Organisation, die Projekte abwickelt, ist ein lebendiges und damit ein nicht-
triviales System. Damit wird der systemische Ansatz zu einem integralen Bestandteil
jeder Projektorganisation, egal ob diese nach dem agilen oder klassischen Ansatz arbeitet.
Es soll hier weder darum gehen, das mechanistische Weltbild schlecht zu machen noch
die Taylorwanne auszukippen. Für gewisse Projekte eignet sich der klassische Ansatz bes-
ser, für andere der agile. Natürlich geht es in der Projektarbeit auch um harte Fakten. Das
Budget muss besprochen und das Controlling abgewickelt werden. Komplexitäten müs-
sen abstrahiert und lineare Kausalketten gebildet werden. Aber in der Zusammenarbeit
von Menschen geht es immer auch um die Aspekte des systemischen Weltbildes. Wie das
Sprichwort von Paracelsus offenbart, ist es das Maß, welches das Gift von der Medizin un-
terscheidet: Wer nur im mechanistischen Denken zuhause ist, wird einmal die Erfahrung
machen, dass er konfrontiert wird mit Phänomenen wie Widerstand und Konflikt. Auch
könnte er nicht in der Lage sein, kreative Lösungen zu finden. Bei denen, die sich nur am
systemischen Denken orientieren, ist die Gefahr groß, dass sie Ursache-Wirkungsprinzi-
pen nicht erfassen oder kreative Lösungen entwickeln, die kein Kunde bezahlen will.
Es geht nicht um das „Entweder-Oder“. Der Umgang mit Polaritäten und damit die In-
tegration der Gegensätze mit dem „Sowohl-Als-Auch“ soll maßvoll zwischen den Polen
ausbalancieren: Je nach Fragestellung oder Situation sollten wir in der Lage sein abzu-
schätzen, welche Haltung oder welches Denken zielführend ist.
Die Erfahrungen zeigen jedenfalls, dass der systemische Ansatz eine äußerst wirkungs-
volle Gestaltungsmöglichkeit für das klassische wie auch das agile Projektmanagement
bietet. Wichtig ist zu wissen, dass die Systembetrachtung nicht die psychologischen bzw.
die gruppendynamischen Grundsätze ablöst. Beide ergänzen sich.
Im klassischen Projektmanagement steht die Fremdsteuerung mehr im Vordergrund:
Auftraggeber und Projektleiter sind die beiden zentralen Rollen, die mit den wesentlichen
46
1
Einleitung
Entscheidungskompetenzen ausgestattet sind. Natürlich müssen auch die Erwartungen
und Zuständigkeiten der anderen Stakeholder geklärt werden, was z. B. mit einer RACI-
Matrix dargestellt werden kann (Abschn. 2.3.9.9). Auch die Ziele werden zu Beginn des
Projektes so gut wie möglich spezifiziert.
Der Projektleiter ist oft damit herausgefordert, dass er sowohl für die Arbeit am System
wie auch für die Arbeit im System zuständig ist. In kleineren und mittleren Projekten
ist der Projektleiter oft auch eine wesentliche technische Ressource. Der hohe Zeitdruck
verleitet diesen dann dazu, seine knappen Ressourcen auf die produktive Arbeit im System
zu fokussieren. Die Arbeit am System steht dann im Hintergrund. So wird ein Projekt
Kick-off in nur einer Stunde durchgeführt. Das reicht knapp dafür, ein Verständnis von
der Aufgabe zu erhalten. Aber es ist weit davon entfernt, ein soziales Teamgefüge und
einen Organisationsrahmen zu gestalten, in dem sich die Mitglieder als Teil eines größeren
Ganzen verstehen können. Damit fehlen auch die Klärungs- und Erörterungsgrundlagen
in einer frühen Phase der Zusammenarbeit, was sich dann während der Projektabwicklung
in spezifischen Symptomen wie Konflikten und Widerständen manifestiert.
Im agilen Projektmanagement steht die Selbststeuerung mehr im Vordergrund. Das
Team muss die Führungsarbeit unter sich aufteilen und kann damit Denken und Handeln
zusammenführen. Auch die Vernetzung zu internen und externen Stakeholdern wird nicht
über die Hierarchie geregelt, was ebenfalls anspruchsvoll ist.
Den Projektleiter gibt es in diesem Ansatz nicht. Durch den Scrum Master wird in
diesem Ansatz explizit eine Rolle geschaffen, welche keine inhaltlich produktive Arbeit
leisten soll oder kann, sondern sich vollumfänglich auf die Arbeit am System konzentriert.
Der Scrum Master ist einzig und alleine dafür da, die optimale Zusammenarbeit zwischen
den beiden „produktiven“ Rollen Product Owner und Team sicherzustellen. Zudem ist
seine Aufgabe, Hindernisse, mit welchen das Team konfrontiert wird, aus dem Weg zu
räumen und zu gewährleisten, dass die jeweiligen Anforderungen und Herausforderungen
mit den optimalen methodischen Ansätzen bearbeitet werden.
1.7
Vielseitigkeit und Kreativität
Der Existenzgrund von jedem Projekt ist es, etwas Neues zu schaffen. Sei es eine neue
Kundenanfrage oder eine interne Problemstellung: Die vorhandenen Produkte und Lö-
sungsstrategien genügen den neuen Anforderungen nicht (mehr).
Die Anforderung an die Kreativität ist in einem Standardprojekt (Abschn. 1.2.1) eher
gering, in einem Potential- oder Pionierprojekt jedoch sehr hoch. Darauf wird im zweiten
Teil dieses Abschnittes eingegangen. Immer wesentlich für Projektverantwortliche ist ihre
Vielseitigkeit.
1.7
Vielseitigkeit und Kreativität
47
1.7.1
Vielseitigkeit
In Projekten müssen Ziele von mittlerer bis hoher Komplexität in einem beschränkten
Zeitraum mit interdisziplinären Teams erreicht werden. Auch wenn eine Organisation
schon viele ähnliche Projekte abgewickelt hat, führt ein einfaches „copy-paste“ eines
abgeschlossenen Projektauftrages oder -plans nicht zum Ziel. Projekte sind als soziale,
lebende Systeme immer in einem Entwicklungs- und Lernprozess. Die Professionalität
von Projektverantwortlichen in beiden Ansätzen liegt darin, dass es ihnen immer wieder
neu gelingt, aufgrund der aktuellen Situation die wirkungsvollste Strategie zu wählen. Das
äußert sich in den Vorgehensprinzipien (Abschn. 1.3.3) oder in der Wahl der Vorgehens-
modelle (Abschn. 1.4.6) oder in der Gestaltung der Zusammenarbeit (Abschn. 1.5). Jedes
neue Projekt eröffnet wieder neue Handlungsspielräume, die die Projektverantwortlichen
erkennen und ausnützen sollen. Viel kann schon erreicht werden, wenn die bestehenden
Ressourcen und Kompetenzen optimal in die Gestaltung der neuen Projekte einfließen.
1.7.2
Kreativität als Überschuss von Aufmerksamkeit
Die Krone der Vielseitigkeit trägt die Kreativität. Hier geht es darum, Innovation zu
schaffen, Ideen und Lösungsansätze zu entwickeln, die in ihrer Art neu sind. Spezifi-
sche Kreativitätstechniken werden in Abschn. 2.8 ausgeführt. Hier sind zu diesem Thema
grundlegende Gedanken in Zusammenhang mit dem Menschen und der Organisation dar-
gestellt.
Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hat die Kreativität wissenschaftlich unter-
sucht. Er betrachtet Kreativität als die zentrale Sinnquelle des Menschen. Denn alle
kulturellen Errungenschaften des Menschen, sei es die Sprache, Technik, Wissenschaft,
Kunst oder Wirtschaft, sind Resultate der menschlichen Kreativität (Csikszentmihalyi
2015, S. 9).
Wer innovativ sein will, wer wirklich nachhaltig etwas Neues schaffen will, braucht
viel Energie. Altbewährtes muss losgelassen und die Grenzen des Wissens müssen über-
schritten werden. Kreativität erfordert immer wieder, neu zu lernen. Dies ist nicht nur ein
lustvoller Prozess; oft ist das auch mit Mühe, Anstrengung und Rückschlägen verbunden.
Der Mensch ist ein begrenztes Wesen. Wir können zu einem Zeitpunkt nur eine be-
schränkte Menge an Informationen aufnehmen und verarbeiten. Wenn wir etwas lernen
wollen, müssen wir diesem Thema unsere Aufmerksamkeit schenken. Das Problem ist,
dass auch unsere Aufmerksamkeit beschränkt ist. Zuallererst braucht der Mensch seine
Aufmerksamkeit, um sein Überleben zu sichern. Solange unser Grundbedürfnis nach kör-
perlicher Integrität nicht befriedigt ist (Abschn. 3.3.3), können wir uns um nichts Anderes
kümmern. Dazu kommen viele weitere Erwartungen aus Familie, Freundeskreis und Ge-
sellschaft, die unsere Aufmerksamkeit erfordern. Im Berufsalltag dasselbe Lied: vieles
erfordert Aufmerksamkeit. Je stärker wir absorbiert werden durch betriebliche Notwen-
48
1
Einleitung
digkeiten aus der Linien- oder Projektarbeit, desto weniger Aufmerksamkeit bleibt übrig
für das nachhaltige Schaffen von Neuem.
Für Csikszentmihalyi ist Kreativität immer nur dann möglich, wenn ein Überschuss
an Aufmerksamkeit vorhanden ist (2015, S. 20). Solange der Mensch völlig absorbiert
ist mit sich und anderem, kann er nicht die Energie für Innovation aufbringen. Das be-
weist auch der Blick zurück in die Geschichte: Wesentliche Kreativitätsschübe der Men-
schen fanden z. B. statt in Athen 500 v. Chr., in Florenz im 15. Jahrhundert oder in Paris
im 19. Jahrhundert. Es handelte sich dabei immer um Orte und Zeiten mit relativ ho-
hem materiellem Wohlstand. Dies erlaubte den Menschen, ihre Aufmerksamkeit über das
Überlebensnotwendige heraus auf andere Lebensinhalte zu lenken. So wurden enorme
Entwicklungsschritte in Philosophie, Kunst, Architektur und Wissenschaft ermöglicht.
1.7.3
Wechselspiel zwischen Mensch, Feld und Domäne
Kreativität ist jede Handlung, Idee oder Sache, die eine bestehende Domäne verändert oder
eine bestehende Domäne in eine neue verwandelt (Csikszentmihalyi 2015, S. 48).
Eine weitere Differenzierung scheint angebracht in der Quelle der Kreativität. Vielfach
wird der einzelne Mensch mit seinen guten Ideen als wichtigster Faktor für Kreativität
bezeichnet. Natürlich sind diese wichtig. Damit eine Idee jedoch sichtbar wird, ist ein
anderer Aspekt wesentlich: Sie muss für andere Menschen verständlich sein und von Ex-
perten im spezifischen Fachbereich anerkannt werden. Ansonsten kann keine nachhaltige
Innovation stattfinden.
Damit ist Kreativität immer auch das Resultat von Wechselbeziehungen zwischen
Menschen oder Gruppen, die eine neue Idee haben, Experten (Feld), die diese Idee
bewerten können und einem Fachbereich (Domäne), welcher durch diese Idee verändert
wird (Csikszentmihalyi 2015, S. 47 ff.):
Mensch
Was einen Wert hat, hat einen Preis.
Der Erfindergeist des Menschen ist die Quelle unserer Kulturgüter und Technologie. Ak-
tuell ist der Mensch daran, seine Vorreiterrolle in der Kreativität an die künstliche In-
telligenz zu verlieren. Enorme Mittel fließen in die Weiterentwicklung der künstlichen
Intelligenz. Maschinen und Roboter werden lernfähig und autonom und schlagen den
Menschen im Schachspielen und anderem. Für Dennis Lück (Lück, NZZaS, 11.03.2018)
ist es ein großer Widerspruch, dass einerseits alles dafür gemacht wird, die künstliche In-
telligenz zu fördern, während andererseits die Grundlagen der menschlichen Kreativität
zu wenig gefördert werden.
Neben der Erbanlage hat die Umwelt einen wesentlichen Einfluss auf die Kreativität
des Menschen (Abschn. 3.3). Damit rückt das Schulsystem in den Fokus. Oft steht in
1.7
Vielseitigkeit und Kreativität
49
den Schulen noch die Erarbeitung des Wissens im Vordergrund. Was es aber braucht, um
kreativ zu sein, sind Kompetenzen oder Skills: Es geht darum, in komplexen Situationen
neue Lösungsansätze zu entwickeln (Abschn. 2.3.15), die bestehenden Regeln und Me-
thoden in Frage zu stellen, aus Fehlern und dem Scheitern zu lernen (Abschn. 3.8.5,) und
Perspektiven zu wechseln (Abschn. 3.9.8.3). Lück empfiehlt für die Schulen mehr Pro-
jektarbeiten, durch welche die Schüler zusammen an Themen arbeiten können, welche sie
wirklich interessieren. So entwickeln sie mehr ihre Kompetenzen, als dass sie Wissen mit
Verfalldatum anhäufen. Dank dem, dass der Mensch sein Leben lang lernfähig ist, gelten
diese Empfehlungen auch für alle Organisationen, die Projekte abwickeln.
Kreativität ist nicht gratis zu haben: Für wen sie einen Wert hat, der muss auch bereit
sein, einen Preis dafür zu bezahlen.
Beispiel
In Bezug auf Scrum waren es Jeff Sutherland und Ken Schwaber, die sich Mitte der
1990er Jahre fragten, wie die Software-Entwicklung effektiver gestaltet werden kann.
Schwaber und Sutherland entwickelten neue Ideen zur Abwicklung von Projekten, weil
ihnen die gängigen Projektmanagement-Ansätze zu wenig zielführend schienen.
Um kreativ zu sein, muss ein Mensch außerhalb der gängigen Normen und Gewohnhei-
ten denken können. Damit stellt er das bestehende System in Frage und konfrontiert dieses
mit seinen Schwächen. Maßnahmen zur Förderung von Kreativität sind in Abschn. 1.7.4
aufgeführt.
Feld
Das Feld besteht aus Experten und Opinion Leaders, welche den Gehalt einer neuen
Idee abschätzen können und von welchen auch abhängt, ob eine Idee weiter entwickelt
werden soll oder kann. Zum Feld gehören alle Personen und Organisationen, die den Zu-
gang zu einem Fachbereich (Domäne) überwachen. Diese entscheiden, welche Idee oder
welches neue Produkt in eine Domäne aufgenommen werden soll. Im Projektmanage-
ment besteht das Feld im Wesentlichen aus den Standards und Zertifizierungsmodellen
(Abschn. 1.8). Was hier aufgenommen wird, wird Teil der Domäne. Zum Feld der Domäne
Projektmanagement gehören auch die Fachgremien und Communities, Verlage, etablierte
Autoren oder Beratungs- und Bildungsinstitutionen.
Wären die Ideen von Schwaber und Sutherland nicht von Repräsentanten des Feldes
aufgenommen worden, es wäre nun wohl kaum ein etabliertes Verfahren geworden, das
mittlerweile in vielen Bereichen angewendet wird.
In einer Firma wird das Feld oft gebildet durch die Mitglieder des Managements, den
Leiter des PMO oder die Auftraggeber in den Projekten. Sie werden mit den Ideen und
kreativen Vorschlägen ihrer Mitarbeiter konfrontiert. Was sie gutheißen, kann nachhaltige
Veränderung bewirken. Was sie jedoch ablehnen oder verhindern, ist in den meisten Fällen
verloren.
50
1
Einleitung
Domäne
Im Beispiel von Sutherland und Schwaber wurden ihre Ideen des agilen Projektmanage-
ments in das „Kulturgut“ Projektmanagement übernommen. Dieses bezeichnet Csikszent-
mihalyi als Domäne. Hier wird das Wissen gesammelt und bewirtschaftet, was für einen
spezifischen Fachbereich anerkannt ist und Gültigkeit hat.
Jede Firma hat im Bereich ihrer spezifischen Geschäftstätigkeit auch eine oder mehrere
Domänen, welche es ihnen erlauben, eine Wertschöpfung zu entwickeln. Diese Domäne
kann in spezifischen Technologien oder Dienstleistungen liegen und ist immer auch ver-
bunden mit einer spezifischen Prozesskompetenz, wie den Kunden die Leistungen zur
Verfügung gestellt werden.
Jede Projektorganisation hat in irgendeiner Art auch Erfahrungen gesammelt, was in
ihrem spezifischen Geschäftsfeld die beste Art und Weise ist, Projekte abzuwickeln. Meis-
tens findet das Niederschlag in einem Projektmanagement Handbuch o. ä. Dieses bildet
dann für alle Projektverantwortlichen die verbindliche Guideline zur Vorgehensweise und
Methodik im Projekt. Würden sich die Verantwortlichen in einer Firma nun dazu ent-
scheiden, ihre Projekte nicht nur nach dem klassischen Ansatz abzuwickeln, sondern je
nach Projektart auch agiles oder hybrides Projektmanagement anzuwenden, würden sie
dadurch die firmeninterne Domäne des Projektmanagements erweitern.
Abb. 1.22 stellt die Dynamik zwischen Individuum, Feld und Domäne dar.
Feld
Domäne
Individuum, Team
• • •
Abb. 1.22 Drei Einflussfaktoren von Kreativität
1.8
Standards und Zertifizierungsmodelle im Projektmanagement
51
1.7.4
Rahmenbedingungen für Kreativität
Welche Konsequenzen haben diese Betrachtungen für das operative Projektmanagement?
Kreativität ist immer nur dann möglich, wenn ein Überschuss an Aufmerksamkeit vorhan-
den ist.
Projektteams sind prädestiniert dafür, einen Überschuss an Aufmerksamkeit zu ent-
wickeln für ein spezifisches Thema.
Die Arbeit am System (Abschn. 1.5.2) ist wesentlich: Das Projektteam muss so gut
wie möglich geschützt werden vor störenden Einflüssen aus der Stammorganisation
oder aus anderen Projekten, was die Aufmerksamkeit der einzelnen Personen verzettelt.
Je mehr eine Person parallel an mehreren Projekten arbeitet – und möglicherweise auch
noch Linienaufgaben hat – desto beschränkter ist die Aufmerksamkeit für eine spezifi-
sche Fragestellung. Das ist v. a. ein Problem in der Projektkoordination (Abschn. 2.3.9).
Kreativität fängt in den einzelnen Köpfen an und wird durch gute Kreativitätstechniken
(Abschn. 2.8) unterstützt.
Das Feld kontrolliert den Zugang zur Domäne: Damit spielen die Entscheidungsträger
in jeder Projektorganisation eine wesentliche Rolle: Linienvorgesetzte, Auftraggeber,
Projektleiter oder Product Owner: Wie gehen sie mit neuen Ideen um? Was sie zu-
rückweisen, ist verloren. Wer illusorische Ansätze verfolgt, verschwendet wertvolle
Ressourcen.
Welche Organisationskultur wird effektiv gelebt, welches Verhalten wird belohnt
(Abschn. 4.1.13)? Werden Projektverantwortliche ermutigt, neue Ideen einzubringen?
Was passiert, wenn etwas nicht funktioniert? Wie ist der Umgang mit dem Scheitern
(Abschn. 3.8.5)?
Professionelle Entscheidungstechniken (Abschn. 2.8.2), Risikomanagement (Abschn.
2.3.8) sowie die Steuerung der Erwartungshaltung der Anspruchsgruppen (Abschn.
2.3.5) sind integrale Bestandteile von nachhaltiger Kreativität.
1.8
Standards und Zertifizierungsmodelle im Projektmanagement
Im Markt existieren unterschiedliche Standards und Zertifizierungsmodelle für das Pro-
jektmanagement. Die unterschiedlichen Standards fokussieren auf unterschiedliche The-
men wie Kompetenzen oder Projektmanagementprozessen. Auf internationaler Ebene gibt
es drei namhafte Zertifizierungsmodelle: IPMA, PMI und PRINCE2. In der Schweiz ist
im Bereich der öffentlichen Verwaltung HERMES als Prozessmodell stark verbreitet.
Zusätzlich gibt es auch Normen, welche das Projektmanagement beschreiben und struk-
turieren.
Die verschiedenen Zertifizierungsmodelle geben jeweils für ihr Modell einen Stan-
dard vor. Der Vorteil des Einsatzes eines Standards ist die gemeinsame Sprache und ein
gemeinsames Prozessframework in einem Unternehmen oder bei der unternehmensüber-
52
1
Einleitung
Tab. 1.9 Übersicht zu Zertifizierungsmodellen
IPMA
PMI
Prince2
HERMES 5
Projektmitarbeiter
Certified Project Ma-
nagement Associate
(Level D)
CAPM
PRINCE2 2017
Foundation
HERMES 5 –
Foundation Level
Projektleiter
Certified Project
Manager (Level C)
Certified Project
Senior Manager
(Level B)
PMP,
PMI-ACP
PRINCE2 2017
Practitioner
PRINCE2 Agile
Practitioner
HERMES 5 –
Advanced Level
Projektdirektor,
Programm Mana-
ger und Portfolio
Manager
Certified Project
Director (Level A)
PgMP,
PfMP
greifenden Zusammenarbeit. Wenn jedoch ein Modell gewählt wird, welches nicht zum
Unternehmen passt, werden sich die Probleme in der Projektabwicklung vervielfachen.
Die von IPMA, PMI, Prince2 und Hermes angebotenen Zertifizierungen werden in
Tab. 1.9 zusammengefasst.
Die Scrum Alliance bietet unterschiedliche Zertifikate im Bereich Scrum an.
1.8.1
IPMA – International Project Management Association
IPMA ist weltweit verbreitet und hat europäischen Ursprung.
Für Personen bietet IPMA ein Zertifikationssystem mit vier Levels an. Die Basis für
die Zertifizierung bildet die Individual Competence Baseline (ICB).
Neben der Zertifizierung von Personen bietet IPMA auch die Möglichkeit, Teams
nach Project Excellence Baseline und Organisationen mit der Organisational Compe-
tence Baseline zu zertifizieren. Die Personenzertifizierung auf Basis der ICB ist das
erfolgreichste Zertifizierungsmodell von IPMA.
Die Zertifizierungen werden durch die jeweiligen Länderorganisationen (Deutschland:
Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement GPM, Schweiz: Verein zur Zertifizierung
von Personen im Management VZPM und Österreich: Projekt Management Austria
PMA) angeboten und durchgeführt.
Bei der IPMA-Zertifizierung geht es um den Nachweis von vorhandenen und ange-
wandten Kompetenzen. Dadurch unterscheidet sich IPMA wesentlich von den anderen
Zertifizierungsmodellen, welche sehr prozessorientiert und auf die Anwendung eines de-
finierten Frameworks ausgelegt sind.
Die IPMA versteht unter individueller Kompetenz die Anwendung von Wissen, Fer-
tigkeiten und Fähigkeiten, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Fähigkeiten bauen
auf Fertigkeiten auf, welche wiederum Wissen voraussetzen:
1.8
Standards und Zertifizierungsmodelle im Projektmanagement
53
Tab. 1.10 IPMA-Zertifizierungsbereiche und Zertifizierungslevels
Domain
Level
Project
Programme
Portfolio
A
Certified Project Director
Certified Programme
Director
Certified Portfolio
Director
B
Certified Senior Project Manager
Certified Senior
Programme Manager
Certified Senior Port-
folio Manager
C
Certified Project Manager
D
Certified Project Management Associate
Wissen ist die Gesamtheit an Informationen und Erfahrungen, die eine Person besitzt.
Beispiel: Konzept eines Gantt-Diagramms erklären können
Fertigkeiten sind spezielle technische Fähigkeiten, mit deren Hilfe eine Person eine
Aufgabe ausführen kann.
Beispiel: Ein Gantt-Diagramm erstellen
Fähigkeiten beschreiben den effektiven Einsatz von Wissen und Fertigkeiten in einem
bestimmten Kontext.
Beispiel: Einen Projektablaufplan mit Gantt-Diagramm erstellen und damit erfolgreich
steuern
Das Herz der ICB bildet das „Eye of Competence“. Die Kompetenzen sind in
Abschn. 1.3.2 beschrieben.
Tab. 1.10 zeigt das Zertifizierungssystem der IPMA für Personen.
In der Schweiz ist die Zertifizierung auf Level D eine reine Wissensprüfung mit „open
book“. Für Zertifizierungen auf den Levels B und C ist neben der Wissensprüfung auch der
Nachweis entsprechender Projekterfahrung und eines realisierten Projektes notwendig.
Dabei muss der Kandidat in einem schriftlichen Bericht und einem Interview nachweisen,
wie er die individuellen Kompetenzen in seinem Referenzprojekt angewandt hat. Auf dem
Level A entfällt die Wissensprüfung.
1.8.2
PMI – Project Management Institute
PMI ist ein weltweit etablierter Anbieter eines Zertifizierungssystems. In den USA ist PMI
ein de facto Standard für die Abwicklung von Projekten.
Die Zertifizierungen nimmt direkt PMI vor. Es gibt länderspezifische Chapters, welche
dem Networking und der Verbreitung der PMI Methoden dienen.
Die Zertifizierungen basieren auf dem PMBOK® Guide (Project Management Body of
Knowledge). Für agile Vorgehensweisen bietet das PMI einen ergänzenden „Agile Prac-
tice Guide“ an.
54
1
Einleitung
Der PMBOK® Guide beschreibt neben organisatorischen Einflüssen auf das Projekt-
management einen Projektablauf mit vier Phasen. Der PMBOK® Guide strukturiert den
Projektablauf in fünf Prozessgruppen:
Initiating Process Group (Initialisierung)
Planning Process Group (Planung)
Executing Process Group (Ausführung)
Monitoring and Controlling Process Group (Überwachung und Steuerung)
Closing Process Group (Abschluss)
Zu den Prozessgruppen definiert der PMBOK® Guide in der 6. Edition 2017 insgesamt
10 Wissensgebiete (siehe Tab. 1.11).
Ein Wissensgebiet (bspw. Projekt Risikomanagement) wird in einzelne Prozesse (z. B.
Risiken identifizieren) aufgeteilt. Für jeden Prozess werden ein Eingangs- und ein Aus-
ganswert definiert und die möglichen Werkzeuge und Methoden beschrieben. Dadurch
stellt der PMBOK® Guide ein umfassendes prozessorientiertes Methodenset dar.
Das PMI bietet folgende acht Zertifizierungsmöglichkeiten an:
CAPM, Certified Associate in Project Management
PMP, Project Management Professional
PgMP, Program Management Professional
PfMP, Portfolio Management Professional
PMI-PBA, PMI Professional in Business Analysis
PMI-ACP, PMI Agile Certified Practitioner
PMI-RMP, PMI Risk Management Professional
PMI-SP, PMI Scheduling Professional
Die Zertifizierung erfolgt mittels einer Multiple Choice Prüfung (closed book) und
basiert auf dem PMBOK® Guide.
1.8.3
PRINCE2
PRINCE2 ist in Großbritannien ein de facto Standard für die Abwicklung von Projekten.
Prince2 steht für „Projects in Controlled Environment“.
PRINCE2 wurde ursprünglich von der britischen Regierung entwickelt. Heute wird
PRINCE2 von der Firma AXELOS Ltd. angeboten.
PRINCE2 ist ein sehr detailliertes und integriertes Prozessmodell, welches genau fest-
legt, was von Projektbeginn bis zum Ende im Projekt gemacht werden muss. PRINCE2
fokussiert auf das zur Verfügung gestellte Framework. Es geht weniger um ein Methoden-
set oder um Kompetenzen. Abb. 1.23 zeigt das Projektmanagementsystem von Prince2,
bestehend aus Grundprinzipien, Themen und Prozessen.
1.8
Standards und Zertifizierungsmodelle im Projektmanagement
55
Tab. 1.11 Auszug aus den Projektmanagementprozessen (Wissensgebiete und Prozessgruppen, beginnt mit 4. Project Integration Management)
Wissensgebiete
Projektmanagement-Prozessgruppen
Initierungsprozess-
gruppe
Planungsprozessgruppe
Ausführungsprozess-
gruppe
Überwachungs und
Steuerungsprozess-
gruppe
Abschlussprozess-
gruppe
4. Integrations-
management in
Projekten
4.1 Projektauftrag
entwickeln
4.2 Projektmanagementplan
entwickeln
4.3 Projektdurch-
führung lenken und
managen
4.4 Projektwissen ma-
nagen
4.5 Projektarbeit über-
wachen und steuern
4.6 Integrierte Än-
derungssteuerung
durchführen
4.7 Projekt oder
Phase abschließen
5. Inhalts- und Um-
fangsmanagement in
Projekten
5.1 Inhalts- und Umfangsma-
nagement planen
5.2 Anforderungen planen
5.3 Inhalt und Umfang
definieren
5.4 Projektstrukturplan
erstellen
5.5 Inhalt und Umfang
validieren
5.6 Inhalt und Umfang
steuern
6. Terminplanungs-
management in
Projekten
6.1 Terminmanagement
planen
6.2 Vorgänge definieren
6.3 Vorgangsfolge festlegen
6.4 Vorgangsdauer schätzen
6.5 Terminplan entwickeln
6.6 Terminplan steuern
7. Kostenmanage-
ment in Projekten
7.1 Kostenmanagement
planen
7.2 Kosten schätzen
7.3 Budget festlegen
7.4 Kosten steuern
8. Qualitätsmanage-
ment in Projekten
8.1 Qualitätsmanagement
planen
8.2 Qualität managen
8.3 Qualität lenken
56
1
Einleitung
Pro
ject
en
viro
nm
ent
Progress
Change
Risk
Plans
Quality
Organization
Business case
PRINCE 2 processes
PRINC
E 2 pri
nciple
s
PRINC
E 2 the
mes
Abb. 1.23 Übersicht Prince2 Modell
Die sieben Grundprinzipien von PRINCE2 lauten:
Fortlaufende geschäftliche Rechtfertigung
Lerne aus Erfahrung
Definierte Rollen und Verantwortlichkeiten
Steuern über Managementphasen
Steuern nach dem Ausnahmeprinzip
Produktorientierung
Anpassen an die Projektumgebung
Die sieben Themen von PRINCE2 lauten:
Business Case (Wozu?)
Organisation (Wer?)
Qualität (Was?)
Pläne (Wie?/Wie viel?/Wann?)
Risiken (Was ist, wenn?)
Änderungen (Was sind die Auswirkungen?)
Fortschritt (Wo stehen wir?/Wie geht es weiter?/Fortfahren?)
1.8
Standards und Zertifizierungsmodelle im Projektmanagement
57
Die sieben Prozesse von PRINCE2 lauten:
Projekt vorbereiten
Projekt lenken
Projekt initiieren
Eine Phase steuern
Produktlieferung managen
Phasenübergang managen
Projekt abschließen
Für PRINCE2 werden folgende Zertifizierungen angeboten:
PRINCE2 2017 Foundation
PRINCE2 2017 Practitioner
PRINCE2 2017 Agile Practitioner
Die Zertifizierung erfolgt mittels einer Multiple Choice Prüfung (open book) und ba-
siert auf dem jeweils aktuellen PRINCE2 Manual.
1.8.4
HERMES
HERMES ist die Projektmanagementmethode für öffentliche Verwaltungen in der
Schweiz. HERMES unterstützt die Steuerung, Führung und Ausführung von Projek-
ten verschiedener Charakteristiken und Komplexität. So genannte Szenarien stehen
kostenlos zur Verfügung für IT-Individualanwendung klassisch und agil, IT-Standar-
danwendung, IT-Anwendung Weiterentwicklung, IT-Infrastruktur, Entwicklung von
Dienstleistung/Produkt klassisch und agil sowie Organisationsanpassung.
Ein Szenario besteht aus Modulen. Ein Modul enthält die thematisch zusammenge-
hörenden Aufgaben, Ergebnisse und Rollen. Sie sind den Phasen und Meilensteinen
zugeordnet.
Für HERMES werden folgende Zertifizierungen angeboten:
HERMES 5 – Foundation Level für Projektmitarbeiter (Prüfung: Multiple Choice)
HERMES 5 – Advanced Level für Projektleiter (Prüfung mit Multiple Choice und of-
fenen Fragen)
1.8.5
Scrum Alliance
Das Ziel der Scrum Alliance ist es, Scrum weiter zu etablieren. Dazu bietet die Scrum
Alliance Zertifizierungen für Scrum an:
58
1
Einleitung
Certified Scrum Master
Certified Scrum Product Owner
Certified Scrum Developer
Darauf aufbauend kann die Zertifizierung zum Certified Scrum Professional abge-
schlossen werden.
1.8.6
DIN 69901 und ISO 21500
In Deutschland existiert mit der DIN 69901 eine Reihe von Normen zur Standardisierung
des Projektmanagements:
DIN 69901-1 Grundlagen
DIN 69901-2 Prozesse, Prozessmodell
DIN 69901-3 Methoden
DIN 69901-4 Daten, Datenmodell
DIN 69901-5 Begriffe
Auf internationaler Ebene existiert die Norm ISO 21500 „Leitfaden zum Projekt-
management“, welche Begriffe, Grundlagen, Prozesse und Prozessmodell im Projekt-
management beschreibt.
Beide Normen repräsentieren eher die klassische Sicht auf das Projektmanagement
und geben bezüglich des Vorgehensmodells keine klaren Empfehlungen. Agiles Projekt-
management ist bis zur Drucklegung dieses Buches noch nicht in die Normen eingeflos-
sen.
1.9
Projektportfolio-, Multiprojekt- und Programmmanagement
Viele Organisationen leiden unter einem Projektboom, welcher die zur Verfügung stehen-
den Ressourcen völlig verzettelt. Aus nicht immer nachvollziehbaren Beweggründen wird
aus allen Problemstellungen ein Projekt gemacht, oder die simple Problemlösung wird
Projekt genannt. Oftmals hat dies damit zu tun, dass sich viele Führungskräfte überfordert
fühlen mit schwerwiegenden oder unangenehmen Führungsentscheiden. Sie delegieren
diese an ein Projekt oder lassen offen, nach welchen Kriterien etwas aus der Stammorga-
nisation in ein Projekt herausgelöst werden soll.
Das Management der Projekte wird vielfach unterschätzt. Eine Übersicht aller im Ge-
samtunternehmen laufenden Projekte fehlt oder ist nur mangelhaft vorhanden. Damit ist
weder eine Priorisierung der einzelnen Vorhaben möglich, noch können die vorhande-
nen Ressourcen zielgerichtet eingesetzt werden. Als Übersicht und Entscheidungshilfe
Literatur
59
kann hier ein Projektportfolio Unterstützung leisten. Das Portfoliomanagement wird in
der Praxis auch Multiprojektmanagement genannt. Für die Umsetzung von strategischen
Initiativen kann es auch hilfreich sein, Projekte in einem Programm zu bündeln. Diese
unterschiedlichen Themen können wie folgt gegeneinander abgegrenzt werden:
Projektportfolio-
management = Multi-
projektmanagement
– Strategisch orientierte und Abhängigkeiten zwischen Projekten be-
rücksichtigende Lenkung aller Projekte eines Unternehmens oder eines
Unternehmensbereichs.
– Ein Projektportfolio besteht aus Einzelprojekten und/oder Programmen.
– Ein Projektportfolio ist zeitlich unbegrenzt.
– Konfiguration, Priorisierung und Kontrolle von Projektportfolios, um
die richtigen Dinge zu tun.
Programm-
management
– Dient der Umsetzung von ausgewählten strategischen Initiativen und
Zielen.
– Setzt sich aus der Umsetzung verschiedener Projekte zusammen.
– Dauert solange, bis die strategischen Initiativen umgesetzt und die stra-
tegischen Ziele erreicht sind. Ein Programm ist somit zeitlich begrenzt.
– Nach Beendigung des Programms wird auch die temporäre Struktur des
Programmmanagements abgebaut.
Projektmanagement
– Projektmanagement wird für Gestaltung, Lenkung und Controlling von
einzelnen Projekten eingesetzt: die Dinge richtig tun.
Der Schwerpunkt des vorliegenden Buches liegt auf dem Projektmanagement. Die
Themen Projektportfolio- und Programmmanagement werden im Abschn. 2.7 weiter ver-
tieft.
Literatur
Beck Kent, Schwaber Ken, Sutherland Jeff und weitere. (2001) Manifesto for Agile Software De-
velopment. http://agilemanifesto.org/
Csikszentmihalyi, Mihaly. (1997, 2. Auflage, 2015). Flow und Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta.
Dierig, S. (2015). Projektkompetenz im Unternehmen entwickeln. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag
Berlin.
Doppler, Klaus & Lauterburg, Christoph. (1994, 13. Auflage 2014) Change Management, den Un-
ternehmenswandel gestalten. Frankfurt: Campus
Königswieser, R., & Hillebrand, M. (2004). Einführung in die systemische Organisationsberatung.
Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.
Königswieser, R., Sonuc, E., & Gebhardt, J. (2008). Komplementärberatung. Das Zusammenspiel
von Fach- und Prozeß-Know-how. Stuttgart: Klett-Cotta.
Kotter, J.P (2012). Leading Change: Wie Sie Ihr Unternehmen in acht Schritten erfolgreich verän-
dern. München: Vahlen Verlag.
Lück, NZZaS, 11.3.2018
Oestereich, B., & Schröder, C. (2017). München: Verlag Franz Vahlen GmbH.
Petersen, Dominik, Witschi, Urs; Kötter, Wolfgang & Bahlow, Jörg. (2011). Den Wandel verändern.
Change-Management anders gesehen. Wiesbaden: Gabler Verlag | Springer Fachmedien
60
1
Einleitung
Pflaeging, Niels & Hermann, Silke. (2015). Komplexithoden. Clevere Wege zur (Wieder)Belebung
von Unternehmen und Arbeit in Komplexität. München: Redline
Project Management Institute, (2017). PMBOK® Guide in der 6. Edition
Seliger, Ruth (2008). Das Dschungelbuch der Führung (5. Auflage, 2014 Ausg.). Heidelberg: Carl-
Auer Verlag GmbH.
Wohland, Gerhard & Huther-Fries, Judith & Wiemeyer, Matthias & Wilmes, Jörg (2004): Vom Wis-
sen zum Können. Merkmale dynamikrobuster Höchstleistung. Eine empirische Untersuchung
auf systemtheoretischer Basis. Eschborn: Detecon & Diebold Consultants
2
Methodik
2.1
Einführung
2.1.1
Klassisch, agil und hybrid
Kap. 1 gibt eine kurze Einführung in die klassische, agile und hybride Vorgehensweise
im Projektmanagement. In der klassischen Vorgehensweise wird ein Projekt in Phasen
unterteilt; das Ergebnis liegt bei Ende des Projekts vor. In der agilen Vorgehensweise
werden Teilergebnisse fortlaufend erstellt.
Bei genauerer Betrachtung durchläuft auch eine agile Vorgehensweise wie Scrum ei-
ne verkürzte Konzeptphase, eine Realisierungs- und Einführungsphase. Die Aufgaben der
Initialisierung werden in der agilen Vorgehensweise vor oder oft zusammen mit der Erstel-
lung der Produktvision, des Product Backlogs und des Release-Plans in der Konzeptphase
erledigt.
Die wichtigste Phase in der agilen Methode ist die Realisierungsphase. Nach einer
definierten Anzahl Sprints wird ein Release produktiv gesetzt. Diese Produktivsetzung ist
durchaus mit der Einführungsphase in der klassischen Vorgehensweise vergleichbar.
Im vorliegenden Handbuch Projektmanagement werden die klassische und agile Vorge-
hensweise nicht getrennt behandelt. Im Sinne des hybriden Projektmanagements werden
die Elemente der klassischen und der agilen Vorgehensweise anhand der Phasen des klas-
sischen Projektmanagements (Projektbeauftragung, Initialisierung, Konzept, Realisierung
und Einführung) erklärt und vertieft. Das hybride Projektmanagement lässt offen, wie die
Teile der klassischen und agilen Vorgehensweise miteinander kombiniert werden. Situativ
muss entschieden werden, welche der Kombinationsmöglichkeiten im hybriden Pro-
jektmanagement angewendet werden soll:
61
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019
J. Kuster et al., Handbuch Projektmanagement, https://doi.org/10.1007/978-3-662-57878-0_2
62
2
Methodik
Projektmanagement-Kompass
Vorbereitungsphase
0 Beauftragung
Projektphasen
1 Initialisierung
Nutzungsphase
(basierend auf Scrum)
Schwerpunkt
Idee
Projektziele (WAS)
Projektteam konstituieren
Risikomanagement
Erste Risikobetrachtung
Risiken auflisten
Planung
Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit,
Controlling
Information &
Projekthandbuch aufsetzen
Kommunikation
Ergebnisse
Projektsteckbrief (1-Pager)
Projektauftrag
Business Case
Stakeholder-Analyse
Projektantrag
Risikoliste
Schwerpunkt
Idee
Projektziele / Lastenheft (WAS)
Projektstrukturierung, Grobplanung
Projektteam konstituieren
Risikomanagement
Erste Risikobetrachtung
Risiken identifizieren
Planung
Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit,
Projektstrukturierung
Phasen- und Meilensteinplan
Projektstrukturplan
Controlling
Projektstatus Meeting
Projektausschuss konstituieren
Information &
Kommunikation
Projekthandbuch aufsetzen
Ergebnisse
Projektsteckbrief (1-Pager)
Projektauftrag
Business Case
Lastenheft
Projektantrag
Stakeholder-Analyse
Risikoliste
Projektplan (Meilenstein-
und Projektstrukturplan)
Lieferobjekte
0
1
Abb. 2.1 Kompass für die klassische und agile Vorgehensweise
2.1
Einführung
63
2 Konzept
3 Realisierung
Produktkonzept (WAS)
Umsetzung (Sprints)
Abnahme
Risiken bewerten
Massnahmen vereinbaren
Releaseplanung
Sprintplanung
Sprintplanung
Aktualisierung Releaseplan
Aktualisierung Releaseplan
Daily Standup Meeting
Daily Standup Meeting
Sprint Review
Sprint Review
Burndown Charts (Release, Sprint)
Burndown Charts (Release, Sprint)
Standup Meeting
Daily Standup Meeting
Daily Standup Meeting
Retrospektive
Retrospektive
Produktkonzept
Sprint Backlog
Abnahmeprotokoll
Product Backlog
aktualisierter Releaseplan
Projektabschluss
Releaseplan
Inkrement
Lessons Learned
Testkonzept
Umsetzung (Entwicklung, Bau,
Serieproduktion (Produkt)
Detailplanung
Konstruktion, etc.)
Inbetriebnahme (Anlage)
Test
Produktivsetzung (Software)
Risiken bewerten
Massnahmen vereinbaren
Detailplanung
Termin- und Kostenplanung
Change Request Management
Change Request Management
Ressourceneinsatzplanung
Fortschrittskontrolle
Fortschrittskontrolle
Fortschrittskontrolle
Korrekturmassnahmen
Korrekturmassnahmen
Korrekturmassnahmen
Steuerungsgruppe
Steuerungsgruppe
Steuerungsgruppe
Projektstatus Meeting
Projektstatus Meeting
Projektstatus Meeting
Reporting
Reporting
Reporting
Pflichtenheft
Testberichte
Serienfreigabe (Produkt)
Termin- und Kostenplan
Konstruktionsfreigabe
Abnahmeprotokoll (Anlage)
Ressourceneinsatzplan
Inhaltliche Ergebnisse
Projektabschluss
Risk Management Tool
Lessons Learned
Testkonzept, Betriebskonzept
Nutzung
2
3
4
1
Abb. 2.1 (Fortsetzung)
64
2
Methodik
Klassisch und agil abgewickelte Phasen
Klassisch und agil abgewickeltes Teilprojekt
Situative Kombination von Elementen aus der klassischen und agilen Vorgehensmetho-
de (z. B. Daily Standup Meeting und Retrospektive in der klassischen Vorgehensweise)
Fokus der klassischen und agilen Vorgehensweise in den einzelnen Phasen
Der Kompass in Abb. 2.1 gibt einen Überblick über die Schwerpunkte, Aktivitäten
(Risikomanagement, Planung, Controlling, Information und Kommunikation) und Er-
gebnisse in den einzelnen Phasen für die klassische und agile Vorgehensweise. In der
Übersicht zeigt sich deutlich, dass die Auseinandersetzung mit dem WAS und WIE in der
agilen Vorgehensweise erst zu einem späteren Zeitpunkt stattfindet als in der klassischen
Vorgehensweise.
Unterschiedliches Vorgehen in der Planung des Projektes
Die agile und die klassische Vorgehensweise verfolgen unterschiedliche Ansätze in der
Planung des Projektes.
In der agilen Vorgehensweise erfolgt in der Konzeptphase nur eine grobe Planung.
Da hier mit einem fixen Team gearbeitet wird, vereinfacht sich die Ressourcen- und Kos-
tenplanung. Die Detailplanung wird erst unmittelbar vor der Umsetzung eines Sprints
durchgeführt. Die Planung in Scrum erfolgt auf drei Ebenen und ist als Übersicht in
Abb. 2.2 ersichtlich:
In der Release-Planung während der Konzeptphase werden folgende Punkte fest-
gelegt: Planung der Anzahl Sprints, Festlegung der provisorischen Reihenfolge der
Umsetzung der Anforderungen aus dem Product Backlog, Festlegung der Produktivset-
zungstermine von Releases.
Während des Sprint Plannings in der Realisierungsphase erfolgt die Planung der Ak-
tivitäten eines Sprints. Das Ergebnis wird im Sprint Backlog festgehalten.
Die Planung des Arbeitstages erfolgt im Daily Scrum.
In der klassischen Vorgehensweise erfolgt die Planung über mehrere Stufen. Nach-
dem in der Initialisierungsphase die Ziele und Anforderungen (Lastenheft) definiert wur-
den, erfolgt die Projektstrukturierung (Grobplanung). Siehe Abb. 2.3, obere Zeile. Die
Projektstrukturierung enthält folgende Elemente:
Projektphasen und Meilensteine
Projektstrukturplan mit Teilprojekten, Lieferobjekten und Arbeitspaketen mit grober
Kostenschätzung
In der Konzeptphase werden zu den Anforderungen Lösungsvarianten ausgearbeitet.
Für die ausgewählte Lösungsvariante erfolgt eine detaillierte Ausarbeitung des Lösungs-
konzeptes. Basierend auf dem Lösungskonzept erfolgt die Detailplanung des Projektes.
Siehe Abb. 2.3, mittlere Zeile. Die Detailplanung enthält folgende Elemente:
2.1
Einführung
65
Konzept
Realisierung
Produkt-
konzept
Retro
Sprint Backlog
Sprint Planning
Releaseplan
Product
Backlog
Refinement/
Grooming
Release
Einführung
•
•
•
1.
2.
3.
Shipable
increment
Daily Scrum
Sprint Review
Abb. 2.2 Agile Projektplanung
Ablauf- und Terminplan
Ressourcenplan
Kostenplan
2.1.2
Genauigkeit von Schätzungen
Eine Schätzung ist eine provisorische oder vorläufige Kalkulation. Der Kunde oder
das Management des Unternehmens erwartet aber eine möglichst verlässliche und zuver-
lässige Kostenschätzung.
In der agilen Vorgehensweise nimmt man diesen Umstand auf, indem die Dauer (Time-
boxing) und die Kosten des Projektes im Voraus fix definiert werden. Die Unsicherheit
liegt dann im effektiven Leistungsumfang (Scope), welcher realisiert wird.
In der klassischen Vorgehensweise wird der Leistungsumfang (Scope) fixiert. Bei ein-
fachen Projekten und Standardprojekten ist die Schätzung der Zeitdauer und der Kosten
relativ zuverlässig. Bei großen Vorhaben, Pionier- oder Potentialprojekten ist die Schät-
zung der Zeitdauer und der Kosten mit vielen Unsicherheitsfaktoren behaftet und ent-
sprechend am Anfang ungenau. Die Ungenauigkeiten nehmen mit dem Zeitverlauf des
66
2
Methodik
Detailplanung
Terminplan
Kostenplan
Ressourcenplan
Konzepte
Pflichtenheft
Projektstrukturierung
Phasenplan / Teilprojekte / Projektstrukturplan
Ziele
Lastenheft
Multi-Projektmanagement
Abb. 2.3 Klassische Projektplanung, bestehend aus Projekt-Strukturierung und Detailplanung
Projektes und dem Fortschritt ab. Je nach Projektart muss in den Phasen mit folgenden
Toleranzen gerechnet werden:
Nach Projektbeauftragung: +100 %/50 % oder mehr
Nach Projektstrukturierung: +40 %/20 %
Nach Detailplanung: ˙10 %
2.1.3
Praxisbeispiele
Die behandelte Theorie wird anhand von zwei Beispielen von hybridem Projektmanage-
ment aus der Praxis unterlegt.
BLS AG
Die BLS gehört zu den größten Verkehrsunternehmen der Schweiz. Im Kerngeschäft
Bahn betreiben die BLS die Berner S-Bahn und damit das zweitgrößte S-Bahn-Netz
der Schweiz. Zudem fährt die BLS die westlichen Linien der S-Bahn Zentralschweiz.
Auch im touristischen Verkehr ist die BLS verankert. Zum Angebot zählen Bahnlinien
durch das Emmental, im Jura, im Seeland, im Simmental, nach Interlaken sowie über die
2.1
Einführung
67
Lötschberg-Bergstrecke. Die BLS ist tätig in den Bereichen Bus, Schiff, Autoverlad und
Güterverkehr:
Im Emmental betreibt die BLS mit dem Tochterunternehmen Busland AG ein Busnetz
aus 18 Linien.
Die BLS Schifffahrt auf dem Thuner- und dem Brienzersee ist ein Aushängeschild für
die Tourismusdestination Berner Oberland.
Der BLS Autoverlad am Lötschberg von Kandersteg nach Goppenstein bietet ganzjäh-
rig eine schnelle Verbindung von Bern ins Wallis. Mit dem Autoverlad von Brig nach
Iselle bietet die BLS auch eine Verbindung nach Italien an.
Das Tochterunternehmen BLS Cargo AG nimmt im Schienengüterverkehr durch die
Alpen eine zentrale Position ein.
Projekt Vertriebs-Back-End VBE
Zwei Entwicklungen im öV (öffentlicher Verkehr) lagen diesem Projektvorhaben zugrun-
de. Erstens wurden im Branchenprojekt ZPS (zukünftiges Preissystem öV-Schweiz) die
öV-Plattform und die zugehörige Standardschnittstelle NOVA entwickelt. Jedes Trans-
portunternehmen kann die eigenen Vertriebssysteme an diese Schnittstelle anschließen.
Um effektiv Tickets von der öV-Plattform verkaufen zu können, werden ein eigenes Ver-
triebs-Back-End und ein Front-End benötigt. Zweitens nimmt aufgrund der Markttrends
und der fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft die Bedeutung des digitalen Ver-
triebs stark zu. Um diesem Trend sowie den zugrunde liegenden Bedürfnissen gerecht zu
werden und ihre Kundenorientierung zu stärken, muss die BLS ihre Kunden über das In-
ternet wie auch über einen mobilen Kanal bedienen können.
68
2
Methodik
Das Projekt VBE führte diese beiden Entwicklungen zusammen und hatte zum Ziel, bis
Ende 2016 ein eigenes, unabhängiges und mandantenfähiges Vertriebs-Back-End inklusi-
ve einer mobilen Lösung und einem online Vertriebskanal, basierend auf dem zukünftigen
Branchenstandard öV-Plattform/NOVA, zu realisieren.
Metrohm AG
Die Metrohm AG ist einer der weltweit größten Hersteller von Hochpräzisionsinstrumen-
ten für die chemische Analytik und wurde 1943 von Ingenieur Bertold Suhner in Herisau,
Schweiz, gegründet. Vom Start-up hat es Metrohm zum Global Player geschafft und ist
heute mit gut 2200 Mitarbeitern in mehr als 80 Ländern mit eigenen Tochtergesellschaf-
ten und exklusiven Vertriebspartnern präsent. Als weltweiter Marktführer für analytische
Geräte im Titrationsbereich entwickelt Metrohm Lösungen für sämtliche Aufgabenstel-
lungen der Ionenanalytik.
Projekt OMNIS Titriersystem
Im OMNIS Projekt wurde ein voll integriertes Titrationssytem entwickelt, welches die
Bedürfnisse des heutigen Labors adressiert und schnellere Ergebnisse mit mehr Sicherheit,
Komfort und Effizienz liefert. Das voll integrierte System umfasste neben dem Titrator
auch Liquid Handling Module, eine neue Software und einen neuen Proberoboter.
OMNIS bietet Leistung auf einem ganz neuen Level und hat dabei die Antworten auf
die wachsenden Anforderungen im alltäglichen Laborbetrieb:
2.2
Phase Projektbeauftragung
69
Vervierfachung des Probendurchsatzes: Mit ein und demselben System können vier
Analysen gleichzeitig und vollautomatisch durchgeführt werden.
Berührungsfreies Chemikalienhandling: Dank der patentierten 3S-Adaptertechnologie
muss keine Flasche beim Reagenzwechsel geöffnet werden.
Eine Analyseplattform, die jeder beherrscht: Durch eine intuitive Systemführung, kann
OMNIS nahezu von allen Anwendern bedient werden.
Das OMNIS Titrierplattform Projekt wurde sechs Jahre vor der geplanten Marktfreiga-
be gestartet.
2.2
Phase Projektbeauftragung
Geänderte Marktbedingungen, Kundenwünsche und der Druck, Effizienzgewinne reali-
sieren zu müssen, zwingen Unternehmen dazu, laufend Projekte umzusetzen. Meist gibt
es mehr Wünsche für neue Projekte, als was ein Unternehmen sich leisten kann. Die Pro-
jektidee muss es in der Phase der Projektbeauftragung schaffen, ins Portfolio der Projekte
(Abschn. 2.7) aufgenommen zu werden.
Auftraggeber und weitere Mitarbeiter (z. B. Portfoliomanager, Produktmanager oder
Projektleiter) klären ab, ob ein neues Vorhaben projektwürdig ist. Dazu wird ein Projekt-
steckbrief und ein Business Case (Abschn. 2.2.3) erarbeitet und in die Projektportfolio-
Diskussion aufgenommen. Der Projektsteckbrief klärt die wichtigsten Eckdaten der Pro-
jektidee: Ziele, zu schaffender Mehrwert, grobe Zeit- und Budgetvorstellung, Bezug zur
Strategie. Der Business Case klärt die strategische Relevanz, den Nutzen und die Wirt-
schaftlichkeit. In dieser Phase wird das Projekt noch nicht konkret geplant, aber es wer-
den genügend Eckdaten zusammengetragen, damit die Unternehmensführung entscheiden
kann, welche Projekte umgesetzt werden sollen und welche nicht. Idealerweise wird in
dieser Phase auch der Projektleiter, der Product Owner oder Scrum Master ernannt. Zum
Schluss der Phase wird der Projektantrag zur Planung der Initialisierungsphase erstellt.
In dieser Phase gibt es keine spezifischen Unterscheidungen zwischen Projekten, die
agil oder klassisch abgewickelt werden.
Für kleine Projekte und Auftragsabwicklungsprojekte kann diese Phase gekürzt oder
übersprungen werden.
2.2.1
Worauf kommt es in der Phase Beauftragung an?
Schritte der Phase Projektbeauftragung
Tab. 2.1 zeigt die wichtigsten Schritte in der Phase Projektbeauftragung.
70
2
Methodik
Tab. 2.1 Schritte der Phase Projektbeauftragung
Arbeitsschritt
Beschreibung
Projektwürdigkeit
überprüfen
(Abschn. 1.2.3)
Für den Entscheid, ob ein Vorhaben als Auftrag innerhalb der Linie abgewi-
ckelt werden soll oder als übergreifendes Projekt durchzuführen ist, gelten
folgende Kriterien:
– Sind andere Bereiche betroffen?
– Welche Bereiche müssen wie viele Ressourcen beisteuern?
– Welche Bedeutung und Konsequenzen hat das Vorhaben für die Zukunft
des Unternehmens?
– Welche Risiken bestehen?
– Was geschieht, wenn das Vorhaben gestoppt wird?
Projektsteckbrief
und Business Case
schriftlich festhal-
ten
Projektsteckbrief und Business Case erarbeiten. Diese Dokumente sind Ent-
scheidungsgrundlage für den Grundsatzentscheid, ob das Projekt umgesetzt
werden soll oder nicht.
Planung: erste
Grobschätzung
Schon sehr früh, sobald eine Idee erste Formen annimmt, wird sich der Pro-
jektinitiant überlegen, wie viel Aufwand die Umsetzung der Idee benötigt
und was es dazu sonst noch braucht.
In dieser Phase kann nicht von Planung gesprochen werden, sondern von
Grobschätzung. Die Unsicherheit einer Grobschätzung kann sehr stark
schwanken, z. B. +100 %/50 %. Bei Projekten mit hohem Neuigkeitswert
kann sie noch größer sein (vergleiche auch Abschn. 1.2.1).
Wird eine projektwürdige Idee weiter abgeklärt, und es entsteht daraus ein
Projektsteckbrief und ein Business Case, will der Auftraggeber eine Grob-
schätzung der benötigten Mittel. Er will wissen, bis wann das Projekt zu
welchem Aufwand abgeschlossen ist und bis wann Zwischenresultate zu
erwarten sind.
Erarbeitung Pro-
jektantrag/Planung
der nächsten Phase
(Initialisierung)
Wenn der Entscheid für die Durchführung des Projektes gefällt ist, gilt es,
den Projektantrag zu erarbeiten und dabei folgende Fragen zu beantworten:
– Welche Resultate müssen am Ende der Initialisierungsphase erreicht
sein?
– Welche Zwischenziele müssen bis wann erreicht sein, um den terminge-
rechten Abschluss der Initialisierungsphase zu ermöglichen?
– Gibt es spezielle Risiken oder Probleme, die abzuklären sind? Muss eine
Risikoanalyse oder eine Machbarkeitsstudie durchgeführt werden?
– Wie müssen die Arbeitsschwerpunkte in dieser Phase gelegt werden, um
die Ressourcen optimal zu nutzen?
– Welches spezielle Know-how wird dazu benötigt?
– Wo ist der Einsatz von Engpassressourcen erforderlich?
– Wer steht zur Verfügung? Mit welchen Erfahrungen? Ist schon eine ver-
bindliche Zusage der Linienorganisation vorhanden?
– Muss eine Tätigkeit früher initialisiert werden, weil sie eine überlange
Durchlaufzeit hat?
– Welche internen und externen Kosten fallen in der nächsten Phase an?
2.2
Phase Projektbeauftragung
71
Tab. 2.2 Ergebnisse der Phase Projektbeauftragung
Zu beantwortende
Fragen
– Ist das Projekt mit den verfügbaren Ressourcen zusätzlich zum beschlos-
senen Projektportfolio durchführbar?
– Lohnt sich die Durchführung dieses Projektes unter Berücksichtigung von
Aufwand und erwartetem Nutzen?
Prozessorientierte
Ergebnisse
– Projektsteckbrief
– Projektantrag für die Phase Initialisierung
Inhaltsorientierte
Ergebnisse
– Business Case: Überlegungen, ob das Projekt aus Sicht des Marktes, der
Unternehmensstrategie usw. wirtschaftlich und sinnvoll ist
– Je nach Projektart und Situation: Erste Machbarkeitsabschätzungen, grobe
Ressourcenabstimmung, grundsätzliche Finanzierbarkeit
Ergebnisse der Phase der Projektbeauftragung
In der Phase der Projektbeauftragung ist das Projekt meist noch nicht öffentlich. Das heißt,
die Kommunikation beschränkt sich auf eine sehr kleine Anzahl von involvierten Personen
oder Gremien. Besonders in diesem Kreis muss die Kommunikation sehr sorgfältig ge-
staltet werden. Die Entscheidungsträger müssen sich bei strategisch wichtigen Projekten
damit auseinandersetzen, ob sie nach außen den Willen für dieses Projekt zeigen wol-
len oder ob strikte Geheimhaltung gelten soll, z. B. bei Entwicklungsprojekten. In dieser
Phase geht es darum zu entscheiden, ob das Projekt umgesetzt werden soll oder nicht,
beziehungsweise ob die nächste Stufe der Konkretisierung ausgearbeitet werden soll. Die
Ergebnisse der Phase Projektbeauftragung sind in Tab. 2.2 dargestellt.
Mensch und Team
Folgende Aspekte aus den Kompetenzbereichen Mensch und Team können in dieser Pro-
jektphase relevant sein. Es ist aber auch möglich, dass sie in einer späteren Phase oder gar
nicht auftreten.
In dieser ersten Projektphase wird meistens ein informelles Team geschaffen, welches
die notwendige technische und methodische Expertise hat, um die kritischen Erfolgs-
faktoren der Projektidee zu identifizieren und um Business Case und Projektantrag zu
formulieren. Folgende Maßnahmen und Kompetenzen sind wichtig.
Laterale Führung (Abschn. 4.1.13.2): Meist wird in dieser Phase nicht eine formale
Organisation gebildet, sondern es wird ein Koordinator eingesetzt, der sein Team lateral
führt.
Arbeit im System (Abschn. 1.5.1 und 4.2.4): Die inhaltliche Arbeit steht im Vorder-
grund.
Vielseitigkeit und Kreativität (Abschn. 1.7): Von Anfang an sollten unterschiedliche
Varianten und Szenarien beleuchtet werden.
Informelles Netzwerk (Abschn. 4.1.3.3): Der Projektverantwortliche hat in diesem Sta-
dium noch kein offizielles Mandat. Wie effektiv er in dieser Situation seinen Auftrag
erfüllen kann, hängt stark von seinem informellen Netzwerk ab.
72
2
Methodik
2.2.2
Projektsteckbrief
Im Projektsteckbrief (1-Pager) wird die Idee für ein Projekt strukturiert erfasst und kon-
kretisiert. Der Projektsteckbrief sollte kurz abgefasst sein und Aussagen zu folgenden
Inhalten enthalten:
Projektname
Strategischer Bezug
Kurze Beschreibung
Kurze Historie (wie kommt es zum Projekt, welche Vorleistungen gibt es?)
Erwarteter Mehrwert/Nutzen/Erlös (aus dem Business Case)
Erwartete Kosten (aus dem Business Case), grober Ressourcenbedarf
Geschätztes Start- und Enddatum
Benennung zentraler Projektrollen (Auftraggeber, Projektleiter oder Product Ow-
ner/Scrum Master)
Bekannte Abhängigkeiten
Erste Risikobetrachtung
Der Projektsteckbrief dient zusammen mit dem Business Case als Basis für die Ent-
scheidung, ob die formulierte Idee weiterverfolgt werden und ein konkretes Projekt ge-
startet werden soll. Jedes Unternehmen ist bezüglich dieser Entscheidungsfindung anders
organisiert und aufgestellt. Typischerweise werden solche Entscheidungen anlässlich der
strategischen Planung, Projektportfolioplanung oder einer Mehrjahres- oder Budgetpla-
nung gefällt. Auch das Gremium, in welchem solche Entscheide gefällt werden, variiert:
Geschäftsleitung, Portfolioboard.
Bei Auftragsabwicklungsprojekten kann der Projektsteckbrief auch der Offerte, be-
ziehungsweise der Bestellung des Kunden entsprechen, eventuell ergänzt mit unterneh-
mensinternen Anforderungen.
2.2.3
Business Case
Organisationen leben davon, dass sie Nutzen stiften. Darum stellt sich die Frage nach
dem Nutzen einer Projektidee sehr früh. Überleben kann eine Organisation in unserem
Wirtschaftssystem, wenn sie Geld zur Verfügung hat. Jedes geplante Projekt muss darauf
geprüft werden, ob es die Chancen der Überlebensfähigkeit der Organisation verbessert.
Ob ein Projekt in Angriff genommen werden soll, ist vor der Auftragsvergabe durch
den Auftraggeber oder das entsprechende Gremium zu beurteilen. Dabei spielen nicht
nur quantifizierbare Geldwerte, sondern auch strategische Überlegungen, Philosophien,
Ressourcen usw. eine Rolle.
Viele Organisationen verlangen im Vorfeld eines Projektes zusammen mit dem Pro-
jektsteckbrief einen Business Case mit folgendem Inhalt:
2.2
Phase Projektbeauftragung
73
Problemstellung und Begründung des Vorhabens
SWOT-Analyse
Kundenbedürfnisse und Marktpotential
Rahmenbedingungen
Wettbewerbsposition
Strategische Relevanz, Beitrag zur Erreichung von strategischen Zielen (Strategie-
Alignment)
Marketing Mix
Wirtschaftlichkeit (Erwarteter Mehrwert, Nutzen, Erlöse, Investitions- und Betriebs-
kosten, Ergebnis, Return on Investment)
Nicht-monetärer Nutzen für das Unternehmen
Auswirkungen bei einer Nicht-Durchführung
2.2.4
Projektantrag
Wenn ein Unternehmen aufgrund von Projektsteckbrief und Business Case entscheidet,
das Projekt durchzuführen, so ist in einem nächsten Schritt der Projektantrag für die Phase
Initialisierung zu erstellen.
Der Projektantrag entspricht in wesentlichen Teilen dem Projektauftrag. Der Projekt-
antrag betrachtet jedoch nur die Phase Initialisierung und nicht das ganze Projekt und
regelt diese Punkte:
Ziele für die Phase Initialisierung
Grundlagen (Auf welchen Vorarbeiten bzw. Grundlagen basiert das Projekt?)
Abgrenzungen (Projektgrenzen, Projektumfang)
Abhängigkeiten
Rahmenbedingungen
Ergebnisse und Lieferobjekte der Phase Initialisierung
Projektkosten und personelle Ressourcen für die Phase Initialisierung
Risiken
Projektplan für die Phase Initialisierung (Vorgehen und Terminplan)
Projektorganisation für die Phase Initialisierung
Unterschriften von Auftraggeber und Projektleiter/Product Owner
Einzelne Unternehmen legen Fokus und Inhalt des Projektantrags nicht nur auf die
Initialisierungsphase. Als Vorstufe für den Projektauftrag planen sie bereits das ganze Pro-
jekt grob. Sie schätzen auch die Gesamtkosten und die Folgekosten wie die Betriebskosten
ab.
74
2
Methodik
2.2.5
Checkliste Abschluss Projektbeauftragung
Wurde der Projektantrag erstellt?
Sind Projektwürdigkeit und Projektpriorität geklärt?
– Passt dieses Vorhaben in die Unternehmensstrategie?
– Ist dieses Vorhaben zwingend?
– Was sind die Konsequenzen bei Unterlassung?
Welche Position hat das Projekt im Portfolio?
Wurde eine Wirtschaftlichkeitsabschätzung mit realistischen Annahmen durch-
geführt?
Wurde der Business Case erstellt?
Wurde die Wahl des Vorgehensmodells gefällt: agil, klassisch, hybrid?
Wurde die Phase Initialisierung geplant: Ergebnisse, Zwischenziele, Ressourcen,
Termine, Mittel?
Wurde der Projektantrag freigegeben?
2.3
Phase Initialisierung
In der Phase Initialisierung sind in der klassischen Vorgehensweise verbindliche Aussa-
gen zu Machbarkeit, Risiken und Stakeholdern zu erarbeiten. Wesentliche Grundlagen
dazu sind die Analyse der aktuellen Situation sowie klar vereinbarte Ziele und die Formu-
lierung der Anforderungen.
Es ist ein erklärtes Anliegen, die Unsicherheiten und Risiken, die zu Beginn eines Pro-
jekts bestehen, so rasch und so weit wie möglich zu reduzieren. Gehen die Ziele und
Anforderungen an die Grenzen des Möglichen, oder ist das Mögliche nur ungenau be-
kannt (Technologiegrenze, politisch heikle Ziele), so ist es sinnvoll, vor der Durchführung
des ganzen Projektes eine Vorstudie (ähnliche Begriffe: Machbarkeitsstudie, Feasibility
Study, Vorprojekt) durchzuführen oder einen agilen Ansatz für die Projektdurchführung
zu wählen. Wenn sich zeigt, dass mit den eigenen Möglichkeiten eine Zielerreichung nicht
realistisch ist, drängt sich schon jetzt ein Projektabbruch auf. So wird vermieden, dass
wertvolle Ressourcen für ein aussichtsloses Projekt eingesetzt werden.
In der Initialisierungsphase wird der Projektauftrag verfasst. Darin sind die Ziele,
das Vorgehen, die Projektorganisation, Pläne und die Rahmenbedingungen für das Pro-
jekt festgehalten. Formal ist der Auftraggeber für den Projektauftrag verantwortlich. In
der Praxis arbeitet der Product Owner oder der Projektleiter das Dokument aus. So ist
es viel wahrscheinlicher, dass beide Parteien unter dem Gleichen das Gleiche verstehen.
Der Projektauftrag wird vom Auftraggeber und Product Owner/Projektleiter unterzeich-
net. Dieser Formalismus schützt das Unternehmen vor einer nicht zu bewältigenden Fülle
an Projekten und gibt dem Projektteam eine klare Ausrichtung.
2.3
Phase Initialisierung
75
In der agilen Vorgehensweise wird diese Phase sehr kurz ausfallen oder sogar über-
sprungen.
2.3.1
Worauf kommt es in der Phase Initialisierung an?
Schritte dieser Phase
Die Initialisierung ist in der klassischen Vorgehensweise sorgfältig durchzuführen: Die
Weichenstellungen dieser Phase haben die größten Auswirkungen. Siehe Abb. 2.4. Am
Anfang haben Projektentscheide oder Risikovorkehrungen (blau) großen Einfluss auf das
Projekt. Gegen Ende des Projekts sind die Kosten (rot) hoch, Entscheide haben aber darauf
nur noch wenig Einfluss. Oftmals wird die Initialisierung zu oberflächlich gemacht. Das
wird mit späterem zusätzlichem Zeit- und Ressourcenaufwand teuer bezahlt.
Das Projekt wird offiziell gestartet, der Kick-off mit dem Projektteam durchgeführt.
Schließt die Initialisierung mit dem Antrag, das Projekt weiterzuführen, ist vom Ent-
scheidungsträger grünes Licht für den Fortgang des Projektes einzuholen. Im gegenteili-
gen Fall ist das Vorhaben zu beenden. Bisher erarbeitete Resultate sind so zu dokumen-
Relative Bedeutung
der Entscheide
Wissen
Projektkosten
Risiko
typ. Aufmerksamkeit
des Managements
Initialisierung
Konzept
Realisierung
Einführung
Zeit
klein
mittel
gross
Abb. 2.4 Einflussmöglichkeiten im Projekt
76
2
Methodik
Tab. 2.3 Schritte der Phase Initialisierung
Agile Vorgehensweise
Klassische Vorgehensweise
Wichtigste
Schritte
Ausgangslage und Problem klären
Ist-Zustand erheben und analysieren
Zielsetzung klären und festlegen
Stakeholder analysieren
Groben Projektauftrag ausarbeiten mit:
– Zielsetzung
– Vorgehensplan: Methoden, sehr grober
Terminplan
– Personalressourcen und Projektorgani-
sation
– Grobe Schätzung der Projektkosten
Risiken identifizieren
Projekthandbuch verfassen
Spielregeln festlegen
Projekt Kick-off durchführen
Ausgangslage und Problem klären
Ist-Zustand erheben und analysieren
Zielsetzung klären und festlegen
Anforderungen (Lastenheft) definieren
Stakeholder analysieren
Machbarkeit prüfen
Detaillierten Projektauftrag ausarbeiten
mit:
– Zielsetzung
– Vorgehensplan: Methoden, Schritte,
Meilensteine, grober Terminplan, Pro-
jektstrukturplan
– Abhängigkeiten und Einflussgrößen
– Personalressourcen und Projektorgani-
sation
– Grobe Schätzung der Projektkosten
– Rahmenbedingungen und Abgrenzun-
gen
Risiken identifizieren
Projekthandbuch verfassen
Spielregeln festlegen
Projekt Kick-off durchführen
tieren, dass sie bei Bedarf weiter verwendbar sind. Den Beteiligten ist für ihre Arbeit zu
danken. Der Einsatz zum Schutz der Ressourcen ist zu würdigen.
Früh in der Initialisierungsphase muss entschieden werden, ob das Projekt mit der klas-
sischen, agilen und hybriden Vorgehensweise umgesetzt werden soll. Tab. 2.3 zeigt die
wichtigsten Schritte der Initialisierungsphase in der agilen und klassischen Vorgehens-
weise.
Ergebnisse der Initialisierungsphase
In der Initialisierungsphase wird die Machbarkeit geprüft und damit abgeklärt, ob das
Projekt durchführbar ist und ob es einen ausreichenden Nutzen generieren wird. Reift
die Überzeugung, dass das Projekt gemacht werden muss, werden die nächste Phase und
das Projekt geplant. Je nach gewählter Vorgehensweise – klassisch, agil oder hybrid –
werden in dieser Phase die in Tab. 2.4 dargelegten Ergebnisse erstellt.
Sobald der Projektauftrag freigegeben ist, wird der Kick-off mit dem Projektteam
durchgeführt.
Kritische Erfolgsfaktoren und Key Performance Indikatoren
Das Konzept der kritischen Erfolgsfaktoren (KEF) kann auf der Ebene einer Unterneh-
mung, aber auch innerhalb eines Projektes angewandt werden. Unter KEF versteht man
2.3
Phase Initialisierung
77
Tab. 2.4 Ergebnisse der Phase Initialisierung
Phasen/
Tätigkeiten
Agile Vorgehensweise
Klassische Vorgehensweise
Grundsatz
In der agilen Vorgehensweise wird diese Phase sehr kurz
ausfallen. Es werden nur die groben Eckdaten aus der Phase
Beauftragung überprüft und gegebenenfalls konkretisiert. Die
Planung des Projektes findet mit der Erstellung des Release-
Plans in der Phase Konzept und in den jeweiligen Planungen
der einzelnen Iterationen der Realisierungsphase statt.
In der klassischen Vorgehensweise wird das Projekt umfassend
geplant. Dadurch können klare Aussagen zu Terminen, Kosten und
Ressourcen gemacht werden.
Zu beantwor-
tende Fragen
– Wer sind die relevanten Stakeholder?
– Wer ist Product Owner, Scrum Master und wie ist das Team
zusammengesetzt?
– Was sind die groben Eckwerte für das Projekt?
– Wie werden die Risiken eingeschätzt?
– Bis wann sind die Resultate oder Zwischenergebnisse zu erwar-
ten?
– Wie sieht die Planung für das Projekt aus?
– Wie groß wird der geschätzte Aufwand in Personentagen?
– Wieviel Geld soll über die gesamte Projektdauer investiert wer-
den?
– Wer sind die relevanten Stakeholder?
– Wer ist der Projektleiter?
– Wer sind die Teilprojektleiter?
– Wie ist das Team zusammengesetzt.
– Welche Engpassressourcen werden in welchem Zeitraum benö-
tigt?
– Wie werden die Risiken eingeschätzt?
78
2
Methodik
Tab. 2.4 (Fortsetzung)
Phasen/
Tätigkeiten
Agile Vorgehensweise
Klassische Vorgehensweise
Prozess-
orientierte
Ergebnisse
Projektauftrag als Dokument der Vereinbarung zweier Parteien:
– Vorgehensplan: Methoden, Schritte, Meilensteine, erster Termin-, Ressourcen- und Kostenplan (bei der klassischen Vorgehens-
weise in einer detaillierteren Form als bei der agilen Vorgehensweise)
– Projektorganisation
– Vorgehensplan der nächsten Phase
– Informations- und Kommunikationskonzept (unternehmensintern und -extern) und Spielregeln
Projekthandbuch/Projektmanagementplan
Risikoliste
Stakeholder-Analyse
Statusberichte, Protokolle
Antrag für die nächste Phase
Inhalts-
orientierte
Ergebnisse
In der agilen Vorgehensweise erfolgt erst in der Konzeptphase
die vertiefte inhaltliche Auseinandersetzung, um das Produkt-
konzept zu erstellen. Das heißt, in der Initialisierungsphase
werden keine inhaltlichen Themen erarbeitet. Allenfalls wird
die Machbarkeit geprüft.
Dokumente in der klassischen Vorgehensweise, welche die inhalt-
lichen Ergebnisse betreffen:
– Voraussetzungen und Annahmen
– Schwächen und Mängel des Ist-Zustandes
– Vertiefte Marktstudien, Umfragen, Mitarbeiterbefragungen usw.
– Überarbeitete, detaillierte Zielsetzung
– Anforderungen/Lastenheft
– Prüfung und Beurteilung der Machbarkeit, Kosten, Wirtschaft-
lichkeit, Risiken und detaillierte Wirtschaftlichkeitsrechnung
Konzept: in der Initialisierungsphase stehen Lösungskonzepte
noch nicht im Vordergrund. Hier sind Analyse-Ergebnisse und
Zielsetzungen entscheidender. Lösungen beschränken sich vorerst
auf Lösungsideen oder grobe Varianten.
2.3
Phase Initialisierung
79
die Faktoren und die Schlüsselgrößen, welche für die Erreichung der Zielsetzung des Pro-
jektes von zentraler Bedeutung sind. Die KEF eines Projektes stehen in direkter Beziehung
zu den KEF des Unternehmens. Der Product Owner oder Projektleiter muss in der Lage
sein, die KEF des Projektes auf die KEF der Unternehmung auszurichten. Die Auseinan-
dersetzung mit den KEF ist in der Initialisierungsphase wichtig, da dies hilft, das Projekt
effektiver auf die Zielerreichung auszurichten.
Kritische Erfolgsfaktoren in einem Projekt können sein:
Projektvorgehensweise
Projektstart
Projektorganisation und Besetzung der Rollen
Erfahrung der Schlüsselpersonen im Projekt
Motivation und Zusammenarbeit des Projektteams
Management des magischen Dreiecks von Scope, Zeit und Kosten
Stakeholder-Management
Risikomanagement
Agile oder klassische Projektplanung
Umgang mit Stress, Widerständen und Konflikten im Projektteam
Aufgrund der definierten KEF kann die Projektstrategie (Best in Market, Design to
Cost, Time to Market) (Abschn. 2.3.4) festgelegt werden.
Key Performance Indikatoren (KPI) sind Leistungsindikatoren. Sie helfen, laufend den
Projektfortschritt und den Zielerreichungsgrad zu messen und zu beurteilen. KPI dienen
dem Managen der KEF. Jeder kritische Erfolgsfaktor (KEF) hat einen oder mehrere KPI.
Mensch und Team
Die untenstehenden Aspekte aus den Kompetenzbereichen Mensch und Team können in
dieser Projektphase relevant sein. Es ist aber auch möglich, dass sie in einer späteren Phase
oder gar nicht auftreten.
In der Initialisierung wird die Teamorganisation formalisiert aufgrund der Wahl des
methodischen Ansatzes (agil, klassisch oder hybrid). Zudem wird der Projektauftrag aus-
gehandelt. Damit ergeben sich folgende Maßnahmen.
Nach der Wahl der Methodik (agil, hybrid, klassisch) gilt es, die Schlüsselpositionen
im Team zu besetzen (agil: Abschn. 4.1.12.2 – klassisch: Abschn. 4.1.13.5).
Schlüsselpersonen auswählen: Die Auswahl des richtigen Projektleiters, Product Ow-
ners oder Scrum Masters ist für den Projekterfolg maßgebend.
Am System arbeiten (Abschn. 1.5.2): Mit dem offiziellen Projektauftrag muss die Zu-
sammenarbeit im Team formalisiert werden.
Stakeholder managen (Abschn. 2.3.5): Unterschiedliche Sichtweisen und Erwartungen
der Stakeholder erfassen und deren Vernetzung bewirtschaften, beginnt in dieser Phase.
Bereits kleine Veränderungen sind in diesem Netzwerk spürbar.
80
2
Methodik
Teams aufstellen (Abschn. 4.1.9) sowie Rollen in der agilen (Abschn. 4.1.12) sowie
klassischen (Abschn. 4.1.13) Vorgehensweise bekleiden.
Dynamik in Teams berücksichtigen (Abschn. 4.2): Ein Projektteam kann schon in die-
ser ersten offiziellen Projektphase aus dem „Forming“ in ein „Storming“ fallen. Damit
werden die Kompetenzen in persönlicher Kommunikation (Abschn. 3.9) sowie in Kon-
fliktmanagement (Abschn. 4.4) gefordert.
Verhandlungen führen (Abschn. 4.3): Projektleiter sind in dieser Phase stark gefor-
dert, einen Projektauftrag mit den zuständigen Entscheidungsträgern auszuarbeiten, in
welchem die Einflussfaktoren des magischen Dreiecks (Abschn. 2.3.4) wie auch die
Verteilung von Auftrag/Aufgabe, Kompetenz und Verantwortung (Abschn. 4.1.5) in
einem realistischen Verhältnis zueinander stehen. Verhandlungsführung als wichtige
Kompetenz ist hier gefordert.
2.3.2
Zielsetzung
Ziele sind Aussagen darüber, was mit den zukünftigen Lösungen erreicht oder welcher zu-
künftige Zustand angestrebt werden soll. Sie sind Vorstellungen, Wünsche, Hoffnungen,
Emotionen zur Fragestellung: Was ist zu erreichen? Lösungen hingegen sind keine Ziele,
sondern Möglichkeiten, wie Ziele erreicht werden können.
Oft ist es zweckmäßig, zwischen Zielen und Anforderungen zu unterscheiden. Wäh-
rend Ziele aussagen, was mit der Lösung erreicht werden soll, beschreiben Anforderun-
gen, in welcher Qualität eine Lösung bzw. ein System sein soll, damit die Ziele erreicht
werden können. Anforderungen sind aus Zielen abgeleitet und im „Anforderungskatalog“
(etwa für Offerten) aufgelistet. Vielfach werden Ziele und Anforderungen als Synonym
verwendet: In diesem Fall ist zwischen Zielen und Detailzielen zu unterscheiden.
Die Bedeutung der Zielsetzung ist in der klassischen und in der agilen Vorgehenswei-
se unterschiedlich. Im klassischen Projektmanagement ist es wichtig, möglichst bald zu
einer präzisen, operationalisierten und stabilen Zielsetzung zu gelangen, welche den Maß-
stab zur Beurteilung der Lösungen bildet. Im agilen Bereich sind die Ziele (oft auch eher
Visionen) häufig unscharf und Änderungen unterworfen, also flexibel handhabbar. Das
„magische Dreieck“ in Abb. 2.5 zeigt die Unterschiede: Im klassischen Bereich sind die
Ziele von Anfang an genauer als die Kosten und Termine umschrieben und damit relativ
konstant, während im agilen Bereich Termine und Kosten möglichst rasch fixiert sind und
sich die Ziele und Lösungsmöglichkeiten danach ausrichten (Abschn. 2.3.4).
Grundsätzlich bestimmt die Projektart, wie weit eine Zielstrukturierung getrieben wer-
den soll. So ist z. B. eine Zielstruktur in einem Organisationsprojekt weniger von Bedeu-
tung als in einem technischen und hochkomplizierten Anlageprojekt.
Im klassischen Projektmanagement können die Ziele anhand folgender Strukturie-
rungsmerkmale operationalisiert werden:
2.3
Phase Initialisierung
81
Scope (Vision, Ziele)
operationalisiert, rel. fix
Zeit
Kosten
geschätzt,
eingeplant
geschätzt,
eingeplant
klassisch: Plan Driven
Scope (Vision, Ziele)
ungefähr, flexibel
Zeit (Termine)
Kosten
fix
fix
agil: Vision Driven
Abb. 2.5 Magisches Dreieck im klassischen und agilen Projektmanagement
Globalziel und Detailziele
Systemziele und Vorgehensziele
Mussziele und Wunschziele
2.3.2.1
Zielsetzung entlang der Projektphasen
Der Zielsetzungsprozess entlang des Phasenverlaufs (siehe Tab. 2.5) ist im klassischen
und agilen Vorgehen ebenfalls unterschiedlich.
Im klassischen Projektmanagement, bei dem die Ziele relativ fix sind und eine prägende
Orientierung für die Entwicklung der Lösungen bilden, ist es wichtig, die Zielsetzungen
und die Anforderungen möglichst frühzeitig zu formulieren und stufenweise zu verfei-
nern. Man ermöglicht sich damit eine breite Palette von Lösungsvarianten.
Im agilen Bereich, also wenn in Projekten mit neuen Erkenntnissen, angepassten Prio-
ritäten und Überraschungen zu rechnen ist, geht man iterativ, d. h. lernend vor. Dadurch
fließen auch laufend neue Erkenntnisse bezüglich Zielen und Anforderungen ein. Der
Zielsetzungsprozess ist also über alle Phasen flexibel. Am Anfang stehen eher ungefäh-
re Ziele (oder „Stories“ bzw. Visionen), die sich dann erst in der Realisierungsphase zu
Anforderungen konkretisieren.
82
2
Methodik
Tab. 2.5 Zielsetzung entlang der Projektphasen
Initialisierungsphase
Konzeptphase
Realisierungsphase
Agiles Projekt-
management
– Vision, ungefähres
Globalziel
– Produktkonzept
– Ziele und Anforderungen
– Aus „Stories“ des Kun-
den Anforderungen
(Produkt-Backlog) ab-
leiten
– Anforderungen entspre-
chend den Iterationen
– Laufendes Lernen prägt
die Anforderungen
(Produkt-Backlog)
Klassisches
Projektmanage-
ment
– Aus Analysen abge-
leitete Ziele
– Globalziel und
Anforderungen
(Lastenheft) for-
mulieren
– Zielsetzung laufend über-
prüfen und bei Bedarf
anpassen
– Kriterien für die
Beurteilung der Lösungs-
varianten ableiten
– Lösungskonzepte (Pflich-
tenheft) entwickeln
– Anforderungen
(Lastenheft) und
Lösungskonzepte
(Pflichtenheft) allen-
falls verfeinern oder
korrigieren
Der Zielformulierungsprozess zieht sich in vielen Projekten über mehrere Projekt-
phasen hin. Er zeichnet sich grundsätzlich dadurch aus, dass aus anfänglich vorliegen-
den Globalzielen (z. B. Einführung einer Titriersystem für die Analytica Messe bis Ende
April 2016) klare und spezifische Anforderungen erarbeitet werden. Dabei werden die
Ziele durch iterative Anwendung des Problemlösungsprozesses stufenweise verfeinert.
Sie werden dadurch operationalisiert.
Auch Nichtziele sind hilfreich
Nichtziele können sehr nützlich sein, da sie das Projekt eingrenzen und den Freiraum für
neue Lösungen besser definieren. Oder umgekehrt: Ohne Formulierung von Nichtzielen
kann es passieren, dass neue Probleme oder Schwierigkeiten auftreten und zugelassen
werden. Auch können Nichtziele ein Hindernis für immer neue Wünsche sein, die unwei-
gerlich im Laufe des Projektprozesses auftreten. Beispiele:
Mit der neuen Regelung darf keine zusätzliche Bürokratie entstehen!
Die Anpassung der Website erfolgt ohne Neuformulierung der Texte (dieses Nichtziel
kann auch als Rahmenbedingung bezeichnet werden)
2.3.2.2
Globalziel und Detailziele
Das Grob- oder Globalziel ist oft Bestandteil des Projektauftrags und kommt kurz und
prägnant daher. Es charakterisiert den zu erreichenden Endzustand im Projekt schwer-
punktmäßig und dient den Projektmitarbeitern zur Orientierung. Die Formulierung des
Globalziels beinhaltet eine prägnante Aussage bezüglich:
Was soll erreicht werden?
Qualität, Funktionalität, Umfang
Wann soll das erreicht werden?
Zeitliche Begrenzung
Womit soll das erreicht werden?
Kostenrahmen
2.3
Phase Initialisierung
83
Beispiel
Praxisbeispiel BLS Projekt Vertriebs-Back-End
Globalziel: Technologisches Fundament für eine erweiterbare, zukunftsorientierte, un-
abhängige und mandantenfähige Vertriebsplattform der BLS, mobile Lösung (App),
online Ticketshop und Fahrplanlösung für das Projekt bls.ch bis zum Fahrplanwechsel
Dezember 2016 innerhalb des definierten Budgets.
Beispiel
Praxisbeispiel Projekt Metrohm OMNIS Titriersystem
Globalziel, welches zu Beginn des Projektes im Jahr 2012 definiert wurde: Um die
Marktführerschaft im Gebiet der Titration weiter zu stärken soll ein „best in class“
Titrations-System auf den Markt gebracht werden.
Es soll ein vollautomatisiertes, modulares, anwenderfreundliches Titrationssystem
mit führender Messpräzision entwickelt werden, mit dem Ziel, im Jahr 2016 ein Mi-
nimal Viable Product (MVP) für die potentiometrische Titration anbieten zu können,
welches in den folgenden Jahren mit weiteren Titrationsmethoden erweitert wird. Das
System soll aus einer Robotik Lösung für das Probenhandling, einem Bearbeitungs-
modul, einem Messmodul sowie einer neuen Softwareplattform bestehen. Nichtziele
vom MVP für 2016: es sollen keine Geräte vom aktuellen Portfolio in die Software im
System eingebunden werden. Der geplante Kostenrahmen soll eingehalten werden und
wird quartalsweise überprüft.
Detailziele werden als Anforderungen formuliert. Diese können in umfangreichen
und komplexen Projekten bis zu mehrere hundert Seiten umfassen und werden in vielen
Branchen in ihrer Gesamtheit auch als Spezifikation, Lastenheft, Anforderungskatalog
oder nicht ganz korrekt als Pflichtenheft bezeichnet.
2.3.2.3
Systemziele und Vorgehensziele
Systemziele sind alle Forderungen und Bedürfnisse, welche am Ende des Projektes mit
der Lösung zufriedengestellt werden sollen. Sie sind die Beurteilungskriterien für die Pro-
jektlösung: Leistungs- und Qualitätsziele, Terminziel, wirtschaftliche Ziele. Darunter sind
auch sämtliche Vorstellungen des Auftraggebers hinsichtlich der kurz- und langfristigen
Wirkungen und des Nutzens zu verstehen, die das Projekt erzielen soll.
Vorgehensziele umfassen alle Vorgaben oder Auflagen, welche während des Projekt-
ablaufes zu erfüllen, am Ende des Projektes aber nicht mehr relevant sind. Vorgehenszie-
le können Meilensteine festlegen, bestimmte Hilfsmittel für die Durchführung vorgeben
oder/und Auflagen zur Vermeidung von Störungen durch den Projektablauf machen. Sie
bilden häufig Rahmenbedingungen in der Abwicklung eines Projektes.
Das Praxisbeispiel der BLS zeigt in Tab. 2.6 Systemziele und Vorgehensziele.
84
2
Methodik
Tab. 2.6 Praxisbeispiel BLS: „Vorgehens- und Systemziele“
Systemziel
Vorgehensziel
– Anbindung an die öV-Plattform via NOVA-
Schnittstelle
– Mandantenfähigkeit bezüglich Vertriebs-Back-
End und digitale Verkaufskanäle
– ausbaufähige Architektur, welche den Anschluss
aller Vertriebskanäle erlaubt
– Realisierung einer mobilen Lösung für den
Ticketverkauf
– Realisierung des online Ticketshops für bls.ch
– Integration eines Fahrplans in die mobile Lö-
sung und den Online-Ticketshop
– Das Projekt wird nach der Vorgehens-
methodik HERMES 5.1 abgewickelt
und durchläuft die BLS-internen Quali-
ty Gates (systematische Überprüfung der
Zwischenergebnisse zu definierten Mei-
lensteinen).
– Laufende Abstimmung mit Postauto und
Südostbahn bezüglich der NOVA-Anbin-
dung.
2.3.2.4
Kriterien für zweckmäßige Projektziele
Beim Formulieren von Projektzielen sind folgende Regeln zu beachten:
Ziele so beschreiben, als ob sie bereits erreicht wären; dies hat eine suggestive Wir-
kung. Beispielsweise so: „Ein halbes Jahr nach Inbetriebnahme der Lösung sind die
gesamten Projektkosten amortisiert“.
Ziele lösungsneutral formulieren: Was kann wahrgenommen werden, wenn das Ziel
erreicht ist? Werden Lösungen vorgegeben oder beschrieben, besteht die Gefahr, dass
gute Lösungen zu früh ausgeschlossen werden. Beispiel: „Bei Anruf eines Kunden
stehen die aktuellen Informationen über ihn zur Verfügung.“ Und nicht: „System XY
liefert aktuelle Kundendaten auf den Bildschirm.“
Neben den Zielen sind auch die Rahmenbedingungen festzuhalten: Was muss einge-
halten werden? Was darf unter keinen Umständen passieren? z. B. welche Sicherheits-
aspekte müssen respektiert werden?
Ziele möglichst operational formulieren: Einfach, verständlich, klar, eindeutig messbar
oder so, dass die Zielerreichung beurteilt werden kann. Insbesondere sollen quantita-
tive Ziele in absoluten Werten angegeben werden und nicht lediglich als prozentuale
Verbesserung (gegenüber einer oft nicht genannten Referenzgröße). Zum Beispiel „Die
Ausschussquote soll von heute 1 auf maximal 0,75% reduziert werden“ anstatt „Hal-
bierung der Ausschussquote“ oder „Reduktion der Ausschussquote um 50 %“
Ziele sollen realistisch sein, auch wenn die Lösung im Moment noch nicht ersichtlich
ist. Realistisch meint, dass die Zielerreichung von den Beteiligten aktiv beeinflusst wer-
den kann. Ziele dürfen dabei anspruchsvoll, herausfordernd sein, weil dies vor allem in
einem innovativen Umfeld stark motivierend wirkt.
Operationelle Detailziele sollen in der klassischen Vorgehensweise so früh wie mög-
lich nach dem Projektauftrag und so präzise wie möglich formuliert, später im Projekt-
ablauf allenfalls geändert oder ergänzt werden.
Ziele können auch priorisiert bzw. gewichtet werden: welche Ziele sind wichtiger als
andere?
2.3
Phase Initialisierung
85
Zusammenfassend ist die Formel SMART hilfreich:
I
SMARTe Ziele sind:
Spezifisch
Messbar
Attraktiv/Anspruchsvoll
Realistisch
Terminiert
Im englischen Sprachgebrauch werden teilweise auch die Begriffe Achievable und
Relevant genutzt.
In vielen Situationen sind die Nutzenziele bei Abschluss des Projekts noch gar nicht
messbar, z. B. bei Organisationsentwicklungsprojekten, welche Effizienzsteigerungen
oder kulturelle Verbesserungen erreichen möchten. In solchen Situationen gilt es, geeig-
nete messbare Indikatoren für die eigentliche Zielerreichung zu identifizieren. Beispiele:
Fehlerrate von 10 auf 5 % senken, Durchlaufzeit von heute zwölf auf zehn Monate re-
duzieren, Reduktion der Anzahl Schnittstellen von 50 auf 40, Personalfluktuation um
3 Prozentpunkte von 11,5 auf 8,5 % reduzieren, Anzahl Lagerteile auf 1500 Stück hal-
bieren, Gewinnmarge um 33 % von aktuell 12 % auf 16 % erhöhen. Diese Indikatoren
können dann ein halbes oder ganzes Jahr nach Projektabschluss überprüft werden.
Ziele gemeinsam finden und vereinbaren
Ziele müssen diskutiert, hinterfragt und vor allem akzeptiert sein. Deshalb wird der Pro-
jektleiter oder der Product Owner die Projektziele nie allein formulieren, sondern mit dem
Auftraggeber, dem Projektteam, allenfalls mit dem Projektausschuss oder mit einem Be-
gleitteam erarbeiten und abstimmen. Ziele müssen mit allen Projektinvolvierten vereinbart
werden, alle müssen sich dafür verantwortlich fühlen.
2.3.2.5
Mussziele und Wunschziele
Oft ist es auch sinnvoll, zwischen zwingend zu erreichenden und möglichst zu erreichen-
den Zielen zu unterscheiden:
Mussziele oder Ausscheidekriterien
Wunschziele oder Optimierungskriterien
Mussziele, bzw. Ausscheidekriterien sind Bedingungen, die zwingend zu erreichen
oder einzuhalten sind, damit eine Lösung sinnvoll oder brauchbar ist, selbst wenn es mehr
kostet oder länger dauert. Dazu gehören vor allem Gesetze, Sicherheitsvorschriften, Nor-
men usw. Die Lösungen, welche die Muss-Ziele nicht erreichen, werden ausgeschieden,
nicht akzeptiert. Mussziele müssen widerspruchsfrei sein.
Wunschziele bzw. Optimierungskriterien sind Ziele ohne Ausscheidecharakter. Da
diese mehr oder weniger starke Wünsche sein können und außerdem oft gegenläufig sind
86
2
Methodik
(mit Widersprüchen behaftet), wie z. B. Kostenziele einerseits und Kosten verursachende
Leistungs- und Qualitätsziele andererseits, müssen Optimierungskriterien immer mit einer
zusätzlichen Angabe versehen werden: der Gewichtung. Die Gewichtung ist am einfachs-
ten verständlich, wenn sie in % ausgedrückt wird.
2.3.3
Anforderungen/Requirements Engineering
Anforderungen leiten sich aus den Zielsetzungen ab. Sie konkretisieren die Zielsetzung
und beantworten die Frage „Was soll erreicht werden?“. Die Anforderungen sind viel
konkreter und detaillierter formuliert als die Zielsetzung. Die Anforderungen werden in
einem Lastenheft zusammengefasst. Die weitere Konkretisierung der Anforderungen zu
einem Lösungskonzept beantwortet die Frage „Wie soll die Anforderung umgesetzt wer-
den?“. Dieser Schritt wird im Pflichtenheft dargestellt. Abb. 2.6 zeigt den Zusammenhang
zwischen Zielen, Anforderungen und Lösungskonzept.
In der klassischen Vorgehensweise sollen die Anforderungen alle Kriterien beinhal-
ten, nach welchen später eine Lösung oder Lösungsvariante beurteilt und bewertet wird.
Checklisten helfen schon früh im Projekt, Vollständigkeit zu erreichen. Wird bezüglich
Globalziel
Detailziele
Funktionalität
Qualität
Rahmenbedingungen
Anforderung hinsichtlich…
(Lastenheft, was soll erreicht werden?)
Lösungskonzept
(Pflichtenheft, wie sollen Anforderungen umgesetzt werden?)
Abb. 2.6 Zusammenspiel zwischen Zielen, Anforderungen und Lösungskonzept
2.3
Phase Initialisierung
87
eines Lösungsaspektes keine Anforderung formuliert, so fehlen die Kriterien zur Auswahl
der besten Lösung.
Umfassend werden Lastenheft und Pflichtenheft primär in der klassischen Vorge-
hensweise ausgearbeitet.
In der agilen Vorgehensweise werden die Anforderungen iterativ in der Realisierungs-
phase erarbeitet. Weiter ist eine scharfe Trennung des Lasten- und Pflichtenhefts nicht
immer möglich. Die Anforderungen werden in einem Product Backlog (Abschn. 2.4.3)
geführt.
Anforderungen (Requirements) werden nach IEEE 610.12-1990 wie folgt definiert:
Eine Bedingung oder Fähigkeit, die von einem Benutzer (Person oder System) zur
Lösung eines Problems oder zur Erreichung eines Ziels benötigt wird.
Eine Bedingung oder Fähigkeit, die ein System oder Teilsystem erfüllt oder besitzt,
muss einen Vertrag, eine Norm, eine Spezifikation oder andere formell vorgegebene
Dokumente erfüllen, um ein Ziel zu erreichen.
2.3.3.1
Tätigkeiten des Requirements Engineering
Anforderungen werden im Requirements Engineering – oft als RE abgekürzt – erarbeitet
und definiert. Die Haupttätigkeiten des Requirements Engineering lassen sich wie folgt
zusammenfassen:
Ermitteln: Anforderungen gewinnen, detaillieren und verfeinern
Dokumentieren: Anforderungen adäquat beschreiben
Prüfen und Abstimmen: Qualitätskriterien prüfen
Verwalten: Requirements Management
Eine weitere wichtige Aufgabe des Requirements Engineering ist es Kontext, System-
grenzen und Lieferumfang (Scope) zu klären.
Anforderungen werden durch die Anwendung unterschiedlicher Erhebungstechniken
ermittelt, wie beispielsweise durch Befragung (Interview, Fragebogen), Einsatz von Krea-
tivitätstechniken (Brainstorming, Wechsel der Perspektive) oder Beobachtung (Feldbeob-
achtung, Arbeit des Anwenders unter seiner Anleitung verrichten).
2.3.3.2
Arten von Anforderungen
Tab. 2.7 zeigt die drei Arten von Anforderungen.
Die Rahmenbedingungen (auch als Randbedingungen bezeichnet) sind keine Anfor-
derungen, die umgesetzt werden, sie schränken den Lösungsraum jedoch ein. Es gilt
Gesetze (beispielsweise Rechtsvorschriften, Vorschriften für Sicherheit, Gesundheit und
Umweltschutz), Normen und Standards (beispielsweise relevante Verhaltensregeln, Be-
rufsvorschriften, Prinzipien und Ziele der Nachhaltigkeit) zu identifizieren und dafür zu
sorgen, dass diese eingehalten werden.
88
2
Methodik
Tab. 2.7 Arten von Anforderungen
Funktionale Anforderungen
Nicht-Funktionale Anforderungen
– Funktionen/Fähigkeit des
Systems
– Verhaltensanforderungen
– Strukturanforderungen
– Geschäftsregeln
– Daten
– Zustände
– Fehlerbehandlung
– Schnittstellen
Qualitätsanforderungen:
– Details zu Funktionen (Si-
cherheit, Genauigkeit)
– Zuverlässigkeit
– Benutzbarkeit
– Effizienz
– Änderbarkeit
– Übertragbarkeit
Rahmenbedingungen (organi-
satorisch und technisch):
– Entwicklungsprozess
– Budget
– Termine
– Team
– Gesetze
– Normen
– Standards
– Betrieb
Tab. 2.8 Kriterien für die Güte von Anforderungen und Anforderungsdokumenten
Anforderungen
Anforderungsdokument
– Abgestimmt
– Bewertet
– Eindeutig
– Gültig und aktuell
– Korrekt
– Konsistent
– Prüfbar
– Realisierbar
– Verfolgbar
– Vollständig
– Verständlich
– Konsistent
– Eindeutig/Versioniert
– Klar strukturiert
– Modifizierbar
– Erweiterbar
– Vollständig
– Verfolgbar
2.3.3.3
Kriterien für die Güte von Anforderungen und
Anforderungsdokumenten
Anforderungen und Anforderungsdokumente können anhand der Kriterien in Tab. 2.8 auf
ihre Güte überprüft werden.
2.3.3.4
Priorisierung von Anforderungen
In vielen Projekten formulieren die Anwender, Kunden oder das Marketing mehr Anfor-
derungen und Wünsche als in nützlicher Frist oder mit den zur Verfügung stehenden Mittel
umgesetzt werden können. Damit die wichtigen und zentralen Anforderungen umgesetzt
werden, müssen diese priorisiert werden. Im Projektverlauf können sich Anforderungen
und Wünsche auch verändern. Die agile Vorgehensweise nimmt diesen Umstand auf. Bei
Scrum werden die Anforderungen im Product Backlog laufend priorisiert. Eine Priorisie-
rung der Anforderungen hilft dem Projektteam den Fokus auf die wichtigen und zentralen
Anforderungen zu legen.
Das Priorisieren von Anforderungen ist anspruchsvoll und geschieht durch die Vertreter
der Anwender, Kunden oder das Marketing. Bei Scrum fällt diese Aufgabe dem Product
Owner zu.
2.3
Phase Initialisierung
89
Grad der Kundenzufriedenheit
Erfüllungsgrad der Forderungen
enttäuscht
begeistert
schlecht
gut
intelligente
Schaltung
Begeisterungs-
merkmale
Basis/Grund-
anforderungen
Leistungs-
anforderungen
unausgesprochen
unausgesprochen
ausgesprochen
Anzahl der
Gänge
Zeit
Indifferenz-
zone
funktionssichere
Bremse
Abb. 2.7 Kano Modell zur Bestimmung von Nutzen
Häufig verwendete Kriterien für die Priorisierung sind Nutzen, Kosten und Risiko.
Für die Durchführung der Priorisierung stehen verschiedene Methoden zur Verfügung.
Es empfiehlt sich, verschiedene Methoden miteinander zu kombinieren.
Kano-Modell zur Bestimmung von Nutzen
Kano unterscheidet in seinem Modell zwischen Basis-, Leistungs- und Begeisterungsan-
forderungen, siehe Abb. 2.7. Die Erfüllung der Basisanforderungen (z. B. beheizte Fe-
rienwohnung im Winter, auch bei Regenwetter funktionierende Bremse beim Fahrrad)
ist essentiell, führt jedoch zu keiner hohen Kundenzufriedenheit. Leistungsanforderungen
(z. B. Anzahl Zimmer, Ausstattung der Küche in der Ferienwohnung, Anzahl der Gänge
des Fahrrads) führen zu einem linearen Anstieg der Kundenzufriedenheit. Bei den Leis-
tungsanforderungen gilt das Motto „Je mehr, desto besser“. Begeisterungsmerkmale (z. B.
schöne Aussicht, gute Lage, intelligente Schaltung) führen zu einer hohen Kundenzufrie-
denheit. Die Indifferenzzone ist der Bereich, in dem die Erwartungen mehr oder weniger
erfüllt werden. Die Zufriedenheitswerte in dieser Zone verhalten sich moderat. Außer-
halb der Indifferenzzone steigen, bzw. sinken die Zufriedenheitswerte der Basis- und
Begeisterungsanforderungen überproportional. Es gilt in der Priorisierung eine geschickte
Kombination der Anforderungskategorien zu finden, wobei die Basisanforderungen zwin-
90
2
Methodik
gend umzusetzen sind. Im Zeitverlauf verschieben sich Begeisterungsanforderungen zu
Leistungsanforderungen und Leistungsanforderungen zu Basisanforderungen.
MoSCoW-Priorisierung
Die MoSCoW Priorisierung (teilweise auch unter der Schreibweise MuSCoW geläufig)
unterteilt die Anforderungen in vier Gruppen: Must have, Should have, Could have und
Won’t have:
MUST: Die Umsetzung ist für die Abnahme zwingend erforderlich.
SHOULD: Anforderungen müssen ebenfalls umgesetzt werden, sind aber im Gegen-
satz zu den MUST-Anforderungen durch Change Requests oder Verhandlungen verän-
derbar.
COULD: Diese Anforderungen werden umgesetzt, wenn alle Must- und Should-Anfor-
derungen erfüllt sind und noch ausreichend Ressourcen und Zeit zur Verfügung stehen.
WON’T: Diese Anforderungen werden im aktuellen Projekt noch nicht umgesetzt und
stattdessen in einem Ideenpool oder der Anforderungsliste für das nächste Projekt ge-
speichert.
Businesswert
Wie im Abschn. 2.4.6 Aufwandschätzung beschrieben, werden für die einzelnen Anforde-
rungen die Businesswerte mittels der T-Shirt-Sizing-Methode bestimmt. Die Anforderun-
gen mit den höchsten Businesswerten bekommen die höchste Priorität für die Umsetzung.
Kosten
Eine reine Priorisierung anhand der geschätzten Kosten macht meistens wenig Sinn. Die
Gegenüberstellung von Businesswert und Kosten kann wertvollen Input für die Priori-
sierung liefern. Siehe dazu auch Abschn. 2.4.6.3 Aufwandschätzung mit T-Shirt Sizing
Methode.
Bei dieser Methode werden die Anforderungen nach Wert (Nutzen) und Risiko geord-
net. Die Reihenfolge der Umsetzung der Anforderungen ergibt sich aus Abb. 2.8. Durch
die prioritäre Umsetzung von Anforderungen mit einem hohen Nutzen und hohen Risiken
werden die relevanten Pain Points am Anfang im Projekt adressiert. Dies hilft dem Pro-
jektteam, sich am Anfang mit den schwierigen Herausforderungen auseinanderzusetzen
und diese nicht auf die lange Bank, beziehungsweise auf der Zeitachse hinauszuschieben.
Umgang mit Änderungen
Im Verlaufe des Projektes können Änderungen entstehen durch:
Kundenwünsche, Kundenbeanstandungen
Neue Erkenntnisse
Entwicklungsfehler
nicht mehr lieferbare Komponenten oder Materialien
2.3
Phase Initialisierung
91
hoch
hoch
gering
gering
Risiko
Wert
als Erstes umsetzen
vermeiden
zuletzt umsetzen
als Zweites umsetzen
Abb. 2.8 Wert-Risiko-Matrix
geänderte Vorschriften
allgemeine Produktverbesserungen
Verbesserung der Wirtschaftlichkeit
In der klassischen Vorgehensweise ist es vorteilhaft, wenn bereits zu Beginn des Pro-
jektes vereinbart wird, wie mit Änderungen verfahren wird. Zwischen den Beteiligten ist
die Abgrenzung zwischen initialer Ziel- und Anforderungsdefinition und Change Request
zu klären: Bis wann können präzisierende Änderungen an Zielen und Anforderungen oh-
ne Kostenfolge vorgenommen werden bzw. ab wann ist der Änderungsprozess (Change
Request) anzuwenden?
Das Thema Änderungsmanagement wird in Abschn. 2.5.8 ausführlich behandelt.
In der agilen Vorgehensweise sind Änderungen willkommen. Änderungen werden in
den Product Backlog aufgenommen und zusammen mit den anderen Anforderungen lau-
fend priorisiert.
92
2
Methodik
1
2
3
1
2
3
Zu Beginn des Projekts
Gegen Ende des Projekts
Während des Projekts
Zeit
Kosten
Scope
Abb. 2.9 Das magische Dreieck
2.3.4
Das magische Dreieck
Das „magische Dreieck“ wird im Projektmanagement dazu verwendet, die gegenseitige
Abhängigkeit der Einflussfaktoren „Scope“ (Vision, Ziele), „Kosten“ und „Zeit“ darzu-
stellen, siehe Abb. 2.9.
Scope: Gewünschte Ergebnisse aus dem Projekt: Umfang, Qualität, Funktionalität,
Komfort, Service Levels etc.
Zeit: Gewünschter Zeitraum für die Erreichung der vereinbarten Projektziele
Kosten: Kosten inkl. Arbeitsleistung und andere Ressourcen, die maximal dafür ein-
gesetzt werden können
Keiner dieser Faktoren kann verändert werden, ohne dass dies einen Einfluss auf die
beiden anderen Faktoren hätte. Es sind dies die drei entscheidenden Verhandlungsgrößen,
welche mit dem Auftraggeber bzw. Kunden möglichst detailliert formuliert und verab-
schiedet werden müssen. Der Projektleiter muss vom Auftraggeber verlangen, diese drei
Dimensionen zu gewichten. Damit ist sein Handlungsspielraum für den Umgang mit
diesen drei Grenzen abgesteckt. Dies mag der „magische Anteil“ sein: Wie geht der Pro-
2.3
Phase Initialisierung
93
Tab. 2.9 Unterschiedliche Projekt-Strategien mit Einfluss auf die Projektziele
Best-in-Market
Höchste Priorität hat die Maximierung von Qualität bzw. Funktionalität.
Durch diese „Attraktion“ sollen am Markt möglichst viele neue Kunden an-
gesprochen werden.
Time-to-Market
Höchste Priorität hat eine minimale Projektdauer, um so rasch wie möglich
am Markt auftreten zu können (z. B. Produktentwicklung). Kosten und Quali-
tät sind von eher untergeordneter Bedeutung.
Design-to-Cost
Höchste Priorität hat das Kostenziel, d. h. wie viel das erarbeitete Resultat
kosten darf. Der Projektleiter bricht das Kostenziel herunter auf kleinere
Einheiten und überwacht diese Teilkostenziele (auch „target costing“).
jektleiter mit diesen gegenläufigen Anforderungen um? Über diesen Balanceakt hinaus
hat der Begriff nichts mit Magie zu tun. Im Gegensatz zum Englischen, wo der Begriff
„Tripple constraint“ diese drei Restriktionen gut beschreibt, fehlt im Deutschen ein pas-
sender Begriff.
Manchmal wird auch den Verbindungslinien im magischen Dreieck eine Bedeutung
zugeordnet: Zwischen Scope und Kosten steht die Rentabilität, zwischen Scope und Zeit
die Effektivität und zwischen Kosten und Zeit die Produktivität. Verschiedene Strategien
führen zu unterschiedlicher Gewichtung, siehe Tab. 2.9.
Wie in Abschn. 2.3.2 aufgezeigt, gibt es im magischen Dreieck auch Unterschiede
zwischen der agilen und der klassischen Vorgehensweise. Bei der agilen Vorgehensweise
sind Zeit, Kosten und Teamgröße fix. Hingegen ist bei der klassischen Vorgehensweise
der Scope fix.
Die Bedeutung der Ecken des magischen Dreiecks verändern sich auch im Verlauf
eines Projektes. Zuerst liegt der Fokus auf der Findung und der Definition des Scopes,
schon bald wechselt der Fokus auf die Kosten und gegen Schluss des Projektes liegt der
Fokus auf der Zeit.
2.3.5
Stakeholder-Management
2.3.5.1
Anspruchsgruppen managen
Anspruchsgruppen oder Stakeholder sind Personen, Gruppen oder Organisationen, die
zum Projekt relevante Beziehungen haben. Diese Beziehungen können sein: Betroffen-
heit, bestimmte Interessen, Legitimation oder auch Erfahrungen. Unternehmensexterne
Anspruchsgruppen werden manchmal als unsichtbares Projektteam bezeichnet, da sie das
Projekt wesentlich beeinflussen, unterstützen oder sogar zu Fall bringen können. So stellen
unterschiedliche Anspruchsgruppen oft auch widersprüchliche Forderungen an ein Pro-
jekt.
Einflussreiche Stakeholder versuchen beispielsweise, den Zielsetzungen und der Pro-
jektplanung ihren Stempel aufzudrücken und gewisse Teilergebnisse früher zu verlangen
94
2
Methodik
als geplant. Oder Investoren haben ein Interesse, die Projektrisiken niedrig zu halten. Die-
se Einflussnahme kann auf einer formellen oder informellen Ebene erfolgen.
Bildlich gesprochen ist das Projekt in ein soziales Netz oder Kräftefeld eingebunden,
das es nicht nur zu berücksichtigen gilt, sondern das für den Projekterfolg nutzbar ge-
macht werden soll. Mit den Anspruchsgruppen kann unterschiedlich verfahren werden:
es können kommunikative Beziehungen aufgebaut werden, sie können aber auch in die
Projektorganisation einbezogen werden. Bei sehr unterschiedlichen Interessen ist es oft
vorteilhaft, Möglichkeiten zu schaffen, dass Vertreter von Anspruchsgruppen gegenseitige
Interessen und Meinungsverschiedenheiten direkt ausdiskutieren können. Damit besteht
eher die Gewähr, dass eine breit abgestützte und somit solide Lösung entstehen kann
(Abschn. 1.6.3).
Eine Stakeholder-Analyse wird mit Vorteil bereits möglichst am Anfang des Projek-
tes mit dem Auftraggeber und dem Projektteam erarbeitet. Damit entstehen auch eine
gemeinsame „Projektwirklichkeit“ und ein Gespür für die Vernetzung des Projektes. Die
Stakeholder-Analyse soll während der gesamten Projektdauer regelmäßig aktualisiert wer-
den. Das Stakeholder-Management umfasst vier Schritte:
1. Stakeholder identifizieren
2. Stakeholder analysieren
3. Stakeholder bewerten
4. Stakeholder steuern
2.3.5.2
Stakeholder identifizieren
Wer stellt besonders wichtige Ressourcen bereit?
Wer kann Einfluss nehmen auf das Projekt?
Wer ist vom Projekt besonders betroffen?
Wer kann den Projekterfolg fördern oder hemmen?
Wer braucht die Projektergebnisse?
Wer darf nicht übergangen werden?
2.3.5.3
Stakeholder analysieren
Bildhafter Aufbau der Stakeholder: Stakeholder um das Projekt gruppieren
Intensität und Qualität des Einflusses und des Interesses der einzelnen Stakeholder
benennen und visualisieren, z. B. Nähe zum Projekt durch Positionierung nahe vom
Projekt und Qualität der Beziehungen mit Symbolen für positiv, neutral oder negativ,
wie in Abb. 2.10 aufgezeigt.
2.3.5.4
Stakeholder bewerten
Für jeden Stakeholder sind sein Interesse und sein Einfluss und seine Macht (Abschn. 4.1.3)
auf das Projekt abzuschätzen. Die Einflussnahme kann auf einer formellen oder informel-
len Ebene erfolgen. Es interessiert auch die Frage wie der Stakeholder auf das Projekt
2.3
Phase Initialisierung
95
Erwartete Reaktion:
positiv, fördernd
neutral, indifferent
negativ, hindernd
Projekt
Mitbewerber
Mitarbeiter
Lieferanten
Auftraggeber
Behörden
Kunden
Projektleiter
Abb. 2.10 Das Projekt als soziales System ist mit unterschiedlichen Anspruchsgruppen vernetzt
reagieren wird. Diese Aufgabe wird am einfachsten in Tabellenform dargestellt, siehe da-
zu Tab. 2.10.
Zur Bearbeitung dieser Fragstellung sind folgende Überlegungen hilfreich:
Was denken die Stakeholder über das Projekt? Das Problem soll aus den verschiedenen
Perspektiven der Anspruchsgruppen betrachtet werden.
Wie sind die Beziehungen der Stakeholder zueinander? Wie stehen sie zueinander?
Welche Interessen und Ziele verfolgen die einzelnen Stakeholder? Wo gibt es allenfalls
Ziel- und Interessenkonflikte (Abschn. 4.4.7.1)?
Mit welchen Reaktionen und Verhaltensweisen der Stakeholder muss der Projektleiter
oder Product Owner rechnen?
Aus der ersten Analyse lässt sich eine Stakeholder-Landkarte ableiten, siehe Abb. 2.11.
2.3.5.5
Stakeholder steuern
Anhand der Analyse und Bewertung der Stakeholder werden Maßnahmen formuliert und
umgesetzt.
96
2
Methodik
Tab. 2.10 Praxisbeispiel BLS: Auszug tabellarische Darstellung einer Stakeholder-Analyse
Stakeholder
Interesse
Macht,
Einfluss,
Legitimation
Erwartete Re-
aktion auf das
Projekt
Maßnahmen
Auftraggeber Betroffenheit
3
Trifft re-
levante
Projektent-
scheide
zusammen
mit Projekt-
steuerungs-
ausschuss
3
Zustimmung
+
Laufende Ab-
stimmung
Trident Pro-
jekte
Erfolgreiches
Projekt, ter-
mingerechte
Einführung
3
Keinen direk-
ten Einfluss
auf das Pro-
jekt
2
Zustimmung,
evtl. Konkur-
renzkampf um
Ressourcen
+
Laufende Ab-
stimmung,
Erstellung ge-
meinsamer
Planung für die
Abhängigkeiten
Kunde
Gegenseitige
Projektab-
hängigkeiten,
teilweise Zu-
griff auf die
gleichen Res-
sourcen
3
Nutzung be-
ziehungsweise
Nicht-Nut-
zung des
neuen An-
gebots
3
Abwarten und
neue mobile
Ticketlösung
(App) prüfen
?
Werbung und
PR machen
Allgemeine
Öffentlich-
keit
Großes Interes-
se, wenn neue
mobile Ticket-
lösung (App)
Vorteile bringt
3
Kein direkter
Einfluss auf
das Projekt
1
Negative Reak-
tion möglich,
warum braucht
es neben der
SBB noch wei-
tere mobile
Ticketlösungen?
Werbung und
PR machen
Grad der Beziehung zum Projekt: 3 = hoch, 2 = mittel, 1 = klein
Art der Beziehung: + = positiv, = negativ, ? = unbekannt, Ø = neutral
Mögliche Ansätze für den Umgang mit Stakeholdern sind:
Stakeholder im Projekt einbinden, d. h. sie in ein geeignetes Projektgremium aufneh-
men sowie Aufgaben und Rollen der Anspruchsgruppen im Projekt definieren
Interessen und Zielsetzungen klären, Ziel- oder Interessenkonflikte mit Konfliktma-
nagement oder Mediation bereinigen
Basierend auf dem Informations- und Kommunikationskonzept Stakeholder adressa-
tengerecht informieren und den Dialog pflegen, d. h. die Kommunikationsarten und
-kanäle bewusst auf die Stakeholder ausrichten.
Zusätzliche Kommunikationsgefäße schaffen, z. B. Workshop/Großgruppeninterven-
tion/Informationsveranstaltung.
2.3
Phase Initialisierung
97
Intern
• Abteilung FR (+)
Intern
• Abteilungen UK,
UR, PM, PV, T, FCP,
FE (?)
Extern
• Kunde (?)
Intern
• Projektsteuerungs-
ausschuss (+)
• Auftraggeber (+)
Intern
• Mitarbeitende,
Geschäftsleitung (+)
• Trident-Projekt (+)
• Innovations-
projekte (?)
• Verwaltungsrat (+)
Extern
• Presse
Intern
• Abteilung UE (+)
Extern
• BAV (+)
• AöV (?)
Extern
• Öffentlichkeit (-)
• ÖV-Branche,
Projekt ZPS (?)
Intern
• Andere Bereiche
P und T (?)
Einfluss
Interesse
Abb. 2.11 Praxisbeispiel BLS: Stakeholder Landkarte
Damit der Projektleiter oder Product Owner erfolgreich die Stakeholder steuern kann,
muss er von der Linie ermächtigt sein, seine Rolle zu spielen. Der Product Owner oder
Projektleiter muss die Stakeholder auf allen drei Ebenen der Zusammenarbeit (Beziehung,
Inhalt und Organisation) ansprechen (Abschn. 1.5) und in das Projekt involvieren.
Die Stakeholder-Landkarte (Abb. 2.12) zeigt direkt auf, wie die Projektverantwortli-
chen mit wem umgehen sollen.
Macht und Einflussnahme der Stakeholder sind kaum steuerbar. Steuerbar ist aber die
Beziehung der Stakeholder zum Projekt durch Beziehungsmanagement
Veränderungen und Entwicklungen in Bezug auf die Stakeholder feststellen
Regelmäßig mit den Stakeholdern kommunizieren
Die getroffenen Maßnahmen periodisch kontrollieren und anpassen
2.3.6
Projektmarketing
Das Projektmarketing umfasst alle unterstützenden Aktivitäten, welche die Akzeptanz so-
wie den Verlauf und den Fortschritt eines Projektes positiv beeinflussen können. Es geht
darum, das Projekt zu verkaufen, wobei unter „verkaufen“ verstanden wird:
98
2
Methodik
gross
gross
klein
gering
mittel
mittel
Einfluss
Interesse
Minimal Kontakt
halten,
beobachten,
Interesse zeigen
Gut informieren,
Anliegen ernst
nehmen
Grösste
Aufmerksam-
keit schenken,
einbinden,
eng zusammen-
arbeiten
Informieren
und Kontakt
halten
Abb. 2.12 Strategien im Umgang mit Anspruchsgruppen
Den Sinn des Projektes kommunizieren, Nutzen stiften, die eigene Überzeugung wei-
tergeben
Vertrauen und Akzeptanz schaffen
Fairness zeigen: auch mögliche Nachteile oder Probleme transparent machen, Ängste
und Fragen ernst nehmen und behandeln
Öffentlichkeit herstellen, Erwartungen erzeugen, die dem Projekt Energie geben
Ressourcen und Absatzmärkte erschließen
Das Projektmarketing fördert die Beziehungen zwischen Projekt und Umfeld bzw. sei-
nen Anspruchsgruppen (Stakeholdern).
Projektmarketing bedeutet Kommunikationsgestaltung und kann je nach Situation und
Anspruchsgruppen sehr kreativ angegangen werden, z. B.:
Breite Information mit Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit dem Thema (z. B.
Open Space Event)
Projekt Blog, in dem sich auch Betroffene, Benutzer, also nicht Projektakteure kritisch
äußern dürfen
2.3
Phase Initialisierung
99
Info-Markt: Informationstafeln und Stände mit Unterlagen; Projektbeteiligte stehen
Rede und Antwort
Kreativ-Workshop für Interessierte; dessen Resultate werden vom Projektteam aufge-
nommen und weiterbearbeitet
Projektgegenstand besichtigen und erfahren
Schlüsselpersonen, Promotoren, Entscheidungsträger für die Information einsetzen
Die Sprache der Anspruchsgruppen sprechen und spüren, was sie interessiert
Beim Projektmarketing geht es oft nicht nur um das „Verkaufen“ des Projektes, sondern
um das gleichzeitige Transportieren von Managementbotschaften und Werten, z. B. dass
mit dem Projekt gleichzeitig eine neue Kultur der Zusammenarbeit eingeleitet wird.
Wichtig ist die Grundhaltung beim Marketing: Brillieren, Täuschen, Aufschwatzen,
Mitbeteiligung vortäuschen wirkt höchstens kurzfristig. Um wirklich Vertrauen zu schaf-
fen ist Ehrlichkeit, Transparenz und Wertschätzung gefordert.
Das Projektmarketing beginnt bereits während der Initialisierung des Projektes. Die
Bedeutung steigt jedoch in der Realisierungsphase, wenn es in Richtung Einführung geht
und sich der Kreis der zu informierenden Personen vergrößert.
2.3.7
Prüfung der Machbarkeit
Sorgfältig bearbeitete Vorstudien (Machbarkeitsstudien, Feasibility Studies, Stakeholder-
Analysen usw.) helfen, wesentliche Projektrisiken zu minimieren und den Projektverlauf
effektiv zu gestalten. Die Frage ist zu klären, ob das Projekt machbar ist.
1. Machbarkeit
Am Ende der Initialisierung muss geklärt sein, ob das Vorhaben erfolgreich durchgeführt
werden kann. Zur Beurteilung der Machbarkeit eines Vorhabens kann die Klärung der
folgenden Fragen einen wertvollen Beitrag leisten:
Ist das Projekt technisch und politisch machbar?
Können die verschiedenen Unsicherheiten durch das Projekt reduziert werden?
Sind Know-how und Ressourcen vorhanden, dass das Vorhaben in Angriff genommen
werden kann?
Ist das Projekt finanziell und auch terminlich machbar?
Werden die Ressourcen für dieses Projekt richtig eingesetzt?
Welche Szenarien sind grundsätzlich vorhanden, um das Globalziel zu erreichen?
Ist die Machbarkeit eines Vorhabens nach einer ersten Prüfung nicht gegeben, können
mit einer Simulation mehrere Parameter in Form verschiedener Szenarien durchgespielt
werden. Wenn die Simulation zeigt, dass Kosten und Nutzen nicht in einem guten Verhält-
nis sind, muss ein Stopp des Vorhabens beantragt werden.
100
2
Methodik
Unter Machbarkeit geht es auch um die Einschätzung aufgrund der Stakeholder-Ana-
lyse, wieweit die zwischenmenschlichen Rahmenbedingungen die Abwicklung des Pro-
jektes gefährden können. Hier spielen folgende Faktoren eine Rolle:
Wird der Projektleiter von den Beteiligten respektiert und als Abwicklungsbeauftragter
akzeptiert?
Steht die Linie überhaupt hinter dem Projekt, oder ist Widerstand zu erwarten?
2. Wirtschaftlichkeit
Bereits im Business Case (Abschn. 2.2.3) wurden Überlegungen zur Wirtschaftlichkeit ge-
macht. Nun sind diese Angaben nochmals zu verifizieren und bei Bedarf anzupassen. Mit
einer Beurteilung der Projektwirtschaftlichkeit sollen vor allem zwei Fragen beantwortet
werden:
Welche Gewinne, Kostenreduktionen oder Einsparungen bringt das Projekt?
Wie risikoreich oder rentabel ist ein Kapitaleinsatz ins Projekt?
2.3.8
Risikomanagement
Das Risikomanagement im Rahmen eines Projekts soll nicht nur die oft gut in den Un-
ternehmensprozessen abgebildeten Produktrisiken, sondern insbesondere die eigentlichen
Projektrisiken abdecken. In vielen Unternehmen werden Projekt- und Produktrisiken in
einer gemeinsamen Risikoanalyse betrachtet. Bei der folgenden Konzentration auf Pro-
jektrisiken gelten die Überlegungen sinngemäß auch für Produktrisiken. Abb. 2.13 zeigt
den Ablauf des Risikoprozesses.
Auf die gleiche Art wie Risiken bearbeitet werden, können auch Chancen identifiziert
und realisiert werden.
2.3.8.1
Die konkreten Schritte im Risikoprozess
Da in einem Projekt eine Vielzahl von nicht absehbaren Risiken auftauchen kann, muss
eine Beurteilungsmethode für potenzielle Projektrisiken etabliert werden. Je nach Projekt-
phase können neue Risiken eintreten, für welche entsprechende Maßnahmen entwickelt
werden müssen. Dieser Risikoprozess muss im Laufe eines Projektes regelmäßig durch-
laufen werden.
1. Risiken identifizieren
Für die Identifikation potenzieller Risiken stehen je nach Projektphase verschiedene Hilfs-
mittel zur Verfügung. Vielfach genügt eine Analyse des Projektumfeldes z. B. auf der
Basis einer Stakeholder-Analyse, um eine erste grobe Risikoabschätzung durchzuführen.
Es geht in erster Linie darum, die wichtigsten Risikokategorien zu identifizieren, wie
Tab. 2.11 zeigt.
2.3
Phase Initialisierung
101
• Alle möglichen
Risiken (Felder)
identifizieren
• Alle risiko-
relevanten Infor-
mationen sammeln
Identifikation
Risikoprozess
• Identifizierte Risiken
bewerten und
gewichten
• Wahrscheinlichkeit
des Eintretens, Aus-
masses abwägen
Quantifizierung
• Massnahmen
entwickeln und
Aktionen vorbereiten:
- Vermeiden
(präventiv)
- Vermindern
(präventiv, reaktiv)
- Abwälzen (Versiche-
rung, Vertrag)
- Akzeptieren
(bewusst tragen,
planen)
• Regelmässig
kontrollieren und
Status bekannt geben
• Sicherstellen, dass
neue Risiken erkannt
werden
Kontrolle
Abdeckung
Abb. 2.13 Der Risikoprozess
Tab. 2.11 Beispiele für Risikokategorien
Beispiele
für Risiko-
kategorien
– Methodische Risiken (Komplexität, Vorgehen)
– Technologische Risiken (neue Produkte, Materialeigenschaften usw.)
– Wirtschaftliche Risiken (Kostendach, Bonität der Geschäftspartner usw.)
– Personelle Risiken (Verfügbarkeit, Befangenheit, Dilemma bei verschiedenen
Rollen, Krankheit, Kündigung usw.)
– Politische Risiken (Änderung der Unternehmensstrategie, Gesetzgebung)
– Wettbewerbs- und Marktrisiken (Konkurrenzprodukt ist besser oder billiger)
– Rechtliche Risiken (Produktehaftung, Verträge usw.)
– Umfeld-Risiken
2. Risiken quantifizieren
Um die Risiken zu beziffern, stehen sowohl qualitative wie auch quantitative Metho-
den zur Verfügung. In diesem Schritt geht es primär darum, die „Höhe“ des Risikos zu
beschreiben. Aus den zwei folgenden Kenngrößen kann dann das Risiko quantitativ be-
schrieben werden:
Risiko D Eintrittswahrscheinlichkeit Schaden
102
2
Methodik
gross
gross
mittel
mittel
gering
gering
Risiko
Problemlos
Hoch riskant
Wahrscheinlichkeit
Schaden
Abb. 2.14 Ausmaß von Risiken
Die Eintrittswahrscheinlichkeit kann in Wahrscheinlichkeitsklassen wie in Abb. 2.14
gezeigt, eingeteilt oder in Prozent abgeschätzt werden.
Der Schaden wird häufig monetär quantifiziert oder als Zeitverzug dargestellt.
Anstelle einer vermeintlich präzisen Berechnung des Risikos reicht es in der Praxis in
vielen Fällen aus, das Risiko bezüglich Eintrittswahrscheinlichkeit und Schaden einzu-
schätzen, wie in Abb. 2.14 gezeigt.
In Abb. 2.15 wird die Risikomatrix und in Abb. 2.16 wird die Beschreibung der Top-
Risiken des Praxisbeispiels BLS gezeigt.
Es empfiehlt sich, die Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit und des zu erwar-
tenden Schadens im Projektteam vorzunehmen. Eine gemeinsam erarbeitete Sicht fördert
das Verständnis und erhöht die Sensibilität gegenüber den kritischen Risiken durch das
Projektteam. Für diese Einschätzung können auch die Karten aus dem Planning Poker
(siehe Abschn. 2.4.6.2) eingesetzt werden.
Mit einer Sensitivitätsanalyse wird der Einfluss jeweils eines Parameters (z. B. Betrach-
tungsdauer, Zinssatz, jährliche Erträge usw.) betrachtet. Das heißt es wird untersucht, wie
empfindlich die Parameter auf kleine Änderungen reagieren. Dies kann mithelfen, hei-
kle Annahmen bzw. kritische Parameter aufzuzeigen, um sie bei der Umsetzung intensiv
überwachen zu können.
2.3
Phase Initialisierung
103
Risiken
Übersicht alle Risiken
)
W
( tie
k
h
cilnie
h
c
s
r
h
a
w
s
n
e
t
e
rt
ni
E
70-
100
30-
70
0-
30
klein
mittel
gross
Auswirkung (A)
R3
R5
R2
R1
R6
R1: Einführung öV Plattform
R2: NOVA Pilot
R3: Knappe Ressourcensituation bei der
BLS
R4: Projekt wird überladen
R5: Abhängigkeit zu anderen Projekten
(CEM, bls.ch, ESB, S16)
R6: Qualität der Kostenschätzungen
R9: Erfahrung mit agilem Vorgehen
R10: Einhaltung Pace durch
Projektteam
R12: Koordinationsschwierigkeiten zw.
BLS, PAG, SOB und ZVV
R13: Entscheid Aufschaltung TUs durch
ZPS im Q3/2016
R14: Laufende Veränderungen NOVA
Schnittstelle
R10
R9
R13
R4
R14
R12
R1
Abb. 2.15 Praxisbeispiel BLS: Risikomatrix
Risiken
Beschreibung der Top-Projektrisiken
Risiko
Beschreibung
Auswirkungen
Massnahmen
Trend
R4
Projekt wird überladen,
grosse Projektkomplexität,
parallele Grundsatzab-
klärungen
Change Requests
Die Ablösung der Vertriebs-
kanäle oder Entwicklung von
neuen Kanälen wird
im Projekt gemacht
Belastung im Projekt steigt
mit Grundsatzklärungen
Parallele Grundsatzabklär-
ungen rasch vorantreiben
R5
Abhängigkeit zu anderen
Projekten (CEM, bls.ch, ESB,
S16)
Anforderungen / Anfragen
aus verknüpften Projekten
Abstimmungsmeetings
(Trident+)
R6
Qualität der Kosten-
schätzungen
Kostenüberschreitungen
Regelmässige Evaluation der
Annahmen, die dem Projekt
zugrunde liegen
Identifikation und Monitoring
der Kostentreiber
Starker Einbezug des
Controllings
Massnahmen zeigen Wirkung (Verbesserung)
Keine Abweichung absehbar
Abweichungen absehbar (Verschlechterung)
Abb. 2.16 Praxisbeispiel BLS: Beschreibung der Top-Projektrisiken
104
2
Methodik
Tab. 2.12 Maßnahmen zur Reduktion von Risiken
Vermeiden
Wie kann ein Risiko überhaupt vermieden bzw. eliminiert werden?
! Lösungen entwickeln, welche das Risiko nicht enthalten
Vermindern
Wie kann ein Risiko vermindert bzw. reduziert werden?
Wirkt die Maßnahme auf die Eintretenswahrscheinlichkeit, auf das Schadensaus-
maß oder auf beide?
! Verbesserungspotenzial ausloten, Alternativ-Szenarien prüfen (z. B. Zweit-
Lieferant)
Abwälzen
Wie kann ein Risiko auf Andere abgewälzt werden?
! Vertragsanpassungen (z. B. Gewährleistung einschränken, Konventionalstrafe
vereinbaren), Versicherung, Absicherung von Währungswechselkursen
Bewusst
tragen
Wie kann ein Risiko getragen werden?
! Im Projektplan und Budget vorsehen, Rückstellungen bilden, dokumentieren
und kommunizieren (Kunde, Entscheidungsträger)
Eine Methode, die dem Grundgedanken der Sensitivitätsanalyse nachgeht und sich in
vielen Branchen und Unternehmen durchgesetzt hat, ist FMEA, die Fehlermöglichkeiten-
und Einflussanalyse, siehe Abschn. 2.3.8.2. In einigen Branchen wird sie obligatorisch
eingesetzt für jedes System und jede Komponente, die neu entsteht, auch von allen Zulie-
ferern (Automobilbau, Medizintechnik). In anderen Branchen wurde diese Methode den
unterschiedlichen Bedingungen angepasst, z. B. in der Nahrungsmittelbranche (HACCP,
Hazard Analysis and Critical Control Points).
Eine weitere Möglichkeit, die Risiken einzuschätzen, ist die Simulation. Mit ihr können
mehrere Parameter in Form verschiedener Szenarien durchgespielt werden.
3. Risiken abdecken
Damit ein Projekt trotzdem durchgeführt werden kann bzw. das Risiko für das Unterneh-
men tragbar wird, sollen gezielte, vorbeugende Maßnahmen entwickelt werden, welche
das Risiko auf ein vertretbares Maß reduzieren. Die grundsätzlichen Maßnahmen gemäß
Tab. 2.12 können hilfreich sein.
In einem Risikomanagement-Tool werden nun alle identifizierten Risiken aufgelistet
und bewertet. Pro Risiko werden Maßnahmen definiert. Deren Einfluss auf das Risiko
wird dargestellt. In der Praxis wird das Risikomanagement-Tool oft in einem Tabellen-
verarbeitungsprogramm abgebildet; der Markt bietet auch spezifische Software-Lösungen
an.
Tab. 2.13 zeigt eine exemplarische Risikoliste mit qualitativer Risikobeurteilung je-
weils vor und nach Umsetzung der entsprechenden Maßnahmen.
Neben den in Tab. 2.12 aufgezeigten Maßnahmen zur Reduktion von Risiken können
für die Bewältigung auch bewusste Risikostrategien, wie in Abb. 2.17 gezeigt, gewählt
werden.
2.3
Phase Initialisierung
105
Tab. 2.13 Beispiel einer Risikoliste
Risiko
E0
S0
R0
Maßnahme
E1
S1
R1
Kosten
Entscheid
Zwei Wochen Mei-
lenstein-Verzug durch
Mitarbeiterengpass we-
gen Arbeit an mehreren
Projekten
7
6
42
Klare Kommu-
nikation der
Projektprioritäten
gemäß Portfolio
1
6
6
1/4 h an
Projekt-
sitzung
Umsetzen
Ausfall der bestehenden
Testanlage zur Überprü-
fung der Prototypen
3
4
12
Beschaffen einer
zweiten Testanla-
ge als Backup
3
1
3
C 35k
Nicht
umsetzen
Legende:
E = Eintretenswahrscheinlichkeit; S = Tragweite des Schadens auf einer Skala von 1 bis 10;
R0 = Risiko vor Umsetzung der Maßnahme; R1 = Risiko nach Umsetzung der Maßnahme
niedrig
schlecht
hoch
gut
eigene Reaktionsfähigkeit auf Ereignisse/Änderungen
Prognostizierbarkeit der Ereignisse/Änderungen
mehrere Szenarien
vorbereiten und
bei Bedarf danach
handeln
Vorüberlegungen
machen und bei
Bedarf entschlossen
handeln
mehrere Alternativ-
Lösungen parallel
bearbeiten
aufmerksam beobachten
und sofort reagieren
Risiko
Abb. 2.17 Risikostrategien
Für Risiken, welche durch das Projekt beeinflussbar sind, können Maßnahmen ent-
wickelt oder die FMEA (Abschn. 2.3.8.2) angewendet werden. Trotz aller Maßnahmen
verbleiben Risiken, die durch das Projekt kaum beeinflussbar sind. Auf diese kann sich
der Projektleiter nur einstellen und sie laufend aufmerksam beobachten.
106
2
Methodik
4. Risiken kontrollieren
Die Umsetzung der definierten Maßnahmen muss laufend überwacht werden. Daneben
gilt es, den Risikoprozess periodisch zu durchlaufen. Damit wird sichergestellt, dass neue
Risiken identifiziert und die Quantifizierung der identifizierten Risiken überprüft und bei
Bedarf angepasst werden.
2.3.8.2
Failure Mode and Effect Analysis (FMEA)
Eine FMEA (Fehlermöglichkeit- und Einflussanalyse) kann in verschiedenen Stadien ei-
nes Projekts durchgeführt werden, man unterscheidet insbesondere folgende Arten von
FMEA:
Design FMEA (auch Konzept FMEA genannt)
System-FMEA (auch Produkt FMEA genannt)
Prozess FMEA (auch Produktions-FMEA genannt)
Alle potenziellen Fehler, die in den unterschiedlichsten Situationen denkbar sind, wer-
den aufgelistet. Dann werden schwerpunktmäßig vorbeugende Maßnahmen ergriffen. De-
ren Wirksamkeit wird laufend überprüft. Vorgehensschritte einer FMEA:
Alle denkbaren Fehler, Ausfälle bzw. Probleme auflisten
Mögliche Folgen des Ausfalls bzw. Problems angeben
Mögliche Ursachen und Korrekturmaßnahmen formulieren
W = Eintretenswahrscheinlichkeit [1 . . . 10]
T = Tragweite, Auswirkungen des Fehlers [1 . . . 10]
E = Entdeckungswahrscheinlichkeit im Unternehmen [10 . . . 1]
Die Entdeckungswahrscheinlichkeit ist an einen Zeitpunkt gekoppelt. Es macht einen
großen Unterschied, ob ich einen Fehler früh oder spät erkenne. Die Werte W, T und E
werden in einer genau definierten Werteskala ausgedrückt. Neben der hier gezeigten Skala
1 . . . 10 wird oft auch eine Skala von 1 . . . 6 verwendet. Das Produkt dieser drei Größen
ist die Risikoprioritätenzahl:
W T E D Risikoprioritätenzahl (RPZ)
Je höher die Risikoprioritätenzahl, desto sinnvoller und notwendiger ist die Durch-
führung vorbeugender Maßnahmen. Vor allem, wenn auch noch ein günstiges Aufwand-
Nutzen Verhältnis vorliegt.
Abb. 2.18 zeigt ein Beispiel einer FMEA-Analyse. Das Unternehmen definiert eine
obere Grenze für die Risikoprioritätenzahl. Das Qualitätsverständnis der Organisation
lässt nur Risiken unter dieser Grenze zu. Wird der Grenzwert überschritten, müssen vor-
beugende Maßnahmen eingeleitet und deren Wirksamkeit überprüft werden. Die neue
Risikoprioritätenzahl nach Durchführung der Maßnahmen wird ermittelt. Sie muss eben-
falls unter dem Grenzwert liegen.
2.3
Phase Initialisierung
107
W
T
E
RPZ
M1
M2
M3
W
T
E
RPZ
R1 Präzision des
Dosieres erfüllt
geforderte
Messgenauigkeit
nicht
Anwender hat
ungenaue und
schwankende
Ergebnisse
* Ventile arbeiten nicht
korrekt
* Antriebssteuerung
ungenau
* Wartezeiten bei Be-
wegungsänderungen
nicht ausreichend
8
10
3
240
Ventile optimieren durch
Materialwahl-
Verbsserung, Abtesten
aller Varianten
Antriebsteuerung
durch den Einbau
eines hochwertigen
Linearweg-
Messsystems
optimieren
Wartezeiten
anhand
bestehendem
Dosiersystem
ermitteln,
Dosiergenauigkeit
bei verschiedenen
Wartezeiten prüfen
2
10
3
60
R2 Neue Ventil-
technologie
funktioniert nicht
Dosiergenauigkeit
wird nicht erreicht
* Verstopfen der Ventile
9
10
2
180
Alternativ-Lösung:
benutzen der
existierenden
Ventiltechnologie
1
8
2
16
R3 ASIC steht nicht
funktionsfähig
zeitgerecht zur
Verfügung
Test des Systems
kann nicht wie ge-
plant starten. Ge-
ringe Wahrschein-
lichkeit, die Verzö-
gerung nicht recht-
zeitig zu erkennen
* ASIC Technologie hat
lange Design-Loops
* Nicht genügend
Ressourcen
7
8
8
448
Mehr Ressourcen zur
Verfügung stellen,
externe Unterstützung
einholen
Testbeginn durch
Einbindung
bestehender ASIC
ermöglichen
Klare Priorisierung
der Funktionen,
später benötigte in
einen späteren
Design-Loop
einplanen
3
8
2
48
R4 UL-Zertifizierung
wird nicht erreicht
Verkauf im
nordamerika-
nischen Markt wird
schwierig
* Verwendung nicht UL-
zertifizierter Kompo-
nenten
3
8
3
72
keine Massnahmen
notwendig
3
8
3
72
R5 Software steht
nicht ausreichend
funktionsfähig zur
Verfügung
Markteinführung
des Systems kann
nicht wie erwünscht
erfolgen. Die Verzö-
gerung wird spät
erkannt
* SW Backlog wird
nicht zeitgerecht
abgearbeitet
6
10
6
360
Mehr Ressourcen zur
Verfügung stellen,
externe Unterstützung
einholen
Backlog mit
erfahrenen
Fachpersonen
priorisieren
2
10
2
40
Beurteilung nach
Massnahmen
Zustand aktuell
Massnahmen
verbesserter
Fehler-Möglichkeiten und Einfluss-Analyse
EWP100 OMNIS Titriersystem
Fehler
Folgen
Ursachen
ID
Beurteilung vor Massnahmen
Massnahmen
rote Felder müssen mitigiert werden
Abb. 2.18 Praxisbeispiel Metrohm: FMEA-Analyse
108
2
Methodik
Tab. 2.14 Wichtige Voraussetzungen für eine gut funktionierende Projektorganisation
Wichtige Voraus-
setzungen für eine
gut funktionierende
Projektorganisation
– klare Projektvereinbarung: herausfordernde Zielsetzung und Rahmen-
bedingungen bzw. Leitplanken, welche den Spielraum definieren
– klare und ausreichende Entscheidungskompetenz und entsprechende
Führungsverantwortung der Projektleitung, beziehungsweise des Pro-
duct Owners und Scrum Masters
– adäquate interdisziplinäre Fachvertretung und Fachkompetenz im Pro-
jektteam
– aktive Benutzer und Betroffene, um möglichst hohe Akzeptanz zu er-
reichen
– Arbeitskultur, welche Kommunikation, Engagement und Kreativität
fördert
– gute Verankerung in der Stammorganisation, möglichst bei den rele-
vanten Entscheidungsträgern „angebunden“
– Verfügbarkeit der Ressourcen
2.3.9
Projektorganisation/Rollen/Gremien
Die Projektorganisation ist eine temporäre Organisation für die Dauer des Projektes.
Ihre Notwendigkeit ergibt sich daraus, dass die bestehende Linienorganisation für die Er-
füllung ihrer Fachaufgaben optimiert ist, jedoch nicht für die Führung und Bearbeitung
neuartiger, einmaliger und fachübergreifender Vorhaben. Ihr fehlt auch die nötige Fle-
xibilität, um bei Problemen und Änderungen entsprechend rasch reagieren zu können.
Tab. 2.14 zeigt die wichtigen Voraussetzungen für eine gut funktionierende Projektorga-
nisation.
Es ist wichtig, in der formellen Projektorganisation zu regeln, wer welche Rollen, Auf-
gaben, Verantwortungen und Kompetenzen übernimmt. Ist dies sauber aufgesetzt und gut
abgestimmt, so ist dies ein wichtiger Grundstein für den Erfolg des Projektes. Neben der
formellen Organisation werden im Verlaufe der Projekte immer wieder einzelne Personen
oder Personengruppen außerhalb der formellen Projektorganisation versuchen, auf das
Projekt Einfluss zu nehmen und damit auch informelle Macht auszuüben (Abschn. 4.1.3).
Für die Projektverantwortlichen ist es von essentieller Bedeutung, diese informelle Ein-
flussnahme zu erkennen und gewinnbringend für das Projekt zu nutzen. Oft werden rele-
vante Entscheide auf diesen informellen Wegen gefällt und später noch in der formellen
Projektorganisation gutgeheißen.
2.3.9.1
Linie und Projekt: zwei unterschiedliche Welten
Werden in einem Unternehmen spezielle Problemstellungen durch Projektteams bear-
beitet, bedeutet dies, dass neben der Linienorganisation eine weitere Arbeitsformation
zugelassen wird, welche sich von ihr unterscheidet:
in der Kompetenzregelung,
in der Art der Zusammenarbeit,
2.3
Phase Initialisierung
109
Linienkultur
hierarchisch, vorgegebene
Berichtswege und
Entscheidungsstrukturen
Projektkultur
Team-betont,
simultane Zusammenarbeit,
vernetzte Kommunikation
Linienwelt
Projektwelt
Abb. 2.19 Zwei Welten – Stammorganisation und Projekt
in der Konfliktkultur,
in der Kommunikation,
im Umgang mit Tabus
Diese Unterscheidung soll ganz bewusst gestaltet werden. Sie kann je nach Projekt
markant bis überhaupt nicht ausgeprägt sein. Beispiel: Die Einführung von neuen Pro-
duktionsstrukturen, die eine neue Art der Zusammenarbeit erfordern, kann wesentlich
dadurch unterstützt werden, indem die zukünftige Kultur möglichst schon im Projekt ge-
lebt wird. In Standardprojekten jedoch sind Projektkultur und Unterstellungsverhältnisse
der Stammhierarchie näher, die Unterschiede zwischen den zwei Welten sind minimal.
Abb. 2.19 zeigt den Unterschied zwischen der Linienorganisation und der Projektorgani-
sation.
2.3.9.2
Die Rollen und Gremien
In Projektorganisationen werden oft Personen eingesetzt ohne eine genaue Vorstellung,
welche Rolle sie innehaben werden. Das hat zur Folge, dass Rollen unklar definiert und
abgegrenzt sind, oder sogar fehlen. Beispiel: Der Auftraggeber, der auch gerne im Team
mitarbeitet, entscheidet durch seine vorgegebene Machtstellung „von oben“ (wie es auch
110
2
Methodik
von ihm erwartet wird) und im Team als Teamplayer „von unten“. Die Projektleitung
kommt durch diese Doppelrolle des Entscheidungsträgers in einen Rollenkonflikt. Solche
Doppelrollen sollen zu Projektbeginn geklärt werden.
Mehrfachrollen sind gefährlich. In kleinen Projekten sind vollständige Rollenteilungen
natürlich nicht bis in die letzte Konsequenz möglich. Dann sollten aber möglichst „Nach-
barrollen“ mit der gleichen Person besetzt werden, z. B. der Projektleiter arbeitet auch
inhaltlich am Projekt.
Mehrere Rollen bilden zusammen ein Gremium (z. B. Projektausschuss). Die Gremien
und Rollen – oft auch als Projektorgane bezeichnet – werden je nach Projekt und Unter-
nehmenskultur (und Branchenkultur) so gebildet und benannt, dass alle Kompetenzebenen
vertreten sind und das Projektziel möglichst effektiv erreicht werden kann. Oft weiß man
nicht so recht, wer entscheidet. Die Rolle des Projektleiters wird als notwendiges Übel
aufgefasst und daher nur marginal wahrgenommen.
Das Projekt muss in der Entscheidungsebene klar verankert sein. Der Entscheidungs-
prozess muss transparent gemacht werden. Weitere Ausführungen zum Thema Position
und Rolle sind in Abschn. 4.1.9 weiter ausgeführt.
2.3.9.3
Kompetenzen und Führungsaufgaben in der Projektorganisation
Die Kompetenzen der verschiedenen Rollen und Gremien unterscheiden sich teilweise in
der agilen und klassischen Vorgehensweise. Tab. 2.15 zeigt die institutionellen Rollen und
Gremien mit ihren jeweiligen Schwerpunkten auf der Kompetenzebene.
Damit ein Projektteam effektiv arbeiten kann, müssen von Projektleiter, Product Owner
oder Scrum Master vielfältige Führungsaufgaben und Serviceleistungen wahrgenommen
werden. Diese werden in Kapitel Kap. 4 ausführlich beschrieben. In der Tab. 2.16 werden
beispielhaft einzelne Aspekte aufgeführt.
2.3.9.4
Projektorganisation in der agilen Vorgehensweise
Die Projektorganisation (siehe Abb. 2.20) in der agilen Vorgehensweise nach Scrum be-
steht aus den folgenden Rollen:
Product Owner
Team
Scrum Master
Agile Teams sind selbstorganisiert (Abschn. 4.1.12). Jede Rolle in der agilen Projektor-
ganisation hat spezifische Aufgaben zu erledigen, welche in Tab. 2.17 beschrieben werden.
2.3
Phase Initialisierung
111
Tab. 2.15 Rollen und Gremien mit ihren jeweiligen Schwerpunkten auf der Kompetenzebene
Rolle/Gremium
Agil
Klassisch
Auftraggeber – was?
– Entscheidungskompetenz bezüg-
lich Stoßrichtung Projekt
– Sozialkompetenz
– Verhandlungskompetenz
– Fachkompetenz
– Entscheidungskompetenz bezüg-
lich Stoßrichtung Projekt
– Sozialkompetenz
– Verhandlungskompetenz
– Fachkompetenz
Projektausschuss –
was?
– Vorentscheidungsinstanz
– Verbindung Projekt – Linie
– Vorentscheidungsinstanz
– Verbindung Projekt – Linie
Projektleiter – was &
wie?
– Selbstkompetenz
– Sozialkompetenz
– Verhandlungskompetenz
– Team- und Führungskompetenz
– Methodenkompetenz
– Entscheidungskompetenz im
Rahmen des Projektes
Product Owner – was
& wie?
– Selbstkompetenz
– Sozialkompetenz
– Verhandlungskompetenz
– Fachkompetenz
– Entscheidungskompetenz im
Rahmen des Projektes
Scrum Master – wie?
– Selbstkompetenz
– Sozialkompetenz
– Team- und Führungskompetenz
– Methodenkompetenz
Projektteam – wie?
– Team- und Führungskompetenz
bezüglich Selbstorganisation
– Fachkompetenz
– Entscheidungskompetenz was
in den nächsten Sprint kommt
– Fachkompetenz
Nichthierarchische, netzwerkartige Projektorganisation
Ähnlich wie im Scrum sind nichthierarchische, selbstorganisierte Projektorganisationen
besonders für hochkomplexe und dynamische Projekte sehr effektiv. Die Praxis hat ge-
zeigt, dass diese in Projekten mit großem Gestaltungsspielraum und sorgfältig erarbei-
teten Rahmenbedingungen und Spielregeln sehr gut „funktionieren“. Für umfangreiche
Projekte sind mehrere parallel laufende Teams möglich, die untereinander vernetzt sind.
Durch die direkte Vernetzung wird die Koordination besser gewährleistet als durch einen
zentralen Koordinator. Diese Teams sind selbstorganisiert, und die Beziehungen zum Auf-
traggeber und einem allfälligen Projektausschuss sind nichthierarchisch gestaltet.
112
2
Methodik
Tab. 2.16 Unterschiedliche Aufgaben
Team-
entwicklung
– Sich um das Beziehungsgefüge, das Gruppenklima kümmern, d. h. dafür sorgen,
dass eine Atmosphäre herrscht, in der die Mitglieder arbeitsfähig werden bzw.
bleiben
– Begegnungsmöglichkeiten schaffen, welche die Mitglieder einander näher-
bringen
– Bei der Bewältigung von Spannungen und Konflikten helfen, d. h. Unterstüt-
zung für die Bearbeitung unterschwelliger Themen geben
– Darauf achten, dass kein Mitglied in seiner Würde verletzt oder geringschätzig
behandelt wird
Konflikt-
management
und Krisen
– Laufende Beobachtung möglicher Anzeichen von Krisen und Konflikten
– Vermutete oder offensichtliche Konflikte und Krisen als solche klar ansprechen
– Konflikte und Krisen im Team bearbeiten und bewältigen
Sitzungen
leiten und
moderieren
– Sitzungen strukturieren und leiten
– Alle Mitglieder einbeziehen und am Lösungsprozess beteiligen
– „Treten an Ort“ verhindern, Entscheidungen provozieren und die Gruppe vor-
wärtstreiben
– Für den richtigen Methoden-Mix sorgen (z. B. Einzel-, Kleingruppen- und
Plenumsarbeit; Brainstorming, usw.). Passende Visualisierungen einsetzen
(Pinnwand, Flipchart, Beamer usw.).
– Den Arbeitsprozess laufend visualisieren und dokumentieren
– Auswertungsrunden initiieren und leiten: „Wer macht was bis wann?“ und „Wie
haben wir gearbeitet?“
Product Owner
Scrum Master
Team
Abb. 2.20 Scrum Projektorganisation
2.3
Phase Initialisierung
113
Tab. 2.17 Aufgaben der einzelnen Rollen und Gremien in der agilen Projektorganisation
Rolle/Gremium Aufgabe
Auftraggeber
Der Auftraggeber nimmt in der agilen Vorgehensweise weniger stark Einfluss
auf das Projekt wie in der klassischen Vorgehensweise. Trotzdem hat der Auf-
traggeber die folgenden Aufgaben zu erfüllen:
– Strategische Rahmenbedingungen abstecken
– Product Owner unterstützen, ihm Rückendeckung geben
– Ressourcen zusichern
– Türen öffnen, etwa für wichtige Informanten
– Seine Motivation zeigen (etwa bei Kick-off-Veranstaltungen)
Projektaus-
schuss/Steering
Committee
Der Einsatz eines Projektausschusses in der agilen Vorgehensweis ist optional.
Alternativ könnten die wichtigen Stakeholder zu den Sprint Reviews eingeladen
werden. Dadurch können Sie dem Projekt wertvollen Input liefern.
Product Owner
Der Product Owner steuert das Team auf der inhaltlichen Ebene, indem er
festlegt, was umgesetzt wird. Er führt den Product Backlog und ist für die Wert-
maximierung verantwortlich. Die Aufgaben des Product Owners lassen sich
wie folgt zusammenfassen:
– ist für das Erfassen der Kundenbedürfnisse und die Beschreibung der Anfor-
derungen verantwortlich
– führt, verfeinert und priorisiert den Product Backlog
– ist für das Erreichen der Projektziele und des Return of Investment verant-
wortlich
– erstellt und aktualisiert den Releaseplan und entscheidet alleine über den
Auslieferungszeitpunkt von realisierten Funktionalitäten
– stellt das Stakeholder-Management sicher
Der Product Owner kann sich bei der Erledigung seiner Aufgaben durch das
Team unterstützen lassen. Damit der Product Owner und das Projekt erfolgreich
sein können, muss die ganze Organisation seine Entscheidungen respektieren
und akzeptieren. Der Product Owner muss von der Organisation bevollmäch-
tigt sein (Geliehene Macht Abschn. 4.1.3). Der Job als Product Owner ist ein
Fulltime-Job und kann nicht nebenbei gemacht werden. Ist der Product Owner
nicht verfügbar, so bleiben Fragen unbeantwortet, Unklarheiten können nicht
bereinigt werden. Das führt zu Ineffizienzen beim Team.
Scrum Master
Der Scrum Master hilft dem Product Owner und dem Team, Scrum richtig
einzusetzen. Er ist der Methodenspezialist. Je weniger es den Scrum Master
braucht, umso besser hat er seinen Job gemacht. Die Aufgaben des Scrum Mas-
ters sind:
– Scrum etablieren, die notwendigen Techniken vermitteln und helfen, die Pro-
zesse zu etablieren
– das Team unterstützen und den Projektmitarbeitenden helfen, ihre Aufgaben
effektiv zu erledigen
– die direkte Zusammenarbeit zwischen Product Owner und Team sicherstellen
– Hindernisse beseitigen
– die Entwicklungspraktiken zu verbessern helfen
Der Scrum Master ist ein guter Zuhörer. Mit seiner Persönlichkeit ist er auch
in der Lage, das Team in schwierigen Situationen zu unterstützen. Der Scrum
Master wendet die Instrumente der Moderation und des Coachings an. Je nach
Projekt ist die Aufgabe des Scrum Masters am Anfang ein 100 %-Job. Im Ver-
laufe des Projektes wird jedoch seine Belastung sinken, und es ist durchaus
möglich, dass ein Scrum Master dann zwei oder drei Projekte betreut.
114
2
Methodik
Tab. 2.17 (Fortsetzung)
Rolle/Gremium Aufgabe
Team
Das Team führt die Arbeiten aus und stellt die Realisierung der Anforderungen
sicher. Das Team besteht aus Fachleuten, die am Ende eines Sprints ein fertiges
Inkrement ausliefern. Das Team setzt sich aus den Spezialisten zusammen, die
notwendig sind, um die Aufgabe zu bewältigen. Die Mitarbeiter in einem Team
müssen über das relevante Wissen und die notwendigen Fähigkeiten verfügen
und effizient miteinander zusammenarbeiten können. Ist dies nicht sicherge-
stellt, so ist das Team meist wenig produktiv. Ein gut funktionierendes Team
weist folgende Eigenschaften aus:
– Das Team organisiert sich selbst und ist autonom
– Es entscheidet, wie viele Anforderungen innerhalb des nächsten Sprints um-
gesetzt werden
– Das Team ist interdisziplinär tätig
– Es gibt keine weiteren Unterteilungen im Team
– Die Rechenschaft obliegt dem ganzen Team und kann nicht an eine einzelne
Person delegiert werden.
– Die Teammitglieder sind in der Regel zu 50 bis 100 % ihrer Kapazität im
Team und arbeiten nach Möglichkeit in unmittelbarer Nähe zusammen
Die ideale Teamgröße ist zwischen drei und neun Mitgliedern. Wenn mehr als
neun Mitglieder notwendig sind, um ein Projekt zu realisieren, werden idea-
lerweise parallel arbeitende Teams gebildet. Dabei kann der Ansatz von Large
Scale Scrum (Less) verfolgt werden. Die Realisierung von Projekten mit meh-
reren parallel arbeitenden Teams ist sehr anspruchsvoll und verlangt von allen
Beteiligten viel Erfahrung. Im Setting mit mehreren Teams gibt es nur einen
Product Owner.
Das Management muss sich ausdrücklich zur Selbststeuerung (Abschn. 4.1.12) be-
kennen, denn es delegiert einen Teil ihrer Entscheidungsmacht und muss das Projekt
entsprechend unterstützen (Abschn. 4.1.3). Als Auftraggeber definiert es den Projektauf-
trag, d. h. den inhaltlichen Rahmen und die Spielregeln. Der Auftraggeber ist somit eher
Kunde und vereinbart mit dem Team den Auftrag.
Die „Projektleitung“ kann zwei Ausprägungen haben:
In hybriden Projekten ist der „agile Projektleiter“ für die Gesamtplanung verantwort-
lich (Kolb 2014).
In agilen Projektteilen ist der „Teamcoach“ bzw. Scrum Master für die Unterstützung
des Teams zuständig.
Je nach Projekt können beide Rollen in einer Person vereint werden. Grundsätzlich ist
aber zu beachten, dass Projektleiter im Zusammenhang mit selbstgesteuerten Teams nicht
eine leitende, sondern eine organisierende und unterstützende Funktion haben: Sie orga-
nisieren die Nominierung der Teammitglieder, planen und moderieren Meetings wie den
Kick-off oder die Koordinations- und Präsentationsmeetings, schirmen vor Fremdeinflüs-
sen ab oder bieten Coaching an.
2.3
Phase Initialisierung
115
Projektteam 3
Projektteam 2
Projektteam 1
Auftraggeber/
Unterstützungs-
team
Product Owner
Organisator/
Teamcoach
Scrum Master
Abb. 2.21 Möglichkeit einer Projektorganisation als Netzwerk. Product Owner und Scrum Master:
Entsprechung zu Scrum
Falls es einen Projektausschuss gibt, hat er nebst den Vorarbeiten (Vision und Leitli-
nien erarbeiten, übergeordnete strategische Arbeiten erledigen usw.) gegenüber dem oder
den Teams ebenfalls eine unterstützende Funktion. In solchen Situationen wird der Pro-
jektausschuss daher auch Unterstützungsteam genannt, wie in Abb. 2.21 aufgezeigt.
2.3.9.5
Projektorganisation in der klassischen Vorgehensweise
Jede Rolle in der klassischen Projektorganisation hat spezifische Aufgaben zu erledigen,
welche in Tab. 2.18 beschrieben werden.
Die idealtypische Projektorganisation ist in Abb. 2.22 dargestellt.
Der Projektleiter sollte Selbstkompetenz, Sozialkompetenz, Verhandlungskompetenz,
Team- und Führungskompetenz und Methodenkompetenz mitbringen. Dabei kann er na-
türlich nicht überall Spezialist sein. Aber er müsste je nach Projekt und Aufgabenstellung
in allen Bereichen die für das Projektmanagement günstigen Kompetenzen mitbringen.
Das heißt bezüglich:
Selbstkompetenz: Sein Mensch- und Weltbild beeinflusst, welchen Umgang der Projekt-
leiter mit seinem Team pflegt. Auch sein Bewusstsein (Abschn. 3.3.6), seine Motivation
116
2
Methodik
Tab. 2.18 Aufgaben der einzelnen Rollen und Gremien in der klassischen Projektorganisation
Rolle/Gremium
Aufgabe
Auftraggeber
Synonym verwendete Begriffe sind Project Sponsor, Project Owner, Projekt-
eigner. In den meisten Fällen ist der Auftraggeber auch Entscheidungsträger.
Es sind aber Situationen denkbar, in denen die Entscheidungsfunktion auf-
geteilt wird, z. B. zwischen Geschäftsleitung und Vorstand oder zwischen
Exekutive und Legislative. Im Wesentlichen umfasst die Rolle des Auftrag-
gebers die folgenden Aufgaben:
– Strategische Rahmenbedingungen abstecken
– Prioritäten setzen, welche Projekte wichtig bzw. dringend sind
– Projektauftrag verbindlich vereinbaren
– Meilensteinentscheide treffen
– Projektleitung unterstützen, ihr Rückendeckung geben
– Ressourcen zusichern, die Projektleitung hat nicht die Macht, sich die Res-
sourcen zu nehmen. Hier muss der Auftraggeber Unterstützung bieten
– Türen öffnen, etwa für wichtige Informanten
– Informieren: Oft kann es wichtig sein, dass die Auftrag gebende Stelle nach
außen informiert (Repräsentation)
– Die eigene Motivation zeigen (etwa bei Kick-off-Veranstaltungen)
Projekt-
ausschuss/
Steering Com-
mittee
Der Projektausschuss wird auch Steuergruppe, Lenkungsausschuss,
Steering Committee (SC, SteCo) oder Reviewboard genannt und ist die
fachliche Erweiterung des Auftraggebers. Er nimmt die Rolle der generellen
Steuerung und Vorentscheidung wahr, besonders in großen Projekten. Im
Projektausschuss sind meistens Exponenten des oberen Managements oder
wichtiger Anspruchsgruppen vertreten. Setzt sich die Steuerungsgruppe nur
aus Mitgliedern des oberen Managements zusammen, so kann diese Gruppe
die inhaltliche Steuerung des Projektes oftmals an einen Fachausschuss oder
ein Fach-Review-Board delegieren.
Begleitgruppe/
Sounding
Board
Die Begleitgruppe unterstützt das Projekt, indem sie Stellung nimmt zu wichti-
gen inhaltlichen Ergebnissen. Sie kann sinnvoll sein bei Projekten, in denen
unterschiedliche Anspruchsgruppen vertreten sind. Ziele sind die Ausein-
andersetzung mit dem Projekt und dessen breite Akzeptanz. Begleitgruppen
kommen am ehesten in Forschungsprojekten, Akzeptanzprojekten oder in Ver-
änderungsprojekten vor.
(Abschn. 3.7) und sein Umgang mit Stress (Abschn. 3.5) wird das Verhalten seines Teams
beeinflussen.
Sozialkompetenz: Die persönliche Kommunikation (Abschn. 3.9), die interdisziplinäre
Zusammenarbeit und der Umgang mit Konflikten (Abschn. 4.4) verlangen vom Projekt-
leiter eine hohe Sozialkompetenz.
Verhandlungskompetenz: In vielen Situationen muss der Projektleiter Verhandlungen
führen (Abschn. 4.3) und einen Ausgleich zwischen Parteien finden.
Team- und Führungskompetenz: Projektleiter sind Gestalter sozialer Prozesse und müs-
sen vor allem Teams führen können (Kap. 4). Führen ist sehr anspruchsvoll und basiert
stark auf dem Menschenbild des Projektleiters (Kap. 3). Sie verlangt ein hohes Maß an
2.3
Phase Initialisierung
117
Tab. 2.18 (Fortsetzung)
Rolle/Gremium
Aufgabe
Projektleiter
(PL)
Der Projektleiter ist verantwortlich für die operative Abwicklung des Pro-
jektes, ist also Prozessgestalter. Er trägt die Vorgehensverantwortung. In
der Regel nimmt eine Person die Gesamtleitung wahr. Es ist aber auch ein
Leitungsteam denkbar – in diesem Falle müssen aber die sich gegenseitig er-
gänzenden Rollen sehr gut geklärt sein. In großen Kunden- oder Bauprojekten
wird in beiden Firmen (Auftragnehmer und Kunde bzw. Bauherr) je ein Pro-
jektleiter nominiert.
Führung und Organisation:
– Projektvereinbarung mit Auftraggeber aushandeln und schriftlich festhal-
ten
– Eine Problemlösungs- und Vorgehenssystematik wählen und einhalten
– Stakeholder-Management führen und den Einbezug der berechtigen An-
spruchsgruppen sicherstellen (Abschn. 2.3.5)
– Projektteam und Projektorganisation bilden, zusammen mit dem Auftrag-
geber erforderliche Ressourcen beschaffen
– Rollenklärung (Aufgaben- und Rollenteilung) (Abschn. 4.1.9)
– Projektstart, Kick-off durchführen (Abschn. 2.3.14)
– verschiedene Teilprojekte und Aktivitäten koordinieren (Kap. 4)
– Team leiten, Beteiligte koordinieren (Kap. 4)
– Sitzungen und Workshops moderieren
– Konflikt- und Krisenmanagement (Abschn. 4.4)
– Risikomanagement etablieren (Abschn. 2.3.8)
Planung
– Termine, Personen, Kosten und Qualität planen, kontrollieren und steuern
– Projektwirtschaftlichkeit beurteilen
– Meilenstein-Entscheide vorbereiten
– Konsequenzen von Zieländerungen aufzeigen
Information und Kommunikation:
– Aktiv und situativ informieren und kommunizieren
– Dokumentation sicherstellen: Protokolle, Projektpläne, Beschreibungen,
Programme usw.
Controlling:
– Ein Kontrollsystem einrichten, welches das Erreichen des Ziels, den Fort-
schritt (Inhalt, Termine) und Aufwand (Zeit und Kosten) überwacht und
Abweichungen meldet
– Zielabweichungen erkennen und Maßnahmen einleiten
Teilprojektleiter
(TPL), Teilpro-
jektteams
In großen Projekten lassen sich autonome Teilprojekte bilden. Die Leitung
dieser Teilprojekte ist Aufgabe des Teilprojektleiters. Die Aufgaben des Teil-
projektleiters sind ähnlich wie die des Projektleiters. Es braucht in jedem Fall
eine klare Absprache über das Aufgabenfeld zwischen PL und TPL.
Projektteam
Das Projektteam hat die Rolle der inhaltlichen Projektbearbeitung. Bei grö-
ßeren Projekten kann es sinnvoll sein, das Team zu strukturieren in Kernteam
und erweitertes Team. Durch diese Strukturierung lassen sich Sitzungen und
Workshops effizienter gestalten. Es müssen nicht alle Mitglieder überall dabei
sein.
Temporäre
Gruppen
Für die Bearbeitung spezifischer Aspekte können Arbeitsgruppen ins Leben
gerufen werden, die noch temporärer als das ganze Projekt sind.
118
2
Methodik
Projektträger
Projektteam
Auftraggeber
Projektausschuss
Kernteam
Projektleiter
Teilprojektteam
Teilprojektteam
Teilprojektteam
Abb. 2.22 Idealtypische Projektorganisation
Sozialkompetenz und Einfühlungsvermögen. Natürlich ist auch diese Kompetenz weit-
gehend von der Projektart abhängig und komplementär zum Fachwissen: Je weniger das
Fachwissen im Vordergrund steht, desto mehr ist Führungskompetenz gefragt und um-
gekehrt. Da der Projektleiter die am Projekt mitarbeitenden Personen nicht administrativ
führt, muss er sich ohne formelle Macht durchsetzen können.
Methodenkompetenz: Gemeint sind Strukturierungs- und Planungsmethoden, Problem-
lösungsmethoden, Moderationstechniken, Vorgehensmethoden usw.
In kleineren Projekten, sowie bei Standard- oder Wiederholprojekten ist es von Vorteil,
wenn der Projektleiter auch über Fachkompetenz verfügt.
2.3.9.6
Projektorganisation in der hybriden Vorgehensweise
In der Einleitung (Abschn. 1.4.3 und 2.1) sind mögliche Organisationsformen für das hy-
bride Projektmanagement beschrieben. Die beste Kombinationsform zwischen agilen und
klassischen Elementen muss situativ für jedes Projekt einzeln bestimmt werden. Abb. 2.23
zeigt die hybride Projektorganisation am Praxisbeispiel BLS.
2.3
Phase Initialisierung
119
Auftraggeber /
Projektausschuss
Gesamtprojektleiter
Product Owner & Change
Log
Fachausschuss
Fachlicher Lead, Prozesse,
Anforderungen, Product Owner
Architektur, Entwicklung
Finance / Controlling
Lieferantenmgt, Testing, IT-Betrieb
IT-Projektleiter, Scrum Master
Prozesse, Anforderungen,
Requirements Engineering
Kommunikation &
Marketing
Betriebsvorbereitung Fach /
Aufbau Kundensupport
Solution Architektur
Entwickler &
Realisierungspartner
Unternehmensarchitektur
Quality Gates
Ausschreibungen
Beschaffung
Einkauf, Legal
IT-Betrieb / Infrastruktur
IT Security
Testmanagement
Betriebsvorbereitung IT
agil
agil und klassisch gemischt
klassisch
Abb. 2.23 Praxisbeispiel BLS: Hybride Projektorganisation
2.3.9.7
Projektorganisation in Kundenprojekten
Die Projektorganisation in Kundenprojekten muss situativ beurteilt und festgelegt werden.
Verschiedene Konstellationen sind denkbar:
Das Kundenprojekt ist ein Teilprojekt in einem größeren Projekt beim Kunden.
Das Projekt wird gemeinsam durchgeführt. Schlüsselrollen wie beispielsweise die Pro-
jektleitung werden doppelt besetzt. Dies ist beispielsweise in vielen Bauprojekten mit
einem Bauherrenvertreter und einem Bauleiter der Fall.
Das Projekt wird eigenständig umgesetzt. Der Kunde wird in definierten Teilschritten
für Abnahmen und Reviews involviert.
Wichtig ist, gemeinsam die Rollen zu klären. Wer macht was? Wie grenzen sich die
Aufgaben voneinander ab? Wer trägt für welches Thema die Verantwortung? Weiter emp-
fiehlt es sich, gemeinsame Spielregeln festzulegen.
2.3.9.8
Die Anbindung der Projektorganisation an die Stammorganisation
Bei jeder Temporärorganisation stellt sich die Frage, wie sie mit der Gesamtorganisation
verbunden ist. Projektorganisationen sind in drei unterschiedlichen Formen aufgestellt:
120
2
Methodik
Matrix-Projektorganisation
Die Kompetenzen zwischen Linien und
Projektorganisation sind zu regeln
Projektkoordination
Die Entscheidungskompetenzen
liegen bei den Linieninstanzen
Reine Projektorganisation
Die Entscheidungskompetenzen
liegen bei der Projektleitung
Kompetenzen der Projektleitung
Kompetenzen der Linieninstanzen
gross
klein
gross
klein
Abb. 2.24 Formen der Projektorganisation und Kompetenzzuweisung
Projektkoordination,
reine Projektorganisation und
Matrixorganisation
Die verschiedenen Organisationsformen unterscheiden sich durch die Art und Weise,
wie die Gesamtheit der Führungs- und Entscheidungskompetenz zwischen Linie und Pro-
jekt geteilt wird oder wie groß der Freiheitsgrad des Projektleiters und seines Teams ist.
Details siehe Abb. 2.24.
Ein agiles Projekt kann nur in der reinen Projektorganisation oder in einer Matrix-
Projektorganisation umgesetzt werden.
Die Projektkoordination
Die Projektkoordination (oder Einfluss-Organisation) ist die Minimalform einer Projekt-
organisation, bei der die Primärorganisation lediglich um die Stabsstelle des Projektko-
ordinators ergänzt wird. Organigramm siehe Abb. 2.25. Die funktionale Hierarchie bleibt
unverändert bestehen. Der Koordinator (Projektleiter im Stab) besitzt keine Weisungs-
befugnisse. Er ist aber für den sachlichen und terminlichen Ablauf, für die rechtzeitige
2.3
Phase Initialisierung
121
Abteilung A
Abteilung B
Abteilung C
Mitarbeiter A2
Mitarbeiter A3
Mitarbeiter B1
Mitarbeiter B2
Mitarbeiter C1
Mitarbeiter C3
Projektleiter
Organisation
Projekt
Geschäftsleitung
Mitarbeiter A1
Mitarbeiter B3
Mitarbeiter C2
Autorität
Abb. 2.25 Projektkoordination
Information der entsprechenden Linieninstanzen und das richtige Vorgehen verantwort-
lich.
In seiner Koordinationsfunktion schlägt er der Linie Maßnahmen und nächste Ar-
beitsschritte vor. Diese Art von Projektleitung setzt voraus, dass die Linie konstruktiv
zusammenarbeitet und dem Projektleiter die nötigen Informationen zugänglich macht.
Er darf bei dieser Organisationsform nicht allein für die Zielerreichung verantwortlich
gemacht werden, da ihm die Führungsverantwortung im Projekt fehlt und er auf die Be-
reitschaft der Linie besonders angewiesen ist.
Die Vor- und Nachteile der Projektkoordination sind in Tab. 2.19 aufgezeigt.
Die Form der Projektkoordination eignet sich vor allem bei Projekten, die den Rahmen
der herkömmlichen Aufgaben nicht wesentlich übersteigen. Beispiele: Kundenaufträge,
einfache Produktentwicklungen.
Die reine Projektorganisation
Bei dieser Organisationsform wird für das Projekt eine eigenständige neue Organisations-
einheit gebildet. Organigramm siehe Abb. 2.26. Der Projektleiter wie auch die Teammit-
glieder sind vollamtlich im Projekt. Somit trägt der Projektleiter auch die volle Führungs-
verantwortung mit sämtlichen Entscheidungskompetenzen (außer bezüglich der Meilen-
122
2
Methodik
Tab. 2.19 Vor- und Nachteile der Projektkoordination
Vorteile
Nachteile
Projektkoordination
– hohes Maß an Flexibilität hinsicht-
lich des Personaleinsatzes
– einfacher Erfahrungsaustausch
– große Sammlung an Erfahrungen
über die verschiedenen Projekte
– keine organisatorische Umstellung
– Verantwortung des Projektes bleibt
weitgehend bei der Linie
– niemand fühlt sich für das Pro-
jekt verantwortlich
– geringe Reaktionsgeschwindig-
keit
– organisationsübergreifende
Sichtweise ist erschwert
– kein wirkliches Projektteam
Organisation
Projekt
Abteilung A
Abteilung B
Abteilung C
Mitarbeiter A2
Mitarbeiter A3
Mitarbeiter B1
Mitarbeiter B2
Mitarbeiter C1
Mitarbeiter C3
Projektleiter
Geschäftsleitung
Projektteam
Mitglied 1
Projektteam
Mitglied 2
Projektteam
Mitglied 3
Autorität
Abb. 2.26 Reine Projektorganisation
steinentscheide). Es entsteht ein unabhängiges, effizientes Team/eine Task Force. Diese
Projektorganisation kann recht teuer sein, denn die bisherigen Stellen müssen neu besetzt
werden. Und wenn die Mitarbeiter nicht voll im Projekt ausgelastet sind, entstehen Leer-
zeiten.
Die Vor- und Nachteile der reinen Projektorganisation sind in Tab. 2.20 aufgezeigt.
Die reine Projektorganisation ist von der Linie klar abgegrenzt und hat eine hohe Ei-
genständigkeit. Sie eignet sich . . .
2.3
Phase Initialisierung
123
Tab. 2.20 Vor- und Nachteile der reinen Projektorganisation
Vorteile
Nachteile
Reine Projekt-
organisation
– effiziente Organisation für Groß-
projekte
– eindeutige Verantwortung und
Entscheidungskompetenz beim
Projektleiter
– schnelle Reaktion bei Störungen
– hohe Identifikation des Projekt-
teams mit dem Projekt
– unabhängig vom Einfluss und
allfälliger Willkür der Linie.
– wenig Personalflexibilität, besonders bei
nur zeitweise benötigten Spezialisten
– Rekrutierung und Wiedereingliederung
von Projektmitarbeitern nach Abschluss
des Projektes kann schwierig sein
– Gefahr einer autoritären oder nicht
teamorientierten Führung durch den
Projektleiter eher möglich, da er in einer
speziellen temporären Situation führt.
für Vorhaben, die relativ wenig Berührung zu den herkömmlichen Aufgaben haben
(z. B. eine völlig neue Produktlinie entwickeln, einen Neubau erstellen),
für Projekte mit sehr hohem Risiko (Ausgliederung des Projektes aus dem Unterneh-
men),
bei zeitkritischen Vorhaben, oder
wo eine speziell durchschlagende Wirkung der Ergebnisse nötig ist.
Als Task Force wickelt sie in kurzer Zeit sehr wichtige und dringende Projekte ab.
Die Matrix-Projektorganisation
Diese Organisationsform stellt eine Mischung aus reiner Projektorganisation und Projekt-
koordination dar. Organigramm siehe Abb. 2.27. Die Verantwortungen und Kompetenzen
sind zwischen dem Projektleiter und den Linieninstanzen aufgeteilt. Diese Aufteilung
richtet sich nach dem Projekt und kann in weiten Grenzen variieren. Die Matrix-Pro-
jektorganisation stellt sehr hohe Anforderungen an die klare Aufteilung und Einhaltung
der Abmachungen zwischen der Linie und dem Projekt sowie an das Rollenbewusstsein
aller Beteiligten. Daher ist sie sehr konfliktanfällig und erfordert einen hohen Grad an
Kommunikation, vor allem für Regelungen und Vereinbarungen.
Die Vor- und Nachteile der Matrix-Projektorganisation sind in Tab. 2.21 aufgezeigt.
Die Matrix-Projektorganisation ist in der Praxis des klassischen Projektmanagements
die weitaus häufigste Organisationsform. Viele Unternehmen haben mit Rücksicht auf
die begrenzten Ressourcen fast keine andere Wahl. Wegen der Abhängigkeiten und Ge-
gensätze, die aus der hierarchisch orientierten Linienorganisation einerseits und aus der
Teamkultur der Projektorganisation andererseits entstehen, ist dies organisationspsycho-
logisch wohl die heikelste und anspruchsvollste Form. Sie funktioniert nur dann sinnvoll,
wenn:
124
2
Methodik
Abteilung A
Abteilung B
Abteilung C
Mitarbeiter A2
Mitarbeiter A3
Mitarbeiter B1
Mitarbeiter B2
Mitarbeiter C1
Mitarbeiter C3
Projektleiter
Geschäftsleitung
Projektteam
Mitarbeiter A1
60%
Projektteam
Mitarbeiter C2
20%
Projektteam
Mitarbeiter B3
40%
Mitarbeiter A1
40%
Mitarbeiter B3
60%
Mitarbeiter C2
80%
Autorität
Organisation
Projekt
Abb. 2.27 Matrix-Projektorganisation
Tab. 2.21 Vor- und Nachteile der Matrix-Projektorganisation
Vorteile
Nachteile
Matrix-Projektorga-
nisation
– Projektleiter und Team fühlen sich
verantwortlich für das Projekt
– Eindeutige Verantwortung und
Entscheidungskompetenz beim
Projektleiter
– flexibler Personaleinsatz, keine
Auslastungsprobleme
– Kontinuität der fachlichen Weiter-
bildung, kein Kontaktverlust zur
Linie
– zielgerichtete Koordination ver-
schiedener Interessen
– Förderung der ganzheitlichen, inter-
disziplinären Betrachtung.
– Gefahr von Kompetenzkon-
flikten zwischen Linien- und
Projektautorität
– Verunsicherung von Führungs-
kräften wegen Verzicht auf
Ausschließlichkeit
– Verunsicherung von Mitarbeitern
als „Diener zweier Herren“
– hohe Anforderungen an die
Informations- und Kommuni-
kationsbereitschaft
2.3
Phase Initialisierung
125
die Aufgaben und Kompetenzen klar geregelt sind, analog einer Vortrittsregelung bei
Kreuzungen,
die Linie mittels Kapazitätsplanung die Ressourceneinsätze des Mitarbeiters in der Li-
nienarbeit und in der Projektmitarbeit optimal koordiniert,
Probleme und Konflikte thematisiert und auf der richtigen Hierarchiestufe ausdiskutiert
werden, d. h., wenn die Konfliktkultur genügend ausgeprägt ist; ist dies nicht der Fall,
werden die Konflikte ins System delegiert,
die Unternehmensbereiche zusammenarbeiten wollen und sich nicht über das Projekt
konkurrieren.
2.3.9.9
Die Kompetenzregelung
RACI Matrix
Viele Konflikte und Missverständnisse entspringen unklaren oder unterschiedlich verstan-
denen Verantwortlichkeiten. Die RACI Matrix ist eine Methode, um die Verantwortlich-
keiten vollständig und ohne Überschneidungen zu erfassen und in Form einer Tabelle zu
visualisieren. In den Zeilen werden alle Aufgaben/Aufträge aufgelistet, in einem Projekt
beispielsweise die Lieferobjekte oder Arbeitspakete. In den Spalten werden alle Leis-
tungsträger aufgelistet, im Projekt beispielsweise die unterschiedlichen Rollen.
Die RACI Matrix beantwortet für ein Projekt folgende drei Fragen:
Welche Arbeitspakete sind zu erledigen?
Welche Rollen sind beteiligt?
Wer ist wofür verantwortlich?
In den Feldern werden die vier Verantwortlichkeiten R, A, C und I gemäß Tab. 2.22
eingetragen.
Tab. 2.22 RACI Verantwortlichkeiten
RACI Code
RACI Verantwortlichkeit
R
Responsible
Verantwortlich im Sinne der Durchführungsverantwortung. Die Person
führt das Arbeitspaket selber durch oder delegiert es.
A
Accountable
Rechenschaftspflichtig, entscheidungsbefugt, übergeordnet verantwort-
lich im Sinne von „genehmigen“, „billigen“ oder „unterschreiben“. Die
Person trägt die rechtliche oder kaufmännische Verantwortung.
C
Consulted
Konsultativ beizuziehen. Die Person, die vielleicht nicht direkt an der
Umsetzung beteiligt ist, aber relevante Informationen für die Umsetzung
hat und deshalb befragt werden soll oder muss
I
Informed
Zu informieren. Die Person, die Informationen über den Verlauf bzw. das
Ergebnis der Tätigkeit erhält oder die Berechtigung besitzt, Auskunft zu
erhalten.
126
2
Methodik
Tab. 2.23 Beispiel einer RACI Matrix
Auftrag-
geber
Projekt-
ausschuss
Projekt-
leiter
TP Tech-
nik
TP Pro-
duktion
TP Mar-
keting
Arbeitspakete
1 Entwicklungsversuche
A
R
C
I
2 Entwurf Prototyp
A
C
R
C
3 Prototyp herstellen
A
C
I
R
I
I
4 Vorabklärung
Produktion
A
C
R
5 Beratung Konstruktion
I
I
C
A
R
C
6 AVOR
C
A
R
7 Werbekonzept
A
I
C
I
R
8 Servicekonzept
I
A
I
C
I
R
9 Wirtschaftlichkeit
A
I
I
I
I
R
Tab. 2.23 zeigt ein Beispiel einer RACI Matrix.
Die RACI Matrix kann nun wie folgt überprüft und analysiert werden.
Im Rahmen der horizontalen RACI Analyse werden folgende Punkte überprüft:
In jeder Zeile soll ein R stehen. Bei mehreren R in einer Zeile ist zu prüfen, ob das
Arbeitspaket weiter unterteilt werden kann. Zumindest stimmen sich in diesem Fall die
Verantwortlichen eng ab.
In jeder Zeile soll genau ein A stehen. Die übergeordnete Verantwortlichkeit kann nicht
geteilt werden.
Bei einer hohen Anzahl C oder I ist zu prüfen, ob dies noch zielführend ist bzw. wie
hoch der zu erwartende Nutzen dieser konsultativen bzw. informativen Einbindung ist.
Im Rahmen der vertikalen RACI Analyse werden folgende Punkte überprüft:
Wenn einer Rolle eine hohe Anzahl R zugeteilt ist, prüfe man, ob die Person alle Ar-
beitspakete termingerecht erfüllen kann.
Ist einer Rolle eine hohe Anzahl A zugeteilt, prüfe man, ob die Rechenschaftspflicht
an andere Stellen delegiert werden kann.
Hat eine Rolle kaum leere Felder, ist zu hinterfragen, ob diese Person in alle Arbeits-
pakete eingebunden werden muss.
Ein Gesamtüberblick ermöglicht die Plausibilisierung, ob grundsätzlich die Arbeitspa-
kete sinnvoll und ausgewogen den Fähigkeiten und Stärken der entsprechenden Perso-
nen zugewiesen sind.
Die RACI Matrix eignet sich sehr gut zum Auflösen von Konfliktsituationen, deren
Ursache in unscharfen oder ungeklärten Rollendefinitionen liegt. In größeren Projektum-
gebungen können – getreu dem Motto „Viele Wege führen nach Rom“ – einzelne Arbeits-
pakete verschiedenen Rollen zugewiesen werden. Dabei ist es wenig relevant, welcher
2.3
Phase Initialisierung
127
Rolle ein Arbeitspaket zugewiesen ist. Von größter Wichtigkeit ist hingegen, dass alle Be-
teiligten sich bewusst sind, welche Rolle die entsprechende Verantwortung trägt und dass
jede Rolle gelebt und respektiert wird. Eine ähnliche Darstellung der Kompetenzregelung
ist das Funktionendiagramm.
Führungskontinuum bei wechselnder Verantwortung
Unternehmen gestalten ihre Aufbau- und Ablauforganisationen meist arbeitsteilig. Auf-
gaben werden dadurch üblicherweise in Organisationseinheiten erledigt. Die Abwicklung
von Projekten verläuft dann oft durch zwei (oder mehrere) organisatorische Einheiten,
wie Abb. 2.28 zeigt. Erschwerend kann hinzukommen, dass nicht alle Einheiten ihre
Arbeiten als Projekt bezeichnen. Beispielsweise bezeichnet ein Account Manager seine
Akquisitionstätigkeit kaum als Beauftragungs- und Initialisierungsphase eines Projekts,
obwohl ein eigentlicher Projektleiter den Auftrag dann weiterführt. Der Projektleiter an-
dererseits übernimmt ein Projekt, bei dem beispielsweise der Ablieferungstermin und die
Produktkosten vertraglich definiert sind, obwohl die Anforderungen auf ihre Machbarkeit
innerhalb der Termin- und Budgetvorgaben nicht überprüft wurden. Der Projekterfolg ist
Anfrage
Offerte
Auftrag
Entwicklung
Übergabe
Projektleitung – Aquisition
Projektdauer
Projektleitung – Realisation
Produktion
Abnahme
Abb. 2.28 Punktuelle Projektübergabe vs. Führungskontinuum am Beispiel eines Auftragsabwick-
lungsprojektes
128
2
Methodik
dadurch in hohem Maß gefährdet, pauschale Schuldzuweisungen sind sehr wahrschein-
lich.
Beispiele möglicher Kombinationen sind:
Verkauf ! Auftragsabwicklungsprojekt
Produktmanagement ! Entwicklungsprojekt
Entwicklungsprojekt ! Industrialisierung zur Produktionsaufnahme
Produktion ! Support/After Sale Service
Aus Projektsicht handelt es sich hierbei um ein Projekt mit wechselnder Projektleitung
und oft auch wechselndem Projektteam. Um hier ein Führungskontinuum sicherzustellen,
bewähren sich in der Praxis folgende Schritte:
Neben einem sauberen Handover zwischen den beiden Projektleitungsverantwortlichen
– z. B. als „Account Manager“ und „Projektleiter“ bezeichnet – soll der vorgesehene
zukünftige Projektleiter bereits zu Beginn der Aktivitäten des Account Managers punk-
tuell zu Kundengesprächen oder internen Besprechungen beigezogen werden. So kann
er sich bereits ein Bild machen, was auf ihn zukommen wird. Auch kann er Erfahrun-
gen aus früheren Projekten einbringen. So kann er beispielsweise sicherstellen, dass
Toleranzen, welche an die Grenze des eigenen Produktionsverfahrens gehen, vor Be-
ginn des Projekts mit dem Kunden festgelegt werden.
Ebenso soll der Account Manager beim Schluss-Review und den Lessons Learned des
Projekts wieder teilnehmen. Hier erhält er für zukünftige Aufträge wichtige Hinweise,
welche Details die Marge erhöhen oder aber erodieren.
Durch diese mehrmalige Verzahnung der beteiligten Projektleitungsverantwortlichen
erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Gesamtprojekt erfolgreich abgeschlossen
werden kann. Ein solches Vorgehen ist bei der zunehmenden Projektkomplexität hilfreich.
2.3.9.10
Bildung der Projektorganisation
Im Allgemeinen werden Projektorganisationen zu unkritisch und zu unsorgfältig zusam-
mengestellt. Gründe dazu sind oftmals
eine einseitige Optik (z. B. nur aus der Perspektive des Auftraggebers, der Fachabtei-
lung usw.),
eine Kultur des ständigen Auswechselns von Personal,
Angst vor heiklen und konfliktträchtigen Diskussionen über die personelle Zusam-
mensetzung des Teams (Engagement, Interessen, Verfügbarkeit, Know-how, Sympa-
thie/Antipathie) und
die Verfügbarkeit von Personen.
Folgende Tipps für die Bildung der Projektorganisation haben sich in der Praxis be-
währt:
2.3
Phase Initialisierung
129
Bei Projekten mit stark divergierenden Interessen wird der Mitwirkungsgrad der An-
spruchsgruppen größer und damit die Projektorganisation umfangreicher sein. Trotz-
dem ist es ratsam die Projektorganisation möglichst schlank zu halten. Eine breite
Beteiligung kann auch mit Begleitgruppen, speziellen Workshops für Betroffene und
Benutzer – evtl. mit einer Großgruppenveranstaltung – erreicht werden.
Auf definierte Rollen achten, Mehrfachrollen vermeiden! Gewaltentrennung zwi-
schen den Gremien anstreben.
Die Nominierung der Projektmitglieder nicht dem Zufall überlassen. Neben der Nomi-
nierung der Teilnehmer für die Gremien auch festlegen, wie Führungskräfte, Auftrag-
geber oder Projektleiter nominieren sollen, um eine breite Abstützung der Anspruchs-
gruppen zu erreichen.
Projektmitarbeiter sollen über die notwendigen Ressourcen verfügen. Überlastete
Projektmitglieder sind nicht motiviert oder sehen sich gezwungen, ihre Prioritäten
selber je nach Interesse festzulegen.
Im Laufe des Projektes kann sich die Projektorganisation von Phase zu Phase ändern.
Innerhalb einer Phase sollte die Organisation möglichst konstant gehalten werden, um
die Teamprozesse nicht zu unterbrechen.
Lieber weniger Projekte mit fachlich hervorragenden und motivierten Personen. Auch
das Management muss sich im Projekt engagieren können!
2.3.10
Informationsbeschaffung und Situationsanalyse
Einer der Schwerpunkte in der Initialisierungsphase ist die kritische Auseinandersetzung
mit dem wirklichen Projektziel. Dieses kann sich in mehrfacher Hinsicht von den vorder-
gründigen Zielen unterscheiden:
Der Projektauftrag, die Rahmenbedingungen oder die Zielsetzungen sind unklar
und/oder unvollständig.
Der Auftraggeber kann aus seiner Wahrnehmung heraus eine unvollständige Zielvor-
gabe gemacht haben.
Interessenkonflikte und Machtverhältnisse zwischen verschiedenen Stakeholdern kön-
nen zu einer unscharfen Zielvorgabe geführt haben.
Der Projektauftrag bedarf zuerst der Identifikation und Analyse eines Symptoms. Erst
mit den Ergebnissen der Analyse kann die eigentliche Zielformulierung erfolgen. Bei-
spiel: „Seit drei Monaten erhalten wir erhöhte Mengen an Rückläufern vom Markt.
Finden Sie das Problem und beheben Sie die Ursache!“
In der Projektarbeit ist meistens nicht alles von Anfang an klar. Deshalb lohnt es sich,
zuerst in den Fact Finding Modus zu schalten, eine Situationsanalyse vorzunehmen und
Informationen zu beschaffen.
130
2
Methodik
Tab. 2.24 Elemente der Situationsanalyse
Auftragsklärung
folgende Fragen klären:
– Was ist der Anlass, etwas zu tun?
– Worum geht es wirklich?
– Ist der Projektauftrag vollständig?
– Haben Auftraggeber und Projektteam das gleiche Verständnis vom
Auftrag? (Siehe Abschn. 2.3.12)
Analyse der Gegenwart
– Kontextanalyse
– Stakeholder-Analyse, siehe Abschn. 2.3.5
– SWOT-Analyse
– Ursachen-Wirkungsanalyse
– Analyse der Rechtsgrundlagen und Compliance Vorgaben
– Schutzbedarfsanalyse
Einbezug der Zukunft
– Planhorizont
– Szenario-Technik
Die Situationsanalyse dient der Klärung der Problemsituation, des relevanten Problem-
umfeldes im Sinne einer Auftragsklärung und Lagebeurteilung und der Eingrenzung des
Problems. Sie wird bei jedem Meilenstein überprüft und kann für Teilaspekte nach Be-
darf wiederholt oder ergänzt werden. Je nach Problemstellung und vorhandenem Wissen
kann eine Situationsanalyse in wenigen Stunden „ad hoc“ durchgeführt werden, oder sie
braucht detaillierte Abklärungen durch mehrere Personen, möglicherweise über Monate
hinweg. Dies ist typisch bei Produktentwicklungs- und Anlageprojekten mit der Gefahr,
die Analyse bis zur Paralyse zu treiben.
Eine vollständige Situationsanalyse beinhaltet zumindest die Aspekte gemäß Tab. 2.24.
2.3.10.1
Kontextanalyse
In der Praxis wird in zwei unterschiedlichen Fällen von Kontextanalyse gesprochen:
Umfeld- oder Umweltanalyse
Methode zur Erfassung der Aufgaben von Nutzern.
Die Umfeld- und Umweltanalyse hat eine gewisse Übereinstimmung mit der Stakehol-
der-Analyse. Es sind folgende drei Betrachtungswinkel von Relevanz:
zeitlich: Was geschah vor dem Projekt? Wie sah die Welt vor dem Projekt aus? Was
soll nach der Beendigung des Projekts passieren? Wie sieht die Welt nach dem Projekt
aus?
sachlich: Welche sachlichen Einflussfaktoren, Rahmenbedingungen und Trends sind
für das Projekt von Bedeutung?
sozial: Welche Personen und/oder Personengruppen haben ein Interesse am Projekt?
Wer beeinflusst das Projekt oder wird vom Projekt tangiert? Siehe Stakeholder-Analyse
Abschn. 2.3.5
2.3
Phase Initialisierung
131
Bei der Methode zur Erfassung der Aufgaben von Nutzern werden neben den Aufgaben
auch die Prozesse der Nutzer analysiert. Dabei sind folgende Fragestellungen genauer zu
untersuchen:
Wo erfüllen die Nutzer ihre Aufgaben?
Unter welchen Umständen? Was tun sie?
Wie erfüllen sie ihre Aufgaben?
Warum machen sie es auf diese Weise?
2.3.10.2
SWOT-Analyse
Die SWOT-Analyse identifiziert Strengths (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Oppor-
tunities (Chancen) und Threats (Gefahren) des betrachteten Systems (Unternehmen oder
Projekt). Die SWOT-Analyse prüft sowohl die interne als auch externe Umgebung. Stär-
ken und Schwächen sind kontrollierbare interne Faktoren in der Gegenwart und können
bei Bedarf und entsprechendem Willen verändert werden. Chancen und Gefahren sind
wenig bis nicht kontrollierbare externe Faktoren in der Zukunft und können nicht von
der Organisation beeinflusst werden. Die Organisation kann darauf aber entsprechende
Maßnahmen ergreifen, um ihnen geeignet zu begegnen.
Eine SWOT-Analyse kann auf unterschiedlichen Flughöhen und für verschiedenen
Umfang erstellt werden: Eine Organisation kann als Ganzes betrachtet werden. Auch
einzelne Themenbereiche, Leistungsangebote, das durchzuführende Projekt oder einzelne
Abteilungen können einer SWOT-Analyse unterzogen werden. Tab. 2.25 zeigt auf, wie
Tab. 2.25 Fragen für die SWOT-Analyse
Strengths
(Stärken)
– Was läuft gut?
– Worauf können wir uns verlassen?
– Was stellt uns zufrieden?
– Woher beziehen wir Energie?
– Worauf sind wir stolz?
– Was sind unsere Stärken?
Weaknesses
(Schwächen)
– Was ist schwierig?
– Welche Störungen behindern uns?
– Was fehlt uns?
– Was fällt uns schwer?
– Wo liegen unsere Fallen?
Opportunities
(Chancen)
– Welche Möglichkeiten eröffnen sich uns?
– Welche Marktsegmente werden boomen?
– Was können wir im Umfeld nutzen?
– Was liegt brach?
– Was ist ausbaubar?
Threats
(Gefahren)
– Wo lauern die Gefahren?
– Welche Schwierigkeiten kommen auf uns zu?
– Womit müssen wir rechnen?
– Was sind unsere Befürchtungen?
132
2
Methodik
Tab. 2.26 Strengths (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Chancen) und Threats
(Gefahren) und der Umgang damit
SWOT
Positiv
Negativ
– Interne Aspekte
– Heutige Situation
– beeinflussbar
Strengths (Stärken)
! Beibehalten oder ausbauen
Weaknesses (Schwächen)
! Eliminieren oder vermin-
dern
– Externe Einflüsse und Trends
– Zukünftige Situation
– Kaum beeinflussbar
Opportunities (Chancen)
! Nutzen oder ausbauen
Threats (Gefahren)
! Bewerten und Alternativen
entwickeln
Tab. 2.27 Fragen zur Konkretisierung der SWOT-Strategien
S-O Strategie
Welche Opportunities (Chancen) können mit den aktuellen Strengths (Stärken)
genutzt werden?
S-T Strategie
Welche Threats (Gefahren) können mit unseren aktuellen Strengths (Stärken),
eliminiert oder vermindert werden?
W-O Strategie
Welche Opportunities (Chancen) könnten genutzt werden, wenn unsere aktuel-
le Weakness (Schwäche) eliminiert würde?
W-T Strategie
Welche Threats (Gefahren) könnten gebannt werden, wenn wir unsere aktuelle
Weakness (Schwäche) eliminieren würden?
die einzelnen Themen analysiert und welche Fragen an die Mitglieder einer Organisation
gestellt werden können.
Mit den Stärken, Schwächen, Chancen und Gefahren ist unterschiedlich umzugehen,
wie dies Tab. 2.26 zeigt.
Ein Unternehmen oder Projekt kann nur seine Stärken und Schwächen bearbeiten und
beeinflussen und damit auf die Chancen und Gefahren des Marktes reagieren.
In der Praxis zeigt sich, dass die Nennung und Unterscheidung von Stärken und Schwä-
chen eher einfach gelingt, es vielen Teams aber schwerfällt, Chancen und Gefahren zu
identifizieren und die obere und untere Hälfte vermischt werden: Oft werden Stärken als
Chancen bzw. Schwächen als Gefahren bezeichnet.
Die SWOT-Strategien gemäß Abb. 2.29 sind möglich.
Abgeleitet aus den SWOT-Strategien stellen sich die Fragen, wie in Tab. 2.27 aufge-
zeigt, um die Strategien zu konkretisieren.
2.3.10.3
Ursachen-Wirkungsanalyse
Eine systematische Methode, welche erlaubt, komplexe Ursachen-Wirkungszusammen-
hänge darzustellen, wurde schon in den 1950er Jahren vom Japaner Kaoru Ishikawa ent-
wickelt. Es handelt sich um eine einfache Technik zur systematischen Ermittlung von
Problemursachen. Das Problem wird am Kopf eines Fischgrats notiert. Die Hauptursa-
chen, welche wie Fischgräten als Pfeile auf die „Wirbelsäule“ zeigen, können für viele
Situationen immer wieder verwendet werden: Mensch, Methode, Maschine, Material,
Milieu, Messung und Management. Auf diese Hauptpfeile zielen nun wiederum Pfeile,
welche mögliche Nebenursachen darstellen können (Abb. 2.30).
2.3
Phase Initialisierung
133
Strengths
Weaknesses
Opportunities
Threats
S-T
Strategie
W-O
Strategie
S-O
Strategie
W-T
Strategie
Abb. 2.29 SWOT-Strategien
Die Erstellung eines Ishikawa-Diagramms erfolgt in einer moderierten Arbeitsgruppe.
Für den Erfolg der Methode ist es wichtig, dass für jeden betroffenen Bereich des zu
analysierenden Problems sachkundige Teilnehmer anwesend sind. Dies kann bedeuten,
dass auch externe Personen (z. B. Lieferanten, Kunden) hinzugezogen werden müssen.
Die Mitglieder des Teams notieren sich auf einem großen Papier (Pinnwand, Flip-
chart) möglichst klar und verständlich das Problem, bis alle mit der Problemformulierung
einverstanden sind. Die Einzelergebnisse der Ursachenforschung werden mit einem Brain-
storming auf Karten notiert. Diese Karten werden dann gemäß „Bauplan“ zum Ishikawa-
Diagramm aufgereiht. Im Wechsel der schrägen und horizontalen Pfeile kann nach immer
tieferen Ursachen geforscht werden.
Das Ishikawa-Diagramm kann auch verwendet werden, um Aktivitäten in Prozessen
zu strukturieren bzw. Prozesse zu analysieren. In diesem Fall steht an der Spitze des
Hauptpfeils das Ergebnis des Prozesses, während die einzelnen Zweige die Aktivitäten
hierarchisch geordnet darstellen.
Mit der Dispersionsmethode werden einzelne Ursachen einer Hauptursache zugeord-
net. Jede einzelne Ursache wird hinterfragt: „Warum tritt diese Ursache (Dispersion) auf?“
Es wird so lange hinterfragt, bis dem Team keine Ursachen mehr einfallen. Als Faustregel
134
2
Methodik
Maschinen
(Ursache
1. Ordnung)
Methoden
(Ursache
1. Ordnung)
Material
(Ursache
1. Ordnung)
Milieu
(Ursache
1. Ordnung)
Management
(Ursache
1. Ordnung)
Menschen
(Ursache
1. Ordnung)
Prozessachse
kühlt zu
rasch ab
(Ursache
2. Ordnung)
Ursachen
nach
Ordnung
Zu viel
«Ausschuss»
(Konkret
formulierte
Wirkung)
Abb. 2.30 Ursachen-Wirkungsanalyse
gilt hierbei die Technik der „Fünf Warum“: Bis zu fünfmal „Warum?“ fragen, um an die
Wurzel des Problems zu gelangen.
Mögliche Fragestellungen sind: „Was verursacht die Wirkung . . . ? Weshalb passier-
te . . . ? Wie würde es sich verhalten, wenn sich dieser Aspekt verändert? Wer ist vom
Problem betroffen? Wie erleben Sie . . . ? Wer leidet unter dieser Situation, diesem Zu-
stand?“
2.3.10.4
Analyse der Rechtsgrundlagen und Compliance Vorgaben
Die Umsetzung von Projekten erfordert eine genaue Kenntnis der unterschiedlichen Ge-
setze und regulatorischen oder firmeninternen Vorgaben. Die Gesetze und Vorgaben kön-
nen die Suche nach Lösungskonzepten einschränken (beispielsweise Einhaltung von Um-
weltauflagen) oder die Abwicklung des Projektes stark beeinflussen (beispielsweise Ein-
haltung der Wochenhöchstarbeitszeiten der Projektmitarbeiter).
Daher gilt es, die für das Projekt relevanten Themen, in den folgenden Bereichen zu
identifizieren und zu analysieren:
Rechtsvorschriften (Gesetze, Verordnungen)
Compliance und Governance-Vorgaben
2.3
Phase Initialisierung
135
Vorschriften für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz (SGU)
Verhaltensregeln und Berufsvorschriften
Prinzipien und Ziele der Nachhaltigkeit
Standards und Normen
Nach der Analyse sind die Auswirkungen und Konsequenzen für das Projekt zu beur-
teilen und abzuleiten. Während der Umsetzung des Projektes ist dafür zu sorgen, dass die
identifizierten und relevanten Rahmenbedingungen eingehalten werden.
2.3.10.5
Schutzbedarfsanalyse
Cyberattacken und Hackerangriffe stellen täglich eine Bedrohung dar. Informationssicher-
heit und Datenschutz sind nicht nur in ICT-Projekten wichtige Themen. Die Schutzbe-
darfsanalyse ermittelt den Schutzbedarf für Daten, Dokumente und ICT-Anwendungen.
Die betrachteten Schutzziele sind Integrität, Vertraulichkeit und Authentizität. Analysiert
werden Geschäftsprozesse, ICT-Anwendungen, ICT-Systeme, Daten, Dokumente, ICT-
Infrastruktur, Zugang zu Gebäuden und Räumen, aber auch Zulieferer und Lieferanten.
Die gewonnenen Erkenntnisse müssen in der Umsetzung des Projektes und in der Kon-
zeption der Lösung berücksichtigt werden. Die gewonnenen Erkenntnisse können den Lö-
sungsgestaltungsraum einschränken. Mögliche Maßnahmen zum Schutz der Vertraulich-
keit und Integrität können beispielsweise Verschlüsselung der Daten bei der Speicherung
oder ein Berechtigungssystem für den Zugriff auf Anwendungen oder Daten sein. Die
gewonnenen Erkenntnisse können auch in die Risikoanalyse einfließen (Abschn. 2.3.8).
2.3.10.6
Planhorizont
Ein verändertes Umfeld kann die Projektziele und den späteren Nutzen eines Produktes
bedeutsam beeinflussen: Je ausgeprägter die Einflussfaktoren sich ändern, umso größer
ist die Wirkung auf das Projekt, und je größer die Zeiträume, umso ausgeprägter kann
die Veränderung sein. Der Zielfindungsprozess muss deshalb auf den Planungshorizont
ausgerichtet sein, wie Abb. 2.31 zeigt.
2.3.10.7
Szenario-Technik
Szenarien sind alternative Bilder der Zukunft und helfen, mögliche Projektverläufe früh-
zeitig zu erkennen und in ihren Auswirkungen abzuschätzen. Die Szenario-Technik hilft
insbesondere in Situationen, die im Eintretensfall große Konsequenzen haben und nur
kurze Reaktionszeiten erlauben.
Mit Szenario-Techniken werden „Wenn-Dann-Optionen“ entwickelt und vorbereitet.
Untersucht werden sowohl die Auswirkungsstärke einzelner Maßnahmen auf die eigene
Organisation als auch die Prognosesicherheit in der Vorhersage dieser Maßnahmen. Je
höher eine zu erwartende Aktion bezüglich beider Dimensionen tendiert, desto mehr Auf-
merksamkeit ist notwendig, da Reaktionszeit und Kosten bzw. Investitionen eine enorme
Rolle spielen. Wenn die Unsicherheit sich auf zwei Alternativen mit stark unterschiedli-
chem Aufwand reduziert, werden beide Szenarien planerisch als Alternativen erfasst.
136
2
Methodik
Umfeld bei
Projektende
Umfeld
heute
Umfeld bei
Planhorizont
Projektaufgaben
bei Projektbeginn
Produkt
bei Planhorizont
Mitbestimmend
für die erfolgreiche
Nutzung des
Projektproduktes
Mitbestimmend bei
der Lösungssuche
Mitbestimmend
für die erfolgreiche
Einführung des
Projektproduktes
Produkt bei
Projektende
Abb. 2.31 Berücksichtigung von Faktoren mit Einfluss auf die Zukunft
Stellen Sie sich vor, ein Kunde wünscht eine hochpräzise Maschine, die Sie noch nie
zuvor mit einer solch geringen Toleranz produziert haben. Ihre Ingenieure haben in einer
Machbarkeitsanalyse festgestellt, dass Sie die geforderte Präzision mit Ihren heutigen Pro-
duktionsmethoden und etwas Zusatzarbeit „mit etwas Glück“ schaffen könnten. Wie viel
Zusatzarbeit nötig sein wird, lässt sich nicht von vornerein abschätzen. Wenn sich heraus-
stellt, dass das Ziel mit den Ihnen bekannten Methoden nicht erreichbar ist, muss ein neues
Verfahren mit einem Aufwand von acht Personenmonaten erarbeitet werden. Zudem muss
dann ein Reinraum für das neue Verfahren bezogen werden, was Investitionen in Höhe von
C 600k bedingt. Beide Szenarien werden eingeplant. Ein Meilenstein wird gesetzt, wann
spätestens zu entscheiden ist, die erste Alternative nicht mehr weiterzuführen (Deadline).
Unter Umständen entscheidet sich die Projektleitung auch dafür, beide Varianten parallel
umzusetzen. Falls das bestehende Verfahren sich nach z. B. drei Monaten als untauglich
erweist, ist das neue Verfahren nur fünf Monate später einsatzbereit. Der Preis für diese
Beschleunigung sind die Kosten und gebundenen Ressourcen für das zweite Team und
allfällige Investitionen in erste Reinraumkomponenten.
2.3
Phase Initialisierung
137
2.3.11
Projektstrukturierung
Die Planung und damit auch die Strukturierung von Projekten wird je nach Situation sehr
unterschiedlich ausgeführt. Bei ausgeprägten Standardprojekten mit großer Erfahrung im
Unternehmen wird die Struktur bereits in Vorgabedokumenten bereitgestellt und zwecks
einheitlichem Vorgehen auch durchgesetzt. In kleineren Projekten oder Potenzialprojekten
mit hoher Zieloffenheit, z. B. bei Grundlagenforschung oder wenn die detaillierten Spe-
zifikationen noch nicht verbindlich festgelegt wurden, werden lediglich Basisstrukturen
gesetzt, z. B. verschiedene Teams zusammengestellt.
Bei der Projektstrukturierung – auch Grobplanung genannt – geht es darum, Projekte
je nach ihrer Größe und Komplexität übersichtlich zu strukturieren und sie damit über-
haupt beherrschbar zu machen. Dabei wird das Projekt, wie in Abb. 2.32 gezeigt, in zwei
Dimensionen strukturiert:
Phasengliederung durch Setzen von Meilensteinen zwischen den Phasen ! Meilen-
steinplan
Zerlegen des Projekts in fassbare und abgrenzbare Bausteine ! Teilprojekte und Pro-
jektstrukturplan
Konzepte
Pflichtenheft
Ziele
Lastenheft
Projektstrukturierung
Abb. 2.32 Projektstrukturierung
138
2
Methodik
Die Phasengliederung mit dem Meilensteinplan ist eine zeitliche Gliederung des Pro-
jekts. Üblicherweise wird eine Projektphase abgeschlossen, bevor die nächste Phase bear-
beitet wird.
Teilprojekte unterteilen ein umfangreiches und komplexes Projekt in mehrere Teile,
welche pro Abteilung oder pro Subsystem gegliedert werden können. Pro Teilprojekt wird
ein Teilprojektleiter benannt.
Der Projektstrukturplan ist eine bausteinorientierte Strukturierung des Projekts und
hilft, das Projekt in überblickbare Ergebnisse, Lieferobjekte und Arbeitspakete zu unter-
teilen.
2.3.11.1
Vorgehen bei der Projektstrukturierung:
Projektphasen und Meilensteine festlegen
Entscheide festlegen, die bei den Meilensteinen zu treffen sind
Große Projekte falls nötig in Teilprojekte aufteilen: Teilprojekte abgrenzen und Teil-
projektleiter bestimmen, erste Absprachen durchführen
Lieferobjekte und Arbeitspakete definieren und abgrenzen: Struktur der Lieferobjekte
und Arbeitspakete festlegen und die Verantwortung zuteilen. Die Summe aller Arbeits-
pakete bildet den Projektstrukturplan.
Das Resultat wird im Meilensteinplan und im Projektstrukturplan dokumentiert. Teil-
projekte werden im Organigramm dokumentiert.
2.3.11.2
Im Projekt Meilensteine setzen: der Phasenplan
Der Phasenplan (auch Meilensteinplan genannt), wie in Abb. 2.33 gezeigt, stellt den zeit-
lichen Ablauf des Projektes grob dar und soll die folgenden Fragen klären:
In welche Phasen soll das Projekt zeitlich aufgeteilt werden?
Welche Etappenziele, Dokumente und Resultate müssen bei den Meilensteinen zwi-
schen den Phasen erreicht sein und überprüft werden?
Design Phase
Study Phase
Utilisation Phase
System Integrations
Review Design
Goals
Review
Design Input
Review Design
Output
(Design Freeze)
System
Release
System Design
Freeze
Review User
Requirements Specifications
Market
Release
Ideas
System / Project
Level
Review
Project Idea
Development Phase
Pre Pro-
ducon
Review
Design Transfer
Series
Producon
Sub-Project
Level
Abb. 2.33 Praxisbeispiel Metrohm: Meilensteinplan
2.3
Phase Initialisierung
139
Welche Lieferobjekte und Arbeitspakete werden in welcher Phase bearbeitet?
Bei welchem Meilenstein ist ein Review notwendig?
Nach welchen Kriterien wird ein Projekt in Phasen aufgeteilt?
Es wäre riskant, ein großes Vorhaben in einem Zug durchzuführen und erst am Schluss
zu überprüfen, ob das beabsichtigte Ziel erreicht wurde. Darum unterteilt man große Pro-
jekte in einzelne Phasen mit überprüfbaren Zwischenresultaten, den Etappenzielen. Der
Projektleiter überlegt sich, welche Arbeiten in welcher Phase durchgeführt werden müs-
sen oder wofür in welcher Phase ein Konzept zu erstellen ist, über das beim Meilenstein
entschieden wird.
Weiter ist es notwendig, ein Projekt oder eine Projektphase weiter zu unterteilen, wenn
das spätere Entdecken eines Fehlers, einer falschen Marschrichtung oder ungenügender
Akzeptanz zu unverhältnismäßig großen Konsequenzen führen würde. Dann ist es sinn-
voll, mit einem weiteren Meilenstein einen geplanten Zeitpunkt festzulegen, an dem das
Erreichte überprüft und das weitere Vorgehen festgelegt wird.
Bei einem kleinen, unproblematischen Projekt mit hohem Routinefaktor genügen viel-
leicht zwei Phasen: eine Initialisierungs- und Konzeptphase sowie eine Realisierungspha-
se. Bei größeren Projekten oder größerer Unsicherheit im Projekt sind mehr Phasen und
Meilensteine an den kritischen Zeitpunkten sinnvoll. Abb. 2.34 zeigt Meilensteinpläne für
einfache und komplexe Projekte.
Wann ist ein Review notwendig?
Wenn nach einem Meilenstein das weitere Vorgehen speziell große Konsequenzen auslö-
sen kann, Risiken finanzieller Art eingegangen werden oder das Firmenimage betroffen
sein kann, oder wenn das Team Neuland beschreitet mit entsprechend größerer Unsicher-
heit, immer dann ist es unternehmerisch sinnvoll, die Meilensteinüberprüfung besonders
sorgfältig und kritisch durchzuführen. Dann wendet der Projektleiter ein etabliertes Ver-
fahren an und führt ein Review (kritische Überprüfung) durch.
Der Zweck des Reviews ist, den erreichten Zwischenstand und das weitere Vorgehen
kritisch zu überprüfen, auch aus anderer, unabhängiger Sicht. Damit soll sichergestellt
werden, dass der Reifegrad der erarbeiteten Dokumente und der Entscheidungsgrundla-
gen angemessen ist, um die nächste Phase auszulösen. Eventuelle Fehler, die sich später
auswirken würden, sollen noch rechtzeitig erkannt werden. Mögliche Themen des Re-
views sind:
Sind neue Risiken identifiziert oder bestehende neu zu qualifizieren?
Stimmen die früheren Annahmen noch?
Treffen die Rahmenbedingungen noch zu?
Ist das gewählte Vorgehen noch sinnvoll?
140
2
Methodik
Machbarkeitsstudie
Integration/Test
Lastenheft WAS
Nullserie
Grobkonzept WIE
Seriebereinigung
Detailkonzepte
Realisation
0
1
2
3
4
5
6
7
8
Definitions- und
Konzeptphase
Realisationsphase
0
1
2
Beauftragung
Initialisierung
Konzept
Realisation
Einführung
0
1
2
3
4
5
Meilenstein
Abb. 2.34 Meilensteinpläne für einfache und komplexere Projekte
Häufig verlangt der Auftraggeber eine solche kritische Überprüfung, bevor er die Frei-
gabe der nächsten Phase unterschreibt und damit die erforderlichen Mittel freigibt. Pro-
jektleiter und Auftraggeber sprechen sich ab, wo ein Review notwendig ist.
In gewissen Unternehmen mit Standardprojektprozessen können das Review und der
Zeitpunkt dieses Reviews vorgegeben sein. Für diese Aktivität werden Begriffe wie Qua-
lity Gates oder Meilensteinreview verwendet.
2.3.11.3
Projekte, Teilprojekte, Arbeitspakete, Lieferobjekte und Tätigkeiten
Innerhalb und zwischen dem Gesamtprojekt, den Teilprojekten, den Arbeitspaketen und
den Lieferobjekten besteht eine Hierarche, wie in Abb. 2.35 aufgezeigt.
Teilprojekte
Bei kleinen bis mittelgroßen Projekten liegt die Projektleitung in der Verantwortung einer
einzigen Person. Wenn bei sehr großen oder sehr komplexen Projekten die Führungs-
spanne für einen Projektleiter zu groß wird, ist es sinnvoll Teilprojekte zu führen und
die Projektleitungstätigkeiten (Planung, Kontrolle und Steuerung des Prozesses) auf zwei
oder mehr Personen aufzuteilen. Der Preis dafür sind zusätzliche Absprachen und Ko-
ordination zwischen den Teilprojektleitern und dem Gesamtprojektleiter. Teilprojekte zu
2.3
Phase Initialisierung
141
Projekt
Projektleiter
Teilprojekt 1
Arbeitspaket 2
Lieferobjekt
Tätigkeit
Arbeitspaket 1
Lieferobjekt
Tätigkeit
Teil-Projektleiter
Teilprojekt 2
Arbeitspaket 3
Lieferobjekt
Tätigkeit
Teil-Projektleiter
Abb. 2.35 Hierarchien im Projekt
bilden ist nur sinnvoll, wenn die Vorteile (Handhabbarkeit, Unabhängigkeit) überwiegen.
Lediglich eine inhaltliche Unterteilung in Arbeitspakete bzw. Tätigkeiten ist kein Grund
zur Einführung von Teilprojekten.
Gesamtprojektleiter und Teilprojektleiter müssen die Naht- oder Schnittstellen zwi-
schen den Teilprojekten absprechen und durchgängige Meilensteine wie in Abb. 2.40
dargestellt definieren, bei denen Entscheide für das gesamte Projekt gefällt werden. An-
lässlich eines Meilensteins müssen von allen Teilprojekten die entsprechenden Entschei-
dungsgrundlagen vorliegen, damit ein Go-/No-Go-Entscheid für das gesamte Projekt ge-
fällt werden kann.
Arbeitspakete
Das Gesamtprojekt wird in übersichtliche Arbeitspakete (Aufgabenpakete) aufgeteilt, mit
einfachen Schnittstellen und einer fachlichen Zuteilung der Aufgabenträger, so dass eine
klare Zuordnung der Verantwortlichkeiten möglich ist. Über die verschiedenen Phasen des
Projektes ist dafür zu sorgen, dass eine eindeutige Abgrenzung und eine zeitlich durch-
gehende Verantwortung der Aufgabenträger gegeben sind. Das Projekt soll vollständig
dargestellt werden.
142
2
Methodik
Als Arbeitspaket wird die Gesamtheit mehrerer Lieferobjekte und Tätigkeiten bezeich-
net, die in sich abgeschlossen sein müssen, um ein überprüfbares Resultat oder Ergebnis
zu erhalten. Für jedes Arbeitspaket wird ein Arbeitspaketverantwortlicher bestimmt. Ar-
beitspakete können auf zwei Arten zusammengestellt werden:
Top-down: das ganze Projekt wird schrittweise in kleinere Einheiten zerlegt mit sinn-
voller Abgrenzung der Arbeitspakete. Dies setzt Erfahrung mit ähnlichen Projekten und
einen guten Überblick über das Projekt voraus.
Bottom-up: Ist wenig Erfahrung vorhanden, wählt man dieses Vorgehen. Alle Tätig-
keiten, die einem in den Sinn kommen, werden im Team zusammengetragen. Anschlie-
ßend gruppiert man zusammengehörende Tätigkeiten zu Lieferobjekten und Arbeitspake-
ten. Am Schluss überprüft man, ob die aufgelisteten Tätigkeiten vollständig sind.
In großen oder komplexen Projekten wird für jedes Arbeitspaket eine Arbeitspaket-
beschreibung erstellt. Diese macht Angaben über Voraussetzungen (Input), Tätigkeiten,
die mit diesem Arbeitspaket ausgeführt werden, Resultate (Lieferobjekte, Output), den
für dieses Arbeitspaket benötigten Aufwand, die Verantwortlichen und die Rahmenbe-
dingungen. In „Voraussetzungen“ ist stichwortartig festgehalten, welche Angaben oder
Dokumente vorliegen müssen, damit die Arbeiten gestartet werden können. Abb. 2.36
zeigt ein Beispiel einer Arbeitspaketbeschreibung aus dem Praxisbeispiel der BLS.
Lieferobjekte
Die Lieferobjekte (Arbeitsergebnisse, englisch: Deliverables) sind die durch das Projekt
zu liefernden Ergebnisse wie beispielsweise ein Produkt, ein Service oder ein Konzept.
An den Lieferobjekten wird der Erfolg des Projektes gemessen.
Lieferobjekte sind Teil eines Arbeitspaketes.
Je nach Größe des Projekts werden Lieferobjekte und Arbeitspakete miteinander ver-
schmolzen und nicht unterschieden.
Projektziele – genau genommen Systemziele – und Lieferobjekte werden miteinander
verknüpft, um die Verbindungen und Zusammenhänge darzustellen.
Tätigkeiten
Die Tätigkeit (auch als Task bezeichnet) ist die unteilbare Einheit bei der Projektplanung.
Während für ein Arbeitspaket ein Team oder eine Abteilung verantwortlich sein kann, soll
eine Tätigkeit genau einer Person zugeteilt werden. Die Granularität der Tätigkeiten, d. h.
der intellektuelle und zeitliche Umfang, hängt insbesondere auch von der Erfahrung der
ausführenden Person ab.
2.3.11.4
Der Projektstrukturplan PSP
Der Projektstrukturplan PSP (englisch: Work Breakdown Structure WBS) ergibt sich aus
der geeigneten Gliederung aller Arbeitspakete.
Es gibt verschiedene Kriterien, nach denen der Projektstrukturplan gegliedert sein
kann. Er kann objektorientiert (inhalts-, ziel- oder produktorientiert), ablauforientiert
(Prozess-, Tätigkeits- oder funktionsorientiert) oder gemischtorientiert sein (objekt- und
2.3
Phase Initialisierung
143
T-TA
Arbeitspaketbeschreibung
Bezeichnung
Testkonzept Projekt Vertriebs-Back-End
Kontext / Ausgangslage
Im Projekt Vertriebs-Back-End werden Standardkomponenten (z.B. Fahrplan) vom
Markt eingekau und substanzielle Teile selber entwickelt. Das realisierte System
muss vor der Produkvsetzung systemasch überprü und getestet werden.
Ziel / Beschreibung
Erstellung eines Testkonzeptes für das Projekt Vertriebs-Back-End als Basis für den
Auau der notwendigen Testorganisaon und Tesnfrastruktur.
Auraggeber
Mike
Auragnehmer
Bruno, Thomas
Aufwand total [h]
80 h
Kosten extern
Keine externen Kosten
Starermin
1. Dezember 2015
Endtermin
31. Januar 2016
Abhängigkeiten
Keine
Input, Voraussetzungen
Die allgemeinen Vorgaben für BLS Projekte bezüglich Testen müssen berücksichgt
werden.
Resultat
Das Testkonzept beschreibt die Testziele, Testobjekte, Testarten, Tesnfrastruktur
sowie die Testorganisaon des Projektes. Es umfasst ebenfalls die Testplanung und
eine Definion des Testumfangs, als Tesallbeschreibungen oder als Verweis zu
den Tesällen in einem externen Tesool. Für jeden Tesall wird eine detaillierte
Tesallspezifikaon erstellt. Die Testplanung legt den logischen und zeitlichen
Ablauf der Tests fest.
Das Testkonzept bildet die Grundlage, auf der die Testorganisaon und die
Tesnfrastruktur bereitgestellt und die Tests durchgeführt werden.
Abnahme der Resultate
Mike, Irina
Zielerreichungsgrad
Gut (mindestens 80%):
Testkonzept enthält alle Elemente gemäss der Beschreibung beim Resultat
Die BLS spezifischen Vorgaben werden eingehalten.
Das Testkonzept ist abgenommen und die Befunde sind eingearbeitet.
Sehr gut (100%):
Wie gut, zusätzlich wird das Testkonzept in der BLS Projekt Community als
Best Pracce angesehen.
Inhalt Genehmigung
Stelle
Datum
Unterschrift
Auftraggeber
Mike
Beurteilung nach Beendigung
Stelle
Datum
Unterschrift
Auftraggeber
Mike
Kommentar
Abb. 2.36 Praxisbeispiel BLS: Beispiel einer Arbeitspaketbeschreibung
144
2
Methodik
Staubsauger nach Baugruppen strukturiert
Kleines Flügelrad
Grosses Flügelrad
Filterhalterung
Filtereinsatz
Feinfilter
Klappventil
Kabelrolle
Dichtung
Geräuschisolation
Mechanisches
System
Motor
Netzschalter
Netzkabel
Überlastungsschutz
Steuerung
Bedienelemente
Elektrisches
System
Trägerplatte
Gehäuseboden
Filterdeckel
Bedienklappe
Luftschlauch
Düsen
Filterhalterung
Zwischenwand
Gehäuse
und Montage
Abb. 2.37 Beispiel einer objektorientierten PSP-Struktur
ablauforientiert). Manchmal wird auch noch zwischen ablauf- und funktionsorientiert
unterschieden. In produktionsorientierten Unternehmen wird die Projektstrukturierung
häufig nach Objekten oder Inhalten, z. B. Baugruppen durchgeführt, was für die Bewirt-
schaftung und Bearbeitung eine günstige Aufteilung ergibt, wie in Abb. 2.37 aufgezeigt.
Abb. 2.38 zeigt ein Beispiel einer ablauforientierten PSP-Struktur.
Wichtiger ist jedoch, dass sich die Verantwortung eindeutig den Aufgabenträgern zu-
ordnen lässt. Häufig entspricht die Strukturierung nach Funktionen den Fachbereichen
der Organisation wie Vertrieb, Marketing, Kundendienst, Entwicklung, Konstruktion oder
Produktion. In dienstleistungsorientierten Unternehmen ist diese Abgrenzung ebenfalls
sinnvoll.
Die Lieferobjekte (Deliverables) sind im Projektstrukturplan festzuhalten. Dies ist in
einem objektorientierten PSP gegeben. Anstelle vom Projektstrukturplan spricht man in
der Praxis teilweise auch vom Ergebnisplan.
2.3
Phase Initialisierung
145
Staubsauger nach Tätigkeiten strukturiert
Lösungsalternativen
Holzmodell
Strömungssimulation
Grobentwurf
Detailentwicklung
Energie-Optimierung
Prototyp-Prüfung
Qualifikation
EMV-Test
Technik
Neue Produktionsvarianten
Zuliefervertrag
Ausbau Prüfung
Prototyp-Herstellung
Nullserie
Serienbereinigung
Serienproduktion
Produktion
Marktanalyse
Kundenbefragung
Pflichtenheft
Preisgestaltung
Distributionsnetz
Ausstellung
Werbekampagne
Einführungsprogramm
Marketing
Abb. 2.38 Beispiel einer ablauforientierten PSP-Struktur
Das Praxisbeispiel von Metrohm (Abb. 2.39) zeigt einen Projektstrukturplan mit den
Ebenen Projekt, Teilprojekt und Lieferobjekte.
Phasen- und Projektstrukturpläne können auch gemischt werden, wie dies Abb. 2.40
zeigt.
2.3.12
Projektauftrag
Der Projektauftrag ist die Entscheidungsgrundlage, ob das initiierte Projekt umgesetzt
werden soll oder nicht. Die Erstellung des Projektauftrags ist ein Vereinbarungsprozess
zwischen dem Projektleiter oder Product Owner, dem Auftraggeber und weiteren Stake-
holdern. Der Projektauftrag wird ähnlich erstellt wie die Angebotsanfrage, die mit dem
externen Kunden besprochen und ausgehandelt wird. Es ist die Aufgabe des angehenden
146
2
Methodik
Rack mit Becher
Hauptmodul
Greifer P&P Modul
Netzteil
lu
d
o
m
n
e
p
m
u
P
lu
d
o
M
e
c
alP
&
k
ciP
Messsystem
Dosiersystem
Prozesse
Proben
Equipment
Magnetrührer
Flaschenaufsatz
Liquid Adapter
Mainboard
Netzteil
Mainboard
Labor-Logik Service
OMNIS
Software
Bottle
Cap
Titrator
Sample Robot Pick & Place
Projektstrukturplan
Abb. 2.39 Praxisbeispiel Metrohm: Projektstrukturplan
Projektleiters oder Product Owners, den Projektauftrag zu formulieren. Der Projektleiter
als Verantwortlicher für den Prozess des Projektes weiß, welche Punkte zu regeln sind. Mit
der Unterschrift zeigt der Auftraggeber, dass der Projektleiter oder der Product Owner das
Anliegen richtig erfasst hat. Er gibt grünes Licht, meist für eine Projektphase.
Der Projektauftrag in der agilen Vorgehensweise ist knapper formuliert und weniger
detailreich als in der klassischen Vorgehensweise (beispielsweise bezüglich Umfang des
Projektes).
Unabhängig davon, ob ein Projekt von innen oder von außen kommt, gehören die Punk-
te gemäß Tab. 2.28 in einen Projektauftrag bzw. in ein Angebot.
Je nach Projekt und Unternehmen wird das Schwergewicht der Planung in der Initia-
lisierungsphase anders gelegt. In gewissen Fällen steht die Planung des ganzen Projektes
im Vordergrund. In anderen Fällen wird nur die nächste Phase im Detail geplant, die rest-
lichen Phasen nur grob.
2.3
Phase Initialisierung
147
Teilprojekt
Phase
Teilprojekt 1
Technik
TPL 1 :
Entwickler nn
Teilprojekt 2
Produktion
TPL 2 :
Produktionsassistent
Teilprojekt 3
Marketing
TPL 3 :
Marketingchef
MS 0
Entscheid Pflichtenheft und Produktentwicklung
Entwicklung
Entwicklungsversuche
Konstruktion Prototyp
Prototyp herstellen
Prototyp testen
Unterlagen bereinigen
Vorabklärung Produktion
Beratung Konstruktion
AVOR
Vorkalkulation
Werbekonzept
Servicekonzept
Verkaufskonzept
Vertragsverhandlungen
Wirtschaftlichkeit
MS 1
Entscheid Nullserie
Überführung in
die Produktion
Nullserieunterlagen
Nullserie testen
kleine Serienbereinigung
Produktionsmittel
beschaffen
Nullserie produzieren
Produktion optimieren
Produktion optimieren
Service, Verkaufs-
organisation
Feldtest Nullserie
MS 2
Entscheid Serienproduktion und Markteinführung
Markteinführung
Dokumentation
bereinigen
Optimierung der
Serienproduktion
Werbekampagne
MS 3
Entscheid Folgeprojekte
Abb. 2.40 Beispiel einer Mischung aus Phasen- und Projektstrukturplan
Tab. 2.28 Inhalt Projektauftrag
Ausgangslage
– Umstände, welche zum Projekt geführt haben
– Vorgeschichte, projektauslösende Faktoren
– Beschreibung der Ist-Situation
– Probleme bzw. Potenziale der Ist-Situation
Ziele
Ziele im Sinne der Globalzielsetzung
Umfang des Pro-
jektes (Scope) und
Ergebnisse
Es ist wichtig, dass bei allen Projektbeteiligten Klarheit bezüglich des End-
ergebnisses und evtl. der wichtigen Zwischenergebnisse besteht.
– Wie soll das Endergebnis aussehen (Präsentation, Dokument, System)?
– Lieferumfang des Projektes: die wesentlichen Anforderungen in einer
summarischen Form (für Details kann auf Anforderungsdokumente ver-
wiesen werden). Daraus lassen sich die Lieferobjekte und Arbeitspakete
ableiten.
Abgrenzungen
An dieser Stelle wird klar abgegrenzt, was nicht durch das Projekt realisiert
wird. Die Projektgrenzen werden definiert. Die Abgrenzungen können sich
auf Funktionen, Daten, Organisationseinheiten usw. beziehen.
Abhängigkeiten
und Einflüsse
Abhängigkeiten können beispielsweise bestehen zu:
– anderen Projekten (inhaltlich, zeitlich)
– externen Begebenheiten (z. B. Gesetzesänderungen)
Welchen wesentlichen Einflüssen ist das Projekt unterworfen?
148
2
Methodik
Tab. 2.28 (Fortsetzung)
Rahmen-
bedingungen
Rahmenbedingungen sind Vorgaben bzw. Restriktionen genereller Art für
das Projekt: zu berücksichtigende Vorgaben, bekannte Restriktionen.
Grundlagen
Auf welchen Vorarbeiten bzw. Grundlagen basiert das Projekt? Solche
Grundlagen können z. B. sein:
– Studien, Analysen
– Konzepte, Strategien
– Standards, Normen
– Ergebnisse aus früheren Projekten
Projektkosten,
Nutzen
– Wie groß wird der Aufwand für das Projekt sein?
– Sind die benötigten finanziellen und personellen Ressourcen budgetiert?
– Welcher Kostenstelle werden die geplanten Projektkosten belastet?
– Welche quantifizierbaren/nicht quantifizierbaren Nutzen bzw. Vorteile
ergeben sich aus der Umsetzung des Projektes?
Risiken
– Welche Risiken sind aus heutiger Sicht vorhanden oder erkennbar?
– Welche Maßnahmen können zu deren Reduktion getroffen werden?
– Welches sind die Konsequenzen bei Nichtrealisierung?
Vorgehen,
Terminplan
– Projektstruktur und Projektplan mit Meilensteinen
– Wann ist das Projekt beendet?
– Hinweise auf spezielle Vorgehensweisen
Projekt-
organisation
– Auftraggeber
– Auftragnehmer (Projektleiter)
– Projektteam(s), evtl. Stäbe
– Aufsichtsgremien (z. B. Projektausschuss)
– Eskalationsweg
Information,
Kommunikation
Hier ist der Informationsfluss bzw. die Kommunikation mit dem Auftragge-
ber, den Aufsichtsgremien, dem Benutzer und anderen interessierten Stellen
beschrieben. Die Berichterstattung kann schriftlich oder mündlich erfol-
gen. Dabei sollen Ersteller und Empfänger von Dokumenten wie auch die
Periodizität klar erkennbar sein:
– Fortschrittsbericht (Statusbericht)
– Projektplan
– To-Do- und Entscheidungs-Listen
– Projekt-Newsflash
Unterschriften
– Auftraggeber
– Projektleiter
– Controlling (bei Großprojekten)
– Entscheidungsinstanzen gemäß Finanzkompetenz
Anhang
– Projektplan
– Projektorganisation
– Detaillierung „Wirtschaftlichkeit“
– Ressourcenplan
– Geplante Aufwände
2.3
Phase Initialisierung
149
Tab. 2.29 Möglicher Inhalt bzw. mögliche Gliederung eines Projekthandbuches
Projektauftrag und
Leistungsplanung
– Projektauftrag, Projektvereinbarung
– Gliederung: Projektphasen, Projektstrukturplan
– Naht- bzw. Schnittstellen im Projekt
– Entscheidungsprozess
Projektumfeld
– Umfeldanalyse, Anspruchsgruppen
– Einbettung in die Unternehmensstrategie
Projektorganisation
– Organigramm
– Beschreibung der Rollen, Aufgaben und Kompetenzen
– Ansprechpartner und Adressen
– Spielregeln der Zusammenarbeit, Eskalationsvorgehen
Projektplanung
– Terminplanung
– Ressourcenplanung
– Kostenplanung
Controlling
– Qualitätssicherung, Prüfplan
– Risikomanagement
– Kontrolle und Steuerung
– Maßnahmen bei Abweichungen, Änderungswesen
Information,
Kommunikation
– Informations- und Kommunikations-Konzept
– Sitzungsplanung
– Sitzungs-, Workshop-Protokolle
– Fortschrittsberichte (evtl. unter Controlling)
– Ablagestrukturen, Dokumentenmanagement
2.3.13
Projekthandbuch/Projektmanagementplan
Das Projektmanagementhandbuch (Abschn. 2.7.4) regelt unternehmensweit, wie Projekt-
management in dem Unternehmen angewendet wird und gilt für alle Projekte. Das Pro-
jekthandbuch ist die spezifische Anpassung für ein Projekt. Es muss auf die spezifische
Situation des Projektes angepasst werden.
Das Projekthandbuch bzw. der Projektmanagementplan bildet die wichtigsten Prozess-
regelungen wie Vereinbarungen, Pläne, Strukturen, Organigramme und Spielregeln des
Projektes ab. Mögliche Inhalte des Projekthandbuchs sind in Tab. 2.29 dargestellt. Das
Projekthandbuch soll für alle Beteiligten Transparenz und Verbindlichkeit schaffen. Es
wird von Anfang an laufend geführt. Die aktualisierte Version wird der gesamten Projekt-
organisation zugänglich gemacht.
2.3.14
Kick-off-Veranstaltung
So wie ein Projekt beginnt, so wird es meist auch enden. Bezüglich der Führung eines
Projektes ist dem Anfang eines Projektes höchste Aufmerksamkeit zu widmen. Dabei
ist die Bildung und Etablierung der Projektorganisation ein wesentlicher Teil. Um in der
150
2
Methodik
Tab. 2.30 Checkliste: Ziele des Kick-off-Meetings
Inhaltsebene
– Die Produktvision, der zu realisierende Nutzen und die Hintergründe des Pro-
jektes sind dargelegt.
– Der gegenwärtige Projektstand bzw. Auftrag ist erörtert
– Die Absichten und Ziele sind erklärt
– Die Teammitglieder haben ein gemeinsames Aufgabenverständnis
– Die Zusammenhänge der einzelnen Aufgabengebiete sind erläutert
Beziehungs-
ebene
– Alle Teammitglieder lernen einander kennen
– Spielregeln werden vom Team definiert und verabschiedet
– Identifikation (Wir-Gefühl) mit dem Projekt und Projektteam entstehen (durch
Projektsinn, hervorheben der Besonderheiten dieses Teams)
– Es sind informelle Plattformen vorhanden, welche den zwischenmenschlichen
Meinungsaustausch ermöglichen
Organisations-
ebene
– Das methodische Vorgehen ist skizziert
– Die bereits bestehende Projektplanung oder Release-Planung ist vorgestellt
– Mögliche Problembereiche des Projektes sind angesprochen und zu deren Lö-
sung die verantwortlichen Teammitglieder bestimmt
– Die Projektorganisation ist aufgezeigt, die Ressourcen der einzelnen Mitglie-
der sind bekannt
– Die Kommunikations- einschließlich der Entscheidungswege sind festgelegt
– Die Aufgaben, Verantwortungen und Kompetenzen sind einzelnen Teammit-
gliedern oder Gruppen zugeteilt
– Der Sitzungsrhythmus und die Protokollführung sind festgelegt
Projektorganisation eine gute Basis zu legen, ist die Ausgestaltung und Durchführung
eines Kick-offs von zentraler Bedeutung. Je nach Art des Projektes und der zeitlichen
Einsetzung von Teammitgliedern finden zu verschiedenen Zeitpunkten mehrere Kick-offs
statt.
Das Kick-off-Meeting bildet den offiziellen Start des Projektes. Dabei geht es nicht nur
um inhaltliche oder organisatorische Fragestellungen, sondern insbesondere auch um den
Auf- oder Ausbau der Beziehungen des sich gerade konstituierenden Projektteams (siehe
auch Abschn. 1.5). Die Checkliste gemäß Tab. 2.30 soll helfen, das Kick-off-Meeting
umfassend zu planen.
Es ist durchaus möglich, dass in einem Projekt mehrere Kick-off-Meetings durchge-
führt werden. Diese Kick-offs finden mit unterschiedlichen Teilnehmern statt oder an
unterschiedlichen Zeitpunkten auf der Zeitachse.
Ablauf einer Kick-off-Veranstaltung
Tab. 2.31 zeigt einen möglichen Ablauf eines sehr umfassenden Kick-off-Meetings. Ein
Kick-off-Meeting kann auch kürzer ausfallen. Die Buchautoren empfehlen, nicht nur eine
Informationsveranstaltung durchzuführen, denn es ist sinnvoll, dass gemeinsam mit der
Bearbeitung der Themen begonnen wird.
2.3
Phase Initialisierung
151
Tab. 2.31 Beispiel „Kick-off-Meeting“
Zeit
Thema
Ziel
Bemerkungen
08:00
Eintreffen der Personen, Kaffee
Ungezwungenes Wiedersehen
oder Kennenlernen
Kaffee, Früchte
usw.
08:30
Start, Begrüßung durch Pro-
jektleiter, Kick-off-Ablauf (mit
Zeiten) vorstellen, Projektleiter
stellt sich kurz vor und erzählt,
weshalb er Projektleiter ist
Pünktlicher Start, Orientie-
rung zur Sitzung, Transparenz,
Vertrauen schaffen
Flipchart
09:00
Projekt vorstellen, kurze Ge-
samthistorie und Globalziel
erklären
Infogleichstand schaffen, Pro-
jektziel einführen
Auftraggeber
09:15
Vorstellrunde der Projektmitar-
beiter, persönliche Verbindungen
zum Projekt besprechen: Was er-
warte ich persönlich von meiner
Mitarbeit im Projekt?
Sich kennenlernen, Bezug zum
Projekt herstellen, Wünsche,
Erwartungen, Befürchtungen
und entsprechende Projekt-
erfahrungen besprechen,
Vernetzung aufgleisen
Raster für Vor-
stellung vorgeben,
damit Sequenz
nicht zu lange geht
10:00
Pause
Informeller Austausch
10:15
Über den Projektstatus infor-
mieren oder diesen gemeinsam
erstellen
Information
Berichte, Flipchart,
Pinnwand, Video,
usw.
10:30
Stakeholder-Analyse erstellen,
Systemgrenzen aufzeigen
Umfeld und Abhängigkeiten
erkennen, Einstellungen der
Personen dazu identifizieren
Pinnwand, Flip-
chart, Mindmap
10:45
Kräftefeld des Projektes
aufzeigen
Wissen, welche Kräfte das
Projekt fördern, welche es
hindern
11:00
Bereits erkannte Problemfelder
ableiten
Situationsanalyse, Daten zu
Risikoüberlegungen
Problemlisten
12:00
Mittagessen
13:00
Organisation des Projektes
aufzeigen bezüglich Zusam-
menarbeit und Projektablauf
(Lieferobjekte und Arbeits-
pakete)
Projekt organisatorisch auf-
gleisen, Engpässe erkennen,
Fixtermine regeln, Handlungs-
spielraum aufzeigen
Projektplan,
Organigramm
13:30
Zusammenarbeit regeln,
Sitzungsintervall, Dokumen-
tenmanagement und Protokoll
Kommunikation bestimmen,
Spielregeln
Flipchart
14:00
Nächste Schritte besprechen und
festlegen
Klaren Arbeitsplan schaffen
14:30
Jede Person nimmt kurz Stellung
zum weiteren Verlauf, ihrer Rol-
le und Funktion und der Planung
Engagement und Widerstand
erkennen, Verbindlichkeit
schaffen
15:00
Schlussworte vom Projektleiter
oder Projektauftraggeber
Wertschätzen und Wichtigkeit
zeigen
152
2
Methodik
1
2
3
4
5
6
Habe ich in der Planung
etwas vergessen
oder übersehen?
Kontrolle
Planen, wer die Arbeit
macht oder ob ich sie
delegieren kann.
Umsetzung
Problem-
lösungsprozess
Lösung mit dem grössten
Nutzen resp. dem besten
Zielerreichungsgrad
Lösung auswählen
Zielkriterien > SMART
Muss-/Wunschziele
Vorgehens-/Systemziele
Zielformulierung
Worum geht es genau?
Stärken/Schwächen,
Chancen/Risiken,
Ursachen/Wirkung
Situationsanalyse
Denken in Varianten
Lösungsalternativen suchen
Abb. 2.41 Der Problemlösungsprozess
2.3.15
Problemlösungsprozess
Ein wichtiges Vorgehens- und manchmal sogar Führungsinstrument ist ein systemati-
sches, strukturiertes Vorgehen beim Antreffen neuer Situationen. Der Problemlösungs-
prozess, wie in Abb. 2.41 aufgezeigt, ist ein strukturiertes Hilfsmittel für die Lösung von
fachlichen Problemen, gleichgültig, welcher Art sie sind. Er kann auf ein ganzes Projekt,
einen Teilaspekt daraus oder lediglich auf eine unerwartet aufgekommene Schwierigkeit
angewendet werden.
Häufig wird auch der Begriff „Problemlösungszyklus“ verwendet um zu unterstreichen,
dass in der Realität das Finden einer Lösung kein linearer Vorgang ist und die einzelnen
Schritte nach Bedarf mehrmals durchlaufen werden können (iteratives Vorgehen).
Mit dem Problemlösungsprozess kommen die Vorteile einer systematisch strukturier-
ten Arbeitsweise gegenüber Free-Float- oder Hau-Ruck-Vorgehen zum Tragen. Zwar ist es
manchmal sinnvoll, eine „naheliegende“ Lösung direkt anzupacken, ohne den Ist-Zustand
bis ins Detail auszuleuchten oder sich gar Gedanken über Ziele und Lösungsmöglichkeiten
zu machen. Meistens übersieht man dabei jedoch wichtige Details und übernimmt Lösun-
gen, die in der Vergangenheit gepasst hatten, ohne Rücksicht auf die aktuell veränderte
Situation. Diese in der Praxis häufig anzutreffende Situation wird als „Lösungsfalle“ oder
2.3
Phase Initialisierung
153
1. Situationsanalyse
2. Zielformulierung
1
2
3
4
5
5. Umsetzung
6. Kontrolle
Lösungsfalle
4. Auswahl
6
Erfahrung
Automatismen
Musterverhalten
3. Lösungen
Abb. 2.42 Die Lösungsfalle
„jumping to solution“ bezeichnet, wie in Abb. 2.42 aufgezeigt. Für Projekte, die Neuland
betreten, lohnt sich ein strukturiertes Vorgehen.
Der Problemlösungsprozess wird in jeder Projektphase durchlaufen. Der Akzent auf
die einzelnen Schritte des Problemlösungsprozesses verschiebt sich im Projektablauf:
während in der Anfangsphase der Schwerpunkt auf der Situationsanalyse und der Zielfor-
mulierung liegt, wird er in späteren Phasen auf der Lösungssuche bzw. Lösungsbewertung
und dem Entscheid liegen. Auch nimmt der Detaillierungsgrad von Phase zu Phase zu.
Alternativen zum Problemlösungsprozess
Der Nutzen des Problemlösungszyklus ist so groß. Der Problemlösungsprozess ist so uni-
versell einsetzbar, dass diese Systematik seit den 1960er Jahren immer wieder neu und
unter anderen Namen aufgetischt wurde.
Der Projektleiter wird mit unterschiedlichen Aufgaben und Problemstellungen kon-
frontiert. Je nach Situation ist das eine oder andere Modell (siehe Tab. 2.32) von der
Terminologie und dem methodischen Vorgehen her hilfreicher:
154
2
Methodik
Tab. 2.32 Alternativen zum Problemlösungszyklus
Design Thinking
– Hohe Benutzerakzeptanz
– Verstehen: Design Challenge
– Beobachten: User Centered Design
– Standpunkt definieren: Synthese über Persona
– Ideen finden: Kundenorientierte Lösungen, Denken in Varian-
ten
– Prototyp entwickeln: Iteratives Vorgehen
– Testen: frühe Feedbackschleifen
Lean/Six Sigma
(DMAIC, DMAEC)
– Verbesserung
– Optimierung eines
Geschäftsprozesses
– Define: welche Bedürfnisse der Kunden soll der Prozess er-
füllen?
– Measure: Ausprägung der Leistungsmerkmale des Prozesses
– Analyse: Ursachen der Abweichung von definierten Leis-
tungszielen identifizieren
– Improve, Engineer: Lösungsmöglichkeiten für identifizierte
Probleme suchen, Bewertungskriterien festlegen
– Control: Verbesserungen und neue Verfahren einführen und
überwachen
Deming-Kreis (PDCA-Zy-
klus), Shewhart-Zyklus,
kontinuierlicher Verbesse-
rungsprozess
– Plan: aktuellen Zustand analysieren, Verbesserungspotenziale
erkennen
– Do: ausprobieren, testen, praktisch optimieren im kleinen
Rahmen
– Check: Resultate überprüfen und freigeben
– Act: als Standard auf breiter Front einführen, Einhaltung mit
Audits regelmäßig überprüfen
Kepner-Tregoe
Problemlösungs- und Ent-
scheidungsmethodik
– Situationsanalyse (SA): Gesamtsituation erfassen
– Problemanalyse (PA): Problem genau beschreiben und ab-
grenzen
– Entscheidungsanalyse (EA): Ziele setzen, Lösungsalternati-
ven bewerten
– Analyse potentieller Probleme (APP): Schwierigkeiten er-
kennen und vorbeugende Maßnahmen ergreifen
Es kann etwas völlig Neues geschaffen werden, das vorher nicht existiert hat (neues
Produkt, neue Dienstleistung). Kreativität und Neuland betreten stehen im Vordergrund
(z. B. in Pionierprojekten).
Etwas, das vorher zufriedenstellend funktioniert hat, erfüllt plötzlich seine Funktion
nicht mehr. Fehlfunktion erkennen und Ursachensuche sind angesagt.
Bestehende Prozesse müssen verbessert oder optimiert werden.
In einem anderen Projektumfeld können die optimalen Vorgehensweisen abweichen,
oder es werden andere Begriffe verwendet. In der Forschung sind die Schritte z. B.: Li-
teraturstudium, Datenerhebung, Datenauswertung, Hypothese, Verifizierung. Im sozialen
Bereich sind die Schritte: Beobachtung, Hypothese, Intervention.
2.3
Phase Initialisierung
155
2.3.16
Design Thinking
Mit zwei Entwicklungen hat sich der erfolgreiche Projektleiter zunehmend auseinander-
zusetzen:
Projektleiter kommen immer öfter in die Situation, dass sie auch für die Ausgestaltung
und Spezifikation der im Projekt zu entwickelnden Produkte verantwortlich sind.
Wird der Problemlösungsprozess rein sachlich umgesetzt, besteht das Risiko, dass das
Projekt trotz sachlich guter Leistung wegen mangelnder Akzeptanz wichtiger Stake-
holder nicht erfolgreich umgesetzt werden kann.
Design Thinking ist ein Ansatz zur Lösungsfindung mit hohem Nutzen aus Anwender-
sicht. Der Kunde oder der Benutzer – die beiden müssen nicht identisch sein, man denke
an einen Hersteller von Ticketautomaten mit Transportunternehmen als Kunde und Fahr-
gast als Benutzer – wird oft mit Produkten konfrontiert, die nicht seinen Bedürfnissen
entsprechen oder die nicht seine Rahmenbedingungen berücksichtigen.
Design Thinking verbindet ein strukturiertes, analytisches Vorgehen mit einer intuiti-
ven, kreativen Arbeitsweise:
Informationen strukturiert sammeln, ordnen und auswerten
Annahmen intuitiv formulieren, Ideen kreativ generieren und kundenorientierte Lösun-
gen entwickeln
Dabei setzt Design Thinking immer die wahren Bedürfnisse des Anwenders in den
Mittelpunkt und hilft, wahre Innovation zu schaffen. Das direkte Befragen der Anwender
führt selten zu radikal neuen Lösungen: Als Henry Ford die Menschen fragte, was sie
wollten, wurde ihm geantwortet: „Ein schnelleres Pferd“. Die innovative Antwort war ein
selbstbewegtes Fahrzeug, ein Automobil.
Design Thinking übernimmt bewährte Vorgehensweisen aus dem klassischen Pro-
blemlösungszyklus wie iterative Vorgehensweise und die Grundreihenfolge Problemana-
lyse ! Zieledefinition ! Lösungssuche. Sie werden um weitere Aspekte ergänzt mit dem
Ziel, die Problemlösung konsequent am Kundennutzen – oder allgemeiner ausgedrückt:
an den Bedürfnissen der Stakeholder – auszurichten:
Arbeiten in flexiblen Räumen: viel Platz an den Wänden, flexible Möbel, das nötige
Werkzeug und Material für Visualisierung, aber auch Rückzugsorte, um neuen Ideen
auszuarbeiten.
Heterogene Teams, wobei Querdenker und Menschen mit einem sogenannten T-Profil
einen besonders wertvollen Beitrag leisten können. Beim T-Profil steht der vertikale
Balken für die Tiefe des fachspezifischen und analytischen Wissens, das der Teilneh-
mer aus seiner Disziplin einbringt. Der horizontale Balken steht für die Eigenschaften
Neugier, Offenheit und Intuition, also die Fähigkeit, das eigene Wissen mit dem der
anderen vernetzen zu können und eine gemeinsame Sprache zu finden.
156
2
Methodik
Die Methode selbst besteht aus sechs Schritten, welche idealtypisch aufeinander fol-
gen, wie in Abb. 2.43 dargestellt. Es kann aber iterativ zwischen den einzelnen Schritten
gewechselt werden.
1. Das Problem verstehen
Der erste Schritt wird auch Design Challenge genannt und ist zusammen mit dem zweiten
Schritt eine Recherchephase. Hier werden die Symptome betrachtet. Daraus wird auf das
Problem, die Ursache geschlossen. Es werden Hypothesen aufgestellt. Gelingt es in dieser
Phase nicht, das wirkliche Problem zu erkennen, wird das Team eine Lösung entwickeln,
die vielleicht das Verschwinden des Symptoms bewirkt, aber wahrscheinlich nicht dessen
Ursache beseitigt.
2. Ergänzende Informationen durch Beobachtung
Basierend auf dem Human- bzw. User-Centered-Design-Ansatz wird der wesentliche Teil
der Recherche durch qualitative Untersuchungen bei Menschen durchgeführt. Das Be-
obachtete wird visualisiert, um es sich selber und dem Team bewusst zu machen. Nach
diesem Schritt sind die Teammitglieder zu Experten geworden.
3. Standpunkt definieren
Nun wird aus der Sicht der Stakeholder eine Synthese erstellt. Ein bewährtes Werkzeug
dazu ist die Persona, eine strukturierte Beschreibung eines idealtypischen Kundenseg-
ments für das Problem. Personas helfen, den Kundenfokus zu behalten.
4. Ideenfindung mit Kreativitätstechniken
Mittels Brainstorming oder anderer Kreativitätstechniken wird die Synthese mit konkre-
ten Lösungsansätzen weiterentwickelt und nimmt erste handfeste Formen an. Da das Team
inzwischen über ein gutes Problemverständnis aus der Sicht der Betroffenen verfügt, wer-
den mit hoher Wahrscheinlichkeit kundenorientierte Lösungen als solche identifiziert und
weiterentwickelt.
5. Prototyping
Schnelles, dafür iteratives Prototyping ist ein zentrales Element im Design Thinking. Ein
Prototyp kann verschiedenste Formen annehmen: Storytelling, Papiermodelle, Rollenspie-
le oder erste Softwareelemente (Clickable Prototypes) sind mögliche Formen. Anhand des
ersten Prototyps wird das Team von selbst auf Lücken oder Inkonsistenzen stoßen und die-
se bereits beheben können.
6. Test und Feedback
Der Prototyp wird mit definierten Stakeholdern getestet und geht in Feedbackschleifen zur
Verbesserung. Es ist für Benutzer oft viel einfacher, anhand eines konkreten Prototyps eine
Beurteilung vorzunehmen, als auf grüner Wiese das gewünschte Verhalten zu beschreiben.
2.3
Phase Initialisierung
157
Verstehen
Beobachten
Standpunkt
definieren
Ideen
finden
Prototyp
entwickeln
Testen
Problemanalyse
Lösungsfindung
Abb. 2.43 Die sechs Phasen im Design Thinking
Beim Testen ist es wichtig, auch kritische Stakeholder einzubeziehen, um die benötigte
Akzeptanz sicherzustellen.
Im Design Thinking gilt die Devise: Jeder Fehlschlag ist, wenn er früh erkannt wird,
ein Gewinn für das Fortschreiten des Innovationsprozesses.
2.3.17
Checkliste Abschluss Initialisierungsphase
Agile und klassische Vorgehensweise:
Ist das Globalziel des Projekts klar formuliert? Sind sich Auftraggeber und Pro-
jektleiter/Product Owner einig über die Ziele und Rahmenbedingungen?
Sind die Ziele so formuliert, als ob sie bereits erreicht wurden?
Sind die Ziele lösungsneutral und positiv formuliert, spezifisch, möglichst mess-
bar, widerspruchsfrei, anspruchsvoll, terminiert und zudem erreichbar? Wie
erkennen Sie, dass Ihre Ziele erreicht sind?
158
2
Methodik
Sind Zielkonflikte ausdiskutiert? Wurden die Stakeholder identifiziert und analy-
siert? Wer sind die relevanten Stakeholder?
Ist klar, welche Stakeholder welche Interessen und Einflussmöglichkeiten haben?
Gibt es Absichten, welche zum heutigen Zeitpunkt nicht offengelegt sind?
Unterstützen der Auftraggeber und das Management das Projektteam mit allen
ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln?
Ist die Machbarkeit im Markt sowie im politischen und technischen Umfeld nach-
gewiesen?
Sind die relevanten Stakeholder identifiziert?
Ist die Projektwirtschaftlichkeit (Business Case) zum heutigen Zeitpunkt noch
erwiesen?
Wie sehen die Risiken aus? Sind die Risiken realistisch bewertet und allfällige
Unterschiede in der Bewertung bereinigt?
Wurden Maßnahmen zur Reduktion der Risiken formuliert?
Wurde ein Kick-off mit dem Projektteam durchgeführt?
Wurden im Projektauftrag folgende Themen geklärt:
– Zielsetzung
– Vorgehensplan: Methoden, Schritte, Meilensteine, Terminplan, Projektstruk-
turplan
– Einflussgrößen: Abhängigkeiten und Einflüsse
– Personalressourcen und Projektorganisation
– Projektkosten
– Rahmenbedingungen und Abgrenzungen
Wurden die absehbaren Folgekosten des Projektes abgeklärt und im Projektauf-
trag erwähnt?
Wird die Art der Zusammenarbeit regelmäßig gemeinsam reflektiert?
Spezifische Punkte der klassischen Vorgehensweise:
Wurden die Anforderungen (Lastenheft) erarbeitet?
Wurden die Anforderungen auf ihre Güte überprüft?
Sind die Anforderungen priorisiert?
Wurden die künftigen Nutzer bei der Formulierung der Anforderungen einbezo-
gen?
Wie sieht die Projektorganisation aus?
Sind die Handlungskompetenzen und Verantwortlichkeiten vereinbart?
Sind klare und ausreichende Entscheidungskompetenzen und entsprechende
Führungsverantwortung der Projektleitung übertragen?
Sind adäquate interdisziplinäre Fachvertretung und Fachkompetenz im Projekt-
team sichergestellt?
2.4
Phase Konzept
159
Sind aktive Benutzer und Betroffene so einbezogen, dass möglichst hohe Akzep-
tanz erreicht werden kann?
Sind die Ressourcen verfügbar?
Ist ein Projektstrukturplan erstellt worden? Ist die Aufteilung in Teilprojekte
richtig vorgenommen bzw. vorgesehen? Sind kritische Entscheide terminlich
festgelegt?
Bis wann sind die Resultate oder Zwischenergebnisse zu erwarten? Wie sieht die
Planung für das Projekt aus?
Wie groß wird der geschätzte Aufwand in Personentagen, wie viel Geld soll über
die gesamte Projektdauer investiert werden?
Sind Aufwand, Termine, notwendiges Know-how und Verfügbarkeit von Schlüs-
selpersonen mit den neuen Erkenntnissen überprüft und realistisch?
Welche Engpassressourcen werden in welchem Zeitraum benötigt?
Sind allfällige Schätzungen (Mengen, Häufigkeiten, Meilensteine, Kosten, Zei-
ten) realistisch? Ist die Schätzgenauigkeit angegeben?
Stehen die Fachspezialisten, erforderlichen Mittel und Ressourcen zum richtigen
Zeitpunkt zur Verfügung?
Spezifische Punkte der agilen Vorgehensweise:
Wer ist Product Owner, Scrum Master und wie ist das Team zusammengesetzt?
Ist der Product Owner in der Stammorganisation gut verankert und hat möglichst
direkten Zugang zu relevanten Entscheidungsträgern?
Sind die Ressourcen verfügbar?
2.4
Phase Konzept
Bei der agilen Vorgehensweise steht in der Konzeptphase die Erarbeitung des Produkt-
konzeptes und des Anforderungskatalogs (Product Backlog) im Vordergrund. Die Pla-
nung erfolgt in einer weniger konkreten Form als bei der klassischen Vorgehensweise.
Als Planung wird ein Releaseplan erstellt. Die Konzeptphase sollte bei der agilen Vorge-
hensweise deutlich kürzer ausfallen als beim klassischen Vorgehen. Die Arbeit im agilen
Projekt beginnt mit dieser Phase.
In der klassischen Vorgehensweise werden in der Konzeptphase Lösungsvarianten
erarbeitet und beurteilt. Für die ausgewählte Variante werden ausführungsreife Pläne
erstellt und Lösungskonzepte und das Pflichtenheft erarbeitet. Die Bedürfnisse sämt-
licher Interessengruppen sind so weit möglich unter einen Hut zu bringen. Dabei ist es
wichtig, sich der eigenen Gewohnheiten bewusst zu sein. Die Phase „Konzept“ kann bei
großen Projekten in Hauptprojekt und Detailprojekt aufgeteilt werden. Durch die Auftei-
160
2
Methodik
lung entsteht ein weiterer Meilenstein. Dadurch wird vermieden, dass sich das Projektteam
in unwegsamem Gelände versteigt. Bei jedem Meilenstein entscheidet der Auftraggeber,
welche Variante weiterverfolgt werden soll. Er gibt auch die Mittel für die nächste Phase
frei.
2.4.1
Worauf kommt es in der Konzeptphase an?
Schritte dieser Phase
In der Konzeptphase sind die relevanten Anspruchsgruppen vertreten, sei dies im Projekt-
team bzw. in Teilprojektteams, in speziellen Arbeitsgruppen oder Begleitgruppen. Dabei
besteht oft die Tendenz, möglichst alle Vertreter einer Anspruchsgruppe zu beteiligen, was
die Projektorganisation schwerfällig und aufwändig macht.
Die Schritte dieser Phase sind aus Tab. 2.33 ersichtlich.
Tab. 2.33 Schritte der Phase Konzept
Agile Vorgehensweise
Klassische Vorgehensweise
Wichtigste
Schritte
– Die Idee mittels eines Produktkon-
zepts entwickeln und gegebenenfalls
mittels eines einfachen Modelles
visualisieren
– Mit dem Aufbau des Anforde-
rungskatalogs (Product Backlog)
beginnen
– Die Einträge im Product Backlog
priorisieren, schätzen und daraus
einen Releaseplan ableiten
– Information und Kommunikation
aufbauen und sicherstellen
– Dokumentationssystem etablieren
– Die Anforderungen bei Bedarf weiter
konkretisieren und überarbeiten
– Lösungsvarianten entwickeln (Höhe-
punkt der Kreativität in dieser Phase)
und auf die Zielkonformität prüfen
– Lösungsvarianten bewerten, eine Va-
riante vom Auftraggeber auswählen
lassen
– Das Lösungskonzept (Pflichtenheft) zu
der gewählten Variante ausarbeiten
– Mittel- und Ressourcenbedarf überprü-
fen und anpassen
– Detailplanung: Terminplanung und
Ressourceneinsatzplanung
– Information und Kommunikation auf-
bauen und sicherstellen
– Dokumentationssystem etablieren
Worauf ist
in der Kon-
zeptphase
besonders
zu achten?
Anhand der groben Projektplanung
mittels des Release-Plans wird die
Planung in der Realisierungsphase an-
lässlich der Sprint Planungen und der
Daily Standup Meetings konkretisiert
– Aufgrund der Anforderungen muss in
der Konzeptphase eine Lösungsvariante
gefunden und diese mittels eines Lö-
sungskonzeptes im Detail ausgearbeitet
werden
– Der in dieser Phase ausgearbeitete de-
taillierte Plan für das restliche Projekt
dient als Basis für die Fortschrittskon-
trolle im weiteren Verlauf des Projektes
2.4
Phase Konzept
161
Tab. 2.34 Ergebnisse der Konzeptphase
Agile Vorgehensweise
Klassische Vorgehensweise
Grundsatz
In der agilen Vorgehensweise
steht das „was“ im Vordergrund
In der klassischen Vorgehensweise
steht das „wie“ im Vordergrund
Zu beantwortende
Fragen
– Was soll umgesetzt werden, wie
sieht die Vision aus?
– Welcher Mehrwert soll realisiert
werden?
– Welche Lösungsvariante soll ausge-
wählt werden?
– Wie sieht die gewählte Lösung aus?
– Wie soll die gewählte Lösung umge-
setzt werden?
Prozessorientierte
Ergebnisse
– Aktualisierter Projektauftrag
(sofern notwendig)
– Releaseplan
– Projekt-Dokumentationssystem
– Phasenbericht
– Aktualisierter Projektauftrag (sofern
notwendig)
– Informations- und Kommunikations-
konzept
– Detailpläne für die Realisierung nach
klassischer Vorgehensweise
– Projekt-Dokumentationssystem
– Phasenbericht
Inhaltsorientierte
Ergebnisse
– Produktkonzept
– Erste Version des Product
Backlog (Anforderungskatalog)
– Lösungsvarianten sind entwickelt
– Eine Variante mit ausführungsreifen
Plänen ist ausgewählt
– Die bestimmte Lösung ist im Detail
mit den notwendigen Konzepten
(Pflichtenheft) ausgearbeitet (Die
Art und Weise der Lösungskonzepti-
on unterscheidet sich innerhalb von
Branchen und Projektarten sehr stark)
Ergebnisse der Konzeptphase
Die Kommunikation mit den Anspruchsgruppen braucht besondere Aufmerksamkeit, um
Vertrauen, Identifikation und Unterstützung zu erreichen. Wichtige Instrumente dazu sind:
Informations- und Kommunikationskonzept und Projektmarketing. In der Konzeptphase
sind die Ergebnisse gemäß Tab. 2.34 von Bedeutung.
Phasenbericht
In manchen Organisationen ist es üblich, zum Abschluss einer Phase einen Phasenbericht
zu erstellen. Der Phasenbericht gibt eine kurze Übersicht über die erreichten Ergebnis-
se und Resultate. Dieses Dokument enthält die Auswertung bzw. Zusammenfassung der
Konzeptphase und bildet die Grundlage für die nächste Phase:
Ausgangslage: Voraussetzungen, Annahmen, aufgetretene Probleme, Konsequenzen
Erreichte Ergebnisse und Resultate
Sehr wertvoll ist ein kritischer Rückblick auf den Prozess während dieser Phase: was
lernt das Team daraus für die nächste Phase?
Ziele, neu identifizierte Rahmenbedingungen
162
2
Methodik
Lösung, Lösungsvarianten
Auswirkungen auf Stakeholder, z. B. Kunden, Eigner, Personal
Nutzen und aktualisierte Wirtschaftlichkeitsrechnung, insbesondere Änderungen ge-
genüber der Initialisierung
Aktualisierte Projektorganisation
Gesamtplanung des Projektes, Planung der nächsten Phase, finanzielle Führung inkl.
Mittelbedarf für personelle Mittel und Sachmittel
Risiken
Antrag: Lösung und weiteres Vorgehen
Mit dem Meilenstein „Abschluss Konzeptphase“ wird die umzusetzende Lösungsvari-
ante formell definiert und das weitere Vorgehen freigegeben.
Mensch und Team
Verschiedene Aspekte aus den Kompetenzbereichen Mensch und Team können in dieser
Projektphase relevant sein. Es ist aber auch möglich, dass sie in einer späteren Phase oder
gar nicht auftreten.
Mit dem unterzeichneten Projektauftrag startet die Phase Konzept. In der agilen Vor-
gehensweise beginnt in dieser Phase die effektive Projektarbeit mit der Erarbeitung der
Produktvision (Produktkonzept). In der klassischen Vorgehensweise müssen nun substan-
zielle und anspruchsvolle konzeptionelle Arbeiten geleistet werden. Das Team wird in
dieser Phase oft noch verändert: Neue Personen kommen dazu, weil mehr Kapazitäten be-
nötigt werden. Damit verändert sich das soziale Gefüge des Projektteams. Deshalb müssen
oft Maßnahmen der Initialisierung wiederholt werden.
Folgende Themen sind jetzt wichtig:
Arbeit am System (Abschn. 1.5.2): Mit dem offiziellen Projektauftrag muss die Zusam-
menarbeit im Team formalisiert werden.
Vielseitigkeit und Kreativität (Abschn. 1.7): Wie in der Beauftragung sollte auch in der
Initialisierung dem Variantendenken und den kreativen Lösungsansätzen hohe Auf-
merksamkeit geschenkt werden.
Dynamik in Teams (Abschn. 4.2): Als Antwort auf ein mögliches „Storming“ gilt es,
durch ein „Norming“ die Rollen im Projekt weiter zu klären und möglicherweise an-
zupassen.
Selbstmanagement (Abschn. 3.8): Die Intensität der Arbeit fordert nun die einzelnen
Projektbeteiligten auch stärker in ihrem Selbstmanagement und in ihrem Verhalten in
Bezug auf Stress und Veränderung (Abschn. 3.5)
Motivation und Sinn (Abschn. 3.7): Wie gut gelingt es, dem Team Sinn und Nutzen des
Projektes zu vermitteln? Das hat einen starken Einfluss auf die intrinsische Motivation.
Anbindung des Projektes an die Linie (Abschn. 4.1.4): Die Art und Weise, wie ein
Projekt in die Linie integriert wird, beeinflusst die Entscheidungskompetenzen und den
Führungsstil der Projektverantwortlichen wesentlich.
2.4
Phase Konzept
163
Konkretisierung des Führungsansatzes (Abschn. 4.1.13.3) sowie der notwendigen
Macht und Autorität (Abschn. 4.1.3)
Projektkultur (Abschn. 4.1.14.2), multikulturelle Zusammenarbeit (Abschn. 4.1.14.4)
und möglicherweise auch Aspekte der virtuellen Zusammenarbeit (Abschn. 4.1.14.5).
2.4.2
Produktkonzept
Am Anfang steht die Idee. Mit der Erstellung des Produktkonzeptes – auch Produktvision
genannt – in der agilen Vorgehensweise wird diese Idee konkretisiert. Das Produktkon-
zept beschreibt den Nutzen für den zukünftigen Anwender des Produktes oder Services
und die wesentlichen Leistungsmerkmale.
Das Produktkonzept soll bewusst kurz und knapp formuliert werden. Dadurch wird der
Fokus auf das Wesentliche gelegt. Es empfiehlt sich, das Produktkonzept mit Hilfe eines
physischen Modells zu visualisieren, wie in Abb. 2.44 am Praxisbeispiel der BLS gezeigt.
Mit dem Produktkonzept und dem Modell wird die Vision für das Projekt definiert. Da-
mit lassen sich auf einfache Weise Stakeholder auf unterschiedlichen Managementstufen
effizient abholen und für das Projekt gewinnen.
Das Produktkonzept beschreibt folgende Themen:
Bedürfnisse der Anwender/Kunden
Nutzen/Mehrwert für die Anwender/Kunden
Alleinstellungsmerkmale (Unique Selling Propositions)
Wesentliche Leistungsmerkmale und Funktionen
Zielgrößen
Das Produktkonzept wird vom Product Owner zusammen mit dem Team und Stakehol-
dern wie Anwender, Kunden, Marketing, Marktforschung, Produktmanagement, Vertrieb,
Herstellung erstellt.
Das Produktkonzept bildet die Grundlage für die effiziente Erstellung des Product
Backlogs.
2.4.3
Product Backlog
Ken Schwaber und Jeff Sutherland definieren das Product Backlog im Scrum Guide wie
folgt:
„Das Product Backlog ist eine geordnete Liste von allem, was in dem Produkt enthalten
sein soll. Es dient als einzige Anforderungsquelle für alle Änderungen am Produkt. Der
Product Owner ist für das Product Backlog, seine Inhalte, den Zugriff darauf und die
Reihenfolge der Einträge verantwortlich.
164
2
Methodik
Abb. 2.44 Praxisbeispiel BLS: Beispiel eines einfachen Modells zur Visualisierung der Produkt-
idee (Oberfläche für mobilen Ticketverkauf (App) auf dem Smartphone)
Ein Product Backlog ist niemals vollständig. Während seiner ersten Entwicklungs-
schritte zeigt es nur die anfangs bekannten und am besten verstandenen Anforderungen
auf. Das Product Backlog entwickelt sich mit dem Produkt und dessen Einsatz weiter. Es
ist dynamisch; es passt sich konstant an, um für das Produkt klar herauszustellen, was es
braucht, um seiner Aufgabe angemessen zu sein, im Wettbewerb zu bestehen und den er-
forderlichen Nutzen zu bieten. Sofern ein Produkt existiert, gibt es auch das dazugehörige
Product Backlog.
2.4
Phase Konzept
165
Im Product Backlog werden alle Features, Funktionalitäten, Verbesserungen und Feh-
lerbehebungen aufgelistet, die die Änderungen an dem Produkt in zukünftigen Releases
ausmachen. Ein Product-Backlog-Eintrag enthält als Attribute eine Beschreibung, die Rei-
henfolge, die Schätzung und den Wert. Product-Backlog-Einträge enthalten oft Testbe-
schreibungen, die ihre Vollständigkeit nachweisen, wenn sie fertig „Done“ sind.
Das Product Backlog entwickelt sich mit dem Einsatz eines Produktes, dessen Wertstei-
gerung sowie durch das Feedback des Marktes zu einer längeren, ausführlicheren Liste.
Anforderungen werden nie aufhören, sich zu ändern. Daher ist das Product Backlog ein
lebendes Artefakt. Änderungen an den Geschäftsanforderungen, Marktbedingungen oder
der Technologie können Änderungen am Product Backlog nach sich ziehen.
Häufig arbeiten mehrere Scrum Teams gemeinsam an einem Produkt. Dann wird ein
einziges Product Backlog benutzt, um die anstehende Arbeit am Produkt zu beschreiben.
In diesem Fall kann ein Gruppierungsattribut für die Product Backlog-Einträge verwendet
werden.
Als Verfeinerung (Refinement oder Grooming) des Product Backlogs wird der Vor-
gang angesehen, in dem Details zu Einträgen hinzugefügt, Schätzungen erstellt, oder die
Reihenfolge der Einträge im Product Backlog bestimmt werden. Die Verfeinerung ist ein
kontinuierlicher Prozess, in dem der Product Owner und das Entwicklungsteam gemein-
sam die Product Backlog-Einträge detaillieren. Bei der Verfeinerung des Product Backlogs
werden die Einträge begutachtet und revidiert. Das Scrum Team bestimmt, wann und wie
diese Verfeinerungsarbeit erfolgt. Sie sollte normalerweise nicht mehr als zehn Prozent
der Kapazität des Entwicklungsteams beanspruchen. Der Product Owner kann jedoch je-
derzeit die Einträge im Product Backlog aktualisieren oder aktualisieren lassen.
Höher angeordnete Product Backlog-Einträge sind generell klarer und weisen mehr
Details auf als niedrigere. Präzisere Schätzungen entstehen auf der Basis von größerer
Klarheit und Detailtiefe – je niedriger der Rang, desto weniger Details sind bekannt. Die
Product Backlog-Einträge, mit denen sich das Entwicklungsteam im kommenden Sprint
beschäftigen soll, werden so weit verfeinert, dass jeder von ihnen innerhalb des Sprints
fertiggestellt werden kann. Die Product Backlog-Einträge, für die das der Fall ist, werden
als bereit („Ready“) für die Auswahl durch das Entwicklungsteam in einem Sprint Plan-
ning angesehen. Ein Product Backlog Eintrag entwickelt diesen Transparenzgrad in der
Regel durch die oben beschriebenen Verfeinerungsaktivitäten.
Das Entwicklungsteam ist für alle Schätzungen verantwortlich. Der Product Owner
kann das Entwicklungsteam dahingehend beeinflussen, dass er ihm beim Verständnis der
Einträge hilft oder Kompromisse eingeht. Die endgültige Schätzung erfolgt immer von
denen, die auch die Arbeit erledigen werden.“ (Schwaber und Sutherland 2017, S. 15)
Die Aussagen können wie folgt zusammengefasst werden.
Das Product Backlog ist die Quelle der Anforderungen.
Das Product Backlog ist dynamisch und niemals vollständig oder widerspruchsfrei.
Verantwortlich für das Product Backlog ist der Product Owner
Die Einträge sind priorisiert.
166
2
Methodik
Abb. 2.45 Praxisbeispiel BLS: initialer Product Backlog BLS
Die Einträge weisen einen unterschiedlichen Detailierungsgrad auf.
Die Einträge sind bezüglich ihres Aufwands geschätzt.
Das Product Backlog ist eine Liste und kann als Tabelle in allen marktgängigen Tools
aufgebaut werden. In der Anfangsphase empfiehlt sich auch eine Visualisierung mit Zettel
an einer Wand, wie Abb. 2.45 zeigt.
Ein Product Backlog lässt sich auch durch Schwerpunktthemen gliedern. Ein Schwert-
punktthema wird oft als Epic bezeichnet. Jedes Schwerpunktthema (Epic) wird in einem
Folgeschritt aufgeteilt in mehrere User Stories. Zu den User Stories können bei Bedarf
auch noch detaillierte Anforderungen (Requirements) erfasst werden.
Es empfiehlt sich, zu den Epics und User Stories Akzeptanzkriterien (Definition of
Done) festzuhalten. Dadurch ist es für das Team rasch erkennbar, wann eine User Story
oder ein Epic für den Product Owner erfüllt ist. Die Akzeptanzkriterien helfen auch beim
Testen. Abb. 2.46 zeigt einen Ausschnitt aus dem Product Backlog mit Epics, Stories und
Requirements am Praxisbeispiel der BLS.
Ein Product Backlog muss am Anfang nicht mit möglichst vielen Anforderungen auf-
gefüllt werden. Dies wäre sogar eher kontraproduktiv. Es empfiehlt sich, das Product
Backlog am Anfang eher klein zu halten. Darin sollten die wichtigen Anforderungen ent-
halten sein. Das Product Backlog sollte genügend Anforderung für mindestens zwei bis
drei Sprints enthalten.
Gute Anforderungen (User Stories) weisen die INVEST Merkmale gemäß Tab. 2.35
auf.
2.4
Phase Konzept
167
Key
Summary
Description
Status
Issue Type
VBE-463
E: Fahrplan 1
Ich als Endkunde möchte mit möglichst geringem Interaktionsaufwand meine bevorzugte Reiseroute zu einem von mir
definierten Zeitpunkt finden können.
Akzeptanzkriterien:
- Vorschlagsliste für Stationen
- Routenfindung ohne Standort
- Soll-Fahrplandaten
- Resultatsdarstellung in tabellarischer Form
- Konsistenz der Kundeninformationen mit Bahnhofsanzeigen und existierenden Branchenvorgaben.
- vgl. V580
Open
Epic
VBE-329
A: Routen-
findung ohne
Standort
Ich als Endkunde möchte von einer bestimmten Station zu einer anderen bestimmten Station finden und allenfalls Via-
Stationen definieren können.
Akzeptanzkriterien
* Bei der Eingabe von Stationsnamen (Aktualisierung bei jedem Tastendruck) werden mögliche Werte aus der Liste
aller UIC-Code-Stationen (Schweiz und grenznaher Bereich gemäss INFO+ Bahnhofsliste) vorgeschlagen.
* Die Sortierung der Stationsnamen erfolgt aufgrund einer statisch definierten Gewichtung (Basis Ein- und
Ausstiegszahlen).
* Der Autocompletion-Mechanismus bewirkt keine zusätzlichen Server-Roundtrips, sondern erfolgt ausschliesslich
lokal auf dem Gerät.
* Es muss sichergestellt werden, dass die Applikation über eine aktuelle Liste von Stationen verfügt.
* Der Autocompletion-Mechanismus erlaubt die Auffindung von Stationen auch bei leichten Tippfehlern (kein exact-
matching).
* Der gesuchte Teil kann sich irgendwo im Stationsnamen befinden (z.B. "mundigen" in "Ostermundigen").
* Via-Begrenzung auf 5 Stationen
* Via-Stationen sind per Default eingeklappt und müssen explizit vom Benutzer aktiviert werden.
* Wiederverwendung der Autocompletion-Logik zwischen mobilem und Online-Ticketshop.
Open
Story
VBE-36
R: Nationale
Fahrplan-
abfragen
Der Fahrplanserver muss nationale Abfragen in der Schweiz (alle Verkehrsmittel und Linien in der Schweiz) und im
grenznahen Gebiet der Schweiz (gemäss GA-Gültigkeitsbereich) unterstützen. Es werden alle Haltestellen und
Verbindungen angeboten, die INFO+ zur Verfügung stellt.
Closed
Requirement
VBE-38
R: Datums-
aktualisierung
bei der Fahrplan-
abfrage
Als Defaultwert für das Abfahrts- / Ankunftsdatum sowie die Abfahrts- / Ankunftszeit muss die Systemzeit verwendet
werden.
Closed
Requirement
VBE-199
R:
Fehlertolerante
Suchfunktion
Die Suchfunktion des Fahrplanservers soll für falsche Texteingaben bei Abfahrts- und Ankunftsort eine Fehlertoleranz
aufweisen. Bei offensichtlichen Falscheingaben wie fehlende, falsche oder verdrehte Buchstaben soll der Benutzer
einen Vorschlag erhalten (Z.B. Züich statt Zürich oder Gern statt Bern).
Closed
Requirement
Abb. 2.46 Praxisbeispiel BLS: Ausschnitt Product Backlog mit Epcis, User Stories und Requirements
168
2
Methodik
Tab. 2.35 INVEST-Merkmale für gute Anforderungen
I
Independent
(unabhängig)
Anforderungen sollen möglichst unabhängig voneinander sein und
möglichst wenig gegenseitige Abhängigkeiten aufweisen.
N
Negotiable
(verhandelbar)
Zwischen Product Owner und Projektteam kann bezüglich der Reihen-
folge, Modifikation oder Zerkleinerung von Anforderungen verhandelt
werden.
V
Valuable
(nützlich)
Anforderungen erbringen einen ausweisbaren Nutzen.
E
Estimatable
(schätzbar)
Die Umsetzung der Anforderungen kann durch das Team geschätzt
werden. Dies bedingt, dass die Anforderungen vom Team verstanden
werden.
S
Small (klein)
Die Beschreibung der Anforderung soll kurzgehalten sein.
T
Testable
(überprüfbar)
Alle Einträge im Product Backlog sind überprüfbar/können getestet
werden. Dies bedingt die Formulierung von Akzeptanzkriterien für
jeden Eintrag.
2.4.4
Releaseplan
In der agilen Vorgehensweise erfolgt die Planung auf drei Ebenen:
Release-Planung: Anzahl Sprints, Reihenfolge der Umsetzung der Anforderungen aus
dem Product Backlog, Produktivsetzungstermine von Releases
Sprint Planning: Planung eines Sprints, Sprint Backlog
Daily Scrum: Planung des Arbeitstages
Aufbauend auf dem Product Backlog wird der Releaseplan erstellt. Der Releaseplan
hat den Charakter einer Grobplanung und ist grobgranular, wie in Abb. 2.47 gezeigt. Im
Wesentlichen wird festgelegt, wie viele Sprints notwendig sind, um die Anforderungen
umzusetzen und in welcher Reihenfolge die Anforderungen aus dem Product Backlog
umgesetzt werden sollen. In einem agilen Vorgehen wie Scrum wird bewusst auf eine
Detailplanung zu Beginn des Projektes verzichtet. Die Detailplanung erfolgt jeweils zu
Beginn eines Sprints für die Dauer des zu planenden Sprints.
Sprint 4
Sprint 5
Sprint 6
Sprint 7
Back-End
Administraon VBE
SAV 1
Fahrplan 2
Fahrplan 3
App
Ticketverkauf 1
Payment 1
Ticketkontrolle 1
Service Après
Vente 1
Webshop
Fahrplan 1
Ticketverkauf 1
Payment 1
Ticketkontrolle 1
Epics
Abb. 2.47 Praxisbeispiel BLS: Releaseplan
2.4
Phase Konzept
169
Um einen Releaseplan zu erstellen, muss der Gesamtaufwand aus dem Product Back-
log (jeder Eintrag sollte geschätzt sein) und die Entwicklungsgeschwindigkeit des Teams
(Velocity) bekannt sein. Die Velocity ist von Team zu Team verschieden. Weiter sollte die
Velocity im Verlauf des Projektes in einem Team zunehmen. Die Velocity ist am Anfang
des Projektes tiefer, weil . . .
zuerst Wissen aufgebaut oder vertieft werden muss;
Teams zuerst zusammenwachsen und das optimale Zusammenspiel finden müssen;
idealerweise die Anforderungen mit einem hohen Risiko zuerst angegangen werden;
am Anfang benötigte Infrastruktur zuerst aufgebaut werden muss und
Hindernisse eher am Anfang auftreten.
Am einfachsten werden durch das Team zwei bis drei Sprints ausgeführt. Dabei wird
die Entwicklungsgeschwindigkeit gemessen. Jede User Story wurde zuvor mit Story
Points geschätzt. Am Ende des Sprints wird geschaut, wie viele Story Points umgesetzt
wurden. Die Summe der umgesetzten Story Points ergibt dann die Velocity, welche das
Team in einem Sprint umsetzt. Dabei ist es noch wichtig zu erwähnen, dass nur die durch
den Product Owner abgenommenen User Stories gezählt werden. Wurde eine User Story
nur teilweise umgesetzt oder enthält sie noch einen Fehler, so werden für diese User Sto-
rys keine Punkte gezählt. Es gilt das Motto „Alles oder nichts“. Erst nach dem Vorliegen
einer einigermaßen verlässlichen Velocity kann eine aussagkräftiger Releaseplan erstellt
werden. Das heißt, ein vernünftiger Releaseplan kann erst nach zwei bis drei Sprints
erstellt werden.
Um den Releaseplan zu erstellen, muss weiter definiert werden, wie lange ein Sprint
dauert. Die Sprintlänge sollte konstant sein (Timeboxing, Abschn. 1.4.1.1) und zwischen
zwei Wochen bis zwei Monaten liegen. Sinnvolle Ausnahmen für eine Variation sind Ex-
plorationssprints (Sprints am Anfang zum Wissensaufbau), Release-Sprints (Sprint, um
ein Ergebnis oder Teilergebnis auszuliefern) oder Urlaubszeiten.
Der Releaseplan wird in folgenden Schritten erstellt:
Den benötigen Zeitraum ermitteln, basierend auf dem Gesamtaufwand des Product
Backlogs und der Velocity.
Die Reihenfolge festlegen, in welcher die Anforderungen umgesetzt werden, basierend
auf der Priorisierung im Product Backlog und einer möglichst gleichen Aufwandver-
teilung über die einzelnen Sprints.
Ein Ziel pro Sprint festlegen, wobei zu beachten ist, dass jeder Sprint ein auslieferbares
Produktinkrement liefert.
Festlegen, wann das Ergebnis oder ein Teilergebnis freigegeben wird.
Der Releaseplan dient der Optimierung von Kundenzufriedenheit und Wertschöpfung.
Die Verantwortung für die Erstellung des Release-Plans liegt beim Product Owner. Der
Product Owner wird dabei oft vom Team unterstützt.
170
2
Methodik
Tab. 2.36 Projektziele, Lastenheft und Pflichtenheft
Begriff
Erklärung
Fragestellung
Verantwortlich
Projektziele
Was ist der Scope/das
Ziel des Projekts?
Auftraggeber
Lastenheft
Anforderungskatalog Was kann das Produkt?
Requirements Engineering
Pflichtenheft
Summe der Lösungs-
konzepte
Wie wird das erreicht?
Auftragnehmer/Projektteam
2.4.5
Pflichtenheft – Lösungskonzept
Das Pflichtenheft ergibt sich aus der Summe aller Lösungskonzepte und beschreibt, wie
die geforderten Ziele und Anforderungen erreicht werden sollen.
Sofern die Ziele und Anforderungen lösungsneutral formuliert sind, lassen sie verschie-
dene Umsetzungsmöglichkeiten zu und erlauben dem Projektteam hohe Freiheitsgrade bei
der Auswahl der geeignetsten Lösungsvariante. Tab. 2.36 zeigt die unterschiedlichen Fra-
gestellungen bei Zielen, Lastenheft und Pflichtenheft.
Im klassischen Projektmanagement wird ein vollständiges Lastenheft vorausgesetzt,
um daraus das Pflichtenheft zu erarbeiten. Spätere Änderungen an den Anforderun-
gen, d. h. am Lastenheft, können zu völlig unterschiedlichen Lösungen mit erheblichen
Kosten- und Terminfolgen führen. Beispielsweise kann die nachträgliche Änderung der
Toleranz von 0 auf 0,08 mm bedeuten, dass eine gänzlich neue Produktionstechnologie
entwickelt und eingeführt werden muss, um diese Produktelinie herstellen zu können.
Diese zusätzliche Anforderung kann die Projektdauer und -kosten verdoppeln oder das
gesamte Projekt scheitern lassen.
In der Praxis synonym verwendete Begriffe für das Pflichtenheft sind u. a. Gesamtsys-
temspezifikation, Sollkonzept, Fachspezifikation und System Specification.
2.4.6
Aufwandschätzung
Der Projektleiter ist in der klassischen Vorgehensweise für die Planung verantwortlich
(Planungsvorgehen, Methode, Hilfsmittel, Plausibilitätstest). Für die Aufwandschätzung
wird er aus den folgenden Gründen die Projektgruppe beiziehen:
Die ganze Projektgruppe zusammen hat mehr notwendiges interdisziplinäres Fachwis-
sen als der Projektleiter als Generalist. Dadurch entstehen die besseren Schätzungen.
Mit der gemeinsamen Planung sind die Teilprojektleiter besser informiert. Dadurch
steigt auch ihre Motivation und Bereitschaft, für ihre Tätigkeiten Verantwortung zu
übernehmen.
2.4
Phase Konzept
171
In der Praxis hat es sich bewährt, dass die Teilprojektleiter oder die Projektmitarbeiter
den Aufwand ihrer Arbeitspakete und Tätigkeiten abschätzen und anschließend mit dem
Projektleiter konsolidieren.
In der agilen Vorgehensweise ist das Team verantwortlich für die Durchführung der
Aufwandschätzung. Geschätzt werden die Product Backlog Einträge und während der
Sprintplanung die identifizierten Tätigkeiten.
Idealerweise lässt sich die Projektgruppe bei der Schätzung von folgendem Credo lei-
ten:
I
Zählen vor Rechnen vor Expertenmeinungen
Der Grund für diese Empfehlung liegt in der abnehmenden Genauigkeit der Schätzme-
thodik.
2.4.6.1
Bedeutung der Aufwandschätzung in der klassischen
Vorgehensweise
Die Aufwandschätzung ist in der klassischen Vorgehensweise die Basis für die Berech-
nung der Projektdauer (Terminierung) und der Projektkosten. Das Unternehmen stellt
sich die Fragen, ob das Projekt realisiert werden soll, ob die Mittel im vorgesehenen
Zeitrahmen verfügbar sind, ob das Projekt wirtschaftlich ist, oder welche Investition von
mehreren Möglichkeiten die bessere Alternative zur Zukunftssicherung ist. Die Güte der
Entscheidungen ist also von der Genauigkeit der Aufwandschätzung abhängig. Für Un-
ternehmen, die ihren Kunden verbindliche Preisangebote machen müssen, z. B. im Engi-
neering oder im Architekturbereich, ist eine sehr genaue Aufwandschätzung notwendig
und überlebenswichtig, um Verluste zu vermeiden.
Unter diesem Aspekt hat die Aufwandschätzung und die damit verbundene Unsicher-
heit eine große Bedeutung. Eine brauchbare Aufwandschätzung durchzuführen setzt Er-
fahrung, Sorgfalt und Vorbereitung voraus.
Grundsätzliche Möglichkeiten für die Aufwandschätzung:
Erfahrung und Analogie durch Vergleich von Lieferobjekten oder Arbeitspaketen mit
schon realisierten ähnlichen Aufgabenstellungen (Erfahrungswerte von ähnlichen Pro-
jekten)
Analytisch: Die Aufgabe wird in einzelne, übersichtliche Tätigkeiten oder Funktionen
zerlegt, deren Aufwand wird geschätzt
Durch Kombination dieser Möglichkeiten
Viele Schätzverfahren beruhen auf Erfahrungswerten. Diese müssen durch Auswertung
vieler Projekte bei Projektabschluss über einen längeren Zeitraum systematisch aufgebaut
werden. Die Lieferobjekte oder Arbeitspakete müssen dabei klar strukturiert und abge-
grenzt sein. Aus der Analyse der Ist-Werte abgeschlossener Projekte werden bereinigte
Aufwandswerte sowie Einflussfaktoren für die Zukunft erarbeitet. Mögliche Einflussfak-
toren sind: Umfang und Komplexität der Aufgabe, Erfahrung der Ausführenden, Akzep-
tanz bei Betroffenen, verfügbare Infrastruktur, geltende Vorschriften usw. Es sind nur die
172
2
Methodik
wichtigsten Einflussfaktoren auszuwählen. Diese Kennwerte sind nur gültig für das Un-
ternehmen und die Projektart, für die sie ausgewertet wurden.
Ein Unternehmen muss ein Schätzverfahren auswählen und seinen Verhältnissen an-
passen. Damit sie über eine ganze Organisationseinheit im Unternehmen anwendbar sind,
müssen die Definitionen und Abgrenzungen der Lieferobjekte und Arbeitspakete und de-
ren Inhalte einheitlich definiert, interpretiert und gehandhabt werden. Erfahrungswerte
können nicht unbesehen von anderen übernommen werden.
Bei vielen Verfahren wird empirisch eine Korrelation gesucht zwischen einer oder
mehreren Variablen im Projekt (z. B. Resultatgrößen, Anforderungen des Kunden) und
dem dafür notwendigen Zeitaufwand in Personenmonaten. Der Zusammenhang kann als
Formel oder Grafik dargestellt werden. Beispiele für Variablen: Leistungsfähigkeit oder
Genauigkeit einer Anlage, Volumen eines Baues, Anzahl Verarbeitungen oder Function
Points bei einer Software. Werden die Anforderungen des Kunden als unabhängige Var-
iable verwendet, so können diese Methoden schon in frühen Projektphasen eingesetzt
werden (z. B. zur Angebotserstellung), bevor der genaue Lösungsweg im Detail bekannt
ist.
2.4.6.2
Planning Poker/Story Points
Die Schätzmethode mit Story Points ist eine häufig verwendete Methode in der agilen Vor-
gehensweise. Das Projektteam schätzt für jede User Story (oder Anforderung/Baustein)
eine Größe. Dabei werden Karten mit den an den Fibonacci-Zahlen angelehnten Wer-
ten 0, 0,5, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 20, 40 oder mit 100 verwendet. Nachdem die User Story
vorgestellt wurde, schätzt jedes Mitglied des Projektteams den Aufwand und legt die Kar-
te verdeckt auf den Tisch. Sobald alle Mitglieder geschätzt haben, werden die Karten
aufgedeckt und verglichen. Stimmen die Schätzungen nicht überein, so begründen die
Mitglieder mit der höchsten und tiefsten Schätzung kurz ihre Einschätzung. Danach gibt
es weitere Schätz- und Diskussionsrunden bis ein Konsens erzielt wurde.
Die Anzahl Story Points für die Umsetzung einer User Story sagt direkt noch nichts
über den effektiven Aufwand aus. Sobald das Projektteam arbeitet, kann ein Erfahrungs-
wert gebildet werden, wie viele Story Points durch das Team in einem Sprint realisiert
werden können. Die Umsetzungsgeschwindigkeit (Velocity) im Team nimmt mit jedem
Sprint zu.
2.4.6.3
T-Shirt Sizing
Oft ist in einer frühen Phase des Projektes schwierig, die exakten Aufwände zu schätzen.
Mitarbeiter aus Marketing oder Verkauf müssen jedoch oft in einer frühen Phase des Pro-
jektes Entscheide zum Projektumfang fällen. Ein Ingenieur ist jedoch nicht in der Lage,
eine exakte Schätzung ohne definierte Spezifikationen zu machen. Um dieses Dilemma
aufzulösen, empfiehlt es sich, bewusst zu machen, dass in einer frühen Phase keine milli-
metergenauen Schätzungen notwendig sind.
Bei der T-Shirt Sizing Methode klassifizieren die Entwickler die Größe jeder Anforde-
rung in Relation zu anderen Anforderungen in die T-Shirt Größen Small, Medium, Large
2.4
Phase Konzept
173
oder Extra Large. Parallel dazu klassifizieren die Vertreter aus Marketing und Verkauf den
Businesswert der Anforderungen mit der gleichen Skala.
Durch die Gegenüberstellung von Businesswert und Aufwand können mit dieser ein-
fachen Methode qualifizierte Diskussionen über den Projektumfang geführt werden. Ein
Beispiel: Ich möchte Anforderung A umgesetzt haben, da diese einen Businesswert von
Extra Large darstellt und mit einem Aufwand von Medium umgesetzt werden kann. Dafür
verzichte ich auf die Anforderung B, da der Aufwand Large ist, und der Businesswert nur
mit Small eingeschätzt wurde.
2.4.6.4
Multiplikatoren Methode
Die zu realisierende Aufgabe wird in kleine, überblickbare Einheiten zerlegt, von denen
man den Aufwand kennt. Oder sie wird an einem Beispiel ausprobiert: Anzahl Modu-
le, Anzahl Seiten, Anzahl Grafiken. Der Aufwand pro Einheit mal die Anzahl Einheiten
ergibt summiert über alle Einheitenarten den Gesamtaufwand.
2.4.6.5
Prozentsatzmethode
Die Prozentsatzmethode gibt für jede Phase Erfahrungswerte für die Prozentanteile des
Gesamtaufwandes an. Die Prozentanteile pro Phase sind stark von der Projektart und
von dem Unternehmen abhängig. Eine Phase wird detailliert geschätzt und realisiert.
Wenn diese Phase abgeschlossen ist, wird daraus auf das ganze Projekt geschlossen. Vor-
sicht ist angebracht, wenn aus einer ersten kleinen Projektphase mit wenig Aufwand auf
das ganze Projekt geschlossen werden soll. Das Verfahren eignet sich aber gut als Plau-
sibilitätstest zur Überprüfung von Schätzwerten, die auf andere Art erarbeitet wurden.
Die Erfahrungswerte oder Kennzahlen müssen von Projekten stammen, die unter ver-
gleichbaren Rahmenbedingungen erarbeitet wurden (z. B. gleiche Infrastruktur, gleiche
Unternehmenskultur).
2.4.6.6
Expertenschätzung (Delphi Methode)
Bei großer Unsicherheit bezüglich der Aufwandschätzung sind Expertenbefragungen ver-
breitet. Die Delphi-Methode befragt mehrere Experten unabhängig voneinander. Die un-
terschiedlichen Schätzwerte werden allen anonym vorgelegt. In weiteren Runden nutzen
die Experten die Möglichkeit, ihre Argumente bekannt zu geben und ihre Werte noch
anzupassen, bevor die Gruppenmeinung formuliert wird.
Eine andere zweckmäßige Vorgehensweise ist die Schätzklausur. Hier kommen alle
ausführenden Fachspezialisten vorbereitet zusammen und geben ihre Werte und Argu-
mente bekannt. Dadurch findet ein willkommener gruppendynamischer Prozess statt, der
vom Projektleiter moderiert wird. Ziel einer Schätzklausur ist es, am Schluss eine konso-
lidierte Schätzung zu haben, bei welcher die Fachspezialisten einen Konsens erreichen.
2.4.6.7
PERT (Program Evaluation and Review Technique)
Bei Projekten mit großer Unsicherheit (z. B. Pionierprojekte, Akzeptanzprojekte, For-
schungsprojekte) kann die Streuung mitberücksichtigt werden. Dabei wird pro Arbeits-
174
2
Methodik
paket ein wahrscheinlicher Zeitaufwand WZ (häufigster Fall) geschätzt und zusätzlich
ein minimaler Zeitaufwand MinZ (optimistischer, günstigster Fall) sowie ein maximaler
Zeitaufwand MaxZ (pessimistische Schätzung, ungünstigster Fall). Die Planung wird mit
einem einzigen Planwert weitergeführt:
Planwert D .MinZ C 4 WZ C MaxZ/ =6
2.4.6.8
Reserven
Schon bei mittelgroßen Projekten bezüglich der Anzahl Lieferobjekte und Arbeitspake-
te wirkt sich der statistische Ausgleich günstig auf die Abweichung im Gesamtaufwand
aus, sofern kein systematischer Fehler in den Einzelschätzungen vorliegt. Auch bei sorg-
fältiger Planung passiert Unvorhergesehenes, werden Aufwandposten vergessen, kommen
kleine Änderungen dazu oder wird der zu leistende Aufwand unterschätzt. Darum braucht
ein Projekt Projektreserven. Diese können als Geldreserve ausgewiesen werden. Der Pro-
jektleiter verfügt über diese Projektreserve. Wenn ein Projektmitarbeiter bei seinen Lie-
ferobjekten oder Arbeitspaketen eine Überschreitung hat, die er nicht mehr innerhalb
seines eigenen Lieferobjektes oder Arbeitspaketes auffangen kann, dann informiert er
den Projektleiter. Dieser kontrolliert so den Verbrauch der Projektreserve und kann sei-
ne Kulanz gegenüber wünschbaren Änderungen der Situation anpassen. Wenn in einem
Unternehmen keine Projektreserven gebildet werden dürfen, so sollte sich der Projektlei-
ter überlegen, versteckte oder stille Reserven zu bilden.
2.4.6.9
Typische Fehler in der Aufwandschätzung
Aufwände zu schätzen ist immer mit Ungewissheiten verbunden. Es gibt immer wieder
klassische Fehler in der Schätzung von Aufwänden:
Sich ändernder Funktionsumfang
Vergessene Aktivitäten
Unbegründeter Optimismus
Chaotischer Entwicklungsprozess
Subjektivität
Schätzungen aus dem Handgelenk
Ungerechtfertigte Präzision
Geschäftsbereiche oder Technologien, die wenig vertraut sind
Falsche Konvertierung der geschätzten Zeit in Projektzeit (z. B. Projektteam arbeitet
acht Stunden am Tag und fünf Tage pro Woche)
2.4.7
Ablauf/Terminplan
2.4.7.1
Ablauf- und Terminplan erstellen
Der Inhalt der Lieferobjekte und Arbeitspakete wird jetzt weiter detailliert und in einer Tä-
tigkeitsliste vollständig erfasst. Alle durchzuführenden Tätigkeiten, das heißt alles, was
2.4
Phase Konzept
175
Tätigkeiten und Termine
Datum:
Nr. Tätigkeiten
Massnahmen
Vorgang
Verant-
wortlich
Vorbe-
din-
gung
Dauer
in
Wochen
Terminplanung resp. Balkenplan
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
1 Projekt
2 Phase 1
3 Tätigkeit A
MM
-
6
4 Tätigkeit B
MM
3
1
5 Tätigkeit D
PP
-
2
6 Tätigkeit E
PP
5
3
7 Tätigkeit C
MM
3;6
2
8 Tätigkeit F
TT
7
3
9 Tätigkeit G
MM
8
1
10 Vorbereitung MS
PL
4;9
1
11 MS-Entscheid
AG
10
0
12 Phase 2
13 Arbeitspaket H
MM
Abb. 2.48 Beispielhafte Tätigkeitsliste mit Balkenplan (Gantt-Diagramm)
Zeit oder Geld braucht, inklusive Meilensteinüberprüfung, wird vollständig und soweit
möglich chronologisch aufgelistet. Jede Tätigkeit erhält eine eindeutige Identifikations-
nummer wie in Abb. 2.48 gezeigt.
Damit wird für jede Tätigkeit – soweit bekannt – die ausführende Stelle oder der ver-
antwortliche Fachbereich eingetragen. Die ausführende Stelle muss die für die Tätigkeit
notwendige Fachkompetenz aufweisen und zum vorgesehenen Zeitpunkt über genügend
freie Kapazität verfügen. Bei Engpassressourcen soll die Verfügbarkeit mitberücksichtigt
werden, sobald diese grob bekannt ist.
Der Fachspezialist schätzt den für die Problemlösung notwendigen Zeitaufwand und
die benötigte Durchlaufzeit. Zeitaufwand ist der Zeitbedarf des Aufgabenträgers in Perso-
nenmonaten, -wochen, -tagen oder -stunden, der notwendig ist, um alle mit dem Arbeits-
paket zusammenhängenden Aufgaben unter Berücksichtigung der voraussichtlich zum
Einsatz kommenden Ressourcen vollständig zu lösen.
Die Durchlaufzeit (Dauer) ist die kürzeste Zeitdauer, die notwendig ist, um den zu-
vor definierten Aufwand unter Berücksichtigung der Verfügbarkeit von Engpassressour-
cen, von unumgänglichen Wartezeiten und anderen Rahmenbedingungen zu leisten. Bei-
spiel: Ein Maler braucht fürs Vorbereiten und Spritzen einer Wanne vier Stunden. Dann
braucht die Wanne 72 h Trocknungszeit, bis der nächste Arbeitsgang möglich ist. Der Ma-
176
2
Methodik
ler braucht noch einmal vier Stunden für das Schleifen der Wanne. Der Zeitaufwand für
den Maler ist also acht Stunden, die Durchlaufzeit aber vier Tage.
Anschließend wird die Reihenfolge der Tätigkeiten festgelegt, die arbeitstechnisch
am sinnvollsten oder sogar notwendig ist. Bei jeder Tätigkeit sind die Fragen zu beant-
worten: Welche Resultate müssen vorliegen? Welche Rahmenbedingungen müssen erfüllt
sein, damit die Tätigkeit gestartet werden kann? Diese zeitlichen Abhängigkeiten werden
in der Tätigkeitsliste als Vorbedingungen eingetragen. Mit diesen Angaben kann anschlie-
ßend eine Terminierung erfolgen.
2.4.7.2
Terminierung, kritischer Pfad und Schlupf
Die Terminierung kann mit Hilfe der Balkenplantechnik (Gantt-Diagramm) ausgeführt
werden. Die Terminierung liefert den Endtermin und die Zwischentermine des Projek-
tes, unter Berücksichtigung der Abhängigkeiten. Der Planungsvorgang ergibt für jede
Tätigkeit einen frühesten und einen spätesten Anfangs- und Endtermin. Der früheste End-
termin gibt an, wann eine Tätigkeit frühestens fertig sein kann, wenn alle Bedingungen
bestmöglich erfüllt sind. Der späteste Endtermin gibt an, wann die Tätigkeit spätestens
abgeschlossen sein muss, damit keine Verzögerung des Projektes entsteht.
Sind spätester und frühester Termin zweier aufeinanderfolgender Tätigkeiten unter-
schiedlich, hat die vorausgehende Tätigkeit zeitlichen Spielraum (Schlupf, Slack, Puffer).
Der Schlupf ist diejenige Zeit, um die eine Tätigkeit verzögert sein darf, ohne dass dies
eine Auswirkung auf den Endtermin hat. Der kritische Pfad ist die Verbindung aller Tä-
tigkeiten, die keinen Schlupf haben. Er bestimmt gleichzeitig den Endtermin. Wenn auf
diesem Pfad eine Tätigkeit verzögert wird, verschiebt sich der Endtermin des Projektes
um das Ausmaß dieser Verzögerung. Damit der Projektleiter bei Bedarf frühzeitig Maß-
nahmen ergreifen kann, muss er die Tätigkeiten auf dem kritischen Pfad regelmäßig und in
sinnvollen Abständen überprüfen wie ein Steuermann, dessen Schiff nur mit Verzögerung
auf Korrekturen reagiert.
Der Balkenplan (Gantt-Diagramm) zeigt in einer kompakten und anschaulichen Dar-
stellung den frühestmöglichen Anfang, den frühestmöglichen und den am spätesten mögli-
chen Endtermin pro Tätigkeit. Dauer, Schlupf, zeitliche Relation der einzelnen Tätigkeiten
und die Abhängigkeiten untereinander sind anschaulich sichtbar, wie Abb. 2.49 zeigt.
Abb. 2.50 zeigt anhand des Praxisbeispiels von Metrohm einen Auszug aus dem
Ablauf- und Terminplan in zwei Detailierungsstufen. Das Bild zeigt auch den laufenden
Austausch zwischen dem Projekt und der Systemarchitektur.
2.4.7.3
Genauigkeit in der Ablauf- und Terminplanung
Wie genau soll man Termine, Ressourcen und Kosten planen? Hat die Projektleitung das
Projekt besser im Griff, je genauer sie plant?
Jede Planung ist eine Hypothese zur Zukunft. In manchen Projekten – besonders bei
denjenigen, die einer hohen Dynamik ausgesetzt sind – wird die zukünftige Realität oft
eine andere sein als die Vorstellung darüber. Es lohnt sich deshalb, die Projektdyna-
mik einzuschätzen: kann mit einem relativ ruhigen Projektverlauf gerechnet werden, be-
2.4
Phase Konzept
177
Tätigkeiten
3
4
5
6
7
8
9
10
11
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
Zeit
Kritischer Pfad
Schlupf
Abb. 2.49 Balkenplan mit kritischem Pfad und Schlupf
steht eine große Gewissheit über die einzelnen Ereignisse und Aktivitäten, oder muss mit
Unsicherheiten, vielen Änderungen und Überraschungen gerechnet werden? Beispiele:
Bei einem „normalen“ Einfamilienhaus auf problemlosem Grundstück sind die einzel-
nen Planungs- und Realisierungsschritte erprobt und bis zur Inbetriebnahme relativ sicher
planbar. Es handelt sich um ein sog. Standardprojekt (siehe Abschn. 1.2.1). Eine detail-
lierte Planung ist hier sehr hilfreich, um Termine und Kosten einhalten zu können. Bei der
Entwicklung eines neuen Produktes oder einer Software, bei der nach jedem Schritt neue
Erkenntnisse die Situation verändern oder aus der Umwelt neue Impulse einfließen, wäre
eine genaue Planung ein Hindernis. Sie wirkt wie eine Schiene mit fixierten Erwartun-
gen, die man möglichst erfüllen will. Iterations- bzw. Lernschleifen werden so erschwert,
neue Ideen werden ausgeblendet. In diesem Fall ist es zweckmäßiger, Meilensteine oder
Terminfixpunkte einzuplanen, um dazwischen flexible Planungs- und Controlling-Instru-
mente wie Kanban anwenden zu können. Besser wäre es noch, ein solches Projekt mit der
agilen Vorgehensweise abzuwickeln.
Abb. 2.51 zeigt, dass die Schätzgenauigkeit im Verlauf des Projektes besser wird.
178
2
Methodik
Terminplan
Abb. 2.50 Praxisbeispiel Metrohm: Ablauf- und Terminplan
2.4.7.4
Vorgehensweisen bei der Planung
Bei der Planung geht man häufig von Vorgaben aus (z. B. Abschlusstermin) und unterteilt
die Arbeitsschritte immer feiner bis auf einzelne Tätigkeiten, deren Aufwand beurteilt
werden kann. Auf dieser Ebene wird eine detaillierte Termin-, Ressourcen- und Kosten-
planung durchgeführt. Die Resultate werden in verdichteter Form dargestellt und mit den
Vorgaben verglichen, siehe Abb. 2.52. Wenn Abweichungen vorliegen, sucht der Projekt-
leiter Lösungen, um die Vorgaben zu erfüllen. Sind die Abweichungen so groß, dass man
von unrealistischen Vorgaben reden muss, oder müssen Prioritäten zwischen Termin, Res-
sourcen und Kosten gesetzt werden, nimmt der Projektleiter mit dem Auftraggeber das
Gespräch auf.
Nach dem Führungskonzept des MbO (Management by Objectives, siehe Abschn.
4.1.13.4) muss dieser Prozess von Vorgabe (Top-down) und Abgleichung (Bottom-up)
zwangsläufig stattfinden. Hat die ausführende Person kein Mitspracherecht (Bottom-up),
so wird es auch schwierig, Mitverantwortung für die Realisierung zu erwirken. In selbst-
organisierten Teams existieren heute andere Führungskonzepte als MbO.
2.4
Phase Konzept
179
Konzept
Realisierung
Einführung
Initialisierung
Beauftragung
+50%
+10%
-10%
-50%
Auftrag
1. Grobschätzung
2. Grobplanung
Schätz-Genauigkeit z.B. ähnliche Projekte schon durchgeführt
Schätz-Genauigkeit z.B. Pionierprojekte (Neuland)
Lastenheft
3. Detailplanung
Pflichtenheft
Abb. 2.51 Schätzgenauigkeit
Drei Vorgehensweisen sind für die Planung eines Projektes verbreitet:
Am Anfang des Projektes wird die ganze Projektdauer detailliert geplant
Am Anfang des Projektes wird das ganze Projekt grob geplant und am Ende einer
Phase die nächste Phase detailliert
Am Anfang des Projektes wird das ganze Projekt grob geplant und jeden Monat die
unmittelbare Zukunft (Lieferobjekte, Arbeitspakete und Tätigkeiten) sehr detailliert ge-
plant
Wenn große Erfahrung mit ähnlichen Projekten verfügbar ist oder Fixpreisangebote
abgegeben werden müssen, wird das ganze Projekt vollumfänglich und über seine ganze
Dauer detailliert geplant. Das bedeutet einen hohen Aufwand. Fehlen brauchbare Erfah-
rungswerte oder ist der Auftrag offen und völlig neu, wird in der Initialisierungsphase
lediglich eine Grobplanung für das ganze Projekt mit Grobschätzung des Aufwandes und
des Ressourcenbedarfs durchgeführt. Die Konzeptphase wird hingegen detailliert geplant.
Grobschätzungen sollen immer mit einer Bandbreite angeben werden, z. B. +40/20 %.
Dieses Vorgehen ist sehr effizient und wird häufig angewendet.
180
2
Methodik
Vorgaben
Detailplanung
– Termin und Ablaufplanung
– Kostenplanung
– Ressourceneinsatzplanung
– Ressourcenabgleich
Projektleitung
Arbeitsebene
Unternehmensleitung
Abstimmung bei Abweichung
Top-down: Vorgaben herunterbrechen
Bottom-up: Detailpläne konsolidieren
Abb. 2.52 Planung Top-down und Verdichtung Bottom-up
Bei großen Projekten ist es vorteilhaft, in mehreren Schritten zu planen, um das Pro-
jekt handhabbar zu machen. Erster Detaillierungsgrad: eine Ablauf- und Terminplanung
für Lieferobjekte und Arbeitspakete als Projektübersicht. In einem nächsten Schritt wird,
der Detaillierungsgrad erhöht bis auf Tätigkeiten, evtl. durch die Teilprojektleiter. Die
Planungstiefe soll an den Wissensstand angepasst sein und an die Konsequenzen, wenn
Abweichungen von der Planung entstehen.
Wenn der Innovationsgrad hoch ist und der Termin kritisch, dann wird der Detaillie-
rungsgrad der Lieferobjekte und Arbeitspakete schrittweise erhöht. Am Anfang wird das
Projekt in wenige grobe Lieferobjekte und Arbeitspakete unterteilt, dafür der ganze Pla-
nungshorizont erfasst. Steigt der Wissensstand, wird ein überblickbarer Teil des Projektes
weiter detailliert. In einem weiteren Schritt wird die unmittelbare Zukunft z. B. zwei Mo-
nate sehr detailliert geplant. Dieser Schritt wird jeden Monat wiederholt.
Bei großen Projekten besteht die Planung aus verschiedenen Schritten. Der Projektlei-
ter macht einen ersten Entwurf. Sind die Durchlaufzeiten zu lang oder nicht kompatibel
mit den Vorgaben, führt er eine erste Optimierung durch. Bei Ressourcenkonflikten wird
mit den Ressourcenverantwortlichen verhandelt und verbindlich vereinbart. Die Initial-
planung wird nun eingefroren, es erfolgt die Freigabe durch den Auftraggeber. Ändern
sich später die Rahmenbedingungen (z. B. Prioritäten der Unternehmensleitung), sind An-
2.4
Phase Konzept
181
5 Wochen
0.5
1.0
Kapazität (FTE)
…ergibt benötigte Kapazität
…ergibt benötigte Zeitdauer
feste Termine
fixe Kapazität
10 Wochen
Zeit (Wochen)
Termintreue Planung
Das Arbeitspaket A (200
Arbeitsstunden) muss in
5 Wochen abgeschlossen
sein
Kapazitätstreue Planung
Das Arbeitspaket A (200
Arbeitsstunden) enthält eine
Kapazität von 0.5 FTE
Abb. 2.53 Ressourcen Histogramm: Termintreue vs. Kapazitätstreue Planung
passungen notwendig. Bei großen Änderungen kann eine Neuplanung der verbleibenden
Aufgaben notwendig werden (time-to-complete und cost-to-complete).
2.4.7.5
Termintreue und kapazitätstreue Planung
Je nach Zielsetzung erfolgt die Planung im Projekt termintreu oder kapazitätstreu, wie
Abb. 2.53 zeigt.
Hat der Endtermin einen hohen Stellenwert, wird termintreu geplant. Wie müssen wir
vorgehen? Welche Ressourcen müssen wir einsetzen? Welche Maßnahmen müssen ergrif-
fen werden, um diesen Termin sicherzustellen? Wie groß ist dann die Überlast und wie
lange dauert sie?
Haben die Kosten oder andere Projekte höhere Priorität, wird kapazitätstreu geplant?
Welcher Termin ergibt sich mit den verfügbaren Ressourcen?
Vorwärtsterminierung
Terminierung vom Projektstart bis zum Projektabschluss. Wird die Terminvorgabe über-
schritten, müssen Maßnahmen geprüft werden (mehr Ressourcen, Parallelisieren, Infra-
strukturverbesserung, externe Vergabe von Teilaufgaben, Ziel überprüfen usw.). Die Vor-
wärtsterminierung mit allfälliger Korrektur ist die meist verbreitete Vorgehensweise.
182
2
Methodik
Rückwärtsterminierung
Ausgehend vom verlangten Endtermin wird rückwärts terminiert, um die Frage zu be-
antworten: Wann müssen wir starten, damit das Terminziel erreicht wird? Würde der
Starttermin in der Vergangenheit liegen, kann die Zeit bis zum Plantermin im Verhältnis
der idealerweise benötigten Durchlaufzeiten aufgeteilt und als Vorgabe verwendet werden.
Anpassungen der Planung
In der Initialisierungsphase wurde eine Initialplanung erstellt und freigegeben. Bei den
Meilensteinen werden kritische Fragen gestellt und die Lage neu beurteilt: Treffen die
Annahmen, die bei der Initialplanung getroffen wurden, noch vollumfänglich zu? Sind
neue Rahmenbedingungen eingetreten? Bei Bedarf muss die bestehende Planung bezüg-
lich Ressourcen, Terminen, und Kosten aktualisiert werden. Das kann auch heißen, dass
neue Abmachungen zu treffen sind. Änderungen an der Projektplanung sind zu dokumen-
tieren und an die Betroffenen zu kommunizieren.
Treten absolut neue Rahmenbedingungen ein oder gewinnt man neue Erkenntnisse in
einem Umfang, dass die bisherige Planung nicht mehr als Basis für einen Plan/Ist-Ver-
gleich geeignet ist, weil sich Inhalt und Abgrenzung der Lieferobjekte und Arbeitspakete
seit der Initialplanung wesentlich geändert haben, dann ist beim momentanen Projektstand
ein Schnitt bei der Planung zu machen und ab dem Zeitpunkt eine Neuplanung zu erstellen
(time-to-complete und cost-to-complete).
Allfällige neue Ressourcenkonflikte, die durch die neue Situation entstanden sind, müs-
sen gelöst werden.
2.4.7.6
Wie detailliert soll eine Planung sein?
Der Detaillierungsgrad orientiert sich am Zweck. Die Planung soll so detailliert sein, dass
wir daraus die nötigen Maßnahmen ableiten und das Projekt zuverlässig überwachen und
steuern können. Die Planung muss mindestens so detailliert sein, wie wir später kontrol-
lieren möchten. Wenn die Kontrolle in kürzeren Abständen erfolgen soll, damit Probleme
frühzeitig angegangen werden können, dann müssen auch die Aufgaben feiner aufgelöst
werden. Die Qualität (Genauigkeit, Vollständigkeit) der Daten ist wichtiger als der De-
taillierungsgrad. Der Detaillierungsgrad sollte nicht höher als notwendig gewählt werden,
weil der Aufwand für Planung und Kontrolle rasch sehr groß wird.
2.4.7.7
Weitere Planungsvarianten: Target Costing, Design-to-Cost
In einem preissensitiven Umfeld sind die Kosten des Resultates aus dem Projekt, der
Dienstleitung (z. B. Arbeitsabläufe) oder des Produktes (Herstellkosten), wichtiger als
die „einmaligen“ Kosten des Projektes. 80 % der Produktkosten von neuen Produkten
und Dienstleistungen werden in der Definitions- und Entwicklungsphase festgelegt. Diese
können in späteren Projektphasen nur noch sehr beschränkt beeinflusst werden. Daraus
resultiert eine spezielle Verantwortung des Projektleiters und des Entwicklers für die Ein-
haltung der im Anforderungskatalog vereinbarten Kostenziele.
2.4
Phase Konzept
183
Bei der Zielkostendefinition wird ein Maximalwert festgelegt, wie viel die Herstel-
lungskosten des Produktes betragen dürfen (Target Costing) und als verbindlicher Wert in
den Zielsetzungen aufgenommen. Zu berücksichtigende Kriterien sind:
Wie viel ist der Markt bereit für diese Leistung zu bezahlen? Welche Stückzahlen kön-
nen wir absetzen, zu welchen Konditionen?
Wo stehen unsere Mitbewerber bezüglich Preisen und Marktanteilen?
Welche Zielkosten und Stückzahlen legen wir unserer Wirtschaftlichkeitsberechnung
zugrunde?
Wie ist unsere Kostenstruktur, ohne und mit Maßnahmen?
Dieser Zielkostenwert wird aufgeschlüsselt auf die einzelnen Teilsysteme, Baugruppen
oder auf die an der Dienstleistung beteiligten Stellen. So weiß jeder Beteiligte, welchen
Anteil der Produktkosten seine Arbeit oder sein Teilsystem verursachen darf. Der Projekt-
leiter überwacht die Einhaltung dieses Herstellkostenbudgets.
Aus der Sicht des Kunden und des Benutzers sind nicht nur die Anschaffungskosten
von Bedeutung, sondern ebenfalls die bei ihm während der Nutzung anfallenden Betriebs-
kosten, Kosten für Reparaturen, Unterhalt, Ausbildung, Entsorgung oder andere Folgekos-
ten. Er ist an niedrigen Gesamtkosten (life-cycle-costs) interessiert, die durch die Investi-
tion über den ganzen Lebenszyklus verursacht werden. Der Projektleiter sollte Lösungen
bevorzugen, die auf niedrige Gesamtkosten zielen, solange dadurch die Herstellkosten und
Projektkosten nicht übermäßig steigen, außer der Kunde honoriert dies.
Bei Produkten, die hergestellt (dupliziert) werden, sollen Projektleiter und Entwickler
das optimale Verhältnis von Projektkosten (Einmalkosten) zu Produktkosten (Wiederhol-
kosten) wählen, aus dem die niedrigsten Gesamtkosten für die prognostizierte Stückzahl
resultieren. Projektkosten sind Einmalkosten. Herstellkosten fallen pro hergestelltes Ex-
emplar des Produktes an.
Wenn von einem Produkt die Herstellung großer Stückzahlen beabsichtigt ist, weil der
Markt dafür aufnahmefähig ist, kann im Projekt ein größerer Aufwand für die Entwick-
lung investiert werden, um kostengünstigere Lösungen zu finden und eine rationellere
Herstellung zu erreichen. Dabei steigen aber die Projektkosten. Im Gegensatz dazu ist der
Anteil der Projektkosten pro Produkt höher bei Einzelanlagen oder wenn nur eine klei-
ne Stückzahl des Produktes hergestellt wird. Hier sind die Einmalkosten des Projektes
niedrig zu halten. Bei Dienstleistungen oder Arbeitsabläufen können diese Überlegungen
genauso angewendet werden. Es gilt, das optimale Verhältnis zwischen den Einmalkos-
ten der Investition und den Wiederholkosten des Arbeitsaufwandes zu finden. Beispiele:
Lagerbewirtschaftung, Krankenpflege.
Die Break-even Analyse hilft auf anschauliche Art, diesen Zusammenhang aufzuzeigen
und die Auswirkungen zu erkennen, falls die geplante Stückzahl nicht am Markt abgesetzt
werden kann, siehe dazu Abb. 2.54.
184
2
Methodik
Variable Kosten 1
Kosten
Stückzahl
Variable Kosten 2
Break-even
Fixe Kosten 2
Fixe Kosten 1
N
Abb. 2.54 Break-even-Analyse
2.4.8
Ressourceneinsatzplan und Ressourcenabstimmung
Aus dem Ablauf- und Terminplan lässt sich in der klassischen Vorgehensweise die Res-
sourceneinsatzplanung ableiten. Eine Voraussetzung dafür ist die Abstimmung der benö-
tigten Ressourcen im Projekt mit den verfügbaren Ressourcen in der Linie. Versäumnisse
in der Ressourcenabstimmung sind in der Praxis häufig Ursachen für Probleme in an-
spruchsvollen Multiprojektumgebungen.
2.4.8.1
Ressourceneinsatzplanung im Projekt: Linie und Projektleiter als
Partner
Die Projektplanung wird durch den Projektleiter verantwortet. Mit der Ablaufplanung und
Terminierung plant er, was zu tun ist und wann es zu tun ist (Abb. 2.55). Zum Zeitpunkt
der Planung ist die Verfügbarkeit der Ressourcen noch nicht sichergestellt.
Liegt der Ablaufplan vor, ist der Ressourceneinsatz zu planen. Der Ressourceneinsatz-
plan eines Projektes enthält die Plandaten mindestens aller Engpassressourcen, die am
Projekt beteiligt sind. Der Projektleiter nimmt die Ressourceneinsatzplanung zusammen
mit den Führungskräften der Linie oder einem zugeordneten Ressourcen-Abstimmungs-
verantwortlichen wahr.
2.4
Phase Konzept
185
3
2
1
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
Anzahl Personen
A
B
C
E
D
F
G
V
Zeit
WO
Abb. 2.55 Ressourceneinsatzplan eines Projektes
2.4.8.2
Ressourcenabstimmung im Multiprojektmanagement
Für die Ressourcenplanung sind Projektleiter und Linienverantwortliche aufeinander an-
gewiesen. Der Projektleiter meldet seine Ressourcenbedürfnisse und Wünsche den Li-
nienverantwortlichen. Wenn die benötigten Ressourcen verfügbar sind, werden diese ihm
zugesagt und verbindlich reserviert. Voraussetzung für eine verbindliche Zusage durch die
Linienverantwortlichen ist, dass diese eine aktualisierte Ressourcen-Einsatzplanung über
alle Projekte durchführen (siehe Abschn. 2.7.1.6). Treten Ressourcenkonflikte auf, weil
mehrere Projekte gleichzeitig auf dieselbe Ressource zugreifen möchten, müssen Pro-
jektleiter und Ressourcenverantwortliche gemeinsam Lösungen finden und Abmachungen
treffen.
Günstig ist, wenn der Ressourcenverantwortliche (oft der Linienverantwortliche) sich
bewusst ist, dass er eine Dienstleistungsverantwortung in seinem Fachbereich zugunsten
der Projekte hat. Hilfreich ist aber auch, wenn der Projektleiter sich bewusst ist, dass er
nicht immer genau den Spezialisten zu dem Zeitpunkt haben kann, der ihm am liebsten
wäre, und dass er darum eine gewisse Flexibilität an den Tag legen muss. Dann sind die
Voraussetzungen günstig für partnerschaftliche Verhandlungen zwischen Projektleitern
und Ressourcenverantwortlichen. Abb. 2.56 zeigt den Ressourcenabgleich verschiedener
Projekte mit der Linie.
186
2
Methodik
!
Linien-Management, Ressourcen-Manager
Ressourcen-Abgleich
Projekt
A 21
Ressourcen-
Bedarf
Projekt
T 05
Ressourcen-
Bedarf
Projekt
D 17
Ressourcen-
Bedarf
Projekt
F 34
Ressourcen-
Bedarf
Einsatzplan: Markus Müller
Auslastung %
Zeit
150
100
50
0
2
4
6
8
10
12
14
Grundlast
A 21
D
17
F 34
T 05
Abb. 2.56 Multiprojektplanung
Abb. 2.57 zeigt die Auslastung eines Mitarbeiters durch Grundlast und mehrere Pro-
jekte über den Zeitverlauf.
Entspricht der resultierende Termin nicht den Vorgaben, ist es Aufgabe des Projektlei-
ters, Maßnahmen zu prüfen und Korrekturen vorzunehmen. Mögliche Optimierungsmaß-
nahmen für den Fall, dass das Planresultat einen zu späten Endtermin ergibt, sind:
Verschiebungen innerhalb der Pufferzeit;
vermehrte Parallelisierung (Zunächst auf dem kritischen Pfad nach derjenigen Tätigkeit
mit dem größten Weitergliederungs-Potenzial suchen. Meistens ist dies eine Tätigkeit
mit langer Dauer. Nun die Abhängigkeiten zu den Folgetätigkeiten überprüfen mit dem
Zweck, die abhängigen Vorgänge vorzuziehen, damit Folgetätigkeiten früher beginnen
können. Die untersuchte Tätigkeit ist dadurch in zwei oder mehrere Teile zu unterteilen
und die Tätigkeitsliste zu erweitern);
Einsatz zusätzlicher verfügbarer Ressourcen;
Festlegung von Projektprioritäten durch die Geschäftsleitung, wodurch einzelne Pro-
jekte zu Ungunsten von anderen bevorzugt werden;
Auslagerung (Outsourcing) von geeigneten Tätigkeiten bzw. Arbeitspaketen und
Unterscheidung zwischen Grundfunktionen und erst später in Updates zu realisieren-
den Optionen.
2.4
Phase Konzept
187
Zeit
Auslastung
100%
150%
0%
50%
1
2
3
4
5
6
7
8
9
13
14
12
10
11
Projekt F 34
Projekt T 05
Projekt A 21
Projekt D 17
Grundlast
Abb. 2.57 Auslastung eines Projektmitarbeiters
Falls sich die zeitliche Vorgabe oder der Aufwand als unrealistisch erweist, einige sich
der Projektleiter mit dem Auftraggeber.
2.4.9
Kostenplan
Mit der Kostenplanung werden alle im Projekt eingesetzten Mittel erfasst, welche einen
Kostenaufwand oder direkte Geldausgaben verursachen, wie z. B.:
sämtliche internen und externen Projektmitarbeiter inkl. Projektleiter
temporäre Benützung oder Miete von Spezialeinrichtungen wie Räume, Maschinen,
Instrumente, und ICT
externe Investitionen für Anschaffungen
übrige direkte Kosten wie Spesen, Gebühren und Versicherungen
Der zeitliche Anfall der Kosten hängt vom Einsatz der Ressourcen ab. Dabei werden
drei Arten unterschieden:
188
2
Methodik
Nr. Tägkeit
Dauer
FTE
Aufwand Tagessatz
Externe
Interne
Tage
Tage
€/Tag
Kosten €
Kosten €
3 Tägkeit A
30
0.50
15
1'200
18'000
4 Tägkeit B
5
1.40
7
1'500
10'500
5 Tägkeit D
10
1.00
10
1'200
12'000
6 Tägkeit E
15
1.40
21
1'500
31'500
Inveson
95'000
7 Tägkeit C
10
1.50
15
1'200
18'000
8 Tägkeit F
15
0.80
12
1'833
22'000
9 Tägkeit G
5
1.60
8
1'500
12'000
10 Vorbereitung MS
5
1.00
5
1'800
9'000
11 MS-Entscheid
0
Subtotal
117'000
111'000
FTE = Full Time Equivalent
Projektkosten Total
228'000
Abb. 2.58 Angaben für die Kostenplanung
Einsatz und Kostenanfall über die Tätigkeitsdauer gleichmäßig verteilt durch Verrech-
nung mit entsprechendem Kostensatz
Einsatz oder Kostenanfall am Anfang der Tätigkeit, beispielsweise als Vorinvestition
in später notwendige Anschaffungen
Einsatz oder Kostenanfall am Ende der Tätigkeit durch Fakturierung einer Leistung
oder Anschaffung nach Auslieferung
Eine Kostenplanung und Budgetierung im Projekt dient folgenden Zwecken:
Das Unternehmen als Kapitalgeber hat eine Grundlage für die Bereitstellung der finan-
ziellen Mittel und kann seine Liquidität planen
Der Auftraggeber hat eine Entscheidungsgrundlage bei Meilensteinentscheiden
Der Projektleiter verfügt über ein operatives Überwachungs- und Kontrollinstrument
Zur Ermittlung der Projektkosten werden die Kosten jeder einzelnen Tätigkeit, bzw. je-
des einzelnen Ressourcenpostens, berechnet und über die gesamte Projektdauer summiert,
siehe Abb. 2.58.
Überlagert man die budgetierten Daten aus der Ressourcen- und Kostenplanung mit
der Terminplanung, entsteht die Kostenkurve. Sie stellt den Verlauf der kumulierten Ge-
samtkosten des Projektes über die Projektlaufzeit dar.
Die in Abb. 2.59 dargestellte Kostenkurve ist ein zweckmäßiges Instrument zur Ab-
schätzung von:
Periodenkosten bei der Freigabe der einzelnen Projektphasen
Budgetbeträgen für die individuellen Geschäftsjahre zur Bereitstellung der Mittel
Liquidität bei den erforderlichen Investitionen
Sie ist Basis für einen Plan/Ist-Kostenvergleich.
2.4
Phase Konzept
189
1'000 € (pro Woche)
1'000 € (kumulativ)
Zeit
100
20
60
80
0
40
90
10
50
70
30
1
2
3
4
5
6
7
8
9
13
12
10
11
150
50
100
250
200
0
Interne Kosten
Externe Kosten
Gesamtkosten (kumulativ)
Abb. 2.59 Kostenkurve
2.4.10
Information, Kommunikation und Dokumentation
Information und Kommunikation finden in Projekten immer in irgendeiner Form statt.
Die Frage ist dabei: „läuft“ sie zufällig, oder wird sie bewusst gestaltet? Im ersten Fall
wird ein hohes Risiko eingegangen: Projektbeteiligte sind nicht oder nicht zeitgerecht mit
den nötigen Informationen versorgt. Dokumente werden nicht abgelegt oder gefunden.
Anspruchsgruppen fühlen sich nicht einbezogen und leisten Widerstand. Gerüchte breiten
sich aus.
Oft werden Information und Kommunikation in Projekten als notwendiges Übel ange-
sehen oder schlicht vergessen, denn zu sehr ist die Projektleitung oder das Projektteam mit
den inhaltlichen Fragestellungen beschäftigt. Die Projektleitung sollte sich jedoch bewusst
sein, dass gute Information und Kommunikation wesentliche Faktoren zum Projekterfolg
sind und einen Erfolgsfaktor im Stakeholder Management darstellen (Abschn. 2.3.5). In
agilen Projekten erfolgt über das Daily Standup Meeting (siehe Abschn. 2.5.3) täglich ein
strukturierter Informationsaustausch.
190
2
Methodik
Information und Kommunikation werden nach innen und nach außen adressiert.
Nach innen zum Kreis der Projektbeteiligten: ein zielorientiertes Handeln erfordert
für die Projektbeteiligten ein hohes Maß an Transparenz und umfassender Information.
Die Fakten und Dokumente wie Pflichtenhefte, Terminpläne, Verträge müssen für alle
Teammitglieder zugänglich sein.
Nach außen zu Kunden, Nutzern, Interessengruppen und der Öffentlichkeit: wäh-
rend des Projektes gilt es vor allem, Vertrauen aufzubauen, Akzeptanz und Unter-
stützung zu erhalten. Gerüchte werden durch Fakten ersetzt und damit die negativen
Einflüsse auf das Projekt reduziert.
Nach dem Projektabschluss in der Nutzungsphase müssen Projektdokumentationen zur
Sicherstellung des Betriebes zur Verfügung stehen.
Information und Kommunikation werden im Projekt und in der Linie unterschiedlich
gehandhabt. In der Linienhierarchie wird über vordefinierte Berichtswege kommuniziert.
In Projekten mit eher kleinen Teams, eignen sich direkte, möglichst kurze Informati-
onswege besser. Sie erlauben eine flexible und rasche Entscheidungsfindung sowie eine
bessere Koordination.
2.4.10.1
Grundsätze der Information und Kommunikation
Projekte bringen Veränderungen, Ängste, Phantasien, Frust. Diese können über eine of-
fene Kommunikation „verarbeitet“ werden. Üblicherweise wird zu wenig oder zu spät
informiert. Gerade in heiklen Projekten merken die potenziellen Betroffenen sehr bald,
dass „etwas läuft“. So entstehen dann oft Gerüchte, die verunsichern, diffuse Befürchtun-
gen aufkommen lassen und dem Projekt sehr schaden können. Daher empfiehlt es sich in
den meisten Fällen, frühzeitig zu informieren. Natürlich kann dann noch nichts über Re-
sultate ausgesagt werden. Aber es kann informiert werden, was läuft, wer dran ist, was der
Projektgegenstand, die Vision oder das Ziel ist, und wann ein erstes Ergebnis zu erwarten
ist.
Man kann auch über Prozesse, nicht nur über Inhalte und Lösungen informieren. Ter-
minverzögerungen und Schwierigkeiten können nach außen transparent gemacht werden.
Das fördert jedenfalls mehr das Vertrauen, als wenn immer nur in den positivsten Tönen
oder gar nicht informiert wird.
Falsch aufbereitete Information kann mehr schaden als nützen. Empfänger haben meis-
tens andere Interessenschwerpunkte, Fragen, Verständnisse oder „Brillen“ als die Projekt-
beteiligten. Diese geben sich meistens kaum Mühe, sich in die Lage der Kunden, Benutzer
oder Betroffenen zu versetzen. Nicht von ungefähr engagieren große Projekte oft Kommu-
nikationsbeauftragte, die eine gewisse Außensicht haben und die Sprache und Interessen
der Empfänger besser erkennen können.
2.4
Phase Konzept
191
2.4.10.2
Umfang eines Informations- und Kommunikationssystems
Das ganze System der Projektinformation und -kommunikation kann wie folgt gegliedert
werden:
Mündliche Kommunikation in Gesprächen, Sitzungen, Problembearbeitungen und
inhaltlicher Zusammenarbeit an Workshops
Berichtswesen: Protokolle, Fortschrittsberichte, Änderungen usw.
Projekt-Dokumentation: Projekthandbuch, projektbezogene Ablagen, inhaltliche Do-
kumente wie Konzepte oder Anleitungen
Projektmarketing zur Schaffung von Vertrauen und Akzeptanz durch Informations-
veranstaltungen, firmeninterne Plakate, Referate, Lobbying usw.
Collaboration-Tools, um Pläne, Dokumente, Backlogs usw. gemeinsam zu bearbeiten
und sich auszutauschen.
In einem Projekt müssen nicht alle Komponenten gleichwertig zum Tragen kommen.
So kann in einem Forschungsprojekt das Tagebuch für fortlaufende Datenaufnahmen
wichtig sein, während kaum Marketing betrieben werden muss. In einem Change-Projekt
hingegen sind die mündliche Kommunikation sowie das Marketing wichtig.
Da das Kommunikationskonzept bei jedem Projekt praktisch immer wieder neu erfun-
den werden muss, lohnt es sich bei Standardprojekten, in Projektmanagementrichtlinien
die entsprechenden Berichtswege, Checklisten, Dokumentationsprinzipien zu standardi-
sieren und entsprechende Vorlagen zur Verfügung zu stellen.
Die Gesamtheit der Information und Kommunikation kann in einer Kommunikations-
matrix dargestellt werden, wie in Tab. 2.37 aufgezeigt.
Tab. 2.37 Kommunikationsmatrix
Charakteristik
Informationsart
Verantwortlicher
Berichterstatter
Verteiler/Teilnehmer
Termin/Frequenz
Mündliche Informationen
Projektstand
(Präsentation)
Product Owner/
Projektleiter
Stakeholder
Nach Bedarf
Projektausschuss-Sit-
zung/Sprint Review
Team/Projektleiter
Projektausschuss,
interne Stakeholder
Nach Bedarf/bei
Sprintende
Projektbesprechung/
Daily Standup Meeting
Scrum Master/
Projektleiter
Projektteam
Wöchentlich/Täglich
Schriftliche Informationen
Projektstatusbericht
Projektleiter/Product
Owner
Projektausschuss,
Portfoliomanagement,
interne Stakeholder
Monatlich/
Quartalsweise
Phasenabschlussbericht/
Projektabschlussbericht
Projektleiter/Product
Owner
Projektausschuss
Nach Bedarf
192
2
Methodik
Zur Erstellung der Kommunikationsmatrix können die so genannten „W-Fragen“ hilf-
reich sein:
Wer ist der Absender? Wer informiert? Oft kann es einen beträchtlichen Unterschied
machen, ob die Projektleitung oder der CEO informiert!
Wen braucht es für das Projekt? Wer sind die Empfänger?
Was ist der Gegenstand der Information? Welches Ziel wird damit verfolgt? Welches
ist die Botschaft?
Wann und in welcher Periodizität wird informiert? Wird die Information angekündigt?
Wie wird informiert, in welcher Form, mit welchen Medien? z. B. Papier, Mail, An-
schlagbrett, Scrum Board, Hauszeitung usw. Mit welcher Methode wird informiert?
Wie soll Feedback eingeholt werden?
Wo und in welchem Rahmen soll die Information vermittelt, die Auseinandersetzung
geführt werden?
Wie weit soll die Information zugänglich sein und als Arbeitsplattform der räumlich
getrennten Projektmitarbeiter dienen, z. B. Homepage, Intranet?
2.4.11
Qualitätsmanagement
Mit dem Qualitätsmanagement wird im Projektverlauf sichergestellt, dass die erstellten
Ergebnisse der geforderten Qualität entsprechen. Dazu ist im Projekt ein entsprechender
Prozess zu etablieren. Bei allen Projektmitarbeitern ist zudem ein Verständnis für Qualität
zu schaffen.
Qualität ist relativ und abhängig von den Anforderungen des Auftraggebers, bezie-
hungsweise des Kunden. Die Ansprüche an das zu erreichende Qualitätsniveau können
sehr stark variieren. Es geht im Projekt nicht darum, ein möglichst hohes Qualitätsniveau
zu erreichen, sondern das geforderte Niveau. Aus den Anforderungen lassen sich für das
Projekt die Qualitätsziele ableiten und festlegen.
In der Qualitätssicherung wird oft zwischen Prüfen und Testen unterschieden:
Prüfen: Dokumente und die Einhaltung vereinbarter Prozesse und Aufgaben inhaltlich
und formell überprüfen.
Testen: Die Erfüllung der Anforderungen und die Anwendbarkeit der Prozesse am
entwickelten Produkt, System oder an der Anlage überprüfen.
Prüfen
Zur Prüfung eignen sich Verfahren wie Vernehmlassungen, Audits oder Reviews. Das
heißt die Überprüfung findet durch betroffene Stakeholder oder Experten statt. Ziel ist es
zu überprüfen, ob die geforderte Qualität erreicht wurde oder ob ein Konzept oder eine
Architekturskizze dazu dient, die gesetzten Projektziele zu erreichen. Gefundene Mängel
oder Missstände werden in einer Befundliste oder in einem Prüfprotokoll festgehalten und
2.4
Phase Konzept
193
dem Projektteam zur weiteren Bearbeitung zurückgegeben. Vielfach gibt der Prüfer zum
Befund auch eine Empfehlung ab, wie der Befund am besten zu beheben ist.
Testen
Vor dem Testen empfiehlt es sich, ein Testkonzept zu erarbeiten. In einem Testkonzept
werden die Testobjekte, Testmethoden und die Testinfrastruktur beschrieben. Es empfiehlt
sich auch, Testziele und die Testorganisation festzuhalten.
Als Ergänzung zum Testkonzept werden in der Praxis Testfälle und ein Testplan er-
arbeitet: Wer testet wann was? Die Testfälle können mittels Office Anwendungen oder
in einer umfassenden Testsuite (Software) aufgebaut werden. Der Einsatz einer Testsuite
hat den Vorteil, dass die gefundenen Fehler erfasst werden können und diese bis zur voll-
ständigen Behebung und zu neuerlichem Test getrackt werden. Mit einer Testsuite können
auch Auswertungen zum Testfortschritt und Testerfolg gemacht werden.
Mit dem Durchführen der Tests wird die Erfüllung der gestellten Anforderungen über-
prüft. Gefundene Fehler werden erfasst. Zum Abschluss einer Testsequenz wird ein Test-
protokoll erstellt.
Qualitätsmanagementplan
Qualitätsplanung heißt, all jene Prüf- und Test-Maßnahmen festzulegen, die aufgrund der
Vorschriften, der guten Praxis und der Qualitätsanforderungen des Unternehmens not-
wendig sind, um die Qualitätsziele des Projektes oder des Produktes sicherzustellen. Im
Qualitätsplan werden alle festgelegten und wirtschaftlich vertretbaren Maßnahmen auf-
gelistet, bis wann sie durchgeführt werden und wer dafür verantwortlich ist. In großen
Projekten werden diese Maßnahmen in einem eigenständigen Qualitätsplan festgehalten.
In kleinen Projekten kann diese Information in ein anderes Planungsdokument integriert
werden, z. B. in den Ablauf- und Terminplan.
Beispiele für Maßnahmen im Qualitätsplan
Prüfung von Dokumenten
Test des fertigen Produktes, Zwischenprüfungen
Erprobung in der Betriebsumgebung beim Kunden, Qualifikationstest, Konformitäts-
test, Homologierung, klinische Tests, Zulassungsprüfungen
Design Reviews, Design-Verifizierung, Design-Validierung
Value Engineering, Wertanalyse, Zuverlässigkeitsanalyse
Spezialprüfungen: Integrationstest, Sicherheitsprüfungen
Vorbehandlungen (Dauertest, Burn-In usw.)
Umwelttests, Klimatest, Schütteltest, Fall-Test
Korrosionsprüfung, chemische Rückstände, Brennbarkeit
elektromagnetische Verträglichkeit, Störstrahlung
Prototyp, Nullserie
194
2
Methodik
Aus Aufwandgründen dürfen nur diejenigen Maßnahmen festgelegt und durchgeführt
werden, die von der Sache her notwendig und wirtschaftlich vertretbar sind, deren Wirk-
samkeit erwiesen ist oder die vom Kunden verlangt und honoriert werden.
2.4.12
Checkliste Abschluss Konzeptphase
Agile und klassische Vorgehensweise:
Bestehen Änderungen gegenüber der Initialisierung bezüglich Zielsetzung, Sys-
temgrenzen und -gestaltung? Sind diese berechtigt? Welche Auswirkungen
ergeben sich daraus?
Wie wurden die gewünschten Änderungen im Projektplan berücksichtigt?
Sind die Schätzungen zu Mengen, Häufigkeiten und Terminen so konkret, dass
sie umgesetzt werden können?
Wurde die Bewertung der Risiken mit den Erkenntnissen der Konzeptphase
überprüft? Wurden die notwendigen Maßnahmen festgelegt und die Aktionen
vorbereitet?
Ist die Wirtschaftlichkeit des Projektes zum heutigen Zeitpunkt noch erwiesen?
Wie zeigt sich die Gesamtwirtschaftlichkeit des Projektes?
Ist das Vorgehen der Realisierungsphase mit allen Beteiligten abgestimmt?
Sind Handlungskompetenzen und Verantwortlichkeiten den Erfordernissen ent-
sprechend geregelt?
Wie werden die Richtlinien für Projektcontrolling und -Reporting eingehalten?
Sind die Planungsunterlagen vollständig, oder ist mindestens die Vervollständi-
gung konkret geplant?
Gibt es ein Konzept, wer wen wie über das Projekt informiert?
Besteht eine Vorstellung darüber, in welcher Form das Projekt dokumentiert wer-
den soll?
Steht fest, wer die künftige Lösung pflegen wird? Kennen die Zuständigen den
Zeitpunkt, wann sie die Verantwortung für das Ergebnis des Projektes überneh-
men werden?
Spezifische Punkte der klassischen Vorgehensweise
Wurden Lösungsvarianten entwickelt und bewertet?
Sind alle möglichen Lösungsansätze identifiziert?
Sind die Vor- und Nachteile der Varianten und deren Risiken klar ersichtlich?
Wurde eine Variante mit ausführungsreifen Plänen ausgewählt?
2.5
Phase Realisierung
195
Wurde die gewählte Lösung mit den notwendigen Lösungskonzepten im Detail
ausgearbeitet?
Wurden Aufwand, Ressourcen und Termine vollständig und realistisch im Detail
geplant? Wurde ein Plausibilitätstest durchgeführt?
Sind die finanziellen Mittel und die Liquidität über die ganze Dauer des Projektes
gesichert?
Ist die Verfügbarkeit der benötigten finanziellen und personellen Mittel zugesi-
chert?
Ist das notwendige Know-how verfügbar? Sind die entsprechenden Ressourcen
zugesichert?
Spezifische Punkte der agilen Vorgehensweise
Wurden das Produktkonzept geklärt und die Vision definiert?
Wurde eine erste Version des Product Backlogs ausgearbeitet?
Sind die Einträge im Product Backlog priorisiert und geschätzt?
Wurde der Releaseplan definiert?
Sind die Einträge priorisiert?
2.5
Phase Realisierung
In der klassischen Vorgehensweise werden in der Realisierungsphase die Pläne aus der
Konzeptphase verwirklicht. Eine umfassende laufende Überprüfung und Steuerung
hilft, das Projekt auf Kurs zu halten und das gewünschte Ziel zu erreichen.
In der agilen Vorgehensweise entfällt das externe Überwachen der Pläne. Durch die
Selbstorganisation der Teams erfolgt die Steuerung innerhalb des Teams. Die Detailkon-
zeption wird für jeden Sprint gemacht und direkt umgesetzt. Dies ermöglicht es, flexibel
auf geänderte Wünsche oder Rahmenbedingungen einzugehen.
2.5.1
Worauf kommt es in der Phase Realisierung an?
Schritte dieser Phase
Tab. 2.38 zeigt die wichtigsten Schritte in der agilen und klassischen Vorgehensweise für
die Realisierungsphase.
196
2
Methodik
Tab. 2.38 Schritte der Phase Realisierung
Agile Vorgehensweise
Klassische Vorgehensweise
Wichtigste Schritte
– Lösung konkretisieren und iterativ
realisieren
– Laufende Realisierung von Ver-
besserungen am Produkt und in
der Zusammenarbeit des Teams
– Ausbildung der künftigen Benut-
zer planen
– Projektmarketing betreiben, d. h.
Beteiligte und externe Stellen
(z. B. Kunden) informieren
– Sachmittel, personelle und finan-
zielle Mittel bereitstellen
– Lösung herstellen und testen
– Ausbildung der künftigen Benut-
zer planen
– Projektablauf steuern
– Plan/Ist-Vergleiche durchführen
(finanzielle Führung, Controlling)
– Abweichungen kommunizieren
– Projektmarketing betreiben, d. h.
Beteiligte und externe Stellen
(z. B. Kunden) informieren
Worauf ist in der
Realisierungsphase
besonders zu
achten?
– Fokus auf die zu realisierende Lösung aufrecht halten. Verzettelungen
vermeiden.
– In der agilen Vorgehensweise sind das dauernde Lernen und das sich
Verbessern institutionalisiert. Erfolgreiche Projektleiter wenden die
Prinzipien der laufenden Verbesserungen auch in der klassischen Vor-
gehensweise konsequent an.
Ergebnisse der Realisierungsphase
In der Realisierungsphase sind die Ergebnisse gemäß Tab. 2.39 von Bedeutung.
Mensch und Team
In der Realisierungsphase kann sich die Zusammensetzung des Teams nochmals verän-
dern, womit alle in der Konzeptphase aufgeführten Aspekte wieder relevant sein können
(Abschn. 2.4.1). Zudem ist bereits die Einführung zu planen.
Folgende Maßnahmen und Kompetenzen sind wichtig:
Dynamik in Teams (Abschn. 4.2): Häufig treten in dieser Phase Konflikte und Wi-
derstände im Team auf. Das Team kann aus einem „Performing“ zurückfallen in ein
„Storming“. Die Arbeit am System (Abschn. 1.5.2) sowie das Konfliktmanagement
(Abschn. 4.4) bleiben wichtige Aspekte für die Projektverantwortlichen.
Projektteams sind darauf angewiesen, ihre Vorgehensweisen dauernd anzupassen und
schnell zu lernen. Dafür ist es essentiell, konstruktives Feedback geben zu können
(Abschn. 3.9.7.3) sowie die Fragetechniken zu beherrschen (Abschn. 3.9.8)
Konstruktives Feedback steht wiederum auf dem Fundament einer Kommunikations-
kultur, die basiert auf einem Menschenbild des „Nicht-trivialen Systems“ (Abschn.
1.6.2), der Selektiven Wahrnehmung (Abschn. 3.3.5) und damit auch der Unterschei-
dung von Wertung und Wirkung.
Erfolgsfaktoren der Zusammenarbeit (Abschn. 4.1.14.1): Projektteams, die in ihren
Teamrollen ausgeglichen sind, sind leistungsfähiger als diejenigen mit dem höchsten
2.5
Phase Realisierung
197
Tab. 2.39 Ergebnisse der Realisierungsphase
Agile Vorgehensweise
Klassische Vorgehensweise
Grundsatz
Die Lösung bzw. das System werden gebaut und getestet. Damit das Projekt
abgeschlossen werden kann, müssen am Schluss der Realisierungsphase die
folgenden Ziele erreicht sein:
– Das System, das Produkt, die Dienstleistung ist beschafft bzw. erstellt
– Die Lösung ist getestet und abgenommen
– Die Ergebnisse werden genutzt, sobald die Benutzer dazu befähigt sind
Prozess-
orientierte
Ergebnisse
Die iterative Entwicklung richtet
sich nach den aktuellen Prioritäten.
Die zu realisierende Lösung wird
laufend den neuesten Bedürfnissen
angepasst.
– Aktuelles Product Backlog
– Sprint Planungen
– Angebote, Verträge,
Abrechnungen
– Phasen-/Review-Bericht
Die Projektleitung stellt das Con-
trolling in den Vordergrund: Sie
kommuniziert den Projektstand im Ver-
gleich zur Planung sowie die geplanten
Änderungen (siehe Abschn. 2.5.8). Da
es in dieser Phase oft viele Projekt-
beteiligte gibt, ist eine systematische
Information und Kommunikation unum-
gänglich (siehe Abschn. 2.4.10).
– Projektfortschrittsberichte
– Realisierungspläne Änderungsdoku-
mente
– Angebote, Verträge, Abrechnungen
– Qualitätsbeurteilung
– Phasen-/Review-Bericht
Inhaltsorientierte
Ergebnisse
– Implementierte Teillösungen
(Inkremente)
– Ergebnisse aus dem Sprint
Review
– Realisierte Ergebnisse
– Testberichte
– Dokumente für die Einführung und
Instruktion im Einführungskonzept
zusammengefasst
Intellekt. Es braucht eine Balance zwischen den Teamrollen. Damit sich diese Balan-
ce in höhere Leistungsfähigkeit umwandeln kann, sind hohe Kompetenzen gefragt in
Bezug auf die persönliche Kommunikation (Abschn. 3.9), das Konfliktmanagement
(Abschn. 4.4) oder die Verhandlungsführung (Abschn. 4.3)
Jedes Projekt bewirkt kleinere oder größere Veränderungen. Projektverantwortliche
sind immer auch „Change-Agents“. Veränderungen wiederum bewirken Widerstand.
Der Planung der Einführung und damit dem Umgang mit Veränderung und Widerstand
(Abschn. 4.5) ist nun Beachtung zu schenken.
2.5.2
Sprintplanung/Sprint Backlog
Die Umsetzung im agilen Verfahren nach Scrum findet in Iterationen statt. Diese Itera-
tionen werden Sprints genannt. Je nach Projektart liegt die Dauer eines Sprints zwischen
zwei Wochen und zwei Monaten. In der Praxis dauern die Sprints am häufigsten drei
198
2
Methodik
oder vier Wochen. Ein Sprint sollte so geplant werden, dass die Resultate entspannt und
fokussiert erreicht werden können. Das Team soll nach der Durchführung eines Sprints
immer noch frisch genug sein, um im Anschluss den Folgesprint entspannt und fokussiert
angehen zu können.
Damit die Sprintplanung effizient und ohne Reibungsverluste durchgeführt werden
kann, muss das Planungsmeeting vorbereitet werden:
Identifikation und Definition des Sprint-Ziels durch den Product Owner. Das Sprint-
Ziel soll realistisch und prägnant sein und aufzeigen, was das im Sprint zu erreichende
Ergebnis ist.
Auswahl und Aufbereitung der Anforderungen (User Stories) aus dem Product
Backlog durch den Product Owner. Die Auswahl soll sich nach der Priorisierung und
dem Releaseplan richten und dem Entwicklungsteam genügende Auswahlmöglichkei-
ten bieten. Die Anforderungen sollten auch so detailliert definiert sein, dass mehrere
davon in einem Sprint umgesetzt werden können.
Wenn möglich sollte die Umsetzung der Anforderungen geschätzt sein.
Die Anforderungen sollten durch den Product Owner priorisiert sein.
Das Entwicklungsteam identifiziert die im Sprint zur Verfügung stehende Teamkapa-
zität.
Aus dem Product Backlog wird während der Sprintplanungssitzung der Sprint Back-
log erstellt. An der Sprint Planungssitzung nehmen der Product Owner, das Team und
der Scrum Master teil. Der Product Owner erklärt dem Team, was das Sprint-Ziel ist und
welche Anforderungen (User Stories) aus dem Product Backlog im nächsten Sprint um-
gesetzt werden sollen. Zu der Zielsetzung und den ausgewählten Anforderungen wird ein
gemeinsames Verständnis etabliert. Je nach Verlauf der Diskussion müssen Sprint-Ziel
und die Auswahl der Anforderungen angepasst werden, so dass ein gemeinsam getrage-
nes Verständnis entsteht. In einem nächsten Schritt identifiziert das Team die notwendigen
Aufgaben/Aktivitäten, die es braucht, um die gewünschten Anforderungen umzusetzen.
Jede Aufgabe/Aktivität wird durch das Team geschätzt, oder die vorhandene Schätzung
wird validiert. Dabei können unterschiedliche Schätzvorgehen zur Anwendung kommen.
Häufig werden mittels dem Planning Poker Story Points geschätzt (siehe Abschn. 2.4.6.2).
Das Team überprüft die geschätzten Aufwände mit der verfügbaren Teamkapazität. Das
Team entscheidet schließlich, welche Anforderungen (Einträge aus dem Product Backlog)
im nächsten Sprint umgesetzt werden. Dadurch gibt das Team auch ein Committment ab,
was im Sprint umgesetzt wird. Zum Abschluss der Sprint Planung bildet das Team den
Sprint Backlog. Der Scrum Master moderiert den Prozess und unterstützt den Product
Owner und das Team im Prozess und in der Entscheidungsfindung.
Am Ende eines Sprints liegt ein realisiertes Inkrement vor. Das Inkrement hat die
Eigenschaft eines lauffähigen Produktes, unabhängig davon, ob es als Release an den An-
wender ausgeliefert wird oder nicht. Das heißt am Ende des Sprints müssen die im Sprint
Backlog aufgenommenen Anforderungen umgesetzt, lauffähig und vorführbar sein. Da-
durch wird sichergestellt, dass mit jedem Sprint ein Mehrwert geschaffen wird. In den
2.5
Phase Realisierung
199
Abb. 2.60 Praxisbeispiel BLS: Sprint Backlogs
ersten Sprints eines neuen Projektes können auch Konzepte, Architekturen oder funk-
tionierende Arbeitsumgebungen als Inkremente geschaffen werden. Spätestens ab dem
dritten oder vierten Sprint sollen jedoch funktionierende Teilergebnisse des zu realisie-
renden Produktes geschaffen werden.
Die Sprint Planung dauert 1–2 h und findet 1–3 Tage vor dem Start des Sprints statt.
Der Sprint Backlog (siehe Abb. 2.60) ist die Liste der Anforderungen, welche im
Verlaufe des nächsten Sprints umgesetzt wird. Er stellt das konkrete und überprüfbare
Ergebnis dar und dient zur Erreichung des definierten Sprint Ziels.
Der Sprint Backlog kann in einem Tool geführt werden. Am besten eignen sich dazu
Karten an einer Stellwand, am sogenannten Kanban Board. Dazu wird für jede Aufgabe
eine Karte erstellt. Das Kanban Board enthält beispielsweise folgende fünf Bereiche:
Aufgabe (To do)
In Bearbeitung (In Progress)
Entwickelt (Developed)
Prüfung (Review)
Erledigt (Done)
200
2
Methodik
Das Kanban Board kann durch weitere Bereiche ergänzt werden: Ideen, Backlog, Spe-
zifikation, Integration, Auslieferung usw. Dadurch wird Transparenz geschaffen, der Fluss
der Arbeit wird als Prozess visualisiert. Das steigert beim Team das Verantwortungsbe-
wusstsein. Abb. 2.61 zeigt ein Kanban Board, welches in einem Tool geführt wird.
2.5.3
Sprintdurchführung/Daily Standup Meeting
Ist der Sprint geplant und sind die Sprint Backlogs erstellt, beginnt der Sprint. Die Länge
des Sprints wurde während der Release-Planung mit einer fixierten Zeitdauer festgelegt.
Während des Sprints setzt das Team die im Sprint Backlog definierten Anforderungen
um. Ergeben sich während des Sprints neue Wünsche oder Änderungen, so werden diese
im Product Backlog aufgenommen. Der Sprint Backlog wird während der Sprintdurch-
führung weder verändert noch angepasst. Dadurch wird sichergestellt, dass das Team
während einer fixen Dauer an definierten Themen arbeitet. Dies steigert die Effizienz, und
das Team wird nicht durch neue Bedürfnisse oder Änderungen abgelenkt.
Die Verantwortung für die Durchführung des Sprints liegt beim Team. Das Team ar-
beitet selbstorganisiert und hält sich an die definierten Vereinbarungen der agilen Vorge-
hensweise.
Täglich findet das Daily Standup Meeting statt. An diesem Meeting nehmen der Pro-
duct Owner, das Team und bei Bedarf der Scrum Master teil. Dieses Meeting ist keine
Sitzung, in der man sitzt, sondern ein Stehmeeting, am besten direkt beim Kanban Board
mit dem Sprint Backlog. Das Daily Standup Meeting soll von kurzer Dauer (max. 15 min)
sein. Dabei werden durch jeden Teilnehmer folgende drei Fragen beantwortet:
Was habe ich seit dem letzten Daily Standup Meeting erledigt und erreicht?
Was werde ich bis zum nächsten Daily Standup Meeting erledigen?
Auf welche Probleme oder Unklarheiten bin ich gestoßen?
Der Sprint Backlog am Kanban Board kann gleich während des Standup Meetings
aktualisiert werden.
Am Daily Standup Meeting sollen keine Probleme ausdiskutiert oder Lösungen ge-
funden werden. Es ist ein reines Status- und Planungsmeeting. Dabei wird eine hohe
Transparenz erreicht. Es ist für jeden Teilnehmer klar, wer an was arbeitet und wer was er-
reicht hat. Diese Transparenz motiviert auch jedes einzelne Teammitglied, jeden Tag einen
Schritt weiter zu kommen und etwas zu realisieren. Dadurch wird auch ein klarer Fokus
auf das Sprint-Ziel gelegt. Probleme sollen im kleinen Kreis gelöst werden. Der Product
Owner steht als Fachvertreter für die Beantwortung von Fragen des Entwicklungsteams
zur Verfügung.
Weiter sollte am Daily Standup Meeting auch der Sprint-Fortschritt mittels eines Sprint
Burndown Charts überprüft werden. Der Sprint Burndown Bericht betrachtet, wie sich
die Aufwände im Sprint Backlog von Tag zu Tag entwickeln, wie Abb. 2.62 zeigt.
2.5
Phase Realisierung
201
Abb. 2.61 Praxisbeispiel BLS: Scrum Board (Kanban Board)
202
2
Methodik
Abb. 2.62 Praxisbeispiel BLS: Sprint Burndown Charts
2.5
Phase Realisierung
203
Die y-Achse zeigt die kumulative Anzahl der im Spring Backlog enthaltenen Aufwän-
de. Die x-Achse stellt die Anzahl Arbeitstage dar. Der ideale Burndown (linearer Strich
von links oben nach rechts unten) zeigt, welche Aufwände von Tag zu Tag erbracht wer-
den müssen, um das Sprint-Ziel zu erreichen. Der reale Burndown wird am Anfang der
idealen Linie hinterherhinken, sollte sich jedoch im Verlaufe des Sprints der idealen Linie
annähern.
Der Product Backlog ist eine dynamische Liste, welche laufend den neuesten Erkennt-
nissen und Bedürfnissen angepasst wird. Werden Details zu Einträgen hinzugefügt, Schät-
zungen erstellt, oder die Reihenfolge der Einträge im Product Backlog bestimmt, wird das
als Verfeinerung des Product Backlogs – oft auch als Refinement oder Grooming – be-
zeichnet. Die Verfeinerung ist ein kontinuierlicher Prozess, an dem der Product Owner
und das Entwicklungsteam gemeinsam die Product Backlog-Einträge detaillieren. Bei der
Verfeinerung des Product Backlogs werden die Einträge begutachtet und revidiert. Das
Scrum Team bestimmt, wann und wie diese Verfeinerungsarbeit erfolgt. Der Product Ow-
ner kann jedoch jederzeit die Einträge im Product Backlog aktualisieren oder aktualisieren
lassen.
2.5.4
Sprint Review
Am Schluss eines Sprints findet das Sprint Review statt. Am Sprint Review zeigt das
Team, was es im zurückliegenden Sprint realisiert hat. Das Team macht eine Vorführung
und Demonstration des realisierten Inkrements. Während des Sprint Reviews wird
zusammen mit dem Product Owner geklärt, inwiefern das Sprint-Ziel und die im Sprint
Backlog definierten Anforderungen erreicht wurden. Dem Product Owner obliegt es zu
entscheiden, ob eine Anforderung erfüllt ist oder nicht. Nur Anforderungen, welche zu
100 % umgesetzt wurden, gelten als erfüllt. Wurde eine Anforderung nur zu 80 oder 90 %
umgesetzt, so gilt sie als nicht erfüllt und wird als Restanz in die nächste Sprint Planung
mitgenommen. Bezüglich der Umsetzung einer Anforderung gilt das Prinzip „alles oder
nichts“.
Neben dem Team, dem Product Owner und dem Scrum Master können am Sprint Re-
view auch weitere Stakeholder wie Auftraggeber, Vertreter aus Marketing oder Kunden
teilnehmen.
Ein Sprint Review dauert eine bis zwei Stunden.
2.5.5
Retrospektive
Zwischen dem Sprint Review und der Planung des nächsten Sprints findet eine Retrospek-
tive statt. Das Ziel der Retrospektive ist es, dass der Product Owner, das Team und der
Scrum Master gemeinsam eine Rückschau (Reflexion) auf den letzten Sprint durchführen
und Verbesserungsvorschläge evaluieren. Bewährt hat sich dafür folgendes Vorgehen:
204
2
Methodik
Die Teilnehmer machen sich Gedanken zu folgenden Themen und schreiben für jeden
Beitrag ein Kärtchen oder Post-it:
– Was ist gut gelaufen?
– Was ist schlecht gelaufen?
– Was könnte verbessert werden?
Die Teilnehmer hängen ihre Beiträge an eine Pinnwand, gruppiert zu den drei Frage-
stellungen.
Alle Teilnehmer betrachten die Beiträge und lassen diese auf sich wirken.
Jeder Teilnehmer kann seine Beiträge kommentieren und ergänzen.
In der Gruppe wird die Diskussion zur Fragestellung „Was könnte verbessert werden?“
geführt. Verbesserungsmaßnahmen werden gemeinsam in der Gruppe festgelegt und
entschieden.
Die Retrospektive wird durch den Scrum Master moderiert und geführt. Er achtet auf
konstruktive und sachliche Beiträge. Beiträge, welche andere Gruppenmitglieder persön-
lich angreifen, sind zu vermeiden.
Durch das Sprint Review und die Retrospektive werden das kontinuierliche Lernen
und Verbessern fest im Prozess verankert. Durch die beiden Besprechungen wird Wis-
sen generiert, der kontinuierliche Verbesserungsprozess wird angeregt. In vielen Fällen
erfolgt dadurch auch eine stetige Steigerung der Entwicklungsgeschwindigkeit (Veloci-
ty). Dadurch können während der fixen Sprintdauer von Sprint zu Sprint immer mehr
Anforderungen und Themen umgesetzt werden. Dieser Verbesserungsprozess wird in der
schlanken Produktentwicklung auch Kaizen genannt.
2.5.6
Projektcontrolling
Übersicht
Projektcontrolling ist in der klassischen Vorgehensweise als eigenständiger Begriff anzu-
sehen und beschreibt die Prozesse und Regeln, die innerhalb des Projektmanagements zur
Sicherung des Erreichens der Projektziele beitragen. Projektcontrolling im übergeordne-
ten Sinn ist ein Zyklus in drei Etappen, wie in Tab. 2.40 beschrieben.
Elementare Basis für ein erfolgreiches Projektcontrolling sind das korrekte Festle-
gen verbindlicher Ziele sowie eine belastbare Planung. Im Projektcontrolling im engeren
Sinne werden aus dem Abgleich zwischen Soll- und Ist-Zustand Korrekturmaßnahmen
abgeleitet. Diese können zu angepassten Plänen oder zu geänderten Zielen – einem neuen
Soll-Zustand – führen. Die Projektleitung läuft in Zyklen ab: Bei guter Ausführung ist
sie auf das Ziel ausgerichtet, ansonsten dreht sich das Projekt im Kreis, wie in Abb. 2.63
gezeigt.
2.5
Phase Realisierung
205
Tab. 2.40 Projektcontrolling im Kontext des gesamten Projektmanagements
Definitionsetappe
Korrekte und vollständige Zielvereinbarung zwischen Auftraggeber und
Projektteam
Planungsetappe
Aus den Zielen lässt sich die Projektplanung ableiten und erarbeiten:
– Phasenplan
– Projektstrukturplan
– Termin-/Zeitplan
– Ressourcenplan
– Kostenplan
Steuerungsetappe
Im Rahmen des Projektcontrollings im engeren Sinne wird der Soll-Zustand
mit dem Ist-Zustand verglichen. Bei Abweichungen werden Korrekturmaß-
nahmen definiert.
Störungen in Form von Konflikten oder Änderungsanträgen fließen in dieser
Etappe ein und führen zu einem neuen Zyklusdurchlauf:
– Bewilligte Änderungen verändern die ursprünglichen Ziele in der Definiti-
onsetappe
– Die Bearbeitung von Konflikten sowie Änderungen von Zielen führen zu
einer Anpassung der Planung in der Planungsetappe
Planung
• Phasenplan
• Projektstrukturplan
• Terminplan
• Ressourcenplan
• Kostenplan
Steuerung
• Inhalt, Qualität
• Termine
• Kosten, Ressourcen
• Konflikte
• Änderungen
Definition
• Ziele festlegen
Abb. 2.63 Projektcontrolling als Zyklus in drei Phasen
206
2
Methodik
Tab. 2.41 Aspekte des Projektcontrollings
Projektkontrolle
Kontinuierliche Überprüfung der Zielerreichung des Projektes bezüglich
Termine, Kosten und Qualität
Berichtswesen
(Reporting)
Das Berichtswesen umfasst Dokumentation und Kommunikation der
erreichten Ergebnisse im Projekt an die maßgeblichen Stellen und Ent-
scheidungsträger
Projektsteuerung
Aufgrund der Ergebnisse der Projektkontrolle werden Korrekturmaßnah-
men formuliert
Projektänderungen
(Abschn. 2.5.8)
Änderungen im laufenden Projekt werden dokumentiert: Anforderungen,
Technologie, Markt usw., Maßnahmen formuliert und umgesetzt
Projektbeurteilung
In regelmäßigen Abständen, mindestens aber am Ende jeder Projektpha-
se, wird das Projekt bezüglich vordefinierter Kriterien und erwarteter
Risiken neu beurteilt
Projektcontrolling ist somit eine unmittelbare Führungsaufgabe der Projektleitung
in Zusammenarbeit mit Auftraggeber, Projektausschuss, Entscheidungsträger oder Ge-
schäftsleitung. Je nach Flughöhe wird zwischen den folgenden Begriffen unterschieden:
Strategisches Controlling (durch die Geschäftsleitung)
Multiprojekt-Controlling (durch das Projektportfolioboard oder den Projektausschuss)
(Einzel)projekt-Controlling durch die Projektleitung und den Projektausschuss
Die Tab. 2.41 fasst die Hauptaufgaben eines effektiven Projektcontrollings zusammen.
2.5.6.1
Projektkontrolle
Basis für diese Aufgabe bildet der aktuelle Projektplan. In regelmäßigen Abständen ist das
Projekt auf seine Termin- und Kostentreue zu überprüfen. Je komplexer oder zeitkritischer
das Projekt ist, desto kürzer müssen die Kontrollintervalle gesetzt werden.
Wenn viele Projektleiter mit großem Aufwand akribische Pläne erstellen, sollen sie
auch über geeignete Methoden verfügen, den Projektfortschritt gegenüber den Plänen zu
erfassen und zielführend zu steuern. Drei Aspekte ermöglichen dies:
Der Projektfortschritt wird objektiv bestimmt
Die gewonnenen Daten werden richtig interpretiert
Der Vergleich mit dem Soll-Zustand setzt klare, messbare Ziele voraus
Je nach Größe und Komplexität des Projekts können verschiedene Methoden zur Er-
fassung und Visualisierung des Projektfortschritts und zum Plan/Ist-Vergleich angewendet
werden. Genannt seien die Balkenplan- oder Arbeitspaket-Terminkontrolle, die Earned-
Value-Analyse und die Meilenstein-Trendanalyse.
2.5
Phase Realisierung
207
Stichtag
AC – Actual Cost
Ist-Kosten
PV – Planned Value
geplante Kosten
EV – Earned Value
Fertigstellungswert
Projektstart
Projektende
Mehraufwand
Zeitverzug
Kosten
Zeit
AC
PV
EV
Abb. 2.64 Earned-Value-Analyse
Earned-Value-Analyse
Die Earned-Value-Analyse (auch als Leistungswertanalyse oder Fertigstellungswertme-
thode bezeichnet) dient zur Fortschrittsbewertung von Projekten. Sie lässt die drei Ele-
mente des „magischen Dreiecks“ Scope, Kosten und Zeit gleichzeitig in die Projektbeur-
teilung einfließen. Dies geschieht über die Berechnung der folgenden Größen:
Geplanter Aufwand (Planned value)
Fertigstellungswert (Earned value)
Ist-Aufwand (Budget burned)
Der Fertigstellungswert (Earned value) ist die zentrale Kennzahl in diesem Modell zur
Kontrolle des Projektfortschritts und den damit verbundenen Kosten (Abb. 2.64). Zum
Fertigstellungswert tragen nur Arbeitsaspekte bei, die vollständig abgeschlossen sind und
geprüft wurden (0 %/100 %)
Meilenstein-Trendanalyse
Die Meilenstein-Trendanalyse (MTA) zeigt auf, welche zeitliche Entwicklung sich im
Projekt abzeichnet. Voraussetzung dafür ist die Definition einer ausreichenden Zahl von
208
2
Methodik
Konzept
Realisierung
Einführung
Initialisierung
Beauftragung
Mar
Feb
Jan
Dez
Nov
Okt
Sep
Aug
Feb
Jan
Mar
Apr
Mai
Jun
Jul
Meilenstein-Termine
Berichtszeitpunkt
Einführung
Realisation
Konzept
Initialisierung
Beauftragung
Abb. 2.65 Meilenstein-Trendanalyse
Meilenstein-Terminen für das zu beurteilende Projekt. Diese Termine werden in regelmä-
ßigen Abständen auf ihre Erreichbarkeit überprüft und in ein Koordinatensystem übertra-
gen (Abb. 2.65).
Daraus ergibt sich für jeden Meilenstein eine Prognosekurve, die idealerweise hori-
zontal verläuft (keine Abweichung). Der erfahrene Projektleiter kann aus dem Verlauf
der Kurven eine Prognose für den zukünftigen Verlauf erstellen. Ihren besonderen Wert
erhält die Meilenstein-Trendanalyse aus der Kombination von Rückblick auf erreichte Er-
gebnisse und Ausblick auf noch zu erbringende Leistungen sowie im Vergleich zwischen
verschiedenen Projekten.
2.5.6.2
Berichtswesen (Reporting)
Die Berichterstattung an alle Anspruchsgruppen des Projektes gehört wahrscheinlich zu
den wichtigsten und gleichzeitig weniger beliebten Aufgaben des Projektleiters. Ein re-
gelmäßiger Austausch der Zwischenergebnisse mit den verantwortlichen Stellen und Ent-
scheidungsträgern stellt sicher, dass das Projekt auf Managementebene bekannt bleibt und
der Projektleiter im Problemfall rasch auf die entsprechende Unterstützung zählen kann.
2.5
Phase Realisierung
209
In einem Statusbericht, auch Fortschrittsbericht genannt, zuhanden der Entscheidungs-
träger (Kunde, Auftraggeber oder Projektausschuss) sollen in regelmäßigen Abständen
(häufig im Monats- oder gar Wochenrhythmus) folgende Aussagen gemacht werden:
Welche Arbeiten bzw. Arbeitspakete wurden gestartet bzw. abgeschlossen?
Plan/Ist-Vergleich bezüglich Zeit, Kosten und Ressourcen
Können die noch verbleibenden Meilensteine mit allen Ergebnissen wie geplant er-
reicht werden?
Welche Probleme sind seit dem letzten Statusbericht aufgetaucht?
Welche Maßnahmen wurden getroffen? Wer löst bis wann das Problem?
Welche Risiken wurden in der Zwischenzeit neu identifiziert?
Wo ist Managementunterstützung notwendig?
Die kürzeste Variante beantwortet die Fragen:
Highlights: Was läuft gut?
Issues: Was läuft nicht nach Plan?
Es empfiehlt sich, für jeden Issue einen Lösungsvorschlag auszuarbeiten, welcher vom
Entscheidungsträger idealerweise unterstützt und umgesetzt oder beauftragt werden kann.
Dadurch erhält der Projektleiter einen großen Einfluss und kann sein Projekt stark über
seine formellen Kompetenzen hinaus beeinflussen.
Das Berichtswesen dient als Basis für alle im Laufe des Projektes notwendigen
Steuerungs- und Kontrollmaßnahmen.
Vielfach wird das Berichtswesen in den Projektmanagement-Richtlinien geregelt. Da-
zu werden entsprechende Formulare bzw. Vorlagen zur Verfügung gestellt. Ampelsysteme
bewähren sich in der Praxis. Ein gemeinsames Verständnis aller Beteiligten über die Be-
deutung der einzelnen Ampelstufen ist sicherzustellen. Beispielsweise:
Grün: auf Kurs
Gelb: Eskalation an Projektleitung erforderlich. Projektleiter kann Maßnahmen ent-
scheiden und umsetzen
Rot: Eskalation an die Geschäftsleitung nötig. Die Geschäftsleitung muss über Maß-
nahmen entscheiden und diese umsetzen oder delegieren
Wenn verschiedene Beteiligte die Ampelstufen unterschiedlich definieren, sind Miss-
verständnisse und Leerläufe unvermeidlich.
Bei Metrohm ist der monatliche Statusbericht unter anderem mit folgenden Elementen
aufgebaut:
Projektstatus mit Ampeln, siehe Abb. 2.66
Meilensteine, siehe Abb. 2.67
210
2
Methodik
Projektkosten, siehe Abb. 2.68
Produktionskosten, siehe Abb. 2.69
Risikomanagement, siehe Abb. 2.70 und 2.71
2.5.6.3
Projektsteuerung
Ein Projekt muss situativ und flexibel geführt werden können. Projekte und die dabei
auftauchenden Probleme sind so unterschiedlich und vielschichtig, dass es keine allge-
meingültige Formel für die Projektsteuerung gibt. Aufgrund der Ergebnisse der Projekt-
kontrolle müssen Maßnahmen für die steuernde Einflussnahme auf den Projektverlauf
definiert werden.
Die Aufgaben des Projektleiters sind:
vereinbarte Projektkennzahlen aktualisieren und überwachen
Projektplan zur Erreichung des ursprünglichen Projektziels aktualisieren
Alternativ-Szenarien bei Abweichungen vom Projektplan erarbeiten
bei Bedarf zusätzliche Ressourcen und Finanzmittel anfordern
Aufgabenstellungen der Projektmitarbeiter verändern
Unteraufträge vergeben
mit dem Auftraggeber verhandeln
Beschlüsse des Projektausschusses umsetzen
Projektreviews und Projektaudits beantragen
Projektabbruch beantragen
Die Aufgaben des Auftraggebers/Projektausschusses sind:
zusätzliche Finanzmittel bewilligen oder ablehnen
zusätzliche Ressourcen (aus der Linie) bewilligen und durchsetzen
Freigabe für die nächste Projektphase erteilen
über den Abbruch von Projekten entscheiden
Projekt-Prioritäten ändern
Einige vorbeugende Maßnahmen für eine effiziente Projektsteuerung sind:
klar verständliche und messbar formulierte Ziele
situativ flexible und rollende Projektplanung
periodische Koordinationssitzungen des Projektteams zur Klärung der aktuellen Si-
tuation, Eruierung künftiger Schwierigkeiten, Vereinbarung vorbeugender Maßnahmen
und zum Fällen von Entscheidungen
konsequentes Fällen von verbindlichen Entscheiden durch den Auftraggeber
periodische Teamsitzungen
Kontext- bzw. Umfeldanalyse
Reviews und Meilensteinsitzungen
2.5
Phase Realisierung
211
PROJECT STATUS REPORT
Project Type
EWP 100
23.09.2013
EWP Number
Reporting Date
KPIs:
Next MS
Go Live
Production Cost
Project Budget
Resources
Scope Deviations
Risk
07. Okt 14
03. Jul 16
Release Prototype
Market Release
1
OMNIS Project
Management Summary
- Project on Track for Market Release, but delay of Prototype Release of 10 days due to late arrival of critical component
- First titration-tests showed very good results, the ambitious requirements could be achieved
- Major Decision: New Sample handling Concept will be implemented, as agreed with Product Management
- Request: Investment 100k for automated production prozess is required, see separate evaluation and busienss case
Abb. 2.66 Praxisbeispiel Metrohm: Projektstatus mit Ampeln – Monatsreport Projekt OMNIS Titriersystem
212
2
Methodik
Milestone
Actual Plan
Last Approved
Dates
Initial Plan
(LH-based)
Status
1
01. Jan 12
01. Jan 12
01. Jan 12
2
19. Jul 12
19. Jul 12
19. Jul 12
3
04. Feb 13
04. Feb 13
04. Feb 13
4
23. Aug 13
23. Aug 13
04. Jul 13
next MS
07. Okt 14
27. Sep 14
08. Aug 14
6
19. Feb 16
09. Feb 16
21. Dez 15
7
20. Mär 16
20. Mär 16
30. Jan 16
8
19. Mai 16
19. Mai 16
30. Mär 16
Go Live
03. Jul 16
03. Jul 16
14. Mai 16
Start of project
Review Design Goals charter
Review URS
Review Design Input
Release Prototype
Review Design Transfer
System Freeze
System Release
Market Release
Abb. 2.67 Praxisbeispiel Metrohm: Meilensteine – Monatsreport Projekt OMNIS Titriersystem
2.5
Phase Realisierung
213
Project Costs (TCHF)
Abb. 2.68 Praxisbeispiel Metrohm: Projektkosten – Monatsreport Projekt OMNIS Titriersystem
214
2
Methodik
Production Costs (in CHF)
Dosierer
Venle
Target
Actual
Expected
Abb. 2.69 Praxisbeispiel Metrohm: Produktionskosten – Monatsreport Projekt OMNIS Titriersys-
tem
0
2
4
6
8
10
0
2
4
6
8
10
Probability
)tie
k
h
cilnie
h
c
sr
h
a
w
s
n
e
t
e
rt
niE(
Potenal damage
(Tragweite, Auswirkungen des Fehlers)
R3 (E:?)
R1 (E:3)
R4 (E:5)
R2 (E:2)
Abb. 2.70 Praxisbeispiel Metrohm: Risikomanagement – Monatsreport Projekt OMNIS Titriersys-
tem
2.5
Phase Realisierung
215
Top 5 Risks
Description
Level before
Level After
Status
(WxT)
(WxT)
R1: Präzision des Dosierers
erfüllt geforderte
Messgenauigkeit nicht
80
20
in Arbeit
R2:Neue Ventiltechnologie
funktioniert nicht
90
8
in Arbeit
R3: ASIC steht nicht
funktionsfähig zeitgerecht zur
Verfügung
56
24
in Arbeit
R4: UL-Zertifizierung wird
nicht erreicht
24
24
keine Aktivitäten notwendig
R5: Software steht nicht
ausreichend funktinosfähig
zur Verfügung
60
20
in Arbeit
Abb. 2.71 Praxisbeispiel Metrohm: Risikomanagement – Monatsreport Projekt OMNIS Titriersys-
tem
2.5.6.4
Projektbeurteilung
Im Normalfall werden die wichtigsten Teilschritte (Meilensteine) eines Projektes bereits
im Projektauftrag vereinbart. Meilensteine sind besonders geeignet für eine Projektbe-
urteilung, weil zu diesem Zeitpunkt klar abgegrenzte Lieferobjekte und Arbeitspakete
vollständig erfüllt sein müssen.
Meilensteinsitzungen ermöglichen eine kritische Standortbestimmung (Review) über
das bereits Geleistete und das noch Bevorstehende und den Reifegrad der vorliegenden
Zwischenresultate. Zusammen mit dem Auftraggeber bzw. dem Projektausschuss hat die
Projektleitung die folgenden Fragen verbindlich zu klären:
Ist die Erreichung der Projektziele nach wie vor gewährleistet?
Ist die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens nach wie vor sichergestellt?
Welche Risiken können das Projekt gefährden?
Gelten die Annahmen noch oder sind neue Rahmenbedingungen aufgetaucht?
Gibt es offene Probleme, die eine Weiterbearbeitung des Projektes verhindern?
Wird die nächste Projektphase freigegeben? Mit welchen Auflagen?
Soll das Projekt vorzeitig abgebrochen werden?
Am Ende der Sitzung soll ein Protokoll mit allfälligen Auflagen, Verantwortlichkeiten
und Terminen erstellt und gegenseitig unterzeichnet werden.
216
2
Methodik
Nutzung, Betrieb
Projekt
Meilenstein
Review
Phase 3
Phase 4
Phase 2
Phase 1
Ebene 1
Ebene 2
Ebene 3
Meilenstein
Review
Nach-
kontrolle
Schluss
Review
Gate
Review
Abb. 2.72 Verschiedene Projekt-Reviews
Reviews und Audit zur Projektbeurteilung
Reviews sind kritische Überprüfungen während und nach Abschluss des Projektes, ob die
geforderten Ziele vollständig und in der geforderten Qualität erreicht wurden. Häufig un-
terscheiden Organisationen verschiedene Ebenen von Reviews, wie in Abb. 2.72 gezeigt:
Meilenstein-Review bei jedem Meilenstein
Gate Review nach ausgewählten Meilensteinen mit besonders großer Tragweite
Schluss-Review inkl. Debriefing und Lessons Learned bei Abschluss des Projekts
Nachkontrolle inkl. Nachkalkulation zur Überprüfung, ob Ziele ihre erwünschte Wir-
kung effektiv entfaltet haben.
Im Gegensatz zu einem Review überprüft ein Audit nicht die erreichten Resultate, son-
dern die Einhaltung geltender (externer oder selbst auferlegter) Vorgehensweisen.
Audit: prüft die Prozesskonformität
Review: prüft die Zielerreichung
Selbstverständlich kann im Rahmen eines Reviews auch die situationsbezogene Eig-
nung eines gewählten Ansatzes, einer Methodik oder von Tools überprüft werden. Es wird
2.5
Phase Realisierung
217
Tab. 2.42 Ziel und Beteiligte eines Projekt-Reviews
Hauptsächliches Ziel
Mögliche Beteiligte
Meilenstein-Review;
Gate Review;
Stage Gate Review,
Quality Gate Review
Steuerung des Projektprozesses
Beurteilung der
– Phasenziele, Termine, Finanzen
– Ressourcen
– Vorgehensmethodik
– Projektorganisation
– Information
– Kommunikation und Zusammenarbeit
– Ableiten von Konsequenzen für das wei-
tere
Vorgehen der folgenden Phase
– Projektleiter
– Projektteam
– Projektausschuss Kunden
– evtl. weitere Anspruchs-
gruppen
End Review
– Beurteilung der Projektzielerreichung
– kritische Rückschau auf den Projekt-
prozess
– Ableiten von Lessons learned, d. h. von
Maßnahmen für das betriebliche Projekt-
management
– Projektleiter
– Projektteam
– Projektausschuss interner
Auftraggeber
– externe Moderation
Nachkontrolle
– Beurteilen der langfristigen Zielerrei-
chung und Projekt-Auswirkungen
– Projektexternes Team
dann beurteilt, ob die entsprechende Methodik geeignet ist, die Ziele unter den gegebenen
Umständen zu erreichen. Tab. 2.42 zeigt die Ziele unterschiedlicher Reviews.
Häufig wird die Möglichkeit von Reviews viel zu wenig zur (selbst)kritischen Rück-
schau genutzt, sei es für das laufende Phasencontrolling oder für die Auswertung des
ganzen Projekts. Ehrliche Reviews sind eine Chance, aufkeimende Probleme bereits zu
erkennen, wenn sie noch klein und lösbar sind.
In der agilen Vorgehensweise findet nach jedem durchgeführten Sprint (ca. alle vier
Wochen) ein Sprint Review statt. In der Teamretrospektive werden Verbesserungsmaß-
nahmen identifiziert. Dadurch entsteht eine lernende Organisation, die rasch auf Proble-
me oder geänderte Situationen reagieren kann. In der klassischen Vorgehensweise ist zu
prüfen, inwiefern solche Elemente aus der agilen Vorgehensweise übernommen werden
können.
2.5.6.5
Das 90 %-Syndrom
Schon relativ bald nachdem das Projekt so richtig in Gang gekommen ist, glauben ei-
nige Projektbeteiligte, dass bereits ein Großteil (90 %) der Projektarbeit erledigt ist, wie
Abb. 2.73 zeigt. Dieses Phänomen tritt auf, weil sich schon einige realisierbare Lösungs-
ideen abzeichnen, beispielsweise ein funktionierender Prototyp. Unterschätzt werden al-
lerdings die Hindernisse und noch nicht bekannten Probleme, welche dann in der Rea-
lisierungsphase auftauchen. Diese Aufwandschätzung wird typischerweise in der ersten
218
2
Methodik
Projektende
Geplant
Einschätzung
Effektiv
Fertigstellungsgrad
Zeit
100%
90%
Abb. 2.73 90 %-Syndrom
Hälfte des Projektes sehr optimistisch abgehandelt und erfordert meist eine Korrektur in
der zweiten Hälfte.
Um das 90 %-Syndrom zu vermeiden sind objektive Kontrollmethoden erforderlich.
Die sichersten Aussagen liefert die 0/100-Methode, die eine Tätigkeit erst nach vollständi-
ger Erledigung gelten lässt. Aufwändigere Verfahren erfordern die Definition einer Metrik
für die laufend erbrachten Ergebnisse in Relation zum geplanten Endergebnis (z. B. 50/50-
Methode).
2.5.7
Termin-, Kosten- und Ressourcenkontrolle
2.5.7.1
Termin- und Kostenkontrolle
Für die Termin- und Kostenkontrolle reicht üblicherweise eine Gegenüberstellung der
nachfolgenden Kennzahlen aus, wie in Abb. 2.74 dargestellt. Die dafür notwendigen,
aktuellen Daten müssen jedoch häufig in aufwändiger Kleinarbeit zusammengetragen
werden (z. B. Auswertungen aus Rapportierungssystemen, Aussagen von Projektmitar-
beitern usw.). Dafür müssen die Plan- und Ist-Daten in kompatibler Form vorhanden sein:
2.5
Phase Realisierung
219
Terminplan
Dauer/Kosten
gemäss Initialplanung
abgeschlossen in %
Prognose
Berichtszeitpunkt
Kumulierte
Kostenkurve
1
3
2
4
5
6
Zeit
Zeit
Soll
Ist
Kosten
Abb. 2.74 Projektstandbeurteilung und Kostenkontrolle
Geplante und effektive Dauer
Geplante und effektive Kosten
Erfüllungsgrad in %
Eine Projektstandesbeurteilung mit Kostenkontrolle sollte in einem vorab bestimmten
Rhythmus erfolgen. Die Intervalle sollen der gesamten Projektdauer angepasst werden
(wöchentlich, monatlich oder quartalweise). Es ist dabei nicht immer einfach abzuschät-
zen, ob die aufgelaufenen Kosten für die tatsächlich erbrachten Leistungen ausreichen.
Generell gelten folgende Voraussetzungen für eine wirksame Kostenkontrolle:
transparente Kostenplanung
rasche Verfügbarkeit des Kostenstandes
periodische Überprüfung der prognostizierten Endkosten
Erfolgen während des Projektes wesentliche Änderungen der Aufgabenstellung oder
liegen große Abweichungen zwischen den Plan- und Ist-Werten vor, ist die ursprüngliche
Planung zu überarbeiten. Für die verbleibenden oder noch nicht abgeschlossenen Tätig-
keiten wird die restliche Dauer (time-to-complete) und die zu erwartenden Restkosten
(cost-to-complete) ermittelt, wie Abb. 2.75 zeigt.
220
2
Methodik
Zeit
Soll 2
Soll 1
Ist
Kosten
Berichtszeitpunkt
Time-to-complete
Cost-to-complete
Abb. 2.75 Time-to-complete und Cost-to-complete
2.5.7.2
Ressourcenkontrolle
Der Personaleinsatz ist schwierig zu planen und noch schwieriger durchzusetzen. Stan-
den am Projektanfang keine Erfahrungswerte zur Verfügung oder wurden unrealistische
Aufwandschätzungen gemacht oder wurde von falschen Voraussetzungen und Annahmen
ausgegangen, können große Differenzen entstehen.
Erschwert wird in der Praxis das Problem dadurch, dass die geplanten Ressourcen oft
nicht zum vereinbarten Zeitpunkt oder im vereinbarten Zeitraum zur Verfügung stehen.
Mögliche Ursachen sind:
die Projektmanagementphilosophie hat sich im Unternehmen nicht etabliert
die Projektleitung wird vom Management nur halbherzig unterstützt
die Führungskräfte haben keinen Überblick über die von ihnen zugesagten Ressourcen
oder halten sich nicht an die vereinbarten Abmachungen
es wurden wesentlich mehr Projekte gestartet als Ressourcen für deren Bearbeitung
verfügbar sind
es gibt keine oder nur eine ungenügende Einsatzplanung und Koordination der verfüg-
baren Ressourcen
Projekte werden nicht zentral überwacht und priorisiert
2.5
Phase Realisierung
221
2.5.7.3
Kostentransparenz und realistische Beurteilung der wirtschaftlichen
Projektsituation
Damit notwendige Projektsteuerungsmaßnahmen zweckmäßig und angemessen sein kön-
nen, braucht es eine zuverlässige Beurteilung der Projektsituation. Neben dem Projekt-
fortschritt und dem Ressourceneinsatz muss die Kostensituation aktuell, vollständig und
realistisch beurteilt werden.
Bei der Planung und den Projektanträgen ist die Vollkostenrechnung anzuwenden,
d. h. sowohl die internen wie die externen Kosten sind zu berücksichtigen. Nicht nur
die direkten Projektkosten sind aufzuführen, sondern auch Folgekosten, die durch die-
ses Projekt ausgelöst werden: Betrieb, Folgeprojekte, Unterhalt, Außerbetriebsetzung. Als
Beurteilungskriterien sollten die Life-cycle-Kosten (Summe aus Projekt-/Einmalkosten
und Betriebskosten) verwendet werden, sofern der Auftraggeber dafür offen ist. Für eine
Optimierung wird die Break-Even-Analyse eingesetzt (siehe Abb. 2.54).
Bei Projektbeginn oder für ein Fixpreisangebot werden die Projektkosten nach bestem
Wissen und Gewissen geplant. Bedingt durch die Marktsituation oder aus Auslastungs-
gründen kann es sein, dass die Geschäftsleitung einen Auftrag zu einem nicht kostende-
ckenden Verkaufspreis unterschreibt. Das ist ein unternehmerischer Entscheid. Die Ver-
antwortung des Projektleiters wird trotzdem gemessen an den Werten der Planung. Jede
Planung beinhaltet Unsicherheit, z. B. verändern Einflüsse von außen das Resultat, oder
Managemententscheide werden verzögert. Der Projektleiter stellt diese Situation so realis-
tisch wie möglich dar, zeigt die Alternativen in Form von Szenarien auf, quantifiziert die
Planungsunsicherheit und zeigt die Konsequenzen, wenn ein Entscheid nicht wie geplant
getroffen wird.
Bei der Planung und der Kontrolle sind alle Kosten und Kostenarten zu erfassen und zu
unterscheiden: Arbeiten für verschiedene Lieferobjekte und Arbeitspakete, Investitionen,
externe Aufträge, Änderungsaufwand, Arbeiten unter Kulanz u. a. Um Erfahrungswerte
aufzubauen, wieviel geplant und wieviel tatsächlich gebraucht wurde, soll definiert wer-
den, von welchen Kostenarten am Projektende Kennzahlen zu erstellen sind.
Es kann nicht detaillierter kontrolliert werden, als geplant wurde. Darum muss der Pro-
jektleiter schon bei der Planung überlegen, was er wie detailliert kontrollieren will. Bei
der Initialplanung entstehen „Planwerte“, bei der Projektkontrolle „Istwerte“. Die später
zu erfassenden Istwerte sind bei Projektbeginn im Finanzüberwachungssystem einzuge-
ben. Die Lieferobjekt- und Arbeitspaketstruktur beim Controlling muss übereinstimmen
mit derjenigen der Initialplanung. Wenn Änderungen zu großen Diskrepanzen geführt ha-
ben, sind diese Strukturen zu überarbeiten.
Für die Geschäftsleitung sind die von den Fachspezialisten abgeschätzten „Prognose-
werte“ aus jeweils aktueller Sicht der tatsächlichen Projektsituation wichtig. Wenn Ab-
weichungen von den erwarteten Werten bekannt werden, sollten die Verantwortlichen den
Auftraggeber bzw. die Geschäftsleitung rasch informieren. Dafür sind die Istwerte so rea-
listisch wie möglich zu erfassen. Ausgelöste Bestellungen sind ab dem Bestell-Zeitpunkt
zu erfassen. Die Folgekosten von getroffenen Entscheiden sind auch schon beim Entscheid
zu berücksichtigen. Änderungen im Projekt sind unvermeidbar. Der Projektleiter sollte
222
2
Methodik
dafür sorgen, dass Mehraufwand und Kosten durch Änderungen nachvollziehbar erfasst
werden. So hat er Argumente für den Auftraggeber oder bei Forderungen von Kunden und
Lieferanten (Nachforderungsmanagement/Claim Management Abschn. 2.5.8).
Wenn ein Projekt abgeschlossen ist, wird das Projektteam aufgelöst. Ob die Einspa-
rungsziele nach der Einführung tatsächlich erreicht werden, zeigt sich meist erst später.
Darum sollte ein Zeitpunkt festgelegt werden, an dem der Projektleiter zusätzlich zur
Resultatbeurteilung auch eine Nachkalkulation veranlasst und Ergebnisse mit dem Auf-
traggeber und den ehemaligen Teammitgliedern überprüft.
Wirtschaftlichkeit
Der Projektantrag ist die unmittelbare Entscheidungsbasis für die Bewilligung eines Pro-
jektes. Die zuständigen Entscheidungsträger lassen sich von den einfachen Fragen leiten:
„Was kostet das Vorhaben? Was bringt es?“ Diese Fragen müssen im Laufe des ganzen
Projektes regelmäßig überprüft werden. Fallen die Antworten nicht mehr eindeutig positiv
aus, ist über einen vorzeitigen Projektabbruch zu diskutieren und zu entscheiden.
Zur Berechnung der Wirtschaftlichkeit eines Vorhabens wird häufig eine einfache
Kosten-/Nutzenanalyse durchgeführt. Bei komplexen Projekten werden klassische Ver-
fahren und Kennzahlen aus der Investitionsrechnung eingesetzt, z. B.:
Rentabilitätsrechnung
Return on Investment (ROI)
Kapitalwert-Methode
Break-even Analyse
Dynamische Payback-Methode
2.5.8
Projektänderungen, Change Request Management,
Claim Management
2.5.8.1
Projektänderungen
Projekte stehen in einem stark vernetzten und dynamischen Umfeld: Jederzeit können
Ereignisse eintreten, die auf das Projekt größere Auswirkungen haben.
Projekt-externe Ereignisse oder Einflussfaktoren wie rasche Veränderungen des Mark-
tes, neue Gesetze oder neue Mitbewerber sind jedoch schwierig zu kontrollieren. Sie treten
meist kurzfristig und überraschend auf.
Projekt-interne Ereignisse oder Einflussfaktoren sind teilweise voraussehbar, da das
Projekt unter eigener Kontrolle steht und somit die Entwicklungen verfolgt werden kön-
nen. Mit dem Fortschritt in der Realisierung entstehen projektintern aber auch neue Er-
kenntnisse, welche zu Änderungen führen können.
Grundsätzlich wird mit Projektänderungen in der agilen Vorgehensweise anders umge-
gangen als in der klassischen. In der agilen Vorgehensweise werden Änderungen in den
Product Backlog aufgenommen und durch den Product Owner priorisiert. Hier sind die
2.5
Phase Realisierung
223
Tab. 2.43 Unterschiede Änderungsmanagement und Nachforderungsmanagement
Änderungsmanagement (Change Request)
Nachforderungsmanagement (Claim)
Die Änderung wurde erst beantragt
Die Änderung wurde bereits umgesetzt
Abwägen von Vorteilen und Konsequenzen
eines Änderungsantrags
Allokation entstandener Zusatz-Kosten: Wer
bezahlt?
Erlaubt die sachbezogene Diskussion
Führt eher zu Durchsetzungsansprüchen
Ist ein selbstverständlicher Prozess in einer
dynamischen Welt
Lässt sich bei sehr umfangreichen und komple-
xen Projekten nicht immer vermeiden
Dauer und das Budget fix. Die Aufnahme von Änderungen erfolgt durch eine andere Prio-
risierung im Product Backlog. Das heißt, wenn ein neu aufgetauchtes Feature als wichtiger
eingestuft wird als bereits bekannte Features, verschiebt sich die Implementierung letzte-
rer auf später, oder auf die Implementierung wird verzichtet. Das Änderungsmanagement
aus der klassischen Vorgehensweise findet daher in der agilen Vorgehensweise keine An-
wendung. Die folgenden Ausführungen haben Gültigkeit für die klassische Vorgehenswei-
se: Jedes Ereignis mit Änderungscharakter ist vom Projektleiter hinsichtlich seiner Aus-
wirkungen auf das Projekt zu untersuchen, insbesondere Auswirkungen auf Leistungs-,
Termin- und Kostenziele sowie Risiken. Unterschieden wird dabei zwischen zukünftigen
(Änderungs- bzw. Change Request Management) und bereits eingetretenen Änderungen
(Claim Management), wie in Tab. 2.43 dargestellt.
Auswirkungen auf inhaltliche und organisatorische Änderungen sind einfacher zu lösen
als zwischenmenschliche Aspekte. Damit Projektleitung und Projektteammitglieder auch
mit diesen umgehen können, brauchen sie besondere Kenntnisse und Fähigkeiten.
2.5.8.2
Änderungsmanagement (Change Request Management)
Das Änderungsmanagement umfasst die Organisation, Verwaltung und Abwicklung von
Änderungsanforderungen an Projektziele und -prozesse während des Projektablaufs nach
klassischer Vorgehensweise. Es ist deutlich abzugrenzen gegenüber Organisationsverän-
derungen und dem systemischen Veränderungsmanagement.
Projektänderungen können entstehen durch:
Kundenwünsche, Kundenbeanstandungen
Entwicklungsfehler
Neue Erkenntnisse, welche im Verlauf des Projekts gewonnen wurden
nicht mehr lieferbare Komponenten oder Materialien
geänderte Vorschriften
allgemeine Produktverbesserungen
Verbesserungsmöglichkeiten der Wirtschaftlichkeit
Änderungen sollen abhängig von ihrer Wichtigkeit und Dringlichkeit gehandhabt, in
einer To-Do-Liste zusammengefasst und gemeinsam in Versionen bearbeitet und freige-
224
2
Methodik
geben werden: Ist die Änderung umsetzbar? Ist sie notwendig? Welches Risiko, welchen
Nutzen, welchen Aufwand bringt sie mit sich?
Die Folgekosten müssen für das Unternehmen verkraftbar sein. Deshalb müssen Än-
derungen auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt und entschieden werden.
Bei Kundenprojekten ist zu klären, ob die Änderung unter Kulanz erfolgt oder als zusätz-
liche Forderung behandelt werden muss.
In vielen Unternehmen mit hohem Entwicklungsanteil ist der Change Request Ma-
nagement Prozess zwingend vorgeschrieben. Change Requests beantragt der Projektleiter
beim Gremium, das sämtliche größeren Änderungsbegehren freigibt. Ist kein Änderungs-
prozess installiert, sorgt der Projektleiter dafür, dass eine Entscheidungsinstanz und die
Verantwortlichkeiten definiert sind. In diesem Expertenteam sollen die relevanten An-
spruchsgruppen vertreten sein. In der Praxis liegt es in der Kompetenz des Projektleiters
zu entscheiden, ob ein Änderungsantrag in Kulanz oder gegen zusätzliche Rechnung ab-
gewickelt wird.
Change Requests enthalten die folgenden Punkte:
Art der Änderung
Gründe für den Änderungsantrag
Von der Änderung betroffene Lieferobjekte und Arbeitspakete
Auswirkungen auf Projektkosten, Dauer und andere Projektteile
Auswirkungen einer Rückweisung des Änderungsantrags
Auswirkungen auf die Sicherheit, neu entstehende Risiken
Bezüge zu früheren Änderungsanträgen, welche sich jetzt auswirken
Für den Entscheid zuständige Instanz
Einwilligung des Kunden
Auftragserteilung (vom Design Change Request zum Design Change Order)
Abb. 2.76 zeigt eine Vorlage für einen Change Request Antrag.
Die Bearbeitung eines Änderungsantrags ist immer ein zweistufiger Prozess:
1) Änderungsantrag und Auswirkungsanalyse
Antragsteller schickt Änderungsantrag an Projektleiter
Projektleiter lässt den Antrag von allen potenziell betroffenen Projektmitarbeitern
oder Abteilungen prüfen auf
– Cost impact
– Timeline impact
– Risk impact
Die Summe der (zusätzlichen) Kosten, die Terminverschiebung und die zusätzli-
chen Risiken werden zusammengefasst
2.5
Phase Realisierung
225
Änderungsantrag Projekt Vertriebs-Back-End
15.05.2017
Vorlage Änderungsantrag
1 Idenfikaon Änderungsantrag
Ersteller/in:
Gesamtprojektleiter
Idenfikaons-Nr.:
(wird von der Projektleitung ausgefüllt)
005
Teilprojekt /
Arbeitspaket
Gesamtprojekt
Ansprechperson
Gesamtprojektleiter
Erstelldatum:
15.05.2017
Titel / Kurzbeschrieb:
Verkauf von Libero Abonnements
2 Einordnung des Antrages / Fehlermeldung
Kategorie:
(Zutreffendes bie
ankreuzen)
Terminverschiebung
Änderung / Erweiterung
Änderung der Verantwortlichkeiten / Organisaon
3 Aufwandschätzung
Teilbereich
Aufwand extern
Aufwand intern
Total
Mehrkosten für Realisie-
rung Verbund - Abonne-
ments
350‘000 CHF
160‘000 CHF
510‘000 CHF
Total
510‘000 CHF
4 Beschreibung des Problems
Der Verkauf von Libero Abonnements wurde in der Sormentserweiterung durch ZPS nach vorne gezogen. Bis
zum Fahrplanwechsel im Dezember 2017 muss der Verkauf von Libero Abonnements über den Webshop auf
bls.ch möglich sein. Zudem soll neu eine White-Label Shop-Lösung für andere Transportunternehmen zur Ver-
fügung gestellt werden. Sinnvollerweise wird diese Anforderung durch das Projekeam Vertriebs-Back-End um-
gesetzt.
Die Realisierung eines Webshops für den Verkauf von Libero Abonnements oder anderen Abonnements für den
öffentlichen Verkehr ist im Scope vom Projekt Vertriebs-Back-End nicht vorgesehen.
5 Gewünschte Änderung – mögliche Lösungsansätze
Geplanter Webshop soll in erster Priorität für den Verkauf von Abonnements umgesetzt werden. Der Verkauf
von Einzelckets für den öffentlichen Verkehr wird auf 2. Priorität zurückgestu.
6 Konsequenzen bei Nichtrealisierung
Die automasche Verlängerung von Abonnements der BLS Kunden werden ab Dezember 2017 über andere
Verkaufskanäle außerhalb der BLS abgewickelt.
7 Beilagen
Weitere Details sind in den Unterlagen des Steuerungsausschusses beschrieben.
Seite 1 von 2
Abb. 2.76 Vorlage „Änderungsantrag“
226
2
Methodik
Änderungsantrag Projekt Vertriebs-Back-End
15.05.2017
2 n
o
v 2 etie
S
g
a
rt
n
a
s
g
n
u
r
e
d
n
Ä
e
g
alr
o
V
8 Genehmigung intern, Abteilung und Bereich
Instanzen (nur elektronisch, keine Unterschri nög)
Datum
Antragssteller
Gesamtprojektleiter
31.05.2017
9 Entscheid
Grund
Änderung wird realisiert
Sicherung des Verkaufs von Libero Abonne-
ments ab Dezember 2017
31.05.2017
Änderung wird nicht realisiert
Dokumentaon allfälliger Einschränkungen oder Bedingungen.
10 Unterschrien
Beauragende Instanz
Vorsitzender Steuerungsausschuss
________________________________________
______________________________________
________________________________________
Termin
Auragnehmende Instanz
Gesamtprojektleiter
Abb. 2.76 (Fortsetzung)
2.5
Phase Realisierung
227
2) Genehmigung und Umsetzung
Änderungsantrag (Scope Change) und Auswirkungsanalyse (Cost, Timeline, Risk)
werden dem Auftraggeber, Steuerungsausschuss bzw. Kunden zum Entscheid vor-
gelegt
Bei Annahme des Change Request werden das Projektbudget, die Termine und die
Risikoanalyse entsprechend angepasst. Das Projektteam wird ab jetzt an den neuen
Zielen gemessen.
2.5.8.3
Nachforderungsmanagement (Claim Management)
Wenn eine genehmigte Änderungsanforderung zusätzliche Kosten verursacht, das Pro-
jektergebnis geändert wird oder sich der Endtermin verschiebt, werden die benachteiligten
Projektpartner Nachforderungen (Claims) an die Verursacher stellen. Die Behandlung die-
ser Nachforderungen ist Bestandteil des Nachforderungsmanagements (Claim Manage-
ment), das an der Schnittstelle zwischen Änderungsmanagement und Vertragswesen posi-
tioniert ist.
Die systematische Überwachung und Beurteilung von Abweichungen bzw. Änderun-
gen sowie deren wirtschaftliche Folgen ist in komplexen Vorhaben ein wichtiger Faktor
für den Projekterfolg. Die Ermittlung von erbrachten Zusatzleistungen und den damit
verbundenen Ansprüchen dient als Basis für deren Abgeltung. Es ist die Aufgabe des Pro-
jektleiters, für angemessenen Ausgleich zwischen den Ansprüchen der Projektbeteiligten
und dem optimalen Projektablauf zu sorgen.
Um dies zu erreichen, sollten bereits im Vertrag die Gewährleistungsansprüche und
-fristen eindeutig geregelt und die Abnahme von Teilleistungen vereinbart werden. Im
Vertrag ist deshalb festzuhalten, welche Faktoren nicht beeinflusst und aus denen somit
keine Ansprüche geltend gemacht werden können. Das Thema Claim Management ist in
Projekten besonders heikel, da in der Startphase selten glasklar festgelegt werden kann,
was das Projekt zu leisten hat.
Es ist eine Kunst, im Projektvertrag die erwarteten Ergebnisse so eng zu fassen, dass
alles, was darüber hinausgeht, als Zusatzleistung gewertet und entschädigt wird. Ande-
rerseits soll der Leistungsbezieher mit dem Vertrag Minderleistungen beweisen können.
Das macht klar, dass die Dokumentation der Projektarbeit eine allfällige Beweisführung
ermöglicht. Unterstützt durch ein projektbegleitendes Qualitätsmanagement können so
Mängel rechtzeitig erkannt und ungerechtfertigte Nachforderungen eingeschränkt wer-
den.
Statt sich aber auf juristische Spitzfindigkeiten zu verlassen, ist im Sinne eines gu-
ten Images und langfristiger Zusammenarbeit ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen
Projektauftraggeber und Auftragnehmer aufzubauen.
In der Praxis hilft hier das Führen einer „Plus-Minus-Liste“, welche Zusatz- und Min-
deraufwände aufzeigt und so eine gute Verhandlungsbasis für beide Parteien bietet. Die
Schritte des Clain Management sind in Abb. 2.77 dargestellt.
228
2
Methodik
Prävention
Lieferungs- und
Leistungsumfang
Vertragliche Ver-
einbarung über
Claim-Prozess
Vorbereitung
Verhandlungs-
ergebnisse zu
Lieferung und
Leistung in Ver-
trag einarbeiten
Verfahrensvor-
schrift im Projekt
umsetzen
Umsetzung
• Mögliche Claim-Ereignisse
erkennen
• Dokumentation
• Sachliche und kommerzielle
Prüfung
• Sachverhalt klären
• Claim-bedingte Forderungen
ausgleichen
Erfahrungs-
aufbau
• Checklisten
• Strategie
• Verfahrensvor-
schrift
Konzept
Realisierung
Einführung
Initialisierung
Beauftragung
Abb. 2.77 Schritte im Claim Management
2.5.9
Checkliste Abschluss Realisierungsphase
Agile und klassische Vorgehensweise:
Wie gut wurden alle im Projektauftrag vereinbarten Ziele erreicht?
Wie gut stimmen die erreichten Resultate mit den Vorgaben überein?
Ist die Einführung der Lösung beim Benutzer so geplant, dass sie auch realistisch
erfolgen kann?
Wie sind die begleitenden Maßnahmen wie Schulung, Anpassung der Organisa-
tion für die Einführung sichergestellt?
Wie groß ist die Akzeptanz für eine erfolgreiche Einführung? Reicht das aus?
Spezifische Punkte der klassischen Vorgehensweise
Wurden Änderungen systematisch dokumentiert?
Welche Erfolge zeigen die geplanten Prüfungen und Tests am neuen Objekt: Pro-
dukt, System, Organisation?
2.6
Phase Einführung
229
Ist vor der flächendeckenden Einführung ein Pilotversuch notwendig?
Welche Ergebnisse wurden nicht erreicht? Welches sind die Konsequenzen?
Zu welchen Mängeln gibt es keine Korrekturmaßnahmen?
Was ist bei der Überprüfung zum Abschluss speziell zu berücksichtigen? Welche
offenen Punkte bleiben bestehen?
Spezifische Punkte der agilen Vorgehensweise
Wie funktionierten Selbstorganisation und Zusammenarbeit im Team?
Wurden die einzelnen Sprintziele erreicht?
Wie verlief die Lernkurve des Teams?
Hat sich die Entwicklungsgeschwindigkeit (velocity) im Verlaufe des Projektes
gesteigert?
2.6
Phase Einführung
Nach dem Abschluss der Realisierung wird das System in Betrieb genommen und einge-
führt. Bei einer Produktherstellung wird die Serienproduktion aufgenommen. Dienst-
leistungen werden aktiv angeboten oder die neue Organisation wird in Kraft gesetzt.
Jetzt beginnt die Phase der Nutzung. Hier werden Erfahrungen gesammelt, die für die
Verbesserung der vorliegenden Lösung und für die Gestaltung ähnlicher Systeme genutzt
werden können.
Wenn die neue Dienstleistung bzw. das neue Produkt beim Benutzer eingeführt ist,
muss die Projektorganisation wieder aufgelöst werden. Dazu gehört es, das Erreichte zu
würdigen und die Lehren aus dem Projekt zu ziehen. Dies gelingt am besten, wenn – nach
einer vereinbarten Zeit des produktiven Einsatzes der erarbeiteten Lösung – gemeinsam
mit Auftraggeber und Benutzer Bilanz gezogen wird.
2.6.1
Worauf kommt es in der Einführungsphase an?
Schritte dieser Phase
Tab. 2.44 zeigt die wichtigsten Schritte in der agilen und klassischen Vorgehensweise für
die Einführungsphase.
Ergebnisse der Einführungsphase
Eine gute Einführung der neuen Lösung und ein vollständiger Abschluss mit einer Aus-
wertung des Projektes sorgen dafür, dass das Projekt abgeschlossen werden kann und
230
2
Methodik
Tab. 2.44 Schritte Phase Einführung
Wichtigste Schritte
Für den Projektabschluss stehen die folgenden Arbeiten an:
– Benutzer befähigen, die neue Lösung produktiv zu nutzen
– Lösung einführen und in Betrieb setzen
– Kontrollieren, ob die Ziele erreicht sind
– Wartung und Unterhalt vorbereiten, Nachfolgeorganisation definie-
ren
– Schlussabrechnung und Nachkalkulation erstellen
– Bericht und Antrag zur Schlussbeurteilung erstellen
– Projektunterlagen an die Wartungsorganisation übergeben
– System an die Anwender oder dem Kunden übergeben (Abnahme-
Protokoll)
– Archivierung der Projektdokumentation vervollständigen und sicher-
stellen (besonders wichtig im Anlagebau bezüglich Produkthaftung)
– Das Projektteam bewusst auflösen
Für die Beurteilung der nachhaltigen Zielerreichung werden mit dem
Auftraggeber nach einer vereinbarten Nutzungszeit die Wirksamkeit und
der Ertrag der Projektziele nochmals überprüft. Evtl. ist eine sofortige
Überprüfung bei der Übergabe sinnvoller.
Worauf ist in der
Einführungsphase
besonders zu achten?
Das Projekt wirklich abschließen und in den Betrieb übergeben. Es ist
wichtig, dass nicht mehr die Projektmitarbeiter für den Betrieb zuständig
sind.
positive Eindrücke hinterlässt. Das Projektteam darf nicht dem „Fast-schon-fertig-Syn-
drom“ verfallen und sich innerlich vom Projekt verabschieden, bevor alle offenen Arbeiten
erledigt sind. Die Schlussfolgerungen aus allfälligen Fehlern können gezogen werden. An-
dere Projekte können vom erarbeiteten und dokumentierten Know-how profitieren.
Wenn das Projekt fertig ist, kann folgendes festgestellt werden:
System, Produkt, Dienstleistung ist der Linie sorgfältig übergeben
Die Benutzer können damit produktiv umgehen
Das Abnahmeprotokoll ist unterschrieben
Die Nachkalkulation ist durchgeführt
Die Dokumentationen über Fachwissen und Erfahrungen liegen vor
Die Schlussbeurteilung ist durchgeführt
Das Projektteam ist entlastet und verabschiedet
Der Termin für die Nachkontrolle ist vereinbart
In der Einführungsphase sind Ergebnisse gemäß Tab. 2.45 relevant.
Mensch und Team
Mit der Einführung gehen sämtliche Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortungen
(Abschn. 4.1.5) vom Projektteam über an die internen oder externen Abnehmer. Den gro-
ßen Erfahrungs- und Wissensvorsprung, den das Projektteam aufgebaut hat, gilt es nun an
2.6
Phase Einführung
231
Tab. 2.45 Ergebnisse der Einführungsphase
Agile Vorgehensweise
Klassische Vorgehensweise
Grundsatz
Bezüglich der Information stehen die Betreiber und Benutzer im Fokus. Die
Aktualisierung und Komplettierung der Dokumente ist für die Projektbetei-
ligten oft unattraktiv, da das Projektziel erreicht ist und mit Dokumenten für
die Nachwelt kaum mehr Lorbeeren geholt werden können. Mit der Einfüh-
rung kann die Brauchbarkeit der Dokumente geprüft werden. Spätestens bei
Revisionen werden die Unterlassungen sichtbar. Die Geschichte holt jetzt
die damaligen Projektverantwortlichen wieder ein!
Prozessorientierte
Ergebnisse
– Projektabschlussbericht: Ergebnisse, Aussagen zum Projektprozess,
administrative Abschlussarbeiten.
– Schlussabrechnung
– Abnahmeprotokoll
Inhaltsorientierte
Ergebnisse
– Schulungsunterlagen, aktualisierte
Instruktionen für Benutzer, Bedie-
nungsanleitungen
– Aktualisierte Ergebnisdokumente
– Product Backlog mit nicht reali-
sierten Features.
– Archivierung
– Schulungsunterlagen, aktualisierte
Instruktionen für Benutzer, Bedie-
nungsanleitungen
– Aktualisierte Ergebnisdokumen-
te, z. B. Baupläne, Dokumente der
Programmierung, Produktbeschrei-
bungen
– Archivierung
die operativ Verantwortlichen zu übergeben. Nur wenn das gelingt, wird es möglich sein,
die wirtschaftlichen Ziele des Projektes wirklich zu erreichen.
Folgende Maßnahmen und Kompetenzen sind wichtig:
In der Einführung wird das Projektteam intensiv mit den Werten und der Kultur des
internen oder externen Leistungsabnehmers konfrontiert (Abschn. 3.4). Die Erfolgs-
faktoren der Zusammenarbeit sind von hoher Relevanz.
Zum erfolgreichen Know-how-Transfer vom Projektteam zum Kunden oder internen
Abnehmer sind die drei Ebenen der Zusammenarbeit neu aufeinander abzustimmen
(Abschn. 1.5).
Für die „inhaltlichen“ Schulungen ist eine Beziehung zwischen dem Projektteam und
den Abnehmern aufzubauen, die Grundvoraussetzung für den gegenseitigen Respekt
und das Vertrauen ist (Abschn. 3.3.7). Adäquate organisatorische Maßnahmen sind zu
treffen.
Die Repräsentanten des Kundensystems verfügen über unterschiedliche Kompetenzen,
was zu Widerstand und Konflikten führen kann. Konfliktmanagement (Abschn. 4.4) ist
in dieser Phase relevant.
Möglicherweise werden schon während der letzten Projektphase einzelne Mitglieder
des Teams abgezogen. Die Projektverantwortlichen sollen in diesem Umbruch einen
guten Prozess des „Adjourning“ (Abschn. 4.2.5) gewährleisten.
232
2
Methodik
Da im Projekt unter Zeitdruck innovative Lösungen erzielt werden müssen, gelingt
nicht immer alles. Darum ist es wichtig, mit dem Scheitern gut umzugehen: „Diene ich
dem Scheitern?“ oder „Dient das Scheitern mir?“ (Abschn. 3.8.5).
Lernende Organisation: Das Projektreview oder die Retrospektive bieten die einmalige
Gelegenheit zu analysieren, was im Projekt gut gelaufen ist und wo Fehler entstanden
sind. Diese Analyse ist wieder auf den drei Ebenen der Zusammenarbeit zu machen
(Abschn. 1.5). Alle drei Ebenen basieren auf gut entwickelten Kompetenzen der Kom-
munikation (Abschn. 3.9).
Mit dem Projektabschluss sind die Leistungen aller Involvierten zu würdigen. Aner-
kennung ist ein wichtiges persönliches Grundbedürfnis (Abschn. 3.3.3) und stärkt die
zukünftige Motivation (Abschn. 3.7) für Projektarbeit.
2.6.2
Einführungsarten
Die Einführung ist rechtzeitig zu planen und vorzubereiten. Idealerweise wird für die Vor-
bereitung der Einführung ein Einführungskonzept in der Phase Konzept oder Realisierung
erarbeitet.
Eine neue Lösung kann auf drei Arten eingeführt werden:
Schlagartig auf einen definierten Termin (Big Bang Ansatz)
Stufenweise, Teilbereich nach Teilbereich
Parallel: Alte und neue Lösung werden gleichzeitig betrieben, bis die neue funktioniert
und bedient werden kann.
Oft ist es schwierig, im Vorfeld genau abzuschätzen, wie sich ein System, eine Anlage
oder eine Prozessanpassung im produktiven Einsatz bewährt. Trotz guter Vorbereitungen
und umfassenden Tests kann es zu unliebsamen Überraschungen kommen, z. B. Perfor-
manceschwierigkeiten bei einer Software. Daher ist eine stufenweise Einführung emp-
fehlenswert. Sollten Probleme auftauchen, so ist nur ein Teilbereich eines Unternehmens
betroffen. Aus der stufenweisen Einführung können die gewonnenen Erfahrungen auch
fortlaufend berücksichtigt werden. Ein paralleler Betrieb von zwei Lösungen ist kosten-
aufwändig und lässt sich selten über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten. Der Big
Bang Ansatz sollte nur in Ausnahmefällen gewählt werden, da dieses Vorgehen hohe
Risiken beinhaltet. Er kann im Zuge der Lancierung eines neuen Produktes oder einem
neuen Service am Markt der Ansatz erster Wahl sein.
Zur Vorbereitung der Einführung sind folgende Punkte zu klären:
Art der Einführung, Einführungsvorgehen
Einführungsmaßnahmen
Einführungsorganisation
Einführungsplanung
Planung der Vorabnahmen und Abnahmen
2.6
Phase Einführung
233
Je nach Art des Projektes muss die Einführung minutiös geplant werden. In gewissen
Fällen macht es Sinn, einen detaillierten Ablaufplan der Einführung mit Checklisten zu
erstellen. Daraus sollte auch ersichtlich sein, wer was wann macht. Ein solcher Ablaufplan
sollte vor der produktiven Umsetzung bereits ein oder zweimal probeweise ausgeführt
werden. Bei der Einführungsplanung ist es zudem von großem Vorteil, eine Rückfallebene
oder einen Plan B vorzubereiten.
In der Vorbereitung wird überlegt, wie der Übergang vom Alten zum Neuen ge-
staltet werden kann. Dabei sind die Prinzipien des Organisation-Change-Management
(Abschn. 1.4.4) zu beachten.
2.6.3
Abnahme und Inbetriebnahme
2.6.3.1
Abnahme
In der vorangegangenen Phase wurde das Produkt oder die Dienstleistung realisiert und
getestet. Basierend auf den Tests in der Realisierungsphase oder auf speziellen Abnahme-
tests werden die Lieferobjekte durch den Auftraggeber abgenommen. Der Auftraggeber
kann diese Kompetenz auch delegieren, z. B. an den Product Owner in der agilen Vorge-
hensweise. Es hilft, wenn für die Abnahme klare Abnahmekriterien definiert wurden. Die
Abnahmekriterien in der klassischen Vorgehensweise sollen sich an den Anforderungen
und dem Lösungskonzept orientieren.
2.6.3.2
Inbetriebnahme
Je nach Projektart erfolgen die Inbetriebnahme und effektive Nutzung der Anlage, des
Produktes oder der Software vor oder während der Abnahme. Bei Dienstleistungen oder
Organisationsanpassungen ist weniger von einer Inbetriebnahme die Rede. Da erfolgt im
Anschluss an die Abnahme die produktive Nutzung. Je nach Größe des Projektes ist es
sinnvoll, bereits in der Realisierungsphase Vor- und Teilabnahmen durchzuführen.
2.6.3.3
Produktivsetzung in der agilen Vorgehensweise
In Scrum wird aus mehreren Sprints ein Release gebildet. Ein Release ist eine auslie-
ferbare Produktversion, welche produktiv gesetzt und den Anwendern zur Nutzung zur
Verfügung gestellt wird. Der Release-Plan wird in der Phase Konzept erarbeitet.
2.6.3.4
Pilotversuch, Nullserie
Bei der Einführung neuer Arbeitsabläufe oder Infrastruktur in einem Unternehmen ist es
sinnvoll, über einen Pilotversuch oder eine Nullserie die Praxistauglichkeit in einer be-
grenzten Organisationseinheit zu überprüfen und erst danach eine Ausdehnung auf die
anderen Organisationseinheiten, Unternehmen der Gruppe oder weitere Länder durchzu-
führen.
Wenn ein Prototyp erfolgreich hergestellt werden konnte, heißt das noch nicht, dass
der Herstellungsprozess beherrscht wird. Durch die Herstellung einer Nullserie mit dem
234
2
Methodik
vorgesehenen Herstellungsprozess können die Prozesse optimiert und allfällige Fehler
rechtzeitig eliminiert werden.
2.6.3.5
Von der Nullserie zur Serienproduktion
Neues System in Betrieb nehmen
Einführung vorbereiten und überwachen
Konsolidierung, Mängel beheben
Organisatorische Regelungen treffen und einführen
Neues System den Benutzern übergeben, Serienproduktion starten
2.6.4
Benutzerschulung/Ausbildung
2.6.4.1
Konzeption Benutzerschulung
Das Ziel der Schulung ist, dass Benutzer mit dem neuen Produkt umgehen oder die neue
Dienstleistung erbringen können. Die Weiterentwicklung der Fähigkeiten der Mitarbeiter
ist ein Garant für die Überlebensfähigkeit des Unternehmens.
Wenn Erfahrungen aus der Pilotphase bzw. von der Nullserie vorhanden sind, können
diese für die benutzerorientierte Dokumentation (z. B. Bedienungsanweisung) und für die
Schulung der Benutzer eingesetzt werden. Welche Schulungsform am besten passt, ist von
verschiedenen Faktoren abhängig:
Gibt es verschiedene Zielgruppen?
Wer ist für die Schulung vorgesehen?
Welche Informationen aus dem Projekt müssen vermittelt werden?
Wie groß ist der Schulungsumfang?
Wann soll trainiert werden? Auf welche Art?
Müssen alle Benutzer gleichzeitig mit der neuen Lösung arbeiten?
Ist die Schulung kurz und heftig, oder ist eine sanfte Einführung vorteilhafter?
Wie werden spätere Benutzer nachgeschult?
2.6.4.2
Arten der Benutzerschulung
Bei jeder Art von Vermittlung neuen Wissens oder neuer Fähigkeiten muss die Frage
nach dem Ziel der Schulung gestellt werden: Was sollen die Teilnehmer nach dem Lehr-
gang wissen bzw. können? Je nach der Situation und Anforderungen eignen sich folgende
Möglichkeiten:
e-learning
Gebrauchsanleitung, Benutzer-Handbuch
Direkthilfe auf dem Bildschirm (Online Help)
Seminar, Workshop
train-the-trainer, power user
2.6
Phase Einführung
235
2.6.5
Überführung in die Betriebsorganisation
Neben der Einführung, Abnahme und Inbetriebnahme und der Benutzerschulung sind
auch die Betriebsorganisation vorzubereiten und die realisierten Ergebnisse an diese Be-
triebsorganisation zu übergeben.
2.6.5.1
Vorbereitung Betrieb
In einem ersten Schritt sind folgende Fragen zu klären:
Wie sieht die Betriebsorganisation aus? Wie ist diese Organisation in die Aufbauorga-
nisation integriert?
Wie sehen die Betriebsprozesse aus?
Welche Aufgaben gibt es im Betrieb zu erledigen?
– Support von Anwendern, Kunden usw. (Supportorganisation evtl. mehrstufig)
– Überprüfung von Prozessschritten
– Periodische Abschlussarbeiten
– Überprüfung und Anpassung von Konfigurationseinstellungen
– Archivierung von Daten
– Benutzerverwaltung
Braucht es eine Betriebsinfrastruktur? Wenn ja, wie sieht diese aus?
Wie wird mit Störungen und Fehlern umgegangen?
Sind Wartungs- und Instandhaltungskonzept erstellt?
Ist die Wartung organisiert?
Sind die Garantieleistungen sichergestellt?
Sind je nach Projektart noch weitere Punkte zu berücksichtigen?
2.6.5.2
Betriebsorganisation
Wenn die Grundlagen für den Betrieb geregelt sind, ist die Betriebsorganisation aufzubau-
en und vorzubereiten.
Die Mitglieder der Betriebsorganisation sind auszubilden. Sie übernehmen idealerwei-
se aktiv Aufgaben bei den Einführungsmaßnahmen.
2.6.5.3
Betriebsübergabe
Die realisierten Ergebnisse und die Dokumentation werden dem Betrieb übergeben. Ne-
ben dem Anwendungs- und dem Betriebshandbuch gehören auch die Systemkonzepte,
Anforderungen und Lösungskonzepte zu der Dokumentation, welche in den Betrieb über-
geben werden. Die Betriebsorganisation hat zu klären, wie und ob diese Unterlagen weiter
genutzt werden. Es ist sinnvoll, den Product Backlog als Grundlage für die kontinuierli-
che Weiterentwicklung weiter zu nutzen. Die Dokumentation soll nicht erst am Schluss,
sondern während des Projektes konzipiert, eingerichtet und laufend gepflegt werden.
236
2
Methodik
Rückschau aus der Metaebene
Projektstart
Beziehungsebene
Inhaltliche Ebene
Organisatorische Ebene
Projektende
Abb. 2.78 Projektrückschau
2.6.6
Projektabschluss
Am Ende des Projektes erfolgt die Projektschlussbeurteilung. Diese Beurteilung dient
einerseits dazu, gewonnene Erfahrung weiterzugeben und die Grundlage für den Projekt-
abschluss zu liefern. Idealerweise beinhaltet die Projektrückschau die unterschiedlichen
Ebenen wie in Abb. 2.78 aufgezeigt.
Die Projektschlussbeurteilung auf der inhaltlichen Ebene gibt Auskunft zu folgenden
Themen:
Beurteilung der Zielerreichung
– Was wurde erreicht und was nicht?
– Welche Ergebnisse wurden geliefert?
Plan/Ist Vergleich zu Kosten und Terminen
Beurteilung der Wirtschaftlichkeit
Allfällige Folgekontrollen im Betrieb – auch nach Ablauf der Garantiefrist – zu Wirt-
schaftlichkeit usw.
2.6
Phase Einführung
237
Neben der inhaltlichen Auswertung, organisatorischen und administrativen Abschluss-
arbeiten soll auch die Zusammenarbeit bewusst reflektiert und abgeschlossen werden
(Abschn. 4.2.5):
Wie hat das Team gearbeitet? Wurden die persönlichen Ziele erreicht?
Was kann aus dieser Erfahrung gelernt werden?
Bestehen schlechte Gefühle oder nicht aufgearbeitete Probleme, die zur Sprache ge-
bracht und zu einem Abschluss geführt werden müssen?
Spätestens hier müssen sich der Projektleiter, der Product Owner und der Scrum Master
damit auseinandersetzen, wie die Zukunft der Projektteammitglieder aussieht: Wohin
gehen sie zurück? Ist ihr Platz in der „Herkunftsorganisation“ gesichert? Brauchen sie
eine Empfehlung oder aktive Unterstützung für ihr Weiterkommen?
Bei jedem Projekt und damit auch mit jeder Projektorganisation soll ein offizieller Ab-
schluss gemacht werden. Damit werden die Projektgremien entlastet und können sich
wieder neuen Aufgaben widmen. Das Projekt ist natürlich nie ganz zu Ende. Es gibt
Nach- bzw. Garantiearbeiten oder es sind Dokumentationen nachzutragen. Dies kann or-
ganisiert und durch beauftragte Einzelpersonen wahrgenommen werden.
Projektmitarbeit wird oft als wichtiges Element für die persönliche Weiterentwicklung
empfohlen. Doch gerade in Projektteams ist die Mitarbeiterförderung noch unterentwi-
ckelt. Die Zusammenarbeit hat mit einer speziellen Startveranstaltung begonnen. Nun soll
sie auch in einem angemessenen Rahmen beendet werden. Dies ist insbesondere dann von
Wichtigkeit, wenn das Projektresultat nicht nur positiv aussieht. Abschließende Klärung
schafft Freiraum für neue, verbesserte Zusammenarbeit.
Analog zum Kick-off soll auch eine Schlussveranstaltung durchgeführt werden. Der
Abschluss soll auf den gleichen drei Ebenen wie der Kick-off erfolgen: Der Prozess wird
auf den unterschiedlichen Ebenen auf sinnvolle Art und Weise beendet, die Erfolge sollen
gefeiert werden.
Organisatorische Themen für die Schlussveranstaltung:
Einführung und Schulung der künftigen Benutzer
Aufbau und Überprüfung der Nachfolgeorganisation: Wer betreibt die Lösung?
Kritische Rückschau: Wie zweckmäßig war die Projektorganisation?
Was kann das Unternehmen daraus für später lernen?
Würdigung der Teamleistungen, Entlastung der Projektmitglieder
Rückmeldungen der Leistungen der Teammitglieder an Führungskräfte
Bewusste Auflösung der Projektorganisation
Evtl. Hilfestellungen für die Reintegration der Teammitglieder in die Stammorganisa-
tion anbieten
Organisation der Nacharbeiten und der späteren Erfolgsüberprüfung (Nachkontrolle)
238
2
Methodik
2.6.7
Checkliste „Abschluss Einführungsphase“
Agile und klassische Vorgehensweise:
Ist es notwendig und vorgesehen, den im Projektauftrag formulierten Nutzen zu
überprüfen?
Wurden die erreichten Resultate mit den Anforderungen des Auftraggebers ver-
glichen?
Stimmt die Funktionalität des Produktes, der Dienstleistung?
Entspricht die Wirkung des Produkts/der Dienstleistung den Zielsetzungen?
Funktioniert die Organisation, welche den richtigen Umgang mit dem Pro-
dukt/der Dienstleistung sicherstellt?
Wurde der Abschlussbericht genehmigt?
Hatten die Mitglieder des Projektteams Gelegenheit, die Zusammenarbeit zu ana-
lysieren und sich gegenseitig Feedbacks zu geben?
Wurden in einem gemeinsamen Rückblick positive und negative Erfahrungen zu
Aufwand, methodischem Vorgehen und Zusammenarbeit ausgewertet und Maß-
nahmen eingeleitet, welche den Know-how-Transfer zu anderen Projekten und
die systematische Prozessverbesserung sicherstellen?
Wurde eine Liste mit allen offenen Punkten erstellt und deren Umsetzung ge-
plant? Ist allen Beteiligten klar, wer bis wann welche Abschlussarbeiten erledigt?
Wo haben die Projektteammitglieder nach Ende des Projektes wieder eine adä-
quate Beschäftigung?
Sind die Ansprechpartner für zukünftige Fragen oder Probleme definiert und al-
len Nutznießern der Projektergebnisse bekannt?
Wer überprüft wann die Nachhaltigkeit und die Wirksamkeit des Projekts?
Wer rechnet wann nach, ob die in der Wirtschaftlichkeitsrechnung geplanten Er-
gebnisse erreicht werden, welchen finanziellen Nutzen das Projekt entfaltet und
wie gut das den Prognosen entspricht?
Spezifische Punkte der klassischen Vorgehensweise
Sind alle Projektdokumente erstellt und abgeschlossen? Wurden alle notwendi-
gen Informationen an die künftigen Benutzer übergeben?
Wurde die Dokumentation auf Vollständigkeit überprüft und archiviert?
Wurde ein Abnahmeprotokoll erstellt und vom Auftraggeber/Kunden unter-
schrieben?
Hat der Projektleiter eine Beurteilung der Leistungen der Projektmitarbeiter
durchgeführt?
Wurden Spitzenleistungen identifiziert und angemessen anerkannt?
2.7
Projektportfolio- und Programmmanagement
239
Spezifische Punkte der agilen Vorgehensweise
Wurde der Product Backlog mit den noch nicht realisierten Wünschen, Anforde-
rungen und Features an die Linie oder Produktmanagement übergeben?
2.7
Projektportfolio- und Programmmanagement
2.7.1
Projektportfolio und Multiprojektmanagement
Organisationen haben viel mehr Projektideen als Ressourcen, die Ideen umsetzen zu kön-
nen. Darum muss eine Projektidee in die formulierte Strategie passen und die gewünschten
Rahmenbedingungen erfüllen, bis sie Platz im strategischen Projektportfolio findet. Die
Unternehmensleitung muss dafür sorgen, dass die vorhandenen Ressourcen zielgerichtet
eingesetzt werden. Mit dem Portfolio soll verhindert werden, dass zu viele Projekte gleich-
zeitig in Angriff genommen werden und sich diese Projekte bei der Ressourcenzuteilung
zu stark gegenseitig behindern. Neben der Ressourcenfrage sind im Projektportfolioma-
nagement aber noch weitere Fragen zu beantworten, wie in Tab. 2.46 aufgelistet.
Um die Verknüpfung zwischen Unternehmensstrategie und Projektsteuerung (Priori-
sierung) herzustellen, ist eine möglichst vollständige Übersicht der „beabsichtigten“ und
„laufenden“ Vorhaben zu erarbeiten. Ein Projektportfolio ist eine Übersicht über alle
vorhandenen Projekte und Programme, welche in Form einer strukturierten Liste oder
grafisch nach unterschiedlichen Kriterien geordnet dargestellt werden.
Der Multiprojektmanagement-Prozess umfasst die Führung aller Projektmanagement-
Prozesse der Aufgaben-Konfiguration und der Priorisierung und Kontrolle von Projekt-
portfolios.
Tab. 2.46 Zu beantwortende Fragen im Projektportfoliomanagement
Wie sieht der Portfoliomix
aus?
Welches sind die richtigen Projekte?
Wann ist der richtige Zeitpunkt, mit einem Projekt zu beginnen?
Welche Projekte laufen überhaupt? Welche laufen auch noch
nächstes Jahr?
Zu viele Projekte?
Sind alle Projekte sinnvoll und nötig? Birgt die Menge der Projek-
te Risiken?
Welche sind die wirklich wichtigen Projekte?
Auswirkungen von Projekt-
Verzögerungen?
Wird ein anderes Projekt davon betroffen?
Was bedeutet das für die Ressourcen (Finanzen, Personen)?
Zukünftig benötigte Qualifi-
kationen?
Wer ist überhaupt in welchen Projekten eingesetzt?
Wie lange noch?
Welche Anforderungen haben geplante Projekte? Sind die Skills
vorhanden?
240
2
Methodik
In der Praxis werden die Begriffe Projektportfolio- und Multiprojektmanagement oft
für das Gleiche verwendet.
Der Projektleiter hat verschiedene Schnittpunkte mit dem Projektportfoliomanagement
zu berücksichtigen. Er hat vor allem Informationen zu seinem Projekt an das Projekt-
portfoliomanagement zu liefern. Dabei handelt es sich um Informationen zu Bewertung,
Abhängigkeiten, Ressourcen oder zum Projektfortschritt. Das Projektportfoliomanage-
ment macht gegenüber dem Projektleiter auch Vorgaben über die Form des Reportings
oder über die zur Verfügung stehenden Mittel.
2.7.1.1
Multiprojektmanagement: Problemfelder, Aufgabenfelder und
Elemente
Keine Transparenz und mangelnde Informationen zu den Projekten oder die Ad-hoc
Steuerung von Projekten sind zwei weit verbreitete Phänomene in Unternehmen. In der
Folge werden oft falsche Entscheide getroffen. Abb. 2.79 zeigt die Problemfelder des Mul-
tiprojektmanagements im Alltag. Aus diesen Problemfeldern lassen sich Aufgabenfelder
und Elemente für das Multiprojektmanagement ableiten (Kunz 2007, S. 24).
Typische Aufgaben der Planung und Entscheidung sind die Multiprojekt-Konfiguration
und die Multiprojekt-Priorisierung. Neben der Zuordnung von strategischen Budgets prüft
Nutzung einheitlicher sowie objektiv gestalteter
Bewertungs- und Entscheidungsprozesse
Abstimmung von Projektvorhaben und
strategischen Budgets auf Unternehmensebene
Engpassorientierte Zuteilung von Ressourcen
zu strategischen Projekten
Sicherstellung einer adäquaten Nutzung
von Bewertungsinstrumenten
Ausrichtung der Projektpriorisierung auf
strategische Erfordernisse
Bewertung und Visualisierung aller
Projekt-Abhängigkeiten
Machtpolitische Friktionen
innerhalb der Projektauswahl
Überschreitung von
strategischen Budgets
Unzweckmässige Ressourcen-
Zuteilung zu Projekten
Fehlende Strategieorientierung
der Projekte
Nichtberücksichtigung von
Wechselwirkungen zw. Projekten
Auswahl nicht wertschöpfender
Projekte, Doppelspurigkeiten
Einrichtung einheitlicher und methoden-
gestützter Monitoring- und Reviewprozesse
Etablierung eines an den Bedürfnissen
orientierten Wissensmanagements
Verlust der Kontrolle über die
Projektgesamtheit
Verlust von projektbezogenem
Erfahrungswissen
Einrichtung einer Multiprojekt-
Führungsorganisation
Etablierung eines Multiprojekt-
Informationssystems
Fehlende organisatorische
Regelungen
Keine zeitnahen projekt- und
portfoliobezogenen Informationen
Problemfelder
Elemente
Aufgabenfelder
Multiprojekt-
Konfiguration
Multiprojekt-
Priorisierung
Multiprojekt-
Kontrolle
Multiprojekt-
Struktur
Abb. 2.79 Problemfelder, Aufgabenfelder und Elemente Multiprojektmanagement
2.7
Projektportfolio- und Programmmanagement
241
Planung und
Entscheidung
Realisation = Projektmanagement
Multiprojekt-
Konfiguration
Multiprojekt-
Priorisierung
Kontrolle
Multiprojekt-
Kontrolle
Strukturierung des Multiprojektmanagements
Abb. 2.80 Elemente Multiprojektmanagement
das Multiprojektmanagement auch laufend die Bewertungskriterien auf ihre Zweckmäßig-
keit und passt sie den Anforderungen an. Die Multiprojekt-Kontrolle dient der laufenden
Überwachung. In vielen Unternehmen hat sich das Projektportfoliomanagement etab-
liert. In der Multiprojekt-Struktur wird die laufende Optimierung und Anpassung der
Organisation abgebildet. Für Unternehmen, welche ein Multiprojektmanagement erst-
malig aufbauen, ist die Multiprojekt-Struktur die zentrale Aufgabe in der Startphase.
Abb. 2.80 zeigt das Zusammenspiel der Elemente des Multiprojektmanagements (Kunz
2007, S. 35).
2.7.1.2
Multiprojektmanagement-Prozess
Abb. 2.81 zeigt den idealtypischen Multiprojektmanagement-Prozess.
In einem ersten Schritt wird das Portfolio konfiguriert. Die restlichen Schritte werden
immer wieder durchlaufen. Je nach Unternehmen wird der Multiprojektmanagement-Pro-
zess quartalsweise bis jährlich durchlaufen. Einzelne Schritte wie das Reporting können
auch in kürzeren Zyklen (z. B. monatlich) stattfinden. Die Periodizität hängt sehr stark
von den Projektarten ab. Unternehmen mit innovativen und agilen Projekten haben ten-
denziell kürzere Zyklen. Hingegen kann einem Unternehmen mit vielen Bauprojekten ein
quartalsweises Reporting völlig reichen.
242
2
Methodik
Reporting
Soll-Ist-Vergleich
Kontrolle
Planung und Entscheidung
Konfiguration Portfolio
Projektbewertung
Priorisierte Projektliste:
Mandatory Projekte
Projekte in Umsetzung
Rangliste mit restlichen Projekten
Ideen
Projektanträge
Laufende Projekte
Inhaltliche Abhängigkeit
Ressourcenverfügbarkeit
Projektportfolio
Abb. 2.81 Idealtypischer Multiprojektmanagement-Prozess
2.7.1.3
Konfiguration des Portfolios
Bei der Konfiguration des Portfolios sind folgende Punkte zu betrachten und festzulegen:
Dimensionieren des Portfolios: Welche Teile des Unternehmens sollen im Portfolio
abgebildet werden?
Bewertungskriterien für die Projektauswahl
Standardisiertes Reporting: Welche Informationen in welcher Periodizität?
Geeignetes Multiprojektmanagement-Informationssystem: Office Anwendung oder ein
spezialisiertes Portfolioboard
Etabliertes Portfolioboard und geklärte Rollen
Regeln des Genehmigungsprozesses
Organisatorische Anpassungen
Wenn ein Unternehmen das Multiprojektmanagement aufbaut, sind dies die zentralen
Aufgabenstellungen. In Unternehmen mit einem etablierten Multiprojektmanagement sol-
len diese Punkte regelmäßig auf die Zweckmäßigkeit überprüft und angepasst werden.
Ist das Portfolio konfiguriert, so sind in einem ersten Schritt die notwendigen Infor-
mationen zu Ideen, Projektanträgen und laufenden Projekten zu sammeln. Dadurch
2.7
Projektportfolio- und Programmmanagement
243
gewinnt der Multiprojektmanager die Übersicht über die geplanten und laufenden Vorha-
ben. Dies ist der erste große Schritt zu einem Portfolio. In der Praxis ist immer wieder
zu beobachten, dass Firmen keine Übersicht über ihre laufenden und geplanten Projekte
haben. Diese mangelnde Transparenz führt spätestens bei der Zuteilung der Ressourcen
zu Friktionen und Problemen.
2.7.1.4
Priorisierte Projektliste
Da Organisationen meist mehr Ideen und Wünsche haben, als sie mit den zur Verfü-
gung stehenden Mitteln und Ressourcen umsetzen können, müssen sie aus den Ideen und
Wünschen die besten und geeignetsten Vorhaben auswählen und selektionieren. Beim Be-
werten der Projekte ist die Frage zu beantworten, welches die richtigen Projekte sind:
Diejenigen, welche den größten Beitrag zur Strategie leisten?
Diejenigen, welche am dringlichsten sind?
Diejenigen, welche den größten Nutzen generieren?
Diejenigen des Auftraggebers mit der höchsten hierarchischen Stellung?
Die Fragen sind vielfältig. Es gibt unterschiedliche Einflussfaktoren, welche auf die
Priorität eines Projektes einwirken, wie in Abb. 2.82 gezeigt.
Projekt-
Priorität
Strategische
Bedeutung
Monetärer
Wert
Relativer
Vergleich
Politische
Motive
Projekt-
Abhängigkeiten
Projektrisiko
+ Flexibilität
Abb. 2.82 Einflussfaktoren auf Projekt-Priorität
244
2
Methodik
Tab. 2.47 Prioritätsklassen und Handlungsempfehlungen
Prioritätsklasse
Bedeutung für das Unternehmen
Handlungsempfehlung
Mandatory
Gesetzliche Auflagen, existenznotwe-
nig für die Organisation, zwingende
SW/HW-Updates
Vollständige Durchführung
A
Strategisch ausgerichtet und/oder hohe
Wirtschaftlichkeit
Vollständige Durchführung, sofern
keine andere Priorisierung aufgrund
von Interdependenzen erfolgt
B
Positive Wirtschaftlichkeit
Durchführung aufgrund von Ran-
kingliste unter Berücksichtigung von
Interdependenzen
C
Geringe oder negative Wirtschaftlich-
keit
Nicht durchführen
Für die Priorisierung von Projekten werden oft Prioritätsklassen verwendet. Tab. 2.47
zeigt eine mögliche Prioritätsklassifizierung. Aus den Prioritätsklassen können Hand-
lungsempfehlungen abgeleitet werden.
Bewerten von Projekten heißt, eine eindeutige Projektpriorität finden. Diese Projekt-
priorität dient als Basis für die Entscheidungen bezüglich Budgetzuteilung und Durch-
führung eines Projektes. Mindestens für die Prioritätsklassen B und C sollte noch eine
Rankingliste erstellt werden. Dazu ist es hilfreich, die Kriterien und Gewichtungen zu defi-
nieren, welche die „richtigen“ Projekte auszeichnen. Ein einheitliches Bewertungsschema
ist absolut zentral und zwingend. Die Bewertungskriterien können auch in Kategorien
zusammengefasst werden. Abb. 2.83 zeigt typische Kategorien in der Projektbewertung.
Mittels einer Nutzwertanalyse wird eine Rankingliste mit einer eindeutigen Prioritätsrei-
henfolge gebildet.
Die Tab. 2.48, 2.49 und 2.50 zeigen mögliche Bewertungskriterien für die in Abb. 2.83
genannten Kategorien. Die Bewertungskriterien sind individuell auf das Unternehmen
auszurichten. Durch das wandelnde Umfeld der Unternehmen sind diese Bewertungskri-
terien auch laufend den neuesten Umständen anzupassen.
Am Schluss der Bewertung der Projekte steht eine priorisierte Projektliste zur Verfü-
gung.
2.7
Projektportfolio- und Programmmanagement
245
Dringlichkeit
20%
Beitrag zur Strategie
40%
Wirtschaftlicher Nutzen
30%
Nicht-monetärer Nutzen
10%
Total
100%
Projekt
Prioklasse
Priorität
P1
Mandatory
1
P8
Mandatory
2
P6
A
6
P2
A
7
P5
B
12
Priorität
(Nutzwertanalyse)
Abb. 2.83 Typische Kategorien in der Projektbewertung
Tab. 2.48 Bewertungskriterien für die Kategorie Dringlichkeit
Kriterium
Kein
(0 Punkte)
Klein
(1 Punkt)
Mittel
(2 Punkte)
Groß
(3 Punkte)
Mandatory – Gesetzliche/
Regulatorische/Compliance
Zwänge
Nein
–
–
Ja
Mandatory – Technologische
Zwänge (HW-/SW-/Security-
Updates)
Nein
–
–
Ja
Einführungstermin verschiebbar Um 3 Jahre
Um 2 Jahre
Um 1 Jahre
Nicht ver-
schiebbar
Stadium, in welchem sich das
Projekt befindet
Idee/
Vorstudie
Konzeptphase Frühe Realisie-
rungsphase
Späte Reali-
sierungspha-
se/Einführung
246
2
Methodik
Tab. 2.49 Bewertungskriterien für die Kategorie Beitrag zur Strategie
Kriterium
Kein
(0 Punkte)
Klein
(1 Punkt)
Mittel
(2 Punkte)
Groß
(3 Punkte)
Beitrag zur Erreichung strategi-
sches Ziel XY
Keinen Beitrag
25 %
50 %
100 %
Reduktion der ICT Kosten
Keine Reduktion
25 %
50 %
100 %
Erhöhung der Kundenbin-
dung/Kundenzufriedenheit
Keine Erhöhung
Um < 5 %
Um 5–10 %
Um > 10 %
Erschließung neuer Märkte
Nein
–
Teilweise
Ja
Schaffung von Wettbewerbs-
vorteilen
Nein
–
–
Ja
Schaffung von Innovation
Nein
–
–
Ja
Tab. 2.50 Bewertungskriterien für die Kategorien wirtschaftlicher und nicht-monetärer Nutzen
Kriterium
Kein
(0 Punkte)
Klein
(1 Punkt)
Mittel
(2 Punkte)
Groß
(3 Punkte)
Net Present Value, NPV
Negativ
= 0
–
Positiv
Return on Investment, ROI
3 Jahre
2 Jahre
1 Jahr
< 1 Jahr
Erwarteter Nutzen/Mehrwert
Keinen
Gering
Hoch
Sehr hoch
Imagegewinn
Nein
–
Teilweise
Ja
Steigerung Attraktivität als Arbeit-
geber
Nein
–
Teilweise
Ja
Verbesserung der Qualität/
Verminderung der Fehlerquote
Keine Senkung
der Fehlerquote
Um < 5 %
Um 5–10 %
Um > 10 %
Aufbau von internem Know-how
Nein
–
Teilweise
Ja
Minimierung von Risiken/Senkung
des Risikoindexes
Keine Senkung
Um < 5 %
Um 5–10 %
Um > 10 %
2.7.1.5
Inhaltliche Abhängigkeiten
In einem nächsten Schritt sind die inhaltlichen Abhängigkeiten zwischen den Projekten
zu klären:
Was sind die Beziehungen unter den Projekten?
Welches sind die inhaltlichen Abhängigkeiten zwischen den Projekten?
Welches Synergiepotenzial existiert?
Welche Risiken entstehen aus der Summe der Projekte?
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Alle Projekte jetzt sofort?
– Wenn die fachlichen Abhängigkeiten und Risiken gering sind.
– Wenn die personellen und finanziellen Ressourcen es zulassen.
Wenn ein Projekt abhängig vom Ergebnis eines anderen Projektes ist, so kann dies zu
Anpassungen in der priorisierten Projektliste führen. Um die Abhängigkeiten zu analy-
2.7
Projektportfolio- und Programmmanagement
247
Geschäftsleitung
Externe
Fachbereich A
Fachbereich B
Fachbereich C
20%
4
X
X
3
20%
4
7
8
9
2
6
5
40%
4
2
6
5
8
X
Projekte
1
2
Ressourcen
3
4
2
3
9
7
6
4
Abb. 2.84 Multiprojektstruktur
sieren, braucht es vertiefte inhaltliche Kenntnisse der einzelnen Projekte. Da dies in der
Praxis vielerorts fehlt, wird die Abhängigkeitsanalyse oft vernachlässigt.
2.7.1.6
Ressourcenverfügbarkeit und -abhängigkeiten
Die Ressourcenverfügbarkeit und -abhängigkeiten müssen als Nächstes geklärt wer-
den. Werden in einem Unternehmen gleichzeitig mehrere Projekte durchgeführt, die ganz
oder teilweise auf dieselben Ressourcen zugreifen, können bei personellen Ressourcen
(Spezialisten) oder speziellen Einrichtungen und Maschinen Ressourcenkonflikte entste-
hen. Es muss eine Multiprojektplanung durch die Ressourcenverantwortlichen, die Füh-
rungskräfte oder Fachbereichsleiter durchgeführt werden, wie Abb. 2.84 zeigt.
Die Projektleiter planen die Projekte bezüglich Tätigkeiten und Terminen (Projekt-
sicht) und geben der Linie ihren Ressourcenbedarf und ihre Wünsche bezüglich bevorzug-
ter Ressourcen mit Zeitpunkt bekannt. Der Linienverantwortliche, der über die Ressourcen
verfügt, muss die Bedürfnisse aller Projekte zusammenfließen lassen in einer Ressour-
ceneinsatzplanung über alle Projekte und alle Ressourcen, für die er verantwortlich ist.
Zusätzlich berücksichtigt er alle Grundlasten für jeden Mitarbeiter: Linienaufgaben, Ab-
wesenheiten, Nebenaufgaben usw. Der Einsatzplan, den die Linie für jeden Mitarbeiter
248
2
Methodik
erstellt, stellt alle Aufgaben dieses Mitarbeiters über alle Projekte dar, in die er involviert
ist.
Im Multiprojektmanagement kann die Ressourcenverfügbarkeit auch in einer Gegen-
überstellung von benötigten und verfügbaren personellen Ressourcen über alle Fachberei-
che erfolgen. Dabei werden die Über- oder Unterbelastungen der einzelnen Mitarbeiter
eruiert.
Unabhängig davon, ob die Überprüfung der Ressourcenverfügbarkeit und -abhän-
gigkeiten auf Ebene des Fachbereichs oder auf Ebene der ganzen Organisation erfolgt,
geht es um die Frage, ob die richtigen personellen Ressourcen in genügendem Masse vor-
handen sind.
2.7.1.7
Das Projektportfolio
Die Berücksichtigung der inhaltlichen Abhängigkeiten und der Ressourcenverfügbarkeit
und -abhängigkeiten führen zu Anpassungen in der priorisierten Projektliste. Das Ergebnis
stellt dann das Projektportfolio dar, welches umgesetzt werden soll.
Das Projektportfolio ist eine Übersicht über alle vorhandenen Projekte, welche in Form
einer strukturierten Liste oder grafisch – nach unterschiedlichen Kriterien geordnet –
dargestellt werden. Dabei ist die Organisation frei, nach verschiedenen Projektarten zu
unterscheiden, etwa interne und externe, kurz- und langfristige, hochkomplexe und stan-
dardisierte oder Kunden- und Infrastrukturprojekte.
Für die grafische Darstellung werden die Projekte oft anhand von zwei wichtigen Be-
wertungskriterien dargestellt, siehe Abb. 2.85. Je nach Natur der Vorhaben genügt dazu
bereits eine Aufschlüsselung in duale Kriterien-Paare, wie z. B. Chancen vs. Risiken, Kos-
ten vs. Nutzen. Häufig werden mehrere solche Sichtweisen über ein und dasselbe Projekt
erstellt. Ein Projektportfolio kann aber auch mehrdimensional aufgebaut werden bezüg-
lich:
Beitrag zur Strategieumsetzung
Dringlichkeit
Ökonomischer Kriterien (Kennzahlen, Markt)
Ökologischer Kriterien
Chancen/Risiken
Muss-Kriterien (Neue Gesetze, Technologiesprünge)
Wie in Abb. 2.85 gezeigt, können die Kosten der Projekte über die unterschiedliche
Größe der Fläche des dargestellten Projektes visualisiert werden.
2.7.1.8
Reporting
Das Reporting im Multiprojektmanagementprozess hat den Fokus auf der Gesamtheit der
laufenden Projekte und basiert auf dem Controlling in den einzelnen Projekten (siehe
Abschn. 2.5.6 und 2.5.7). Das Reporting hilft, das Projektportfolio zu steuern und Hand-
lungsbedarf zu identifizieren. Das Reporting kann wie folgt gegliedert werden:
2.7
Projektportfolio- und Programmmanagement
249
Kriterium 1
Kriterium 2
P5
P6
P7
P8
P9
P10
P4
P3
P2
P1
Abb. 2.85 Beispiel Projektportfolio
Fortschrittskontrollen: Project on Track?
Ergebniskontrollen: Wurden die Ziele erreicht?
Reviews: Stimmen die strategische Ausrichtung und Prioritäten noch?
Für die Fortschrittskontrolle werden auf der Ebene des Projektportfolios beispiels-
weise die Monats-Reportings der einzelnen Projekte konsolidiert, wie in Abb. 2.86 ge-
zeigt.
Die Ergebniskontrolle erfolgt in einem ersten Schritt auf der Ebene Projekt. Beim
Projektabschluss wird geprüft, ob die gesetzten Ziele erreicht wurden und die geplan-
te Wirkung eingetreten ist. Auf Ebene Multiprojektmanagement werden die Ergebnisse
konsolidiert und zusammengeführt.
Reviews haben das Multiprojektmanagement selber im Fokus und finden quartalswei-
se, halbjährlich oder jährlich statt. Dabei geht es um die Überprüfung der strategischen
Relevanz der Multiprojekt-Konfiguration und um die Identifikation eines allfälligen An-
passungsbedarfs. Weiter sollen auch die Bewertungskriterien für die Priorisierung über-
prüft werden.
250
2
Methodik
Stand: 01.10.2018
Projektname
Start
Ende
Aktuelle Phase
Sept
Okt
Scope
Zeit
Kosten
Risiken
Qualität
Belflower
5-2018
1-2019
04 - Realisierung
Dandelion
10-2018
3-2019
01 - Beauragung
Edelweiss
1-2016
4-2020
04 - Realisierung
Hibiskus
10-2017
4-2020
02 - Inialisierung
Lily
12-2017
4-2018
05 - Einführung
Rose
1-2011
5-2019
04 - Realisierung
Tulip
9-2017
6-2018
05 - Einführung
Violet
4-2017
6-2019
04 - Realisierung
on track
PL Eskalaon
GL Eskalaon
abgeschlossen
Abb. 2.86 Beispiel eines Monats-Reportings auf Portfolioebene
2.7.1.9
Stufen zu einem exzellenten Portfoliomanagement
Der Aufbau des Portfoliomanagements erfolgt in Stufen und dauert mehrere Jahre.
Tab. 2.51 zeigt die möglichen Stufen im Aufbau eines exzellenten Portfoliomanagements.
Um die Stufe der Exzellenz zu erreichen, sind unter anderem folgende kritischen Er-
folgsfaktoren zu berücksichtigen:
Kriterien und Methoden müssen auf das Unternehmen angepasst sein: Was ist wichtig?
Priorisierungssystem liefert klare und eindeutige Lösungen
Einheitliche und über längeren Zeitraum stabile Projektbewertungsmethodik/-kriterien
Priorisierungssystem ist transparent und von allen Beteiligten nachvollziehbar
Datenqualität ist Voraussetzung für ein gutes Ergebnis
Definierter und gelebter Prozess für das Multiprojektmanagement
Unterstützung durch das Top-Management
2.7.2
Programmmanagement
Ein Programm ist die Gesamtheit von miteinander verbundenen Projekten und organi-
satorischen Änderungen. Ein zentrales Element ist die konsequente Ausrichtung eines
Programms an einer übergeordneten Strategie (Neustrategie oder periodische Überar-
beitung der Strategie). Das Programm wird als Instrument verwendet, um der Strate-
gieumsetzung mehr Schub zu geben. Dem gegenüber streben Linienorganisationen nach
Stabilität und einer kontinuierlichen Mitarbeiterentwicklung. Sie richten sich nach zeitlich
länger dauernden KVP-Prozessen aus.
Durch die Bündelung von Projekten unter einer Programmmanagement-Führung er-
hofft man sich eine signifikante Verbesserung in der Planung, Priorisierung, Durchführung
2.7
Projektportfolio- und Programmmanagement
251
Tab. 2.51 Stufen zu einem exzellenten Portfoliomanagement
Stufe
Ziel
Leistungen
Aktivitäten
Realisierungs-
dauer
Information
– Transparenz
– Übersicht
– Gesamtsicht der
laufenden und
geplanten Projekte
– Grund-Auswertun-
gen zum Portfolio
(Kosten, Fort-
schritt)
– Gemeinsame Pro-
jekt-Eckdaten
– Einheitliches Re-
porting
– Einheitliches Ab-
wicklungsraster für
Projekte
Nach 0,5–
1,5 Jahren
Methoden
+ Prozesse
– Harmonisierte
und durch-
gesetzte
Vorgehenswei-
sen, Methoden
und Tools
– Nachvollziehbare
Bewertungen von
Ideen/Projekten
– Analyse von Pro-
jekt-Beziehungen
– Portfolio-Re-
porting mit
Empfehlungen
– Projekt-Entsteh-
ungs- und Re-
porting-Prozesse
vereinheitlichen
– Methoden einfüh-
ren
– Funktionsfähige
Organisations-
Einheit bilden
(Rollen definieren)
Nach 2–3
Jahren
Exzellenz,
Strategieori-
entierung
– Aktiv gesteuerte
Projekt-Land-
schaft
– Nachweise der
Wirksamkeit über
Kennzahlen
– Dedizierte Aus-
wertungen zu
Aufwand und Wir-
kung
– Planungsrelevante
Analysen für alle
Stakeholder
– Projekt- und
Ressourcen-
management
integrieren
– Strategieprozess
verbinden/
integrieren
– KVP betreiben
Nach > 4
Jahren
und Steuerung der Vorhaben gegenüber der Vorgehensweise, diese Projekte individuell
abzuwickeln.
2.7.2.1
Was kennzeichnet ein Programm?
Programme haben, wie Projekte, einen Anfang und ein (geplantes) Ende: Initialisierung,
Durchführung und Abschluss.
Ein Programm bezieht sich auf eine oder mehrere strategische Zielsetzungen. Es hat
eine Mission und Vision. Die Bezugnahme zur Strategie ist ein essentielles Bildungskri-
terium für Programme.
Bei Programmstart sind die zum Programm gehörenden Projekte evtl. noch nicht voll-
ständig definiert – in der Initialisierungsphase entsteht hingegen eine generelle grobe
Roadmap für das Programm.
Es ist notwendig, die Eignung (Projektbewertung) einzelner Projekte innerhalb des Pro-
gramms im Hinblick auf die Strategie kontinuierlich zu überprüfen.
252
2
Methodik
Die Projekte und ihre konkretisierten Ziele sowie Anforderungen müssen sich immer
an den zum Programm gehörenden strategischen Zielsetzungen orientieren. Projekte in-
nerhalb eines Programms haben inhaltliche und zeitliche Bezüge untereinander. Spätere
Projekte innerhalb des Programms sind abhängig von den Ergebnissen früherer Projekte.
2.7.2.2
Mehrwert der Programmorganisation
Die Einführung einer Programmorganisation muss einen Mehrwert bringen. Folgende
Mehrwerte (Treiber) erhofft man sich von Programmen:
Das Programm steuert ein Thema fachlich und schafft eine Kohärenz zur Thematik.
Die Bildung von Programmen führt zu einer transparenteren Planung und Steuerung,
insbesondere der finanziellen Prozesse: Top Down, konsequente Ausrichtung auf stra-
tegische Zielsetzungen, „Herunterbrechen“ von Zielsetzungen.
Die Qualität der Projektdefinitionen sollte besser sein im Sinne einer besseren Ausrich-
tung der Projektziele, der Leistungen und deren erhofften Wirkungen auf die strategi-
schen Handlungsfelder.
Die Bedeutung einzelner Projekte innerhalb des Programms im Hinblick auf die Stra-
tegie wird kontinuierlich überwacht.
Bei notwendigen Entscheiden zu Priorisierungen von Projekten innerhalb des gleichen
Programms wird die Entscheidung weggezogen von primären Linieninteressen („das
ist wichtig“) und hin zur konsequenten Ausrichtung und Bewertung des Beitrags zur
Erreichung der strategischen Zielsetzungen geführt.
Ein weiterer Vorteil liegt in der standesgerechten Entscheidungshierarchie:
Die Geschäftsleitung bestimmt Strategie und Mittel.
Das Programm behält auf taktischer Ebene die angestrebten Ziele im Auge.
Die Projekte haben, einmal definiert, einen vorwiegend operativen Fokus.
2.7.2.3
Unterscheidung Projekt- und Programmmanagement
Die Tab. 2.52 zeigt die Unterschiede zwischen Projekt- und Programmmanagement auf.
2.7.3
Project Management Office – PMO
Immer mehr Organisationen sehen die Notwendigkeit, ihr Projektgeschäft gesamthaft zu
managen, zu steuern und zu überwachen. Die Auslöser dazu reichen von der Steuerung
des Programmmanagements und der Multiprojektplanung, vom Wettbewerbsdruck über
die Pflicht zum Nachweis der wirtschaftlichen und wirksamen Verwendung von Mitteln
bis hin zur Steuerung der Arbeitslast der Mitarbeiter, um deren Überlastung und Burnout
zu vermeiden.
2.7
Projektportfolio- und Programmmanagement
253
Tab. 2.52 Projektmanagement versus Programmmanagement
Charakteristik
Projekt
Programm
Änderungen
Ein Projekt versucht tendenziell Än-
derungen zu minimieren ( Termin,
Kosten, Qualität).
Ein Programm erwartet Änderungen und
geht auf diese ein, sofern sie im Hinblick
auf die Erreichung der strategischen
Ziele erfolgversprechend erscheinen.
Führungsstil
Hauptaugenmerk liegt auf der Ab-
wicklung des Projektes und der
Erstellung der definierten, vertrag-
lich zugesicherten Lieferobjekte.
Hauptaugenmerk liegt auf dem Bezie-
hungsmanagement und der Lösung
allfälliger Konfliktsituationen wie Pro-
jektabhängigkeiten, Programm/Linie,
Interessenkonflikte, Ressourcenzutei-
lung, Kapitalbedarf.
Management-
stil
„Teamplayer“, welcher seine Fä-
higkeiten und sein Know-how
hauptsächlich zur Team-Motivati-
on einsetzt.
Überblick bewahren, Akzent auf Mission
und Vision des Programms legen.
Monitoring
Sicht nach innen ins Projekt.
Sicht zwischen den Projekten sowie
zu den Schnittstellen zu Projekten
außerhalb. Sucht systematisch nach Syn-
ergiepotenzial respektive das Programm
gefährdenden Risiken.
Planung
Detaillierte Arbeitspaketplanung,
Ressourcenzuordnung, etc.
Roadmaps sowie Handlungsvorschrif-
ten für Projektleiter bezüglich Planung
(ähnlich wie QS-Vorgaben, Risikoma-
nagement usw.).
Scope
Üblicherweise wird ein wohl de-
finierter, eingeschränkter Scope
verfolgt, fokussiert auf die in-
haltliche, organisatorische und
beziehungsmäßige Abwicklung des
zugewiesenen Projektes.
Scope auf Programmebene ist breiter und
kann Änderungen erfahren, um strategi-
sche Zielsetzung zu erreichen.
Erfolg
Kundenzufriedenheit
Termin, Kosten, Qualität
Return on Investment (ROI), KPI, Er-
reichen des strategischen Ziels oder
zumindest Wirkungsnachweis.
Eine solche Stabfunktion der Geschäftsleitung, welche diese Aufgaben erledigt, wird
mehrheitlich Project Management Office (PMO) genannt. Andere gebräuchliche Namen
sind auch „Projektbüro“ oder „Competence Center Project Management“. Die jeweiligen
Aufgaben, Verantwortungen und Befugnisse eines PMO können unterschiedlich weit de-
finiert sein. Je zentraler die Managementfunktionen des Projektmanagements im PMO
zusammengeführt werden, desto mächtiger und steuernder für die ganze Organisation
wird es. Im Idealfall wird es das Unterstützungs- und Kompetenzzentrum für Projekte und
definiert, wie Projekte, Programme, Projektportfolios und das Tagesgeschäft einer Orga-
nisation aufeinander abgestimmt und mit möglichst großer Wirksamkeit gesteuert werden
254
2
Methodik
können. Je nach Reifegrad der Organisation werden Funktionen und Aufgaben von einem
PMO geleistet. Diese lassen sich in vier Kernfunktionen zusammenfassen:
Unterstützungsfunktion: Unterstützung für die einzelnen Projekte in der operativen
Projektarbeit, z. B. Projektdokumentationen und Berichte verfassen und andere klassi-
sche Back-Office-Aufgaben.
Beratungsfunktion: Projektleiter und -mitarbeiter beraten, coachen und trainieren,
Prozessstandards definieren und pflegen, Methoden und Tools bereitstellen
Koordinationsfunktion: Schnittstellen- und Kommunikationsmanagement (Termine,
Inhalt und Umfang, Synergien). Hierzu gehört die Ressourcenkoordination zwischen
der Linie und den Projekten (siehe auch Abschn. 2.7.1.6 Multiprojektmanagement).
Governance-/Regulierungsfunktion:
Strategisches
Projektportfolio-Management
und Projektportfolio-Steuerung bewirtschaftet die Projekt-Priorisierung und Ge-
nehmigung des Projektportfolios und das Projektcontrolling in einem Multiprojekt-
Unternehmen.
2.7.4
Projektmanagementhandbuch
Ein projektorientiertes Unternehmen erstellt sinnvollerweise eine Projektmanagement-
Richtlinie in Form eines Handbuches, welches die für alle Projektabwicklungen geltenden
Regeln definiert und verbindlich erklärt. Die Projektmitarbeiter werden diese Projekt-
kultur dann am schnellsten übernehmen und leben, wenn sie die Regeln nachvollziehen
können und das ganze Dokument als Hilfe empfinden. Das ist dann der Fall, wenn das Do-
kument schlank und einfach verständlich ist, die Mitarbeiter bei der Erstellung beigezogen
wurden und auch nützliche Hilfsmittel angeboten werden z. B. Vorlagen, Instrumente und
Checklisten.
Bei komplexen Projekten sind diese Vorgaben vollumfänglich und strikt einzuhalten.
Bei kleinen Routineprojekten werden die Schritte den unternehmerischen Bedürfnissen
angepasst und skaliert angewendet. Für wichtige Projekte kann eine an die Projektbedürf-
nisse angepasste Form erstellt werden gemäß Abschn. 2.3.13. Das Projektmanagement-
handbuch gilt unternehmensweit. Das Projekthandbuch gilt spezifisch für ein einzelnes
Projekt.
Mögliche Themen in einem Projektmanagementhandbuch sind:
Geltungsbereich
Definition „Projekt“
Projektarten (Organisation, ICT, Produktentwicklung, Infrastruktur)
Projektkategorien (Strategisch, International, Klein-Projekte)
Übersicht der Prozesslandschaften, Wertschöpfungskette, Phasenplan, Meilensteine,
Reviews, Freigaben, klassische und agile Vorgehensweise
Beschreibung der Tätigkeiten, zugehörende Dokumente
2.8
Lösungsfindung
255
Projektorganisation, Teamzusammensetzung, Steuerungsgremien
Zuständigkeiten, Verantwortlichkeiten, Kompetenzen
Stakeholder-Analyse, Funktionendiagramm, Eskalationswege
Planung der Termine und Kosten, Multiprojektmanagement
Information, Kommunikation
Change Request Management
Handhabung der Risiken
Projektcontrolling, Kosten- und Terminüberwachung, Berichterstattung
Projektabschluss
Mitgeltende Dokumente, Tools, Templates, Checklisten
Know-how-Transfer, kontinuierlicher Verbesserungsprozess
Zusammenarbeit Linienorganisation/Projektorganisation
Kompetenzen, Verantwortlichkeiten, Projektleiterkarriereplanung
Glossar
2.8
Lösungsfindung
2.8.1
Kreativitätstechnik, Lösungsfindung und Lösungsauswahl
Die Lösungssuche folgt auf die Zielformulierung und ist der spielerisch-kreative Teil eines
Problemlösungsprozesses. In diesem Schritt des Lösungsfindungsprozesses ist eine Reihe
von Varianten zu finden. Die Tauglichkeit der Lösungsideen wird danach geprüft. Die bes-
ten Varianten werden schließlich in einer systematischen Gegenüberstellung bewertet. Die
Methoden der Lösungsfindung werden in der klassischen Vorgehensweise hauptsächlich
in der Konzeptphase und in der agilen Vorgehensweise hauptsächlich in der Realisierungs-
phase angewandt.
Das Projektteam soll in der kreativen Phase der Lösungssuche eine bewusste Abstrak-
tion vom realen Projektumfeld und dessen Rahmenbedingungen vornehmen, um nicht in
„altbekannte“ Lösungsmuster zu verfallen. Je komplexer die Problemstellung ist, umso
vielseitiger müssen verschiedene Techniken und Denkweisen angewendet und kombiniert
werden, um eine gute Lösung zu finden.
2.8.1.1
Ohne Neugierde keine Kreativität
Kreativität ist die Fähigkeit des Menschen, Denkergebnisse beliebiger Art hervorzubrin-
gen, die im Wesentlichen neu sind und demjenigen, der sie hervorgebracht hat, vorher
unbekannt waren. Kreativität braucht vor allem Intuition, Intelligenz ist sekundär. Vie-
le kreative Lösungen werden unbewusst vorbereitet. Der Moderator soll in dieser Phase
ein Klima schaffen, das die Selbständigkeit der Teammitglieder und den Spaß am Fin-
den neuer Ideen fördert. Die Projektziele sollen die Emotionen ansprechen und damit die
Neugier des gesamten Projektteams anstacheln. Abb. 2.87 zeigt Fragen zur Aktivierung
der Lösungssuche.
256
2
Methodik
Was lässt sich ändern, umdrehen,
auf andere Art anordnen?
• Bedeutung
• Wirkung
• Farbe, Aussehen
• Klang, Lautstärke
• Bewegung, Gangart, Antrieb
• Material, Technologie
Was lässt sich vermindern?
• weglassen
• ausschalten
• aufteilen
• konzentrieren
• bewusst mildern
• abschwächen
• leichter machen
• verkleinern
Was lässt sich kombinieren?
• kombinieren
• mischen
• verteilen
• sortieren
• parallel, seriell
Abb. 2.87 Fragen zur Aktivierung der Lösungssuche
2.8.1.2
Möglichkeiten, kreativ zu werden
Kreativität wird häufig durch Blockaden behindert, siehe Tab. 2.53. Solche Blockaden
werden meist unbewusst von uns selbst oder aber durch äußere Einflüsse und ungünstige
Umstände geschaffen oder verstärkt.
Blockaden können teilweise überwunden, die Kreativität kann positiv beeinflusst wer-
den durch:
ein arbeitsfähiges, spannungsarmes Team
eine ungezwungene Arbeitsatmosphäre
klare Aufgabenstellung und Zielvorstellung
die Fähigkeit, ein Urteil aufschieben zu können
verschiedene Perspektiven, Optiken, Standpunkte
Erlaubnis, Dinge auf den Kopf zu stellen
Arbeiten mit Analogien aus der Natur
Zulassen von Phantasien und Bildern
Visualisierung aller Beiträge bzw. Ideen
Verwendung des Zufalls
2.8
Lösungsfindung
257
Tab. 2.53 Blockaden der Kreativität
Physische und umweltbedingte
Blockaden
Soziologische Blockaden
Psychologische Blockaden
Umgebung
– Schlechter Arbeitsplatz
– Schlechte/mangelhafte
Arbeitshilfsmittel
– Lärm, Temperatur
– Anrufe, Störungen
– Ungünstiger Zeitpunkt
Befindlichkeit
– Ermüdung
– Angegriffene Gesundheit
– Burnout
– Stress
Kulturell
– Mangel an Anerkennung
– Tabus, Sitten, heilige Kühe
– Kulturelle Muster
– Mentalität
Gruppenarbeit
– Zusammenspiel
– Konflikte, Spannungen
– Rivalität
– Ausgeprägter Wettbewerb
– Entmutigung und Kritik
– Zu viele Teilgruppierungen
Management, Politik
– Zu starre oder strenge insti-
tutionelle Kontrollen
– Reglementierung der
Kommunikation
– Bürokratie
– Keine Wertschätzung für
kreative Arbeit
– Einseitige Tätigkeit
– Zu viele Routinearbeiten
– Über-Administration
– Formalismus
Verschlossenes Denken und
geistige Starrheit
– Konformismus
– Funktionelle Fixation
– Ablehnung neuer Ideen
– Gewohnheiten
Kognitive Dissonanzen
– Autoritätsabhängigkeiten
– Furcht vor Änderungen
– Angst vor Risiko
– Vorgefasste Meinungen
– Perfektionismus, Suche nach
dem Absoluten
– Widersprüchliche Ziele
Motivation
– Angst vor dem totalen
Engagement
– Enttäuschung in der Arbeit
– Unentschlossenheit
– Mangel an Selbstvertrauen
– Mangel an Neugier
– Mangel an Sicherheiten
– Psychologische Sättigung
– Anspruchslose Ziele
Um das für die Erarbeitung von Lösungsideen vielfach notwendige Potenzial unse-
rer Kreativität zu erschließen, sind verschiedene Kreativitätstechniken entwickelt worden.
Sie werden angewendet, wenn keine Routinelösungswege bekannt sind. Dabei werden
intuitiv-kreative Methoden und analytisch-systematische Methoden unterscheiden. Meist
werden in einem Lösungsprozess – je nach Detaillierungsstufe – mehrere Techniken nach-
einander angewendet.
Ein kreativer Prozess läuft in drei Phasen ab, siehe Abb. 2.88. Diese können fließend
ineinander übergehen. Sicher braucht es eine Aufwärmzeit, eine logische Phase, damit
ein Team in der folgenden intuitiv-kreativen Phase Höchstleistungen erbringen kann. Eine
sportliche Höchstleistung gelingt auch nur mit richtigem Aufwärmen.
2.8.1.3
Brainstorming
Brainstorming wurde in den 1940er Jahren vom Amerikaner A. F. Osborn entwickelt mit
dem Ziel, den Strom der Ideenerzeugung in einer Problemlösungskonferenz ungehindert
produktiv und effektiv fließen zu lassen. Er trennte den Kreativitätsprozess von der sofor-
tigen Diskussion der Tauglichkeit der jeweiligen Ideen ab.
258
2
Methodik
Intuitive
Phase
Kritische
Phase
Idee wird auf ihre Brauchbarkeit und Realisierbarkeit überprüft
Problem verstehen und abgrenzen, intensive Beschäftigung mit
dem Problem, Wissen ansammeln
Aufbruch zu neuen Lösungsansätzen, Abstand vom bekannten
Problem, Abstand von bekannten Problemlösungen
Erste Lösungsansätze im bekannten Bezugssystem
Die Lösungsideen werden plötzlich in ihrer Gesamtheit bewusst
Logische
Phase
Problemstellung
Vorbereitung
Kreativer Prozess
Abb. 2.88 Ablauf eines kreativen Prozesses. (Szichos 1993)
Vorbereiten
Heterogene, das System repräsentierende Gruppe zusammensetzen (fünf bis zwölf Per-
sonen)
Moderator und „Sekretär“ bestimmen zum Aufschreiben der Ideen
Thema bestimmen
Produktives Arbeitsklima schaffen (Umgebung)
Eventuell Zeit festlegen (20–30min)
Regeln bekannt geben: Keine Kritik, auch keine nonverbale Kritik (Bewertung kommt
später), Quantität vor Qualität, der Phantasie freien Lauf lassen
Durchführen
Problem klar formulieren
Ideen laufend für alle sichtbar aufschreiben
Ideen spontan äußern lassen; nicht diskutieren; nicht kritisieren; bei Kritik eingreifen
Ungewöhnliche Ideen willkommen heißen, Ideenklau ebenfalls!
Nach erster Ermüdung neue Impulse geben
2.8
Lösungsfindung
259
Zeit
Ideen
Stille aushalten,
Abstand, neue
Impulse geben
bekannt
verrückt
Abb. 2.89 Brainstorming
Auswerten
Ideen gruppieren
Ideen bewerten und unbrauchbare ausscheiden
Brauchbare Ideen weiter konkretisieren
Bei anspruchsvollen Themen die Ideen den Fachspezialisten zur Bearbeitung überge-
ben
Der Gruppe Feedback geben, was aus den Ideen geworden ist
Es hat sich in der Praxis als hilfreich erwiesen, nach der Phase der ersten Ermüdung
durch den Moderator Impulse zu geben, um in einer zweiten Welle die im Sinne des
Wortes ver-rückten Ideen aufzuspüren (Abb. 2.89).
2.8.1.4
Analogie: Bionik und Synektik
Methoden der Analogie nutzen die erkennbare Ähnlichkeit in Form, Eigenschaft oder
Funktion zweier Phänomene, wie in Tab. 2.54 gezeigt. Die Analogie liegt zwischen Iden-
tität (vollständige Gleichheit) und Diversität (vollständige Verschiedenheit). Die Bionik
sucht Lösungen, indem Vorbilder in der Natur untersucht und nachgebaut werden. Die
260
2
Methodik
Tab. 2.54 Vorgehensschritte der Analogiemethode
1. Schritt
Gewollte Eigenschaft bzw. Funktion festlegen
2. Schritt
Vorbilder suchen, die ähnliche Eigenschaften bzw. Funktionen aufweisen
3. Schritt
Das System untersuchen, das diese Eigenschaft bzw. Funktion besitzt oder hervor-
bringt
4. Schritt
Prüfen, ob und wie die Wirkungsweise übertragbar ist
Synektik versucht durch verfremdende Analogiebildung die Intensität der Lösungssuche
noch zu steigern.
2.8.1.5
Lösung herstellen
Eine Lösung herstellen kann in der Informatik heißen, das Programm zu codieren. Bei
einem Bauprojekt fahren jetzt die Bagger auf, während in der Konsumgüterindustrie die
Produktionsmittel beschafft werden müssen. Die drei Beispiele zeigen, dass menschliche
Arbeit nötig ist, um ein Projekt in dieser Endphase verwirklichen zu können.
Oft ist die erste Realisierung der Lösung mit einem Prototyp von Vorteil: Das Funkti-
onsmuster wird in einen Prototyp umgesetzt. Jetzt – und in einem weiteren Ausmaß mit
der Nullserie – können sowohl die technisch perfekt funktionierende Lösung als auch der
Umgang damit erprobt werden. Die Herstellung der Nullserie zeigt auf, ob der Produkti-
onsprozess beherrscht wird. Wo Projekte vom Benutzer verlangen, dass er sein Verhalten
ändere, können Widerstände mit einem Versuch abgebaut werden. Der Umgang mit der
neuen Lösung kann so eingeübt und die Vorteile können erfahren werden.
2.8.1.6
Lösungstest
Bevor eine Produktion in Serie geht, muss ein Härtetest, z. B. an einer Nullserie durchge-
führt werden. Die Lösung wird am Anforderungskatalog gemessen:
Erfüllt die Lösung die gesetzten Ziele und Anforderungen?
Erfüllt sie auch ungeschriebene Anforderungen?
Können die Bedingungen an die Lösung erfüllt werden, die sich erst im Betrieb mani-
festieren?
Beherrscht das Unternehmen die Produktion?
Ein isolierter Testlauf einzelner Teile der Lösung garantiert die Praxistauglichkeit noch
nicht. Um komplexe Systeme testen zu können, müssen diese in einer Integrationsphase
zuerst in einer sinnvollen Reihenfolge zusammengebracht und in Betrieb genommen wer-
den. Häufig nimmt die anschließende Fehlersuche einen längeren Zeitraum in Anspruch
als geplant. Bis zur Funktionsfähigkeit ist das Zusammenspiel der einzelnen Funktio-
nen zu beurteilen, ebenso der Umgang des Benutzers mit dem neuen System. Besonders
hilfreich sind Erfahrungen von kritischen Benutzern und von solchen „mit zwei linken
Händen“. Die Ergebnisse aus den Pilotanlagen und der Nullserie zeigen, wie gut die Qua-
litätsziele erreicht werden.
2.8
Lösungsfindung
261
2.8.1.7
Lösungssuche: Optimierung
Ideenmanagement
Ideen haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie leicht vergessen werden. Jede Orga-
nisation ist gut beraten, mit einem aktiven Ideenmanagement die guten Einfälle zu kanali-
sieren. Die Anforderungen an ein Ideenmanagement sind stark von der Branche abhängig.
In der chemischen Industrie kommt es auf ein gutes Verständnis der Produktkomponenten
und der Anforderungen an die Anwendungen an, während Dienstleistungsfirmen erkennen
müssen, womit sie bei ihrer Kundschaft einen noch größeren Nutzen erzielen können. In
jeder Branche legt die Unternehmensstrategie die Geschäftsfelder fest. Geschäftsfelder be-
schreiben die verschiedenen Kombinationen von Produkten und Dienstleistungen mit dem
Markt. Innerhalb der Geschäftsfelder oder auch Geschäftsfelder übergreifend beschreiben
Suchfelder den konkreten Handlungsbedarf bezüglich verschiedener Kundengruppen. Die
Fragen lauten hier: Was ist das Besondere an einer Zielgruppe? Was können wir für sie
verbessern? Suchfelder erleichtern es, Ideen gezielt zu sammeln, aufzubereiten und zu
bewerten. Positiv bewertete Ideen werden weiterverfolgt.
Variantenbildung
Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht linear einer einzigen Lösung nachgehen,
sondern immer mehrere Varianten zur Auswahl vorlegen. Die vielen entstandenen Ideen
sollen zu verschiedenen Varianten verdichtet werden. Durch die Kombination bekannter
Teillösungen ist es möglich, geeignete Lösungsvarianten zu bilden. Die mögliche Anzahl
Varianten sollte das Projektteam auf Grundlage seines Fachwissens bereits einschränken.
Ziel der Variantenbildung ist die Erweiterung des Lösungsraumes. Damit werden sys-
tematisch nicht zufriedenstellende Teillösungen verbessert, Lösungen nach bestimmten
Kriterien optimiert (z. B. Kosten, Gewicht), „alle“ denkbaren Lösungsmöglichkeiten zu
einem Problem gefunden und Entscheidungen durch Erschließung des Lösungsraumes
abgesichert.
In der Konzeptphase der klassischen Vorgehensweise werden die übergeordneten Lö-
sungskonzepte in mehreren Lösungsvarianten ausgearbeitet. Bei großen Projekten emp-
fiehlt sich, Groblösungen vom Auftraggeber bestätigen zu lassen, bevor die dazu nötigen
Detaillösungen für die Realisierungsphase vorbereitet werden. Die Gestaltung von Pro-
dukten und Prozessen wird durch die zunehmende Transparenz und Globalisierung der
Märkte zunehmend kundenspezifischer. Viele Produkte werden in Varianten angeboten.
Im Verbesserungsmanagement ist eine zusätzliche Betrachtung des Produktlebenszyklus,
d. h. von Produktnutzungsumständen (z. B. Wissen aus der Reklamationsbearbeitung) und
des Produktionskontextes (Produkte, Prozesse und Anlagen) in der Variantenbildung ein-
zubeziehen.
262
2
Methodik
2.8.1.8
Lösungssuche: Lösungen analysieren
Die Lösungsideen zu den einzelnen Funktionen sind erst Teillösungen, da die einzelnen
Funktionen Teilprobleme sind. Erst aus der Kombination von Lösungsideen für alle Teil-
probleme ergeben sich neue Gesamt-Lösungsvarianten.
Mit Kreativitätsmethoden entsteht eine große Zahl von möglichen Lösungsvarianten,
auch ausgefallene oder unmögliche. Nicht alle Ideen-Kombinationen sind als Lösungs-
varianten für eine Weiterverarbeitung sinnvoll. Es braucht vorab eine Grobselektion oder
Ausfilterung einer beschränkten Zahl von guten, brauchbaren Varianten. Mögliche Hürden
für einzelne Varianten könnten z. B. sein:
Eine Variante erfüllt mit Sicherheit ein Ausscheidekriterium nicht
Eine Variante ist eindeutig zu teuer gegenüber einem Kostenziel
Die Realisierung einer Variante dauert zu lang gegenüber dem Terminziel
Eine Variante ist „psychologisch oder politisch“ ungeschickt oder unbrauchbar
Für eine sinnvolle Lösungswahl braucht es mindestens zwei Varianten, wobei eine auch
die bestehende heutige Lösung – die „Null-Variante“ – sein kann.
Morphologischer Kasten
Nach der Grobselektion bleiben brauchbare Teile für eine neue Lösung. Eine wirkungs-
volle Methode, um zu erstaunlichen Kombinationen zu kommen, hat der Schweizer Astro-
physiker Fritz Zwicky entwickelt: Der Morphologische Kasten. Er verbindet die gefunde-
nen Teillösungen in zahlreichen Variationen zu möglichen Gesamtlösungen. Die Abb. 2.90
zeigt an einem Beispiel die Idee dieser Methode.
In der vordersten Spalte links werden die Teilprobleme, Eigenschaften, Funktionen
oder auch Teilobjekte (Parameter genannt) notiert. Auf der horizontalen Achse werden
für jedes Teilproblem oder Teilobjekt Lösungsideen (Teillösungen) eingetragen oder mit
einer Skizze angedeutet. Das Aufstellen eines morphologischen Kastens ist zwar etwas
zeitaufwändig aber eine der besten Methoden zum Entwickeln neuer Lösungen. Die sys-
tematische schriftliche Matrix lässt auch zu, später den Kreativitätsprozess nachzuvollzie-
hen und so die einzelnen Teilschritte zur besten Gesamtlösung zu optimieren.
2.8.2
Lösungen bewerten und entscheiden
2.8.2.1
Nutzwertanalyse und Kosten-Wirksamkeitsanalyse
Eine Entscheidungssituation stellt für die meisten Menschen häufig eine Barriere dar:
„Entscheiden“ bedeutet, verschiedene Alternativen zugunsten einer möglichen gewählten
Variante aufzugeben, sich von ihnen zu trennen. Zudem können trotz sorgfältiger Situa-
tionsanalyse andere unternehmerische Gesichtspunkte, die außerhalb der Wahrnehmung
der Projektleitung liegen, starken Einfluss auf die Entscheidungsfindung ausüben.
2.8
Lösungsfindung
263
Teilprobleme
(Eigenschaft)
Form des Tischblattes
Material
Kantenform
Stützkonzept
Lösungen
(Ausprägungen der Teilprobleme)
Holz
Metall
Stein
Glas
Abb. 2.90 Beispiel Morphologischer Kasten
Jede Beurteilung und Entscheidung ist subjektiv. Entscheidungen werden unbewusst
oder bewusst getroffen. Im Buch „Fühlen, Denken, Handeln“ kommt Gerhard Roth zu
folgenden Schlüssen: „Alle unsere bewussten Entscheidungen, auch die nach langem
Nachdenken und Abwägen getroffenen, werden vorbereitet und getroffen durch unbe-
wusste Vorgänge. Emotionen haben bei Entscheidungsprozessen das erste und das letzte
Wort. Es gibt keine rein rationalen Entscheidungen. Vernunft und Verstand sind nur Ratge-
ber für Entscheidungen. Das Gehirn entscheidet immer nur aufgrund einer zu erwartenden
Belohnungssituation. Auch das Vermeiden oder Vermindern von unangenehmen Zustän-
den ist eine Belohnung. Belohnungserwartungen werden durch Gefühle vermittelt. Das
emotionale Erfahrungssystem lässt Wünsche, Absichten und Pläne überhaupt erst entste-
hen. Und es entscheidet, ob das, was geplant ist, wirklich jetzt und so und nicht anders
ausgeführt werden soll. Dies garantiert, dass wir alle Handlungen stets im Lichte der ver-
gangenen Erfahrung tun. Allerdings schließt dies Fehlentscheidungen nicht aus. Verstand
und Vernunft sind notwendig für das Bewerten komplexer, detailreicher Situationen, das
Abrufen und Anwenden von Expertenwissen, das Abschätzen mittel- und langfristiger
Konsequenzen – insbesondere im sozialen Bereich – und das Abwägen von Handlungs-
alternativen. Verstand und Vernunft entscheiden nichts. Dies tut das emotionale System.“
(Roth 2001, S. 445)
264
2
Methodik
Nutzwertanalyse Hauskauf
Ziele
Alternative A
Alternative B
Alternative C
Muss-Ziele
Info
Ja/Nein
Info
Ja/Nein
Info
Ja/Nein
Kosten/Mt. <2500 €
mind. 3 Schlafzimmer
1900 €
3
ja
ja
2400 €
4
ja
ja
2800 €
nein
Wunsch-Ziele
G
Info
W
GxW
Info
W
GxW
Info
W
GxW
Zentrale Lage
Schulnähe
Komfort
Hausstil
25
20
45
10
10' Bus
20' Bus
4½ Zi.
Altbau
4
4
2
3
100
80
90
30
5' zu Fuss
15' zu Fuss
6½ Zi.
Betonbau
9
8
9
6
225
160
405
60
Gesamtnutzen = Summe aller GxW
300
Zielerreichungsgrad
30%
850
85%
Abb. 2.91 Beispiel Nutzwertanalyse
Für das Projektmanagement bedeutet dies, dass Entscheide, die andere Verhaltenswei-
sen verlangen, emotional so vorbereitet werden müssen, dass die Entscheidungsträger und
die von einer Veränderung Betroffenen spüren, dass die Erneuerung für sie Vorteile bringt.
Entscheide müssen emotional nachvollzogen werden können. Entscheidungen können mit
systematischen Methoden nachvollziehbar gemacht werden. Die weitaus gebräuchlichste
Methode für die Entscheidungsprozesse in der Praxis ist die Nutzwertanalyse. Die Metho-
de sieht objektiv aus, kumuliert jedoch subjektive Beurteilungen.
In der Nutzwertanalyse wird ein Punktwert für alle in Frage kommenden Lösungsal-
ternativen ermittelt, wie in Abb. 2.91 gezeigt. Dieser Punktwert ist ein Indikator für die
Erfüllung der Ziele eines Projekts. Die Nutzwertanalyse wird in fünf Schritten durchge-
führt:
Ziele bestimmen und gewichten (schon vor der Lösungssuche!)
Werte für die Varianten vergeben
Gewichte mit den vergebenen Werten multiplizieren
Gewichtete Gesamtsumme ermitteln
Sensitivität des Ergebnisses (durch Verschiebung der Gewichte) analysieren
2.8
Lösungsfindung
265
Wie sollen Lösungen bewertet werden?
Für die Auswahl der definitiven Lösung werden die Varianten verglichen und bewertet
(evaluiert). Als Bewertungskriterien sind die Detailziele gemäß Zielformulierung heranzu-
ziehen, eventuell ergänzt mit davon abgeleiteten Hilfskriterien (z. B. Kostenkomponenten
für ein Kostenziel; allerdings gehören finanzielle Aspekte in die auf die Nutzwertanaly-
se aufbauende Kosten-Wirksamkeits-Analyse). Lösungen bewerten heißt, sie bezüglich
Erfüllung der Detailziele zu beurteilen. Vorab sind alle Lösungsvarianten auf Erfüllung
der Ausscheidekriterien zu überprüfen. Wenn eine Variante ein Ausscheidekriterium nicht
erfüllt, ist sie unbrauchbar. Lösungsvarianten müssen so weit ins Detail ausgearbeitet wer-
den (meistens in der Konzeptphase), dass sie mit genügender Sicherheit bezüglich der
Erfüllung von Ausscheidekriterien überprüft werden können.
Die brauchbaren Varianten sind im nächsten Schritt bezüglich Erfüllung der Optimie-
rungskriterien zu beurteilen. Dabei bekommt der Zielerfüllungsgrad einer Variante für
jedes Optimierungskriterium einen Punktwert. Für diese Bewertung ist es günstig, einen
sinnvollen und vertrauten Maßstab (z. B. 1–10) zu wählen. Es kann von Bedeutung sein,
ob ein Neutralwert (z. B. drei in der Skala 1-2-3-4-5) möglich ist oder nicht. Entsprechend
ist eine ungerade oder gerade Skala zu wählen. Das Gewicht multipliziert mit dem Wert
ergibt den Teilnutzen (oder Teilnutzwert) einer Lösungsvariante bezüglich eines Beurtei-
lungskriteriums. In der Realität fällt es häufig schwer, einem Kriterium überhaupt einen
Wert (in Form einer Zahl) zuzuweisen. Beispiel: „Wie gut ist die Benutzerfreundlichkeit
einer ICT-Anwendung?“ Hier muss die Gruppe eine Hilfestellung in Form eines Ras-
ters oder einer Tabelle erarbeiten, welche eine objektivere Benotung der nicht messbaren
Kriterien erlaubt. Wird die Nutzwertanalyse im Team durchgeführt, so sind idealerweise
die Wertungen im Konsens zu ermitteln. Wenn die Bewertung der Varianten relativ nahe
beieinanderliegende Gesamtnutzwerte ergibt, so stellt sich die Frage der Zufälligkeit der
Resultate und damit der Rangfolge. In solchen Fällen hilft eine Sensitivitätsanalyse. Das
heißt, Gewichte oder Werte werden leicht abgeändert und ihr Einfluss auf die Rangfolge
beobachtet. Diese Sensitivitätsanalyse ermittelt, wie stabil oder empfindlich ein Bewer-
tungsergebnis auf veränderte Annahmen reagiert. Immer wenn Zweifel über das Resultat
bzw. die Rangfolge auftreten, sind sofort die Vollständigkeit der Optimierungskriterien
und deren Gewichte zu überprüfen. In der Praxis werden ganze Zielklassen wie psycholo-
gische oder politische Ziele als Bewertungskriterien oft weggelassen, was zu gravierenden
Fehlern in der Beurteilung führt. Abb. 2.91 zeigt ein Beispiel einer Nutzerwertanalyse.
Der Gesamtnutzen einer Variante muss unabhängig von finanziellen Zielen ermittelt
werden (in Punkten oder in %). Mit der Kosten-Wirksamkeitsanalyse wird anschließend
berechnet, wie viel ein Punkt kostet, bzw. wie viele Punkte es pro Geldeinheit bei jeder
Variante gibt, wie in Tab. 2.55 gezeigt.
Zusätzlich zu den Zielen können weitere Kriterien hinzugezogen werden, z. B. die Re-
sultate einer Risikoanalyse. Sind die Risiken bei den Varianten stark unterschiedlich, so
sind solche Einflussfaktoren ebenfalls in die Beurteilung einzubeziehen.
266
2
Methodik
Tab. 2.55 Beispiel Kosten-Wirksamkeits-Analyse
Beispiel: Kosten-Wirksamkeits-Analyse für den Kauf eines Hauses
Nutzwertanalyse mit einem
Maximum von 1000 Punkten
Variante A zu 1900 C bei 300
Punkten Zielerreichung
Variante B zu 2400 C bei 850
Punkten Zielerreichung
Kosten/Punkt in C
6,33
2,82
Punkte/Geldeinheit
0,16
0,35
Wer soll Lösungen bewerten?
Die hier dargestellte Bewertungsmethode ist die allgemein übliche für irgendeine Eva-
luation. Es ist aber auch klar, dass eine solche Benotung subjektiv ist und daher nicht
von einer Person allein vorgenommen werden darf (es sei denn durch den Auftraggeber,
der den Schlussentscheid über die definitive Lösung hat). Eine Lösungsbewertung (Eva-
luation) im Projekt ist nichts anderes als eine Zielerreichungskontrolle und damit eine
Hauptaufgabe des Projektleiters als Verantwortlicher für die Zielerreichung.
Es obliegt also dem Projektleiter, für diese Aufgabe ein geeignetes Bewertungsteam
(„Review-Team“ oder „Jury“) zusammenzustellen und mit diesem zusammen die Bewer-
tung durchzuführen. Da sich dieses Bewertungsteam primär aus Vertretern der späteren
Benutzer und wichtiger Betroffener zusammensetzen sollte, ist es dafür besonders geeig-
net. Die Teammitglieder sind mit dem Problem vertraut, haben früher vielleicht die Ziele
und Gewichte gesetzt und wurden meistens nicht direkt in der Lösungssuche involviert.
Damit ist dieses Team eher noch neutral. In Fällen, wo ein Projektausschuss oder eine
Begleitgruppe besteht, ist es sinnvoll, diese Gremien für die Bewertung zuzuziehen.
Um das Bewertungsteam zu befähigen, qualifiziert eine Bewertung abzugeben, müssen
ihm die Vor- und Nachteile der Lösungsvarianten bezüglich jedes Kriteriums erläutert
werden. Dazu können ad hoc Fachkräfte zugezogen werden, welche die Lösungsvarianten
kennen. Sie können diese erläutern und Fragen des Teams beantworten.
2.8.2.2
Alternativen zur Nutzwertanalyse
Ausscheidekriterien, „Muss-Ziele“ oder Rahmenbedingungen sind zwingend einzuhal-
ten, selbst wenn es mehr kostet oder länger dauert. Dazu gehören vor allem Gesetze,
Sicherheitsvorschriften, eventuell Normen. Die präzise Definition eines Ausscheidekri-
teriums bedingt, dass seine Erreichung spätestens bei Abschluss des Projektes auch ein-
deutig beurteilt werden kann. Beim Vergleich verschiedener Lösungsvarianten werden
Ausscheidekriterien nur mit „ja“ oder „nein“ beantwortet. Fehlen die klaren Kriterien für
ein „ja“, entstehen Diskussionen über die Zielerreichung und die Durchführbarkeit des
Projektes. Wenn die Forderung der eindeutigen Beurteilung nicht erfüllbar ist, kann ein
Ziel formal kein Ausscheidekriterium sein.
Optimierungskriterien sind Ziele ohne Ausscheidungs-Charakter. Sie werden oft
als „Wunsch-Ziele“ bezeichnet. Da diese starke Wünsche sein können und außerdem
oft noch gegenläufig sind, wie z. B. Kostenziele einerseits und Kosten verursachende
Leistungs- und Qualitätsziele andererseits, müssen Optimierungskriterien immer mit
2.8
Lösungsfindung
267
Tab. 2.56 Rangreihenverfahren
Kriterium
A
B
C
Nennungen
Gewicht
(%)
Gerundet
(%)
A
(A)
A
A
3
50
50
B
–
(B)
B
2
33
30
C
–
–
(C)
1
17
20
Tab. 2.57 Präferenzmatrixverfahren
Kriterium
A
B
C
Nennungen
Gewicht
(%)
Gerundet
(%)
A
–
A
A
2
66
65
B
–
–
B
1
33
30
C
–
–
–
0
1
5
einer zusätzlichen Angabe, der Gewichtung versehen werden. Die Gewichtung ist am ein-
fachsten verständlich, wenn sie in % ausgedrückt wird. Das Gewicht kann unterschiedlich
ermittelt werden:
Rangreihenverfahren (Tab. 2.56) vergleichen und relativieren alle Gewichtungen un-
tereinander (jedes mit jedem). Im Paarvergleich wird unter allen Optimierungskriterien
festgestellt, welches Kriterium jeweils wichtiger ist als das andere.
Präferenzmatrixverfahren (Tab. 2.57) bestimmen das jeweils wichtigere Kriterium
in der Tabelle. Dabei fallen die eingeklammerten Vergleiche A-A usw. weg. Die Punkte
werden schließlich in % umgerechnet.
Anstelle des zeitlich etwas aufwändigen Paarvergleichs können den Optimierungskri-
terien Punkte geben werden: z. B.: 4 = äußerst wichtig, 3 = sehr wichtig, 2 = wichtig,
1 = nett zu haben.
2.8.2.3
Übersicht über die Vorgehensschritte der Lösungsbewertung
Die Vorgehensschritte in der Lösungsbewertung sind die folgenden:
Zielformulierung mit Gewichten muss vorliegen
Mindestens zwei Lösungsvarianten, die alle Ausscheidekriterien erfüllen, für eine Be-
wertung genügend ins Detail ausarbeiten
Ein Bewertungsteam (Review-Team, Ausschuss, Jury) und bei Bedarf Fachspezialisten
für die Varianten-Erläuterung organisieren
Wenn möglich ein Bewertungsschema zusammen mit dem Bewertungsteam erarbeiten
und das Benotungssystem (die Skala) festlegen
Die Erfüllung aller Ausscheidekriterien jeder Variante durch das Team beurteilen las-
sen
Die Varianten anhand der vorgegebenen Optimierungskriterien individuell bewerten
Den Nutzwert und die Kosten-Wirksamkeit jeder Variante berechnen und die Rangfol-
ge festlegen
268
2
Methodik
In Zweifelsfällen die Vollständigkeit der Kriterien (Detailziele) und der Gewichte über-
prüfen, eventuell mit Sensitivitätsanalyse oder Risikoanalyse
Die vorgeschlagene beste Variante durch den Auftraggeber bestätigen lassen
Der Projektleiter muss sich, selbst wenn er als Generalist nicht bei der Lösungserarbei-
tung beteiligt war, auf alle Fälle in diesen Evaluationsprozess einklinken und ihn korrekt
durchführen. Er kann sich damit auch am besten mit dem Lösungsvorschlag identifizie-
ren. Dieses transparente Vorgehen ist das bestmögliche für die Bewertung in Fällen, wo
die Lösungsvarianten relativ ähnlich sind und die Rangfolge nicht auf Anhieb ersichtlich
ist. Es führt zudem zu einer besseren Akzeptanz der Lösung, sowohl bei den Betroffenen
wie beim Auftraggeber.
2.9
Beschaffung
In vielen Projekten müssen Güter oder Dienstleistungen eingekauft werden, um die ge-
forderte Leistung erbringen zu können. Abhängig von der agilen oder klassischen Vorge-
hensweise im Projekt muss das Beschaffungsvorgehen gewählt und angepasst werden.
Für die Durchführung einer Beschaffung sind je nach Organisation Richtlinien oder
Gesetze zu berücksichtigen. Solche Vorgaben geben den Beschaffungsprozess vor und
sind von den Projekten verbindlich einzuhalten. Öffentliche Auftraggeber müssen ge-
setzliche Vorschriften einhalten und sind auch in der agilen Vorgehensweise gezwungen,
das klassische Beschaffungsvorgehen einzuhalten, außer die gesetzlichen Möglichkei-
ten lassen ein Dialogverfahren zu. In solchen Fällen werden oft Ressourcen von einem
Unternehmen klassisch eingekauft. Die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Unter-
nehmens im Projekt erfolgt dann agil.
2.9.1
Beschaffungsvorgehen in der agilen Vorgehensweise
Idealerweise wurden vor dem Start der Beschaffung bereits ein Produktkonzept (Abschn.
2.4.2) und ein initiales Product Backlog (Abschn. 2.4.3) ausgearbeitet. Die Rolle des
Product Owners (Abschn. 2.3.9.4) sollte zur Sicherstellung des Know-hows nicht extern
eingekauft werden.
Bei der Beschaffung in der agilen Vorgehensweise geht es darum, die am besten geeig-
neten Ressourcen einzukaufen. Dafür empfiehlt es sich, zusammen mit mehreren Anbie-
tern ein kleines Testprojekt zu realisieren. Der Prozess sieht wie folgt aus:
Beschaffungsbedarf klären
Geeignete Anbieter auswählen
Pilotprojekt umsetzen
Vertrag verhandeln und Beschaffung abschließen
2.9
Beschaffung
269
Dieses Vorgehen wird auch Dialogverfahren genannt. Für den Einkauf von Gütern und
anderen Dienstleistungen kann in der agilen Vorgehensweise gleich vorgegangen werden,
oder der Einkauf wird wie in der klassischen Vorgehensweise abgewickelt.
2.9.1.1
Beschaffungsbedarf klären
Zuerst wird geklärt und definiert, was genau beschafft werden soll: Personal, Dienstleis-
tung usw. Sollen einzelne Personen für das Team oder ein ganzes Team beschafft werden.
Zusätzlich ist zu überlegen, wie viele Personen wie lange benötigt werden.
2.9.1.2
Geeignete Anbieter auswählen
In einem ersten Schritt sind potentielle Anbieter zu identifizieren.
Basierend auf dem Produktkonzept, dem initialen Product Backlog und dem Beschaf-
fungsbedarf wird in einem zweiten Schritt ein Fragenkatalog an die Anbieter ausgearbei-
tet. Mögliche Themen für diesen Fragekatalog sind:
Vorstellung des Unternehmens
Mitarbeiterstruktur: sind Ressourcen mit den notwendigen Skills verfügbar?
Wie würde ein mögliches Projektteam seitens des Anbieters aussehen?
Erfahrungen und Referenzen mit ähnlichen Projekten
Beurteilung der Komplexität des zu realisierenden Projektes
Vorschlag für ein Projektvorgehen: Projektorganisation, Rollen und Verantwortlichkei-
ten, Risikomanagement, Qualitätssicherung
Den identifizierten Anbietern werden nun der Fragebogen, das Produktkonzept und das
initiale Product Backlog zugestellt.
Im nächsten Schritt präsentieren die Anbieter dem Evaluationsteam ihre Lösungsvor-
schläge und Antworten zu den Fragen. Zum Abschluss werden zwei oder drei Anbieter
für die Umsetzung eines Pilotprojektes ausgewählt.
2.9.1.3
Umsetzung eines Pilotprojektes
Während der Umsetzung eines Pilotprojektes gilt es nun, den besten der zwei bis drei
eingeladenen Anbieter auszuwählen. Während der Präsentation werden sich die Unter-
nehmen von ihrer besten Seite zeigen. Erst mit der konkreten Zusammenarbeit findet man
das Mindset, die Arbeitsweise, die Art der Kommunikation, die Chemie zwischen den be-
teiligten Personen usw. heraus. Daher lässt man nun jeden Anbieter mit dem eigenen Team
ein kleines Pilotprojekt während beispielsweise einem Sprint von zwei Wochen umsetzen.
Nach zwei Wochen kann neben der persönlichen Beziehung und Chemie zwischen den in-
volvierten Personen auch das konkrete Ergebnis beurteilt werden. Zudem ist es möglich,
die Effizienz der Mitarbeiter des Anbieters zu beurteilen.
Basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen und weiteren Entscheidungskriterien
(z. B. Preis) wird der definitive Anbieter ausgewählt.
270
2
Methodik
2.9.1.4
Vertrag verhandeln und Beschaffung abschließen
Mit dem ausgewählten Anbieter wird ein Vertrag ausgehandelt. Die nicht berücksichtigten
Unternehmen werden informiert.
2.9.2
Beschaffungsvorgehen in der klassischen Vorgehensweise
Der Prozess für eine umfassende Beschaffung unterteilt sich in folgende Schritte:
Beschaffungsbedarf klären
Beschaffungsplan erstellen
Ausschreibungsunterlagen erstellen
Ausschreibung und Evaluation durchführen
Vertrag verhandeln und Beschaffung abschließen
Für kleinere Beschaffungen können einzelne Schritte übersprungen werden. Die Dauer
einer Beschaffung ist stark abhängig von der Komplexität des Beschaffungsgegenstandes
und der geltenden Vorgaben. Einfache Güter und Dienstleistungen können innerhalb von
Tagen oder Wochen eingekauft werden. Bei komplexen Beschaffungen kann der ganze
Prozess mehrere Monate dauern. Die Dauer für die Durchführung von Beschaffungen ist
in der Projektplanung (Abschn. 2.3.11.2 bzw. Abschn. 2.4.7) zu berücksichtigen.
2.9.2.1
Beschaffungsbedarf klären
In einem ersten Schritt muss geklärt und definiert werden, was genau beschafft werden
soll. Der Beschaffungsbedarf muss bezüglich der zu beschaffenden Ressource (Personal,
Werkzeuge, Materialien, Services, Teillieferungen usw.) und der zu beschaffenden Menge
geklärt werden. Der Beschaffungsbedarf lässt sich am einfachsten in der Form eines Las-
tenheftes (Abschn. 2.3.3) formulieren. Die Erarbeitung eines Lastenheftes kann je nach
Komplexität mehrere Wochen oder Monate in Anspruch nehmen. Wenn genaue Vorstel-
lungen des Beschaffungsgegenstandes vorhanden sind, kann die Beschreibung auch in
Form eines Pflichtenheftes erfolgen (Abschn. 2.4.5).
Bei der Beschaffung von Gütern oder Dienstleistungen spielen auch strategische Über-
legungen eine Rolle. In einem Projekt zur internen Prozessoptimierung oder in einem
Produktentwicklungsprojekt ist sehr genau zu überlegen, was die eigene Kernkompetenz
und der kritische Erfolgsfaktor oder die USP (Unique Selling Proposition) ist. Kompeten-
zen im Bereich der kritischen Erfolgsfaktoren oder der USP sind selber aufzubauen und
nicht extern zu beschaffen.
2.9.2.2
Beschaffungsplan erstellen
Im Beschaffungsplan werden das Vorgehen für die Beschaffung und wichtige Eckpunkte
für die Beschaffung festgehalten. Der Beschaffungsplan wird oft auch als Beschaffungs-
oder Ausschreibungskonzept bezeichnet. Das Vorgehen wird mit den Vorgaben der
2.9
Beschaffung
271
Stammorganisation (Beschaffungsrichtlinien) und der gesetzlichen Grundlagen abge-
stimmt. Der Beschaffungsplan muss mit in der Projektplanung berücksichtigt werden und
kann je nach Dauer der Beschaffung die Projektplanung stark beeinflussen.
Der Beschaffungsplan gibt Antworten auf folgende Fragestellungen:
Was ist der Beschaffungsgegenstand, was soll in welcher Menge und Qualität beschafft
werden?
Was sind die erwarteten Kosten für den Beschaffungsgegenstand?
Wie hoch ist das geschätzte finanzielle Beschaffungsvolumen?
Gibt es bereits strategische Partnerschaften oder Verträge mit Lieferanten, die berück-
sichtigt werden müssen oder können?
Wie sieht der Markt aus, welche und wie viele potentielle Lieferanten gibt es?
Welches Ausschreibungsverfahren/welche Beschaffungsmethode soll angewendet wer-
den?
Aus welchen Teilen bestehen die Ausschreibungsunterlagen?
Wie sieht die Detailplanung bezüglich Terminen und Durchlaufzeiten für die Durch-
führung der Ausschreibung aus?
Welche Ressourcen werden für die Durchführung der Ausschreibung benötigt? Wer ist
für welche Tätigkeiten verantwortlich?
Tab. 2.58 zeigt die Beschaffungsmethoden und deren Unterschiede.
Bei der Wahl des Ausschreibungsverfahrens ist zwischen privaten Unternehmen und
öffentlichen Auftraggebern zu unterscheiden. Bei öffentlichen Auftraggebern gibt es defi-
nierte Schwellenwerte (finanzielles Beschaffungsvolumen), welche das Ausschreibungs-
verfahren vorgeben. Für öffentliche Auftraggeber wird zwischen den Verfahren gemäß
Tab. 2.59 unterschieden.
Private Unternehmen sind in der Beschaffung frei und an keine Schwellenwerte gebun-
den. Das heißt, Sie können in der Beschaffung direkt potentielle Lieferanten anschreiben
oder eine Beschaffung auch auf einer geeigneten Plattform publizieren und ausschreiben.
Tab. 2.58 Beschaffungsmethoden
RFI: Request for Information
Beim RFI wird überprüft, ob der skizzierte Bedarf durch poten-
tielle Anbieter erbracht werden kann. Unverbindliche Preis- und
Leistungsangaben werden eingeholt. RFI eignet sich für Markt-
abklärungen.
RFQ: Request for Quotation
Abfragen von unverbindlichen Preisen zu einem definier-
ten Beschaffungsgegenstand. Dazu sollte ein ausgearbeitetes
Lasten- oder Pflichtenheft oder eine Leistungsbeschreibung vor-
liegen.
RFP: Request for Proposal
RFP ist die Ausschreibung im engeren Sinn. Verbindliche Ange-
bote und Vertragsspezifikationen werden vor der Ausarbeitung
des Vertragswerkes eingeholt.
272
2
Methodik
Tab. 2.59 Ausschreibungsverfahren
Einladungsverfahren/
beschränkte Ausschrei-
bung
Eine definierte Anzahl von Unternehmen wird angeschrieben und
gebeten, einen RFI, RFQ oder RFP abzugeben.
Offenes Verfahren
Die Ausschreibungsunterlagen werden auf einer Ausschreibungs-
plattform öffentlich publiziert. Alle interessierten und geeigneten
Unternehmen können ein Angebot einreichen.
Selektives Verfahren/
nicht offenes Verfahren
In einem ersten Schritt werden Präqualifikationsunterlagen auf einer
Ausschreibungsplattform öffentlich publiziert. Alle interessierten und
geeigneten Unternehmen können sich für eine Teilnahme an der Aus-
schreibung anmelden. Die ausschreibende Stelle wird mindestens drei
geeignete Unternehmen auswählen. Im zweiten Schritt erfolgt mit den
präqualifizierten Unternehmen die Durchführung der Ausschreibung
(RFP) unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dieses Verfahren eignet
sich für hoch komplexe Beschaffungen (z. B. neues Rollmaterial für
eine Bahngesellschaft).
Freihändige Vergabe/
Verhandlungsverfahren
Ein öffentlicher Auftraggeber kann Aufträge direkt vergeben. Dieses
Verfahren wird nur für kleine Auftragsvolumen oder in Spezialfällen
angewendet. Es findet keine Ausschreibung statt, der Auftrag wird
direkt vergeben, und die Vergabe muss begründet werden.
2.9.2.3
Ausschreibungsunterlagen erstellen
Wenn der Beschaffungsgegenstand und das Vorgehen geklärt sind, können die Ausschrei-
bungsunterlagen erstellt werden. Das Erstellen der Ausschreibungsunterlagen ist ein auf-
wändiger Prozess und dauert in der Regel länger als die Durchführung der effektiven
Ausschreibung. Die Ausschreibungsunterlagen setzen sich aus folgenden Dokumenten
zusammen:
Hauptdokument (wird oft als Lastenheft, Ausschreibungsunterlagen oder in der Praxis
häufig fälschlicherweise Pflichtenheft bezeichnet)
Eignungskriterien
Zuschlagskriterien
Beschreibung des Beschaffungsgegenstandes
Vertragsentwurf
Lastenheft, Ausschreibungsunterlagen
Das Hauptdokument ist das übergeordnete Manteldokument der Ausschreibungsunter-
lagen. Es dient den potentiellen Anbietern als Orientierung und regelt den Ablauf des
Beschaffungsverfahrens. Typische Inhalte sind:
Beschreibung des Auftraggebers
Zielsetzung der Beschaffung
Grundlagen der Beschaffung
Fristen und Termine
2.9
Beschaffung
273
Beschreibung der Ist-Situation
Grobe Beschreibung und Anforderungen an den Beschaffungsgegenstand
Vertragliche Regelungen (Vertragsentwurf)
Beurteilung und Bewertung der Angebote: Erläuterung der Eignungs- und Zuschlags-
kriterien, zu verwendende Formulare, Angabe, wie Angebote beurteilt werden
Ausgestattung des Angebots: Aufbau und Gliederung des Angebots
Administratives: Kontaktstelle, Umgang mit Fragen, Regelung zu Teilangeboten und
Varianten, Einbezug von Subunternehmern, Zulassung von Bietergemeinschaften, Ort
der Leistungserbringung, Sprache des Angebots
Einzelne Inhalte können sehr umfassend sein und als Beilage zum Hauptdokument
angefügt werden.
Eignungskriterien
Die Eignungskriterien beschreiben die Kriterien, welche ein Anbieter mindestens erfüllen
muss. Es handelt sich hierbei oft um Anforderungen an den Anbieter bezüglich Leis-
tungsfähigkeit, Erfahrung oder Referenzen. Es können auch Mindestanforderungen an
den Beschaffungsgegenstand formuliert werden. Eignungskriterien müssen durch das an-
bietende Unternehmen erfüllt werden. Unternehmen, welche die Eignungskriterien nicht
erfüllen, werden vom Beschaffungsverfahren ausgeschlossen.
Zuschlagskriterien
Mit den Zuschlagskriterien wird das beste Angebot ermittelt. Die Zuschlagskriterien die-
nen zur Beurteilung der Qualität und des Preises der angebotenen Leistung. Es ist sinnvoll,
die Zuschlagskriterien, deren Gewichtung und wie die Erfüllung der Zuschlagskriterien
beurteilt wird, bereits mit der Publikation der Ausschreibungsunterlagen bekannt zu ge-
ben. Diese Angaben sind für potentielle Lieferanten wichtig, um beurteilen zu können, ob
sie ein Angebot abgeben wollen oder nicht.
Beschreibung des Beschaffungsgegenstandes
Um gute und aussagekräftige Angebote zu erhalten, empfiehlt es sich, den Beschaffungs-
gegenstand in einer guten Qualität, d. h. präzise und vollständig zu beschreiben. Dabei
sollen die Kriterien analog der SMART-Kriterien angewendet werden (Abschn. 2.3.2.4)
Vertragsentwurf
Um schwierige Verhandlungen vor der Vergabe zu vermeiden, ist es sinnvoll, den Aus-
schreibungsunterlagen einen Vertragsentwurf beizulegen.
2.9.2.4
Ausschreibung und Evaluation durchführen
Nachdem die Ausschreibungsunterlagen fertiggestellt und freigegeben sind, werden diese
an die potentiellen Lieferanten versendet oder auf einer Ausschreibungsplattform pu-
bliziert. Den potentiellen Anbietern wird eine Frist für die Einreichung der Angebote
274
2
Methodik
gegeben. Während dieser Frist haben die Anbieter oft Fragen, welche beantwortet wer-
den müssen.
Nach Eingang der Angebote werden diese beurteilt und evaluiert. In einem ersten
Schritt wird die Erfüllung der Eignungskriterien geprüft. Unternehmen, welche die Eig-
nungskriterien nicht erfüllen, werden vom Beschaffungsverfahren ausgeschlossen. Die
Ermittlung des besten Angebotes erfolgt mit den Zuschlagskriterien. Je nach Situation
können die Anbieter zu einer Angebotspräsentation eingeladen werden. Jedes Angebot
wird anhand der Zuschlagskriterien beurteilt. Die Resultate der Beurteilung werden in ei-
ner Nutzwertanalyse zum Beschaffungsgegenstand (Abschn. 2.8.2.1) zusammengefasst.
Daraus lässt sich dann einfach das beste Angebot ableiten.
2.9.2.5
Vertrag verhandeln und Beschaffung abschließen
Oft gibt es zum besten Angebot noch offene Fragen, welche mit dem Anbieter geklärt und
bereinigt werden müssen. Diese Klärung der Fragen erfolgt zusammen mit der Verhand-
lung des Vertrages. Bei der Verhandlung sind die Grundsätze der Verhandlungsführung
(Abschn. 4.3) zu berücksichtigen.
Mit dem Abschluss des Vertrages ist die Beschaffung abgeschlossen. Alle anbietenden
Unternehmen werden über die Vergabe informiert. Wenn notwendig, wird die Vergabe auf
der Ausschreibungsplattform bekannt gemacht.
Literatur
Kolb, C. (26. November 2014). Der agile Projektleiter – Bindeglied zwischen Scrum und klassi-
schem Umfeld. ProjektMagazin, 17
Kunz, Christian (2007). Strategisches Multiprojektmanagement (Konzeption, Methoden und Struk-
turen). Gabler Edition Wissenschaft
Roth, Gerhard (2001). Fühlen, Denken, Handeln: Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt
am Main: Suhrkamp.
Schwaber, Kenn und Sutherland, Jeff (2017). Der Scrum Guide. http://scrumguide.org
3
Mensch
Im Projektmanagement ist der Mensch Akteur. Mehrere Akteure arbeiten in Projekten de-
finitionsgemäß zusammen und kommunizieren miteinander. Deshalb ist es wichtig, den
Menschen besser zu verstehen, um ihm die entsprechenden Rahmenbedingungen zu bie-
ten, dass er in der Projektarbeit und im Zusammenwirken sein ganzes Potenzial entfalten
und die erwarteten Leistungen erbringen kann.
Im Taylorismus sollte der Mensch wie eine Maschine funktionieren. Doch wir wissen,
dass der Mensch weder ein rationales Wesen ist noch nach kausalen Wirkungszusammen-
hängen erklärt werden kann. Vielmehr ist der Mensch ein hochkomplexes Wesen, dessen
Identität stark durch seine Umwelt geformt wird und der ein Hirn hat, welches zeitlebens
seine Form verändert (Neuroplastizität).
Projektarbeit ist immer wieder auch eine persönliche Grenzerfahrung, da innerhalb
begrenzter Ressourcen Innovation geschaffen werden muss. Dieses Kapitel erläutert die
Grundzüge des modernen Menschenbildes, die Themen Stress und Veränderung, Flow,
sowie Motivation und Sinn. Dies ist die Grundlage für das Selbstmanagement, welches
die selbstgesteuerte und eigenverantwortliche Entwicklung des persönlichen Lebens zum
Ziel hat. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit Aspekten der eigenverantwortlichen Wei-
terentwicklung und den Grundlagen der zwischenmenschlichen Kommunikation.
Der Mensch ist immer derselbe, ob er im klassischen oder agilen Projektmanagement
unterwegs ist. Die Ausführungen in diesem Kapitel beziehen sich auf beide Ansätze.
3.1
Kompetenzmodell
Entsprechend der Aufteilung dieses Buches sind die Anforderungen und Aufgaben in ver-
schiedene Kompetenzen aufgegliedert, wie Abb. 3.1 zeigt. Die Methodenkompetenzen
werden im 2. Kapitel behandelt. Im 3. Kapitel werden die Selbstkompetenz sowie die
persönliche Kommunikation beschrieben. Kap. 4 beschreibt die Anforderungen an die
Sozial-, Team- und Führungs- sowie die Verhandlungskompetenz. Je nach Rolle im Pro-
275
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019
J. Kuster et al., Handbuch Projektmanagement, https://doi.org/10.1007/978-3-662-57878-0_3
276
3
Mensch
Methodenkompetenz
– Projektabwicklung
– Planung
– Organisation
– Controlling
– Information &
Kommunikation
– Stakeholder Management
– Risikomanagement
Selbstkompetenz
– Menschen- & Weltbild
– Wahrnehmung &
Bewusstsein
– Motivation & Sinn
– Selbstmanagement
– Umgang mit Stress
– Persönliche Veränderung &
Weiterentwicklung
– Kultur und Werte
Sozialkompetenz
– Macht & Autorität
– Persönliche Kommunikation
– Interdisziplinäre & multi-
kulturelle Zusammenarbeit
– Konfliktmanagement & Krisen
– Umgang mit Widerstand
Verhandlungs-
kompetenz
– Verhandlungsführung
– Verhandlungs-
zyklus & Strategie
Fachkompetenz
– Im Rahmen
der Projektrolle
Team- und
Führungskompetenz
– Position & Rollen
– Delegation & MbO
– Dynamik in Teams
– Führungsstile & Selbststeuerung
– Sitzungen leiten & moderieren
– Veränderung in Organisationen
Abb. 3.1 Kompetenzmodell
jekt ergeben sich unterschiedlich gewichtete Kompetenzprofile für die einzelnen Stellen-
inhaber. Für Auftraggeber und Projektleiter werden diese in Abschn. 4.1.13.2 dargestellt,
für Product Owner und Scrum Master in Abschn. 4.1.12.2. Die Fachkompetenz ergibt
sich durch die jeweilige Aufgabenstellung des Projektinhaltes und ist nicht Inhalt dieses
Buches.
3.2
Bedingungen für gute Leistung
Kompetenzen alleine sind leider noch nicht Garant für eine erfolgreiche Projektarbeit.
Nach Sprenger (2014, S. 183 ff.) hängt gute Team-Leistung von drei Einflussfaktoren ab
(Abb. 3.2):
Leistungsbereitschaft (Wollen): Jeder Mensch muss eine Aufgabe leisten wollen. Da-
für gibt er sich eine innere Bewilligung.
Leistungsfähigkeit (Können): Auch wenn jemand noch so motiviert ist, reicht das
nicht für eine gute Leistung. Die persönlichen Fähigkeiten müssen den Anforderungen
der Aufgabe einigermaßen entsprechen.
3.2
Bedingungen für gute Leistung
277
Leistungs-
möglichkeit
Soziales Dürfen
• Regeln und (unausge-
sprochene) Normen
• Organisationskultur
Situatives Ermöglichen
• Aufgaben, Verantwortung
und Kompetenzen
• Situative Gegeben-
heiten: Ressourcen,
Zeitbudget, Hilfsmittel
Leistungsbereitschaft
Persönliches Dürfen
und Wollen
• Innere Bewilligung
• Werte, Moral, Selbstwert
• Über- oder Unterschätzung
Leistungsfähigkeit
Individuelles Können
• Individuelle Fähigkeiten
und Fertigkeiten
• Über- oder Unterforderung
Verhalten
Leistung
Abb. 3.2 Bedingungen guter Leistung
Leistungsmöglichkeit (Dürfen): Einerseits muss die Organisation einer Person zuge-
stehen, eine spezifische Leistung zu erbringen (Soziales Dürfen). Andererseits müssen
die entsprechenden Produktionsmittel und Kapazitäten zur Verfügung stehen.
Mit optimal entwickelten Kompetenzen wird die Leistungsfähigkeit gestärkt. Die Leis-
tungsbereitschaft und die Leistungsmöglichkeit sind damit noch nicht beeinflusst. Oft wird
auch versucht, durch zusätzliche Motivationsfaktoren Projektteams zu höheren Leistungen
anzuspornen. Die Motivation beeinflusst primär die Leistungsbereitschaft. Die persönliche
Leistungsfähigkeit wie etwa methodische oder fachliche Kompetenzen werden dadurch
nicht gesteigert. Auch die Leistungsmöglichkeit bleibt durch die Motivation vorerst die-
selbe.
Beispiel
Ein junger Projektleiter, der motiviert (leistungsbereit) und gut ausgebildet (leistungs-
fähig) ist, hat erst Erfolg, wenn die Organisationskultur sein Wirken unterstützt (Leis-
tungsmöglichkeit). Wird er von den „Altgedienten“ in der Firma zu seiner Funktion
ermächtigt und respektiert (Soziales Dürfen) und in das informelle Netzwerk aufge-
nommen, entfaltet sich seine Handlungsfähigkeit. Zudem braucht er die zeitlichen Res-
sourcen, um die Aufgabe erfolgreich zu bewältigen.
278
3
Mensch
Die Gestaltung der Leistungsmöglichkeit wird wohl am häufigsten unterschätzt: Es
gibt immer wieder operativ sehr gut geleitete Projekte, die nur aus dem Grund schei-
tern, dass sie keine Leistungsmöglichkeit haben. Die Leistungsmöglichkeit ist initial von
den Führungsverantwortlichen der Stammorganisation bereitzustellen. Zudem ist auch die
Projektorganisation selber immer wieder damit herausgefordert, optimale Rahmenbedin-
gungen für die Zusammenarbeit im Team zu schaffen. Dies betont die Wichtigkeit der
Arbeit am System (Abschn. 1.5.2).
Alle Mitglieder von Projektteams sollen immer wieder die eigene Leistung in Bezug
setzen zur Leistungsmöglichkeit. Unter sehr schwierigen Rahmenbedingungen lässt sich
ein Projekt kaum mehr oder weniger auf Kurs halten. Sind die Rahmenbedingungen aber
optimal, dürfen und müssen positive Projektresultate erwartet werden. Somit ist es mit
der Beurteilung der persönlichen Leistung wie mit der Abhängigkeit von Licht und Farbe:
Farbe ist immer abhängig vom Licht; je nach Licht erscheint die Farbe anders. Die persön-
liche Leistung (Bereitschaft und Fähigkeit) ist immer abhängig von der Möglichkeit: Mit
der gleichen Leistung kann bei optimalen Verhältnissen sehr viel mehr erreicht werden,
als wenn die Rahmenbedingungen schwierig sind.
3.3
Phänomen Mensch
3.3.1
Wer sind wir?
Wer sind wir als Mensch? Was bildet unsere Identität? Sind wir die logische Konsequenz
unserer Erbanlage (Nature), oder sind wir vor allem geprägt durch unsere Umwelt (Nur-
ture)?
Die Persönlichkeit eines Menschen formt sich aus mehrschichtigen Wechselwirkungen
zwischen Erbanlage und Umwelt heraus (Abb. 3.3). Die Erbanlagen des Kindes sind ein
Ergebnis aus den Erbanlagen der Eltern. Die Eltern gestalten die direkte Umwelt des Kin-
des. Die Familie wiederum wird geprägt durch den direkten Lebensraum von Gesellschaft
und Wirtschaft. Dieser Lebensraum beeinflusst auch die Schule und Gemeinschaften, wel-
che zur direkten Umwelt des Kindes gehören.
Die Phase der Sozialisation, also das Hineinwachsen des Kindes in die Gesellschaft,
ist für jeden Menschen sehr prägend, denn in dieser Zeit ist auch die Hirnentwicklung am
intensivsten. Wesentlich für den Kinderarzt Remo Largo ist, dass der Entwicklungsimpuls
immer selber vom Kind kommt: „Das Kind ist kein passives Wesen, das durch die Umwelt
geformt wird. Es will auch nicht beliebige Erfahrungen machen, sondern solche, die es für
seine individuelle Entwicklung benötigt.“ (Largo 2017, S. 127)
3.3
Phänomen Mensch
279
Schule
Gemeinschaften
Peers
Gesellschaft
Wirtschaft
Eltern
Erbanlage
Kind
Erbanlage
Familie
Umwelt
Kind
Kind
Abb. 3.3 Zusammenwirken von Anlage und Umwelt in der Kindheit. (Largo 2017, S. 125)
3.3.2
Wunderwerk Hirn
Neuroplastizität: Das Hirn verändert seine Form
Unser Hirn besteht aus bis zu 100 Mrd. Nervenzellen (Neuronen). Jedes einzelne Neuron
ist wiederum mit 1000–5000 anderen Neuronen durch Synapsen verbunden. Das Hirn
funktioniert nur als Team: Ein Neuron selber kann für sich nicht viel ausrichten. Nur
wenn es sich mit Tausenden oder Millionen anderer Nervenzellen verbindet, gewinnt es
an Einfluss (Esch 2014, S. 68). Ein Durchbruch in der Hirnforschung war die Erkenntnis,
dass das Hirn seine Form verändert. Die Neuroplastizität lässt darauf schließen, dass
das Hirn seine Struktur nicht nur aufgrund der genetischen Marker entwickelt, sondern
auch aufgrund der Erfahrungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens macht. Wenn der
Mensch etwas lernt, sei das in Bezug auf sein Fühlen, Denken oder Handeln, entwickeln
sich neuronale Netzwerke in seinem Hirn. Je mehr ein spezifisches neuronales Netzwerk
mit Erfolg benutzt wird, desto stärker wird dieses auch ausgebaut. Es entwickelt sich –
bildlich gesprochen – vom Trampelpfad zur Autobahn.
Neurons wire together if they fire together.
Use it or lose it.
280
3
Mensch
Nach diesem Bild nimmt das Gehirn des Menschen am liebsten die Autobahn. Vom
Menschen wird gesagt, er sei ein „Gewohnheitstier“. Er liebt die Netzwerke an Denk-,
Fühl- und Verhaltensmustern, die er möglicherweise schon in der Kindheit entwickelt hat.
Diese Gewohnheiten vermitteln Routine, Sicherheit und Effizienz.
Beispiel
Ein Projektleiter, der schon viele Projekte nach dem klassischen Ansatz abgewickelt
hat, ist sehr effizient in der Projektplanung und in der Projektabwicklung. Wenn nun
sein Arbeitgeber entscheidet, zukünftig die Projekte nach dem agilen Ansatz abzuwi-
ckeln, sind die Routinen und Strategien des Projektleiters plötzlich nicht mehr hilfreich.
Er ist damit herausgefordert, dass er sich mit der agilen Methodik intensiv auseinan-
dersetzt und darin auch seine neue Rolle als Product Owner oder Scrum Master findet.
Leben heißt Veränderung (Abschn. 3.5.3). Menschen sind immer wieder mit der Er-
fahrung konfrontiert, dass die bestehenden Autobahnen des Fühlens, Denkens und Han-
delns nicht mehr zielführend sind. Die Autobahn kann nur verlassen werden, indem man
sich Stück für Stück ein neues Verhaltensmuster antrainiert. Das ist natürlich sehr an-
spruchsvoll. Dabei entwickeln sich im Gehirn neue neuronale Netzwerke, was viel mehr
Energie erfordert, als die bestehenden Gewohnheitsmuster abzurufen, den Autopiloten
laufen zu lassen. Die gute Nachricht ist aber, dass das menschliche Gehirn dank der Neu-
roplastizität neue Autobahnen anlegen kann, kurz gesagt, lernfähig ist.
Auch die Umkehr davon ereilt uns Menschen immer wieder: Neuronale Netzwerke,
die längere Zeit nicht benötigt werden, bauen sich wieder ab. Das Gehirn hat einen sehr
effizienten Energiespar-Modus und funktioniert nach dem Motto: „Use it or lose it.“
Beispiel
Für den oben beschriebenen Projektleiter wird es nicht reichen, einfach ein Seminar
zum agilen Projektmanagement zu besuchen und dann die Vorstellung zu haben, dass
er wieder mit der gleichen Souveränität und Effizienz die Rolle des PO bekleiden kann.
Was er sich in jahrelanger Praxis als klassischer Projektmanager angeeignet hat, muss
er nun z. T. loslassen können. Er setzt sich intensiv mit dem agilen Ansatz und dessen
kritischen Erfolgsfaktoren wie der Selbststeuerung, dem Entwickeln der Produktvision
oder dem Aufbau des Product Backlog auseinander. Dabei bildet sein Gehirn diese
neuen Kompetenzen als neue neuronale Netzwerke ab. Das bedeutet, dass sein agiles
PM-Seminar nur Früchte tragen wird, wenn er die neuen Ansätze immer wieder neu
praktiziert. Sollte er irgendwann später wieder in ein klassisches Projekt einberufen
werden, könnte er sich damit schwertun, die klassischen Planungstools zu bedienen
oder ein Lastenheft zu entwickeln.
Wo ist die Zentrale im Hirn?
Das Hirn ist als Teil des zentralen Nervensystems des Menschen dessen oberstes Steue-
rungsorgan. Lange Zeit war die Frage nicht beantwortet, wo denn die „Steuerung der
3.3
Phänomen Mensch
281
Steuerung“ ansässig sei, welches also innerhalb des Hirns selber wiederum die höchste
Instanz sei für das Fühlen, Denken und Handeln des Menschen. Mittlerweile konnte die-
se Funktion dem Frontallappen der Großhirnrinde zugeordnet werden, dem präfrontalen
Kortex. Er bildet die Regierung oder das Exekutivkomitee im Gehirn und ist charakteri-
sierend für die Spezies Mensch grundsätzlich und für die jeweilige Person im Speziellen
(Esch 2014, S. 86). Alle Erfahrungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens macht, wer-
den im diesem Frontallappen gespeichert. Immer wiederkehrende Erfahrungen werden
dabei verdichtet. Daraus resultiert schließlich die innere Haltung eines Menschen, seine
Einstellung. Da diese Erfahrungen aufgrund der Neuroplastizität Teil der Hirnstruktur des
jeweiligen Menschen geworden sind, lassen sich die neuen Haltungen und Einstellungen
nur mit großem Aufwand wieder verändern.
Das Besondere am Frontallappen ist, dass es sich um ein gekoppeltes Netzwerk mit ei-
nem kognitiven und einem emotionalen Anteil handelt. Jede Erfahrung wird also mit der
dazugehörenden Emotion gespeichert. Haltungen können zwar vom Menschen rational
begründet werden, sie sind aber immer auch emotional verankert und damit fühlbar. Aus
diesem Grund kann persönliche wie auch organisationale Veränderung, die nur rational
begründet wird, nicht erfolgreich sein. Nachhaltige Veränderung ist immer begleitet von
einem sicherheitsstiftenden Raum, in welchem Menschen und Organisationen neue Erfah-
rungen machen können (Ballreich und Hüther 2009). Mehr dazu in Konfliktbewältigung
(Abschn. 4.4.10).
Vom Wissen zum Können
Auch die Reflexion, die Vernunft und die allgemeinen Intelligenz- und Verstandesfunk-
tionen und damit die Steuerung unseres Handelns werden dem präfrontalen Kortex zu-
geordnet. Das Wissen, welches der Mensch sich angeeignet hat, sei dies in Mathematik,
Sprache oder im Expertenwissen seiner Berufstätigkeit, dient ihm als Werkzeugkoffer und
ist in der Großhirnrinde gespeichert.
Abb. 3.4 stellt den Zusammenhang zwischen Daten, Informationen, Wissen und Kön-
nen dar: Daten haben wir im digitalen Zeitalter in Hülle und Fülle. Daten, welche unter-
einander zusammenhängen, werden zu Information. Aus Informationen, welche für eine
Person Sinn machen, wird spezifisches Wissen. Mit Wissen können wir Probleme lösen.
Das Wissen wird zu Können, wenn es gelingt, neue, bisher unbekannte Probleme zu lö-
sen. Damit wird wiederum neues Wissen generiert. Um das Wissen umzusetzen, ist die
Grenze zwischen Wissen und Können immer wieder zu überschreiten. Dies führt zurück
zum Thema „Trampelpfad und Autobahn“. Das Können, das neue Lösungen generieren
kann, legt einen neuen Trampelpfad an, der durch Wiederholung zu einer neuen Autobahn
ausgebaut wird. Übung macht den Meister. Weitere Ausführungen zu den Strategien der
persönlichen Veränderung finden sich in Abschn. 3.5.4.
282
3
Mensch
Daten
Informationen
Wissen
Können
Abb. 3.4 Wissen und Können. (Pfläging 2015, S. 36)
3.3.3
Grundbedürfnisse bestimmen unser Leben
Mittlerweile vertritt die Mainstream-Psychologie die Auffassung, dass das Verhalten des
Menschen zielorientiert ist und dass sich diese Ziele aus den persönlichen Grundbe-
dürfnissen des Menschen ableiten (Bamberger 2005, S. 283). Welches aber diese Grund-
bedürfnisse des Menschen sind, darüber bestehen unterschiedliche Ansätze.
„Die Grundbedürfnisse, so wie sie ausgebildet sind, prägen die Individualität eines
Menschen und haben großen Einfluss auf sein Leben“ (Largo 2017, S. 204). Die Erb-
anlage schafft dazu die organischen Voraussetzungen und legt auch deren Ausprägung
fest. Bis zu welchem Grad das Kind dann aber seine individuellen Grundbedürfnisse be-
friedigen kann, hängt von seiner Umwelt ab. So kann ein Kind, je nachdem, wie seine
Grundbedürfnisse angelegt sind und welche Erfahrungen es macht, Leistung und soziale
Anerkennung als erstrebenswerte Ziele verinnerlichen oder diesen – gerade im Gegen-
teil – wenig Beachtung schenken. Die Einstellung, die es dadurch gewonnen hat, kann
später im Erwachsenenleben dazu führen, dass es entweder eine sehr leistungskritische
oder leistungsorientierte Haltung einnehmen wird. Remo Largo unterscheidet zwischen
den nachfolgend beschriebenen, in Abb. 3.5 aufgeführten sechs Grundbedürfnissen.
3.3
Phänomen Mensch
283
Existenzielle
Sicherheit
Körperliche
Integrität
Geborgenheit
Selbstentfaltung
Leistung
Anerkennung
Sozialer Status
Abb. 3.5 Grundbedürfnisse des Menschen. (Largo 2017, S. 183 ff.)
Körperliche Integrität
Die Befriedigung der elementaren körperlichen Bedürfnisse bildet eine Grundlage dafür,
dass auch die anderen Grundbedürfnisse befriedigt werden können. Dazu gehört die aus-
reichende Ernährung, der erholsame Schlaf, nicht übermäßig frieren oder schwitzen zu
müssen, das Ausleben der Sexualität und auch die physische Leistungsfähigkeit. Ein we-
sentlicher Bestandteil dieses Grundbedürfnisses ist die Gesundheit des Menschen. Von
den Heilsritualen über die Schamanen zur modernen Medizin: Der Mensch hat für seinen
Gesundheitszustand immer sehr viel Energie aufgewendet.
Geborgenheit und Zuwendung
Das Verlangen nach Geborgenheit und Zuwendung ist ein uraltes psychisches Grundbe-
dürfnis des Menschen. Ohne die Bindungsbereitschaft der Eltern würden Kinder nicht
überleben – sind sie doch auf deren Zuwendung angewiesen. Die Liebe ist für die meisten
Menschen wohl die stärkste Emotion. Durch sie stillt der Mensch sein Verlangen danach,
bedingungslos angenommen zu sein.
Kinder sind enorm stark auf die Geborgenheit und Zuwendung angewiesen. Im Er-
wachsenenalter lässt das etwas nach, aber das Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung
vertrauter Menschen bleibt bestehen.
284
3
Mensch
Anerkennung und sozialer Status
Der Mensch kann – wie viele Tierarten auch – nur in der Gemeinschaft überleben. In
dieser Gemeinschaft entwickelten unsere Vorfahren ein Bedürfnis nach sozialer Aner-
kennung und einer gesicherten sozialen Stellung. Dieses Grundbedürfnis kann in ganz
unterschiedlichen Gemeinschaften befriedigt werden. Für die Einen steht dabei die Fami-
lie im Vordergrund, für die Anderen die Berufs- oder Freiwilligenarbeit etc. Es ist auch
nicht so, dass man nur als Projektleiter, CEO, Vereinspräsident oder Familienoberhaupt
zufrieden sein kann: „Die meisten Menschen sind dann zufrieden, wenn sie die soziale
Stellung einnehmen können, die ihnen entspricht, und wenn sie die soziale Anerkennung
bekommen, die sie aufgrund ihrer Leistung erwarten dürfen“ (Largo 2017, S. 193).
Was aber für alle Menschen gilt: Alle Menschen wollen in ihrer sozialen Stellung
beachtet werden, sei diese auch noch so bescheiden. Jede Form von Ausgrenzung be-
einträchtigt das Wohlbefinden.
Selbstentfaltung
Der Mensch will die in ihm angelegten Fähigkeiten so gut wie möglich entfalten können.
Schon Kinder haben ein ausgeprägtes Verlangen danach, Fähigkeiten auszubilden und
sich Fertigkeiten und Wissen anzueignen.
Kinder wie auch Erwachsene neigen jedoch immer wieder dazu, sich zu überfordern
oder Idealen nachzueifern, die sie nicht erfüllen können. „Jedes Kind ist mit einem in-
dividuellen Entwicklungspotenzial bezüglich Ausprägung und Reifungsgeschwindigkeit
seiner Eigenschaften und Fähigkeiten geboren. Je nach Lebensbedingungen, unter denen
es aufwächst, kann es sein Potenzial unterschiedlich gut ausschöpfen. Das Kind kann sich
aber selbst unter optimalen Lebensbedingungen nicht über sein Entwicklungspotenzial hi-
naus entwickeln. Es gibt keine Förderung über das individuelle Begabungspotenzial eines
Menschen hinaus“ (Largo 2017, S. 114).
Demnach ist für das Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl des Menschen nicht der
Erfolg selber entscheidend, sondern ob es gelingt, die individuellen Begabungen zu ent-
falten.
Streben nach Leistung
In der Leistung will der Mensch mit seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten – welche er sich
über die Selbstentfaltung angeeignet hat – spezifische Ergebnisse erzielen.
Der Mensch will nicht nur leisten, um dadurch seinen Lebensunterhalt zu verdienen
oder soziale Anerkennung zu erreichen. Der Mensch will auch leisten, weil er sich damit
in einer Selbstwirksamkeit erfahren und auch sein Selbstwertgefühl stimulieren kann.
Wie wichtig die erbrachten Leistungen für Kinder und auch Erwachsene sind, zeigt
sich in unseren Emotionen: Gelingt uns ein Erfolg, empfinden wir Freude und Euphorie.
Scheitern wir in einem wichtigen Vorhaben, sind wir traurig und betrübt. Wer permanent
unterfordert ist, fühlt sich gelangweilt und frustriert. Wer dauerhaft überfordert ist und
nie das Gefühl haben kann, etwas erreicht zu haben, fühlt sich desillusioniert oder sogar
erschöpft.
3.3
Phänomen Mensch
285
Auch bei der Leistung geht es nicht darum, dass jede Person auf den Mount Everest
klettern, einen Marathon rennen oder um die Welt radeln muss. Es geht darum, dass der
Mensch die Leistungen erbringen kann, die seinen Fähigkeiten oder Fertigkeiten entspre-
chen.
Existenzielle Sicherheit
Erlebt der Mensch mangelnde existenzielle Sicherheit oder verliert er diese sogar total,
löst das bei ihm übermächtige Ängste aus. Menschen, die von Armut, Krieg oder Vertrei-
bung betroffen sind, sind zutiefst emotional verunsichert und psychisch traumatisiert.
Der Mensch teilt mit vielen Tieren seinen Drang zur Vorsorge und zur Schaffung von
Sicherheit: Das Eichhörnchen legt Vorräte an, der Maulwurf zieht sich in sein Höhlensys-
tem zurück. Der Mensch lebte zuerst in Höhlen, dann in Steinhütten und Höfen. Heute
bilden Städte, Vorsorgesysteme oder Versicherungen der modernen Welt die Grundlagen,
um die existenzielle Sicherheit zu erhöhen.
Dabei interpretieren die Menschen existenzielle Sicherheit unterschiedlich: Die einen
wollen ihren Lebensunterhalt bezahlen können, die anderen streben nach Reichtum und
Macht. Manchen ist die Altersvorsorge enorm wichtig, und für gewisse ist das völlig ne-
bensächlich.
I
Jeder Mensch ist einzigartig. Je mehr der Mensch in seinem Leben Wahl- und
Entscheidungsfreiheiten hat, desto mehr wird er versuchen, sein Leben so zu
gestalten, dass er diese Freiheiten so gut wie möglich ausleben kann. Die eine
Person strebt mehr nach Status und Anerkennung, für andere ist die Geborgen-
heit oder die existenzielle Sicherheit sehr viel wichtiger. Ein gut oder schlecht
gibt es bei diesen Ausprägungen nicht. Aber diese Ausprägungen der Bedürf-
nisse haben Einfluss auf die Persönlichkeitsmerkmale, die z. B. über Persönlich-
keitstypologien wie Belbin oder MBTI (Abschn. 3.10.2) erfasst werden können.
Je besser der Mensch sich selber kennt, desto mehr kann er auch ein Umfeld su-
chen, welches ihm am besten entspricht,so wie auch der Kaktus die Trockenheit
braucht und das Schilfrohr die Nässe. Wer einen starken Drang nach Anerken-
nung und sozialem Status hat, wird sich als Mitglied eines agilen Teams mit kol-
legialer Führung kaum wohlfühlen. Und wem Geborgenheit und Zuwendung
wichtig ist,der wirdin der Rolle desProduct Ownersnicht glücklich werden.Bes-
ser wäre in diesem Fall, wenn die beiden Personen die Rollen tauschen würden,
vorausgesetzt natürlich, sie bringen dazu auch die entsprechenden fachlichen
Kompetenzen mit.
3.3.4
Spezielle Bedürfnisse der Generation Y
Jede Generation hat auch ihre speziellen Charakteristika der Grundbedürfnisse. Diese
werden unter anderem von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bzw. vom Ent-
286
3
Mensch
wicklungsstand der Gesellschaft, von der herrschenden Kultur, von weltbewegenden Er-
eignissen usw. geprägt.
Für die Arbeitswelt sind besonders die Kenntnisse der Bedürfnisse und Erwartungen
der jungen Generation, die auch Millennials oder Generation Y genannt wird, interessant.
Im Folgenden sind einige Charakteristika, Bedürfnisse und Erwartungen jüngerer Men-
schen an die Arbeitswelt genannt:
Sie sind in der Regel gut ausgebildet und investieren auch in ihre Weiterbildung.
Sie suchen in der Arbeit Sinn: sie muss interessant und vor allem sinnvoll sein.
Sie streben nach Autonomie, übernehmen dann aber auch Verantwortung.
Berufliche Weiterentwicklung ist ihnen wichtig, jedoch eher in Richtung Projekt- oder
Expertenlaufbahn als in der Führung von Mitarbeitern.
Sie lassen sich nicht ans Unternehmen binden.
Sie sind engagiert, optimieren sich aber auch selber. So ist ihnen die Life-Balance
sehr wichtig. Konkret heißt das: Arbeitszeit-Souveränität, Auflösung der Trennung von
Beruf und Privatleben, auch Zeit für die Familie, usw.
Sie sind kritisch gegenüber Hierarchien, arbeiten jedoch gerne in Teams.
In der VUKA-Welt von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität sind sie
zu ständiger Anpassung gezwungen; hier können sie besser improvisieren als die Ge-
nerationen vor ihnen.
Natürlich treffen diese Eigenschaften nicht für alle zu. Bei gewissen Menschen ist auch
das Gegenteil feststellbar, sei es ein übertriebener Wunsch nach Sicherheit, Anpassung
oder Rückzug ins Private. Aber es ist ein Trend. Gerade das moderne Projektmanage-
ment sollte in der Lage sein, für diese Bedürfnisse die passenden Rahmenbedingungen
zu bieten: Teamarbeit, Gestaltungsfreiheit, Entscheidungskompetenzen, Selbstorganisati-
on usw. Nur so, und nicht durch möglichst viel Geld und Statussymbole, kann es die guten
Mitarbeiter gewinnen, auf die es heute so angewiesen ist. In unseren (noch) weitgehend
hierarchisch geführten Unternehmen ist das eine große Herausforderung. Doch die Er-
fahrung zeigt, dass bei entsprechenden Rahmenbedingungen ein großes Potenzial genutzt
werden kann.
I
In der Projektarbeit geht es vor allem darum, die unterschiedlichen Fähigkeiten
der verschiedenen Generationen im Team optimal zu kombinieren. Dazu muss
ein gegenseitiges Verständnis zwischen Jüngeren und Älteren entwickelt wer-
den. Das bedeutet auch, dass ein guter Umgang mit Differenzen immer wieder
neu gefunden werden muss. Das Thema steht im Konfliktmanagement im Mit-
telpunkt (Abschn. 4.4.1).
3.3
Phänomen Mensch
287
Somatosensorischer Bereich
Tasten
Olfaktorischer Bereich
Riechen
Auditorischer Bereich
Hören
Visueller Bereich
Sehen
Gustatorischer Bereich
Schmecken
Abb. 3.6 Wo die Sinne verarbeitet werden
3.3.5
Wahrnehmung des Menschen
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte
Durch diese Volksweisheit wurde schon vor langer Zeit auf ein Phänomen der menschli-
chen Wahrnehmung hingewiesen, welches nachfolgend erörtert werden soll. Der Mensch
(resp. sein Gehirn) erhält durch seine Sinne Informationen über seine Umwelt. Aristoteles
definierte die fünf bekannten Sinne von Sehen, Hören, Riechen, Schmecken sowie Tas-
ten. Die moderne Forschung fügt noch weitere Sinne hinzu wie die Wahrnehmung des
Gleichgewichts (Vestibulärer Sinn), die Fähigkeit, die Position einzelner Körperteile im
Vergleich zu anderen einzuschätzen (Propriozeptionssinn) oder den viszeralen Sinn mit
der Fähigkeit, Signale aus dem Innenleben unseres Körpers wie Hunger und Durst wahr-
zunehmen (Amrein 2015, S. 63).
Das Sehen und das Tasten sind die beiden dominanten Sinne des Menschen. Das Tasten
geht über unsere Haut, die das größte Organ des Menschen ist. Die nach vorne ausge-
richteten Augen des Menschen verdeutlichen die Wichtigkeit des Sehens. Für das Hören,
Riechen und Schmecken stehen im Hirn weit weniger Kapazitäten zur Verfügung, wie in
Abb. 3.6 ersichtlich ist (Donzé und Pfister 2015).
288
3
Mensch
Selektive Wahrnehmung
Das, was wir wahrnehmen („als wahr nehmen“), kann niemals objektiv sein. Zuerst ein-
mal haben unsere Sinne eine „mechanische“ Begrenzung: Wir Menschen können nur
das Licht bestimmter Wellenlängen sehen und nur Töne bestimmter Frequenzen hören.
Wir können auch nicht alles riechen, schmecken und ertasten. Vielmehr handelt es sich
bei unserer Wahrnehmung um einen hochkomplexen Verarbeitungsprozess, welcher im-
mer rein subjektiv und selektiv zu bewerten ist: „Das aus all diesen Sinneseindrücken
zusammengesetzte Bild ist freilich kein wahres Abbild der tatsächlichen Beschaffenheit
der äußeren Welt, sondern lediglich das Bild, das wir uns mit all unseren Beschränkungen
von dieser Welt machen können.“ Der Mensch hat die einzigartige Fähigkeit, seine Wahr-
nehmung zu bewerten. Er kann sich auf spezifische Wahrnehmungen aus der äußeren wie
auch inneren Welt fokussieren und diese in den Mittelpunkt setzen oder auch als völlig
unbedeutend im Hintergrund lassen (Hüther 2001, S. 103 ff.). Diese Wahrnehmung ist bei
allen Menschen unterschiedlich, basiert sie doch darauf, wie intensiv spezifische neurona-
le Wahrnehmungsnetzwerke ausgebildet worden sind. Je nachdem, wie stark wir unsere
Sinne auf gewisse Phänomene „schärfen“, sind wir dann sehr sensibilisiert auf spezifische
Wahrnehmungen.
In der interdisziplinären Projektarbeit werden uns diese gegensätzlich „geschärften“
Wahrnehmungen immer wieder bewusst: Ein technischer Experte, sei es ein Informatiker,
ein Maschinenbauer oder ein Elektroingenieur, hat im Bereich seiner Fachkompetenz ei-
ne hochdifferenzierte Wahrnehmung in Bezug auf die technische Problemstellung. Für
Störungen auf der Beziehungsebene, Unterlassungen im Bereich des Stakeholder-Ma-
nagements oder auch die Wichtigkeit von gut vorbereiteten und moderierten Sitzungen
können diese Personen wesentlich geringer sensibilisiert sein. Das ist auch kein Wunder,
haben sie doch Jahrzehnte der Aus- und Weiterbildung in ihre Fachdomäne investiert und
sich gerade aufgrund dieser Kompetenzen ihre berufliche Karriere aufgebaut. Ein Pro-
duct Owner hingegen darf sich gar nicht in technischen Problemen verlieren. Einerseits
hat er eine andere Funktion im Team und andererseits wird er gar nicht die technischen
Kompetenzen haben, dies zu tun.
I
Wenn davon ausgegangen wird, dass die Menschen unterschiedliche Wahrneh-
mungen und damit unterschiedliche Realitäten haben, so liegt es auf der Hand,
sie „an einen Tisch“ zu bringen, um eine gemeinsame Realität entstehen zu las-
sen. Deshalb sind gemeinsame Bearbeitungen oder Absprachen so wichtig, sei-
en sie noch so kurz, dafür häufig und regelmäßig wie z. B. im Daily Standup
Meeting. Aber auch ein Perspektivenwechsel ist oft sinnvoll: sich in die Rolle des
andern, z. B. des Kunden, des Anwenders usw. zu versetzen. Was ist aus seiner
Sicht wichtig, was erwartet er vom Projekt? Da bietet sich die Stakeholder-Ana-
lyse an (Abschn. 2.3.5), die Fragetechnik (Abschn. 3.9.8) oder die Integration von
weiteren Personen in die Projektorganisation (Abschn. 2.3.9).
3.3
Phänomen Mensch
289
Zweck unserer Wahrnehmung
Unsere Sinne erfassen auch sehr viel mehr Impulse, als wir bewusst verarbeiten könnten.
Experten gehen davon aus, dass nur 5 % unserer Wahrnehmungen dem Bewusstsein wirk-
lich zugänglich gemacht werden. Die anderen 95 % der Sinneseindrücke bleiben unbe-
wusst (Stadelmann 2017). Das führt zur Frage, welcher Art die 5 % der Wahrnehmungen
sind, welche unserem Bewusstsein zugänglich gemacht werden? Weil das Überleben un-
sere wichtigste Aufgabe ist, sind alle darauf erpicht, so viel Sicherheit wie möglich um
sich herum zu schaffen. Und alles was diese Sicherheit bedroht, resp. mögliche Gefahren
mit sich bringt, ist für unsere Wahrnehmung zentral. Damit kann einfach zusammenge-
fasst werden, dass sich unsere Wahrnehmung (unbewusst) auf das fokussiert, was unsere
Sicherheit bedroht und damit einer Intervention bedarf. Die Sicherheit liegt wiederum in
der Vorhersagbarkeit. Wir lieben es nicht, überrascht zu werden. Vielmehr produziert un-
ser Hirn immer wieder neu Erwartungen an spezifische Lebenssituationen. Und das, was
von diesen Erwartungen abweicht, ist in unserer Wahrnehmung zentral. Das, was nicht
abweicht, braucht keine große Aufmerksamkeit und wird vielfach auch unbewusst verar-
beitet.
I
Dieses Phänomen ist für das Verhalten des Menschen im Stress (Abschn. 3.5) und
in Konflikten (Abschn. 4.4) zentral: Der Stressor oder der Konflikt kann von ei-
nem Moment auf den Anderen die Wahrnehmung einzelner Projektbeteiligter
völlig vereinnahmen. Die Wahrnehmung fokussiert sich dann auf diesen – sub-
jektiv empfundenen – sicherheitsbedrohenden Aspekt. Alles andere, was gut
läuft, wird möglicherweise ausgeblendet. In dieser Situation ist es für die Pro-
jektverantwortlichen wichtig, mit den Betroffenen eine Eingrenzung machen zu
können. Sehr hilfreich sind hier die Fragetechniken (Abschn. 3.9.8) wie:
... die Beziehung zum Kollegen ist sehr angespannt. Gab es eine Zeit, in der
diese besser war? Wenn ja, was war damals anders?
... auf einer Skala von 1–10: Wie werden im Moment die Erfolgschancen für
das Projekt eingeschätzt? Was würde es brauchen, um diese Chancen um
einen Punkt zu steigern?
3.3.6
Bewusstsein und Selbstreflexion
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl
unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklungen und unsere Freiheit (Vik-
tor E. Frankl).
Frankl beschreibt eine ganz spezielle Gabe des Menschen: Er ist seiner selbst bewusst
und hat deshalb auch die Möglichkeit zu reflektieren, wie er mit der (selektiven) Wahr-
nehmung der Reize aus seiner Umwelt umgeht und wie er darauf reagiert. Dieser Raum
zwischen Reiz und Reaktion wird durch unser Bewusstsein geschaffen: Nach dem latei-
nischen Begriff „con-sciencia“ ist Bewusstsein ein begleitendes Wissen, welches um die
290
3
Mensch
eigene Befindlichkeiten und Tätigkeiten weiß, uns aber auch die Abgrenzung erlaubt zu
unseren Mitmenschen und zur Umwelt (Rager und von Brück 2012, S. 36 ff.). Hüther
versteht unter dem Bewusstsein die Fähigkeit, die eigenen Empfindungen und Wahrneh-
mungen, des eigenen „In-der-Welt-Seins“ gewahr zu werden. Dank dem Bewusstsein
werden primäre Verarbeitungsprozesse, die den Leistungen des Gehirns zugrunde liegen,
ihrerseits zum Gegenstand kognitiver Prozesse gemacht (Hüther 2001, S. 115).
Beispiel
Wir können also eine Sitzung leiten und uns während dem Sprechen unserer eigenen
Befindlichkeit gewahr werden: „Fühle ich mich gestresst wegen der kritischen Bemer-
kung eines Kollegen? Oder aber rede ich zu schnell, weil ich Angst habe, die Sitzung
nicht pünktlich beenden zu können?“
Durch unsere Fähigkeit, unser vordergründiges Fühlen, Denken und Handeln auf einer
höheren Meta-Ebene zu reflektieren, können wir wiederum unsere vordergründige Ebe-
ne beeinflussen. Beispielsweise langsamer sprechen oder aber die Sitzungsteilnehmenden
fragen, ob die Besprechung verlängert werden kann.
Nach Frankl liegt unsere Freiheit darin, wie wir den Raum zwischen Reiz und Reaktion
am besten nutzen. Der Mensch ist – anders als die Tiere – seinen Gefühlen und Instinkten
nicht bedingungslos ausgeliefert. Vielmehr ist er dazu befähigt, sie mit seiner Vernunft zu
kontrollieren und langfristigen Zielen unterzuordnen (Rager und von Brück 2012, S. 93).
Wenn wir also Angst haben, müssen wir nicht sofort die Flucht ergreifen. Falls uns je-
mand in einer Sitzung bloßstellt, müssen wir nicht sogleich im Affekt zurückschlagen.
Natürlich kommen in einer solchen Sitzungssituation die Gefühle hoch. Wir fühlen uns
verletzt oder auch gedemütigt. Aber trotz allem können wir dank unserem Bewusstsein
und der Vernunft bei uns bleiben und unsere Bloßstellung durch die andere Person in ihrer
verbalen und non-verbalen Kommunikation einordnen (Abschn. 3.9) und ruhig bleiben.
Dieser Prozess – der unsere Überlegungen zum Phänomen Mensch zusammenfasst – ist
vereinfacht in Abb. 3.7 dargestellt.
Nicht nur unsere Wahrnehmung ist kontextabhängig, sondern auch unser Verhalten.
Dieser Aspekt wird in Abschn. 4.1.10 behandelt.
3.3.7
Vertrauen
Vertrauen ist ein Mechanismus, der uns erlaubt, mit unserer Unsicherheit umzugehen (Chris-
toph Bosshardt).
Unser Leben ist voll von Unsicherheiten. Wenn wir beispielsweise nicht darauf vertrau-
en können, dass alle Verkehrsteilnehmer die Regeln befolgen, werden wir uns nicht mehr
ins Auto setzen. Ohne Vertrauen zum Lokführer und ins Zugleitsystem werden wir in kei-
nen Zug mehr einsteigen. Vertrauen ist Grundlage und Voraussetzung jeder qualifizierten
Form der menschlichen Gemeinschaft.
3.3
Phänomen Mensch
291
Bewertung
Gefühle
Selektive
Wahrnehmung
5%
95%
Bewusster
Prozess
Handlung Verhalten
Reiz Unbewusster
Prozess
Vernunft
Wille
Ziele
Selbstreflexionsfähigkeit
Kontextabhängigkeit
Abb. 3.7 Wahrnehmung und Selbstreflexion
Vertrauen als Erfahrung
Wie jede Fähigkeit des Menschen ist auch Vertrauen eine Mischung von genetischer Ver-
anlagung und erlerntem Verhalten. Damit das Kind lernen kann zu vertrauen, braucht es
vor allem Sicherheit. Diese Sicherheit resultiert daraus, wie feinfühlig und vorhersagbar
die Bezugspersonen auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen (Schneider 2003). Ist die
Reaktion eines Elternteils mal liebevoll und dann wieder ein Wutausbruch, ist die Reak-
tion nicht vorhersagbar. So entsteht keine Sicherheit. Das Kind kann auch kein Vertrauen
aufbauen, weder in sich selber noch in seine Umwelt. Auch im Erwachsenenleben können
wir Vertrauen „lernen“. Dafür brauchen wir stabile Beziehungen, die Sicherheit stiften.
Synonym für Vertrauen: Nähe oder Verbundenheit
Wir vertrauen Menschen oder Organisationen, denen wir uns nahe oder verbunden fühlen.
Vertrauen ist wie Macht (Abschn. 4.1.3) immer eine Beziehungsangelegenheit. Was ist
die Grundlage von Beziehungen? Nach dem Philosophen Wilhelm Schmid sind es die ge-
meinsamen Erfahrungen. Beziehungen ohne regelmäßige gemeinsame Erfahrungen lösen
sich auf. Auch Familienbeziehungen leben davon, dass man sich immer wieder begegnet
und gemeinsame Erfahrungen macht (Schmid 2010).
292
3
Mensch
Vertrauen in der Berufswelt
Alle wollen heutzutage Vertrauen: Politiker von der Bevölkerung, Firmen von ihren Kon-
sumenten, Führungskräfte von ihren Mitarbeitern und Projektverantwortliche von ihren
Auftraggebern. Nur mit einer wunderbaren Ansprache oder einem schönen Werbespot ist
das aber nicht gemacht. Es braucht die Berechenbarkeit und das Gefühl der Sicherheit in
dieser Beziehung mit dem Gegenüber. Das entsteht am besten im zwischenmenschlichen
Kontakt. Deshalb ist die formale Projektkommunikation eine Grundvoraussetzung für die
Zusammenarbeit. Aber eben nur eine. Es braucht ebenso die unstrukturierten Kommu-
nikationsgefäße wie das Mittagessen und den Aperitif am Feierabend. Hier können wir
uns als Menschen außerhalb unserer Berufsrollen erfahren und damit Nähe und Sicherheit
zueinander entwickeln, was tragfähige Berufsbeziehungen ermöglicht.
Wer kein Vertrauen hat, reagiert nach außen mit einem übersteigerten Kontrollbedürf-
nis und nach innen mit Verlorenheit. Im Arbeitsleben zeigt sich das im Unvermögen,
delegieren zu können (Abschn. 4.1.8) und in hohem Perfektionismus: Vorgesetzte, die
als „Micro-Manager“ jedes Detail im Griff haben wollen.
3.3.8
Humor
Fragt der neue Mitarbeiter seinen Projektleiter: „Wie viele Menschen arbeiten eigentlich an
unserem Projekt?“ Darauf der Projektleiter; „Hm, ich schätze, so etwa die Hälfte!“ (Projekt-
magazin.de)
Dr. med. Eckart von Hirschhausen ist davon überzeugt, dass Lachen die beste Medizin
ist. Deshalb hat er sich von seiner Arzttätigkeit abgewandt, um sich dem Cabaret zu wid-
men. Er ist Buchautor und moderiert Fernsehsendungen. Hirschhausen bezeichnet den
Kampf von David gegen Goliath als Urwitz der Menschheit: „Der mächtige Riese Goliath
wird von dem körperlich unterlegenen David mit seiner Schleuder niedergestreckt. Witz
gewinnt gegen Gewalt. Und deshalb ist der kreative Geist auch so eine gute Waffe, vor
allem, wenn wir selbst der Feind sind: trübe Gedanken, üble Schmerzen oder wenn die
ganze Welt gegen uns ist“ (Hirschhausen 2016, S. 447).
Es ist eine wertvolle Kompetenz des Menschen, immer auch über sich selber lachen zu
können. Anstatt dass wir uns bei einem Missgeschick oder einem Fehler über uns selbst
ärgern und griesgrämig sind, können wir auch versuchen, über uns zu lachen. Humor er-
laubt dem Menschen, sich selber nicht so ernst zu nehmen, zu sich selber auf eine gewisse
innere Distanz zu gehen. Humor entspannt und erlaubt es einem auch, sich aus der Verbis-
senheit zu lösen und eine gewisse Lockerheit zu den aktuellen Erfahrungen zu entwickeln.
Dadurch hat Humor auch einen Einfluss auf unsere Resilienz (Abschn. 3.8.4) und auf un-
sere Kreativität (Abschn. 1.7).
Im Humor erfährt der Mensch, dass er ein soziales Wesen ist. So richtig herzhaft la-
chen, kann er nur in Gemeinschaft. Zusammen lachen generiert Nähe und Verbundenheit,
wodurch mehr Vertrauen entsteht.
3.4
Persönliche Kultur und Werte
293
3.4
Persönliche Kultur und Werte
3.4.1
Was ist Kultur?
Kultur bezeichnet Verhaltensnormen und gemeinsame Werte einer Gruppe von Menschen
(John Kotter).
Kultur ist die Art und Weise, wie wir Probleme lösen (Edgar Schein).
Kultur ist Teil des Gedächtnisses Ihrer Organisation. Man könnte auch sagen: Unternehmens-
kultur ist wie ein Schatten. Man kann ihn beobachten, ihn schön finden oder weniger schön.
Es gibt ihn, und man kann ihn nicht verändern – obwohl er selbst sich ständig verändert (Niels
Pfläging).
Die lateinische Wortwurzel von Kultur bezieht sich auf das Bewirtschaften und Kultivie-
ren des Bodens. Kultur ist alles, was der Mensch um sich herum geschaffen hat. Kultur
hat einen sichtbaren und einen unsichtbaren Teil: Sichtbar sind beispielsweise die verbale
und nonverbale Kommunikation: Sprache, Begrüßungsrituale, physische Distanz, Essen
oder Architektur.
Beim Boden kann man tiefergraben. So hat auch Kultur eine tiefere und damit viel per-
sönlichere Ebene: die Art und Weise, wie wir denken, fühlen und uns anderen Menschen
gegenüber verhalten (Dumetz 2012, S. 21). Mit dieser Betrachtungsweise sind für Kultur
noch andere Einflussfaktoren relevant, wie in Abb. 3.8 dargestellt.
3.4.2
Organisationskultur
Jede Gemeinschaft hat eine spezifische Kultur. Dies gilt für jede Familie wie auch für
jede Organisation und für jedes Projektteam. Nach der Definition von John Kotter (2012,
S. 125) setzt sich diese zusammen aus
Spezifischen Verhaltensnormen: Geteilte oder vorherrschende Handlungsweisen, die
sich in einer Gruppe etabliert haben. Diese bleiben bestehen, weil Gruppenmitglieder
sich so zu verhalten pflegen, dass sie diese Handlungsweisen neuen Mitgliedern wei-
tervermitteln:
– Wer sich konform verhält, wird belohnt.
– Wer sich nicht konform verhält, wird bestraft.
Gemeinsamen Werten: Werte symbolisieren das, was wir für wichtig und richtig hal-
ten und an was wir uns gebunden fühlen. Unsere Werte bestimmen unsere Identität,
weshalb wir auch sehr sensibel reagieren, wenn wir uns in unseren Werten angegriffen
fühlen (Abschn. 4.4.7.8). Diese Werte haben oft noch Bestand, wenn sich die Zusam-
mensetzung der Gruppe längst geändert hat.
294
3
Mensch
Kultur
Physische
Distanz
Gewohnheiten
Sprache
Tradition
Essen
Religion
…
Abb. 3.8 Einflussfaktoren von Kultur. (Dumetz 2012, S. 22, Übersetzung des Autors)
All das fließt ein in die pragmatische Definition von Edgar Schein, „Kultur ist die
Art und Weise, wie wir Probleme lösen“. Viele Aspekte der Organisation sind unsicht-
bar, vor allem für langjährige Mitglieder. Wie verläuft der Informationsfluss? Wie reden
wir miteinander? Wie fällen wir Entscheidungen? Wie verhalten wir uns unter Druck und
Stress? Was passiert bei Fehlern? Welche Reputation haben Projektleiter in der Organi-
sation: Karrieresprungbrett oder Abstellgleis? Diese Fragen und viele mehr sind Teil der
Organisationskultur. Gerade weil so viele Kulturaspekte tief unter dem Boden liegen, ist es
so schwierig, diese nicht nur fassbar zu machen, sondern auch zu verändern (Abschn. 4.5).
3.4.3
Sich der eigenen kulturellen Prägung bewusst werden
Wie können Sie sich Ihrer persönlichen kulturellen Prägung bewusstwerden? Einfach so
für sich selber können Sie das nicht. Sie brauchen die Begegnung mit anderen Menschen,
die Sie anders begrüßen als Sie es gewohnt sind, die andere Speisen essen, andere Wit-
ze erzählen oder andere Strategien der Problemlösung anwenden. Über die Unterschiede
kommen Sie der Sache auf die Spur.
3.5
Stress und Veränderung
295
Gewisse Dinge können wir selbst erkennen. Sehr viel bleibt unserer eigenen Wahrneh-
mung jedoch verborgen. Deshalb ist das Feedback (Abschn. 3.9.7) so wichtig. Dadurch
können wir von anderen Menschen lernen, was ihnen an uns auffällt. Natürlich hat jeder
Mensch das Recht, so zu sein wie er ist oder auch wie er sein möchte. Das verändert unsere
persönliche Kommunikation (Abschn. 3.9), unser Verhalten im Konflikt (Abschn. 4.4.10)
oder auch in der Verhandlungsführung (Abschn. 4.3).
3.5
Stress und Veränderung
Wir haben die Stressreaktion nicht deshalb, damit wir krank werden, sondern damit wir uns
ändern können (Gerald Hüther).
3.5.1
Hintergründe
Stress ist in unserer Gesellschaft omnipräsent. Allzu oft wird er nur negativ konnotiert.
Schon Hans Selye (1974) erkannte jedoch, dass gewisse Stressreaktionen auf den Men-
Zeit
Leistungsvermögen
hoch
klein
Anspannung
Externer Reiz
Diffuse Auf-
merksamkeit
Entspannung
Erschöpfung
Erholung
Überforderung
Abb. 3.9 Schematischer Ablauf der Stressreaktion. (Basierend auf: Drath 2014, S. 229)
296
3
Mensch
schen eine schädigende Wirkung und andere einen fördernden Einfluss haben. Er prägte
die heute noch geläufigen Begriffe von Eustress für die positiven und Dysstress für die
negativen Eigenschaften. Nach Hüther (1997, S. 29 ff.) gilt diese Vorstellung heute als
veraltet. Er definiert die Stressreaktion des Menschen als eine relativ unspezifische Re-
aktion des Organismus auf physische oder psychische Belastungen. Die Art der Reaktion
auf psychische Belastungen oder Herausforderungen hängt von der individuellen Bewer-
tung ab. Abb. 3.9 stellt einen schematischen Ablauf einer Stressreaktion dar. Wird ein
externer Reiz (Stressor) wahrgenommen, steigt die Anspannung des Menschen und damit
auch seine Leistungsfähigkeit. Ist der Stressor innerhalb nützlicher Zeit bewältigt, folgt
die Entspannung und damit auch die Erholung. Bleibt die Anspannung jedoch bestehen,
führt sie zuerst zu einem überfordernden Dauerstress und dann in die Erschöpfung.
3.5.2
Psychischer Stress
Bei psychischem Stress kommt unser Wahrnehmungsprozess ins Spiel. In der Projektar-
beit stehen die psychischen Stressoren im Vordergrund: Ob es sich um eine Verschiebung
eines Meilensteines handelt, ob die Qualität eines Arbeitspaketes ungenügend ist oder ob
wir mit einem enormen Leistungsdruck konfrontiert sind Diese psychischen Stressoren
sind keine manifeste, körperliche Bedrohung.
I
Jeder Mensch muss sich in Stresssituationen fragen: „Was steht im Mittelpunkt
meiner Wahrnehmung? Wie bewerte ich diese Situation?“ Ist jede Abwei-
chung vom Ideal gleich eine Bedrohung des Selbstwertgefühls? Kann ge-
rade in schwierigen Situationen noch unterschieden werden zwischen der
persönlichen Leistung (Wollen und Können) und der Leistungsmöglichkeit
(Abschn. 3.2)? Wie steht es um die eigene Resilienz (Abschn. 3.8.4)?
3.5.3
Leben heißt Veränderung
Die meisten leben in den Ruinen ihrer Gewohnheiten (Jean Cocteau).
Es ist ein Gesetz des Lebens, dass alles was lebt, nie so bleiben kann wie es ist. Das Leben
um uns verändert sich permanent. Auch wir selber verändern uns durch unsere täglichen
positiven und manchmal auch negativen Erfahrungen. Auf der anderen Seite versuchen
wir natürlich permanent, so viel Sicherheit und Stabilität wie möglich für uns und unser
Umfeld zu schaffen. Sicherheit hat viel mit Vorhersagbarkeit und Berechenbarkeit zu tun.
Gewohnheiten geben uns viel Sicherheit. Wir legen uns Fühl-, Denk- und Verhaltensmus-
ter zu, an denen wir uns festhalten können und die uns Orientierung geben. Das Problem
ist, dass diese Gewohnheiten oft aus der Vergangenheit stammen: Unsere Arbeitstechnik,
3.5
Stress und Veränderung
297
unser Umgang mit anderen Menschen oder unsere Reaktion in Stresssituationen. Wir ver-
suchen in all den Situationen, denen wir im täglichen Leben begegnen, zuerst mal mit
einem gewohnten Muster zu reagieren, weil uns dieses Sicherheit gibt: Das hat ja schon in
anderen Situationen funktioniert. Oft ist das durchaus eine adäquate Strategie. Es gibt aber
immer auch Lebenssituationen, in denen wir aus unseren angestammten Gewohnheiten
ausbrechen müssen. Dies wird umso schwieriger, je stärker wir an den alten Gewohnhei-
ten festhalten. Aus den Gewohnheiten auszubrechen und neue Strategien zu entwickeln
ist immer ein Weg ins Ungewisse. Dies braucht Mut und Selbstvertrauen.
3.5.4
Persönliche Bewältigungsstrategien und Dilemmata
Wenn der Mensch damit konfrontiert ist, dass er mit seinen aktuellen Strategien und Ge-
wohnheitsmustern eine neue Situation nicht bewältigen kann, stehen ihm drei Optionen
zur Verfügung:
1. Veränderung
Die äußere Situation oder das eigene Verhalten wird verändert.
2. Neubewertung
Der Mensch passt seine persönliche Bewertung an. Die Situation bleibt
bestehen, aber sie wird nicht mehr als bedrohlich oder besonders heraus-
fordernd bewertet.
3. Verdrängung
Der Mensch versucht, den Stressor zu verdrängen.
Welche die beste Strategie ist, hängt immer von der jeweiligen Herausforderung, den
Persönlichkeitsmerkmalen des Menschen und von seiner physischen und psychischen
Verfassung ab. Es gibt Situationen oder Ereignisse, die am besten verdrängt werden. In
anderen Situationen braucht es Veränderung oder eine persönliche Neubewertung.
Oft sind Projektverantwortliche mit Dilemmata konfrontiert: Ein Dilemma tritt dann
auf, wenn eine Person oder eine Organisation zwei sich widersprechende Ziele erreichen
soll.
Beispiele
Eine Firma will auf individuelle Kundenbedürfnisse eingehen, braucht aber effizi-
ente Produktionsmethoden und damit Standardisierungen.
Projektleiter oder Product Owner möchten mit ihren Teams gute Beziehungen un-
terhalten, müssen aber trotzdem unpopuläre Entscheidungen fällen.
Das magische Dreieck stellt gar ein Trilemma dar: Ein anspruchsvolles Ziel (1)
muss zu einem bestimmten Zeitpunkt (2) mit einem limitierten Budget (3) erreicht
werden.
Viele Dilemmata lassen sich nur durch Veränderung der äußeren Situation oder des
eigenen Verhaltens auflösen. Bleibt das Dilemma bestehen, sind die Ursachen der Wider-
sprüchlichkeit zu erkennen und mit Verhandlungsführung (Abschn. 4.3) oder Ansätzen
298
3
Mensch
des Konfliktmanagements (Abschn. 4.4) oder des Risikomanagements (Abschn. 2.3.8).
immer wieder zu bereinigen.
3.5.5
Angst als Auslöser der Stressreaktion
Interessant ist, was als Auslöser der Stressreaktion erkannt worden ist: Die Angst (Hüther
1997, S. 27 ff.). Wenn immer wir etwas wahrnehmen, das nicht unseren Erwartungen ent-
spricht, werden die routinemäßig ablaufenden Prozesse im Gehirn gestört. Es breitet sich
eine Erregung aus, die alle Regionen des Körpers mit einbezieht. Eine gewisse Angst
ist also nötig, um überhaupt in diesen wichtigen Zustand der Erregung zu kommen, über
welchen wir die Energie aufbauen, um die Herausforderung zu bewältigen. Wenn wir aber
zu viel Angst haben – das hängt (auch) von unserer bewussten Bewertung ab – wird der
Stress für uns eine Bedrohung. Hüther unterscheidet hier zwischen der kontrollierbaren
und unkontrollierbaren Stressreaktion.
3.5.6
Kontrollierbare Stressreaktion
Wenn wir mit einem Stressor konfrontiert sind, wird in einer ersten Phase eine kontrol-
lierbare Stressreaktion ausgelöst. Die Nebennieren schütten das Stresshormon Adrenalin
aus. Dadurch geht der Puls hoch, die Muskulatur wird angespannt und die Blutbahnen
verengen sich. So wird Energie mobilisiert, die zu einer erhöhten Aufmerksamkeit führt
und auch eine hohe Reaktionsbereitschaft zur Folge hat. Der Mensch hat nun die Energie,
um aktiv mit dem Stressor umzugehen. Wenn der Mensch die Erfahrung macht, dass er
durch seine Stressreaktion einen Stressor erfolgreich bewältigen konnte, werden die neu-
ronalen Netzwerke in seinem Gehirn, die zur Problemlösung beigetragen haben, weiter
ausgebaut. Das wiederum wird auch das Fühlen, Denken und Handeln verändern (Hüther
1997, S. 62). Entscheidend sind die eigene positive Bewertung der Situation und auch die
Einschätzung der Bezugspersonen. Wer mit der Veränderung erfolgreich war, wird auch
zukünftig wieder die Strategien der Veränderung wählen, es zur Gewohnheit machen.
Beispiel
Einem Product Owner wird ein Team zugewiesen für ein anspruchsvolles Software-
Projekt. Das Team ist neu zusammengestellt. Einige Teammitglieder sind erst seit kur-
zem in der Firma, andere haben die Abteilung intern gewechselt. Sie sind immer noch
daran, sich mit der eingesetzten Technologie vertraut zu machen. Im Product Owner
kommt die Angst hoch, dass es trotz hoher Motivation und Commitment in seinem
Team nicht realistisch sein wird, dieses anspruchsvolle Projekt erfolgreich abzuwi-
ckeln. Aus dieser Angst kann er die Energie schöpfen, um eine der drei Strategien
der persönlichen Veränderung anzuwenden.
3.5
Stress und Veränderung
299
1. Er versucht die Situation zu verändern, indem er noch weitere Ressourcen bean-
tragt, den Scope reduziert oder eine längere Projektdauer beantragt.
2. Er nimmt eine Neubewertung vor, indem er sich bewusst der Herausforderung stellt,
mit einem unerfahrenen Team Aufbauarbeit zu leisten und Risiken einzugehen.
3. Er verdrängt seine Angst, macht einfach weiter, wie wenn nichts wäre in der Hoff-
nung, dass alles gut kommt oder dass es – wenn das Projekt scheitern würde – nicht
ihm selber angelastet wird.
3.5.7
Unkontrollierbare Stressreaktion
Wenn mit der zusätzlichen Energie der kontrollierbaren Stressreaktion der Stressor nicht
bewältigt werden kann oder wenn eine Person einer lange anhaltenden Stresssituation
ausgesetzt ist, setzt die unkontrollierbare Stressreaktion ein. Nun ist das Hirn in völliger
Unordnung: Kortisol wird ausgeschüttet, Angstschweiß und Herzrasen setzen ein, Ohn-
macht macht sich breit. Die Wahrnehmung des Menschen fokussiert sich auf die eine
wahrgenommene Bedrohung. Dies passiert vor allem dann, wenn der Mensch etwas in
Gefahr sieht, was für ihn sehr wichtig ist und wesentlich zu seiner Identität oder zu sei-
nem Selbstwertgefühl oder zu seinen stark ausgeprägten Grundbedürfnissen gehört. Für
die Einen ist das der soziale Status, für Andere die existenzielle Sicherheit. Auch jede
denkbare Veränderung in der Beziehung zu anderen Menschen kann zu einer unkontrol-
lierbaren Stressreaktion führen (Hüther 1997, S. 41).
Die fortlaufende Überflutung des Körpers und des Gehirns mit Kortisol führt zu ei-
nem gestörten Schlaf und auch zu einer Schwächung des Immunsystems. Damit ist die
Gesundheit des Menschen beeinträchtigt. Die positive Seite dieser Überflutung durch die
Stresshormone ist, dass die bestehenden Verschaltungen und damit Strategien zur Be-
kämpfung von Bedrohungen aufgeweicht werden (Hüther 1997, S. 74). Dies erlaubt dem
Menschen im positiven Fall, einen Paradigmenwechsel zu vollziehen und seine alten Stra-
tegien zur Bewältigung einer Herausforderung durch neue zu ersetzen. Im schlechteren
Fall kommt es zu einer Schädigung der körperlichen oder geistigen Integrität.
3.5.8
Bewältigung von Stressoren in der Projektarbeit
Methodik
Die Projektmanagement Methodik, wie sie in allen Aspekten in Kap. 2 dargestellt wird,
stellt keinen Selbstzweck dar. Vielmehr dient sie als Mittel zum Zweck, das Projekt so
gut wie möglich durch die Klippen der Widersprüchlichkeiten in Bezug auf Ablauf oder
Rollen, unrealistische Erwartungen oder Risiken zu führen. Wer in der Projektarbeit die
Methodik konsequent anwendet, kann sich dadurch zu einem wesentlichen Teil vor Stres-
soren schützen.
300
3
Mensch
Arbeitstechnik und Resilienz
In der Berufsarbeit braucht jede Person eine auf sie zugeschnittene effektive Arbeitstech-
nik und ein wirkungsvolles Zeitmanagement (Abschn. 3.8.3). Jeder Projektmitarbeiter
muss immer wieder neu klären, welche Prioritäten für ihn zentral sind und wie er am
effektivsten mit seiner Arbeitszeit umgeht. Auch die Resilienz (Abschn. 3.8.4) ist nicht
einfach gegeben. Wir alle können sie zu einem gewissen Grad aufbauen, vorausgesetzt
wir wollen das auch und setzen uns dafür ein.
Beziehungen: Freundschaft und Liebe
In herausfordernden Situationen hilft dem Menschen in jeder Situation die Verbundenheit
zu einer nahen Bezugsperson. Nur schon das Wissen, dass ein Freund oder Partner für
einen da ist und alles in seiner Macht stehende tun wird, um einem in einer herausfor-
dernden Situation beizustehen, erlaubt es dem Menschen, mit seiner Stressreaktion besser
umzugehen. Dieses Gefühl der Verbundenheit, die die Angst besiegen kann, hat einen
Namen: Die Liebe. Sie ist stärker als die Angst (Hüther 1997, S. 53 ff.). Deshalb ist es
auch so wichtig, dass der Mensch als soziales Wesen seine Beziehungen außerhalb der
Berufsarbeit pflegt (Abschn. 3.10.1).
Beispiel
Ein Product Owner wählt aus Gewohnheit den Weg der Verdrängung. Jetzt, wo sich
die Probleme höher auftürmen als bisher, hat er immer mehr schlaflose Nächte. Dies
kann zu einer unkontrollierbaren Stressreaktion führen. Er macht es aber besser: Dem
Dauerstress will er mit einer neuen Strategie entkommen. Er wird das Gespräch suchen.
Ganz wichtig ist für ihn, dass er sich in dieser Situation an eine nahe Bezugsperson
wenden kann, die Anteil an seiner Situation nimmt und ihn unterstützen kann.
3.5.9
Burnout
Lange anhaltender Stress kann zu einer Erschöpfungsdepression und zu einem Burnout
führen. Als Konsequenz unserer Leistungsgesellschaft ist Burnout ein Phänomen, wel-
ches Menschen in allen Berufsgruppen und Hierarchiestufen betrifft. Burnout kann viele
Auslöser haben: z. B. die oben beschriebenen anhaltenden Stressreaktionen oder große
Diskrepanzen zwischen Fähigkeiten und Anforderungen über längere Zeit.
Das Burnout-Syndrom entwickelt sich langsam und schleichend. Die betroffene Person
verhält sich lange Zeit unauffällig und bleibt „unentdeckt“. Es gibt große Unterschiede im
individuellen Verlauf. Doch die totale Erschöpfung tritt oft schlagartig ein. Erst im fortge-
schrittenen Stadium zeigt sich ein Burnout in den drei Formen, wie in Tab. 3.1 gezeigt.
Erschöpfungsdepressionen und das Burnout sind mittlerweile gut behandelbar durch
Medikamente und Therapien, am besten durch eine Kombination von beidem. Die Grund-
voraussetzung für die Heilung ist, dass sich die Betroffenen die Erkrankung primär selber
eingestehen. Erst in einem nächsten Schritt können sie durch professionelle Betreuung
3.5
Stress und Veränderung
301
Tab. 3.1 Formen des Burnouts
Körperliche Erschöpfung
Chronische Ermüdung, Schwächegefühl, physische Schmerzen
wie Kopf-, Rücken-, Muskelschmerzen, Gewichtsschwankungen,
Schlafstörungen, Erhöhte Anfälligkeit für Erkrankungen
Emotionale Erschöpfung
Niedergeschlagenheit, Hilflosigkeit, Weinen, unkontrollierte Ge-
fühlsausbrüche, Reizbarkeit, Leere, Mutlosigkeit, Vereinsamung
Geistige Erschöpfung
Negative Einstellung gegenüber sich selbst, zur Arbeit und zum
Leben, erhöhtes Minderwertigkeitsgefühl, Verlust der Selbstachtung,
zunehmende Kontaktabnahme und Kommunikationsverweigerung,
Zynismus, Suizidgedanken und Aggressivität
wieder zu einer besser ausgeglichenen Energiebilanz kommen. Die Maßnahmen dazu sind
für jede Person und Situation verschieden. Grundsätzlich wird es aber immer darum ge-
hen, den Umgang mit den eigenen Grenzen zu bearbeiten. Wer ein Burnout erleidet, hat in
irgendeiner Art seine persönlichen Ressourcen ausgebeutet. Das ist wohl der schwierigs-
te Schritt für leistungsorientierte Menschen: zu lernen, dass die persönlichen Ressourcen
beschränkt sind und sich bewusst zu machen, dass man nicht allen Ansprüchen und An-
forderungen an die eigene Person gerecht werden kann.
I
Den Anforderungen und Erwartungen an einen Menschen aus seinem berufli-
chen und privaten Umfeld sind keine Grenzen gesetzt: Linienvorgesetzte, Auf-
traggeber,Kunden,Lieferanten,Projekt-undLinienmitarbeiter,Arbeitskollegen,
alle weiteren Stakeholder des Projekts und dann noch das persönliche private
Umfeld.Alle diese Menschen können Ansprüche an eine einzelne Person stellen,
die diese bei weitem überfordern. Der Mensch ist in seiner Leistungsfähigkeit
begrenzt und braucht seine Erholungsräume. Im Projektmanagementliefert die
Methodik wichtige Impulse, um die Komplexität sichtbar zu machen und einen
realistischen Umgang damit zu finden. Möglichkeiten bieten die Klärung des
Scope, das Stakeholder-Management oder die Planung.
Alleine ist eine nachhaltige persönliche Veränderung, wie ein Burnout sie erfordert,
fast nicht zu leisten. Deshalb wird stark empfohlen, dass sich Betroffene durch eine Lern-
begleitung durch einen Coach unterstützen lassen. Ein Wiedereinstieg in die angestammte
Aufgabe wäre nach Paul Watzlawick eine Lösung erster Ordnung, mehr des Gleichen.
Die Gefahr besteht, wieder in die alten Muster des Denkens, Fühlens und Handelns zu-
rückzufallen. Das nächste Burnout stünde vor der Tür. Nachhaltige Lösungen brauchen
neue Herangehensweisen. Im Falle des Wiedereinstiegs in die angestammte Berufsauf-
gabe nach einem Burnout sollen die betroffene Person, deren Linienvorgesetzter und ein
Coach die Stelle mit ihren Aufgaben, Entscheidungskompetenzen und Verantwortlichkei-
ten neu beschreiben.
302
3
Mensch
3.6
Flow
Ein weiteres Konzept zur Beschreibung gesunder und ungesunder Belastung ist das Flow-
konzept (Csikszentmihalyi 2004).
Csikszentmihalyi’s Forschungsschwerpunkt ist die Frage, was das Leben eines Men-
schen lebenswert macht, wofür er brennen kann und was ihm die Energie gibt, um sich
für Dinge einzusetzen, die weder Reichtum noch Ruhm versprechen. Er nennt den Zu-
stand des Menschen Flow, wenn er sich selber in einer Aufgabe völlig vergessen kann
und ES – sein Werk – wie von selbst entsteht. So erleben sich Musiker in einem Flow,
wenn das Stück sich wie von selbst komponiert. Schriftsteller berichten darüber, dass sich
irgendwann die Romanfiguren selbständig machen.
In allen Flow-Erlebnissen ist der Umstand identisch, dass in diesen Momenten das Be-
wusstsein für die eigene Identität verschwindet. Man geht in der einen, aktuellen Tätigkeit
auf und vergisst sich selber in seiner Körperwahrnehmung. Die Alltagssorgen, die sonst
im Kopf kreisen, sind weg.
In Abb. 3.10 sind die unterschiedlichen Zustände dargestellt, in denen sich der Mensch
befinden kann. Das Konzept setzt die Anforderungen, die an einen Menschen gestellt wer-
Erregung
Flow
Kontrolle
Angst
Langeweile
Apathie
Sorge
Entspannung
niedrig
Fähigkeiten
hoch
Anforderungen
niedrig
hoch
Abb. 3.10 Flow-Konzept. (Csikszentmihalyi 2004)
3.6
Flow
303
den, in Relation zu dessen persönlichen Fähigkeiten. Der Referenzpunkt ist die Mitte. Von
hier aus positioniert sich jeder Mensch in jeder Aufgabe in Bezug auf seine Fähigkeiten
und die Anforderungen.
Der ideale Zustand, auf den wir unser Tun immer wieder ausrichten sollten, ist der
Flow. Hier erleben wir die spezifische Aufgabe als eine hohe Anforderung, aber auch
unsere diesbezüglichen Fähigkeiten sind hoch. Das ist die Grundvoraussetzung, dass wir
in diese Selbstvergessenheit kommen können, in der wir alles um uns und in uns vergessen
und komplett eins sind mit unserer Tätigkeit.
Beispiel
Ein erfahrener Scrum Master kommt in diesen Flow-Zustand gerade dann, wenn sein
Team in einer schwierigen Situation ist. Er spürt, dass die Art und Weise seiner In-
terventionen entscheidend sein werden, damit das Team die aktuelle technische oder
soziale Herausforderung bewältigen kann. Wenn der Scrum Master die Gewissheit hat,
alle Kompetenzen zu haben, um dem Team in dieser Situation zu helfen, wird er ein
Flow-Gefühl erleben können. Sollte er aber merken, dass er mit Phänomenen kon-
frontiert ist, die er nicht versteht, erfährt er in dieser anspruchsvollen Situation einen
Zustand der Erregung, der Angst oder der Sorge. Dies sind alles Aspekte der Überfor-
derung.
Die untere Hälfte des Diagramms zeigt auf, was passiert, wenn ein Mensch mehr Fä-
higkeiten hat als die, die gerade gebraucht werden: Im besten Fall fühlt man sich hier im
Zustand der Kontrolle oder auch der „Komfortzone“. Das ist zwar einen Moment lang
angenehm, aber auf die Dauer befriedigt es nicht. Jeder Mensch braucht für seine eigene
Entwicklung das Gefühl, in einem spezifischen Aspekt seines Lebens eine neue Heraus-
forderung bewältigen zu können. Wenn wir also den gleichen, erfahrenen Scrum Master
auf ein sehr einfaches Projekt mit einem kleinen, homogenen Team ansetzen, welches
auch schon viel Erfahrung hat im agilen Projektmanagement, stellt sich bei dieser Person
zwar Entspannung, aber bald Langeweile ein. Der schwierigste Zustand für einen Men-
schen in diesem Modell ist die Apathie. Hier sind wir konfrontiert mit Tätigkeiten für die
wir uns weder qualifiziert sehen noch die für uns in irgendeiner Weise eine Herausfor-
derung darstellen. Der Mensch hat in diesem Feld überhaupt nicht das Gefühl etwas zu
tun, was seinen Fähigkeiten entspricht noch hat diese Anforderung einen hohen Anspruch
an ihn. Hier kann sich ein technischer Experte erleben, der nach jahrelanger Forschungs-
tätigkeit plötzlich repetitive Aufgaben in der Produktion übernehmen muss. Oder auch
ein Projektleiter, der nach mehreren großen Projekten mit einer Teilprojektleiter-Aufgabe
beauftragt wird. Unterforderung ist noch gefährlicher als Überforderung!
I
Dieses Modell liefert eine Orientierungshilfe, wie sich eine Person in einer spezi-
fischen Aufgabe positioniert in Bezug auf die Anforderungen und persönlichen
Fähigkeiten. Je näher wir darin an den Flow kommen, umso gesünder erleben
wir die Belastung. Ja wir merken sogar, dass wir zusätzliche Herausforderungen
304
3
Mensch
brauchen, um diesen Zustand zu erleben. Die Ausgangspunkte für den Flow
sind die Zonen Kontrolle und Erregung. Die Strategien, um in den Flow zu kom-
men,sinddabeiganz unterschiedlich:Ein Projektleiter,der seinen Mitarbeiter im
Zustand der Erregung wahrnimmt, muss sich darauf fokussieren, dessen Fähig-
keiten noch weiter zuentwickeln,seidiesdurch ein Seminar,eine Weiterbildung
oder durch ein Coaching.Beieinem Mitarbeiter,der sich im Zustand der Kontrol-
le oder gar Entspannung befindet, geht es jedoch darum, wie er sich höheren
Anforderungen stellen kann, beispielsweise über herausfordernde Meilenstei-
ne oder anspruchsvollere Aufgaben.
3.7
Motivation und Sinn
Als wir den Sinn unserer Arbeit nicht mehr sahen, begannen wir über Motivation zu reden
(Reinhard Sprenger).
3.7.1
Zielorientierung des Menschen
Das Konzept der Grundbedürfnisse des Menschen impliziert, dass unser Verhalten ziel-
orientiert ist, und dass sich diese Ziele aus den persönlichen Grundbedürfnissen des Men-
schen ableiten. In Abschn. 3.3.3 ist ausgeführt, wie wichtig das Grundbedürfnis vom
Streben nach Leistung für den Menschen ist und welchen direkten Einfluss dies auf posi-
tive Emotionen hat. Durch die Leistung erfahren wir uns wirkungsvoll, können wir unser
expansives und kreatives Potenzial zur Entfaltung bringen.
3.7.2
Was ist Motivation?
Die lateinische Wortwurzel in movitum ire kann übersetzt werden durch: „in das einsteigen,
was (den Menschen) bewegt.“
Grundsätzlich kann Motivation also als Bewegung bezeichnet werden. Entweder
„hin zu“ etwas, genannt Appetit, oder
„weg von“ etwas, genannt Aversion.
Motivation ist aber in keinem Fall Stillstand (Esch 2014, S. 118).
Das Motivationssystem spielt beim Menschen eine wichtige Rolle. Zu Beginn der Evo-
lution hatten die frühen Lebewesen kein Motivationssystem. Man geht heute davon aus,
dass deren motorische Aktivitäten mehr oder weniger auf dem Zufallsprinzip beruhten.
Später wurden die Aktivitäten der Lebewesen gekoppelt an ein System für Wahrnehmung
und Erfahrung. Dieses System wurde wiederum an neuronale Kreisläufe gekoppelt. Somit
3.7
Motivation und Sinn
305
war die Grundlage geschaffen, dass über eine Belohnung genau die Aktivitäten verstärkt
werden konnten, die die Überlebenswahrscheinlichkeit steigerten (Esch 2014, S. 126).
3.7.2.1
Gallup: Engagement und Motivation bei der Arbeit
Seit 2001 wird durch die Gallup-Studie in Deutschland eine repräsentative Umfrage da-
rüber gemacht, wie hoch der Grad der emotionalen Bindung von Mitarbeitern an ihre
Organisation und damit das Engagement und die Motivation bei der Arbeit ist.
Die fünf wichtigsten Faktoren für die emotionale Bindung von Mitarbeitern sind nach
dem Gallup Engagement Index 2016:
Möglichkeit, das tun zu können, was man richtig gut kann
Führungsqualität
Herausfordernde und abwechslungsreiche und als sinnvoll empfundene Tätigkeit
Kollegen und Kolleginnen
Unternehmensziele/Unternehmensphilosophie
Nach Gallup investieren viele Firmen in die falschen Maßnahmen: So wird z. B. „die
Möglichkeit, das tun zu können, was man richtig gut tun kann“ für die emotionale Bindung
als fünfmal wichtiger erachtet als der Lohn.
In diesen fünf wichtigsten Aspekten der emotionalen Bindung spielt der Vorgesetz-
te eine entscheidende Rolle: Das Potenzial, aber auch die Grenzen von Mitarbeitenden
zu erkennen und nach dem Flow-Modell in Abschn. 3.6 zu bewirtschaften, ist eine sehr
anspruchsvolle Aufgabe, sei es für Vorgesetzte in agilen oder klassischen Projektmanage-
ment-Ansätzen. In diesem Aspekt bringt Gallup eine große Diskrepanz zum Vorschein:
Nur gerade 21 % aller Arbeitnehmer sagen von sich, dass die Qualität der Führung, die sie
bei der Arbeit erleben, sie motiviere, eine hervorragende Arbeit zu leisten. Werden aber
die Vorgesetzten zu ihrer eigenen Führungsqualität befragt, halten sich 97 % für eine gute
Führungskraft.
3.7.2.2
Intrinsische und extrinsische Motivation
In der Motivationslehre wird unterschieden zwischen der intrinsischen und der extrinsi-
schen Motivation. Bei der intrinsischen Motivation handelt es sich um eine Eigensteue-
rung, die das freie Fließen der angeborenen menschlichen Energie ermöglicht. Sie moti-
viert die jeweilige Person mit der Frage nach dem Wozu:
Wozu wählt ein Mitarbeiter eine spezifische Firma?
Wozu engagiert sich ein Projektleiter mit all seiner Energie für das Projekt?
Durch die extrinsische Motivation wird eine Person mit Motiven eingedeckt, welche
sie vorher noch nicht hatte. Es handelt sich also um eine Fremdsteuerung. Bei der ex-
trinsischen Motivation steht die Frage nach dem Wie im Mittelpunkt:
306
3
Mensch
Wie kann ich meine Projektmitarbeiter zu mehr Leistung anspornen?
Wie kann ich sicherstellen, dass mein Team die Jahresziele erreicht?
3.7.2.3
Motivation durch Bearbeitung der Demotivationsfaktoren
Den größten demotivierenden Einfluss auf Mitarbeiter übt der direkte Vorgesetzte aus (Rein-
hard Sprenger).
Angelehnt an die „Downside“-Strategie, siehe Abschn. 3.10.5, ist es viel effektiver, die
Ursachen der Demotivation zu bearbeiten statt sich zu fragen, wie die Mitarbeitenden
mehr motiviert werden können (Sprenger 2014, S. 200 ff.). Sprenger machte folgende
Quellen der Demotivation ausfindig:
Chef weiß und kann immer mehr
Einsame Entscheidungen
Überzogene und unsachliche Kritik
Dynamisch-lautstarkes Dominanzverhalten
Mitarbeiter wie Luft behandeln
Unzureichende, einseitige, verspätete oder lediglich auf ein spezifisches Arbeitsgebiet
reduzierte Informationen
Zur Überprüfung der eigenen Haltung und Einstellung können sich Vorgesetzte folgen-
de Fragen stellen:
Vertraue ich dem Mitarbeiter?
Kenne ich seine Stärken?
Gebe ich ihm Freiräume?
Vereinbare ich die Ziele mit dem Mitarbeiter, oder gebe ich sie vor?
Gebe ich ihm Anerkennung für seine Leistungen?
3.7.3
Sinn als intrinsischer Motivator
Sinn ist das, was Bedeutung hat (Tatjana Schnell).
Ein wesentlicher intrinsischer Motivator ist der Sinn. Die Gallup-Studie weist sinnvolle
Arbeit als wesentlichen Faktor aus. Dieser spielt auch für die persönliche Resilienz eine
wesentliche Rolle (Abschn. 3.8.4).
3.7.3.1
Was ist Sinn?
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich die Welt erklären muss, um das Leben zu
bewältigen (Remo Largo).
3.7
Motivation und Sinn
307
„Nur“ seine Grundbedürfnisse zu befriedigen erfüllt den Menschen nicht. Beim Versuch,
sich die Welt zu erklären, stößt der Mensch zwangsläufig auf die Frage nach dem Sinn.
Nach dem Psychotherapeuten Alfried Längle ist der Sinn die gelebte Antwort des Men-
schen auf die Frage nach dem „Wozu“. Der Mensch braucht eine Begründung für das
persönliche Handeln. Er möchte spüren, wozu er da ist und wozu er etwas machen soll
(Längle 2014, S. 10).
3.7.3.2
Lebenssinn ¤ Sinn des Lebens
Wenn wir uns mit der Sinnfrage auseinandersetzen, müssen wir unterscheiden können
zwischen dem Sinn des Lebens und dem Lebenssinn. Ob es grundsätzlich einen Sinn des
Lebens gibt, ist eine philosophische Frage. Was aber konkret erforscht werden kann ist
die Frage, wie ein Mensch seinem Leben Sinn verleiht. Für Tatjana Schnell basiert die
Sinnerfüllung des Menschen auf den folgenden vier Kriterien (Schnell 2016, S. 7 f.):
Kohärenz, Passung: Das Gefühl der Kohärenz stellt sich für den Menschen ein, wenn
er sein Handeln versteht, als stimmig und schlüssig erlebt, wenn die Dinge zusammen-
passen und er in seinen Tätigkeiten Ziele erreichen kann, die für ihn persönlich wertvoll
sind.
Bedeutsamkeit: Hier geht es darum, wie der Mensch die Wirksamkeit seines eige-
nen Handels wahrnimmt. Wenn der Mensch erkennt, dass seine Handlungen positive
Konsequenzen haben für sich selbst und andere, erfährt er Sinnerfüllung.
Orientierung: Jeder Mensch will sich weiterentwickeln können. Auch in unübersicht-
lichen Lebenssituationen will er sich irgendwie orientieren können. Er braucht am
Horizont irgendeine Zielsetzung, die für ihn erstrebenswert ist.
Zugehörigkeit: Der Mensch muss sich als Teil eines größeren Ganzen wahrnehmen
können. Das kann die Familie sein, die Gesellschaft, der Arbeitgeber oder das Projekt-
team. Diese Integration gibt ihm das Gefühl, gebraucht zu werden und Verantwortung
zu haben.
3.7.3.3
Unsere Lebensweise zerstört systematisch Sinn
Nach dem Philosophen Wilhelm Schmid (Schmid 2010) leben wir in einer Zeit, in der
systematisch Sinn zerstört wird: So war früher die Gemeinschaft und damit die Zugehö-
rigkeit zwangsverordnet: In den dörflichen Gemeinschaften musste man am öffentlichen
Leben teilnehmen, sei dies durch den Kirchenbesuch oder durch andere Traditionen. Heu-
te leben wir vielmehr als Weltbürger. Dadurch lösen sich viele unserer sinnstiftenden
Beziehungen auf. Aber auch der Spezialisierungsgrad unserer Arbeit nimmt immer mehr
zu. Es ist viel schwieriger, die Wirksamkeit des eigenen Handelns noch erkennen zu kön-
nen.
Eine Person sollte zu ihrer Berufsaufgabe passen. Die Kompetenzen des Menschen
(Abschn. 3.1) sollen den Anforderungen der Berufsaufgabe so gut wie möglich entspre-
chen. Die Gegenüberstellung der gewichteten Kompetenzprofile in Abschn. 4.1.12.2 so-
308
3
Mensch
wie Abschn. 4.1.13.2 machen jedoch deutlich, dass die Anforderungen je Projektrolle
ganz unterschiedlich sein können.
Beispiel
In einer Studie wurden die Teilnehmer gefragt, wie gut sie die Passung (Kohärenz) zu
ihrer Arbeit bewerten würden?
Nur 14 % der Befragten sagten aus, dass die Anforderungen ihrer Arbeit in einer
hohen Passung zu ihren Fähigkeiten stünden.
62 % definierten die Passung als „mehr oder weniger gut“
das restliche Viertel bewertete die Passung als „nicht gut gematcht“
(Schnell 2016, S. 162).
Es ist also gar nicht selbstverständlich, dass Sie in der Projektarbeit eine Rolle ausüben,
die vollumfänglich zu Ihren Kompetenzen, Charaktereigenschaften und Ihren Interessen
passt. Es wäre wohl auch eine Überforderung, dies zu erwarten. Deshalb stellt sich die
Frage, wieviel Sinnerfüllung vom Beruf überhaupt erwartet werden kann?
3.7.3.4
Sinnerfüllung im Beruf?
Viele Menschen investieren sehr viel Zeit und Energie in ihre Berufstätigkeit. Damit ist
es nur logisch, dass die Erwerbsarbeit auch sinnstiftend sein soll. Wie sollen wir mit der
Sinnerfüllung im Beruf umgehen? Tatjana Schnell äußert sich zu dieser Frage folgender-
maßen: „So wichtig die Sinnhaftigkeit der beruflichen Tätigkeit auch ist – das Konzept
sollte nicht überstrapaziert werden. Nicht jeder sucht seinen Lebenssinn in der Arbeit,
und nicht jede Arbeit hat die Qualitäten, die sie zu einem geeigneten Lebensmittelpunkt
werden lassen“ (Schnell 2016, S. 167).
Diese Überlegungen führen zu einem Dilemma: Einerseits braucht der Mensch für
seine Leistungsfähigkeit Motivation, Sinnhaftigkeit oder Flow. Andererseits zeigt das Re-
sultat der oben aufgeführten Studie auf, dass die moderne Erwerbsarbeit genau dies vie-
len Menschen nicht mehr ermöglicht. Wie gehen wir damit um? Die Konsequenz ist,
dass der Mensch die Sinnfrage zwingend ganzheitlich betrachten sollte, über die Be-
rufsarbeit hinaus, wie im Modell der drei persönlichen Lebenswelten ausgeführt wird
(Abschn. 3.10.1).
3.8
Selbstmanagement
Im Zusammenhang mit Burnout hat das Selbstmanagement in der Projektarbeit an Wich-
tigkeit gewonnen. Die Anlage von Projekten ist grundsätzlich herausfordernd: Mit inter-
disziplinären Teams und beschränkten Kosten sollen innovative Ziele erreicht werden.
Irgendwie ist man im Projekt also immer an der Leistungsgrenze. Das hat natürlich auch
3.8
Selbstmanagement
309
Konsequenzen für die persönliche Energiebilanz. Für alle Projektmitarbeiter ist es immer
wieder ein Balance-Akt zwischen der Herausforderung und der Überforderung. In dieser
Balance sind die eigenen Ressourcen optimal zu bewirtschaften. Für Selbstmanagement
gibt es unterschiedliche Definitionen. Zwei davon seien nachfolgend aufgeführt:
Jäger (2007) versteht unter Selbstmanagement die gezielte, selbstgesteuerte und eigen-
verantwortliche Entwicklung des persönlichen Lebens in die Richtung, die jemand für
sich selber als die beste empfindet, um erfolgreich zu sein (In: Steiger und Lippmann
2008, S. 151).
Nach der ICB 4.0 ist Selbstmanagement die Fähigkeit, sich persönliche Ziele zu setzen,
den Fortschritt zu überprüfen und anzupassen, sowie die tägliche Arbeit systematisch
zu erledigen. Selbstmanagement umfasst den Umgang mit sich verändernden Bedin-
gungen und den erfolgreichen Umgang mit Stress (ICB 4.0 PM, S. 53).
3.8.1
Handlungsfähigkeit des Menschen
Gemäß den Definitionen geht es beim Selbstmanagement immer in irgendeiner Form um
die persönliche Handlungsfähigkeit. Auch in den schwierigsten Situationen schaffen es
Menschen mit einer hohen Selbstmanagement-Kompetenz, Einfluss zu nehmen auf das
eigene Fühlen, Denken und Handeln. Wer seine eigene Handlungsfähigkeit verliert, wer
nur noch tut, was von ihm erwartet oder verlangt wird, der lebt ein Leben, welches nicht
mehr seinen persönlichen Vorstellungen, Zielen und Bedürfnissen entspricht. Damit lösen
sich die persönlichen Grenzen immer mehr auf, und die Gefahr für ein Burnout steigt
(Abschn. 3.5.9).
Natürlich haben wir nicht in allem, was wir tun, die freie Wahl. Es gibt Vorgesetz-
te, Auftraggeber oder Kunden, welche Ansprüche und Forderungen an uns stellen, die
wir erfüllen müssen. Für den Schutz der eigenen Handlungsfähigkeit bietet das Modell
vom Bereich der Kontrolle, des Einflusses und der Sorge eine wertvolle Orientierung
(Abb. 3.11).
Im Abschn. 3.3.6 ist ausgeführt, dass der Mensch die einzigartige Fähigkeit entwickelt
hat, sein Verhalten von seinen Gefühlen und seiner Intuition zu entkoppeln. Aus dem
heraus lässt sich folgern, dass jeder Mensch einen Bereich der Kontrolle hat, in dem er
selbstbestimmt unterwegs sein kann. Das betrifft grundsätzlich das eigene Fühlen, Denken
und Handeln. In Bezug auf die Projektarbeit beinhaltet dies Bereiche wie die persönliche
Arbeitstechnik, die Kommunikation oder die Gestaltung der Beziehungen. Je nach Funkti-
on und Rolle der jeweiligen Person weitet sich der Bereich der Kontrolle aus: Ein Product
Owner hat klar zugewiesene Entscheidungskompetenzen, ein Scrum Master hat die Kon-
trolle über den Ablauf der Daily Standups.
Für jeden Menschen ist der Kontrollbereich beschränkt. Diesem folgt der Bereich des
Einflusses. Ein Projektleiter kann und muss Einfluss nehmen auf seinen Projektauftrag.
Der Bereich des Einflusses lebt von den konstruktiven Vorschlägen sowie von einer guten
310
3
Mensch
Sorge
Einfluss
Kontrolle
Sorge
Einfluss
Kontrolle
Abb. 3.11 Bereich von Kontrolle, Einfluss und Sorge
Beziehung und Kommunikation. Im Falle des Projektauftrages macht also der Projektleiter
seinen Einfluss auf den Auftraggeber geltend.
Die äußerste Schicht ist der Bereich der Sorge: Wie sich der Weltmarkt entwickelt oder
ob die neue Firmenstrategie erfolgreich sein wird, ist auch mit unserem größten Einsatz
nicht beeinflussbar. Deshalb müssen wir uns auch abgrenzen können.
Wer seine Handlungsfähigkeit schützen will, darf sich nicht im Bereich dieser Sorge
verlieren. Hier ist die eingesetzte Energie in einem sehr schlechten Verhältnis zum er-
zielbaren Nutzen. Menschen, die ihre Handlungsfähigkeit bewirtschaften und bewahren
wollen, fokussieren sich auf die Bereiche der Kontrolle und des Einflusses.
3.8.2
Persönlicher Kompetenzkreis: Stärken und Schwächen
Ich bin kein Genie. Ich bin punktuell intelligent – aber ich halte mich konsequent um diese
Punkte herum auf (Tom Watson, Gründer von IBM).
Warren Buffet hat den Begriff des „Circle of Competence“ geprägt. Oder zu Deutsch:
Kompetenzkreis. Für Buffet ist der Kompetenzkreis die persönliche Referenzlinie, um
3.8
Selbstmanagement
311
zu entscheiden, was jemand tun und was er lassen soll. Als überaus erfolgreicher Investor
tätigt Buffet nur Anlagen in Firmen, deren Geschäftsmodell er versteht. Falls er dazu nicht
in der Lage ist, kann er auch nicht einen realistischen Firmenwert berechnen und demnach
keine erfolgreichen Anlagen tätigen (Dobelli 2017a, S. 93 ff.).
Buffet darf wohl als Genie seiner Disziplin bezeichnet werden. Trotz seines Erfolges
zeichnet er sich dadurch aus, dass er sich seiner Grenzen bewusst ist. Oder im Um-
kehrschluss: Dadurch, dass sich Buffet seiner Grenzen bewusst ist, ist er so erfolgreich.
Für Buffet ist es übrigens nicht entscheidend, wie groß der Kompetenzkreis ist. Die Welt
ist heute so komplex, dass jeder Mensch nur einen Bruchteil von all dem, was um ihn
herum passiert, verstehen kann. Aber gerade in diesem marginalen Bruchteil liegt der
persönliche Kompetenzkreis, welcher der Startplatz sein kann für einen persönlichen Hö-
henflug.
I
Was macht diesen Kompetenzkreis aus? Die Schulbildung, die Vorlesungen an
der Universität? Für Dobelli ist es die Besessenheit: Es ist das, was Bill Gates an-
getrieben hatte zu programmieren oder Warren Buffet, als er als 12-Jähriger sein
erstesTaschengeldin Aktien investierte.In dasThema,von welchem ein Mensch
besessen ist, wird er über die Jahre tausende von Stunden investieren. Das wie-
derum wird ihn so richtig gut machen in seiner Disziplin.
Der Kompetenzkreis hat auch seine Tücken: Wer immer erfolgreicher wird, meint
plötzlich, in allem gut zu sein. Doch ein Technologie-Experte ist noch lange kein guter
Projektleiter. Oder ein guter Projektleiter ist noch lange kein guter Geschäftsführer. Na-
türlich ist es möglich, den eigenen Kompetenzkreis zu erweitern. Aber das soll bewusst
geschehen, in einem ehrlichen Abwägen der eigenen Stärken und Schwächen und auch
im Bewusstsein, dass dies viel Energie und Aufwand brauchen wird.
3.8.3
Zeitmanagement und Arbeitstechnik
Wie beginnen Sie Ihren Arbeitstag? Kaffee holen, PC starten, E-Mail lesen? Das trifft
wohl für viele zu, die sich als Wissensarbeiter bezeichnen, die ihren Tag im Büro verbrin-
gen und in irgendeiner Form Informationen aufbereiten, transformieren und weitergeben.
Der Mensch ist grundsätzlich neugierig. In den E-Mails und Chat-Tools sieht man, was
läuft. Aber finden Sie in diesen Tools Ihre persönlichen Prioritäten? Meldet sich da Ih-
re wichtigste Aufgabe für den Tag? Das ist nicht so. Meistens melden sich da Kollegen,
Vorgesetzte oder Kunden, welche Erwartungen an Sie stellen. Wenn Sie nun anfangen, zu
lesen und zu schreiben, versickert Ihre wertvolle Arbeitszeit. Natürlich müssen wir kom-
munizieren, und die digitalen Plattformen haben viele Vorteile. Aber: Für handlungsfähige
Personen sind sie Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck. Selbstwirksame Menschen
legen sich eine Arbeitstechnik zu, die ihnen erlaubt, effektiv ihre persönlichen Prioritäten
zu erreichen. Die Prioritäten sind natürlich ganz unterschiedlich für einen Auftraggeber,
einen Projektleiter oder einen Fachexperten in einem Projekt.
312
3
Mensch
1
2
4
3
Notwendigkeit
• Kritischer Pfad
• Problemlösungen
• Ressourcen nicht
verfügbar
• Krisen
• Arbeit unter Zeitdruck
Täuschung
• Viele Meetings
• Viele E-Mails
• Störungen
• Kollegen wollen Arbeit
loswerden
• Dinge, die wir gerne tun
Zeitverschwendung
• Irrelevante Informationen
• cc: E-Mails
• Fluchtaktivitäten
• Social Media, Web,
Smartphone
Qualität
• Planung
• Controlling, magisches
Dreieck
• Innovation
• Stakeholder Management
• Verhandlungen
• Risiko Management
dringend
wichtig
nicht wichtig
nicht dringend
Abb. 3.12 Zeitmanagement-Matrix. (Covey 2014, S. 36)
Wie können Sie Ihre persönlichen Prioritäten erkennen? Das geht nur über Ihre Ziele.
Sie müssen für sich wissen, welche Funktionen Ihnen übertragen worden sind und welche
Ziele Sie damit erreichen müssen. Meistens haben Sie nicht nur die eine Projektarbeit,
sondern arbeiten in mehreren Projekten oder haben auch noch Verantwortlichkeiten in
Linienaufgaben. In seinem Klassiker „Der Weg zum Wesentlichen“ (2014) empfiehlt Ste-
phen Covey, dass jeder Mensch für sich maximal sieben Rollen definiert (Abschn. 4.1.9).
Je Rolle legen Sie spezifische Ziele fest, aufgrund derer Sie die Prioritäten ableiten kön-
nen. In einem weiteren Schritt teilen Sie die Ziele auch in spezifische Aufgaben auf, die
Sie wiederum durch eine Aufwandschätzung quantifizieren und innerhalb Ihrer persönli-
chen Kapazitäten einplanen.
Bekannt geworden ist Covey’s Zeitmanagement-Matrix (Abb. 3.12), welche zwischen
dringenden und wichtigen Tätigkeiten unterscheidet.
Was ist der Unterschied zwischen dringend und wichtig? Auf dringende Aufgaben
müssen wir reagieren. Sie benötigen sofortige Aufmerksamkeit: Kollegen rufen an, Kun-
den senden uns E-Mails. Es geht um Krisensitzungen, Produktionsausfälle oder kurzfris-
tige Ausfälle von Mitarbeitenden.
3.8
Selbstmanagement
313
I
Wichtige Aufgaben sind unsichtbar: Hier müssen wir agieren. Wichtige Aufga-
ben tragen zu unseren persönlichen Zielen und Aufgaben bei.
Die Aufgaben, die dringend und wichtig sind, stehen im Quadranten der Notwendig-
keit. Diese müssen sofort erledigt werden. Versäumnisse hätten sofortige Konsequenzen.
Nicht dringende, aber wichtige Aufgaben sind im Quadranten der Qualität aufgeführt.
Es sind dies konzeptionelle Arbeiten wie Planung, Risikomanagement, Stakeholder-Ma-
nagement oder Kommunikation. Meistens sind es nicht Tätigkeiten, die aktiv eingefor-
dert werden. Sehr viel mehr müssen wir auf diese Aufgaben aktiv einwirken. Wird in
der Projektarbeit der Quadrant der Qualität vernachlässigt, ist die Konsequenz absehbar:
Es werden immer mehr operative Probleme in den Quadranten der Notwendigkeit ge-
spült. Die nachlässige Planung führt zu nicht erreichten Meilensteinen, das mangelnde
Risikomanagement generiert massive Zusatzkosten oder das ungenügende Stakeholder-
Management führt zu Widerständen oder Konflikten mit Anspruchsgruppen.
I
Über den Quadranten der Qualität schaffen wir unsere persönliche Handlungs-
fähigkeit. Wer diesen vernachlässigt, wird immer mehr fremdgesteuert und fällt
in den Quadranten der Notwendigkeit.
Zeit gewinnen können wir alle in den Quadranten der Täuschung und Zeitverschwen-
dung: In der Täuschung meinen wir, wir beschäftigen uns mit wichtigen Aufgaben. Aber
in Bezug auf unsere Ziele sind sie es nicht. Zum Beispiel wenn wir einfach aus Gewohn-
heit an Sitzungen teilnehmen, deren Thema aktuell nicht zu unseren Prioritäten gehört.
Oder aber wenn wir uns schlichtweg einfach nur ablenken lassen durch die News auf dem
Smartphone und im Internet oder Neuigkeiten in den sozialen Medien.
Ein aktives Selbstmanagement fordert uns immer wieder neu auf, unser Tun zu re-
flektieren und über diese Matrix einzuordnen. Wer sich über einen großen Teil seiner
Arbeitszeit in einem starken Aktionismus wahrnimmt, muss sich fragen, über welche
Maßnahmen im Quadranten der Qualität er die Menge der Notwendigkeiten reduzieren
kann. In den allermeisten Fällen wird es dann darum gehen, die Arbeit am System zu
intensivieren, wie in Abschn. 1.5.2 ausgeführt. Die Zeit dazu findet sich im Quadranten
der Täuschung oder der Zeitverschwendung. Das bedingt, dass man sich von nicht mehr
zielführenden Gewohnheiten lösen kann.
3.8.4
Resilienz
3.8.4.1
Was ist Resilienz?
Resilienz ist die Fähigkeit des Menschen, Krisen unbeschadet zu bewältigen und an ihnen zu
wachsen, ja, sogar gestärkt aus ihnen hervorzugehen (Karsten Drath).
314
3
Mensch
Leistungsvermögen
Zeit
hoch
klein
Normalzustand
Leistungsabfall
Bewältigung
Schädigung
Erholung
Wachstum
Krise
Abb. 3.13 Schematische Funktionsweise von Resilienz. (Drath 2014, S. 102)
Der hohe Leistungsdruck in der Projektarbeit fordert alle Beteiligten in Bezug auf die
persönliche Resilienz stark heraus. Die Wirkungsweise von Resilienz offenbart sich in
verschiedenen Phasen, wie Abb. 3.13 verdeutlicht.
Nach einem Ereignis, welches subjektiv als Krise bewertet wurde – sei das ein ge-
scheitertes Projekt, das Zerbrechen einer (Arbeits-)Beziehung oder der Verlust einer Ar-
beitsstelle – erfolgt im Normalfall bei jedem Menschen ein Leistungsabfall. Man fühlt
sich niedergeschlagen, kann sich nicht mehr konzentrieren oder hat keine Energie mehr.
Im schlimmsten Fall bleibt es nach der Krise bei einer dauerhaften Schädigung der per-
sönlichen Leistungsfähigkeit. Wer Resilienz als Ressource nutzen kann, erlangt seine
Leistungsfähigkeit wieder oder geht gar gestärkt aus der Krise hervor.
Resilienz kann wie ein Muskel trainiert werden. Resilienz kann auch als Reserve ange-
legt werden, um auf zukünftige Schwierigkeiten vorbereitet zu sein. Wer resilient ist, kann
Veränderungen und Umbrüche besser bewältigen. Resilienz ist auch „Elastizität“, Anpas-
sungsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit, „seelisches Immunsystem“. Sie lässt Menschen wie
ein Gummiband in ihren normalen Zustand zurückschnellen oder wie ein Stehaufmänn-
chen wiederaufrichten.
3.8
Selbstmanagement
315
3.8.4.2
Grundhaltungen
Monika Gruhl (2008) beschreibt in ihrem Buch „Die Strategie der Stehaufmännchen“,
dass Resilienz im Wesentlichen eine Frage von Grundhaltung und Entwicklung charakter-
licher Fähigkeiten ist.
Optimismus
Das Gute im Schlechten sehen. Das Grübeln stoppen. Positives Selbstbild, Selbstvertrau-
en. Glaube an die Selbstwirksamkeit. Fehlschläge nicht persönlich nehmen. Realistischer
Optimismus: das Positive sehen, ohne die Schwierigkeiten zu ignorieren. „Inmitten der
Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten“. Gewissheit: „Es geht vorbei“.
Akzeptanz
Akzeptieren, dass Unglück, Enttäuschungen und Widrigkeiten zum Leben gehören und
dass sich diese weder vermeiden noch spurlos beseitigen lassen. Sich ausreichend Zeit
nehmen, wahrnehmen, was geschehen ist, Mehrdeutigkeiten (Ambiguitäten) akzeptieren.
Geduld. Dem Werden und der Entwicklung den nötigen Raum geben. Zuversicht, dass sich
die Dinge auch ohne unser Zutun neu ordnen. Vertrauen in einen größeren Sinnzusammen-
hang. Akzeptanz des Unabänderlichen. Selbstakzeptanz: Stärken und Einschränkungen.
Lösungsorientierung
„Wer will, sucht Wege, wer nicht will, sucht Gründe“. Sich Gedanken um Lösungen
machen. Ressourcen aktivieren. Aus der „Problemtrance“ aussteigen. Optionen entwi-
ckeln. Offenheit für neue Ideen und ungewohnte Perspektiven. Flexibilität. Methoden und
Verhaltensweisen wechseln können, wenn sie nicht mehr funktionieren. Kreativ denken.
Neues ausprobieren. Strukturen im Chaos schaffen und organisieren. Auf der Basis dieser
Grundhaltungen entwickeln resiliente Menschen ganz bestimmte Strategien für ihr Den-
ken, Fühlen und Handeln. Dazu sind die folgenden vier charakteristischen Fähigkeiten
wichtig:
Sich selbst regulieren
Gefühle wahrnehmen, aber sich ihnen nicht ausliefern. Sich aktivieren, beruhigen, auf-
heitern. Seine Stimmungen, Antriebe und Reaktionen beeinflussen (Selbstkontrolle). Sich
selbst aufbauen. Sich Mut zusprechen. Impulskontrolle. Gefühle und Impulse angemessen
ausdrücken. Wirksame Stressbewältigungstechniken. Intuition.
Verantwortung übernehmen
Die Opferrolle verlassen. Das selbst Beeinflussbare erkennen und handeln. Die Verant-
wortung für seine eigenen Gefühle, Gedanken und Taten übernehmen. Das Nichtbeein-
flussbare loslassen. Schuldzuweisungen (an sich oder andere) unterlassen. Antworten auf
die aktuellen Fragen des Lebens („ver-antworten“). Haltungen, Denk- und Verhaltensge-
wohnheiten überprüfen, anpassen und trainieren. Veränderungen aktiv gestalten.
316
3
Mensch
Beziehungen gestalten
Wohltuende Beziehungen und soziale Netzwerke geben Halt, Verbundenheit und Unter-
stützung. Interesse und Empathie gegenüber anderen und sich selber. Sozialkompetenz.
Soziales Engagement und Gemeinsinn.
Zukunft gestalten
Ein erstrebenswertes, bedeutungsvolles Zukunftsbild haben: Sinn, Werte, Visionen, Träu-
me, innere Bilder und Sehnsucht geben in Krisenzeiten Orientierung. Die Zukunft als
Potenzial sehen. Sein Leben aktiv in die Hand nehmen: Sich für das eigene Wohlerge-
hen weitgehend selbst verantwortlich fühlen. Wissen, was ich langfristig erreichen will.
Einengende Vorannahmen und Glaubenssätze erkennen. Sich auf seine Lebensträume aus-
richten: „Hänge deinen Pflug an einen Stern, um gerade Furchen zu ziehen“. Fokussieren.
Handeln.
3.8.5
Umgang mit Scheitern
3.8.5.1
Scheitern bei Roche und Dyson
Severin Schwan, Roche-Konzernchef, legte in seiner Rede am Swiss Economic Forum
2015 die Erfolgsfaktoren des weltweit größten Biotech-Konzerns dar (Müller 2015). Eine
davon lautete: Misserfolge feiern! Weil die Komplexität im Pharmageschäft sehr hoch sei,
würden neun von zehn Projekten scheitern. Durch das Feiern der Misserfolge werde intern
ein Signal gegeben, dass es sich lohnen würde, mit Projekten ein Risiko einzugehen. Und
oft würden die Erkenntnisse aus gescheiterten Projekten Ausgangslage und Grundlage
bilden für die nächsten Projekte.
Leider ist diese Haltung noch nicht in allen Organisationen angekommen. Die Angst,
einen Fehler zu machen, ist vielerorts noch groß. Man fürchtet sich vor dem Reputations-
verlust oder sogar vor Sanktionen. Doch was bedeutet es für Projektbeteiligte, wenn sie
Angst haben vor dem Scheitern? Wo die Angst vor dem Fehler bewusst oder unbewusst
mitschwingt, kann der Mensch sein kreatives Potenzial nicht fruchtbar machen. Gerade in
Projektarbeit, die zum Ziel hat, Innovation zu schaffen, die aufgrund ihrer Anlage immer
auch risikoexponiert ist, braucht es ganz bewusst die von Severin Schwan beschriebene
Haltung und Unternehmenskultur. Nur wer nichts Neues wagt, kann sich in Sicherheit
wiegen, keine Fehler zu machen. Wer aber Innovation schaffen will, bejaht von Anfang
an, dass der Weg ein schwieriger sein wird und dass einem die Früchte des Erfolges nicht
geschenkt werden.
Beispiel
James Dyson sagt von sich selber, dass er 5127 Prototypen bauen musste, bis er den
beutelfreien Staubsauger erfinden konnte. Für Dyson beginnt alles mit dem Scheitern:
„Das Scheitern ist der Startpunkt: Wenn etwas scheitert, verstehst du, warum es schei-
tert, und dann beginnst du, darüber nachzudenken, was du tun kannst, um das Scheitern
zu verhindern“ (Brand 2017).
3.8
Selbstmanagement
317
Der Umgang mit dem Scheitern hat also immer zwei Einflussfaktoren: Persönliche und
organisationale Anteile.
3.8.5.2
Persönliche Anteile: Haltung
Ute Lauterbach (2007, S. 10) entwickelte für das Scheitern eine einfache Formel:
Scheitern D gewolltes Ziel C nicht erreichen
Scheitern findet dann statt, wenn wir ein Ziel nicht erreichen können. Grundsätzlich
ist das natürlich unangenehm, beeinträchtigt das Scheitern doch unser Grundbedürfnis
des Strebens nach Leistung. Das wiederum beeinflusst unsere Emotionen: Wir fühlen uns
betrübt und traurig.
Natürlich wollen und sollen wir das Scheitern nicht einfach schönreden. Aber um an
eine Haltung eines James Dyson heranzukommen, wird unsere Projektarbeit nicht gelin-
gen, wenn wir jedes Scheitern als persönliche Niederlage wahrnehmen und daraus eine
persönliche Abwertung ableiten.
Basierend auf Lauterbach (2007) können wir uns fragen:
Diene ich dem Scheitern, oder dient das Scheitern mir?
Wenn ich dem Scheitern diene, lasse ich es über mich gewinnen. Ich werte mich ab und
sage mir, dass ich es nicht geschafft habe. Wenn jedoch das Scheitern mir dient, kann ich
mich fragen – so wie Dyson es 5127 mal gemacht hat – was ich daraus lernen kann, wenn
ich mein angestrebtes Ziel nicht erreichen konnte?
3.8.5.3
Organisationale Anteile
Der organisationale Anteil des Scheiterns liegt vor allem in der Organisationskultur, der
Art und Weise, wie wir Probleme lösen (Abschn. 3.4). In vielen Corporate-Identity-Bro-
schüren werden die Mitarbeiter eingeladen, mutig zu sein und Neues zu versuchen. Aber
in der Organisationkultur sind nicht die Hochglanzbroschüren entscheidend, sondern nur,
welches Verhalten der Mitarbeiter belohnt resp. sanktioniert wird. Die für die Organi-
sationskultur relevante Frage ist demnach, welche Erfahrungen die Beteiligten machen,
wenn ein Projekt „gescheitert“ ist? Wird der „Misserfolg“ tatsächlich gefeiert? Wird oh-
ne Schuldzuweisung analysiert, was funktioniert und was nicht funktioniert hat und zu
welchen neuen Einsichten oder Erkenntnissen das Scheitern geführt hat? Wird die Verant-
wortung für das Scheitern von den richtigen (Führungs-)Stellen übernommen, oder wird
sie an die Mitarbeiter delegiert? Erhalten die Projektbeteiligten wieder attraktive Projekte
und werden sogar befördert – oder auf das Abstellgleis gestellt? In diesen Belohnungen
oder Sanktionen äußert sich die wirkliche Organisationskultur. Die allermeisten Mitarbei-
ter richten ihr Verhalten danach aus.
318
3
Mensch
3.8.5.4
Fail fast
Das Scheitern einer Idee bedeutet nicht, dass die Person, welche die Idee hatte, gescheitert ist
(Biswas 2015).
Dieses Credo im agilen Projektmanagement bringt es auf den Punkt: Scheitern darf kein
Tabu-Thema sein. Vielmehr ist es als ein integraler Bestandteil des Projektmanagements
zu betrachten, welcher über das Risikomanagement systematisch bewirtschaftet wird. Das
agile Projektmanagement provoziert das Scheitern geradezu, indem die Sprint-Planung so
angelegt wird, dass die schwierigsten Aufgaben zuerst angegangen werden. Man will auf
keinen Fall wertvolle Ressourcen in eine wohlfeile Initiative investieren, um in den letzten
Sprint-Zyklen dann herauszufinden, dass der ganze Lösungsansatz nicht funktioniert.
Auch im Silicon Valley wird ein offener Umgang mit dem Scheitern gelebt. Innovation
und Kreativität führen automatisch auch zu einem hohen Risiko und zum Scheitern. Das
allerwichtigste in diesen Erfahrungen ist es – und das ist eine wichtige Haltung für die
Stärkung der eigenen Resilienz – unterscheiden zu können zwischen der persönlichen
Leistung und den Rahmenbedingungen.
Man kann erst aus „Scheiter“-Erfahrungen lernen und sich weiterentwickeln, wenn das
Scheitern einer Idee oder eines Projektes ganz klar weggenommen werden kann von der
Person. Wenn ein Projekt gescheitert ist, heißt das primär nur, dass der technologische
Ansatz, die gewählte Methodik oder etwas anderes nicht funktioniert hat. Möglicherweise
wurde operativ sogar brillantes Projektmanagement betrieben. Unter dieser Perspektive
„dient das Scheitern mir“, und ich werde in der Lage sein, mich durch diese Erfahrung
weiter zu entwickeln.
3.9
Persönliche Kommunikation
3.9.1
Was ist Kommunikation?
Der Begriff „Kommunikation“ ist eine allgemeine Sammelbezeichnung für alle Vorgänge, in
denen eine bestimmte Information gesendet (signalisiert) und empfangen wird, auch wenn es
nicht wechselseitig geschieht (Iris Boneberg).
Wechselseitige Beeinflussung wird als Interaktion bezeichnet. Kommunikation dient der
Interaktion. Wesentliche Kennzeichen der zwischenmenschlichen Kommunikation sind:
Kommunikation unterliegt immer einer Interpretation. Was wir als relevante Informa-
tion wahrnehmen, was jeder persönlich für „wahr“ hält, ist das Resultat einer kompli-
zierten selektiven Wahrnehmung (Abschn. 3.3.5). Bei den Anderen entstehen „Wahr-
heiten“, die von meiner „Wahrheit“ abweichen.
Kommunikation ist mehr als Austausch von Informationen. Da jeder Mensch seine
Wirklichkeit subjektiv konstruiert, dient ihm die Kommunikation immer auch zum Ab-
gleich der unterschiedlichen individuellen Konstruktionen.
3.9
Persönliche Kommunikation
319
In der Kommunikation werden immer mehrere Botschaften gleichzeitig gesendet und
wahrgenommen. Die einen sind offen, die andern indirekt, verdeckt. Oft ist das Ver-
deckte jedoch wichtiger als das Offene.
Kommunikation findet nicht nur zwischen den jeweils Anwesenden statt. Viele Abwe-
sende sind am „Kommunikationsspiel“ im Hintergrund beteiligt, indem sie das Denken
und Reagieren der Anwesenden beeinflussen: Was würde wohl der Kunde dazu sagen?
3.9.2
Axiomtheorie
Eine Geste oder eine Miene sagt uns mehr darüber, wie ein anderer über uns denkt, als hundert
Worte (Paul Watzlawick).
Die Qualität der Kommunikation ist das Salz aller Beziehungen. Oft ist die Kommu-
nikation aber auch Grund für Verletzungen und Konflikte (Abschn. 4.4.7.7). Unter der
Leitung des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick wurden fünf Axiome ent-
wickelt, welche die Herausforderungen der zwischenmenschlichen Kommunikation dar-
stellen (Krogerus 2017).
1. Man kann nicht nicht kommunizieren
Der Chef kommt am Morgen ins Büro und sagt nichts. Auch das sagt etwas darüber
aus, wie es ihm geht, oder in welcher Beziehung er zu seinen Mitarbeitern steht.
2. Jede Kommunikation hat einen Beziehungs- und einen Inhaltsaspekt
Wer etwas sagt und wie etwas gesagt wird, wiegt immer schwerer als das, was ge-
sagt wird. Der Beziehungsaspekt bestimmt über den Inhaltsaspekt. In konfliktreichen
Beziehungen verliert der Inhaltsaspekt fast völlig an Bedeutung (Watzlawick 2011,
S. 63).
3. Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung
Die Frau ist genervt, weil der Mann nörgelt. Der Mann nörgelt, weil die Frau genervt
ist.
4. Digitale und analoge Kommunikation
Die verbale Kommunikation wird als digital bezeichnet. Die Nonverbale als analog. In
der zwischenmenschlichen Beziehung hat die analoge Kommunikation einen großen
Einfluss, wie das oben aufgeführte Zitat beschreibt.
5. Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär
Symmetrisch: Wir reden auf Augenhöhe: Scrum Team
Komplementär: Es herrscht eine Art Hierarchie: Auftraggeber – Projektleiter
3.9.3
Kommunikationsquadrat
Die Axiome 2 und 4 werden von Friedemann Schulz von Thun im Kommunikationsqua-
drat aufgegriffen. In diesem Modell hat jede Nachricht vier Seiten: Neben dem Inhalt, um
320
3
Mensch
«Ich bin …»
«Du sollst …»
Selbstoffenbarung
Was ich von mir
selbst kundgebe
Appell
Wozu ich Dich
veranlassen möchte
«Es ist …»
«Du bist …»
Beziehung
Was ich von Dir
halte und wie wir
zueinander stehen
Sachinhalt
Worüber ich
informiere
Abb. 3.14 Die 4 Seiten einer Nachricht nach Schulz von Thun
den es vermeintlich immer gehen soll, schwingen die Selbstoffenbarung, die Beziehung
und der Appell mit (Abb. 3.14).
Die Aspekte von Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell werden oft nicht wörtlich
(digital), sondern nonverbal (analog) und damit verschlüsselt über die Tonlage, Mimik
oder Gestik zum Ausdruck gebracht. Im Modell von Schulz von Thun sollte der Empfän-
ger entsprechend der vierseitigen Nachricht vier „Ohren“ haben, siehe Abb. 3.15.
Je nachdem, welche Seite einer Nachricht und damit welches Ohr für einen Empfänger
im Vordergrund steht, kann dessen Reaktion ganz unterschiedlich ausfallen.
Beispiel
Während einer Sitzung ist eine Person mit dem Smartphone beschäftigt. Der Projekt-
leiter, der die Sitzung leitet, sieht das. Obwohl die betroffene Person im Moment nicht
verbal auf der Inhalts-Ebene kommuniziert, sendet sie eine Information. Was macht der
Projektleiter mit dieser „Kommunikation“? Wenn er auf dem Beziehungs-Ohr hört,
wird er sich verärgert oder frustriert fühlen. Er interpretiert das Verhalten der Person
so: „Du langweilst mich“, „Dein Geplauder ist unprofessionell“ usw. Hat er ein großes
Appell-Ohr, sucht der Projektleiter den Fehler bei sich und seiner Sitzungsleitung und
3.9
Persönliche Kommunikation
321
Beziehungs-Ohr
Reaktion auf Wert-
schätzung, Nähe,
Distanz, Wärme, Kälte
«Was hält er von mir?»
Sach-Ohr
Konzentration auf die
Sache, auf Objektivität
«Worum geht es?»
Selbstoffenbarungs-Ohr
Was will er mir zu seiner
Person mitteilen?
«Was hält er von sich?»
Appell-Ohr
Was will er von mir?
«Was soll ich tun?»
Abb. 3.15 Das Vier-Ohren-Prinzip nach Schulz von Thun
versucht etwas zu ändern: Schneller zu sprechen oder die Besprechungspunkte effizi-
enter abzuarbeiten. Zwangsläufig wird sich der Projektleiter gestresst fühlen.
Bewusst oder auch unbewusst gibt die Person mit ihrem Smartphone aber auch
etwas von sich selber Preis: Die Selbstoffenbarung. Wenn der Projektleiter die non-
verbale Kommunikation auf dem Selbstoffenbarungs-Kanal empfangen kann, hat
er dafür eine andere Erklärung: z. B. dass die Person möglicherweise in einen sehr
dringenden Geschäftsfall involviert ist. Wer auf der Ebene der Selbstoffenbarung emp-
fangen kann, lässt das Problem und die Ursache für die entsprechende Kommunikation
beim Sender. Er läuft weniger Gefahr, sich von Emotionen beeinflussen zu lassen, die
in der aktuellen Situation ungünstig sind.
Günstig ist es, wenn der Projektleiter – evtl. erst nach der Sitzung – die Person damit
konfrontiert, dass ihm die volle Konzentration auf die Sitzung wichtig ist.
In einem solchen Gespräch orientiert sich der Projektleiter von Vorteil an der „Kom-
plettbotschaft“ von Schulz von Thun. Dadurch soll sichergestellt werden, dass möglichst
viel von dem, was gesendet wurde auch gehört wird:
322
3
Mensch
1. Wenn du . . . (Inhalt: Konkreter Anlass/konkretes Verhalten, was bei mir etwas ausge-
löst hat),
2. fühle ich mich . . . (Selbstoffenbarung: beschreiben, was das mit mir macht).
3. Weil ich . . . (Beziehung: Erklärung, was mir an der Beziehung mit dir wichtig ist),
4. wünsche ich mir von dir . . . (Appell: Wunsch/Erwartung für die Zukunft).
3.9.4
Kommunikationskreislauf
Die Axiomtheorie und das Kommunikationsquadrat werden im Kommunikationskreislauf
zusammengefasst. Wenn ein Mensch eine Nachricht aussenden will, muss er sie in be-
stimmte Worte fassen oder in eine entsprechende Ausdrucksform kleiden. Erwartungen,
Gefühle oder Bedürfnisse werden verschlüsselt in digitale und analoge Kommunikation.
Das erfordert von der Empfangsseite ein entsprechendes Entschlüsseln. Diese Entschlüs-
selung ist ein hochkomplexer Prozess, der u. a. beeinflusst ist durch:
die selektive Wahrnehmung mit der Dominanz des Sehsinnes des Menschen (Abschn.
3.3.5)
die Qualität der Beziehung (2. Axiom von Paul Watzlawick).
Unterschiedliche Menschen, Gruppen, Gremien, Organisationen hören und verstehen
anders, geben denselben Worten unterschiedliche Bedeutung und lassen verschiedene Ge-
fühle aufkommen. Missverständnisse sind daher absehbar und normal. Das Resultat des
Entschlüsselungsvorganges ist dann das, was beim Empfänger ankommt; es ist die für ihn
wichtige, relevante Information, die er aufnimmt. Dieser Prozess dreht sich immer wieder
um die folgenden Fragen:
Wahrnehmen: was höre und sehe ich?
Interpretieren und verstehen: was bedeutet das?
Empfinden: welche Gefühle löst das in mir aus?
Handeln: wozu veranlasst mich das Gehörte?
Beispiel
Der Projektleiter leitet um 9 Uhr morgens die wöchentliche Projektteam-Sitzung. Einer
der Teilprojektleiter erscheint eine Viertelstunde zu spät und huscht – eine Entschul-
digung murmelnd – auf seinen Platz. In diesem Moment findet Kommunikation statt.
Auf der inhaltlichen Ebene ist die nonverbale Kommunikation das Zuspätkommen, die
verbale Ebene die gemurmelte Entschuldigung. In dieser Situation sind aus der Pers-
pektive des Projektleiters völlig unterschiedliche Reaktionen möglich:
Der Projektleiter hat eine gute Beziehung zu seinem Kollegen. Eben noch letzte
Woche hat er mit ihm zu Mittag gegessen und dabei erfahren, dass diese Woche
3.9
Persönliche Kommunikation
323
dessen Frau in einer Weiterbildung ist, dass damit sein Kollege alleine die Kinder-
betreuung organisieren muss. Er kennt das, hat Verständnis und nickt dem Kollegen
wohlwollend zu, als er Platz nimmt. Auf der Basis der guten Beziehung deutet er die
Verspätung des Kollegen als Selbstoffenbarung in Bezug auf dessen private Konstel-
lation. Er führt die Sitzung ruhig weiter und informiert den Kollegen danach noch
kurz zu den Punkten, die dieser verpasst hat. Dabei fragt er nach, wie es diesem geht
und klopft diesem aufmunternd auf die Schultern.
Der Projektleiter unterhält nur formale Beziehungen zu seinen Kollegen. Er küm-
mert sich nicht um einen informellen Austausch mit ihnen und ist auf eine professio-
nelle und produktive Arbeitseinstellung fokussiert. Er reagiert auf der Beziehungs-
ebene verletzt, denn er fühlt sich durch dessen Zuspätkommen in seiner Autorität
als Projektleiter nicht respektiert. Er deutet dessen Selbstoffenbarung als „Ich hatte
noch etwas Wichtigeres zu tun“, und möglicherweise als Appell die Aufforderung
„diese Sitzung ist unnötig, alle zwei Wochen würden reichen“. Nach der Sitzung
verschwindet der Projektleiter sofort in sein Büro, ein weiterer Austausch findet
nicht statt.
Eine identische Situation kann völlig unterschiedliche Konsequenzen hervorrufen. Im
ersten Fall kann sich durch die Solidarität des Projektleiters die Beziehung noch vertiefen.
Im zweiten Fall kann das Vorkommnis der Startpunkt sein für einen Konflikt.
3.9.5
Meta-Kommunikation
I Meta-Kommunikation Die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, zum
Thema machen.
Der Prozess der Kommunikation besteht normalerweise aus einem Hin und Her von
Senden und Empfangen (3. Axiom von Paul Watzlawick). Es ist ein gemeinsames Spiel
zwischen zwei Seiten, zwischen Aktion und Reaktion. Das bedeutet in einer systemtheo-
retischen Betrachtungsweise, dass nicht das Verhalten nur einer Seite, sondern die Regeln
des Zusammenspiels, das Verhalten beider Seiten und deren gegenseitige Abhängigkeit
betrachtet werden sollen.
Beispiel
Wenn im obigen Beispiel der Projektleiter „einschnappt“, sich nicht respektiert fühlt,
kann er versuchen, seine Autorität noch mehr in den Vordergrund zu stellen. Sollte
der Teilprojektleiter in einem Arbeitspaket in Verzug sein, wird das mit entsprechender
Schärfe kommentiert. Der Projektleiter lässt den Teilprojektleiter nicht an sich her-
ankommen: „Im Moment scheinen wir überall unter Verspätungen zu leiden.“ Der
Teilprojektleiter zieht sich darauf zurück und sagt seinem Projektleiter nicht, dass er
324
3
Mensch
Absprache,
wie wir miteinander reden
Abb. 3.16 Meta-Kommunikation
von seinem Chef zu einem Projekt mit höherer Priorität angesetzt worden ist. Das führt
zu weiteren Verspätungen. Diese werden vom Projektleiter noch schärfer kritisiert.
Das Verhalten beider ist von demjenigen des Gegenübers abhängig. Das endlose Hin
und Her kann nur durchbrochen werden, wenn beide gemeinsam darüber sprechen, wie
sie miteinander kommunizieren, in Beziehung stehen und was jeder dazu beiträgt, das
Hin und Her aufrecht zu erhalten. Die Absprache darüber, wie wir miteinander reden,
heißt Meta-Kommunikation, siehe Abb. 3.16.
I
Die Ursache-Wirkung-Rückkoppelung kann nur durchbrochen werden über das
persönliche Gespräch. Im obigen Beispiel wird es darum gehen, dass die beiden
so bald als möglich in einem bilateralen Gespräch das Problem thematisieren.
Dafür ist es nötig, dass sich beide soweit in eine Beziehung einlassen, dass auch
persönliche Aspekte wie die Familiensituation aber auch die emotionale Verlet-
zung thematisiert werden können.Im Gespräch wirdesfür beide Personen dann
darum gehen, vor allem aus der Perspektive der Selbstoffenbarung die Gründe
für das eigene Verhalten oder die Empfindung darlegen zu können. Das bedeu-
tet, dass von beiden hohe kommunikative Kompetenzen gefragt sind, wie z. B.
die Ich-Botschaft oder das aktive Zuhören.
3.9
Persönliche Kommunikation
325
3.9.6
Ich- und Du Botschaft
In der verbalen Kommunikation macht es einen großen Unterschied, ob wir mit einer Ich-
Botschaft oder einer Du-Botschaft unterwegs sind. Mit einer Aussage, die mit einem „Ich“
beginnt, beziehe ich mich auf mich selber:
Ich bin mit dem Ergebnis deiner Arbeit nicht zu frieden.
Ich ärgere mich, wenn du zu spät zu unserem Termin kommst.
Ich bin in Sorge, dass wir diesen Kunden verlieren, wenn du so mit ihm sprichst.
Damit betone ich in meiner Aussage, die Subjektivität meiner Wahrnehmung und deren
Bewertung. Ich beschreibe auf der Ebene der Selbstoffenbarung, wie etwas oder jemand
auf mich wirkt.
Wenn ich hingegen Du-Botschaften sende, setze ich meine Wertung in den Mittelpunkt.
Ich kommuniziere nicht mehr auf Augenhöhe, sondern nehme für mich in Anspruch, eine
andere Person zu maßregeln:
Das hast du falsch gemacht.
Du solltest auf deine Pünktlichkeit achten.
So darfst du nicht mit dem Kunden sprechen.
3.9.7
Feedback
In der Projektarbeit findet Kommunikation oftmals im Zusammenhang mit der Steuerung
von Prozessen statt. Dies bedeutet, dass ich das Verhalten von Personen ansprechen muss.
Dies kann in positiven Fällen (Bestätigung einer Leistung, eines Resultates) aber auch in
negativen Fällen (nicht erbrachte Leistung, Kritik, Fehlverhalten) stattfinden. Diese Rück-
meldung zum Verhalten wird als Feedback bezeichnet.
Feedback ist eine Mitteilung an eine Person, die diese darüber informiert, wie ihre Verhal-
tensweisen von anderen wahrgenommen, verstanden und erlebt werden (Klaus Antons).
Das Feedback ist auch ein wesentlicher Bestandteil, wenn ich eine Kritik anbringen
will. Die Art und Weise, wie diese Kritik formuliert wird, definiert die Kultur und den
Führungsstil in einer Organisation. Ist es eine Rückmeldung zu einem Verhalten mit dem
Wunsch, das Verhalten zu überdenken und zu ändern, oder ist es ein Anordnen und Zu-
rechtweisen?
326
3
Mensch
verschlüsseln
entschlüsseln
Feedback
Empfänger
Sender
Selektive
Wahrnehmung
Selektive
Wahrnehmung
Äusserung
Sachinhalt
Beziehungshinweis
Selbstkundgabe
Appell
Abb. 3.17 Kommunikationskreislauf
3.9.7.1
Johari-Fenster
Ich weiß nicht, was ich gesagt habe, solange ich nicht die Antwort darauf gehört habe (Nor-
bert Wiener).
Feedback ist eine Chance, etwas über sein Wirken auf andere zu erfahren sowie die ei-
gene Verhaltensweise zu überprüfen und allenfalls zu verändern. Feedback kann auch
Beziehungen klären. Die Antwort kann verbal, aber auch durch nonverbale Reaktion im
Verhalten des anderen auf eine Äußerung hin erfolgen. Insofern erhalten und geben wir
ständig Feedback, oft, ohne dass darüber ein Wort gesprochen wird. Durch Feedback fin-
det also die Rückkoppelung zwischen Sender und Empfänger statt (Abb. 3.17).
Somit ist das Feedback eines der zentralen Instrumente der Teamentwicklung. Im agi-
len Ansatz hat dieses in der Sprint Retrospektive einen festen Platz. Wenn wir unsere
soziale Kompetenz erweitern wollen, sind wir gezwungen, immer wieder über die Wir-
kung unseres eigenen Verhaltens von anderen zu erfahren. Gleichzeitig überprüfen wir
auch, was Aktionen anderer bei uns auslösen.
Nun gibt es Dinge, die wir von uns selbst kennen und solche, die wir nicht kennen.
Ebenso gibt es Dinge, die wir anderen frei zugänglich machen und solche, die wir für
uns behalten. Hierzu haben die beiden Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham
3.9
Persönliche Kommunikation
327
1. Öffentliche Person
Arena des freien Han-
delns: Bereich, der allen
und mir bekannt ist
3. Blinder Fleck
Wie andere mich wahr-
nehmen und erleben, mir
aber nicht bekannt ist
4. Unbewusstes
Weder mir noch
anderen zugänglich
2. Soziale Fassade
Verborgenes: meine
Privatsphäre, meine
Geheimnisse und Be-
dürfnisse, die ich
nicht mitteilen möchte
mir bekannt
mir unbekannt
anderen bekannt
anderen unbekannt
Abb. 3.18 Johari-Fenster
ein Teamentwicklungsmodell entworfen: Das Johari-Fenster (Abb. 3.18). Es hilft uns, die
interpersonalen Beziehungen besser wahrzunehmen.
Dank unserem Bewusstsein und der Selbstreflexionsfähigkeit (Abschn. 3.3.6) ist es
uns möglich, uns selber wahrzunehmen. Dies stellen in Abb. 3.18 die beiden Felder „Mir
bekannt“ dar. Einen Teil davon bin ich bereit, im Sinne der öffentlichen Person mit anderen
zu teilen. In der Berufsarbeit sind wir aber meistens nicht bereit, die ganze Privatsphäre
mit den Kollegen zu teilen. Diesen uns bewussten und bekannten Teil unserer Person
bezeichnen Luft und Ingham als „soziale Fassade“.
Beispiel
Ein stets elegant gekleideter Product Owner der Finanzindustrie liebt es, am Wochenen-
de in der schwarzen Lederjacke mit seiner Harley-Davidson eine Ausfahrt zu machen.
Diese „Soziale Fassade“ teilt er nur mit seinem Assistenten.
Für Feedback relevant ist vor allem der „Blinde Fleck“. Das sind die Aspekte von
unserem Verhalten, die uns selber nicht bewusst sind, anderen jedoch ins Auge stechen.
328
3
Mensch
Beispiel
Im Normalfall ist der Product Owner eine gewinnende Person. Er nimmt sich Zeit für
die Teammitglieder und kann gut zuhören. In den vergangenen Projekten hatte er auch
eine gute Abstimmung mit dem Scrum Master und ließ diesen intervenieren, wenn
es darum ging, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Das aktuelle Projekt verläuft
schwierig, zudem wurde ein neuer Scrum Master zugewiesen mit wenig Berufserfah-
rung. Wenn dieser nun Vorschläge unterbreitet, wirkt der Product Owner ungeduldig,
lässt diesen nicht ausreden und kritisiert dessen Vorschläge.
Durch den schwierigen Verlauf des Projektes ist der Product Owner stärker unter Stress.
Zudem versteht er nicht, dass ihm gerade für das aktuelle, wichtige strategische Projekt
ein neuer Scrum Master zugewiesen worden ist. Unter diesen Umständen ist das Feed-
back von etablierten Arbeitskollegen des Product Owners sehr wertvoll. Diese können
ihm bewusst machen, was sich da in seinem Verhalten und auch in der Kommunikation
mit dem Scrum Master abspielt und wie sich das verändert hat im Vergleich zu den vorhe-
rigen Projekten. Dadurch kann dies bewusst gemacht und schließlich auch im Sinne einer
Teamentwicklung bearbeitet werden.
Natürlich hat jeder Mensch auch noch einen unbewussten Teil. Der bleibt einer Person
selber wie auch ihrem Umfeld verborgen.
3.9.7.2
Johari-Fenster in der persönlichen Weiterentwicklung
Das Johari-Fenster dient auch zur Orientierung für die persönliche Weiterentwicklung: Je
mehr sich eine Person für Feedback öffnen kann, desto besser kann sie Selbstbild und
Fremdbild aufeinander abstimmen und damit den blinden Fleck minimieren. Der Neben-
effekt von Feedback ist meist, dass mehr Vertrauen in den Beziehungen entsteht. Das
erlaubt wiederum, offener zu sein in Bezug auf die persönlichen Bedürfnisse und diejeni-
gen der Kollegen. So wird die soziale Fassade zugunsten der öffentlichen Person abgebaut
(Abb. 3.19).
3.9.7.3
Feedbackregeln
Feedback hat für die persönliche Weiterentwicklung wie auch für die Teamentwicklung
eine zentrale Bedeutung. Damit wir konstruktiv mit Feedback umgehen können, sind fol-
gende Regeln einzuhalten:
Grundsätzliche Feedbackregeln
„Ich-Botschaften“ statt „Du-Aussagen“
Konkret statt allgemein
Wahrnehmung und Interpretation auseinanderhalten
Feedback annehmen ohne Verteidigung und Rechtfertigung
Feedback ist meine subjektive Wahrnehmung eines Verhaltens
3.9
Persönliche Kommunikation
329
mir bekannt
mir unbekannt
anderen bekannt
anderen unbekannt
Die Zusammenarbeit wird
erleichtert, durch die Er-
weiterung des Bereichs des
freien Handelns
Veränderung
durch aktives
Feedback
geben und
nehmen
Veränderung durch
Offenheit für eigene und
andere Vorstellungen
und Bedürfnisse
Abb. 3.19 Johari-Fenster für die persönliche Weiterentwicklung
Feedback geben
Konkret: Ich formuliere konkrete Aussagen, wie ich es erlebe, wahrnehme, wie etwas
auf mich wirkt
Beschreibend: Ich mache möglichst genaue Beschreibungen und interpretiere nicht
Realistisch: Ich halte Maß und passe mein Feedback der Situation an
Sofort: Ich gebe das Feedback so schnell wie möglich, um den Fokus auf das Wesent-
liche zu ermöglichen
Verlangt: Ich zwinge mein Feedback dem Gegenüber nicht auf
Relativiert: Ich formuliere „Ich-Botschaften“ und bewerte nicht
Feedback erhalten
Ausreden lassen: Feedbackgeber nicht unterbrechen
Keine Verteidigung: Durch Nachfragen die Wahrnehmung des Gegenübers konkreti-
sieren
Grenzen setzen: Ich formuliere, welche Informationen ich will
Annehmen: Ich argumentiere nicht, rechtfertige oder verteidige mich nicht
330
3
Mensch
Prüfen: Ich überprüfe die Bedeutung der Aussagen für mich persönlich
Danken: Ich bedanke mich für jedes Feedback, auch wenn es in einer unangebrachten
Weise gegeben wurde
Zeit lassen: Ich lasse mir Zeit für die Prüfung der Bedeutung der Aussagen für mich
persönlich und teile meine Reaktionen mit, wenn es für mich stimmt
Wirkung von Feedback
Feedback erlaubt mir zu lernen, wie ich von anderen Menschen wahrgenommen werde
Feedback verstärkt positive Verhaltensweisen
Feedback dient der Klärung von Beziehungen zwischen Menschen
Feedback korrigiert Verhaltensweisen, die der Gruppe nicht weiterhelfen
Feedback hilft, die Wahrnehmung und das Verhalten der Anderen besser zu verstehen
3.9.8
Fragetechniken
Ein offenes Herz und ein offener Geist sind davon abhängig, dass wir nicht aufhören zu
fragen. Ein Ausrufezeichen setzt allem immer ein Ende (Bertrand Piccard).
Nach dem systemischen Weltbild (Abschn. 1.6.4) können wir nie „wissen“, welche Wahr-
nehmung eine andere Person hat, was jemand denkt, wie es ihr geht oder was sie stört.
Der einzige Weg, dies herauszufinden ist, Fragen zu stellen.
3.9.8.1
Offene und geschlossene Fragen
Grundsätzlich gibt es keine falschen Fragen. Die Kunst der Fragetechnik liegt darin, je-
weils die passende Frage zu stellen, welche mir in einer spezifischen Situation hilft, zu der
Information zu kommen, die ich mir wünsche.
Geschlossene Fragen helfen mir, Fakten sicherzustellen oder Information zu bestätigen.
Sie können oder sollen mit einem „Ja“ oder „Nein“, oder mit einer spezifischen Informa-
tion beantwortet werden.
Kommst du mit deinem Vorgesetzten klar?
Was ist deine Muttersprache?
Wann gehst du heute?
Ist das ein Foto deiner Kinder?
Dem stehen die offenen Fragen gegenüber. Diese sollen . . .
bei meinen Gesprächspartnern neue Gedankenprozesse und Reflexionen stimulieren
die Befragten stimulieren, ihre Gedanken zu äußern
dazu anregen, Neues zu finden, aus einer Denkblockade herausführen
3.9
Persönliche Kommunikation
331
Wer
?
Was
?
Wann
?
Wie
?
Wo
?
Warum
?
Abb. 3.20 Offene und geschlossene Fragen
möglichst viel Information liefern, klärend wirken
ermöglichen, unterschiedliche Standpunkte und Perspektiven zu beleuchten
Alle Fragen, die mit „W“ beginnen, können als offene Fragen formuliert werden
(Abb. 3.20).
Wie kommst du mit deinem Vorgesetzten klar?
Wo kommt deine Familie her?
Was sind deine Pläne für heute Abend?
Wer sind die Kinder auf dem Foto?
Wenn ich mein Gespräch über offene Fragen führe, überlasse ich meinem Gegenüber
die Wahl, welche Informationen in welcher Offenheit oder Vertraulichkeit es mit mir tei-
len möchte. Die Frage nach den Kindern auf dem Foto lässt sich kurz beantworten. Das
Gegenüber kann auch auf einer vertraulichen Beziehungsebene vom letzten Urlaub erzäh-
len, während dem das Foto möglicherweise entstanden ist. Über die offene Frage setze
ich keinen Druck auf, ich führe kein Verhör durch wie mit geschlossenen Fragen, son-
dern bewege mich wie ein Archäologe von Frage zu Frage und beobachte, was sich mir
offenbart.
332
3
Mensch
„W-Fragen“ dürfen jedoch nicht blindlings als offene Fragen behandelt werden. Ge-
nauso können daraus geschlossene Fragen formuliert werden:
Wer moderiert die Sitzung?
Wann gehst du heute Abend nach Hause?
Wo werden die Projektdokumente verwaltet?
Was ist das Projektbudget?
Auch das „Warum?“ soll sorgfältig eingesetzt werden, kann es doch das Gegenüber in
eine Verteidigungshaltung bringen.
Warum ist die Machbarkeitsstudie noch nicht abgeschlossen?
3.9.8.2
Aktives Zuhören
Technik
Im Kommunikationskreislauf (Abschn. 3.9.4) ist es unmöglich, dass etwas genauso de-
codiert wurde wie es codiert wurde. Die „Übersetzungsfehler“ kann ich durch das aktive
Zuhören erkennen und korrigieren.
Aktives Zuhören bedeutet immer „Verstehen Wollen“. Einerseits kann der Empfänger
einer Nachricht dem Absender zurückspiegeln, was er verstanden hat. Ich kann aktives
Zuhören aber auch in Sitzungen verwenden, wenn ich das Gefühl habe, dass die Sitzungs-
teilnehmer aneinander vorbeireden, wenn ich etwas genau auf den Punkt bringen will oder
auch, wenn ich das Gesprächstempo reduzieren möchte.
Dem ursprünglichen Sender der Nachricht erlaubt das aktive Zuhören, entweder eine
Information zu bestätigen oder aber auch diese nochmals präziser zu formulieren resp.
beim Gegenüber nicht beabsichtigte Rückschlüsse zu korrigieren.
Beispiel
So kann durch das aktive Zuhören überprüft werden, ob die Aussage des Gegenübers
richtig verstanden worden ist:
„Habe ich dich richtig verstanden, dass du den neuen Entwurf der Machbarkeitsstu-
die per Ende September abschließen wirst?“
„In meinen Worten formuliert würde das heißen, dass wir das Lastenheft dem Kun-
den noch nicht zustellen können, bevor der Leiter der Entwicklung die Testresultate
für den Prototyp bestätigt?“
Aktives Zuhören als Grundhaltung und Entwicklungsunterstützung
In der Erweiterung des Begriffes des Aktiven Zuhörens, wie ihn ursprünglich der ameri-
kanische Psychologe und Psychotherapeut Carl Rogers 1942 als Technik beschrieb, Frie-
demann Schulz von Thun 2005 als Grundhaltung und Eric Lippmann 2013 als Coaching-
3.9
Persönliche Kommunikation
333
1. Stufe
2. Stufe
Kernaussage formulieren
- Zusammenfassen
- Spiegeln
- Feedback
«Es auf den
Punkt bringen»
Lösung entwickeln
- Hypothesen
- Vermutungen
- Lösungsszenarien
«Ich werde tun!»
3. Stufe
Beziehung herstellen
- Blickkontakt
- Rahmen schaffen
- Zuhörend nicken
«Ich bin ganz Ohr»
Abb. 3.21 Aktives Zuhören als Grundhaltung und Entwicklungsunterstützung
Intervention formulierte, kann im aktiven Zuhören eine effektive Coaching-Methode ge-
sehen werden (Abb. 3.21). In diesem Coaching geht es nicht nur um ein dreistufiges,
„einfühlsames verstehen Wollen“ nach Schulz von Thun oder darum, die inhaltliche
und die emotionale Ebene seines Gegenübers zurückzumelden (Lippmann), sondern im
dritten Schritt den Coachee durch weitere Rückfragen, Vermutungen, Hypothesen oder
Lösungsvorschläge zu unterstützen, eigene passende Lösungsvorschläge zu entwickeln
und zu bewerten.
1. Stufe: Präsenz schaffen
Auf der Beziehungsebene dem Gesprächspartner signalisieren, dass ich „ganz Ohr“ bin. In
dieser Phase werden der Rahmen für das weitere Gespräch geschaffen und das Vertrauen
aufgebaut, welches später nötig ist, damit auch persönliche Rückmeldungen möglich sind.
2. Stufe: Verbalisieren
Durch Nachfragen und Zusammenfassen wird versucht, das Wesentliche herauszuarbei-
ten. Hier ist es wichtig, dass die Interessen sichtbar werden. Es gehört auch Feedback zur
Situation dazu, ebenso wie Spiegelungen, wie der Gesprächspartner aktuell wahrgenom-
men wird. Hier soll der Befragte sein Anliegen „auf den Punkt bringen“ können.
334
3
Mensch
3. Stufe: Entwickeln
Mittels unterstützenden Fragen, Hypothesen, Vermutungen und weiteren systemischen
Fragen wird der Coachee unterstützt, eigene Lösungsszenarien zu entwickeln und zu
analysieren. Das Ziel ist, dass der Coachee eine „für ihn realistische Lösung“ für seine
Fragestellung erkennt und plant.
Der Coach achtet darauf, dass der Coachee aktiv bleibt und seine Fragestellung bear-
beitet. Dabei soll der Coach genügend zurückhaltend bleiben, Denkpausen, „Lösungslo-
sigkeit“, wie es Schulz von Thun nennt, aushalten. Es geht auch nicht darum, möglichst
viele Fragen zu stellen oder Rückmeldungen zu geben, sondern vielmehr, die Führung
und Bearbeitung dem Coachee weitgehend zu überlassen und ihm in seinen Gedanken
und Ansätzen zu folgen und ihm zu helfen, dass er Nebensächliches weglässt und sich auf
die Bearbeitung der eigentlichen Fragestellung konzentrieren kann.
3.9.8.3
Weitere Fragetypen
Nachfolgend sind weitere Fragetypen ausgeführt, die helfen können, im offenen Geist des
Fragens zu bleiben:
Zirkuläre Fragen erlauben es, die Perspektiven anderer Personen in das Gespräch ein-
zubeziehen und dadurch weitere Perspektiven einzubinden:
„Wenn ich Ihren Vorgesetzten fragen würde, was würde er mir sagen?“
Zielorientierte Fragen erlauben es, eine Zielsetzung klar zu definieren:
„Wie können Sie feststellen, ob das Ziel erreicht wurde?“
Ressourcenorientierte Fragen werden in schwierigen Situationen eingesetzt, um dem
Gegenüber zu helfen, sich seiner Potenziale bewusst zu werden:
„Gab es eine Zeit, in der das Arbeitsklima besser war?“
Skala-Fragen fordern das Gegenüber auf, aus der emotionalen Ebene auf die rationale
Ebene zu wechseln und einer Situation eine Bewertung zu geben:
„Auf einer Skala von 1–10, wie würden Sie Ihre Leistung einschätzen?“
Hypothetische Fragen leiten das Gegenüber an, aufgrund einer Annahme ein Szenario
nochmals zu durchdenken:
„Wenn A das Projektteam verlassen würde, welche Konsequenzen hätte das auf die
Teamleistung?“
Die Herzfrage dient dazu, Positionen zu hinterfragen, um herauszufinden, was einer
Person am Herzen liegt:
„Was genau ist Ihnen dabei wichtig?“
3.10
Persönliche Weiterentwicklung
335
3.10
Persönliche Weiterentwicklung
Wir können nicht irgendein Leben führen, sondern nur unser eigenes (Remo Largo).
In Abschn. 3.5.4 sind die drei dem Menschen zur Verfügung stehenden Strategien im Um-
gang mit Herausforderungen – und damit auch für die persönliche Weiterentwicklung –
ausgeführt: Verändern, Neubewerten oder Verdrängen. Hier werden weitere Aspekte dar-
gestellt, die den Leser in seiner persönlichen Weiterentwicklung unterstützen können.
3.10.1
Die drei Lebenswelten
Die Berufswahl, die Sie zum Projektmanagement gebracht hat, ist hoffentlich nicht nur
Zufall, sondern hat auch etwas mit Ihren Grundbedürfnissen (Abschn. 3.3.3) und Kompe-
tenzen (Abschn. 3.1) zu tun.
Die Erwerbsarbeit ist für viele Menschen in unserem Kulturkreis der Lebensmittel-
punkt. Die Ausführungen zum Thema Sinn zeigen, dass es eine Überforderung an die
Erwerbsarbeit wäre, darin eine sehr hohe Passung zu erwarten (Abschn. 3.7.3.3). Des-
halb ist es wichtig, in der eigenverantwortlichen Weiterentwicklung einen ganzheitlichen
Ansatz zu verfolgen. Dazu hilft das Modell der drei Lebenswelten (Abb. 3.22).
In diesem Modell steht die Arbeitswelt auf dem Fundament von Beziehungs- und
Eigenwelt. Mit der Arbeitswelt wird natürlich nicht nur die Erwerbsarbeit verstanden,
sondern auch die Familien- oder Freiwilligenarbeit.
Der Mensch als soziales Wesen braucht aber mehr für eine gelingende Existenz, als
„nur“ die Arbeit. Vor allem die Qualität unserer Beziehungen hat einen wesentlichen Ein-
fluss auf unser psychisches Wohlbefinden. Natürlich wollen wir auch in der Arbeitswelt
gute Beziehungen pflegen. Aber in diesem Bereich sind die Beziehungen immer auch
geprägt von Positionen, Rollen, Macht oder Organisationskulturen. In wirklich authenti-
schen Beziehungen können wir uns so geben, wie es uns zumute ist. Wir müssen keine
Rollen spielen und sind nicht in Machtverhältnisse eingebunden. Während die Beziehun-
gen der Arbeitswelt auf Respekt und Anerkennung basieren, soll die Beziehungswelt von
Liebe und Zuneigung geprägt sein.
Die Eigenwelt bildet den Raum für unsere persönlichen Interessen, Hobbies und auch
für den erweiterten Freundeskreis.
I
Konflikte und Krisen können uns in der Erwerbsarbeit jederzeit ereilen, auch
ganz unverschuldet. Dann wird eine Traumstelle plötzlich zu einer schweren
Last. Je besser wir in guten Zeiten die Beziehungs- und Eigenwelt pflegen, des-
to mehr können wir uns auf sie verlassen, wenn uns unvorbereitet eine Krise in
der Arbeitswelt trifft. In solchen (Stress-)Situationen hilft vor allem die Nähe zu
unseren Mitmenschen (Abschn. 3.5.8).
336
3
Mensch
Arbeitswelt
Arbeit
Beruf
Beziehungswelt
Partnerschaft
Familie
Eigenwelt
Raum für sich selbst
und andere(s)
Abb. 3.22 Lebenswelten des Menschen. (Basierend auf: Walser und Wild 2002)
3.10.2
Selbsterkenntnis
Jeder Mensch hat seine eigene Persönlichkeit, Charaktereigenschaften, Stärken und
Schwächen. Die Persönlichkeit eines erwachsenen Menschen kann nur wenig verän-
dert werden; Sie ist zu wesentlichen Teilen das Resultat der genetischen Veranlagung
sowie der Sozialisation und der prägenden Lebenserfahrungen. Viel wichtiger als die
Veränderung ist in der Persönlichkeitsentwicklung, sich selber immer besser zu kennen
und zu bejahen. Mit diesen Kenntnissen suche oder entwickle man ein Arbeitsumfeld,
welches so gut wie möglich zu den eigenen Persönlichkeitsmerkmalen passt. Für diesen
Prozess der Bewusstwerdung stehen zwei grundsätzlich unterschiedliche Verfahren zur
Verfügung.
Persönlichkeitstypologien
Typologien, wie Belbins Teamrollen oder der Golden Profiler of Personality (GPOP) von
Golden, Bents und Blank beruhen auf empirischen Beobachtungen. Der Charakter eines
Menschen wird dabei unterschiedlichen Typen zugeordnet. Schon in der Antike wur-
de versucht, auf Grund von menschlichem Verhalten Typologien der unterschiedlichen
Persönlichkeiten herzuleiten. So beschrieb zum Beispiel Empedokles (495–435 v. Chr.)
3.10
Persönliche Weiterentwicklung
337
Typen, die auf den vier Grundelementen Luft, Wasser, Feuer und Erde aufbauten. Hippo-
krates (460–377 v. Chr.) beschrieb vier menschliche Temperamente, ausgehend von den
vier Körpersäften Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, welche den Menschen un-
terschiedlich prägen. Diesen ordnete ca. 200 Jahre später der römische Arzt Galenus die
noch heute bekannten Typen Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker
zu. In der Moderne orientierte sich Ernst Kretschmer (1888–1964) mehr am Körperbau
und leitete daraus die Charaktere ab. In seiner Konstitutionstypologie definierte er die
Typen Leptosomer, Pykniker und Athletiker.
Psychometrische Verfahren
Das Verhalten von Menschen wird abgeleitet aus dem wissenschaftlichen Messen ver-
schiedenster Verhaltensweisen, Motive, Einstellungen und Werte. Diese psychologischen
Testverfahren finden Anwendung in Assessments, unter anderem in der Personal-,
Verkehrs-, Schul-, und Rechtspsychologie. Beispiele für dieses Verfahren sind Work-
place Big Five (WPB5) oder das Reiss Motivation Profile.
Nachfolgend werden zwei Persönlichkeitstypologien vorgestellt:
3.10.2.1
Belbin
Wie verhalten Sie sich in Teams? Oder noch spezifischer: Wie verhalten Sie sich unter
Stress oder in Konflikten? Wenn Sie ehrlich sind, können Sie diese Frage nicht genau
beantworten. Denn in diesen Ausnahmesituationen verliert der Mensch seine Fähigkeit
zur Selbstreflexion (Abschn. 3.3.6). Aber Sie haben Experten um sich herum, die Ihnen
ganz genau sagen können, wie Sie sich in diesen Ausnahmesituationen verhalten: Ihre
Kollegen und Mitarbeiter. Denn diese haben Sie schon oft in solchen Situationen erlebt
und beobachtet. Ihr Feedback (Abschn. 3.9.7) verhilft Ihnen zur Selbsterkenntnis. Das
Konzept der Belbin Teamrollen kann auf zwei Ebenen eingesetzt werden:
Persönliche Selbsterkenntnis: Belbin bildet eine strukturierte Möglichkeit, Ihren per-
sönlichen blinden Fleck aufgrund einer Gegenüberstellung von Selbstbild und Fremd-
bild bewusst zu machen (nachfolgend beschrieben).
Erfolgsfaktoren der Zusammenarbeit: Das Belbin Konzept erlaubt es, möglichst
ausgeglichene und damit auch leistungsfähige Teams zusammenzustellen. Darauf wird
in Abschn. 4.1.14.1 eingegangen.
Belbin Grundlagen
Meredith Belbin hat das Konzept der Belbin Teamrollen aus der Fragestellung heraus
entwickelt, weshalb gewisse Teams Erfolg haben und andere scheitern. Er entwickelte
ein Management-Spiel, in welchem das Arbeitsleben simuliert wurde. Dieses enthielt
alle Hauptvariablen, die für die Probleme der Entscheidungsfindung in Organisationen
typisch sind. Dann wurden aus Probanden verschiedenartige Unternehmens-Teams gebil-
det. Die Teammitglieder wurden ihrerseits über psychometrische Tests sowie mit einem
338
3
Mensch
Test der Denkfähigkeit auf hohem Niveau (Critical Thinking Appraisal) in ihrer Persön-
lichkeit erfasst. Während der Durchführung des Management-Spiels wurden die Beiträge
der einzelnen Teammitglieder wissenschaftlich erfasst. Am Schluss des Spiels wurde der
wirtschaftliche Erfolg des Teams gemessen (Bergander 2008).
Was ist eine Teamrolle?
Unter einer Teamrolle versteht Belbin: „Eine bestimmte Art, sich zu verhalten, sich einzu-
bringen und mit anderen zu interagieren“ (Bergander 2008).
Eine wesentliche Erkenntnis in Bezug auf die einzelnen Teilnehmer war, dass sie sich in
derselben Situation ganz unterschiedlich verhielten. Diese unterschiedlichen Verhaltens-
weisen oder auch Verhaltens-Cluster wurden von Belbin den neun in Abb. 3.23 dargestell-
ten Teamrollen zugeordnet.
Belbin unterscheidet drei Kompetenz-Gruppen und ordnet ihnen die Teamrollen zu:
Erledigen: Macher, Perfektionist, Umsetzer
Denken: Spezialist, Neuerer, Beobachter
Kommunizieren: Teamarbeiter, Koordinator und Wegbereiter
Neuerer
theoretisiert
Perfektionist
perfektioniert
Spezialist
spezifiziert
das Detail
Teamarbeiter
unterstützt
Umsetzer
wendet an
Wegbereiter
findet neue Möglichkeiten
Koordinator
generalisiert
Macher
treibt an
Beobachter
bewertet
unparteiisch
Abb. 3.23 Belbin Teamrollen. (Belbin Deutschland e.K./Bergander 2008)
3.10
Persönliche Weiterentwicklung
339
Jede Teamrolle hat positive und negative Eigenschaften
In der Arbeit mit den Teamrollen ist es wichtig zu betonen, dass es keine „guten“ oder
„schlechten“ Teamrollen gibt. Jede Teamrolle beinhaltet wichtige positive Eigenschaften
(Stärken) für die erfolgreiche Teamarbeit. Ohne die Ideen der Neuerer kann kein Projekt
innovative Lösungen entwickeln. Ohne die Macher bleibt das Projekt in den theoretischen
Konzepten stecken und wird nicht umgesetzt. Ohne die Begeisterungsfähigkeit der Weg-
bereiter werden neue Möglichkeiten nicht erkundet oder das Stakeholder-Management
vernachlässigt.
So wie der Schatten zum Licht gehört, haben diese positiven Eigenschaften gerade
dadurch, dass sie den Durchschnitt des Teams überragen, eine negative Konsequenz und
damit eine Schwäche: Die Neuerer verlieben sich in ihre eigenen Lösungen, obwohl sie
nicht den Bedürfnissen der Kunden entsprechen. Die Macher haben die Tendenz, mit dem
Kopf durch die Wand zu rennen, andere Personen mit ihrem Vorwärtsdrang zu brüskieren
und Dinge zu tun, die sie nicht tun sollten. Die Wegbereiter reißen zwar viele Dinge an,
bringen dann aber nichts wirklich zu Ende.
Belbin Teamrollen zur Steigerung der Selbsterkenntnis
Die Basis für den persönlichen Teamrollenbericht bildet eine persönliche Selbsteinschät-
zung, die anhand eines strukturierten Fragebogens gemacht wird. Diesem werden dann
vier bis acht Fremdeinschätzungen aus dem eigenen Wirkungsfeld gegenübergestellt. Vor
allem in den Unterschieden zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung liegt das Entwick-
lungspotenzial jeder einzelnen Person: Oft ist es so, dass die eigenen Stärken geringge-
schätzt oder gar nicht wahrgenommen werden.
Beispiel
Wer schon seit seiner Jugend immer wieder neue Ideen hat, für den ist ein gewisses
Level an Kreativität selbstverständlich (Neuerer). Das ist auch der Fall, wenn man sich
daran gewöhnt hat, die Dinge an die Hand zu nehmen statt nur im Kreis zu reden, oder
wenn es normal ist (Macher), im Falle einer Problemstellung mal einen Benchmark mit
anderen Marktteilnehmern zu machen oder sein eigenes Netzwerk zu aktivieren, statt
selber das Rad neu erfinden zu wollen (Wegbereiter).
Andere Menschen können einem also zuerst einmal helfen, sich die eigenen Stärken
bewusst zu machen. Natürlich sind sie dann auch ein guter Spiegel für die Sensibilisierung
auf die Verhaltensmuster, in denen jemand irritiert oder sogar brüskiert wird.
Damit Belbin auf der persönlichen Ebene ein Gewinn ist, braucht es bei allen Beteilig-
ten gut entwickelte persönliche Kommunikationskompetenzen (Abschn. 3.9). Fremdein-
schätzungen nach Belbin sind Feedbacks. Diese können nur konstruktiv sein, wenn die
Person, die das Feedback erhält, unterscheiden kann zwischen Wirkung und Wertung. Wer
Feedback als eine Wertung der eigenen Person ansieht, für den ist dies möglicherweise be-
drohlich. Er wird versuchen, sich davor zu schützen. Wenn Feedback aber eingesetzt wird
340
3
Mensch
um zu erfassen, wie eine Person auf eine andere wirkt, wird die eigene, subjektive Wahr-
nehmung dafür zur Verfügung gestellt. Was die Person, welche das Feedback erhält, dann
damit tut, ist ihr überlassen.
3.10.2.2
MBTI
Basierend auf der von Carl Gustav Jung beschriebenen Entwicklungspsychologie entwi-
ckelten die beiden Frauen Isabel Myers und Katharine Briggs in den USA die Persön-
lichkeitstypologie MBTI (Myers-Briggs Type Indicator). Seit 1999 findet auch das auf
der gleichen Theorie beruhende, weiterentwickelte Testverfahren des Golden Profiler of
Personality (GPOP) Anwendung. Sie beide gehören heute zu den am meisten genutzten
Analyseinstrumenten, da sie in mehreren Sprachen zur Verfügung stehen und über eine
sehr große Testbasis von mehreren Millionen Auswertungen verfügen. Der Erfolg ba-
siert auch darauf, dass es auf Dimensionen aufbaut, welche wesentliche Eigenschaften
des beruflichen Umfeldes beschreiben (Abb. 3.24): Einstellung zur Außenwelt (introver-
tiert oder extravertiert), Herangehensweise (beurteilend oder wahrnehmend), Wahrneh-
men (analytisch oder intuitiv) und Entscheiden (analytisch oder gefühlsmäßig). Diese vier
Grunddimensionen werden jeweils mit ihren Ausprägungen beschrieben. Die daraus mög-
lichen 16 Variationen ergeben Persönlichkeitsprofile mit sehr unterschiedlichen Stärken
und Schwächen.
Diese Typenkombinationen ergeben 16 Persönlichkeitsfunktionen, bestehend aus den
Kombinationen der jeweiligen vier präferierten Einstellungen. So lassen sich Persönlich-
keitsprofile aufzeigen, welche für bestimmte Rollen, Funktionen und Aufgabenstellungen
bessere Voraussetzungen mitbringen als andere. Viele Firmen nutzen diese Erkenntnisse
bei Stellenbesetzungen und bei der Zusammenstellung von Teams.
3.10.3
Coaching
Für die Bewältigung eines Burnouts ist in Abschn. 3.5.9 ausgeführt, wie wichtig die pro-
fessionelle Begleitung ist. Eine solche Lernbegleitung kann für alle Projektbeteiligten in
spezifischen Situationen viel Sinn machen. Jeder Sportler hat einen Coach, welcher ihn in
seiner Weiterentwicklung unterstützt. Projektmitarbeitende sind auch Hochleistungssport-
ler, einfach im mentalen Bereich.
Das Coaching bietet eine Reflexionsebene, welche spezifisch auf die jeweiligen Funk-
tionen und Rollen des Coachee ausgerichtet ist. Die Inhalte können fokussieren auf Über-
legungen in der Planung oder Umsetzung der nächsten Arbeitsschritte, zum Verhalten in
kritischen Situationen und im Umgang mit Konflikten. Sinnvoll sind aber auch Reflexio-
nen, um Reaktionen, Verhalten und Ergebnisse von vergangenen Situationen besser zu
verstehen, zu analysieren und daraus zu lernen. Dies hilft einerseits, eigene Enttäuschun-
gen und Ängste zu verarbeiten, anderseits vor allem, zukünftige Situationen besser zu
gestalten.
3.10
Persönliche Weiterentwicklung
341
E
S
T
J
Extraversion
Sensing
Thinking
Judging
Introversion
Intuition
Feeling
Perceiving
Einstellung zur Umwelt
Einstellungen
Kontaktaufnahme
Wahrnehmung
Informationsaufnahme
Entscheidung
Informationsbewertung
Einstellung zum Handeln
Herangehensweise
I
F
P
N
Funktionen
Abb. 3.24 Dimensionen des MBTI
I
Entsprechenddem Modell der dreiEbenen der Zusammenarbeit (Abschn.1.5)ist
es sinnvoll, wenn der Projektleiter überprüft, ob er mit seinen Gestaltungs- und
Führungsinterventionen ...
auf der Inhaltsebene wissens- und ergebnisorientiertes Arbeiten ermög-
licht,
auf der Beziehungsebene ein Klima von Akzeptanz und Vertrauen fördert
und
auf der Organisationsebene Ordnung und günstige Strukturen gewährleis-
tet.
In einem Coaching ist darauf zu achten, den Projektleiter darin zu unterstützen, dass er
den Stand des Projektes richtig erfasst und erkennt, wo zurzeit Risiken bestehen. Daraus
entwickelt er Szenarien für die weitere Prozessgestaltung. Das Coaching eines Projekt-
leiters ist oftmals recht schwierig, da es nur schwer möglich ist, sich in der Rolle eines
Coaches im engeren Sinne zurückhaltend zu verhalten. Vielmehr braucht der Coachee
einen Gesprächspartner für die Strategieüberlegungen und Reflexion der bisherigen Er-
eignisse, für die Planung der nächsten Arbeitsschritte, das Konfliktmanagement, ebenso
wie einen Lieferanten für Methoden, einen „Frust-Abhörer“ und Rollenwächter.
342
3
Mensch
Diese Vielschichtigkeit stellt auch einige Anforderungen an den Coach. So sollte er
folgende Themen beherrschen:
arbeitstheoretische Ansätze wie Systems Engineering, Systemisches Denken, Simulta-
neous Engineering, Organisationsentwicklung, Veränderungsmanagement
Arbeitstechniken wie Zeitmanagement, Moderation, Krisenintervention
Besonderheiten der Dynamik von Projekten in Organisationen
Umgang mit Drucksituationen, welche die verschiedenen Interessensgruppen erzeugen
Je mehr eigene Erfahrungen der Coach mitbringen kann, desto höher wird einerseits
auch seine Akzeptanz beim Coachee sein. Andererseits ist es umso wichtiger, im Contrac-
ting zu klären, welche Beratungsleistungen der Coachee haben will: Coaching im Sinne
von Prozessberatung oder auch Expertenberatung zu Fach- und Methodenfragen.
I
Coaching soll freiwillig sein. Der Coachee soll das Coaching wollen und es nicht
als Zurechtweisung auffassen. Es geht nicht darum, in den Situationsschilderun-
gen Fehler schönzureden oder etwas zu beschönigen, um gut dazustehen.
Coaching ist keine Beurteilung im Sinne einer Prüfung, sondern eine Möglichkeit, mit
fremder Hilfe die Qualität der eigenen Arbeit zu prüfen, kritisch zu hinterfragen und zu
stärken. Es hilft, Risiken zu erkennen und zu qualifizieren, eigene und fremde Motiva-
tionen zu verstehen, seine Wahrnehmung mit der Außensicht zu erweitern und vor allem
mögliche Alternativen zu verschiedensten Problemen, die mit der Projektleitung verbun-
den sind, zu entwickeln.
3.10.4
Intervision
Eine andere Plattform der persönlichen Weiterentwicklung bietet die Intervision. Der
Psychoanalytiker Michael Balint entwickelte eine Methode für die Fallbearbeitung un-
ter Psychoanalytikern. Die Methode fußt auf der Grundidee, dass in Problemsituationen
häufig die Anteile der Anderen gut erkannt, die eigenen Beiträge zum Problem jedoch
teilweise ausgeblendet werden (Abschn. 3.9.7.1). Neutralen Beobachtern einer Situation
fallen solche Anteile nach kurzer Zeit auf. Sie können durch wertvolles kritisches Feed-
back neue Ansichten zum Problem aufzeigen und neue Lösungsansätze erkennen lassen.
Die Intervisionsmethode strukturiert die Behandlung eines Problems, das ein Gruppen-
mitglied mit nicht daran beteiligten Personen lösen will.
Michael Balint hat herausgefunden, dass es hilfreich ist, die Eindrücke der Außenste-
henden zu diskutieren, ohne dass der Fallgeber sofort dazu Stellung nimmt. So hat eine
Balint-Sitzung eine klare Struktur:
3.10
Persönliche Weiterentwicklung
343
1. Der Fallgeber schildert sein Problem
Die Gruppe hört zu und unterbricht nicht. Die Zuhörenden notieren, was ihnen bei der
Schilderung in den Sinn kommt, was sie empfinden und wie sie den Fallgeber erleben
(unsicher, nervös, arrogant, ausschweifend usw.).
2. Die Gruppe stellt Verständnisfragen
Die Gruppe stellt nur Verständnisfragen, keine Fragen, die eine Vermutung, Hypothe-
se, Interpretation usw. enthalten. Der Moderator achtet darauf, dass nur das Verständnis
verbessert wird und lässt die Fragerunde so lange laufen, bis er den Eindruck hat, dass
die Gruppe für die nächste Phase genügend Informationen hat. Diese Sequenz kann
unterschiedlich lange dauern.
3. Die Zuhörer schildern ihre Hypothesen
Erlaubt sind Gedanken, Eindrücke, Vermutungen, Ursachen usw. jedoch noch keine
Lösungen. Dabei dürfen die Zuhörer ihren Phantasien freien Lauf lassen. Jemand
schreibt die Rückmeldungen der Gruppe stichwortartig auf einen Flip auf. Der Fall-
geber ist von der Gruppe abgewendet, hört jedoch zu, ohne – auch nur nonverbal –
Stellung zu nehmen. Er darf sich nicht einschalten, kann sich aber seine Gedanken,
Einfälle usw. notieren.
4. Der Fallgeber nennt die Treffer
Er geht die Auflistung durch und sagt, was für ihn zutrifft und warum, bzw. was falsch
ist oder in welchem Grad es für ihn zutrifft. Die „Falschmeldungen“ streicht er durch.
Dabei ist seine subjektive Sicht richtig! Während der Moderator in den ersten drei
Schritten streng auf die Einhaltung der Sprechregeln achtet, kann er in dieser Phase
mehr Diskussionen zulassen.
5. Die Gruppe erarbeitet Lösungsvorschläge
Der Fallgeber oder ein Teilnehmer notiert und visualisiert die Vorschläge. Nötigenfalls
wird die Lösung in einem Rollenspiel simuliert.
6. Die Schlussrunde
Diese gibt dem Fallgeber die Gelegenheit, der Gruppe mitzuteilen, welche Erkennt-
nisse er aus der Sitzung mitnimmt. Die übrigen Gruppenmitglieder überlegen, was sie
für sich gelernt haben. Je stärker sich der Fallgeber persönlich exponiert hat, desto
wichtiger ist es, dass die restlichen Gruppenmitglieder jetzt etwas über sich sagen.
3.10.5
Upside- oder Downside-Strategie?
Verändern, Neubewerten oder Verdrängen: Nach welchen Kriterien können wir unsere
persönliche Weiterentwicklung ausrichten?
Die Upside- resp. Downside-Strategie bietet hier einen wirkungsvollen Ansatz (Dobelli
2017b). Unter Upside versteht man alle positiven Eigenschaften, die über eine Maßnahme
oder Veränderung erreicht werden sollen. In der Downside-Strategie geht es genau um das
Gegenteil.
344
3
Mensch
Beispiel
Upside: Was motiviert mich? Wie kann ich mehr Sinnerfüllung erfahren? Oder ge-
nerell: Was fördert ein besseres Leben?
Downside: Was demotiviert mich? Wann fühle ich mich gestresst? Und warum?
Vor welchen sinnlosen Aufgaben möchte ich mich schützen? Oder generell: Was
verhindert ein besseres Leben?
Vielfach ist die Downside-Strategie viel effektiver: Das, was uns Mühe macht, als sinn-
los erscheint oder eben demotiviert, ist konkret greifbar. Wir erfahren dies tagtäglich. Sich
hingegen zu fragen, welches denn ein passender Job sein könnte, was mich zufriedener
machen würde, ist viel schwieriger. Die Anstrengung, immer wieder aus der „Downside“-
in die „Upside“-Perspektive zu wechseln, lohnt sich in jedem Fall.
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4
Team
Die Komplexität der Projektziele bedingt immer eine interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Damit Zusammenarbeit gelingt, braucht jedes Team – so wie eine Fußballmannschaft –
eine Aufstellung. Diese erfolgt im Projektmanagement über die Rollenklärung.
Der Mensch als nicht-triviales System (Abschn. 1.6.2) muss in diesem Prozess einen
Teil seiner Selbststeuerung aufgeben und seine eigenen Interessen und Überzeugungen
den gemeinschaftlichen Zielen unterordnen können. Deshalb braucht ein Team immer
auch Führung, im agilen wie auch im klassischen Ansatz. Führung wiederum ist ohne
Macht nicht möglich.
Dieses Kapitel beschreibt zuerst die grundsätzlichen Aspekte von Zusammenarbeit und
Führung, danach die Dynamik, welche sich in Teams während der Projektarbeit entfalten
kann. Im Zentrum stehen die beiden wichtigen Kompetenzbereiche Verhandlungsführung
sowie Konfliktmanagement und Krisen. Der Umgang mit Veränderungen und Widerstand
schließt das Kapitel ab. Die Themenbereiche sind untergliedert nach ihrer Relevanz für
den agilen und den klassischen Ansatz.
4.1
Zusammenarbeit und Führung
4.1.1
Zusammenarbeit im Projekt
In Projekten sind kreative Lösungen für anstehende Probleme mittlerer bis hoher Komple-
xität zu entwickeln. Projektteams kreieren neue Ideen, formulieren Visionen und Ziele. Sie
ermöglichen während einer begrenzten Zeitdauer eine interdisziplinäre Zusammenarbeit
von Experten aus unterschiedlichsten Fachbereichen. Die Hierarchie der Stammorgani-
sation bezweckt genau das Gegenteil: Dort werden die jeweiligen Experten nach ihren
Fachbereichen gebündelt.
Damit bekommt ein weiterer wichtiger Faktor in der Projektarbeit Gewicht: Es geht
darum, eine Form der Zusammenarbeit und einen Zusammenhalt zu entwickeln, damit
347
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019
J. Kuster et al., Handbuch Projektmanagement, https://doi.org/10.1007/978-3-662-57878-0_4
348
4
Team
das interdisziplinäre Team auf die gemeinsamen Ziele hinarbeiten kann. Diese Form der
Zusammenarbeit orientiert sich am agilen oder klassischen Ansatz oder an einem Mix
(Hybrid), wie in Kap. 2 ausgeführt. Die Form der Zusammenarbeit darf aber nie beliebig
sein.
In Bezug auf die Zusammenarbeit von Projektteams sind die folgenden Aspekte we-
sentlich:
Projektgruppen verfügen über wertvolle Leistungsvorteile und lösen komplexe
Aufgabenstellungen besser
Komplexe Aufgabenstellungen beinhalten einen hohen Anteil an Unbekanntem. Um Lö-
sungen zu erarbeiten, müssen in Projektteams verschiedenste Fachspezialisten und Träger
unterschiedlichster Funktionen zusammenwirken. Interdisziplinär und organisationsüber-
greifend zusammengesetzte Projektteams entwickeln dank ihrer Wissensvielfalt und des
großen Informations- und Erfahrungsumfangs einen starken Leistungsvorteil, wie er sonst
nirgends in der Organisation vorhanden ist. Durch direkte Gespräche im Team werden
die Kommunikationshemmnisse der Hierarchie abgebaut. Das Zusammenwirken aller Be-
teiligten unterstützt den Problemlösungsprozess. Bei optimalem Leistungsvermögen und
Engagement bringt das Team in kurzer Zeit Lösungen zustande, die auf hoher fachlicher
Kompetenz basieren und sich durch breite Akzeptanz auszeichnen.
Konsensfähigkeit und Akzeptanz sind bei Teamlösungen größer
Projekte finden oft in einem Umfeld voller gegensätzlicher Interessen und Ansprüche
statt. Für die Entwicklung gemeinsamer Stoßkraft und die Umsetzung der erarbeiteten
Lösungen ist es von entscheidender Bedeutung, dass sich die Interessenvertreter der ver-
schiedenen Organisationseinheiten mit den Projektergebnissen identifizieren.
Mit dem gemeinsamen Entwicklungsprozess steigen die Lernerfahrung und das Wissen
um die Grenzen der organisatorischen, finanziellen oder personellen Machbarkeit bei den
Teammitgliedern und den verschiedenen Stellen in der Organisation. Die Bereitschaft,
einen Konsens zu finden und die im Projektteam erarbeiteten Lösungen zu akzeptieren,
nimmt zu. Außerhalb des Projektteams findet diese Entwicklung jedoch nur dann statt,
wenn es den Projektteammitgliedern zumindest teilweise gelingt, den Lösungsprozess in
ihre Stammorganisation zurückzutragen.
Der Aufbruch zu neuen Ufern fällt gemeinsam leichter
Neuland betreten heißt, von Gewohntem Abschied zu nehmen, was immer auch mit Un-
sicherheit und Angst verbunden ist. Aus der gemeinsamen Tat wächst die Stärke, werden
die Beteiligten mutiger und risikofreudiger. Dies kann dazu führen, dass bekannte Wege
verlassen und wirklich innovative und ungewohnte Lösungsmöglichkeiten ausgedacht und
ausprobiert werden.
Die Begeisterung eines Teams kann den Einzelnen über seine Grenzen hinauswachsen
lassen und zu Spitzenleistungen motivieren. Durch das gegenseitige Anspornen, Heraus-
4.1
Zusammenarbeit und Führung
349
fordern, aber auch Anregen und Unterstützen, werden in einem gut funktionierenden Team
Kreativität, Originalität und Innovation in erstaunlichem Ausmaß möglich.
4.1.2
Führung – was ist das?
Jedes Team braucht Führung, egal, ob es nach dem agilen oder klassischen Ansatz arbei-
tet. Das Wort Führung wird von den beteiligten Menschen oft recht zwiespältig erlebt.
Die einen denken dabei an Verantwortung und Herausforderung. Andere denken eher an
Herrschaft und Befehlsgewalt und damit an Unterdrückung und Mittel, um eigene Ansprü-
che durchzusetzen. Tatsächlich weist das Wort „Führung“ auf Macht und Einflussnahme
auf andere hin. Wer Führungskompetenz hat, übt Macht über Menschen oder Menschen-
gruppen aus. Die Art und Weise dieser Machtausübung ist aber letztlich entscheidend,
von welcher Qualität die Führungsarbeit ist bzw. ob sich damit auch ein Führungserfolg
einstellt.
I Es gibt eine große Vielfalt an Definitionen von Führung, wie die folgenden Beispiele
belegen:
Führung heißt, Menschen von einer Idee zu überzeugen und sie zu befähigen, diese
Überzeugung in aktives Handeln zu transformieren.
Führung spielt sich immer in Beziehungen ab. Führende und Geführte verhalten sich
nach je eigenen, subjektiven Konzepten, die zudem gruppenspezifisch und situations-
abhängig sind.
Führung ist die zielorientierte, soziale Einflussnahme zur Erfüllung gemeinsamer Auf-
gaben in oder mit einer strukturierten Arbeitssituation.
Führung heißt ständiges Problemlösen in sozialen Systemen.
Führung ist das Erkennen, Gestalten und Steuern von zwischenmenschlichen Prozes-
sen und kann in die zwei Teile Führungstätigkeiten und Führungsverhalten aufgeteilt
werden.
Für das klassische Projektmanagement orientieren wir uns an folgender Definition
Tab. 4.1.
I
Tab. 4.1 Definition von Führung
Führung bedeutet
die ...
– Verantwortungsübernahme für die Erfüllung einer Aufgabe oder die
Erreichung eines Zieles ...
– ... welche die Zusammenarbeit einer Gruppe von Menschen erfordert
Führung erfordert
die ...
– Ausstattung der Führungsperson oder einer Gruppe mit besonderen
Rechten der Einflussnahme und (Gestaltungs-)Macht
– bewusste Wahrnehmung dieser Macht durch die Führungsperson oder
Gruppe
350
4
Team
Diese Definition offenbart, dass Führung nur dann benötigt wird, wenn mehrere Perso-
nen ein gemeinsames (Sach-)Ziel erreichen sollen.
Auch selbstgesteuerte Teams, wie wir sie im agilen Projektmanagement kennen, brau-
chen Führung. In diesem Kontext spricht man von kollegialer Führung:
Kollegiale Führung ist die auf viele Kollegen und Kolleginnen dynamisch und dezentral
verteilte Führungsarbeit anstelle von zentralisierter Führung durch einige exklusive Füh-
rungskräfte (Oestereich und Schröder 2017, S. VII).
Im klassischen Führungsverständnis und damit auch im klassischen Projektmanage-
ment werden spezifische Personen und Organe mit Führungskompetenzen und Führungs-
verantwortung ausgestattet. In der Selbststeuerung des agilen Projektmanagements fällt
die Führungskraft weg. Das Team als Ganzes übernimmt die Führungsarbeit. Diese ist
allerdings wiederum eingebettet in ein System mit spezifischen weiteren Führungskom-
petenzen, wie in Abschn. 4.1.12 ausgeführt wird.
4.1.3
Macht und Autorität
4.1.3.1
Ermächtigung und Bemächtigung: Macht basiert auf Beziehung
Der Mensch ist grundsätzlich ein selbstgesteuertes, „nicht-triviales System“. Sein Fühlen,
Denken und Handeln sind immer das Resultat von inneren, sehr komplexen Prozessen.
Immer dann, wenn das Handeln oder die Einstellung eines Menschen nicht seiner natür-
lichen, inneren Entwicklung entspricht und er möglicherweise gegen die eigene Neigung
oder Absicht handelt, wirkt das Phänomen der Macht (Zirkler 2008, S. 383). Macht ist we-
der gut noch schlecht. Macht ist Grundvoraussetzung, um gemeinsame Ziele zu erreichen.
Auch in Bezug auf Macht werden mehrere Definitionen verwendet:
Macht ist die Fähigkeit, organisatorische Ergebnisse zu bewirken oder zu beeinflussen (Spi-
sak und Della Picca 2017).
Macht ist die Fähigkeit von Personen oder Gruppen, das Verhalten von anderen Individuen
und Gruppen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Machtmissbrauch entmächtigt andere Men-
schen. Guter Machtgebrauch ermächtigt andere Menschen (Beat Hänni & Felix Marti).
Macht findet immer nur in Beziehungen statt. Damit der Mensch etwas tut, was an-
dere von ihm verlangen, muss er seine natürliche Anlage zur Selbststeuerung aufgeben.
Wenn plötzlich eine unbekannte Person an Ihrem Arbeitsplatz auftaucht und von Ihnen
verlangt, einen Bericht über den aktuellen Stand Ihres Projektes auszuhändigen, werden
Sie das kaum tun. Sie würden zuerst prüfen, wer diese Person ist und was diese dazu
legitimiert, diese Informationen einzusehen. Wenn dieselbe Bitte jedoch von Ihrem Vor-
gesetzten kommt, werden Sie seiner Aufforderung umgehend nachkommen. Eine Person,
die eine Erwartung von jemand anderem erfüllt, muss also immer erst diese andere Person
dazu ermächtigen, auf das persönliche Verhalten Einfluss zu nehmen.
4.1
Zusammenarbeit und Führung
351
In Führungsaufgaben braucht es neben der Ermächtigung aber auch noch die Bemäch-
tigung. Der Projektleiter oder der Product Owner müssen auch die Macht einfordern und
wahrnehmen, die ihre Rolle von ihnen fordert.
In der oben dargelegten Definition ist Führung ein Zusammenspiel zwischen Ver-
antwortungsüberahme und dem Wahrnehmen von Gestaltungsmacht. Die Führungskraft
muss die Verantwortung übernehmen für die gemeinsamen Ziele. Sie muss sich der Füh-
rungsaufgabe (z. B. als Projektleiter) bemächtigen. Wirkungsvoll wird ein Projektleiter
aber erst, wenn er mit Gestaltungsmacht ausgestattet wird, um über Projektauftrag, Pro-
jektorganisation, -Struktur und -Methoden (mit-)entscheiden zu können. Damit er das tun
kann, müssen alle in das Projekt involvierten Personen und Gremien den Projektleiter in
seiner Rolle ermächtigen. Der Auftraggeber muss dem Projektleiter Entscheidungs-
kompetenzen abtreten in den inhaltlichen Sachfragen, aber auch in Bezug auf die
Beziehungs- und Organisationsebene. Die einzelnen Teammitglieder müssen sich auf
das gemeinsame Ziel ausrichten und damit bewusst den eigenen Willen und die persönli-
chen Überzeugungen den Gruppenzielen unterordnen.
Macht basiert immer auf dem Zusammenspiel zwischen Bemächtigung und Ermächti-
gung. Der selbstbestimmte Mensch steht über Kommunikation mit anderen Personen, wel-
che Erwartungen, Anweisungen oder Anforderungen formulieren können, in Beziehung.
Schließlich ist es aber immer noch der Mensch, an den diese Anforderungen kommuni-
ziert werden, welcher aktiv einer anderen Person diese Gestaltungsmacht auf das eigene
Handeln zuordnen muss. In irgendeinem Sinne braucht es also in der Führung immer Be-
mächtigung einer Person, die die leitende Funktion übernimmt, und Ermächtigung von
der Person, auf die diese Gestaltungsmacht ausgeübt wird.
Auch das agile Projektmanagement braucht ein intaktes Machtsystem. Ist der Pro-
duct Owner vom Auftraggeber nicht ermächtigt, die inhaltlichen Entscheide bei den
Sprint Reviews zu fällen, kann er seine Aufgabe nicht erfüllen. Der Product Owner muss
sich dann aber auch dadurch bemächtigen, dass er die Entscheide wirklich fällt und
nicht bei Unsicherheiten den Entscheid an jemand anderes delegiert. Und auch der Scrum
Master braucht Ermächtigung für seine Rolle: Das Team muss ihn dazu ermächtigen,
Störungen zu bearbeiten oder die Moderation der Sprint Retrospektive wahrzunehmen.
Die Stammorganisation muss den Scrum Master dazu ermächtigen, alle Widerstände und
Schwierigkeiten, die das Team in seiner Arbeit behindern, schnell zu bearbeiten. Span-
nend und auch anspruchsvoll ist das Spiel zwischen Ermächtigung und Bemächtigung im
Team selber. Hier gibt es keine klaren Zuordnungen. Vielmehr geht es darum, die Balance
zwischen den beiden Polen immer wieder neu herzustellen.
4.1.3.2
Klassische Quellen der Macht
Beim Wort Macht denken viele Menschen an autoritäre Macht. Diese ist entsprechend
negativ konnotiert. In Tab. 4.2 werden die klassischen Machtquellen aufgeführt, die ur-
sprünglich von French und Raven (1959) entwickelt wurden und immer noch Gültigkeit
haben (Spisak und Della Picca 2017, S. 156 f.)
352
4
Team
Tab. 4.2 Klassische Quellen der Macht
Macht
Basiert auf ...
Legitime Macht, Posi-
tionsmacht
– Position oder Funktion in der Organisation
– Arbeitsvertrag, Projektauftrag
Macht durch Belohnung
Fähigkeit, anderen Personen etwas ...
– zu geben, das sie begehren, oder
– wegzunehmen, das sie nicht begehren
Macht durch Bestrafung
Fähigkeit, anderen Personen ...
– Belohnungen vorzuenthalten
– Sanktionen auszusprechen
Informationsmacht
– Informationsvorsprung gegenüber anderen Personen
– Zugehörigkeit zu Führungsorganen
Macht durch Identifikati-
on, Vorbild
– attraktiven Persönlichkeitsmerkmalen oder Ressourcen einer Person
– Gefühl von Verbundenheit und Loyalität
Wissen und Expertentum – Qualifikation und Expertise in einem spezifischen Bereich
– Diplomen, (Projektmanagement-)Zertifizierungen
Positionsmacht, Macht durch Belohnung und Bestrafung sowie die Informationsmacht
sind weitgehend einer Person im Rahmen der Position, die sie einnimmt, durch die Organi-
sation (Hierarchie) zugewiesen. Dafür wird der Begriff „Institutionelle Macht“ verwen-
det. Ein Abteilungsleiter kann über Anstellungen entscheiden, Löhne und Boni zumindest
mitbeeinflussen oder durch seine fachliche Weisungskompetenz auch entscheiden, wer
die attraktiven Projekte übernimmt und wer eher die Fleißarbeit verrichtet. Projektverant-
wortliche haben in ihrer informellen Führungsaufgabe oft keinen Zugang zu dieser Macht.
Aus diesem Grund ist die Rolle des Auftraggebers im klassischen Projektmanagement so
wichtig. Als Repräsentant der Linienhierarchie hat er Zugang zu diesen Machtquellen.
Stellt der Auftraggeber diese oder Teile davon dem Projektleiter zur Verfügung, findet
eine Ermächtigung statt, die auf geliehener Macht basiert (siehe unten).
Bei der Macht durch Identifikation und Vorbild sieht dies anders aus. Diese gehört
vielmehr dem Individuum selber als persönliche Macht. Zu einem Vorbild wird, wer tut,
was er sagt („walk the talk“). Zum Expertentum gehören das Interesse und die ständige
Weiterbildung im entsprechenden Fachbereich.
4.1.3.3
Weitere Machtquellen im Projektmanagement
In Organisationen bestehen noch weitere Machtquellen, welche wesentlich sind für Pro-
jektorganisationen (Tab. 4.3). Je besser Projektleiter oder Product Owner diese für sich
erschließen, umso wirkungsvoller werden sie in ihren Rollen sein.
Mehrere dieser Machtquellen haben den Ursprung in der institutionellen Macht: Verfü-
gung über Ressourcen, Entscheidungskompetenzen, Schnittstellenmanagement und Ver-
fügung über Technologie sind zu einem wesentlichen Teil an die Position gebunden,
welche eine Person in der Hierarchie einnimmt.
4.1
Zusammenarbeit und Führung
353
Tab. 4.3 Machtquellen im Projektmanagement
Macht
Basiert auf ...
Verfügung über Ressourcen
– fachlicher Weisungsbefugnis und Direktunterstellungen
– Budgetkompetenzen
Entscheidungsmacht
– Position und Projektrolle (auch in Verbindung mit Aufgabe-
Kompetenz-Verantwortung oder RACI)
– Anbindung des Projektes an die Stammorganisation (in der
Projektkoordination bleiben diese Kompetenzen bei den Lini-
envorgesetzten)
Schnittstellenmanagement
– Weisungsbefugnis über eine Geschäftseinheit hinaus
– Z. B. der Verkaufsleiter, der eine Forderung eines Kunden vertritt
Verfügung über
Technologie
– Beherrschen von Schlüsseltechnologien wie Informations- und
Kommunikationstechnologie (ICT) im Zeitalter der Digitalisie-
rung
Allianzen und informelle
Netzwerke
– informeller Beziehungspflege, Teilnahme an Social Events
– Vernetzung in sozialen Medien wie Xing oder LinkedIn
Umgang mit Komplexität
und Unsicherheiten
– Persönliche Resilienz
– Selbstmanagement, Selbstreflexionsfähigkeit
Geliehene Macht
– Macht, die durch Auftraggeber und Linienvorgesetzte an die
Projektverantwortlichen delegiert wird
Abgeleitet von: Spisak und Della Picca 2017, S. 158 f.
Die informellen Netzwerke und der Umgang mit Komplexität und Unsicherheit sind
Errungenschaften des Individuums selber.
4.1.3.4
Projekte benötigen immer auch geliehene Macht
Im Bereich der persönlichen Macht sind Projektverantwortliche selber dafür zuständig,
sich diese Machtquellen zu erschließen und zu pflegen. Damit in Organisationen Ergeb-
nisse erzielt werden können, brauchen Projektverantwortliche immer auch Zugang zu
institutionellen Machtquellen. Deshalb hat in der Projektarbeit die geliehene Macht ei-
ne Sonderrolle inne. Wer Zugang zu Macht besitzt – ob institutionell oder persönlich –,
kann diese auch anderen Menschen leihen. Und das ist die Crux vieler Projektverantwort-
licher: Sie haben in ihrer Position in der Linienorganisation (Abschn. 4.1.9) oft nur wenig
Zugang zu institutioneller Macht. Ob klassisch oder agil, Projektorganisationen als Gan-
zes und die einzelnen Projektverantwortlichen im Speziellen können nur erfolgreich sein,
wenn ihnen aus der Linienorganisation Macht und die damit verbundenen Kompetenzen
geliehen werden. Der Unterschied in den beiden Ansätzen liegt darin, wem welche Macht
geliehen wird.
Die klassische Projektorganisation sieht vor, dass die Macht zwischen Projektleiter
und Auftraggeber aufgeteilt wird. Der Auftraggeber ist idealtypisch der Repräsentant
der Linienhierarchie. Mit seiner Positionsmacht und der damit verbundenen Entschei-
dungsmacht ist er der Machtträger in der Projektorganisation. Dieser ermächtigt den
Projektleiter für die Aufgaben in Bezug auf seine Prozesskompetenz.
354
4
Team
Die Praxis zeigt, dass v. a. in der Projektkoordination (Abschn. 2.3.9.8) die Linienvor-
gesetzten die wesentliche Machtposition im Projekt innehaben. Damit ist nicht nur die
Projektleitung auf eine Koordinationsaufgabe reduziert. Oft ist es dann auch so, dass der
Auftraggeber gegenüber den Linienvorgesetzten – die über die Ressourcenallokation in
das Projekt entscheiden – ebenfalls keine Weisungsbefugnis hat. Diesen spezifischen Rah-
menbedingungen in der Projektkoordination werden die Grundsätze der lateralen Führung
(Abschn. 4.1.13.3) am besten gerecht.
In der Matrix-Projektorganisation werden die Entscheidungskompetenzen dem Pro-
jektleiter im Rahmen seiner fachlichen Führungsverantwortung zugeordnet. Die stärkste
Ermächtigung erfährt ein Projektleiter in der reinen Projektorganisation.
Ohne die Delegation von Entscheidungsmacht in die Projektorganisation kann das
agile Projektmanagement grundsätzlich nicht funktionieren. Der Product Owner kann sei-
ne Steueraufgabe auf der inhaltlichen Ebene nur mit weitreichender Entscheidungsmacht
wahrnehmen. Auch die Selbststeuerung des Teams kann nur dann funktionieren, wenn die
Entscheidungen in Bezug auf die Anforderungen, die in einem Sprint umgesetzt werden,
autonom getroffen werden können.
Geliehene Macht basiert auf Vertrauen
Die geliehene Macht hat aber noch eine sehr menschliche Achillesferse. Wie steht es mit
Ihnen? Leihen Sie anderen Menschen immer großzügig persönliche oder institutionelle
Macht, die Ihnen zur Verfügung steht? Geben Sie Ihre Expertise und Ihr Wissen in Ihrem
Fachgebiet offen und uneingeschränkt weiter? Delegieren Sie einfach so Entscheidungs-
kompetenzen und Budgetverantwortung? Wahrscheinlich nicht, denn Sie wissen, dass Sie
durch diese Maßnahme Ihren Einfluss verlieren können oder für Fehler von anderen ge-
radestehen müssen. Sie werden nur dann einer anderen Person Macht leihen, wenn Sie zu
dieser Person genügend Vertrauen haben, siehe Abschn. 3.3.7.
4.1.3.5
Machtquellen: Zwischen Person und Institution
Abb. 4.1 fasst die relevanten Machtquellen von Projektverantwortlichen zusammen und
setzt sie in Bezug zu ihrer Herkunft. Vorbildfunktion, Allianzen und Netzwerke oder Ex-
pertentum hat das Individuum selber inne. Die daraus abgeleitete Macht kann jede Person
zu einem großen Teil in Eigenverantwortung pflegen und ausbauen. Belohnung oder Be-
strafung oder die Verfügungsgewalt über Ressourcen ist jedoch zu weiten Teilen abhängig
von der Ermächtigung der Institution und damit von der Position einer Person. In der
Mitte der beiden Polaritäten Person und Institution werden Entscheidungskompetenzen
angesiedelt wie die über Technologie oder das Schnittstellenmanagement. Auch die gelie-
hene Macht liegt zwischen Institution und Person.
4.1
Zusammenarbeit und Führung
355
• Vorbild
• Allianz und
informelle
Netzwerke
• Umgang mit
Komplexität/
Unsicherheit
• Wissen und
Expertentum
• Technologie
• Entscheidungs-
kompetenz
• Schnittstellen-
Management
• Geliehene Macht
• Position
• Belohnung und
Bestrafung
• Information
• Verfügen über
Ressourcen
Institutionell
Persönlich
Bemächtigung
Ermächtigung
Abb. 4.1 Machtquellen im Projekt
4.1.3.6
Autorität
Wo natürliche Autorität besteht, braucht es kein Machtgehabe (Hannah Arendt).
In Anlehnung an die Publizistin und Philosophin Hannah Arendt liegt der Unterschied
zwischen Macht und Autorität darin, dass Autorität einer Person aufgrund ihrer persön-
lichen Eigenschaften oder ihrer Rolle in der Organisation zukommt. Die Autorität wird
allerdings nur so lange zugesprochen, wie sie fraglos respektiert wird.
Autorität wird beschrieben als eine Basis für die Standhaftigkeit und die Einflusskraft
einer Führungsperson (Spisak und Della Picca 2017, S. 9). Die Autorität setzt sich nach
dieser Darstellung aus drei Einflussfaktoren zusammen:
Persönliche Autorität
Fachliche Autorität (Expertenautorität)
Formale Autorität (auf Hierarchie gegründete Autorität)
Wir Autoren betrachten Autorität – unter Berücksichtigung der Ausführungen zur
Macht – als eine Konsequenz von Macht. Wer Zugang hat zu den oben ausgeführten
356
4
Team
persönlichen und institutionellen Machtquellen, speist dadurch auch einen der drei Ein-
flussfaktoren der Autorität.
Beispiel
Es ist auch möglich, dass Führungspersonen Zugriff auf die oben aufgeführten Macht-
quellen haben, aber durch ihr persönliches Verhalten in ihren Rollen nicht respektiert
werden. Damit wird ihnen die Autorität nicht zugesprochen.
4.1.4
Anbindung der Projektorganisation an die Stammorganisation
Einen wesentlichen Einfluss auf die an das Projekt delegierte Macht hat die Art und Wei-
se, wie ein temporäres Projekt an die führende Stammorganisation angebunden wird. In
Abschn. 2.3.9.8 sind die drei gängigen Formen beschrieben: Koordination, Matrix und
reine Projektorganisation.
In der Koordinationsform besitzt der Projektleiter keinerlei Weisungsbefugnisse. Da-
mit wird ihm von der Organisation auch keine Gestaltungsmacht übertragen. Er fungiert
nur als Koordinator, ist verantwortlich für den sachlichen und terminlichen Ablauf und die
Informationsflüsse. Die Führungsverantwortung und die Entscheidungskompetenz liegen
bei den Linienvorgesetzten.
In der Matrixform werden Mitarbeiter der Stammorganisation zu einem gewissen Pro-
zentsatz für das Projekt freigestellt. Hier wird nun effektiv Gestaltungsmacht an das Pro-
jekt delegiert. Im Rahmen dieser Freistellung (z. B. 50 % Projektarbeit) wird die fachliche
Weisungsbefugnis für diese Kapazität an den Projektleiter übertragen. Der Linienvorge-
setzte behält die fachliche Weisungsbefugnis für die verbleibenden 50 % Kapazität des
Mitarbeiters. Ebenfalls verbleibt die disziplinarische Kompetenz beim Linienvorgesetz-
ten.
In der reinen Projektorganisation werden die Mitarbeiter aus der Linienorganisa-
tion herausgelöst. Die Rollen und Gremien werden dadurch mit allen disziplinarischen
wie auch fachlichen Führungskompetenzen ausgestattet. Durch diese Anbindung wird am
meisten Macht aus der Stammorganisation in die Projektorganisation transferiert.
Viele Organisationen sind offiziell in einer Matrix organisiert. Im Alltag ist es dann
aber oft so, dass die Linienvorgesetzten die Kapazitäten kontrollieren und gegenüber den
Projektleitern die Entscheide fällen, wer wann in welchem Projekt arbeitet. In diesen Fäl-
len handelt es sich tatsächlich nur um eine Projektkoordination.
Das Modell der Projektkoordination bedeutet im klassischen Ansatz, dass der „Projekt-
leiter“ praktisch keine Ermächtigung aus der Stammorganisation erfährt. Für die Zuteilung
der für ihn arbeitenden Projektmitglieder ist er von den Linienvorgesetzten abhängig.
Meist nehmen diese auch einen starken Einfluss auf die inhaltlichen Entscheide.
Ist in der Projektkoordination ein agiles Projektmanagement überhaupt möglich? Ko-
ordination eignet sich nicht für agil. Die Rollendefinitionen von Product Owner, Team
und Scrum Master implizieren eine hohe Verfügbarkeit der Personen in agilen Projekten.
4.1
Zusammenarbeit und Führung
357
Vor allem die Mitglieder des Teams benötigen mindestens eine Arbeitskapazität von 50 %
für das Projekt, damit die Stabilität im Team erreicht wird, der notwendige Fokus auf die
Aufgaben gerichtet wird und vor allem auch, damit sich die Selbststeuerung entwickeln
kann.
Lässt das klassische Projektmanagement die drei Integrationsformen in die Stammor-
ganisation zu, limitieren sich diese im agilen Projektmanagement auf die Matrix- und die
reine Projektorganisation.
4.1.5
Aufgabe-Kompetenz-Verantwortung (A-K-V)
Die Überlegungen zum Thema Macht werden im Kongruenzprinzip von Aufgaben, Kom-
petenzen und Verantwortung (A-K-V) zusammengefasst: Jedes Projektorgan muss für die
Aufgaben, die an dieses gestellt werden, auch die entsprechende Verantwortung überneh-
men können. Das ist meistens nicht das Problem, die Projektverantwortlichen sind sich
ihrer Verantwortung sehr bewusst. Der heikle Punkt liegt in der fehlenden Kompetenz,
welche die Projektverantwortlichen ermächtigt, Entscheide selber zu fällen und anderen
Personen Weisungen zu erteilen (Abb. 4.2).
Kompetenz
Aufgaben
Verantwortung
Verantwortung und Kompetenz
sind immer aufgabenbezogen
Aufgabe formulieren
Verantwortung übertragen
Durch Übernahme einer
Aufgabe übernehme
ich die Verpflichtung, ein
Resultat zu liefern
Kompetenz erteilen
Ermächtigung
und Handlungsfreiheit
ermöglichen, dass die Aufgabe
erfüllt werden kann
Besteht keine Kongruenz
zwischen den 3 Dimensionen,
sind Konflikte wahrscheinlich
Abb. 4.2 Das Kongruenzprinzip A-K-V
358
4
Team
Die Ausgestaltung des Kompetenzbereiches der jeweiligen Projektrollen bildet einen
wesentlichen Erfolgsfaktor in der Abwicklung der Projekte. Projekte können operativ
noch so gut geführt werden. Wenn die Projektorganisation die Kompetenz für ihre Aufga-
ben und Ziele nicht hat, wird sie nicht erfolgreich arbeiten können.
Im klassischen Projektmanagement muss das Machtsystem zwischen Auftraggeber und
Projektleitung und den Linienvorgesetzten austariert werden: Der Auftraggeber muss
in der Stammorganisation genug „mächtig“ sein, um dem Projektleiter das Budget und
die effektiv benötigten Ressourcen zur Verfügung stellen zu können. Der Projektleiter
braucht vom Auftraggeber einen klaren Projektauftrag, in welchem er auch seine Ziele,
Verantwortung und Kompetenzen – und damit seine Weisungsbefugnis gegenüber dem
Projektteam – klärt. In der Projektkoordination und in der Matrix ist die Abstimmung mit
den Linienvorgesetzten ebenfalls wesentlich.
Im agilen Ansatz wird die Macht zwischen dem Product Owner sowie dem Team
aufgeteilt: Der Product Owner führt das Projekt inhaltlich. Dafür benötigt er die Ent-
scheidungskompetenz, die Sprint-Resultate des Teams abzunehmen. Wenn dies nicht der
Fall ist – das ist in der Praxis immer wieder der Fall –, weil er Rücksprache halten muss
mit anderen Entscheidungsträgern und Organen, wird der Prozess ineffektiv. Der Product
Owner ist gefangen in einer Aufgabe mit Verantwortungen, für welche er keine Kompe-
tenzen hat. Das Team selber ist in dem Sinne ermächtigt, dass es während eines Sprints
eigenständig entscheiden kann, wie viele Anforderungen während eines Sprints umgesetzt
werden und dass es sich selber organisieren kann und muss.
Provokativ formuliert, handelt es sich bei Product Ownern und Projektleitern ohne
Weisungsbefugnisse und Entscheidungskompetenzen um „lahme Enten“: Sie haben viele
Aufgaben und Verantwortung, aber keine Kompetenzen. Zu einem Teil kann dies durch
persönliche Macht kompensiert werden.
4.1.6
Vom vorauseilenden Gehorsam in den konstruktiven Ungehorsam
Die Überlegungen zum Thema Macht und A-K-V zeigen einen heiklen Punkt in der Pro-
jektarbeit: Projektverantwortliche müssen sich emanzipieren, um von den Inhabern der
institutionellen Macht der Stammorganisation Rahmenbedingungen und damit eine Er-
mächtigung zu erhalten, die ihrem Auftrag, dem methodischen Ansatz und ihrer Rolle
entsprechen.
Nur sehr reflektierte Entscheidungsträger in Projektorganisationen sind für dieses The-
ma genügend sensibilisiert und statten die Projektverantwortlichen von Grund auf mit
allen Kompetenzen aus, welche sie für ihren Auftrag brauchen. In allen anderen Fällen
müssen v. a. Projektleiter und Product Owner sicherstellen, dass sie mit allen Kompe-
tenzen ausgestattet sind, welche sie zur Erfüllung der Aufgaben und zum Tragen ihrer
Verantwortung benötigen. Dies muss während der Projektbeauftragung und Initialisierung
geschehen.
4.1
Zusammenarbeit und Führung
359
Den vorauseilenden Gehorsam haben wir alle in der Familie, der Schule oder auch in
den ersten Berufsjahren gelernt. Wir haben da gelernt, dass es gut ist, die Erwartungen der
Bezugspersonen zu erfüllen. Irgendwann im Erwachsenenleben, und sicher früher oder
später in einer Projektverantwortung, werden wir erfahren, dass wir schlichtweg nicht
mehr alle Erwartungen erfüllen können, die an uns gestellt werden. Dann geht es darum,
den anspruchsvollen Weg in den konstruktiven Ungehorsam zu erlernen: realistische Pro-
jektaufträge auszuhandeln, Grenzen für sich und sein Team zu setzen und manchmal auch
die Entscheidungsträger unter Druck zu setzen.
Beispiel
Wenn ein Projektauftrag zu wenig sorgsam oder auch kritisch geprüft wird und sich
der Projektleiter nicht getraut, unrealistische Vorgaben zu thematisieren oder zu ver-
handeln, überfordert er damit nicht nur sich selbst, sondern auch sein ganzes Team.
Diese Aufgabe ist schwierig, weil mit unterschiedlichen Hierarchieebenen verhandelt
werden muss. Meistens ist der Auftraggeber gegenüber seinem Verhandlungspartner um
eine oder mehrere Hierarchieebenen höher angesiedelt.
Für Product Owner und Projektleiter ist es deshalb wesentlich, sich nicht vor lauter
Loyalität zum Hierarchen in einem vorauseilenden Gehorsam für alle Projektaufgaben
vorbehaltlos einspannen zu lassen. Vielmehr liegt ein kritischer Erfolgsfaktor in ihrer Ar-
beit darin, dass sie es schaffen, mit dem Auftraggeber so lange zu verhandeln, bis ihr
Projekt die Rahmenbedingungen hat, welche es zur erfolgreichen Bearbeitung braucht. Es
geht in der frühen Phase des Projektes also darum, über einen äußerst anspruchsvollen
konstruktiven Ungehorsam den Verantwortlichen der Linienorganisation die entspre-
chenden Kompetenzen „abzutrotzen“. Das widerstrebt natürlich unserer intuitiven Hal-
tung, unseren Vorgesetzten gefallen zu wollen. Doch kommt gerade in der standhaften und
ausdauernden Verhandlung um optimale Rahmenbedingungen für das Projekt die Projekt-
kompetenz der Projektverantwortlichen zum Ausdruck.
Im klassischen Projektmanagement dreht sich dabei alles um den Projektauftrag, das
Dokument, in welchem das Mandat des Projektleiters abschließend vereinbart und festge-
halten wird. Dieser Projektauftrag muss so lange zwischen Auftraggeber und Projektleiter
verhandelt und weiterentwickelt werden, bis das oben dargestellte Kongruenzprinzip so
gut wie möglich erreicht worden ist. Das sinngemäße Dokument ist im agilen Projekt-
management die Produktvision.
4.1.7
Unterschiedliche Ausprägungen von Führung
Ein Projekt wird vordergründig immer an der Zielerreichung und damit an der Arbeit
im System (Abschn. 1.5.1 und 4.2.4) gemessen. Damit dies geschehen kann, müssen
jedoch wesentliche Rahmenbedingungen auf der Beziehungs- und Organisationsebene
360
4
Team
geschaffen, es muss am System gearbeitet werden. Für die Arbeit am System gibt es un-
terschiedliche Ausprägungen von Führung:
Führung = Management
Im umfassenden betriebswirtschaftlichen Sinn versteht man darunter das Führen und
Leiten eines Unternehmens, einer Organisation oder eines Projektes usw. Die Unterneh-
mensführung beschäftigt sich mit der Existenzsicherung des Unternehmens unter den
wechselnden Rahmenbedingungen. Sie beurteilt Einflüsse des Umfeldes und nutzt die
gewonnenen Erkenntnisse für die Anpassung des Unternehmens an die Begebenheiten.
Im Innern berücksichtigt sie die vorhandenen Stärken, Fähigkeiten und Ressourcen. Aus
der Kombination der äußeren und der inneren Einflussfaktoren werden die Strategien, die
Unternehmensziele und die Unternehmenspolitik abgeleitet. Analog dazu kann das Ma-
nagen eines Projektes verstanden werden als die Existenzsicherung des Projektes in der
Organisation und die permanente Anpassung an die wechselnden Rahmenbedingungen
und Einflussfaktoren.
Führung = Mitarbeiterführung
Im engeren Sinn spricht man von Führung, wenn eine bewusste und zielorientierte Ein-
flussnahme auf Mitarbeiter ausgeübt wird. Die Mitarbeiterführung wird durch die Verän-
derungen im Umfeld geprägt. Eine intelligente Unternehmensführung kann sich rasch auf
neue Situationen einstellen. Sie braucht viele kompetente Menschen, die Bescheid wissen
und die bereit sind, mitzudenken, zu handeln und Verantwortung zu übernehmen. Dazu
braucht es eine hohe Transparenz im Bereich von Information und Kommunikation, ein
koordiniertes Zusammenspiel aller Beteiligten und großes Vertrauen zwischen Mitarbei-
tern und Führungskräften. Führen heißt hier, Einfluss zu nehmen auf das Verhalten der
Mitarbeiter, so dass mit ihnen zusammen die Ziele erreicht werden können. Wenn es al-
so darum geht, zielorientierte Anordnungen zu erteilen, einzufordern und zu korrigieren,
dann nimmt der Projektverantwortliche wie eine Führungskraft die Rolle der Mitarbeiter-
führung wahr.
Führung = Coaching
Der Projektverantwortliche hat auch die Aufgabe, seine Mitarbeiter ressourcenorientiert
zu unterstützen, zu fördern und ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Dafür steht der Begriff
Coaching. Es ist ein Element der partnerschaftlichen Führung und eine sinnvolle Ergän-
zung zu den anderen Instrumenten der Personalentwicklung. In der Rolle des Coachs ist
er Begleiter und Trainer. Er verfolgt das Ziel, seine Projektmitarbeiter so zu unterstüt-
zen, dass sie selbständig und eigenverantwortlich handeln können. Die Coaching-Qualität
zeichnet sich durch realistische Umsetzung, konkrete Resultate und Nachhaltigkeit aus.
Führung = Dynamische und dezentral verteilte Führungsarbeit
In der kollegialen Führung fällt die eigentliche Führungskraft weg. Die Führungsarbeit –
und damit die gesamte Arbeit am System – wird unter den Teammitgliedern verteilt. Das
4.1
Zusammenarbeit und Führung
361
bedeutet nicht, dass jeder die Führungsarbeit antizipieren muss, sondern dass verschiedene
Rollen situativ durch unterschiedliche Teammitglieder wahrgenommen werden.
Führungsausprägungen im Projektmanagement
Abschließend setzen wir die oben dargestellten Ausprägungen von Führung in Bezug zu
den in Abschn. 2.3.9 dargestellten Aufgaben der Projektgremien.
Mit der Unterzeichnung des Projektauftrages übernimmt der Projektleiter die tempo-
räre Mitarbeiterführung, das Coaching sowie die Management-Aufgabe für sein Projekt
und das Team. Die Management-Aufgabe nimmt er durch das Controlling wahr. Es ist die
Verantwortung des Projektleiters, während der Projektabwicklung sämtliche Abweichun-
gen zum initialen Plan zu erkennen und zu bearbeiten. Aus jeder erkannten Abweichung
muss eine Maßnahme resultieren. Für das Entwickeln und Bewerten der Maßnahmen eig-
net sich der Problemlösungsprozess.
Alle nach den umgesetzten Maßnahmen verbleibenden Abweichungen, die einen Ein-
fluss auf das magische Dreieck haben, muss der Projektleiter seinem Auftraggeber mel-
den. Durch das Reporting kommt der Auftraggeber seinerseits in die Management-Funk-
tion. Auch dazu dienen die über den Problemlösungsprozess bewerteten Lösungsalter-
nativen als Entscheidungsgrundlage. Der Auftraggeber fokussiert sich in Bezug auf das
Coaching und die Mitarbeiterführung auf den Projektleiter. Dieser übt seine Führungs-
aufgabe gegenüber seinen Teilprojektleitern und – in einem geringeren Maße – auch
gegenüber einzelnen Experten aus.
Im agilen Projektmanagement sind diese Ausprägungen klarer den jeweiligen Rollen
zugeordnet: Der Product Owner – verantwortlich für die inhaltliche Führung des Projektes
– fokussiert sich auf die Management-Aufgabe. Der Scrum Master übernimmt das Coa-
ching. Eine eigentliche Mitarbeiterführung gibt es im agilen Ansatz nicht. Diese erfolgt
durch die in Abschn. 4.1.12.3 erläuterte Selbststeuerung.
4.1.8
Delegation
Zu delegieren ist für viele Projektverantwortliche eine große Herausforderung. Meistens
qualifizieren sich diese durch gute Arbeit als Fachexperten in der Stammorganisation für
eine Projektrolle. Mit der Projektleitung, der Teilprojektleitung, als Scrum Master, Pro-
duct Owner oder im Projektteam übernehmen sie neue Rollen. Diese bringen viele neue
Aufgaben und Verantwortlichkeiten mit sich. Damit diese Projektrollen überhaupt wahr-
genommen werden können, müssen alle Betroffenen Kapazitäten freilegen. Hierfür ist
das Prinzip der Delegation hilfreich, sei es in Bezug auf Linien- oder Projektaufgaben.
Im operativen agilen Projektmanagement spielt die Delegation keine Rolle, da das
Team in Selbststeuerung unterwegs ist und sehr dynamisch entscheidet, wer wann was
tut.
362
4
Team
Ich wähle
eine Aufgabe
und frage
mich…
… ist sie notwendig?
… kann nur ich
sie erfüllen?
… warum?
ja
ja
zu wenig verfügbar
ist Führungsaufgabe
• Auslastung über-
prüfen
• Einsatzplanung prüfen
• Person für temporären
Einsatz suchen
• Person ausleihen
• Neue Person
einstellen
• Kann die Arbeit
vereinfacht werden?
• Kann sie auch später
erledigt werden?
• ausbilden
• begleiten
• instruieren
• beraten
• erläutern
• über Hierar-
chie klären
nicht übertragbar
nein
nein
Er weiss oder
kann es nicht
Er will oder
darf es nicht
eliminieren
delegieren
nach Checkliste
warum?
Abb. 4.3 Entscheidungsprozess in der Delegation
Entscheidungsprozess in der Delegation
Wie kann konkret delegiert werden? Abb. 4.3 zeigt den Entscheidungsprozess auf, ob und
wie sich eine Aufgabe zur Delegation eignet: Zuerst ist zu prüfen, ob die Aufgabe für die
Organisation oder das Projekt wirklich notwendig ist. Für diese Klärung ist auch die Zeit-
management Matrix in Abschn. 3.8.3 hilfreich. Unnötige Aufgaben sind zu eliminieren.
Für verbleibende Aufgaben ist eine Person mit den erforderlichen Kompetenzen zu finden.
Gibt es eine Person, die bereit, willens und in der Lage ist, diese Arbeit zu erledigen, kann
die Aufgabe nach der Checkliste in Tab. 4.4 delegiert werden. Wenn im Moment nur ich
selber die Aufgabe erfüllen kann, muss ich fragen:
Ist die Aufgabe nicht übertragbar, weil . . .
niemand vorhanden ist, der das entsprechende Wissen oder die Kompetenzen hat?
Dann ist eine solche Person aufzubauen.
die Kompetenzen zwar vorhanden sind, aber die entsprechende Person den Auftrag
nicht übernehmen kann? Dann sind die Gründe zu eruieren. Die passende Ressource
ist über die Hierarchie freizusetzen.
4.1
Zusammenarbeit und Führung
363
Tab. 4.4 Checkliste in der Delegation
Fokus
Beschreibung
WAS
Systemziele
– Welches Ergebnis wird angestrebt?
– Welche Teilaufgaben sind im Einzelnen zu erledigen?
– Welche Schwierigkeiten sind zu erwarten?
WER
Personen und
Hierarchiestufen
– Wer ist geeignet, diese Aufgabe oder Tätigkeit auszuüben?
– Ist der Betreffende verfügbar?
– Wer soll bei der Ausführung mitwirken?
WOZU
Sinn und Motivation
– Welchem Zweck dient die Aufgabe oder Tätigkeit?
– Was passiert, wenn die Aufgabe nicht ausgeführt wird?
WOMIT
Mittel, Ressourcen
– Womit muss der Mitarbeiter ausgerüstet oder ermächtigt sein?
– Welche Unterlagen werden benötigt?
WANN
Termine
– Wann muss die Arbeit abgeschlossen sein?
– Welche Zwischentermine sind einzuhalten?
VERANTWORTUNG
des Delegierenden
– Inwiefern bleibe ich Teil der Lösung?
– Welche Verantwortung bleibt bei mir gegenüber wem?
– Wann muss ich was kontrollieren, um ggf. einzugreifen?
Eventuell: WIE
Vorgehensziele
– Wie soll bei der Ausführung vorgegangen werden?
– Welche Vorschriften und Richtlinien sind zu beachten?
– Welche Stellen/Abteilungen sind zu informieren?
Sind zu wenige Ressourcen verfügbar, prüfe man die Auslastung und die Einsatzpla-
nung. Die delegierende Person muss sich um zusätzliche Ressourcen bemühen. In solchen
Situationen sind die Aufgaben zu vereinfachen oder auf einen späteren Zeitpunkt zu fixie-
ren.
Spezifische Führungsaufgaben können nicht delegiert werden.
Delegation als wiederkehrender Prozess in der Projektleitung
Im klassischen Ansatz muss sich der Projektleiter immer wieder neu fragen, welche Auf-
gaben er selber ausführt und welche er an andere Personen delegiert. Per Definition sollte
er v. a. am System arbeiten und nicht im System.
Erfolgreiches Delegieren erfordert zunächst die Fähigkeit, Aufgaben sinnvoll vonein-
ander abzugrenzen. Dann müssen diese verständlich kommuniziert und die unterschiedli-
chen Aufgabenfelder koordiniert werden. Schließlich müssen die erzielten Ergebnisse in
das große Ganze integriert werden.
Dass der Delegationsempfänger seine eigenen Wege zur Aufgabenerfüllung wählt, ist
ein Risiko der Delegation. Der Mitarbeiter muss die ursprünglichen Strategien kennen,
damit er das liefern kann, was im Gesamtkontext erwartet wird. Delegation ist ohne Ver-
trauen unmöglich. Wer kein Vertrauen zu seinen Mitarbeitern hat, kontrolliert und wird
zum Micro-Manager (Abschn. 3.3.7). Gerade der Beginn eines Delegationsprozesses ist
zeitaufwändiger und risikoreicher, als wenn man die Aufgabe selber erledigen würde.
Mittel- und langfristig ist es jedoch der einzige Weg, das Team als Ganzes weiterzuentwi-
ckeln und seine eigenen Ressourcen für die wichtigen Aufgaben bereitzuhalten. Nützliche
364
4
Team
Tugenden in diesem Prozess sind Offenheit, Toleranz und die Gelassenheit, dass Aufgaben
auch auf andere als die erwartete Art erledigt werden können.
Beispiel
Es gibt eine Vielzahl von Argumenten, die speziell im Projektmanagement für Delega-
tion sprechen:
Entlastung der Projektverantwortlichen, d. h. mehr Zeit für die wesentlichen Aufga-
ben und Verantwortlichkeiten der jeweiligen Rollen.
Aus dem Rollenverständnis heraus müssen die Teammitglieder in ihrem Sachgebiet
kompetenter sein als ein Projektleiter.
Entscheidungen können von denjenigen Fachleuten vorbereitet und getroffen wer-
den, bei denen die Folgen unmittelbar wirksam werden.
Durch die Delegation eröffnen sich in der Projektarbeit oft die für Kreativität in der
Lösungssuche notwendigen Freiräume.
Delegation heißt auch Einbezug der Mitarbeiter. Sie werden gefordert und dadurch
gefördert. Durch die Übernahme von Verantwortung erhöht sich die Qualifikation
der Auftragnehmer.
Qualifizierte Mitarbeiter wollen in der Regel ihr Potenzial einsetzen und zeigen kön-
nen. Mit dem Delegationsprinzip betont die delegierende Person ihr Vertrauen in ihre
Mitarbeiter und verstärkt gleichzeitig deren Selbständigkeit und Handlungsfähigkeit.
Neben diesen Argumenten, die für das Delegationsprinzip sprechen, sind die Gefahren
zu erwähnen. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang, dass die delegierende Person
dafür besorgt ist, dass:
die „richtigen“ Mitarbeiter eingesetzt werden, d. h. die Gefahr der Über- und Unterfor-
derung geklärt wird, bevor die Mitarbeiter ins Projekt eingeplant werden;
die Mitarbeiter umfassend informiert sind, d. h., dass sie nebst Ziel und Zweck auch
die Zusammenhänge verstanden haben;
Ausführungs- und Ergebniskontrolle planmäßig und systematisch erfolgen (Statusbe-
richte, Meilensteine);
mit der Delegation von Arbeitsaufgaben die entsprechenden Kompetenzen erteilt und
die Verantwortung übertragen wird (Abschn. 4.1.5).
4.1.9
„Aufstellung“ in Teams: Position und Rolle
Wer einen Spielfilm produzieren will, muss ganz unterschiedliche Positionen besetzen: Es
braucht einen Autor für das Drehbuch, einen Regisseur, Schauspieler, Statisten, Kamera-
männer, Studiomitarbeiter, jemanden, der die Finanzierung regelt und noch viele andere
mehr. Eine der Grundvoraussetzungen, dass die Arbeit erfolgreich sein wird, ist es, dass
4.1
Zusammenarbeit und Führung
365
die notwendigen Positionen definiert werden. Dementsprechend werden diese Positionen
mit geeigneten Personen besetzt.
Eine Organisation ermächtigt Positionen
Positionen beschreiben den formalen oder informellen Platz in einer Organisation (Ruth Se-
liger).
Bei genauer Betrachtung ermächtigen Organisationen nicht einzelne Personen (Linien-
vorgesetzte). Sehr viel mehr wird die Macht auf Positionen der Stammorganisation zu-
geordnet: Stammorganisationen werden hierarchisch aufgeteilt nach Zuständigkeitsberei-
chen. CEO, CFO, Leiter Projektmanagement, Teamleiter Logistik oder Kunden-Projekt-
leiter können Positionsbeschreibungen sein. Über diese Positionen klärt eine Organisa-
tion ihre Zuständigkeitsbereiche, legt gewissermaßen ihre „Aufstellung“ fest. An diese
Positionen delegiert eine Organisation Status- und Entscheidungsmacht. Diese Kompe-
tenzen sind nicht an einzelne Personen gebunden und bleiben auch bestehen, wenn es
zu einem Stellenwechsel kommt. Sie können auch an andere Personen delegiert werden
(Abschn. 4.1.3).
Eine Position beinhaltet mehrere Rollen
Wer im Umfeld vom Projektmanagement arbeitet, hat – außer in der reinen Projektorga-
nisation – innerhalb seiner Position immer mehrere Rollen abzudecken. Die Position des
Leiters Projektmanagement beinhaltet ganz unterschiedliche, in Bezug auf das Projekt-
management auch nur temporäre Aufgaben. Diese bezeichnen wir als Rollen.
Beispiel
So kann der Leiter Projektmanagement verantwortlich sein für die Bewirtschaftung des
Projektportfolios der gesamten Organisation und für die Entwicklung und Durchset-
zung der Projektmanagement Guidelines und Standards. Er nominiert die Projektleiter
und führt diese disziplinarisch und fachlich. Es obliegt ihm auch die Budgetverant-
wortung für sein Team. Zusätzlich nimmt er unterschiedliche temporäre Rollen in
spezifischen Projekten ein.
Die Position des Kunden-Projektleiters beinhaltet ganz andere Rollen: Nebst Pro-
jektleiter ist er z. B. Kundenbetreuer oder stellt – im Bereich seiner technischen Kom-
petenzen – den 3rd Level Support sicher.
Dies gilt natürlich auch für die Rollen im agilen Projektmanagement. Die spezifischen
Kompetenzen und Führungsaufgaben in den jeweiligen Rollen sind unter Abschn. 2.3.9.3
detailliert beschrieben.
In Abb. 4.4 ist eine Organisation mit den Positionen und Rollen dargestellt.
366
4
Team
CEO
R + D
Produkt
Finanzen
Verkauf
Exp 2
Exp 1
PL
TPL 1
TPL 2
Projekt
A
Product Owner
Scrum Master
Team
Projekt
B
Positionen
Rollen
Soz
iale
s S
yste
m O
rga
nis
atio
n
Abb. 4.4 Position und Rollen in Organisationen
Rollen reduzieren Komplexität und schaffen Vertrauen
Durch Rollen können wir in einem sozialen System die Komplexität verringern: Je besser
wir den „Verhaltenserwartungen“ (Ruth Seliger) unserer Mitmenschen gerecht werden,
desto einfacher ist es für diese, uns einzuordnen. Damit entsteht für alle Beteiligten au-
tomatisch mehr Sicherheit. Das Gefühl der Sicherheit ist wiederum Grundvoraussetzung
dafür, dass zwischen einzelnen Menschen und – als Konsequenz davon – in einem Team
oder in einer Organisation Vertrauen entstehen kann (Abschn. 3.3.7).
Die eigenen Rollen zu klären, gehört zur Selbstverantwortung jedes Mitarbeiters. Viel-
fach müssen diese Rollen richtiggehend verhandelt werden, weil die Erwartung und der
Anspruch der Organisation die Möglichkeiten der einzelnen Personen immer wieder über-
steigen. Je klarer diese Rollen definiert sind und je besser sie nach dem Kongruenzprinzip
A-K-V (Abschn. 4.1.5) abgestimmt sind, desto effektiver ist die Arbeit der einzelnen Per-
sonen und der Organisation insgesamt.
4.1
Zusammenarbeit und Führung
367
4.1.10
Rollenträger und Rollensender
Die Rollensender bestimmen das Verhalten des Rollenträgers
Unser Spielfilm wird allein mit einem spannenden Drehbuch und mit klar definierten Po-
sitionen und Rollen noch kein Kassenschlager. Der Erfolg hängt u. a. davon ab, ob der
Regisseur Schauspieler findet, welche es schaffen, die Rollen so authentisch spielen zu
können, dass sie die Zuschauer in ihren Bann ziehen können.
Die verbale Kommunikation, den Text auswendig zu können, reicht dafür bei Wei-
tem nicht. Der Star unterscheidet sich vom normalen Schauspieler durch die Fähigkeit,
wie glaubwürdig und wirkungsvoll er die Rolle verkörpern kann, v. a. durch non-verbale
Kommunikation. Und dies hängt wiederum davon ab, wie gut der Schauspieler den Er-
wartungen des Publikums gerecht werden kann. Sei es der Held, der Bösewicht oder der
Clown: Die Zuschauer haben Erwartungen, wie sich z. B. ein Clown in spezifischen Situa-
tionen verhalten soll. Sie senden diese Erwartungen (Rollensender) an den Rollenträger.
Das Verhalten eines Rollenträgers in einer spezifischen Situation bezeichnen wir als
gelebte Rolle. Die Zuschauer sind in diesem Beispiel mit ihren Erwartungen an die Rolle
Clown also die Rollensender. Der Clown ist der Rollenträger.
Das Phänomen der gelebten Rolle ist, dass der Rollenträger sich den Erwartungen der
Rollensender anpassen muss, um wirkungsvoll und glaubwürdig zu sein.
Während also Position und Rolle beschreiben, WAS ein Stelleninhaber zu leisten hat,
beschreibt die gelebte Rolle des Rollenträgers das WIE.
Der Authentizitäts-Hype
Oft wird geschrieben, (Führungs-)Erfolg hänge davon ab, authentisch zu sein. Wir wären
damit legitimiert oder sogar dazu aufgerufen, uns in jeder Situation einfach so zu ver-
halten, wie es uns gerade persönlich entsprechen würde. Dies widerspricht ganz klar den
obigen Ausführungen, die darauf zielen, dass über vorhersagbares Verhalten von Rollen-
trägern Sicherheit entsteht. Auch Rolf Dobelli rät, im Beruf den Authentizitäts-Hype nicht
mitzumachen: „Authentizität hat ihren berechtigten Platz innerhalb einer Lebenspartner-
schaft oder einer sehr engen Freundschaft, aber nicht gegenüber flüchtig Bekannten und
schon gar nicht gegenüber der Öffentlichkeit“ (Dobelli 2017, S. 65). In der Arbeit geht
es um Respekt und nicht um Liebe. Wir respektieren die Menschen, die halten, was sie
versprechen, deren Verhalten uns gegenüber wir vorhersagen können.
4.1.11
Rolle als Bindeglied zwischen Organisation und Person
Die gelebte Rolle ist abhängig vom Kontext
Der Clown verhält sich an einem Kindergeburtstag anders als in einem Kinofilm. In der
Rolle des Freundes verhalten wir uns im intimen Rahmen zu zweit anders, als wenn noch
weitere Personen dabei sind.
368
4
Team
Die vom Rollenträger gelebte Rolle ist stark vom Kontext abhängig. Rollenträger pas-
sen sich dem Kontext meistens unbewusst an. Ohne es effektiv zu merken, verhalten wir
uns je nach Situation anders und versuchen damit, den Erwartungen der beteiligten Perso-
nen – der Rollensender – gerecht zu werden.
Beispiel
In der einen Organisation muss ein Projektleiter seinem Auftraggeber gegenüber be-
stimmt auftreten können, unternehmerisch denken und bei Verzögerungen auch in
der Lage sein, die Linienvorgesetzten, welche die Ressourcen freistellen sollen, unter
Druck zu setzen.
In einer anderen Organisation wäre genau dieses Verhalten ein Affront: Hier wird
vom „Projektleiter“ erwartet, dass er als „Mädchen für alles“ fungiert, für alle und
alles als Ansprechpartner gilt, aber keinesfalls auf die Entscheidungskompetenzen der
Vorgesetzten Einfluss nimmt.
Der Scrum Master, der eine Sprint Retrospektive mit einem Team moderiert, wel-
ches noch nie agil gearbeitet hat, muss stärker intervenieren und auch geduldiger sein,
als wenn er mit einem Team zusammenarbeitet, welches schon mehrere Projekte in
derselben Konstellation abgewickelt hat.
Natürlich sind wir in der Art und Weise, wie wir eine Rolle leben, beschränkt. Wir
können nicht jede Rolle übernehmen, weil wir unser Denken, Fühlen und Handeln nicht
einfach entkoppeln können von unserer Person mit unseren Werten, Fähigkeiten, Prägun-
gen oder Charakterzügen.
Die gelebte Rolle ist sichtbar im Kontakt zwischen Rollenträger und Rollensender
Erfolgreiche Projektarbeit basiert auf klar definierten und vereinbarten Rollen. Die Rol-
lenträger müssen dabei den Erwartungen der anderen Rollensender entsprechen. Diese
Rollensender sind Teil einer sie umgebenden Organisationsstruktur und -kultur, die ih-
rerseits wiederum Einfluss hat auf deren Erwartungen. Dies alles schafft den Kontext, in
welchem sich der Kontakt zwischen Rollenträger und Rollensender ereignet, wie dies im
oberen Teil der Abb. 4.5 dargestellt ist. In dieser Schnittstelle ergibt sich die gelebte Rol-
le des Rollenträgers. Diese Schnittstelle hat ein hohes Konfliktpotenzial: Je größer die
Diskrepanzen, desto wahrscheinlicher die Rollenkonflikte (Abschn. 4.4.7.4).
Rollenübernahme
Je besser die Rollen definiert sind, desto besser ist das Zusammenspiel im Team und desto
geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Rollenkonflikte auftreten werden. Diesen Pro-
zess der bewussten Ausgestaltung einer gelebten Rolle wird Rollenübernahme genannt
(Steiger und Lippmann 2008, S. 49 ff.).
In jeder Organisation haben die Rollensender und auch die Rollenträger spezifische Er-
wartungen, WIE sich ein Projektleiter oder ein Scrum Master in spezifischen Situationen
zu verhalten hat. Im Gegensatz zu den Positionen und Rollen ist diese Rollenübernahme
4.1
Zusammenarbeit und Führung
369
gelebte
Rolle
Person
Rollenträger
Organisation
andere Rollensender
Rollenübernahme
Rollen-
verständnis
Prägung
Charakter
Werte
Fähigkeiten
Autorität
Rollen-
erwartung
Auftrag
Kultur
Ressourcen
A-K-V
R
o
l
l
e
d
u
r
c
h
s
e
t
z
e
n
R
o
l
l
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fi
n
i
e
r
e
n
R
o
l
l
e
g
e
s
t
a
l
t
e
n
Abb. 4.5 Gelebte Rolle als Schnittstelle zwischen Person und Organisation
aber oft nicht explizit festgelegt, sondern ist geprägt durch das in der Organisationskultur
bewusst oder unbewusst verankerte Rollenverständnis oder durch Rollenerwartungen.
Eine erfolgreiche – und damit bewusst gestaltete – Rollenübernahme basiert auf den
folgenden drei Maßnahmen:
Rolle definieren: Basierend auf Position und Rolle muss in einem ersten Schritt defi-
niert werden, wie eine Rolle ausgeführt werden soll und damit auch, welche Erwartungen
die Rollensender und der Rollenträger haben.
Beispiel
Der Scrum Master mit einem Projektteam von agilen Novizen muss für sich selber, aber
auch für seine Anspruchsgruppen wie den direkten Vorgesetzten oder den Project Ow-
ner klären können, in welcher Bandbreite er das Team in seinem Prozess unterstützen
kann und soll.
Rolle gestalten: Nun wird die Rolle ausgefüllt. Der Kontakt zwischen dem Scrum
Master als Rollenträger sowie dem Team als Rollensender ist davon geprägt, wie stark
die Rahmenbedingungen durch die Organisation resp. die Führungsverantwortlichen der
Stammorganisation beeinflusst werden. Die Organisation wirkt unterstützend, kann aber
370
4
Team
auch Hindernisse schaffen, wie suboptimale Werkzeuge oder ungenügend freigestellte
Teammitglieder für das Projekt.
Beispiel
Der Scrum Master identifiziert sich mehr oder weniger mit dem Projekt und dessen
Zielen – was auch abhängig davon ist, wie viele andere Projekte er gleichzeitig betreut
und wie optimal er die Rahmenbedingungen einschätzt. Er bringt sich ein mit seinen
Erfahrungen und Fähigkeiten, aber auch mit seinen Hemmnissen und Beschränkungen.
Rolle durchsetzen: Früher oder später fallen wir alle aus einer noch so gut defi-
nierten und gestalteten Rolle. Sei das begründet aus dem Teamentwicklungsprozess
(Abschn. 4.2), wegen eines Rollenkonflikts oder weil sich Stress breitmacht, die betrof-
fenen Personen wie auch die involvierten Organisationsvertreter sind in dieser Situation
herausgefordert, die jeweiligen Rollen immer wieder neu durchzusetzen.
Beispiel
Der Scrum Master darf nicht beginnen, Einfluss zu nehmen auf die Selbstorganisation
seines Teams. Der Product Owner muss mit den Entscheiden leben können, welche ein
Team während eines Sprints fällt. Das Team wiederum muss damit leben können, dass
der Product Owner die Resultate eines Sprints nicht abnimmt, sofern die Ziele nicht zu
100 % erreicht sind.
Rollen zu definieren, zu gestalten und durchzusetzen ist ein fortlaufender Prozess,
der entsprechend der Teamdynamik immer wieder Aufmerksamkeit braucht. Nach dem
Grundsatz von „Störungen haben Vorrang“ (Abschn. 4.4.12.2) gilt es, Grenzverletzun-
gen zwischen den Rollen und damit mögliche Friktionspunkte frühzeitig zu erkennen und
auf der Basis von gut entwickelten Kompetenzen in der persönlichen Kommunikation zu
bearbeiten. Wenn z. B. der Scrum Master auf die Selbstorganisation des Teams Einfluss
nimmt, muss ihm das mitgeteilt werden können in einer konstruktiven Art und Weise. Al-
le Involvierten müssen also Feedback geben und empfangen können (Abschn. 3.9.7), um
danach die Rollenübernahme gemäß den oben ausgeführten drei Schritten weiterzuentwi-
ckeln. Der Ansatz der Belbin Teamrollen (Abschn. 4.1.14.1) oder auch die RACI-Matrix
(Abschn. 2.3.9.9) sind für diesen Prozess ebenfalls sehr hilfreich.
4.1.12
Spezifische Eigenschaften im agilen Projekt
Welche spezifischen Eigenheiten oder Methoden sollen oder können berücksichtigt wer-
den in der Übernahme der Rollen Product Owner, Scrum Master und Team?
4.1.12.1
Grundsätze
Agiles Projektmanagement wurde für Projekte entwickelt, die komplex, voller Überra-
schungen und Unsicherheiten sind. Entsprechend flexibel, beweglich und innovativ muss
4.1
Zusammenarbeit und Führung
371
nicht nur das Vorgehen, sondern auch die Projektorganisation sein. Deshalb ist in agi-
len Organisationen die Führung nicht mehr nur an eine Person gebunden. Sie wird als
Führungsarbeit verteilt wahrgenommen. Für den Product Owner bedeutet Führung vor al-
lem, den inhaltlichen Rahmen zu setzen und Kontexte zu gestalten, damit Teams optimal
arbeiten können. Der Scrum Master fokussiert sich darauf, den Teams bei Bedarf Unter-
stützung zu bieten, um sich selber optimal managen zu können. Man spricht deshalb auch
von servant leading.
Das Team selber „führt“ sich durch Selbstorganisation, oder Selbststeuerung: Dies
geschieht entweder situativ verteilt oder aus den verschiedenen Rollen. Bis anhin wurden
damit gute Erfahrungen in Scrum-Projekten gemacht. Mehr und mehr werden auch andere
als nur Software-Projekte mit Selbststeuerung geführt.
4.1.12.2
Gewichtete Kompetenzprofile Product Owner und Scrum Master
Die in Abb. 4.6 dargestellten Kompetenz-Anforderungsprofile an einen Product Owner
sowie an einen Scrum Master basieren auf dem Kompetenzmodell in Abschn. 3.1.
Methoden-
kompetenz
Selbst-
kompetenz
Sozial-
kompetenz
Verhandlungs-
kompetenz
Fach-
kompetenz
Team- und
Führungs-
kompetenz
4
1
0
2
3
Methoden-
kompetenz
Selbst-
kompetenz
Sozial-
kompetenz
Verhandlungs-
kompetenz
Fach-
kompetenz
Team- und
Führungs-
kompetenz
4
1
0
2
3
Product Owner
Scrum Master
Legende:
0 nicht relevant
1 nicht nötig
2 hilfreich
3 wichtig
4 Voraussetzung
Abb. 4.6 Gewichtete Kompetenzprofile im Agilen Projektmanagement
372
4
Team
4.1.12.3
Wie funktioniert Selbststeuerung?
In selbstgesteuerten Teams wird kollegial geführt. Die kollegiale Führung wird verteilt, si-
tuativ und temporär wahrgenommen. Je nach Fähigkeiten und Temperament sind die einen
Teammitglieder führend in der Ideenfindung, andere im „Machen“, dritte habe ein Senso-
rium für die sozialen Prozesse usw. Mit diesen unterschiedlichen Präferenzen muss sich
das Team auseinandersetzen.
I
Ein mögliches Hilfsmittel zur passenden Besetzung bieten die Belbin Teamrol-
len (Abschn. 4.1.14.1). Dieses zeigt auf, welche Teamrollen wie besetzt sind. Der
Belbin Teambericht zeigt allfällige Defizite im Team auf und ermöglicht es, dass
sie ausgeglichen werden können. Dabei müssen auch die unterschiedlichen Er-
fahrungen fachlicher und methodischer Art zur Sprache kommen. Auf einen
Nenner gebracht: In der Auseinandersetzung mit der Unterschiedlichkeit liegt
das Steuerungspotenzial eines Teams!
Natürlich können mit der Zeit einseitige Hierarchiemuster entstehen, welche die Viel-
fältigkeit eines Teams schmälern. Dies geschieht besonders bei Teams, welche immer
wieder in derselben Zusammensetzung Projekte bearbeiten. Wenn Teammitglieder wich-
tige Informationen zurückhalten, leidet die Vielfalt ebenfalls. Derartige Verkrustungen
können nur mit Selbstreflexionen aufgebrochen werden. Die primäre Plattform hierfür ist
die vom Scrum Master moderierte Sprint Retrospektive. Hier wird die Zusammenarbeit
im Team kritisch reflektiert.
Selbstgesteuerte Teams sind keine Wohlfühloasen. Sie erwarten von ihren Mitgliedern
die vereinbarten Leistungen. Fremdkontrolle ist durch Selbstkontrolle abgelöst. Dadurch
kann ein entsprechender Gruppendruck entstehen, der im Extremfall zum Ausschluss ei-
nes Mitgliedes führen kann.
4.1.12.4
Wann ist Selbststeuerung sinnvoll?
Für Teams ist es wenig interessant, an Projekten zu arbeiten, bei denen es darum geht, eine
vorgegebene Lösung auszuarbeiten und zu realisieren. Sie setzen sich für IHRE Lösung
ein. Selbstgesteuerte Teams brauchen Gestaltungsfreiraum und müssen selber arbeiten
und entscheiden können. Somit kristallisieren sich Projekte oder Projektphasen mit offe-
nen Problemstellungen heraus, die mit Kreativität bewältigt werden.
Beispiel
Produktentwicklung, Erarbeitung von Geschäftsprozessen, Change-Projekte und Ge-
staltung einer Post Merger Integration sind für Selbststeuerung prädestiniert. Es sind
Projekte im Potenzial- und Pionierbereich (Abschn. 1.2.1). Dabei ist der Fokus auf
Business Value (Werte, Nutzen des Produktes) statt auf Detaillierung der Anforderun-
gen zu richten.
Projekte, die durch selbstgesteuerte Teams bearbeitet werden, müssen eine gewisse
Größe bzw. einen gewissen Ressourcenbedarf haben. Solche Projekte müssen konzentriert
4.1
Zusammenarbeit und Führung
373
innerhalb einer kurzen Zeitspanne abgewickelt werden können, damit sie nicht zerfled-
dern. Ein Projektteam, welches über die Koordination in die Stammorganisation einge-
bunden ist, erreicht diese Voraussetzungen nicht.
4.1.12.5
In eigener Kompetenz über Vorgehen und Lösungen entscheiden
Im klassischen Projektmanagement erarbeiten Projektteams Lösungsvorschläge und un-
terbreiten sie dem Auftraggeber oder dem Projektausschuss zum Entscheid. Selbststeue-
rung ist aber nur dann erfolgreich, wenn die Teams über die Lösung innerhalb eines
definierten Rahmens selber entscheiden können. Dies kann z. B. die Erarbeitung eines
internen Prozesses sein, welchen die Teammitglieder später selber „leben“ müssen. Oder
es handelt sich um eine Produktentwicklung, die das Team dem internen oder externen
Kunden anbietet, ohne die Genehmigung des internen Managements einzuholen. Dies vor
dem Hintergrund, dass die Teammitglieder in ihrem spezifischen Fachbereich über min-
destens so viel Wissen verfügen wie ihr Management. Sollte das Wissen im Team als
ungenügend erachtet werden, kann sich das Team auch jederzeit die Unterstützung durch
den Scrum Master oder andere Experten einholen. Durch Kunden- statt der Cheforientie-
rung erfährt das Team eine entsprechende Wertschätzung, ist es motiviert und übernimmt
die volle Verantwortung. Aber nicht nur über Lösungen, sondern auch über das Vorgehen
und die Methodenwahl soll das Team entscheiden können.
4.1.12.6
Müssen Mitglieder selbstgesteuerter Teams besonders ausgebildet
sein?
Das menschliche Verhalten wird sehr stark vom Kontext geprägt. So ist es auch beim Ver-
halten von Projektteams. Ist der Projektgegenstand für sie relevant und sinnvoll, haben sie
Autonomie, Verantwortung und Entscheidungsspielraum und wird ein Resultat erwartet,
so entwickeln Teams eine Qualität der Zusammenarbeit, welche diejenige „klassischer“
Projektteams übertrifft. Das zeigen jedenfalls bisherige Erfahrungen klar.
Freilich müssen Mitglieder von selbstgesteuerten Teams spezifische Kompetenzen ha-
ben und Moderationstechniken, Problemlösungs- und Entscheidungsmethoden anwenden
und gut kommunizieren können. Eine Organisation muss sich auch dafür einsetzen, dass
diese Kompetenzen entwickelt werden können.
Es kann auch vorkommen, dass ein Team in Schwierigkeiten gerät. Wenn es den Kon-
flikt nicht selber bewältigen kann, sind situative Interventionen wie Gruppenprozessana-
lysen oder die Konfliktbearbeitung mit Hilfe des Scrum Masters oder auch eines außenste-
henden Coaches notwendig. Diese Interventionen ermöglichen wertvolle Lernprozesse.
4.1.12.7
Kollegiale Führung innerhalb selbstgesteuerter Teams
Teamarbeit braucht Führung. In selbstgesteuerten Teams wird sie mit kollegialer Führung
(Definition Abschn. 4.1.2) situativ und verteilt wahrgenommen. Ein gut eingespieltes
Team ist in einem hohen Grad zur Selbststeuerung fähig. Die Vorteile sind: rasche An-
passung an Veränderungen, starkes Engagement und anhaltend hohe Identifikation und
Motivation. Dies führt zu einem entsprechend großen Leistungsvermögen. Führung heißt
374
4
Team
hier einfach, dass Rollen, die bis anhin eine Führungskraft verkörperte, verteilt wahrge-
nommen werden. Das heißt, jemand übernimmt den Lead in einem Bereich, in dem er
besondere Fähigkeiten oder Kenntnisse hat.
Beispiel
Es ist sinnvoll, dass je eine Person mit entsprechenden Fähigkeiten und Interessen die
Moderation, eine andere die Organisation der Infrastruktur übernimmt, jemand auf die
Qualität achtet, ein weiteres Teammitglied den Teamzusammenhalt im Auge behält und
latente Konflikte anspricht usw. Wichtig ist es, über diese Führungs- bzw. Teamrollen
zu sprechen, sich zu organisieren und zu reflektieren. So kann vermieden werden, dass
die Rollen von einer einflussreichen Person monopolisiert werden, oder umgekehrt,
dass ein Führungsvakuum entsteht.
In permanenten Teams werden diese Führungsrollen meist an Personen festgeschrie-
ben, so dass jemand immer die Rolle des Gastgebers, des Moderators oder des Kommu-
nikators übernimmt. In Projektteams können sie aber durchaus abwechselnd wahrgenom-
men werden.
Das heißt aber nicht, dass Führung immer sanft wahrgenommen werden muss: Im
agilen Projektmanagement wird das Projektteam selber zum Unternehmer. Dieses „Basis-
unternehmertum“ bedeutet für alle involvierten Personen mehr Engagement und Verant-
wortung. Und weil durch die kurzen Sprint-Intervalle der Zeit- und Erwartungsdruck hoch
ist, können einzelne Teammitglieder durchaus in Stresssituationen geraten, vom Team kri-
tisiert oder sogar ausgeschlossen werden.
4.1.12.8
Vertrauen als Voraussetzung für selbstgesteuerte Teams
Besonders im agilen Projektmanagement ist Vertrauen (Abschn. 3.3.7) eine Vorausset-
zung, ohne die ein selbstgesteuertes Team nicht richtig arbeiten kann. Das Management
gewährt dem oder den Teams durch die Delegation von Entscheidungskompetenzen so-
zusagen einen Vertrauensvorschuss. Und dieses Vertrauen auf Vorschuss wird gemäß
bisherigen Erfahrungen viel weniger missbraucht als Pseudo-Vertrauen in einem Klima
von „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Im Gegenteil: Vertrauensvorschuss wird als
Wertschätzung aufgefasst und mit einem entsprechenden Einsatz honoriert.
Das Projektmanagement kann auch dem System vertrauen. Mit einer geeigneten Pro-
jektorganisation und vereinbarten Spielregeln können Rahmenbedingungen bereitgestellt
werden, die gewährleisten, dass sich die Teams selbstreferenziell voll engagieren und im
Sinne „ihres“ Unternehmens selbst unsichere Themen sicher bearbeiten. Bei komplexen
Vorhaben gibt es keine andere Wahl, als ein System zu entwickeln, dem man vertrauen
kann.
4.1.12.9
Indirekte Führung – Leadership neu definiert
Leadership heißt im agilen Bereich, die entsprechenden Bedingungen und das Klima
zu schaffen, damit Selbstführung möglich wird. Konkret: Delegation der Entscheidungs-
4.1
Zusammenarbeit und Führung
375
macht (Abschn. 4.1.8) innerhalb eines vom Management bestimmten Rahmens an das
Projektteam. Die Ermöglichung von Selbststeuerung ist kein Laisser-faire, sondern indi-
rekte Führung, also Führung nicht „im System“, sondern „am System“. Konkret ist damit
gemeint:
Klare Rahmenbedingungen schaffen, die einerseits Orientierung geben und anderer-
seits den Gestaltungsfreiraum definieren.
Inhaltlich: Was ist die Vision, die Zielrichtung, der Projektgegenstand und was nicht?
Prozessual: Welches sind die Spielregeln, was ist einzuhalten, und was ist verboten?
(Verbote können sehr gut den Freiraum definieren, denn alles andere ist gestattet.)
Im klassischen Projektmanagement entsprechen die Rahmenbedingungen dem Projekt-
auftrag, der seinerseits aber viel enger definiert ist.
Weitgehende Entscheidungskompetenzen: Das Haus, welches das Team baut, be-
stimmt es selber. Damit übernimmt es auch die Verantwortung, dass das Haus zur Stadt
passt, also nicht quer zur Organisation steht.
Unterstützung, Coaching und Beratung anbieten, wenn sie gebraucht werden. Entwe-
der selber oder durch geeignete Berater.
Weitgehendes Vertrauen und absolut kein Hineinregieren in das Projektteam oder die
Teams.
Vorschussvertrauen führt nachweislich zu weniger Missbrauch als ein Klima des Miss-
trauens und der Kontrolle.
Interesse zeigen, Ergebnisse erwarten. Das ist Wertschätzung mit motivierender Wir-
kung, wenn jemand sich für die Teamarbeit und -Resultate interessiert und Feedback
zu erwarten ist.
Die Tab. 4.5 fasst beispielhaft Rahmenbedingungen zusammen, die Selbststeuerung
ermöglichen. Zu beachten ist, dass die prozessualen Regelungen ebenso wichtig sind wie
die inhaltlichen.
Es gibt indessen weitere Prinzipien, mit denen ein für Selbststeuerung günstiger Kon-
text geschaffen werden kann:
Transparenz und Öffentlichkeit: Transparenz ist eine Voraussetzung bei jeder Selbst-
steuerung, sei es in Projektteams oder in permanenten Organisationen. Transparenz
fördert Vertrauen und verhindert unliebsame Überraschungen. Transparenz wird durch
Vernetzung erreicht. Das heißt, ein selbstgesteuertes Team ist verpflichtet, sich über sei-
ne Aktivitäten, Zwischenergebnisse, Fragen usw. mit dem relevanten Umfeld (Auftrag-
geber, Projektausschuss, Kunde) auszutauschen. Auch innerhalb des Teams herrscht
Transparenz, z. B. bei der Offenlegung aller wichtigen Informationen, in der Sichtbar-
machung von Fortschritten, im Benennen von Problemen oder durch ehrliche Feed-
backs.
Einen Unterschied machen: Mit einer neuen Projektkultur kann die Führung einen
bewussten Unterschied zur Linienorganisation schaffen: Lass das Team in einem neu-
376
4
Team
Tab. 4.5 Rahmenbedingungen für Selbststeuerung
Leitplanken-Raster
Inhaltlich
– Produktvision und Zielsetzung: Was wollen wir, was wollen wir nicht erreichen?
Welcher Nutzen soll realisiert werden?
– Gesamtaufgabe: Welches ist der Projektgegenstand? Wie ist der Product Backlog
aufgebaut und strukturiert? Gibt es zu beachtende Prinzipien? Was gehört nicht
zur Aufgabe?
– Wie sieht die Release-Planung aus? Wie lange sollen die Sprints dauern?
– Welches Wissen ist für die Lösung der Aufgabe vorhanden? Welches Wissen
muss aufgebaut werden?
– Mit welchen Tools und Werkzeugen soll gearbeitet werden?
Prozessual
– Wie ist die Projektorganisation? Wer übernimmt welche Rollen?
– Wie setzen sich die Teams zusammen? Z. B. quer über die Hierarchien, keine
direkten Unterstellungen, interdisziplinär, mit Querdenkern?
– Zur Verfügung stehende Ressourcen
– Wie soll das Team bzw. wie sollen die Teams arbeiten? Z. B. organisieren sie
sich selbst, haben Entscheidungskompetenz und sind auch verantwortlich für die
erarbeitete Lösung?
– Wie wird kommuniziert? Z. B. auf Transparenz achten; Vernetzung mit dem Un-
terstützungsteam (= Steuergruppe, die nicht direkt eingreift, sondern unterstützt),
mit den anderen Teams, mit Kollegen usw.
– Was geschieht mit den Resultaten? Z. B. Präsentation und Auseinandersetzung
mit den betroffenen Bereichen und Kollegen.
artigen Kontext arbeiten, so kommt auch etwas Neuartiges – sprich Unkonventionelles,
Neues – heraus. Und umgekehrt: Selbstgesteuerte Teams sind „anders“. Sie werden
von den Kollegen im hierarchischen Kontext genau beobachtet. Das weckt Erwartun-
gen und kann stimulierend auf das Team wirken.
Einen Spannungsbogen bilden: Der Scrum-Ansatz macht es vor: fest terminierte
„Sprints“ bzw. Iterationen mit vereinbarten Resultaten. Verallgemeinert heißt das: Eine
Erwartungshaltung wird aufgebaut. Mit einer straffen Terminierung entsteht ein Span-
nungsbogen oder gleich mehrere. Am Ende dieses Bogens ist ein Meeting eingeplant,
an dem die Resultate oder Zwischenergebnisse einer möglichst breiten relevanten Öf-
fentlichkeit zur Diskussion unterbreitet werden. Je nach Projekt sind unterschiedliche
Iterationen sinnvoll. Beispielsweise dauern in einem Change-Projekt Änderungsitera-
tionen ca. zwei Monate, in einem Produktentwicklungsprojekt einige Wochen analog
zu Scrum. Derartige Zyklen, innerhalb deren konzentriert gearbeitet werden kann, hal-
ten die Spannung und die Energie hoch und ermöglichen permanente Feedback- bzw.
Lern-Schlaufen (Gellert und Nowak 2007).
Das alles ist nichts anderes als Führung über das System bzw. Gestaltung von Orga-
nisationsdynamiken und ist noch wenig in unserem Bewusstsein, gewinnt aber in agilen
Organisationen – und damit auch im agilen Projektmanagement – zusehends an Bedeu-
4.1
Zusammenarbeit und Führung
377
tung. Sie obliegt hauptsächlich dem Top-Management oder dem (internen) Auftraggeber,
teilweise zusammen mit den Projektverantwortlichen.
4.1.13
Spezifische Eigenschaften im klassischen Projekt
Welche spezifischen Kompetenzen, Eigenheiten oder Methoden sollen oder können be-
rücksichtigt werden in der Übernahme der Rolle als Projektleiter?
4.1.13.1
Grundsätze
Die spezifische Anlage der Projektarbeit bedingt, dass der Projektleiter in seiner Rollen-
übernahme immer mehrere Ausprägungen der Führung (Abschn. 4.1.7) berücksichtigen
muss. Projekte führen und leiten umfasst sowohl die Zielerreichung (Sache) als auch die
Mitarbeiterführung. Der Projektleiter in der Rolle des „Managers“ führt das Projekt im be-
triebswirtschaftlichen Sinne. Er hat das Projektziel zu verfolgen, erstellt und führt einen
Ablaufprozessplan, koordiniert und überwacht den optimalen Einsatz der Ressourcen so-
wie die zur Verfügung gestellte Zeit und die finanziellen Mittel.
Zusätzlich übernimmt der Projektleiter in der Matrix-Projektorganisation und in der
reinen Projektorganisation die Rolle der operativen Leitung sowie die Führung seiner
Projektmitarbeiter. Viele Funktionen und Rollen sind in der normalen Linienführung und
in der Projektführung gleich. Für den Projektleiter resultieren daraus aber ein paar we-
sentliche Unterschiede:
Er übernimmt die Führungsaufgabe nur „auf Zeit“
Er hat keine oder nur unpräzise definierte Ressourcenkompetenz
Die formale hierarchische Eingliederung der Projektorganisation hat temporären Cha-
rakter
Die wichtigsten Werkzeuge sind:
präzise und vollständig definierte Projektziele
unterzeichneter Projektauftrag mit dem Auftraggeber
ein differenziertes Kommunikationskonzept
Klärung der Rollen und Regelung der A-K-V
vereinbarte Regeln der Zusammenarbeit mit den Projektmitarbeitern
Zum letzten Punkt gehört auch eine klare Transparenz über die vereinbarten Maßnah-
men und die möglichen Konsequenzen bei Nichteinhaltung der Vereinbarung (Eskalati-
onsvereinbarung) und zwar auf allen Stufen der Projekthierarchie.
4.1.13.2
Gewichtete Kompetenzprofile Projektleiter und Auftraggeber
Basierend auf dem Kompetenzmodell in Abschn. 3.1 zeigt Abb. 4.7 ein mögliches Kom-
petenzanforderungsprofil an Projektleiter und Auftraggeber.
378
4
Team
Auftraggeber
Projektleiter
Legende:
0 nicht relevant
1 nicht nötig
2 hilfreich
3 wichtig
4 Voraussetzung
Methoden-
kompetenz
Selbst-
kompetenz
Sozial-
kompetenz
Verhandlungs-
kompetenz
Fach-
kompetenz
Team- und
Führungs-
kompetenz
4
1
0
2
3
Methoden-
kompetenz
Selbst-
kompetenz
Sozial-
kompetenz
Verhandlungs-
kompetenz
Fach-
kompetenz
Team- und
Führungs-
kompetenz
4
1
0
2
3
Abb. 4.7 Gewichtete Kompetenzprofile im klassischen Projektmanagement
4.1.13.3
Führungsstile
Unter Führungsstil versteht man ein langfristig relativ stabiles, situationsvariantes Verhal-
tensmuster des Führenden (Lattmann).
Die eigentliche Mitarbeiterführung wird nur im klassischen Projektmanagement angewen-
det. Im Führungsalltag ist der Führungsstil die Art und Weise, wie die Führungstätigkeiten
Planung, Steuerung und Kontrolle durchgeführt und die einzelnen Führungsabläufe be-
einflusst werden. Ein bestimmter Führungsstil hat zur Folge, dass jede Führungssituation
durch ein einheitliches Grundverhalten gekennzeichnet ist. Auf der anderen Seite spielt
sich Führung immer auch in Beziehungen ab. Dies bedeutet, dass die an der Führung betei-
ligten Personen mit ihrer speziellen Situation die jeweilige Ausprägung des Führungsstils
beeinflussen.
Grundsätzlich wird der Erfolg des Projektes hauptsächlich am Nutzen gemessen, der
für die Organisation erreicht wurde. Wie dieser Erfolg zustande gekommen ist, wie der
Projektleiter seine Führungsaufgaben wahrgenommen hat, ist vorerst von sekundärer Be-
deutung. Gibt es den richtigen und Erfolg versprechenden Führungsstil? In Kap. 3 ist
ausgeführt, dass jeder Mensch durch eine einzigartige Konstellation von Grundbedürfnis-
sen und Fähigkeiten geprägt ist. Auch Organisationen, in welchen Projekte abgewickelt
4.1
Zusammenarbeit und Führung
379
Delegative Führung
Delegierte Entscheide an die Mitarbeiter
Autoritäre Führung
Alleinige Entscheidung der Führungsperson
gross
klein
gross
klein
autoritär
Führungsstile
delegativ
integrierend
partizipativ
Führungsperson erlaubt es dem Team
• das Problem zu identifizieren
• die Optionen zu entwickeln
• über die Vorgehensweise zu bestimmen,
innerhalb der vorgegebenen Grenze
Abb. 4.8 Autoritäre und delegative Führung
werden, sind einzigartig und haben eine je eigene Organisationskultur. Deshalb kann es bei
den Führungsstilen kein Richtig oder Falsch geben. Vielmehr ist der optimale Führungsstil
für sich selber und für das Team zu finden, damit die Projektziele erreicht werden.
Autoritärer versus delegativer Führungsstil
Das von Tannenbaum und Schmidt entwickelte Führungskontinuum hat großen Nieder-
schlag gefunden in der Führungslehre (Abb. 4.8). Zwischen den beiden Polen der autori-
tären und der delegativen Führung sind unterschiedliche Ausprägungen möglich, welche
unterschiedliche Führungsstile ergeben. Die Führungsstile unterscheiden sich in Bezug
auf die Delegation von Entscheidungskompetenzen: Im partizipativen oder delegativen
Führungsstil sind diese teilweise oder vollständig an die Mitarbeitenden abgegeben. Dem
gegenüber steht der autoritäre Führungsstil: Hier verfügt der Vorgesetzte über sämtliche
Entscheidungskompetenz.
Dieses lineare Modell hat auch heute noch seinen Nutzen. So kann in einer Krise ganz
bewusst ein autoritärer Führungsstil zur Anwendung kommen. Die Notsituation recht-
fertigt schnelle Entscheidungen und klare Kompetenzzuteilungen. Oder am anderen Ende
der Skala kann für die Lösung eines schwierigen Problems die gesamte Entscheidungs-
kompetenz an ein Projektteam delegiert werden.
380
4
Team
niedrig
niedrig
hoch
hoch
S 3 unterstützen
Partizipativer
Führungsstil
VG: Coach
MA: Könner
Ideen mitteilen und
ermutigen,
Entscheidungen
zu treffen
trainieren S 2
Integrierender
Führungsstil
VG: Trainer
MA: Lernender
Entscheidungen
erklären und
Gelegenheit zu
Fragen geben
delegieren S 4
Delegativer
Führungsstil
VG: Partner
MA: Experte
Verantwortung für
Entscheidungen
und Durchführung
übergeben
S 1 lenken
Autoritärer
Führungsstil
VG: Anweisender
MA: «Junior»
Genaue
Anweisungen
geben und die
Leistung überwachen
Sekundierendes Verhalten – Beziehungsorientierung
Dirigistisches Verhalten – Aufgabenorientierung
VG:
Vorgesetzter
MA:
Mitarbeiter
Abb. 4.9 Situatives Führungsmodell. (Basierend auf: Blanchard 2015)
Situatives Führungsmodell
Im situativen Führungsmodell orientiert sich der Führungsstil nicht nur an der aktuellen
Situation und an den zu erreichenden Zielen. Der wesentliche Referenzpunkt darin bil-
det der jeweilige Reifegrad der zu führenden Person. Er setzt sich zusammen aus dem
Produkt von Leistungsfähigkeit (Können) und Leistungsbereitschaft (Wollen), vergleiche
auch Abschn. 3.2. Diesem Reifegrad des Mitarbeiters (MA) wird dann, wie in Abb. 4.9
dargestellt, der Führungsstil des Vorgesetzten (VG) zugeordnet, welcher optimal zum Rei-
fegrad des Mitarbeiters passt: autoritär, integrierend, partizipativ und delegativ.
Ein großer Vorteil dieses Führungsmodells liegt darin, dass die Führungsperson der
Heterogenität des Teams gerecht werden kann. Vielfach ist es so, dass der persönliche
Reifegrad in einem Projektteam die ganze Spannbreite abdeckt zwischen sehr erfahrenen
Experten bis hin zu „Juniors“. In dieser Situation ist es nicht zielführend, wenn der Pro-
jektleiter nur einen Führungsstil anwendet. Vielmehr geht es darum, in der Beziehung mit
den jeweiligen Einzelpersonen den passenden Führungsstil zu finden.
Führungsstil S1: Anweisen, Dirigieren, Lenken
Der Vorgesetzte gibt präzise Anweisungen und beaufsichtigt gewissenhaft die Durch-
führung der Aufgabe.
4.1
Zusammenarbeit und Führung
381
Führungsstil S2: Trainieren, Überzeugen
Der Vorgesetzte lenkt und überwacht auch weiterhin gewissenhaft die Durchführung
der Aufgabe, bespricht aber seine Entscheidungen mit dem Mitarbeiter, bittet ihn auch
um Vorschläge, trainiert, unterweist und überzeugt den Mitarbeiter von der Notwen-
digkeit der Aufgabe.
Führungsstil S3: Beraten, Unterstützen
Der Vorgesetzte berät und unterstützt den Mitarbeiter, Lösungswege zu finden und Ent-
scheidungen zu treffen. Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe.
Führungsstil S4: Delegieren
Der Vorgesetzte delegiert dem Mitarbeiter in hohem Maße die Kompetenz und Verant-
wortung für die zu fällenden Entscheidungen und die zu lösenden Aufgaben.
Laterale Führung
Für die Führung ohne Weisungsbefugnis hat sich der Begriff laterale Führung etabliert
(Lat. Latus steht für „Seite“). Dieser Führungsstil ist v. a. in einer Projektkoordination prä-
destiniert, weil der „Projektleiter“ in dieser Projektorganisation keine Weisungsbefugnis
hat. Projektverantwortliche müssen also wirkungsvoll arbeiten können ohne institutionel-
le Macht. Der wesentliche Aufsetzpunkt dafür ist in der lateralen Führung die geliehene
Macht (Abschn. 4.1.3): Es geht darum, mit den Entscheidungsträgern der Linienorgani-
sation eine möglichst gute Abstimmung zu erreichen. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor der
lateralen Führung ist das Festlegen von Rahmenbedingungen für das Umfeld (Organi-
sationsrahmen), den Projektleiter (Persönlicher Rahmen) sowie das Team (Teamrahmen)
(Radatz 2009). Folgende Fragestellungen sind dabei zu erarbeiten:
1. Organisationsrahmen
Durch die Klärung des Organisationsrahmens wird sichergestellt, dass die geliehene
Macht aus der Linienorganisation ihre Wirkung bestmöglich entfalten kann. Diese Punkte
muss der Projektleiter primär mit seinem Auftraggeber klären:
Welchen Nutzen möchte die Organisation im Idealfall aus dem Team- bzw. Projekter-
folg erzielen?
Was sind Tabus? Welche Themen sind kritisch?
Welche Grenzen gelten für die Projektarbeit? Ab wann gilt das Projekt als abgeschlos-
sen?
Wann und wo muss sich die Projektleitung mit wem abstimmen, um weder ins Leere
noch gegen den Willen der Organisation zu arbeiten?
Welche personellen und finanziellen Ressourcen stehen zur Verfügung? Wo verlaufen
die Grenzen?
2. Persönlicher Rahmen
Wer Verantwortung übernimmt, muss – um seine Handlungsfähigkeit zu beschützen –
auch festlegen, welche Regeln der Zusammenarbeit befolgt werden sollen. Zudem soll
382
4
Team
sich auch jede laterale Führungskraft bewusst machen, welche Ziele und Motive sie für
sich selber in dieser Aufgabe erreichen kann:
Was macht die Aufgabe persönlich attraktiv? Welche extrinsischen oder intrinsischen
Motivationsfaktoren können durch diese Aufgabe befriedigt werden? Aber auch: Was
soll oder darf nicht passieren?
Welche Anforderungen werden an das Team gestellt? Was braucht die Führungskraft
vom Team, damit die Aufgabe gut erfüllt werden kann? Wie sollen die Regeln der
Zusammenarbeit festgelegt werden?
Beispiel
In welcher Form wird kommuniziert?
Wie werden verbindliche Abmachungen getroffen?
Welche Konsequenzen haben nicht eingehaltene Termine?
Wie wird mit Absenzen und Verspätungen umgegangen?
3. Teamrahmen
Nicht nur der Auftraggeber, sondern auch die Linienvorgesetzten der ins Projekt dele-
gierten Mitarbeiter spielen durch das Leihen oder eben nicht Leihen ihrer Macht für die
laterale Führung eine wesentliche Rolle. Im Sinne der oben ausgeführten Machtverhält-
nisse werden die Projektmitarbeiter im Zweifelsfalle auf die Arbeiten den Fokus legen,
die für ihren Linienvorgesetzten Priorität haben.
Wer als laterale Führungskraft die Unterstützung der direkten Linienvorgesetzten nicht
hat, wird es schwer haben, seine Ziele zu erreichen. Aus diesem Grund empfiehlt Sonja
Radatz, eine Sitzung durchzuführen mit allen Vorgesetzten des zukünftigen Projektteams,
in welcher simultan folgende Aspekte geklärt werden sollen:
Welchen Nutzen hat jeder einzelne Teamleiter aus dem angestrebten Projekterfolg
(monetär, Ansehen, ein wichtiger Schritt auf der Karriereleiter, Wissenszuwachs etc.)?
Wenn im Projekt kein subjektiv formulierter Nutzen für jeden einzelnen Linienvorge-
setzten definiert werden kann, sind die Erfolgschancen für die laterale Führungskraft
resp. deren Projekt sehr gering. Ohne den konkretisierten Nutzen wird ein Linienvor-
gesetzter im Zweifelsfall bei Kapazitätsengpässen die Priorität auf andere Aktivitäten
legen.
Inwieweit bestehen Zielkonflikte zwischen den Aufgaben, die die zukünftigen Projekt-
teammitglieder im Rahmen ihrer Linienfunktion ausüben müssen, versus denjenigen,
welche in der Projektarbeit angestrebt werden sollen?
Wenn die Linienvorgesetzten die Abstimmung zwischen den Zielen und Prioritäten
ihrer Mitarbeiter nicht selber vornehmen, resultiert daraus ein Konflikt, den sie in das
System delegieren. Der Konflikt manifestiert sich damit als persönlicher oder sozialer
Konflikt.
4.1
Zusammenarbeit und Führung
383
Welche Zeitressourcen sind die einzelnen Vorgesetzten bereit, frei zu geben? Wo gibt
es Engpässe oder Grenzen, die schon jetzt vorhersehbar sind?
Wie wird damit umgegangen, wenn die Aufwände unterschätzt worden sind und nicht
mit den effektiv benötigten Ressourcen übereinstimmen?
Zudem müssen in diesem Gremium auch nochmals die mit dem Auftraggeber verhan-
delten Punkte zu den Grenzen und den Tabus geklärt werden.
Friktionspunkte in der lateralen Führung
Bei mangelndem Controlling oder schlechter Ressourcenauswahl besteht oft die Gefahr,
dass einzelne Personen überlastet sind oder Rollenkonflikte entstehen. Folgende Punkte
sollen helfen, Friktionen zu umgehen:
Die Erwartungen an einzelne Projektrollen frühzeitig und gemeinsam im Projektteam
bearbeiten. Dabei geht es um Klärung und Transparenz der unterschiedlichen Erwar-
tungen der Rollensender an den Rollenträger (Abschn. 4.1.10), aber auch um den
Kommunikationsprozess im Team.
Unterscheiden zwischen Rollen, die Individuen, und solchen, die das Projektteam oder
Teile davon (Teilprojektteams) wahrnehmen.
Rollendefinitionen projektspezifisch vornehmen, auch wenn einzelne Personen immer
wieder gleiche Projektrollen übernehmen.
Rollenvorgaben (Funktionsbeschreibung, Pflichtenhefte) an die jeweiligen Rolleninha-
ber und deren Stellvertreter richten.
Beispiel
Dinge, die ein Rollenträger (z. B. Projektleiter) . . .
tun muss (er muss das Projekt leiten und das Team führen),
tun soll (die Teammitglieder gleichwertig behandeln),
tun kann (etwas Gemeinsames außerhalb der Projektarbeit organisieren),
unterlassen soll, da es etwa mit seiner Rolle nicht vereinbar ist.
4.1.13.4
Führen über Ziele (Management by Objectives MbO)
Je nach Unternehmens- und Führungskultur wird die operative Umsetzung anders aus-
gestaltet. Eine weitverbreitete Führungstechnik ist MbO: Führung über Ziele. Projekt-
management bedeutet, Ziele zu erreichen. Es geht um das Projektziel. Innerhalb der Pro-
jektabwicklung bilden die Meilensteine immer Zwischenziele, die erreicht werden müs-
sen. Deshalb eignet sich MbO in der Projektarbeit gut. Diese Führungstechnik kommt
auch innerhalb der oben ausgeführten partizipativen und delegativen Führungsstile zur
Anwendung.
384
4
Team
Folgende Aspekte stehen bei der Führung über Ziele im Vordergrund:
Führen über Ziele (WAS) und nicht durch Lösungsstrategien (WIE).
Unternehmens- oder Projektziele müssen entlang der vertikalen Organisationsstruktur
heruntergebrochen werden.
Aufgabenerfüllungsprozess (A-K-V) basiert auf:
– Aufteilung der Aufgaben
– Delegation von Entscheidungs- und Weisungsbefugnis mit der dazugehörigen Ver-
antwortung.
Führen über Ziele bietet wesentliche Vorteile:
MbO fördert Leistungsmotivation, Eigeninitiative und Verantwortungsbereitschaft.
MbO erlaubt es, Aufgaben und inhaltliche Entscheide an die technischen Experten zu
delegieren, welche im Bereich ihrer Fachkompetenzen besser qualifiziert sind als der
Projektleiter, der mehr ein Generalist ist.
MbO schafft Freiräume in der Projektarbeit für situativ optimale Lösungen.
MbO beteiligt die Betroffenen, fördert und fordert.
MbO erlaubt es den Beteiligten, an den Aufgaben zu wachsen und ihre Qualifikationen
zu erweitern.
MbO führt zu einer operativen Entlastung von Führungspersonen.
Mit MbO werden übergeordnete Ziele persönliche Ziele.
Ein wesentlicher Faktor, ob MbO erfolgreich sein kann oder nicht, ist das Grundver-
ständnis von MbO: Werden die gegenseitigen Erwartungen im Sinne einer Zielverein-
barung verhandelt und bei gegenseitiger Übereinstimmung vereinbart? Oder werden die
Ziele durch die Hierarchiestufen „top-down“ als Zielvorgaben angeordnet, ohne auf die
Meinungen und Bedürfnisse des Empfängers einzugehen? Tab. 4.6 macht die Unterschie-
de deutlich.
Das Führen über Zielvereinbarung ist natürlich zeitaufwändiger und es bedarf der Ver-
handlungskompetenzen beider Seiten. Aber nur durch einen Vereinbarungsprozess wird es
Tab. 4.6 Unterschiede zwischen Zielvorgabe und Zielvereinbarung
Zielvorgabe
Zielvereinbarung
Autoritär
Partizipativ
Verkaufskultur
Verhandlungskultur
Basiert auf Akzeptanz
Basiert auf Commitment/Identifikation
Chef-orientiert
Chef- und Mitarbeiter-orientiert
Kurzdauernd/rasch
Längerer zeitlicher Prozess
Normale Anforderungen an Vorgesetzte
Hohe Anforderungen an Vorgesetzte
Oft Win-lose-Situation
Eher Win-win-Situation
Oft demotivierend
Motivierend
4.1
Zusammenarbeit und Führung
385
gelingen, ein wirklich hohes Commitment und damit verbunden auch eine hohe Motivati-
on und Verbindlichkeit bei den Personen zu erreichen, welche die Aufgaben übernehmen
sollen.
4.1.13.5
Schlüsselpositionen im Projektteam
Bei der Auswahl der Projektteammitglieder sind die folgenden Schlüsselpositionen zu
besetzen:
Projektleiter, Koordinator
Der Projektleiter stellt die Zusammenarbeit im Team sicher und sorgt dafür, dass alle Mit-
glieder des Projektteams die ihnen entsprechenden Funktionen und Rollen erhalten. Im
umfassendsten Sinne ist der Projektleiter der wichtigste Botschafter im ganzen Projekt-
team. Für diese Beziehungsarbeit muss er besonders fähig sein, Lobbying zu betreiben,
Unterstützung zu suchen, Entscheidungsträger in Kontakt zueinander zu bringen und zu
guten Absprachen motivieren.
Teammitarbeiter, Fachspezialisten
Alle wesentlichen Wissensbereiche, die zur Lösung der Problemstellung und zur Errei-
chung der Ziele erforderlich sind, müssen durch die Teammitglieder abgedeckt werden.
Die Mitglieder sind auf ihrem Fachgebiet ausgewiesene Spezialisten und gute Kenner der
betrieblichen Realität. Obwohl sie Insider sind, dürfen sie den Blick für das betriebliche
Umfeld nicht verloren haben. Sie sind informiert über die neuesten Entwicklungen auf ih-
rem Fachgebiet und wissen, falls sie nicht selber darüber verfügen, wo das entsprechende
Know-how bezogen werden kann.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit setzt Offenheit und Respekt gegenüber andern Fach-
disziplinen voraus. Aus einem veränderten Blickwinkel entstehen neue „Wahrheiten“. Ein
Teammitarbeiter sollte kommunikationsfähig sein, d. h., dass er zuhören, sich aber auch
anderen mitteilen kann.
Projektteammitglieder sollen in der Lage sein, ihre Stammorganisation bzw. Interessen-
gruppe (Gewerkschaften, Benutzer, Frauen, Männer, Bevölkerung usw.) im Projektteam
würdig vertreten bzw. einbringen zu können. Mit zunehmendem Projektfortschritt wird
sich ihre Rolle erweitern. Nun können sie nicht mehr nur die Anliegen in das Projekt hin-
eintragen, sondern sie müssen immer mehr dazu beitragen, dass die erarbeiteten Lösungen
im Projektumfeld und in den jeweiligen Stammorganisationen verstanden und akzeptiert
werden.
Teamarbeit ist zeitweise spannungsgeladen und mit größeren Auseinandersetzungen
verbunden. Dazu gehört ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein und Standfestigkeit, aber
auch Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Oft müssen an eigenen Ideen zugunsten eines
gemeinsamen Ganzen Abstriche in Kauf genommen werden. Ein Prozess, der für den
Einzelnen schmerzhaft und schwierig sein kann.
386
4
Team
Auftraggeber und Projektausschuss
Der Auftraggeber, evtl. ergänzt um die Mitglieder des Projektausschusses, hat gegen-
über dem Projektleiter die fachliche Weisungsbefugnis. Er muss in seiner Funktion in der
Stammhierarchie genügend hoch angesiedelt sein, um mit dem Projektleiter den Projekt-
auftrag aushandeln und ihm auch die benötigten finanziellen und personellen Ressourcen
bereitstellen zu können. Zudem wirkt er in seiner Hierarchiestufe als wichtiger Botschaf-
ter für das Projekt und ist verantwortlich dafür, dass dieses optimale Rahmenbedingungen
erhält zur Erfüllung des Projektauftrages.
4.1.13.6
Aspekte der Projektteamzusammensetzung
Zusätzlich zu den Schlüsselpositionen können folgende Aspekte für die Zusammenset-
zung des Projektteams relevant sein.
Wer stellt das Projektteam zusammen?
Offiziell eingesetzt und nach Projektabschluss auch wieder aus der Verantwortung entlas-
sen wird das Projektteam vom Auftraggeber. Bei der Auswahl der Mitglieder muss der
Projektleiter aber entscheidenden Einfluss nehmen können. In allen Organisationen ist er
dabei auf die Mithilfe der Führungskräfte angewiesen. Damit diese die richtigen Personen
in die Projektteams entsenden können, müssen Auftraggeber und Projektleiter ein Anfor-
derungsprofil für die künftigen Projektteammitglieder formulieren.
Die Zielsetzung der Projektphase bestimmt die Teamgröße
Je nach Projektphase kann die Projektteamzusammensetzung wechseln. Für Machbar-
keitsstudien und Vorgehensplanung ist eine kleinere „Vordenker-Gruppe“ von Vorteil. Ist
dagegen eine möglichst breite Akzeptanz zu erreichen, so wird man sich eher für ein
großes, möglichst repräsentatives Team entscheiden.
Für die Projektleitung kann daraus ein Dilemma entstehen: Wenn alle betroffenen Krei-
se vertreten sein sollen oder der Auftraggeber ein Großteam zusammenstellt, ergibt das
viel zu große und zu schwerfällige Gruppen. In einem solchen Fall bewährt sich die Bil-
dung eines Projektleitungsteams (Kernteams), das die wesentliche Vorarbeit leistet, die
gegenseitige Koordination sicherstellt und diese dann dem „erweiterten Projektteam“ zur
Verarbeitung vorlegt.
Wechselnde Fähigkeiten sind gefragt
In den verschiedenen Projektphasen sind unterschiedliche Fähigkeiten erforderlich. So
sind während der Konzeptphase viel kreatives Denken und „Tüfteln“ notwendig, wogegen
in der Realisierungsphase Organisationstalent und Marketing-Know-how verlangt wer-
den. Unter Umständen sind diese Fähigkeiten nicht bei den gleichen Personen vorzufin-
den, so dass es sinnvoll sein kann, die Projektteammitglieder im Verlauf der verschiedenen
Projektphasen auszuwechseln.
Beim Wechsel von Projektteammitgliedern sind die folgenden kritischen Punkte zu
beachten:
4.1
Zusammenarbeit und Führung
387
Zwischen den Teammitgliedern müssen sorgfältige und ausführliche Übergabearbeiten
stattfinden und protokolliert werden.
Darin muss geregelt werden, für welche Probleme die Vorgänger „haftbar“ sind und in
welchem Umfang sie den Nachfolgern bei der Lösung zur Verfügung stehen müssen.
Je nach Projektausprägung (Abschn. 1.2.1) sind verschiedene Fähigkeiten in unter-
schiedlicher Intensität notwendig. So wird ein Projekt mit ausgeprägtem Potenzial-Cha-
rakter eher innovative und kreative Freidenker benötigen, ein hochgradiges Akzeptanzpro-
jekt hingegen eher ausgezeichnete Kommunikatoren, die auf Menschen zugehen, ihnen
zuhören und mit ihnen Argumente für das Projekt ausarbeiten können.
Wer keine Zeit hat, soll’s besser sein lassen
Teammitglieder, die für das Projekt zu wenig Zeit aufwenden können oder möchten, blo-
ckieren oft die Zusammenarbeit und den Projektfortschritt. Ausgenommen davon sind
spezifische Fachexperten mit punktuellen Aufgaben. Deshalb ist es wichtig, dass beim
Start geklärt wird,
mit wie viel Aufwand die Mitglieder zu rechnen haben und
ob sie im entsprechenden Umfang von ihrer üblichen Tätigkeit freigestellt werden.
Gegen zu viel Harmonie im Team
Jeder Projektleiter wünscht sich, dass in seinem Projektteam die „Chemie“ stimmt und
man harmonisch zusammenarbeiten kann. Dieser Wunsch ist verständlich, aber nicht im-
mer sinnvoll. Spannungen, die sich aus der Problemstellung ergeben oder aus gegensätzli-
chen Interessenlagen verschiedener Organisationseinheiten entstehen, sind grundsätzlich
nicht etwas Schlechtes. Sie können im Gegenteil im Projektteam als Chance für eine Klä-
rung genutzt werden.
Probleme, die während der Projektbearbeitung umgangen oder auf die lange Bank ge-
schoben werden, holen einen später in viel dramatischerer Weise wieder ein. Dramatisch
deshalb, weil mit zunehmendem Projektfortschritt der finanzielle und zeitliche Anpas-
sungsaufwand überproportional zunimmt, um solche „Fehler“ zu korrigieren.
I
Wir Autoren empfehlen Projektleitern:Sparen Sie Ihr Harmoniebedürfnisfür den
Feierabend auf und holen Sie Kritiker und Querdenker in Ihre Teams. Fordern
Sie frischen Wind und Realitätsnähe in der Projektarbeit! Dabei ist zu bedenken,
dass Sie sich und die anderen Projektteammitglieder damit nicht überfordern.
Wenn das richtige Maß fehlt, wird die Arbeit zu stark blockiert. Anstelle von Ge-
winnern resultieren Verlierer.
388
4
Team
4.1.14
Einflussfaktoren für die erfolgreiche Zusammenarbeit
Projekte sind durch Einzelleistungen nicht zu bewältigen. Jeder Auftraggeber muss für
sein Projekt ein Team zusammenstellen können, welches die Herausforderungen gemein-
sam erfolgreich meistert. Deshalb ist es wichtig für die Projektverantwortlichen, den
Teamerfolg nicht dem Zufall zu überlassen, sondern unterschiedliche Einflussfaktoren
zu kennen und zu nutzen, die auf die Zusammenarbeit in Teams einen positiven Einfluss
haben.
4.1.14.1
Belbin Teamrollen
In Abschn. 4.1.10 wird ausgeführt, wie wichtig klar definierte und vereinbarte Rollen
für die Projektarbeit sind. Dieser Definitionsprozess kann durch die Belbin Teamrollen
sehr gut unterstützt werden. In Abschn. 3.10.2.1 ist das Konzept der Belbin Teamrollen
grundsätzlich vorgestellt. In diesem Abschnitt geht es darum, dieses als Erfolgsfaktor der
Zusammenarbeit zu nutzen.
Nicht erfolgreiche Teams: Unausgeglichen in den Teamrollen
In den Management-Spielen von Belbin hätte erwartet werden können, dass die Teams,
welche sich aus den Menschen mit dem höchsten Intellekt zusammensetzten, auch am bes-
ten abschnitten. Aber das bestätigte sich in diesem Experiment nicht. Diejenigen Teams,
welche über den höchsten individuellen Intellekt verfügten, konnten ihr Potenzial nicht
ausschöpfen und waren von Rollenkonflikten gebeutelt (Bergander 2008).
Erfolgreiche Teams: Optimale Balance der Teamrollen
Am erfolgreichsten sind nach Belbin diejenigen Teams, die in den Teamrollen optimal
ausgeglichen sind: Es wäre ein großer Verlust für das Team, wenn ein starker Macher
seine Qualitäten nicht mehr einbringen würde aus Angst, andere Personen zu verletzen.
Viel besser ist es, wenn diesem starken Macher ein starker Teamarbeiter zur Seite ge-
stellt wird, der sich für eine gute Teamatmosphäre einsetzt und dem das Wohlbefinden im
Team ein wichtiges Anliegen ist. Dieser Teamarbeiter hat sehr hohe kommunikative Kom-
petenzen, kann somit gut zuhören und vermitteln. Auch auf die Talente des Wegbereiters
kann kein Projektteam verzichten. Seine Beiträge zur Vernetzung und Kommunikation
sind wichtig. Aber er braucht einen Umsetzer, der die Ideen und Möglichkeiten wirk-
lich konkretisieren kann, ebenso einen Perfektionisten, der zuverlässig und gewissenhaft
Aufgaben von hoher Komplexität übernehmen kann. Es ist also der Verbund der unter-
schiedlichen Verhaltens-Cluster (Teamrollen), welcher es den Einzelnen erlaubt, sich mit
ihren Stärken einzubringen, der gleichzeitig sicherstellt, dass die jeweiligen Schwächen
durch die Stärken einer anderen Teamrolle wieder ausgeglichen werden.
Belbin Teambericht
Um diese Ausprägungen im gesamten Projektteam je Teamrolle zu erfassen, werden die
individuellen Teamrollen in einen Teambericht zusammengefasst. In Abb. 4.10 werden
4.1
Zusammenarbeit und Führung
389
MA = Mitarbeiter
MA 1
MA 2
MA 3
MA 4
Neuer MA
Abb. 4.10 Belbin Kompetenzgruppen. (Belbin Deutschland e.K./Bergander 2008)
die verschiedenen Mitarbeiter ihren am stärksten ausgeprägten Teamrollen zugeordnet. In
Bezug auf die Kompetenzgruppen bedeutet das:
Erledigen (Macher, Perfektionist, Umsetzer): Gut vertreten
Denken (Spezialist, Neuerer, Beobachter): Gut vertreten
Kommunizieren (Teamarbeiter, Koordinator und Wegbereiter): Nicht vertreten
Der Projektverantwortliche, der diesen Teambericht sieht, kann nun die aktuellen
Schwächen des Teams sofort erkennen. Im Bereich der internen und externen Kommu-
nikation werden in diesem Beispiel die Schwachstellen sein: Stakeholder-Management,
Konfliktmanagement oder auch die Abstimmung unter den Teammitgliedern werden mit
hoher Wahrscheinlichkeit vernachlässigt.
Blinder Fleck im Team
So wie jeder Mensch hat auch jedes Team einen blinden Fleck (Abschn. 3.9.7.1). Das ist
oft dadurch bedingt, dass sich Gleich und Gleich gerne verbindet: Wenn es darum geht,
ein Team zusammenzustellen, spielen Beziehung und Sympathie zu anderen Personen
eine wichtige Rolle. Wer ein starker Macher ist oder ein ausgeprägter Perfektionist, hat
390
4
Team
meistens mehr Sympathien zu seinesgleichen als zum konträren Gegenüber. Ist der
Projektleiter ein Macher, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er intuitiv eher Leu-
te in sein Team holt, die seinen Werten und Kompetenzen entsprechen. Diese werden
höchstwahrscheinlich der Kompetenzgruppe „Erledigen“ angehören. Für einen Macher
sind Sitzungen oder Kundenbesuche oft verschwendete Zeit. Die Aktion steht für ihn im
Vordergrund, während die Reflexion für ausgewogene Lösungsansätze (Denken) oder die
gut abgestimmte Kommunikation eher im Hintergrund steht. Dadurch entsteht ein Team,
welches in seinen Teamrollen unausgeglichen ist.
Was dem Team meist nicht bewusst ist, wird einer außenstehenden Person relativ
schnell klar, wenn sie darauf schaut, wie die Zusammenarbeit läuft, welche Arbeiten mit
welcher Priorität angegangen werden und welches Verhalten im Team belohnt oder sank-
tioniert wird. Somit hat auch jedes Team einen blinden Fleck, den es bewusst zu machen
gilt.
Unbewusste Ergänzung der Teamrollen
Wenn nun per Zufall ein starker Teamarbeiter in das Team käme, was würde dann mit
dieser Person passieren (Neuer MA Abb. 4.10)? Wahrscheinlich hätte diese Person einen
schweren Stand, weil sie nicht dem Selbstverständnis der Kompetenzgruppen „Erledigen“
und „Denken“ entspricht. Die Gefahr besteht, dass diese Person zum Ventil und der Pro-
jektionsfläche der Gruppe wird, weil sie durch ihre Andersartigkeit das aktuelle Gefüge
der Gruppe bedroht. Wenn diese Person also eine Aussprache möchte zu einer Konfliktsi-
tuation oder es ihr ein Anliegen wäre, die Regeln der Zusammenarbeit zu klären, wie es
im „Norming“ auch gemacht wird (Abschn. 4.2.3) dann besteht die Möglichkeit, dass ihre
Bedürfnisse nicht ernst genommen werden unter Begründungen wie: „. . . dafür haben wir
keine Zeit“, „wir müssen vorwärtskommen, nicht plaudern“.
Bewusste Ergänzung der Teamrollen
Ganz anders wäre die Situation, wenn sich der Projektleiter oder dem Team bewusst ist,
dass in den Teamrollen ein starkes Ungleichgewicht besteht und aktiv nach einer Person
gesucht würde, welche die brachliegende Kompetenzgruppe abdeckt. Den Beteiligten wie
auch der neuen Person wäre von Anfang an klar, dass sie eine Außenseiterrolle einnimmt
und gerade in dieser Andersartigkeit einen ganz wesentlichen Beitrag zu leisten hat für
das Team. Dass die neue Person damit in einer ersten Phase auch Irritation oder sogar
Widerstand auslösen wird, ist allen klar. Aber sie wird damit ganz anders umgehen, als
wenn die Teamrolle unbewusst ergänzt worden wäre.
Kommunikation, Konfliktmanagement und Verhandlungen
In diesen Ausführungen wird bewusst, dass das hohe Ideal von ausgeglichenen Team-
rollen in einem Projekt nur dann erreicht werden kann, wenn deren Nebenwirkungen
bewusst integriert werden: Wer alle Teamrollen besetzt, hat damit Menschen mit ganz
unterschiedlichen Charaktereigenschaften, Werten und Erwartungen im Team. Das wird
4.1
Zusammenarbeit und Führung
391
zwangsläufig zu unterschiedlichen Überzeugungen führen, was als Konsequenz wiederum
bedeutet: intensive Debatten, Streit und auch Konflikte.
Ein erfolgreiches, leistungsfähiges Team kann also keine „Wohlfühl-Oase“ sein. Viel-
mehr sind es gerade Debatten, Streit und Konflikte, welche immer wieder neu eine
Balance herstellen zwischen den positiven und negativen Eigenschaften der verschiedenen
Teamrollen. Damit das möglich ist, muss die Beziehungsebene in der Zusammenarbeit
(Abschn. 1.5) gut entwickelt sein. Dies bedeutet: hohe Kompetenzen der involvier-
ten Personen im Bereich der persönlichen Kommunikation (Abschn. 3.9), Rollenklä-
rung (Abschn. 4.1.10), Verhandlungsführung (Abschn. 4.3) und Konfliktmanagement
(Abschn. 4.4).
4.1.14.2
Projektkultur
In Abschn. 3.4.1 ist das Thema der kulturellen Prägung beschrieben. Nun wird der Fokus
auf die spezifische Projektkultur gelegt. Diese unterscheidet sich mehr oder weniger von
der Kultur der Stammorganisation. So gelten hier zum Teil andere Spielregeln, Prinzipien
und Werte bzw. Arten der Problemlösung als im Tagesgeschäft. Während in der Stamm-
organisation diese Kultur prägenden Elemente etabliert und nur schwer zu verändern sind,
können sie in der Suborganisation Projekt neu proirisiert, vereinbart und gelebt werden.
Man spricht dann von Subkultur.
Beispiel
Kulturprägende Elemente können sein:
Anbindung der Projektorganisation an die Stammorganisation (Abschn. 2.3.9.8).
Projektmanagement-Ansatz: agil, klassisch oder hybrid.
Führungsstil: von autoritär bis delegativ (Abschn. 4.1.13.2) oder kollegiale Führung
mit Selbststeuerung (Abschn. 4.1.12.7).
Persönliche Kommunikation (Abschn. 3.9) mit Aspekten wie „Ich- oder Du-Bot-
schaft“ oder dem Umgang mit Feedback.
Informations- und Kommunikationskonzept Abschn. 2.4.10 sowie Stakeholder-Ma-
nagement mit der formellen und informellen Kommunikation (Abschn. 2.3.5).
Definition des Gestaltungsspielraums und Festlegung der Entscheidungskompeten-
zen (A-K-V Abschn. 4.1.5).
Fehlerkultur und Umgang mit dem Scheitern (Abschn. 3.8.5).
Kreation des Projektnamens und Projektlogos.
Je nach Projektart können sich diese Elemente mehr oder weniger von der Stammorga-
nisation abheben. Je komplexer, je neuartiger ein Projekt ist, desto ausgeprägter wird sich
die Projektkultur von der Linienkultur unterscheiden. So ist die Kultur eines Standard-
projektes derjenigen der Stammorganisation in der Regel ähnlicher als diejenige eines
Potenzial- oder Pionierprojektes (Abschn. 1.2.1). Und umgekehrt: In einem speziellen
Projekt kann das Verhalten der Akteure durch eine besondere Kultur animiert werden.
392
4
Team
In einem Projektrahmen, der herausfordert, können auch herausragende Ergebnisse ent-
stehen.
Kulturgestaltung beeinflusst somit das Verhalten und ist indirekte Führung. Nur: die
Kulturdifferenz muss im Unternehmen vom Management gewollt sein und kommuni-
ziert werden, sonst kann das Projekt abgestoßen, d. h. nicht ernst genommen werden.
Kulturprägende Elemente müssen indessen nicht nur gewollt und formuliert, sondern
auch gelebt werden, was gerade am Anfang des Projektes eine große Herausforderung für
die Projektverantwortlichen ist. Da bietet sich der Startworkshop oder Kick-off an, an dem
die neuen Prinzipien und Regelungen vereinbart und eingespielt werden.
Neuartige Projektkulturen können auch eine wertvolle Erfahrung für zukünftige per-
manente Organisationen sein. So sind Scrum-Projekte Vorläufer für selbstgesteuerte Or-
ganisationen.
Was nicht funktioniert, sind eigentliche Kulturprojekte, also Projekte, bei denen die
Kultur des Unternehmens verändert werden soll. Projekte müssen immer einen „harten“
Projektgegenstand beinhalten. Die Kultur ist mitlaufend. Aber bei Change-Projekten
(Abschn. 1.4.4) ist es möglich, eine sich vorgestellte zukünftige Kultur im Projekt bereits
vorwegzunehmen und bei der Bearbeitung mitlaufend zu erleben und auszuprobieren.
4.1.14.3
Radical Collaboration
In der Projektarbeit wird die wirkungsvolle Zusammenarbeit der Teams immer mehr zur
Match entscheidenden Funktion, denn die technischen Probleme und der entsprechen-
de Informationsaustausch sind lösbar. Vor allem auch in zeitkritischen Projekten sind
hierarchie- und konkurrenzfreie Zusammenarbeitsformen nötig. Die Basis dazu sind
Zusammenarbeitskulturen mit vertrauensbasierten Arbeitsbeziehungen sowie hoher Rol-
lenflexibilität der Individuen innerhalb des Projektes, der Abteilungen oder Organisatio-
nen. Den Anforderungen entsprechend sind dadurch neue Teamkonstellationen schnell
möglich. Es zählen vor allem die Effizienz, Produktivität, Innovationskraft und Agilität
des Teams. Mit der Methode Radical Collaboration wird die Balance in diesen wech-
selnden Situationen am besten hergestellt. Das Prinzip dieses Ansatzes ist in Abb. 4.11
dargestellt. Die Frage ist, woran sich die Teammitglieder orientieren: An den eigenen Be-
dürfnissen oder an der Optimierung der Bedürfnisse der Gesamtgruppe? Wer sich nur
an seinen eigenen Bedürfnissen orientiert, hält sich in der „Red Zone“ auf. Daraus wird
ersichtlich, dass dieses Verhalten aus einer Team-Perspektive nicht zielführend ist. Das
Gegenteil wäre die Unterordnung der eigenen Bedürfnisse unter diejenigen der Kollegen.
Das hat zwar einen beruhigenden Effekt für die Gruppe, führt aber möglicherweise dazu,
dass die sich unterordnende Person die Gruppe nicht positiv unterstützt mit ihren Ideen
und Fähigkeiten. Deshalb ist es nicht effektiv und wird als die „Pink Zone“ (aus dem
Englischen für Parkverbotszone) bezeichnet. Das Optimum wird erreicht, wenn es den
Teammitgliedern gelingt, sich an den eigenen und fremden Bedürfnissen zu orientieren,
mit Fordern und Fördern den gemeinsamen Erfolg zu unterstützen („Green Zone“).
Dies bedeutet aber oftmals, wesentliche bisherige Zielsetzungen des eigenen Erfolges
neu zu definieren, also auch bisher als stark und eigenständig geltende Stärken und Attri-
4.1
Zusammenarbeit und Führung
393
Unterordnung
Pink
Zone
Green
Zone
Red
Zone
Orientierung an meinen Bedürfnissen
Orientierung an den Bedürfnissen des anderen
Abb. 4.11 Typologie des Individualverhaltens in Teams. (Abgeleitet aus einer Idee von www.
euforia.org, 2018)
Tab. 4.7 Transformation des Mindset
Red-Zone-Verhalten
Green-Zone-Verhalten
Weg von ...
– gewinnen
– absichern
– nicht Verlieren
– Kampfhaltung
– Recht haben
– nicht Blamieren
– Risiko vermeiden
– extrinsischer Motivation
– Arbeit ist mühsam, unangenehm
Hin zu ...
– Erfolg
– wachsen
– verbinden
– aufrichtig und freimütig
– kollaborieren
– Achtsamkeit
– Risiko eingehen
– intrinsischer Motivation
– Arbeit ist angenehm, lustvoll
bute neu zu deuten. Es erfordert ein anderes Denken und eine entsprechende Einstellung.
Radical Collaboration erfordert somit allenfalls einen anderen Mindset. Tab. 4.7 stellt die
Verhalten der „Red Zone“ und der „Green Zone“ einander gegenüber.
Der Ansatz der Radical Collaboration entstand in den achtziger Jahren in Kalifornien
und wurde vom Richter Jim Tamm initiiert. Die Firmen Bosch, Toyota, Nasa und vie-
394
4
Team
le andere internationale Konzerne richten Teile ihrer Organisationen heute entsprechend
neu aus. Dies sind vor allem Bereiche, in denen Innovation, technische Entwicklungen
und Kundenanforderungen gemeinsam und bereichsübergreifend zu realisieren sind. Die
Teamstrukturen orientieren sich primär an den Aufgaben und den Kompetenzen der Team-
mitglieder und nicht – wie bisher – an den Organisationsstrukturen und Hierarchien. Basis
des Ansatzes sind fünf zentrale Kernkompetenzen (Tamm und Luyet 2005):
1. Kollaborative Absicht: Persönlicher Erfolg ist nicht die Maxime. Der Fokus liegt auf
gemeinsamen Vorteilen und gemeinsamem Erfolg.
2. Aufrichtigkeit: Aufbau einer ehrlichen und offenen Beziehung, in der sich das Indivi-
duum sicher genug fühlt, auch schwierige Themen ansprechen zu können.
3. Selbstverantwortung für das eigene Tun und Handeln.
4. Selbstbewusstsein: Sich selbst und andere gut genug kennen, um schwierige zwischen-
menschliche Probleme einzuordnen und Probleme zu lösen, auch in neuen Konstella-
tionen.
5. Problemlösung und Verhandlung: Anstehende Konflikte verhandeln und die einzel-
nen Interessen herausarbeiten. Gestärkt aus geklärten Beziehungen agieren können.
Radical Collaboration beschreibt somit nur die grundlegenden Team- und Führungs-
voraussetzungen, welche notwendig sind, damit das Konzept der kollegialen Führung und
der Selbststeuerung im agilen Ansatz funktionieren kann. Natürlich leistet die Radical
Collaboration auch einen wertvollen Beitrag im klassischen Projektmanagement.
4.1.14.4
Multikulturelle Zusammenarbeit
Globalisierung fordert multikulturelle Projektteams
Multikulturelle Projektteams sind heute die Regel und nicht mehr die Ausnahme. In dieser
Arbeitsanlage prallen unterschiedliche kulturelle Prägungen aufeinander (Abschn. 3.4).
Dies stellt an die Gestaltung der Beziehung in der Zusammenarbeit zusätzliche Anfor-
derungen (Abschn. 1.5): In jedem Kontakt erleben wir uns in Gemeinsamkeiten und in
Unterschieden, sei es in Bezug auf die verbale oder non-verbale Kommunikation, unser
Verhalten in Konfliktsituationen oder unter Stress, oder in den Strategien der Problemlö-
sung.
Aufgrund von unserer eigenen kulturellen Prägung, unseres Wertesystems und
Menschen- resp. Weltbildes generieren wir bewusste und unbewusste Erwartungen
an unsere Umwelt und an unsere Mitmenschen. Wenn wir da mit einem Unterschied
konfrontiert sind, weil ein Mensch ein anderes Verhalten zeigt als jenes, welches wir
erwarten würden, reagieren wir irritiert. Genau dies passiert in der multikulturellen Zu-
sammenarbeit. Hier sind wir immer wieder neu mit Verhaltensweisen anderer Menschen
konfrontiert, die für uns ungewohnt und unerwartet sind.
Natürlich sind nicht nur die Projektteams multikulturell, sondern auch die Märkte und
die Kunden. Die allerwenigsten Firmen können noch von einem monokulturellen Kunden-
4.1
Zusammenarbeit und Führung
395
Tab. 4.8 Monochrone und polychrone Planungsstile
Monochron
Polychron
Bevorzugt es, eins nach dem anderen zu ma-
chen
Fühlt sich gut, mehrere Projekte gleichzeitig zu
bearbeiten
Ist fokussiert auf exakte Planung. Vermeidet
Unterbrechungen
Ist gut im Improvisieren, lebt mit ständigen
Unterbrechungen
Glaubt an Zahlen und Fakten
Jongliert mit Zahlen und Fakten
Pünktlichkeit und Termine werden ernst ge-
nommen
Pünktlichkeit und Termine werden flexibel
gehandhabt
Regeln werden beachtet
Regeln werden umgangen
Sache vor Beziehung
Beziehung vor Sache
stamm leben. Es geht darum, in interregionalen oder internationalen Märkten und damit
auch in unterschiedlichen Kulturen erfolgreich sein zu können. Projektorganisationen, die
zu einer konstruktiven multikulturellen Zusammenarbeit nicht fähig sind, werden auch
nicht in der Lage sein, mittel- und langfristig an den immer stärker vernetzten Märk-
ten teilzuhaben. Damit muss die multikulturelle Zusammenarbeit nicht als Hemmnis oder
Problemquelle gesehen werden, sondern als absolute Grundvoraussetzung für den zukünf-
tigen Erfolg.
Monochrone und polychrone Organisationskulturen
(Organisations-)Kulturen können über unterschiedliche Kategorien differenziert werden.
Ein Ansatz liegt in der Unterscheidung der Planungs- und Organisationsstile. In den Ex-
tremen können diese tendenziell nach monochronen oder polychronen Kriterien geprägt
sein. Die Tab. 4.8 stellt die beiden Ansätze einander gegenüber (Zaninelli 2005).
Natürlich handelt es sich dabei um Extreme der monochronen und polychronen Aus-
prägungen. Aber die Unterschiede haben, je nach Ausprägung, einen wesentlichen Ein-
fluss auf die Zusammenarbeit. Mittel- und Nordeuropa und die angelsächsischen Kulturen
werden eher dem monochronen Planungs- und Organisationsstil zugeordnet. Der romani-
sche, hispanische und von der Tendenz her auch der russische und arabische Kulturraum
sind dagegen stärker durch den polychronen Arbeitsstil beeinflusst.
Beispiel
Was bedeuten diese Unterschiede für die Projektarbeit? Je mehr die Mitglieder einer
Projektorganisation polychron geprägt sind, desto wichtiger ist es, in die Entwicklung
der Beziehungsebene zu investieren resp. dieser Raum zu lassen. Polychron bedeutet
nicht, dass der Arbeitsinhalt nicht relevant sei. Vielmehr geht es darum, dass zuerst ein
Bezug und eine Vertrauensebene entwickelt werden müssen, bevor man sich der Sa-
che widmen kann. Während die monochrone Kultur in Regeln einen Nutzen sieht und
diese auch beachtet, werden diese im polychronen Ansatz eher hintergangen. Auch die
Pünktlichkeit an Sitzungen und das Einhalten von Terminen können oft ein Zankapfel
werden: Monochron werden diese ernst genommen, polychron eher als Referenzpunkt
beachtet.
396
4
Team
Ziel
1.
2.
3.
Start
Monochron
Wahrheit
Wirklichkeit
Ziel
Polychron
Start
Abb. 4.12 Monochrone und polychrone Kultur
In Abb. 4.12 sind die Unterschiede zwischen den beiden Planungsstilen grafisch darge-
stellt. Die monochrone Kultur ist geprägt durch ein strukturiertes, sequenzielles Vorgehen.
Demgegenüber ist die polychorone Organisationsform sehr viel mehr „agil“ unterwegs
und passt seine Vorgehensweise immer wieder der aktuellen Situation an. Die Darstel-
lung lässt sich gut in einen Bezug setzen zum mechanistischen und systemischen Weltbild
in Abschn. 1.6.4: Monochron ist eher mechanistisch geprägt und orientiert sich an der
„Wahrheit“, während polychron eher systemisch geprägt ist und sich an der konstruierten
„Wirklichkeit“ orientiert.
Chancen und Gefahren monochroner und polychroner Organisationskulturen
Die meisten von uns fühlen sich mit der einen oder anderen Ausprägung mehr vertraut.
Und damit verbunden ist wohl auch die Überzeugung, welche Ausprägung die bessere ist.
Oben ist ausgeführt, dass beiden Kulturen große geografische Gebiete und Wirtschaftsräu-
me zugeordnet werden. Das bedeutet für alle international ausgerichteten Unternehmen,
dass sie zumindest mit unterschiedlichen Kulturen bei ihren Kunden umgehen können
müssen. Oft werden sie, um wirklich erfolgreich sein zu können, die kulturelle Prägung
eines Zielmarktes – zumindest zum Teil – auch verinnerlichen müssen. Damit kann man
nicht im „Entweder-oder“ verharren, sondern es gilt, das „Sowohl-als-auch“ zu erschlie-
4.1
Zusammenarbeit und Führung
397
Tab. 4.9 Chancen und Gefahren monochroner/polychroner Organisationskulturen
Monochron
Polychron
Chancen
Zuverlässig in Bezug auf Sachverhalte
Zuverlässig in Bezug auf Beziehungen
Reibungslose Abläufe
Flexibles Sich-Einstellen auf veränderte
Bedingungen und Störfaktoren
Gut im Erstellen und Durchführen von
Plänen
Gut im Jonglieren von Unerwartetem
Gefahren
Wenig Kontakt zu einer sich vielleicht
verändernden Realität
Kann durch ständiges Einbeziehen sich
ändernder Umstände chaotisch sein
Im Extremfall starr und unflexibel
Projekte können versanden
Kann zur Vernachlässigung der Bezie-
hungsebene führen
Zeit und Termine schwer kalkulierbar
ßen, wie unten noch detaillierter ausgeführt ist. Beide Ansätze bergen Chancen und Ge-
fahren, wie Tab. 4.9 darstellt (Zaninelli 2005).
Haltung und Einstellung
Für Gruppen oder Menschen, welche die Extreme leben, bergen diese unterschiedlichen
Ausprägungen auch ein wesentliches Konfliktpotenzial. Damit Zusammenarbeit gelingen
kann, müssen alle involvierten Personen gegenüber anderen Kulturen eine offene Grund-
haltung entwickeln, die es ihnen erlaubt, auch bei ungewohntem Verhalten des Gegenübers
Wertschätzung zu zeigen. Dies kann gelingen, wenn in der Kommunikation zwischen
Wirkung und Wertung unterschieden wird. Wer verbale oder non-verbale Signale als
Wertung seiner selbst oder einer Situation wahrnimmt, fühlt sich schnell angegriffen oder
verletzt, was dann zu Konflikten eskalieren kann. Deshalb brauchen multikulturelle Pro-
jektteams auch hohe Kompetenzen in Bezug auf das Konfliktmanagement.
Schließlich müssen die involvierten Personen auch hier in der Lage sein, sich in ihrem
Denken aus einer Haltung des „Entweder-oder“ in die des „Sowohl-als-auch“ zu entwi-
ckeln. Die Komplexität und die Dynamik, in welcher sich Projektteams bewegen, lassen
es nicht mehr zu, dass die Arbeit mit starren Denkmustern, Normen und Vorgaben bewäl-
tigt werden kann. Vielmehr sollen Projektteams lernen, sich zwischen den Polaritäten und
Gegensätzen zu bewegen, wie dies in Tab. 4.10 dargestellt ist.
Es gibt Projektsituationen, in welchen Kreativität und Vertrauen absolut im Mittelpunkt
stehen müssen. Später können im selben Projekt Disziplin und Kontrolle im Vordergrund
stehen. Einmal steht die Wertschöpfung im Vordergrund, ein anderes Mal die Wissens-
schöpfung. Mal werden die Entscheide auf empirischen Bewertungen abgestützt und in
einer anderen Situation sollen eigenständige Schlussfolgerungen gezogen werden. Auch
das Wertequadrat in Abschn. 4.4.11.8 liefert gute Ansätze, wie mit Polaritäten umgegan-
gen werden kann.
398
4
Team
Tab. 4.10 Umgang mit Polaritäten
Beständigkeit
, Innovation
Disziplin
, Kreativität
Kontrolle
, Vertrauen
Arbeiten im System
, Arbeiten am System
Wissensschöpfung
, Wertschöpfung
Eigenständige Schlussfolgerungen
, Empirische Bewertung
Schnelles Handeln
, Gründliches Analysieren
Mechanistisches Weltbild
, Systemisches Weltbild
Reflektierte persönliche Wahrnehmung
In der multikulturellen Zusammenarbeit werden immer Unterschiede in den individuellen
Erwartungshaltungen offenbar. Damit ist von den Betroffenen ein hoher Grad an Selbstre-
flexionsfähigkeit gefordert. Die Projektbeteiligten müssen sich immer wieder neu bewusst
machen, dass die persönliche Wahrnehmung selektiv ist und auf einer individuellen Be-
wertung beruht. Es gilt aber auch, sich der Außenwirkung des persönlichen Handelns
bewusst zu sein (Abschn. 3.10.2). Wer sensibilisiert ist auf seine Außenwirkung, kann
Schritt für Schritt lernen, sein Verhalten möglichst flexibel an die aktuelle Situation anzu-
passen.
Kulturelles Wissen
Der Projektleiter braucht ein Grundverständnis über die Kultur, mit der er konfrontiert ist
oder sein wird. Es geht darum, sich der erwarteten Gesten sowie der Bedeutung von Ritua-
len und Zeremonien bewusst zu sein, Tabus vorzubeugen oder auch religiöse Rahmenbe-
dingungen zu kennen. Dies braucht Neugier und auch die Offenheit, sich auf Unbekanntes
einzulassen.
Sprach- und Kommunikationskompetenz
Englisch hat sich in den meisten multikulturellen Projektteams als die Arbeitssprache eta-
bliert. Oft ist dies aber nur für wenige die Muttersprache, manchmal auch für niemanden.
Wenn sich einzelne oder mehrere Teammitglieder nicht in ihrer Muttersprache ausdrücken
können, braucht es vor allem ein hohes Maß an gegenseitiger Toleranz in der verbalen
Kommunikation. Wer da jedes Wort auf die Goldwaage legt, wird es schwierig haben.
Vielmehr geht es darum, dass sich alle Personen bewusst sind über die Fehleranfälligkeit
des Kommunikationsprozesses, vom Codieren bis zum Decodieren. Das beste Hilfsmittel,
um Irritationen und Missverständnisse zu vermeiden, ist im direkten Gespräch das aktive
Zuhören und natürlich regelmäßiges Feedback.
Führungskompetenz
Im klassischen Projektmanagement braucht es ein Bewusstsein dafür, welche Führungssti-
le in einer bestimmten Kultur überhaupt anwendbar sind. Im agilen Ansatz ist es wiederum
4.1
Zusammenarbeit und Führung
399
wesentlich, darauf sensibilisiert zu sein, wie unterschiedliche Personen an die Selbststeue-
rung herangeführt werden können. Diese Kompetenzen helfen über viele Problemsituatio-
nen in einem multikulturellen Projektteam hinweg.
Beispiel
Wie kann ich überzeugen?
Wie sind Sitzungen zu planen in Bezug auf Erwartungen, Vorbereitung, Agenda,
Leitung, Konsensfindung, Pünktlichkeit oder Sprache?
Wer ist dabei und wie steht es mit Aspekten wie Arbeitsethik, Qualifikation und
Networking im anderen Kulturkreis?
Verhandlungsführung
Gerade im asiatischen Raum gelten ganz andere Gesetze in Verhandlungsgesprächen. Die
Methoden der Entscheidungsfindung sind für Westeuropäer manchmal etwas ungewohnt.
Allzu direktes Vorgehen kann rasch zu einem Gesichtsverlust führen. Die Projektverant-
wortlichen sind auf genaue Kenntnisse angewiesen, welche Verhandlungsmethoden wann
zur Anwendung kommen können, welcher Einstieg bzw. Abschluss Erfolg versprechend
ist und wer Sitzungen grundsätzlich leiten soll. Mehr dazu unter Abschn. 4.3.
Beispiel
Der westliche Kommunikationsstil ist eher charakterisiert durch Direktheit, „auf den
Punkt bringen“, einen klaren Standpunkt einnehmen, vorwiegend verbal. Der asiatische
Kommunikationsstil ist eher subtil, zirkulär, den Kontext ausleuchtend, vorwiegend
nonverbal. Wir Westler haben hier meistens noch unsere Vorurteile und interpretie-
ren: Wir sind direkt, offen, ehrlich, die andern reden um den Brei herum. Durch die
positive Interpretation sind die Asiaten aber im Trend: Ihr Kommunikationsstil wird
heute dem modernen Management empfohlen. Diese Unterschiedlichkeit muss in ei-
nem Projektteam transparent gemacht werden. Wenn das gelingt, kann ein derartiges
Team komplexere Probleme bearbeiten als ein Team, das nur einen Kulturkreis reprä-
sentiert.
In multikulturellen Projektteams ist es daher wichtiger, dass sie nicht nur virtuell
zusammenarbeiten. Die volle Nutzung dieser Ressourcen kann nur durch gelegentliche
„Face-to-face“-Sequenzen realisiert werden. Besonders beim Projektstart ist eine „physi-
sche“ Begegnung fast unabdingbar.
4.1.14.5
Mit virtuellen Teams effektiv kommunizieren
Virtuelle Teams bestehen aus Personen, welche über die ganze Welt verteilt sind. Sie be-
finden sich in verschiedenen Zeitzonen, sprechen unterschiedliche Sprachen und haben
unterschiedliche kulturelle Prägungen. Die Kommunikation zwischen den Projektmitglie-
dern ist eine Herausforderung und findet häufig asynchron und mit digitalen Kommunika-
tionstechnologien statt.
400
4
Team
Damit die Kommunikation gelingt, empfiehlt es sich, dass sich die Projektmitglieder
sporadisch persönlich treffen und austauschen. Dieser persönliche Austausch hilft, Blo-
ckaden und Hemmnisse abzubauen und erlaubt Nähe zwischen den Projektmitgliedern
(Abschn. 1.5.2). Dies wird die weitere Kommunikation effektiv fördern. Weiter muss ge-
klärt und festgelegt werden, mit welchen Kommunikationstechnologien (E-Mail, Chats,
Telefon-/Videokonferenzen usw.) und Collaboration-Tools zusammengearbeitet wird.
4.1.14.6
Organisationsaufstellungen
Mit Organisationsaufstellungen können auf eine einfache und effiziente Art und Wei-
se verborgene Wirkungsmechanismen, verdeckte Beziehungen, systemische Hinter-
grunddynamiken oder unerkannte Muster sichtbar gemacht werden. Aus Organisa-
tionsaufstellungen können wertvolle Impulse und Erkenntnisse für die Organisations-,
Team- und Personalentwicklung in Projekten gewonnen werden.
Was ist eine Organisationsaufstellung?
„Organisationsaufstellungen bieten einen neuen und andersartigen Ansatz, der sich durch
eine Denkhaltung auszeichnet, die ihren Fokus auf Lösungen legt. Außerdem werden
Systemzusammenhänge berücksichtigt sowie Geschäfts- und Arbeitsbeziehungen mitein-
bezogen. Auch die Art und Weise, wie man zu Ergebnissen kommt, geht neue Wege. Mit
räumlichen und visuellen Eindrücken sowie sprachlichen und körperlichen Ausdrucksfor-
men entsteht ein komplexeres Bild. Durch Organisationsaufstellungen werden komplexe
Zusammenhänge sichtbar und verständlich gemacht und erklärt. Dies hilft, Beziehungen
der Menschen in Organisationen zu verbessern und macht es leichter, die Haltungen der
einzelnen Personen zu verändern. Eine wertvolle Unterstützung sind Organisationsaufstel-
lungen auch dann, wenn es um die bessere Zusammenarbeit von Menschen verschiedener
Kulturen geht. So können durch diese Form der Aufstellung beispielsweise die Konflikte
zwischen Organisationseinheiten oder Projektteams in verschiedenen Ländern nachge-
stellt und somit die wirkenden Verhaltensdynamiken auf einer tieferen Bewusstseinsebene
verstanden werden. Das sogenannte ,Bauchgefühl‘, die intuitive Wahrnehmung bzw. das
,innere Wissen‘, lässt sich durch die Aufstellung überprüfen, indem es im Außen in sicht-
bare Bilder übersetzt wird. Auf dieser Basis können Führungskräfte und Projektleiter mehr
Sicherheit für ihre Entscheidungen gewinnen und die ihnen zugrunde liegenden Haltungen
effektiv überprüfen“ (Klein und Limberg-Strohmaier 2012, S. 40).
Was passiert in einer Organisationsaufstellung?
„In Systemaufstellungen werden mit Hilfe von Stellvertretern bzw. Repräsentanten – eine
Art Rollenspiel – Aspekte einer komplexen Situation im Raum dargestellt. Dabei kommt
es in doppelter Hinsicht zu einer Klärung: Einerseits wird die Situation visualisiert – in
Szene gesetzt – und andererseits lassen sich sukzessive kreative Lösungsoptionen heraus-
arbeiten“ (Rosselet und Senoner 2010, S. 20).
Die Repräsentanten dienen als Resonanzkörper für das implizite Wissen. Das implizi-
te Wissen ist zwar vorhanden, aber es ist einer bewussten Reflexion nicht ohne Weiteres
4.1
Zusammenarbeit und Führung
401
zugänglich. Die ausgewählten Repräsentanten haben von Vorteil keine Beziehung zur auf-
stellenden Person und zum Thema der Systemaufstellung. Dadurch wird sichergestellt,
dass diese Personen unvoreingenommen an die Aufstellung herangehen. Eine Aufstellung
wird meist mit einer Personengruppe in der Größe von fünf bis 15 Personen unterstützt.
Sollen die verborgenen Wirkungsmechanismen in einem Team für das ganze Team visua-
lisiert werden, so kann auch direkt mit den betroffenen Personen des Teams gearbeitet
werden.
Ablauf einer Organisationsaufstellung
Ein Product Owner, Scrum Master, Projektleiter oder ein anderer Entscheidungsträger hat
eine Fragestellung, ein Ziel oder ein Thema, welches er vertieft anschauen und zu dem er
neue Erkenntnisse für mögliche Handlungsfelder gewinnen möchte. Zum Beispiel möchte
ein Projektleiter die Dynamik seines Projektteams analysieren und die Gründe für einen
unterschwellig laufenden Konflikt herausfinden.
Der Aufstellungsleiter wird zusammen mit dem Projektleiter in einem ersten Schritt
das Ziel der Aufstellung und die daraus abgeleiteten Fragestellungen besprechen. Ge-
meinsam mit dem Projektleiter wird er weiter die Repräsentanten für die Aufstellung
bestimmen. Der Projektleiter wählt intuitiv die Repräsentanten aus einer Personengruppe
aus und stellt diese nach seinem Bauchgefühl im Raum auf. Dadurch werden die Bezie-
hungsstrukturen des Projektteams visualisiert. Das Anfangsbild spiegelt normalerweise
die aktuelle Situation des aufgestellten Projektteams wider. Daraus können bereits die
ersten Rückschlüsse gezogen werden. Der Aufstellungsleiter wird nun gezielt Interventio-
nen herbeiführen, z. B. Repräsentanten umstellen oder weitere Elemente (Repräsentanten)
in die Aufstellung holen. Bei jeder Intervention beobachten Aufstellungsleiter, Repräsen-
tanten und Projektleiter, wie sich die Intervention auf das aufgestellte System auswirkt
und welche Veränderungen sichtbar werden. Aus diesen Erkenntnissen lassen sich Ent-
wicklungspotenziale und Lösungswege identifizieren. Dadurch können verborgene oder
verdeckte Themen visualisiert werden, welche dem analytischen Verstand alleine verbor-
gen bleiben.
Eine Organisationsaufstellung dauert eine bis eineinhalb Stunden. Das Verfahren der
Systemaufstellung ist effektiv, schnell und unkonventionell.
Für einen Product Owner, einen Scrum Master oder einen Projektleiter empfiehlt es
sich, für eine Organisationsaufstellung einen außenstehenden Aufstellungsleiter hinzuzu-
ziehen, welcher nicht Teil des zu betrachtenden Systems ist.
Anwendungsmöglichkeiten von Organisationsaufstellungen im Projektumfeld
Für Organisationsaufstellungen gibt es im Projektumfeld eine Vielzahl von Anwendungs-
möglichkeiten(in Anlehnung an Weber: Basics des Aufstellens von Organisationen und
Arbeitsbeziehungen, Grundlagen und Vorgehensweisen in Weber und Rosselet (2016),
Organisationsaufstellungen – Grundlagen, Settings, Anwendungsfelder):
402
4
Team
Strukturelle „Klemmen“ sichtbar werden lassen und analysieren
– Strukturelle Widersprüche in der Projekt- oder Stammesorganisation
– Unklare Organisationsstrukturen, z. B. unpassende Zuordnung von Kompetenz- und
Aufgabenbereichen
– Unklare Rollenzuordnungen und Rollenbeschreibungen
– Sichtbarmachen verdeckter Interessen und Ansprüche von Stakeholdern
– Bei mangelhafter Kommunikation und Koordination
Maßnahmen vorbereiten und begleiten (Analyse und Probehandeln)
– Zielfindungsprozesse, Ausrichtung des Projektes
– Antizipieren von Auswirkungen möglicher Maßnahmen in der Entwicklung von Or-
ganisationen, Teams, Projektgruppen usw.
– Vorbereitung von Verhandlungen
Personalentscheidungen und Personalentwicklung vorbereiten
– Personalauswahl
– Besetzung von Schlüsselpositionen im Projekt
– Im Rahmen von Personalentwicklungsmaßnahmen
– Wie kommt jemand in der Projektorganisation in seine Kraft
Leitungsqualität und Führungsverhalten überprüfen
– Adäquate Besetzung und adäquates Ausfüllen von Leitungsfunktionen im Projekt
Sinnstiftende Hypothesen erzeugen und Lösungen in konfliktreichen Beziehungssitua-
tionen fördern
– Ursachen und Lösungswege bei Konflikten
– Mangelnde Achtung und Würdigung
– Koalitionsbildung und Triangulierung
– Kontextvermischung zwischen privatem und geschäftlichem Bereich
– Angemaßtes Verhalten und Verweigerung
– Nicht eingenommene Plätze, nicht in Anspruch genommene Projektrollen, innere
Kündigung, Tendenz, sich zurückzuziehen
– Ausklammerung, Mobbingdynamik
Projektkultur und Arbeitsklima
– Das Energieniveau des Projektes
– (De-)Motivationen, Boykottierungen
– Gemeinschaftsgefühl, Zusammenhalt
– Hintergründe und Zusammenhänge für anhaltende Mitarbeiterfluktuation oder ho-
hen Krankenstand
Informationen über fehlenden Rückhalt und mangelnde Unterstützung gewinnen
Projektorganisationen (Mitarbeiter) auf Aufgaben, Ziele und Kunden ausrichten
Bei Entscheidungsfindungen unterstützen
Diese und weitere Anwendungsmöglichkeiten gelten natürlich auch außerhalb der Pro-
jektarbeit in allen Fragen der Organisations- und Personalentwicklung.
4.2
Dynamik in Teams
403
4.2
Dynamik in Teams
Ob wir agil oder klassisch unterwegs sind, nach B. Tuckman durchläuft jedes Team in
einer jeweils spezifischen Form bestimmte Phasen eines Teamentwicklungsprozesses. Für
die fünf in Abb. 4.13 dargestellten Phasen haben sich die englischen Begriffe etabliert:
Forming, Storming, Norming, Performing und Adjourning. Jede dieser Phasen beinhaltet
spezifische Herausforderungen, Chancen und auch Gefahren, die nachfolgend beschrieben
sind (Gellert und Nowak 2007, S. 192 ff.).
4.2.1
Forming: Orientierung
In Teams, welche neu zusammengestellt werden – wie bei einem Projekt Kick-off –,
herrscht zu Beginn eine mehr oder weniger starke Unsicherheit. Die Mitglieder der Grup-
pe fragen sich, was da genau auf sie zukommt, welches die persönliche Rolle sein wird,
welche Spielregeln eingehalten werden müssen oder auch wer die anderen Teammitglie-
der sind und wie diese die Aufgaben anpacken werden.
Arbeitsgruppe
Entwickelte Gruppe
Wandel
Spitzenteam
Leistungsfähigkiet
Teamentwicklung
Adjourning
Abschied und
Trennung
Projektreview
Erfolge
Ungleichzeitigkeit
hoch
klein
Forming
Orientierung
Öffnung
Zugang
Sicherheit
Storming
Auseinander-
setzung
Regeln
Standfestigkeit
Aufmerksamkeit
Kommunikation
Norming
Vertrautheit
Raum geben
Grenze bewahren
Festhalten an
Zielen
Performing
Arbeit im System
Beraten
Controlling
Selbstüberschät-
zung erkennen
Konflikt
Gefahr der
Umkehr
Gefahr eines
Konflikts
Abb. 4.13 Fünf Entwicklungsphasen von Teams nach Tuckman
404
4
Team
Entsprechend ihren persönlichen Charaktereigenschaften verhalten sich die Teammit-
glieder in dieser Phase ganz unterschiedlich: Die einen sind neugierig und erwartungsvoll,
andere sind eher zurückhaltend oder skeptisch.
Die Forming-Phase ist gekennzeichnet durch höfliches, zurückhaltendes und eher di-
stanziertes Verhalten der Mitglieder. Es existiert noch kein Team im eigentlichen Sinne.
I
Die wichtigsten Aufgaben für die Teamentwicklung in dieser Phase sind:
Öffnung: Die Projektverantwortlichensollen Rahmenbedingungen schaffen
undInterventionen durchführen,welche den einzelnen Gruppenmitgliedern
erlauben, sich kennenzulernen und Vertrauen zueinander zu entwickeln.
Zugang: Zugang finden zum inhaltlichen Projektziel. Je nach Auftrag geht
es darum, die Bereitschaft zu erreichen, sich auf etwas Neues einlassen zu
können.
Sicherheit: Um die Unsicherheit abzubauen, ist so gut wie möglich die Ar-
beitsfähigkeit herzustellen. Dazu gehört es, die Projektorganisation mit den
jeweiligen Rollen (agil oder klassisch) zu klären, Berichtswege und Informati-
onsfluss festzulegen oder auch die ganze Dokumentenverwaltung zu erläu-
tern. Das hilft den Einzelnen, sich in dieser ersten Phase zurechtzufinden.
Die sorgfältige Vorbereitung und Durchführung des Kick-offs leistet einen wertvol-
len Beitrag, gut mit den Herausforderungen in dieser ersten Phase der Teamentwicklung
umzugehen.
4.2.2
Storming: Auseinandersetzung
Nachdem sich ein Team durch das Forming gebildet hat, beginnt die Arbeit an den in-
haltlichen Zielen und Aufgaben. Die Arbeit im System steht im Vordergrund, das System
selber mit der Beziehungs- und Organisationsebene ist meist noch schwach ausgeprägt.
Die Teammitglieder legen nun die ursprüngliche Zurückhaltung ab und zeigen sich of-
fener in ihren persönlichen Charakterzügen. Nachdem im Forming die Teamstruktur auf
der formellen Ebene über das Organigramm oder die Rollenzuschreibungen geregelt wur-
de, muss sich das Team nun auch auf der informellen Ebene finden. Diese Phase kann
recht unproblematisch sein, wenn sich die Teammitglieder schon kennen und die Team-
entwicklung schon in anderen Projekten durchlaufen haben. Sind aber Friktionen und
Animositäten aus einer vorhergehenden Zusammenarbeit noch immer nicht gelöst, fordern
(neue) Teammitglieder die formelle oder informelle Teamorganisation heraus. Oder eine
übergeordnete Stelle delegiert einen Konflikt in das Projekt (Abschn. 4.4.2). Dann kommt
es in dieser Phase zu Auseinandersetzungen und Konflikten. In der Storming-Phase ist die
Gruppe geprägt von einer gespannten Erwartungshaltung und der Hoffnung auf eine gute
Zusammenarbeit. Gleichzeitig ist dieses junge Team noch sehr störungsanfällig.
4.2
Dynamik in Teams
405
I
Die wichtigsten Aufgaben im agilen und klassischen Projektmanagement sind:
Regeln: Die am Kick-off festgelegten Regeln werden nun vom Team auf ihre
Stabilität ausgetestet. Die Projektverantwortlichen müssen ein wachsames
Auge dafür haben, welche Regeln der Zusammenarbeit wirkungsvoll sind
und wo auch noch Verbesserungen wahrgenommen werden können.
Standfestigkeit:Die Teammitglieder prüfen in dieser Phase die unterschied-
lichen Rollen und Gremien (agil oder klassisch) auf ihr Durchsetzungsver-
mögen und ihre (Sach-)Kompetenz. Sie werden vermehrt mit Fragen und
manchmal auch mit Angriffen konfrontiert. Hinter diesem Verhalten steckt
auch das Grundbedürfnis nach sozialer Anerkennung in der Gruppe. Eine gu-
te Gelassenheit und Standfestigkeit werden den Verantwortlichen in dieser
Phase helfen, die persönliche Rolle in der Gruppe zu festigen.
Aufmerksamkeit: In dieser Phase spielt die Gruppendynamik auf mehreren
Ebenen. Nicht alles muss thematisiert und bearbeitet werden. Aber überall
da, wo die Arbeitsfähigkeit des Teams beeinträchtigt wird, müssen Scrum
Master oder Projektleiter intervenieren. Hilfestellung bietet dafür das Kon-
fliktmanagement oder der Umgang mit Widerstand.
Kommunikation: Um diese Phase gut zu meistern, braucht es eine gut ent-
wickelte Kommunikations- und Feedbackkultur. Nur wenn Kommunikation
und Feedback auf ihre klärende Wirkung angelegt sind und nicht werten, ist
es den Gruppenmitgliedern möglich, sich angstfrei untereinander auszutau-
schen. Das agile Projektmanagement kennt hierfür eine wertvolle Plattform:
das Daily Standup Meeting. Dadurch, dass die Besprechung täglich stattfin-
det,wirdeinehoheTransparenzgeschaffen.Dieshilft,Spannungenzwischen
Personen oder Teams zu bearbeiten, bevor sie aus dem Ruder laufen.
In der Storming-Phase ist die inhaltliche Arbeit oft mühsam und langsam. Diese Arbeit
im System soll hier aber gar nicht im Vordergrund stehen. Viel wichtiger ist die Arbeit
am System. Jedes Verhalten der beteiligten Personen kann differenziert beleuchtet werden
in Bezug auf Symptom und Ursache. In der Auseinandersetzung mit den wesentlichen
Ursachen liegt die große Chance, die Arbeit am System derart weiterzuentwickeln, dass
das Fundament für ein Hochleistungsteam gebildet werden kann. Gerade dadurch, dass
sich Scrum Master und Projektleiter in dieser Phase auf die Arbeit am System fokussieren,
schaffen sie die Ausgangslage für die nächste Gruppenphase.
4.2.3
Norming: Vertrautheit
Durch die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Friktionspunkten, Konflikten
oder Widerständen können die Ängste der Betroffenen abgebaut werden und die Rollen
weiter geklärt werden. Das schafft Sicherheit. Schwierigkeiten und persönliche Bedürf-
nisse offen anzusprechen steigert den inneren Zusammenhalt in der Gruppe. Nun kann
406
4
Team
Tab. 4.11 Fördernde und hemmende Einflussfaktoren für die Kohäsion
Günstige Gruppengröße (5–8 Personen),
Zu kleine oder zu große Gruppe,
Häufige Interaktionen,
Einsame Einzelkämpferarbeit,
Kollektive Leistungsbewertung und
Individuelle Leistungsbewertung und
Offene, ehrliche Kommunikation
Intransparente Kommunikationskultur
Fördern die Kohäsion
Hemmen die Kohäsion
eine Gruppenidentität entstehen. Die Einzelnen haben ihre Position innerhalb der Gruppe
gefunden.
Gerade dank der gemeinsam bestandenen Herausforderung des Stormings wächst das
gegenseitige Vertrauen (Abschn. 3.3.7). Dadurch kann Kohäsion in der Gruppe entstehen.
Kohäsion steht für das Gemeinschaftsgefühl und die Solidarität, die in einem Team
besteht. Auf die Stabilität einer Gruppe hat Kohäsion einen wesentlichen Einfluss. Das
Team ist für seine Mitglieder attraktiv geworden. Neue Gruppennormen fördern auch ein
offeneres und persönlicheres Verhalten.
In Tab. 4.11 sind kohäsionsfördernde und -hemmende Maßnahmen und Rahmenbedin-
gungen dargestellt.
Das Ganze hat aber auch eine Schattenseite: Je höher die Kohäsion in einer Gruppe,
desto schwieriger ist es für neue Teammitglieder, in das bestehende Gruppengefüge hin-
einzukommen.
Als Konsequenz der neu gewonnenen Vertrautheit rückt auch der Arbeitsinhalt mehr in
den Hintergrund. Die Beziehungsebene steht in dieser Phase im Vordergrund.
I
Die wichtigsten Aufgaben für die Teamentwicklung in dieser Phase sind:
Raum geben: Zu viel inhaltlichen Druck aufzubauen ist in dieser Phase nicht
sinnvoll. Die Gruppe soll den Stress der Auseinandersetzung abbauen kön-
nen und das soziale Gefüge festigen. Die Empfehlung ist sogar, in dieser
Phase weitere, vertrauensstärkende Maßnahmen anzubieten.
Grenzewahren:In dieser Phase ist esfür die Projektverantwortlichen verfüh-
rerisch, sich in die Vertrautheit der Gruppe einzuschmeicheln. Dieser Verlo-
ckung ist zu widerstehen: Die Grenze zwischen dem Team und den weiteren
Rollenträgern im Projekt ist zu wahren.
An den Zielen festhalten: Die Arbeit ist zwar nicht mehr mühsam wie im
Storming, aber die Produktivität ist auch nicht sehr hoch. Die Gruppe ist auf
die Zielsetzung und die Performing-Phase auszurichten.
Um die Teamentwicklung zu unterstützen, eignen sich die Modelle zur Selbsterkennt-
nis Abschn. 3.10.2 oder auch Organisationsaufstellungen Abschn. 4.1.14.6. Die Personen
haben nun das Vertrauen, miteinander über die eigenen Stärken und Schwächen zu reden.
4.2
Dynamik in Teams
407
4.2.4
Performing: Arbeit im System
Ein erfolgreicher Durchlauf der vorhergehenden Phasen steigert die Kooperationsfähig-
keit und die Kooperationsbereitschaft. Nun steht die konstruktive Zusammenarbeit – die
Arbeit im System – im Vordergrund. Die Gruppenmitglieder sind motiviert und zeigen Ei-
geninitiative. Die Performanz zeigt sich nicht nur in guter inhaltlicher Arbeit, sondern vor
allem auch in der Eigeninitiative der Gruppenmitglieder für Zusammenarbeit, Organisati-
on und gegenseitige Abstimmung. Es braucht jetzt nur noch minimale formale Führung.
In agilen Projektteams wird der Scrum Master jetzt nur noch wenig gebraucht. In dieser
Phase werden die
Gruppenregeln und -normen offen untereinander kommuniziert und von allen Personen
mitgetragen;
Einzelbedürfnisse und das Gruppeninteresse gut miteinander ausbalanciert und
die wesentlichen Arbeitsabläufe effektiv abgewickelt, frei von Koalitionen und Kon-
kurrenz.
Die Gruppe hat nun einen hohen Reifegrad erreicht. Die Beziehungsarbeit steht nicht
mehr im Vordergrund, die Energie wird nicht mehr durch Rivalitäten und Konflikte absor-
biert. Das gemeinsame Ziel steht im Vordergrund.
I
Die wichtigsten Aufgaben für die Teamentwicklung in dieser Phase sind:
Beraten: Sicherstellen,dass die Prozesse eingehalten werden. Bei Bedarf be-
ratend zur Seite stehen.
Controlling: Im klassischen Projektmanagement ist zu prüfen, dass die Ar-
beitspakete und Zwischenziele wirklich in der notwendigen Qualität abge-
schlossen sind(z. B.90 %Syndrom Abschn.2.5.6.5).Zudem ist sicherzustellen,
dass auch die weniger populären Arbeiten wie die Dokumentation oder das
Konfigurationsmanagement dem Projektverlauf entsprechend nachgeführt
werden. Im agilen Projektmanagement prüft der Product Owner die qualita-
tiven Ziele im Sprint Review. Dazu bietet sich das Sprint Burndown Chart als
wertvolle Quelle an, die effektive Leistung des Teams im Blick zu behalten.
Selbstüberschätzung erkennen: Es kann so weit kommen, dass ein Team
sein Selbstbild völlig überschätzt. Die Projektverantwortlichen müssen Aus-
sagen wie „wir sinddie Besten“,verbunden mit der Abwertung anderer Grup-
pen, stoppen.
Bildlich gesprochen, können Scrum Master und Projektleiter in dieser Phase die Rolle
des Schiedsrichters in einem Fußballspiel einnehmen. Sie beobachten das Geschehen aus
einer gewissen Distanz und intervenieren nur dann, wenn die Regeln verletzt werden.
Ansonsten lassen sie das Spiel laufen und bereiten sich auf die nächste Phase vor.
408
4
Team
4.2.5
Adjourning: Abschied und Trennung
Jedes Projekt kommt zu einem Ende. Damit wird auch das Projektteam wieder aufgelöst.
Im klassischen Projektmanagement wird diese Phase mit der Projektschlussbeurteilung
leider oft vernachlässigt, weil schon die nächsten dringenden Projekte und Aufgaben war-
ten.
Dabei birgt gerade diese letzte Phase ein großes Potenzial für die persönliche und kol-
lektive Weiterentwicklung: Hier können der Gruppenprozess wie auch die persönliche
Rolle reflektiert werden. Das ist die Grundlage der lernenden Organisation: Die Erfah-
rungen sind immer wieder neu zu reflektieren. Zwischen Symptom und Ursache ist zu
unterscheiden. Abschließend sind neue Handlungsmuster und Maßnahmen abzuleiten, um
die Effektivität der Projektarbeit weiterzubringen.
Durch den Prozess der Trennung soll auch vermieden werden, dass einzelne Personen
mit Altlasten oder Ambivalenzen aus der Zusammenarbeit ausscheiden, womit sie künfti-
ge Projekte belasten.
I
Die wichtigsten Aufgaben für die Teamentwicklung in dieser Phase sind:
Projektabschluss oder Retrospektive: Diese Plattformen benötigen klare
Strukturen, die sicherstellen, dass der Inhalt und die Verbesserung der zu-
künftigen Projektabwicklungen im Mittelpunkt stehen und niemand persön-
lich angegriffen oder abgewertet wird. Eine kompetente Moderation dieses
Anlasses ist wichtig. Im agilen Projektmanagement ist hierfür der Scrum Mas-
ter prädestiniert. Im klassischen Ansatz liegt die Verantwortung grundsätz-
lich beim Projektleiter. Für den Projektreview empfiehlt sich jedoch oft eine
neutrale, externe Moderation: Der Projektleiter kann dadurch während des
Projektreviews vollumfänglich die Rolle eines Mitgliedes der Projektorgani-
sation einnehmen. Somit ist er nicht in einer Doppelrolle mit der Verantwor-
tung für die Gestaltung des Prozesses.
Erfolge: Soziale Anerkennung ist ein wesentliches Grundbedürfnis des Men-
schen. Die Erfolge sollen gefeiert werden, das Team soll die Würdigung er-
halten, die es sich verdient hat. Ein Team-Event hat hierfür immer eine sehr
gute Wirkung, auch auf das zukünftige Commitment der Mitarbeiter. Zusätz-
lich kann im Sinne einesProjektmarketingsauch ein Artikel in einem internen
Organ publiziert werden.
Ungleichzeitigkeit: Vor allem im klassischen Projektmanagement ist die
letzte Phase dadurch gekennzeichnet, dass immer wieder Personen abgezo-
gen werden.In dieser Phase die Fäden zusammenzuhalten undauch dafür zu
sorgen, dass alle Personen an den wesentlichen Anlässen dabei sein können,
liegt bei den Projektverantwortlichen.
4.3
Verhandlungsführung
409
4.2.6
Dynamiken und Wechselwirkungen
Die Phasen der Teamentwicklung werden nicht immer der Reihe nach durchlaufen. Auch
die Intensität, in welcher sich eine Phase manifestiert, kann ganz unterschiedlich sein. Es
gibt auch keine Garantie dafür, dass ein Team, welches im Performing angekommen ist,
bis zu seiner Auflösung in dieser Leistungsfähigkeit bleibt. Scrum Master wie Projekt-
leiter sollen sensibilisiert sein auf alle Arten von Störungen, die das Teamgefüge wieder
neu herausfordern: Dies betrifft vor allem Veränderungen in der Zusammensetzung der
Projektorganisation. Wenn neue Personen in die Gruppe eintreten oder andere sie verlas-
sen, können ganz neue Dynamiken entstehen. Ein Team im Performing kann damit – wie
in Abb. 4.13 dargestellt – wieder in die Storming-Phase zurückfallen und muss auch das
Norming wieder durchlaufen. Dasselbe kann auch auftreten, wenn der interne oder externe
Auftraggeber wesentliche Änderungen an einem der Parameter des magischen Dreiecks
vornimmt, oder wenn das Projektteam zu wenig gut geschützt werden kann vor Zugrif-
fen aus der Stammorganisation. Das ist oft der Fall, wenn einzelne Teammitglieder mit
operativ höher priorisierten Aufgaben beauftragt werden. Das reduziert dann ihre Leis-
tungsfähigkeit für das Projekt.
I
Die Herausforderung des Teamentwicklungsprozesses ist, dass das Performing
nur über Storming und Norming erreicht werden kann. Der Konflikt im Stor-
ming bildet das Fundament für das spätere Performing. Teams, denen die
Kompetenzen zum Konfliktmanagement fehlen, werden in dieser Konfliktwalze
stecken bleiben. Die Arbeit ist von Anfang bis Ende mühsam, anstrengend und
unbefriedigend.
4.3
Verhandlungsführung
4.3.1
Verhandlungen im Projektmanagement
Die Anlage der Projektarbeit mit dem Innovationsauftrag, der Zielorientierung sowie der
interdisziplinären Zusammenarbeit auf beschränkte Zeit hat eine natürliche Konsequenz:
Permanent müssen unterschiedliche Interessen, Anforderungen, Überzeugungen oder Ab-
sichten aufeinander abgestimmt werden. Dies alles im Rahmen des magischen Dreiecks,
welches sich aus den Einflussfaktoren „Scope“, „Zeit“ und „Kosten“ zusammensetzt
(Abschn. 2.3.4).
Zu Beginn eines Projektes gehört es zu den wesentlichen Aufgaben des Projektlei-
ters oder Product Owners, einen Projektauftrag zu verhandeln, der „Scope“, „Zeit“ und
„Kosten“ in ein realistisches Verhältnis zueinander setzt. Auch während der Projektab-
wicklung muss immer wieder verhandelt werden, sei das im Change Request Management
(Abschn. 2.5.8), im Problemlösungsprozess (Abschn. 2.3.15) oder in der Rollenklärung
(Abschn. 4.1.9). Damit ist die Verhandlungsführung eine wichtige Kompetenz in der Pro-
410
4
Team
jektarbeit: Wer ein Projekt startet mit illusorischem Scope, Zeitplan oder Budget, steigert
das Projektrisiko und stellt auch das Team vor unrealistische Herausforderungen. Wer
keine Projektrollen und -verantwortlichkeiten verhandeln kann, kann nur die Erwartungen
anderer erfüllen und damit seinem persönlichen Selbstmanagement (Abschn. 3.8) nicht
gerecht werden.
Verhandlungen leben – wie auch das Projektmanagement – von der Vielseitigkeit
(Abschn. 1.7.1). Wie in einem Schachspiel werden verschiedene Szenarien vorbereitet,
um in der Situation selber schnell und flexibel reagieren zu können. Das bedeutet, dass
die Vorbereitung ein wesentlicher Erfolgsfaktor für wichtige Verhandlungen ist.
4.3.2
Was ist eine Verhandlung?
I Eine Situation wird als Verhandlung bezeichnet, wenn zwei oder mehrere Parteien,
die unterschiedliche Ansichten vertreten und/oder individuelle Ziele verfolgen,
die mit Handlungs- und Entscheidungskompetenz ausgestattet sind,
die ein Interesse an einer Lösung haben und/oder
unter dem Druck stehen, eine Einigung bzw. ein Ergebnis zu erzielen,
im Gespräch versuchen, bezüglich einer Frage oder eines Themenkomplexes eine Eini-
gung zu erzielen. André Baer
Anlass für eine Verhandlung ist eine Differenz bezüglich Ansichten oder Zielen. Zu-
dem muss ein Interesse an einer gemeinsamen Lösung bestehen oder sogar ein Eini-
gungszwang. Wichtigste Voraussetzung für eine Verhandlung sind die Handlungs- und
die Entscheidungsfreiheit der beteiligten Parteien. Diese sind in der Projektarbeit abhän-
gig von der Anbindung des Projektes an die Stammorganisation (Abschn. 2.3.9.8) sowie
von der Rollenklärung mit den A-K-V: Ist das Projekt z. B. über Koordination in die Linie
integriert, ist der Projektverantwortliche lediglich ein Projektkoordinator. In dieser Rolle
hat er wenig bis gar keine Entscheidungskompetenzen. Er ist zur Verhandlungsführung
nicht legitimiert.
Verhandlungen weisen Parallelen zu Konflikten auf. Deshalb wird beim Thema Kon-
fliktbewältigung (Abschn. 4.4.10.4) auf Elemente aus der Verhandlungsführung eingegan-
gen.
4.3.3
Verhandlungszyklus
Eine Verhandlung ist ein komplexer Prozess. Deshalb ist es wichtig, dass die Vorgehens-
weise in Verhandlungen dieser Komplexität gerecht wird. Der nachfolgend beschriebene
4.3
Verhandlungsführung
411
Situation
Ziele
Informationen
Strategie
Taktiken
Analyse
Massnahmen
Kontaktphase
Kernphase
Vereinbarungs-
phase
A
us
w
er
tu
n
g
1
3
2
Vo
rb
er
ei
tu
ng
Ve
rh
an
dl
un
g
Abb. 4.14 Verhandlungszyklus nach André Baer
Verhandlungszyklus (Abb. 4.14) bildet eine Leitlinie, die sich in der Praxis vielfach be-
währt hat. Der Prozess besteht aus den drei Hauptphasen „Vorbereitung“, „Verhandlung“
und „Auswertung“.
4.3.3.1
Vorbereitung
Die Vorbereitung ist für die Verhandlungsführung zentral. Für komplexe Verhandlungen
kann diese Wochen oder auch Monate dauern. Die Vorbereitungsphase besteht aus fünf
Schritten:
Situation: Probleme und Bedürfnisse
Bevor jemand eine Verhandlungstechnik und -strategie wählt, analysiere er in einem ersten
Schritt die Situation. Dabei stehen die gegenwartsbezogenen Probleme und Bedürfnisse
im Mittelpunkt, oder – in der Sprache der Projektmanagementmethodik – die Zielsetzun-
gen (Abschn. 2.3.2). Folgende Punkte oder Fragen sind zu klären:
Worum geht es? Wo besteht eine Differenz, was ist der Verhandlungsgegenstand?
Besteht überhaupt ein Verhandlungsspielraum? Oder muss einfach eine schlechte
Nachricht überbracht werden?
412
4
Team
Welche Personen sind involviert? Welche Handlungsfreiheit haben sie?
Bei Kundenprojekten: Welche Aspekte oder Rahmenbedingungen sind durch den Ver-
trag vorgegeben?
In konfliktbeladenen Situationen ist zusätzlich zu klären:
Worum geht es den Parteien wirklich?
Inwiefern kann eine Unterscheidung gemacht werden zwischen Symptom und Ursa-
che?
Ziele
Die Ziele werden aus der Gegenwartsperspektive heraus entwickelt. Sie öffnen die Zu-
kunftsperspektive. Oft ist es ein Leichtes, Probleme zu benennen. Lösungsansätze positiv
zu formulieren ist jedoch beträchtlich schwieriger. Beim Formulieren von Zielen muss
sich die Verhandlungspartei auch im Klaren darüber werden, welche Priorität welches
Ziel für sie einnimmt. In diesem Schritt geht es zudem nicht nur um die eigenen Prio-
ritäten und Ziele. Auch die Ziele und Prioritäten des Verhandlungspartners müssen hier
einbezogen werden.
Die Zielpyramide Abb. 4.15 erlaubt es, die eigenen Ziele und deren Prioritäten zu
konkretisieren und Annahmen darüber zu treffen, wie diese aus der Perspektive des Ver-
handlungspartners aussieht.
Die persönlichen Ziele sind so konkret wie möglich zu beschreiben. Folgende Punkte
oder Fragen sollen dazu geklärt werden:
Was muss ich zwingend erreichen (Must have), wo liegen meine Grenzen? Werden
diese Minimalziele nicht erreicht in der Verhandlung, würde das bedeuten, die Ver-
handlung abzubrechen (Walk-away-Position).
Welche Ziele strebe ich in einem realistischen Szenario an, womit kann ich rechnen
(Want-to-have-Position)?
Welche Ziele sind ebenfalls erstrebenswert (Nice-to-have)?
Welche Alternativen sind möglich? Was wäre ein Plan B?
Wir können nie abschließend wissen, welche Ziele der Verhandlungspartner ver-
folgt. Aber wir können Annahmen treffen resp. Hypothesen bilden (Abschn. 4.4.8.1).
Dazu versetzen wir uns in die Lage des Gegenübers, wechseln die Perspektive. Folgende
Punkte oder Fragen sind zu klären:
Welche Ziele verfolgt mein Gegenüber?
Bei Kundenprojekten: Welchen Einschränkungen oder Bedingungen ist mein Verhand-
lungspartner durch seine Organisation unterworfen?
4.3
Verhandlungsführung
413
Datum:
Verantwortlicher:
Unsere Ziele
1. Beziehung zum Kunden
2. Auftragslage sichern
3. Reputation schützen
4. Kunde nicht verlieren
5. Deckungsbeitrag
sicherstellen
6.
6.
5.
Ziele des Verhandlungspartners
1. Verlässliche Lieferanten
2. Kein Produktionsausfall
wegen Lieferverzug
3. Kostenoptimierung
4. Kein Mehraufwand durch
neue Lieferantenevaluation
Abb. 4.15 Beispiel Zielpyramide für ein Kundenprojekt
Informationen
Basierend auf den konkretisierten Zielen werden sämtliche Informationen gesammelt und
bewertet, die in irgendeiner Art und Weise für die Verhandlung relevant sein können:
Welche Verhandlungsspielräume bestehen?
Wo liegen bei jedem Verhandlungspunkt die möglichen Einigungsbereiche?
Wo liegt die Grenze? Wann müsste eine Verhandlung abgebrochen werden?
Welche rechtlichen Einschränkungen müssen berücksichtigt werden?
Strategien
Die Wahl der Verhandlungsstrategie (Abb. 4.16) orientiert sich an den ähnlichen Krite-
rien wie die Stakeholder-Analyse (Abschn. 2.3.5): Beziehungen, Interessen, Macht und
Forderungen.
Je stärker ausgeprägt die Beziehungen und Interessen sind, desto kooperativer ver-
halten sich die Verhandlungsparteien. Je größer die Forderungen sind und je stärker die
Verhandlungsparteien die ihnen zugänglichen Machtquellen einsetzen, desto fordernder
werden sie auftreten.
414
4
Team
hoch
tief
kooperativ
unkooperativ
Anpassungs-Strategie
• Eigene Interessen opfern
• Sich unterordnen, um die Beziehung
zu entspannen
Kooperative Strategie
• Die Einigung ist das Ziel
• Fokus auf Schaffung beiderseits
vorteilhafter Optionen
Kompromiss-Strategie
Wechselseitig Konzessionen
machen, vertretbare Einigung finden
Ausweich-Strategie
• Möchte warten, bis ich meine
Position gestärkt habe
• Vermeiden, dass Beziehung
beschädigt wird
Durchsetzungs-Strategie
• Fokus auf die Differenz, nicht
Gemeinsamkeit
• Fokus auf Verschlechterung fremder
und Verbesserung eigener Alternativen
Beziehung, Interessen
Macht, Forderung
Abb. 4.16 Verhandlungsstrategien nach André Baer
Kooperative Strategie (Integration)
Gelingt es den Verhandlungsparteien, ihre gemeinsamen Interessen in ein Gesamtpaket
zu integrieren resp. eine gemeinsame, nachhaltige Problemlösung in den Mittelpunkt
zu stellen, ermöglicht die kooperative Strategie, optimale Lösungen für alle Parteien zu
finden. Das Verhandlungsergebnis entsteht mit größtmöglicher Effizienz für beide Seiten.
Ziel ist es, das Pareto-Optimum zu erreichen und nicht das Maximum. Die Vorarbeit dazu
wird in der Zielpyramide geleistet (Abb. 4.15), in der die Art der Verhandlungsziele und
deren Priorisierung einen hohen Deckungsgrad haben.
In der kooperativen Strategie werden die Gemeinsamkeiten hervorgehoben. Es wird
versucht, eine Verhandlungskonstellation zu schaffen, in welcher beide Parteien einen Vor-
teil haben. Diese Strategie lebt von der offenen und ehrlichen Kommunikation. Auf Druck-
mittel wird verzichtet, vielmehr werden Flexibilität im Verhandlungsprozess und Kreati-
vität in der Lösungssuche angewendet. Nach dieser Strategie orientiert sich das Harvard-
Konzept, auf welches weiter unten noch spezifisch eingegangen wird (Abschn. 4.3.4).
Durchsetzungs-Strategie (Konfrontation)
In der Durchsetzungs-Strategie ist das Hauptziel, die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen,
was zur Folge haben kann, dass sich die Position der Gegenpartei verschlechtert.
4.3
Verhandlungsführung
415
Die Differenzen werden betont. Die Beziehung zum Verhandlungspartner wird nicht
als wichtig gewertet. Darum wird in Kauf genommen, dass diese durch den Prozess leidet,
zerbricht oder sich verhärtet, wenn die Gegenpartei ebenfalls auf Konfrontation setzt.
Anpassungs-Strategie
In der Anpassungsstrategie werden die eigenen Interessen geopfert. Diese Strategie wird
gewählt, wenn die Beziehung zum Verhandlungspartner entspannt werden soll. Gut do-
siert macht diese Strategie situativ Sinn. Es darf aber nicht passieren, dass eine Partei
aufgrund persönlicher Schwächen im Verhandeln permanent ausgenutzt wird.
Kompromiss-Strategie
In der Kompromiss-Strategie finden sich beide Parteien auf halber Strecke. Beide machen
Konzessionen für eine vertretbare Einigung.
Auch diese Strategie macht situativ Sinn. Auf Dauer macht sie jedoch auch niemanden
glücklich. Deshalb sollte in mittel- und langfristigen Arbeitsbeziehungen darauf geachtet
werden, dass der Kompromiss nicht zum Standard wird.
Ausweich-Strategie
Die Ausweich-Strategie wird gewählt, wenn in der aktuellen Situation eine Auseinander-
setzung vollkommen sinnlos wäre. Wenn das Gegenüber alle Trümpfe in der Hand hat,
sei das inhaltlich oder in Bezug auf die Machtfaktoren, macht es keinen Sinn zu verhan-
deln. Man bleibt inaktiv, um Zeit für weitere Abklärungen zu gewinnen. In dieser Situation
ist es besser, die bestehenden Beziehungen nicht zu riskieren und auf einen günstigeren
Zeitpunkt zu warten.
Beispiel
Wenn der Kunde auf den vertraglich festgelegten Liefertermin besteht, gibt es keinen
Spielraum und damit auch keine Verhandlung im engeren Sinn. Dann kann der Pro-
jektleiter, wenn er den Termin nicht erreichen kann, nicht mit dem Kunden verhandeln.
Dies würde das Kunden-Lieferanten- Verhältnis belasten.
Es wird zu einer verhandelbaren Situation, wenn die involvierten Parteien eine an-
dere Haltung einnehmen, wenn der Projektleiter mit dem Kunden oder seinem Auftrag-
geber über Varianten der Leistungserbringung verhandeln kann. Der Verhandlungsge-
genstand kann sein, dass ich eine Teillieferung oder in einer anderen Qualität leiste,
aber dafür einen Preisnachlass gewähre. Mit dem Auftraggeber kann ich verhandeln,
dass wir bereit sind, dem Kunden eine vertraglich festgelegte Schadensforderung zu
bezahlen (Claim). Oder ich handle aus, dass ich mehr Ressourcen für das Projekt bereit-
gestellt erhalte, um den Vertrag zeitgerecht erfüllen zu können. Die gewählte Strategie
ist abhängig von der Priorisierung der eigenen Ziele und der Einschätzung der Ziele
des Verhandlungspartners (Zielpyramide). Stehen die Kundenbeziehung und die Repu-
tation an erster Stelle, wird eher eine Anpassungs- oder Kooperationsstrategie gewählt.
Stehen eigene finanzielle Interessen (Deckungsbeitrag, Auftragslage) im Vordergrund,
416
4
Team
wird zusätzlich auch eine Kompromiss- oder Durchsetzungsstrategie in Kauf genom-
men. Häufig ist es nicht in der Entscheidungskompetenz des Projektleiters, welche
Strategie primär gewählt wird. Durch seine geschickte Vermittlung (Verhandlungskom-
petenz) kann er jedoch herbeiführen, dass die Parteien eher kooperative Strategien zur
Problemlösung wählen.
Taktiken
Wenn die zielführendste Strategie und mindestens ein Plan B für den Fall, dass der Ver-
handlungspartner nicht auf Plan A einsteigt, erarbeitet worden sind, kann die Taktik für
die Verhandlung zurechtgelegt werden. Diese Taktik ist auch abhängig von den Charak-
tereigenschaften der an der Verhandlung beteiligten Personen. Zur Taktik gehören:
Ort, Raum und Zeitpunkt für die Verhandlung
Beteiligte Personen festlegen: Projektleiter oder Product Owner müssen sicherstellen,
dass alle Personen, die Handlungs- oder Entscheidungsfreiheit für die Verhandlungs-
gegenstände haben, in den Prozess eingebunden sind, z. B. Vertreter vom Verkauf,
Auftraggeber oder Linienvorgesetzte.
Mehr fordern, als man will: Um Manövriermasse in der Verhandlung zu haben, wird
am Anfang mehr gefordert, als effektiv benötigt wird.
Wie soll argumentiert werden? Durch welche Begründungen soll die eigene Verhand-
lungsposition untermauert werden?
4.3.3.2
Optimale Verhandlungsstrategie und Taktik: Situativ
Verhandlungen finden immer zwischen Menschen statt. Diese Menschen stehen zueinan-
der in Beziehung. Die Verhandlungsführung wird stark davon abhängen, wie die Bezie-
hung zu den direkten Verhandlungspartnern (Auftraggeber und Projektleiter) sowie den
indirekt betroffenen Parteien eingeschätzt wird: Handelt es sich um einen nicht-strate-
gischen Kunden, kann ein möglicher Claim das kleinere Übel sein, als wenn von einem
anderen, strategisch wichtigen Kundenprojekt die Ressourcen abgezogen würden. Handelt
es sich bei dem Kunden jedoch um einen strategisch wichtigen Referenzkunden, mit einer
großen Gefahr für den Verlust von möglichen Folgeaufträgen, wird das die Verhandlung
zwischen Auftraggeber und Projektleiter maßgeblich beeinflussen.
Aber auch die Beziehung zwischen Auftraggeber und Projektleiter ist relevant: Ar-
beiten die beiden schon seit Jahren zusammen in einem delegativen oder partizipativen
Führungsstil, ist das eine völlig andere Ausgangslage, als wenn der Auftraggeber seinen
Projektleiter autoritär führt und sich nicht scheut, seine institutionellen Machtquellen aus-
zuspielen.
Im ersten Fall, innerhalb der partizipativen Führungsbeziehung zwischen Auftraggeber
und Projektleiter, eignet sich die Verhandlungsführung nach dem Harvard-Konzept. Die-
ses Konzept funktioniert jedoch nicht, wenn eine Partei ihre Macht in der Verhandlung
ausspielt. Für diesen Fall empfiehlt sich die situative Verhandlungsführung. Die Wahl der
Verhandlungsführung sollte sich stets an folgender Regel orientieren:
4.3
Verhandlungsführung
417
Kooperative, integrative Verhandlung
Verhandlungs-
gegenstand
Faire, gerechte
Verteilung
Neue, zusätzliche
Verhandlungs-
gegenstände
Erweiterte, grössere
Verhandlungsmasse
Konfrontative Verhandlung
Kampf, oft unge-
rechte Verteilung
A
B
A
B
Abb. 4.17 Kooperative Strategie durch neue Verhandlungsgegenstände nach André Baer
Zu wählen ist stets jene Strategie, die auf eine langfristige Kooperation zielt, unter Wahrung
des eigenen Ansehens (André Baer).
Grundsätzlich können mit einer kooperativen Verhandlungsstrategie langfristig die
besten Ergebnisse erreicht werden. Das bedingt aber, dass die Parteien es schaffen, ihre
unterschiedlichen Interessen zu integrieren. Von dem her sollte diese Strategie als Op-
timum immer die erste Wahl sein. Das bedeutet aber meistens, dass es gelingt, zum
ursprünglichen Verhandlungsgegenstand noch neue, zusätzliche Verhandlungsgegenstän-
de in den Verhandlungsprozess mit einzubeziehen (Abb. 4.17). Bildlich gesprochen geht
es in erster Linie nicht um die Aufteilung eines Kuchens (konfrontative Verhandlung), son-
dern um die Vergrößerung desselben, um so einen zusätzlichen Nutzen für beide Parteien
zu generieren (integrative Verhandlung). Sobald eine Partei anfängt, spezifische Macht-
faktoren zu ihren Gunsten einzusetzen, ist die Integration nicht mehr möglich.
4.3.3.3
Verhandlungsführung
Nach der Vorbereitung kann in die effektive Verhandlungsführung eingestiegen werden.
Diese orientiert sich an drei Phasen:
418
4
Team
1. Kontakt
Zuerst muss für die Verhandlung ein optimales Gesprächsklima hergestellt werden. Vor
allem die Kompromiss- und Kooperationsstrategie hängen davon ab, ob es den Verhand-
lungsparteien gelingt, Vertrauen zueinander aufzubauen (Abschn. 3.3.7).
Dann ist das Ziel für die Verhandlung zu klären. Auch mögliche Nicht-Ziele sind so-
gleich abzugrenzen. Die Verhandlungsparteien sollen in diesem Schritt ihre Forderungen
und Wünsche einbringen können.
Schließlich wird die Tagesordnung festgelegt: Zeitrahmen, Agenda und Vorgehens-
weise. Auch soll klar sein, welche Kommunikationsregeln gelten und wer die spezifischen
Rollen wie Moderation oder Sitzungsleitung bekleidet.
2. Kernphase
Die Kernphase der Verhandlung gliedert sich in drei Abschnitte:
1. Informationsaustausch
Das Thema, das Problem präsentieren
Auswirkungen, Bedeutung, Folgen der Situation für beide Seiten aufzeigen
Gegenseitig dazu Stellung nehmen
2. Verhandlungsspielraum
Verhandlungsspielraum für jeden Punkt ermitteln
Untersuchen, ob sich eine gemeinsame Plattform für Zugeständnisse anbietet
Verhandlungsmasse durch Integration sonstiger Interessen erweitern
3. Lösungssuche
Prioritäten klären
Szenarien und Lösungsvarianten aufzeigen
Mögliche Zugeständnisse austauschen
Nutzen der Ergebnisse bewerten
Entscheid fällen
3. Vereinbarungsphase
Abgeschlossen wird die Phase der Verhandlungsführung durch die Vereinbarungsphase.
Zuerst werden die Ergebnisse und Entscheide der Verhandlung zusammengefasst. Ab-
schließend wird die Verbindlichkeit für die Umsetzung durch einen Vertrag oder ein Pro-
tokoll hergestellt.
1. Zusammenfassung und Ausblick
Ergebnisse zusammenfassen
Überprüfen, dass keine Missverständnisse vorliegen
Ziele und Zeitplan für die Umsetzung vereinbaren
Maßnahmen besprechen und einleiten
2. Vereinbarung, Vertrag
Ergebnisse schriftlich festhalten
4.3
Verhandlungsführung
419
Auf weitere Schritte einigen
Festhalten, was bei Nichteinhaltung der Vereinbarung geschieht
Nachfolgetermin vereinbaren
Den Verhandlungspartnern danken
4.3.3.4
Auswertung und Controlling
Wie ein Projekt wird auch eine Verhandlung ausgewertet. Die eigene Verhandlungsfüh-
rung – und damit die gesamte Vorbereitung mit dem Festlegen von Strategie und Taktik
– ist zu analysieren und mögliche Maßnahmen für die Zukunft abzuleiten. Zudem muss
im Sinne eines Controllings sichergestellt werden, dass die vereinbarten Maßnahmen von
allen Verhandlungsparteien entsprechend umgesetzt werden.
4.3.4
Verhandlung nach dem Harvard-Konzept führen
Die Verhandlungsführung nach dem Harvard-Konzept (Fisher et al. 1999) ist eine koope-
rative Verhandlungsstrategie. Mit diesem Ansatz können unter folgenden Grundbedingun-
gen optimale Verhandlungsergebnisse erreicht werden:
Die Parteien haben Spielräume, die sich gegenseitig überlappen.
Die Parteien setzen bewusst ihre Machtfaktoren nicht ein.
Die Parteien verfügen über eine hohe kommunikative Kompetenz und legen ihre Infor-
mationen offen.
Unter diesen Prämissen eignet sich das Harvard-Konzept auch gut in der Bewältigung
von Konfliktsituationen. In Abschn. 4.4.10.4 wird die Konfliktbewältigung nach diesem
Konzept vorgestellt.
4.3.4.1
Trennung zwischen Person und Sache
Das Harvard-Konzept ist bekannt geworden mit dem Satz „Hart in der Sache, weich ge-
genüber den Menschen“. Die Essenz des Modells bilden die in Abb. 4.18 dargestellten
Schlüsselfaktoren. Solange sich alle Konfliktparteien auf Augenhöhe begegnen, die In-
tegration der Interessen im Mittelpunkt steht und keine institutionellen Machtfaktoren
wie Positionsmacht, Entscheidungsmacht oder Macht durch Bestrafung (Abschn. 4.1.3)
eingesetzt werden, können damit die besten Resultate erreicht werden (Fisher et al. 1999).
Der Verhandlungsinhalt ist klar von der Person zu trennen. Ob uns die andere Person
sympathisch ist oder nicht, soll keinen Einfluss haben auf unsere Verhandlung. Wie im
Sport geht es darum, während der Verhandlung inhaltlich engagiert zu streiten. Danach
gibt man sich mit Respekt die Hand. In Verhandlungen bedeutet das:
420
4
Team
Sache
Person
Interessen
Nicht Positionen,
sondern Interessen
in den Mittelpunkt
stellen
Kriterien
Das Ergebnis
auf objektive
Entscheidungs-
prinzipien aufbauen
Möglichkeiten
Vor der Entscheidung
verschiedene Wahl-
möglichkeiten
entwickeln
Menschen
Menschen und
Probleme getrennt
voneinander
behandeln
«Hart in der Sache, weich gegenüber den Menschen»
Abb. 4.18 Schlüsselfaktoren im Harvard-Konzept
Vertrauen schaffen: Es wird ein „Verhandlungsraum“ benötigt, in welchem sich alle
Parteien sicher fühlen.
Rollen und Verantwortlichkeiten der in den Prozess involvierten Personen (Parteien)
klären.
Kommunikationsregeln klären: Ich-Botschaft, aktives Zuhören, ausreden lassen sowie
keine Annahmen treffen zu den Absichten des anderen, sondern nachfragen.
4.3.4.2
Interessen anstatt Positionen
Im nächsten Schritt löst man sich von den Positionen. Die Position beschreibt das, was wir
zu wollen vorgeben. Das kann der Kampf des Projektleiters mit seinem Auftraggeber sein
für mehr Ressourcen. In der Position gibt es immer einen Schwächeren (in diesem Fall der
Projektleiter) und einen Stärkeren (Auftraggeber). In dieser Konstellation ist es schwierig,
eine Einigung zu erreichen. Wenn es dem Projektleiter gelingt, bei seinem Auftraggeber
ein Commitment für ein gemeinsames Interesse zu erreichen, kann die Verhandlung auf
Augenhöhe geführt werden. Der Blick geht von der Gegenwart in die Zukunft:
4.3
Verhandlungsführung
421
Gemeinsame Interessen und Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen. Das können Ri-
siken sein, die eliminiert werden sollen, qualitative Aspekte oder auch gemeinsame
Interessen in Bezug auf die Projektdauer.
Perspektivenwechsel: Um gemeinsame Interessen zu finden, muss ich mich fragen kön-
nen, was der Verhandlungspartner von mir braucht und mit welchen Schwierigkeiten
oder Einschränkungen dieser konfrontiert ist.
I
Für den Perspektivenwechsel von der Position zu den Interessen und auch Be-
dürfnissenistderMetamirrornachRobertDiltsoderdieKonfliktzwiebelhilfreich
Abschn. 4.4.10.4.
4.3.4.3
Kriterien
Vor der effektiven Beurteilung der Varianten werden die Entscheidungskriterien lösungs-
neutral und so gut und SMART (Abschn. 2.3.2.4) wie möglich festgehalten. Die gemein-
same Diskussion objektiver Kriterien, die für die Auswahl der Verhandlungsalternative
angewendet werden können, erleichtert es, Positionen zu verlassen. Auch entzieht sie un-
fairem Druck von beiden Seiten die Grundlage. Häufige Kriterien sind:
Ein Kostendach, welches nicht überschritten werden darf.
Spezifische Risiken, die reduziert werden müssen.
Meilensteine, die eingehalten werden müssen.
4.3.4.4
Möglichkeiten
Je mehr Varianten in einer Verhandlung zur Verfügung stehen, desto größer ist der Spiel-
raum für den Entscheid. In dieser Phase geht es darum, verschiedene Möglichkeiten zu
erarbeiten, die die Aspekte der erarbeiteten Interessen und Bedürfnisse erfüllen. Das heißt:
Realistische Möglichkeiten entwickeln: Die beste Lösung ist meistens allen klar, nur
ist sie nicht realistisch, weil alle Organisationen, die Projekte abwickeln, sich im-
mer in einem Balance-Akt befinden zwischen den Elementen des magischen Dreiecks
„Scope“, „Zeit“ und „Kosten“. Also ist die zweitbeste Lösung zu entwickeln.
Neben der optimalen Variante weitere Alternativen ausarbeiten. Es braucht mindes-
tens einen Plan B, besser noch weitere Möglichkeiten und Varianten.
Verhandlungsparteien für die Entwicklung möglicher Lösungsansätze aktiv einbinden.
Damit wird die Verbindlichkeit in der späteren Umsetzung höher sein.
Verschiedene Möglichkeiten zu entwickeln braucht Kreativität.
4.3.4.5
Auswahl nach dem BATNA-Prinzip
Wenn diese vier Aspekte berücksichtigt worden sind, kann die beste Lösungsalterna-
tive gewählt werden. Dies sollte in Berücksichtigung des BATNA-Prinzips geschehen:
Best Alternative to a Negotiated Agreement. Der Mensch ist in Entscheidungssituatio-
nen immer auch beeinflusst durch seine Gefühle, persönliche Ziele und die Intuition. Um
sicherzustellen, dass die Vernunft und der Verstand adäquat berücksichtigt werden, emp-
fiehlt es sich hier, Entscheidungstechniken anzuwenden (Abschn. 2.8.2).
422
4
Team
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
Das Bestehen von Differenzen ist nicht das Problem. Differenzen machen an sich noch keinen
Konflikt aus. Es kommt einzig darauf an, wie die Menschen die Differenzen erleben und wie
sie mit ihnen umgehen (Friedrich Glasl).
Konflikte gehören grundsätzlich zum menschlichen Miteinander. Der Mensch ist von Na-
tur aus expansiv. Das heißt er will seine Umwelt gestalten und seine Überzeugungen
verwirklichen. Mit dieser Haltung kommt er zwangsläufig seinen Mitmenschen in die
Quere. So sind in der Projektarbeit mit interdisziplinären Teams unter Zeitdruck und mit
begrenzten Mitteln ambitionierte Ziele zu erreichen. Gerade in Teams, in denen mit viel
Einsatz und Herzblut gearbeitet wird, prallen immer wieder unterschiedliche Überzeu-
gungen aufeinander. Das hat Differenzen zur Folge. So gesehen ist der Ursprung von
Konflikten in Projekten oft etwas Positives: Stakeholder oder Projektverantwortliche, die
sich mit Engagement für ihre Überzeugung oder für ihren Auftraggeber einsetzen.
Diese Rahmenbedingungen verursachen die Differenzen geradezu und erzeugen eine
Spannung auf die Elemente des magischen Dreiecks: „Scope“, „Zeit“ und „Ressourcen“
(Abschn. 2.3.4). Damit gehört das Konfliktmanagement zu den Kernkompetenzen in der
Projektarbeit.
Nach Glasl ist nicht die Differenz, sondern die Art und Weise, wie damit umgegan-
gen wird, das Problem. Um mit Konflikten konstruktiv umgehen zu können, dürfen sie
nicht als bedrohlich oder als Konsequenz von Fehlern bewertet werden, sondern als natür-
liche Konsequenz der Rahmenbedingungen der Projektarbeit. Aus dieser Haltung heraus
wird der Konflikt diagnostiziert. Der Konflikt muss erkannt und in seiner Komplexität
verstanden werden. So kann man sich in einer konstruktiven Art und Weise mit ihm
auseinandersetzen (Lippmann 2008, S. 316). Die Konfliktbewältigung zielt darauf, die
Menschen in ihren Zielsetzungen wieder handlungsfähig zu machen. Dies ist nur möglich,
wenn es den betroffenen Parteien gelingt, ihren allfälligen Affekt hinter sich zu lassen und
in die Kognition zu gelangen. Vorschläge zur Konfliktprävention und der Umgang mit
Krisen in Projekten runden das Kapitel ab.
Der größte Teil dieses Kapitels gilt für das klassische wie auch auf das agile Projekt-
management. Einzig das Thema Konfliktarten wird differenziert betrachtet.
4.4.1
Was ist ein Konflikt?
Im deutschsprachigen Raum wird die Definition von Friedrich Glasl (2008, S. 24) viel
zitiert:
Ein sozialer Konflikt ist eine Interaktion
zwischen Aktoren (Individuen, Gruppen, Organisationen usw.),
wobei wenigstens ein Aktor
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
423
Differenzen (Unterschiede, Widersprüche, Unvereinbarkeiten)
im Wahrnehmen
und im Denken/Vorstellen/Interpretieren
und im Fühlen
und im Wollen
mit dem anderen Aktor (den anderen Aktoren) in der Art erlebt,
dass beim Verwirklichen dessen, was der Aktor denkt, fühlt oder will,
eine Beeinträchtigung durch einen anderen Aktor (die anderen Aktoren) erfolgt.
In dieser Definition bezieht sich Glasl auf den sozialen Konflikt. Er impliziert damit
also, dass Konflikte immer zwischen mindestens zwei Menschen oder Gruppen auftreten.
Darin erlebt mindestens eine Partei Differenzen in ihrem Denken, Fühlen oder Wollen
gegenüber einer anderen Partei, sodass diese sich beeinträchtigt fühlt.
Zum Vergleich hier die Definition von Karl Berkel (2014, S. 11):
Ein Konflikt liegt dann vor, wenn zwei Elemente gleichzeitig gegensätzlich oder unvereinbar
sind.
Durch den neutralen Begriff „Elemente“ kommt zum Ausdruck, dass unterschiedliche
Inhalte eine Konfliktsituation verursachen können:
Gedanken: Weshalb bekomme ich von meinem Projektleiter keine Anerkennung?
Wünsche: Ich möchte die Rolle eines Product Owners übernehmen und trotzdem in
einem freundschaftlichen Verhältnis zum Team stehen.
Verhalten: Ich erwarte von meinem Auftraggeber regelmäßige Unterstützung, bin aber
wenig für mein Team da.
Beurteilungen: Der Projektausschuss findet, dass der Projektleiter eines Akzeptanzpro-
jektes eine hohe Sozialkompetenz braucht – der Auftraggeber findet, dass vielmehr die
Projekterfahrung und die Fachkompetenz wichtig sind.
Personen: Zwei Mitglieder des Projektteams empfinden eine starke Abneigung oder
Antipathie zueinander und weigern sich, zusammenzuarbeiten.
Gruppen: Die Kundenbetreuer stehen im Zwist mit den Projektverantwortlichen, weil
diese die Termine nicht einhalten können. Die Projektverantwortlichen werfen den
Kundenbetreuern vor, unrealistische Termine in die Verträge zu nehmen.
Die Konfliktdefinitionen von Berkel und Glasl stimmen in folgenden Punkten überein:
Konflikte sind Störungen
Konflikte reißen uns aus den gewohnten Mustern des Denkens, Fühlens und Handelns
heraus. Wir nehmen Konflikte zuerst als eine Störung wahr. Etwas ist nicht so, wie wir es
erwartet haben. Wir fühlen uns in unserem Handeln beeinträchtigt.
424
4
Team
Konflikte sind emotional
Dadurch, dass wir uns durch eine Störung beeinträchtigt fühlen, entwickeln wir Emotio-
nen. Wir empfinden die Situation als unangenehm, fühlen uns enttäuscht oder vielleicht
verletzt. Anspannung macht sich breit, begleitet von Angst oder Ärger.
Konflikte erfordern eine Intervention
Differenzen sind die natürlichste Sache der Welt. Über Meinungsverschiedenheiten kann
man argumentieren und debattieren. Konflikte sind Situationen, in denen ein Einigungs-
zwang besteht. Es muss eine Intervention stattfinden, damit die Beeinträchtigung, in wel-
cher sich mindestens eine Partei erfährt, so weit aufgelöst werden kann, dass deren Hand-
lungsfähigkeit wieder sichergestellt ist.
4.4.2
Ursprung und Symptom: Das systemische Phänomen
Die meisten Konflikte äußern sich am Anfang als persönliche (seelische) oder zwischen-
menschliche Konflikte.
Beim persönlichen Konflikt liegt die Störung im Menschen selber. Seine Gedanken
oder Wünsche stehen im Widerspruch zueinander.
Im zwischenmenschlichen Konflikt manifestiert sich die Störung im Verhalten oder in
der Eigenart einer anderen Person oder Gruppe: Man verspürt eine Abneigung zu einem
anderen Menschen, möglicherweise begründet in unterschiedlichen Werten, Überzeu-
gungen oder Haltungen. Manchmal ist der Grund nicht einmal ersichtlich. Es ist dann
einfach die Chemie, die nicht stimmt. Oder aber die Störung liegt nicht in der anderen
Person selber, sondern in deren Verhalten. Wir fühlen uns dadurch beeinträchtigt.
In der Projektarbeit können an vielen Stellen Störungen auftreten, nur schon, weil die
Einflussfaktoren des magischen Dreiecks zueinander im Widerspruch stehen. Auch gibt
es unterschiedliche Überzeugungen in Bezug auf die optimale Projektmethodik (klassisch,
hybrid, agil). Oder die persönliche Projekt- und Linienarbeit lassen sich nicht vereinba-
ren. Alle diese unvereinbaren Elemente bleiben nicht auf dem Papier allein: Sie führen
dazu, dass jeder Mensch sein Fühlen, Denken oder Handeln nach den persönlichen Über-
zeugungen und Beurteilungen ausrichtet. Damit verlagert sich der Konflikt von seinem
Ursprung – der Unvereinbarkeit zwischen Linien- und Projektarbeit – hin zum Symp-
tom: der Beziehung zu sich selber oder zu den anderen Menschen.
I
Ein Projektleiter hat mit seinem arbeitspaketverantwortlichen Experten die
Aufgaben detailliert besprochen sowie die Aufwände und auch die Abgabe-
termine vereinbart. Wiederholt kann der Experte seinen Verpflichtungen nicht
nachkommen. Immer wieder wird dieser durch seinen Linienvorgesetzten auf
andere Projekte mit höherer Priorität angesetzt. Am Anfang handelt es sich um
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
425
einen organisatorischen Konflikt: Der Linienvorgesetzte hält sich nicht an die
Abmachung mit dem Projektleiter, und es besteht keine Ressourcenplanung
zwischen Linie und Projekt. Nach der zweiten oder dritten Verschiebung ist die
Wahrscheinlichkeit groß, dass der Projektleiter das Versäumnis seines Experten
„persönlich“ nimmt. Er fühlt sich nicht respektiert in seiner Rolle, vielleicht sogar
hintergangen. Das macht etwas mit seinen Gefühlen zu seinem Projektmit-
arbeiter. Der Projektleiter könnte eine heftige Gefühlserregung gegen seinen
Mitarbeiter auslösen und damit die Beziehung beeinträchtigen. In einer ande-
ren Arbeitssituation hätten die beiden Personen vielleicht sehr gut kooperieren
können. Nun aber ist der Experte Symptomträger eines organisatorischen Kon-
flikts.
Dieses Beispiel basiert auf den Ebenen der Zusammenarbeit (Abschn. 1.5). Die meisten
Konfliktursachen in Projekten resultieren aus der inhaltlichen oder der organisatorischen
Ebene. Ein wesentlicher Zweck der gesamten Projektmanagement-Methodik in Kap. 2
liegt darin, dass mögliche Konfliktpotenziale aktiv erkannt und geklärt werden: Über die
Projektorganisation werden Aufgaben und Kompetenzen festgelegt. In einer RACI-Ma-
trix (Abschn. 2.3.9.9) wird definiert, wer in welchem Arbeitspaket was zu tun hat. Ein
Informationskonzept zeigt, wer von wem in welcher Form über was informiert wird usw.
All das dient dazu, mögliche Störungen in der Projektorganisation zu verhindern.
1. Phase des systemischen Phänomens
Je weniger gut der methodische Ansatz angewendet wird, desto höher ist das Konfliktpo-
tenzial. Die nicht geklärten Aufgaben und Kompetenzen stellen ein Versäumnis auf der
organisatorischen Ebene dar. Manifestieren werden sie sich jedoch in Störungen auf der
Beziehungsebene, weil zwischen den Projektbeteiligten resp. deren Linienvorgesetzten
unterschiedliche Erwartungen bestehen. In einer ersten Phase verlagert sich der Konflikt
vom Inhalt und der Organisation zur Beziehung, siehe Abb. 4.19.
Der Konflikt wird damit vom Linienvorgesetzten in die Beziehung zwischen dem Pro-
jektleiter und dem Experten „delegiert“. Wenn den Beteiligten und Verantwortlichen in
Projekten nicht bewusst ist, dass sie Symptomträger von delegierten Konflikten sein
können, werden sie diese Störungen immer mehr auf sich selber beziehen. Wir Autoren
bezeichnen dies als „systemisches Phänomen“.
I System Das Wort „System“ stammt aus dem Griechischen. Im Deutschen bedeutet es
„zusammen + stehen“. Eine systemische Grundhaltung versucht, ein Ganzes immer im
Zusammenwirken der einzelnen Teile zu erfassen (Königswieser und Hillebrand 2004,
S. 22).
Wer das systemische Phänomen kennt, stellt im Konfliktfall nicht vorschnell die Be-
ziehungsebene als Konfliktgrund in den Mittelpunkt, sondern versteht den Friktionspunkt
als Symptom. Er deckt die Dynamiken, Kräftefelder, Widersprüche und Defizite auf, die
den Konflikt ursächlich antreiben.
426
4
Team
Beziehung
Inhalt
Organisation
Abb. 4.19 Erste Phase des systemischen Phänomens im Konflikt
2. Phase des systemischen Phänomens
Auf der Beziehungsebene sind zwei Optionen möglich: Die Spannung manifestiert sich
nach außen in der Beziehung zu den Mitarbeitern als sozialer Konflikt oder nach innen als
persönlicher Konflikt.
Beispiel
Gibt es in einer Organisation keinen etablierten Change Request Management Pro-
zess (Abschn. 2.5.8.2), wird der Projektleiter immer wieder vor dem intrapsychischen
Konflikt stehen, wie er mit der schleichenden Veränderung des Leistungsumfangs
(Scope Creeping) umgeht. Ohne irgendetwas falsch gemacht zu haben, steckt der Pro-
jektleiter in einem Vermeidungs-Vermeidungskonflikt (Abschn. 4.4.7.6). Weist er die
Anforderung zurück, brüskiert er den Stakeholder, der den Antrag stellt. Das ist bei ei-
nem Kunden oder Auftraggeber sehr schwierig bis hin zu unrealistisch. Nimmt er den
Antrag an, ohne dass die Konsequenzen des Antrages adäquat in Projektplanung und
Budget Niederschlag finden, konfrontiert sich der Projektleiter selber wie auch sein
Team mit zusätzlichen Aufwänden, höheren Risiken und neuen Dilemmata, weil dazu
andere Aufgaben von der Priorität her zurückgestellt werden müssen.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
427
In dieser Situation stehen zwei unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung:
1. Konfliktmanagement findet statt
Die bewusste Auseinandersetzung zwischen Symptom und Ursache findet statt. Die Be-
ziehungsebene wird geschützt, der Konflikt wird zurückgewiesen. Das heißt die Delegati-
on wird nicht übernommen und an ihren Ursprung zurückgewiesen, wo die Ursachen so
gut wie möglich bewältigt werden.
Beispiel
Der Projektleiter geht nicht in die Haltung des „Vorauseilenden Gehorsams“ und ist be-
strebt, die Situation zu verändern. Er spezifiziert den Änderungsantrag nach den Regeln
des Change Request Managements Abschn. 2.5.8.2. Damit fordert er seinen Auftrag-
geber heraus, eine klare Stellung zu beziehen, und geht natürlich auch das Risiko ein,
dass seine Intervention auf irgendeine Art sanktioniert wird.
2. Konfliktmanagement findet nicht statt
In diesem Fall kann der Konflikt meistens nicht auf der Beziehungsebene thematisiert
werden, weil die Parteien schon in einem Affekt zueinander stehen. Die Gefahr ist groß,
dass der Konflikt auf der Beziehungsebene verdrängt wird. Da der Affekt zwischen den
Betroffenen aber bestehen bleibt, werden sie sich in inhaltlichen oder organisatorischen
Fragen immer wieder Debatten lieferen.
Beispiel
Der Projektleiter getraut sich nicht, beim Auftraggeber zu intervenieren. Er versucht,
die zusätzlichen Anforderungen innerhalb der bestehenden Zeit- und Ressourcenbud-
gets zu realisieren. Damit vermeidet er das Risiko eines Disputs mit dem Vorgesetzten.
Die Projektrisiken als Ganzes nehmen aber zu, da mehr Komplexität bewältigt werden
muss. Zudem steigen die Risiken, dass es Spannungen geben wird innerhalb des Pro-
jektteams (soziale Konflikte), wie auch, dass das persönliche Selbstmanagement unter
dieser Situation leidet.
4.4.3
Konfliktsyndrom
Konflikte sind meistens nicht urplötzlich in ihrer vollen Intensität da. Je länger sie sich
auf der Beziehungsebene manifestieren und nicht bearbeitet werden, desto mehr intensi-
vieren sie sich. In Abb. 4.20 sind die folgenden Einflussfaktoren dargestellt, die auch als
Konfliktsyndrom bekannt sind.
428
4
Team
1
2
3
4
Kommunikation
lässt nach oder
ist unaufrichtig
Wahrnehmung
ist verzerrt
oder polarisiert
Einstellung ist
von Misstrauen
beherrscht
Gemeinsames
Ziel wird aus
den Augen
verloren
Abb. 4.20 Konfliktsyndrom. (Berkel 2014, S. 65)
Kommunikation lässt nach oder ist unaufrichtig
Informationen werden kaum oder fehlerhaft ausgetauscht
Es wird mehr übereinander als konkret über die Thematik gesprochen
Verdeckte Drohungen und offener Druck treten an die Stelle von Argumenten und
Überzeugungskraft
Wahrnehmung ist verzerrt und polarisiert
Unterschiedliche Interessen, Meinungen und Überzeugungen werden schärfer wahrge-
nommen
Die Differenzen untereinander gelten als bedeutsamer als die (noch) vorhandenen Ge-
meinsamkeiten
Versöhnliche Gesten werden als heuchlerisch, humorvolle Bemerkungen als zynisch
und sachliche Absichten als feindselig interpretiert
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
429
Einstellung ist von Misstrauen beherrscht
Die Bereitschaft sinkt, andere zu unterstützen
Die Fähigkeit und Bereitschaft lassen nach, andere zu verstehen und sich in sie einzu-
fühlen
Die Neigung nimmt zu, einander persönlich zu verletzen
Gemeinsame Ziele verwässern
Jeder versucht, seine Ziele auf Kosten der anderen zu erreichen
Gegenseitige Behinderungen nehmen zu
Abstimmung (Koordination) und Arbeitsteilung unterbleiben, dadurch kommt keine
Synergie zustande
4.4.4
Konfliktsymptome
Gemäß dem systemischen Phänomen verlagern sich Widersprüche und Dysfunktionalitä-
ten von der inhaltlichen und der organisatorischen Projektebene auf die Beziehungen. Das
bewirkt beim Menschen als Symptomträger der Konflikte eine Veränderung in seinem
Fühlen, Denken und Handeln. Für andere wahrnehmbar ist vordergründig das Handeln.
Die in Tab. 4.12 aufgeführten Symptome können auf Konflikte hinweisen.
4.4.5
Potenzial von Konflikten
Oft werden Konflikte nur negativ konnotiert und als Störung wahrgenommen, die das
Erreichen der Projektziele verhindern oder verzögern. Ist dies der Fall, werden sie zu
Tab. 4.12 Konfliktsymptome
Ablehnung, Wider-
stand
Ständiges Widersprechen, „Ja, aber“-Verhalten, mürrische Reaktionen
Aggressivität,
Feindseligkeit
Verletzende Reden, „böse“ Blicke, abwertende Bemerkungen, absichtliche
Fehler, „Mauern“, Sabotage
Sturheit, Uneinsich-
tigkeit
Rechthaberisches Verhalten, „Kleben“ an Vorschriften, „das funktioniert
so nicht bei uns, ...“
Flucht
Kontakte vermeiden, aus dem Weg gehen, Wortkargheit, innerer Rückzug,
Ausweichen auf andere Themen
Überkonformität
Keine eigenen Ideen einbringen, Kritik vermeiden, sich den anderen Mei-
nungen anschließen
Desinteresse
Formelle Höflichkeit, sich zurückziehen, passive Arbeitshaltung, Ignoranz
Formalität
Dienst nach Vorschrift, Weisungen genau einhalten, alle Schritte schrift-
lich festhalten und dies von den andern ebenso erwarten
430
4
Team
Tab. 4.13 Positive und negative Eigenarten von Konflikten. (Abgeleitet von Lippmann 2008,
S. 318)
Positiv
Negativ
Erlaubt, die eigene Persönlichkeit zu entwi-
ckeln
Verletzt die persönlichen Grundbedürfnisse
Hilft, die eigenen Grenzen zu schützen
Führt in die Isolation
Verweist auf Probleme
Fördert den Widerstand
Verhindert Stagnation, ist Wurzel für Verände-
rungen
Entzieht der Hauptaufgabe den Fokus, blo-
ckiert Energie
Stimuliert Ideen
Bindet wertvolle Ressourcen
Regt Interesse und Neugierde an
Weckt Angst, Wut, Frustration, Schmerz, Stress
und Unzufriedenheit
Verhilft zu Lösungen
Verwirrt Mitarbeiter
Ermöglicht eine Gegenüberstellung aus Selbst-
bild und Fremdbild
Begünstigt Schuldzuweisungen
Führt zu Selbsterkenntnis der Persönlichkeit
Hinterlässt Gewinner und Verlierer
einer Bedrohung oder Verletzung und können Angst machen. Damit werden Konflikte
intensiver. Ihr Potenzial wird nicht genutzt und die Involvierten können sich nicht (wei-
ter)entwickeln.
Der primäre Nutzen von Konflikten ist, dass sie Indikatoren dafür sind, dass zwei Ele-
mente gegensätzlich oder unvereinbar sind und somit die Aufmerksamkeit der involvierten
Personen benötigen.
Das Gegenteil wäre schlecht: Wenn in einem Projektteam oder in dessen Stammorgani-
sation eine „friedhöfliche“ Atmosphäre herrscht, in der alle nett zueinander sind, werden
die unterschiedlichen Überzeugungen nicht mehr thematisiert. In der hohen Komplexität
und unter den anspruchsvollen Rahmenbedingungen, welche die Projektarbeit heute prä-
gen, ist es unmöglich, dass ein „Master Mind“ alles überschaut und den „Magic Code“
hat, alle Probleme zu lösen.
Die Projektarbeit ist darauf angewiesen, dass Differenzen und Konflikte immer wieder
im Sinne der Projektziele konstruktiv bearbeitet werden, um gemeinsam an der Heraus-
forderung zu wachsen. Natürlich haben alle schon negative Erfahrungen gemacht mit
Konflikten. Natürlich können Konflikten immer negative Konsequenzen zugeschrieben
werden. Aber sie beinhalten auch viel positives Potenzial, wie in Tab. 4.13 ersichtlich ist.
4.4.6
Was passiert bei Konflikten in unserem Gehirn?
4.4.6.1
Erregung im Gehirn
Wann haben wir hirntechnisch einen Konflikt? Grundsätzlich passiert das immer dann,
wenn wir aus unserem Bewusstsein eine bestimmte Erwartungshaltung an eine Situation
generieren, die dann nicht erfüllt wird. Wenn z. B. der Projektleiter zu einer für ihn wich-
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
431
tigen Meilensteinsitzung einlädt, erwartet er, dass alle Eingeladenen pünktlich erscheinen
und die Unterlagen studiert haben. Wenn dann gewisse Personen zu spät kommen oder
überhaupt nicht vorbereitet sind, gerät sein Hirn in den Zustand der Erregung. Es entsteht
eine Unordnung, welche zu einer Stressreaktion führen kann.
Was jetzt passiert, vergleicht der Hirnforscher Gerald Hüther (Ballreich und Hüther
2009) mit einer Gruppe Menschen, die in einem Park spazieren. Solange alles ruhig ist,
schaut man aufeinander und nimmt Rücksicht. Plötzlich knallt es irgendwo, die Leute
erschrecken und rennen wild durcheinander. Dieser Knall ist die nicht eingetroffene Er-
wartungshaltung. Wird das Ereignis vom Hirn als bedrohlich bewertet, gerät es in eine
Erregung. In diesem Zustand sind unsere höheren Hirnfunktionen im präfrontalen Kortex
nicht mehr benutzbar (Abschn. 3.3.2).
4.4.6.2
Verlust von Selbstreflexion und Selbststeuerung
Mit dem Ausfall des präfrontalen Kortex verliert der Mensch seine Fähigkeit zur Selbst-
reflexion und sogar seine Selbststeuerung. Ohne Selbstreflexion ist der Mensch sich nicht
mehr bewusst, wie er sich verhält und was sein Verhalten bei anderen Personen bewirkt.
Und ohne vernunftbasierte Selbststeuerung geht die Reise wie im Fahrstuhl nach unten
(Abb. 4.21): Ältere Bereiche im Hirn, die stabiler sind, übernehmen die Verhaltenssteue-
2
3
1
Ärger ► Angriff
Angst ► Flucht
Ohnmächtiges Erstarren
Antrainierte Verhaltensmuster
Verinnerlichte Lebenser-
fahrung, Werte, Überzeugun-
gen, kognitive Fähigkeiten
Intensität Konflikt
Abb. 4.21 Fahrstuhl nach unten. (Basierend auf Ballreich und Hüther 2009)
432
4
Team
Tab. 4.14 Grundemotionen im Konflikt. (Berkel 2014, S. 114)
Angst ! Flucht
Ärger ! Kampf
Angst macht sich leicht breit, wenn ich ...
– angegriffen werde
– mit Mächtigeren zusammenstoße, die ihre
Überlegenheit drohend ausspielen
– mich unsicher fühle
– unvorbereitet bin
Ärger entsteht, wenn ein anderer mich ...
– behindert, indem er Regeln verletzt
– unfair behandelt
– öffentlich beschämt
– ungerechtfertigt beschuldigt
Angst äußert sich körperlich als Schwitzen,
Zittern, Herzklopfen, heisere Stimme. Das Blut
„gefriert“, schießt in die Füße
! fliehen: abwenden oder wegrennen
Ärger äußert sich körperlich in erhöhtem Ad-
renalinausstoß, Lautstärke, Drohgebärden. Das
Blut „kocht“, schießt in die Hände
! kämpfen: zuschlagen oder abwehren
rung. Zunächst sind dies die in der Kindheit antrainierten Verhaltensmuster. Der erwach-
sene Mensch versucht mit den Bewältigungsstrategien, die er schon als Kind erfolgreich
angewendet hatte, die neue Situation zu bewältigen.
Ist die Erregung noch stärker, funktionieren auch die frühkindlichen Strategien nicht
mehr. Der Fahrstuhl geht noch weiter hinunter. Die archaischen Notprogramme kom-
men zur Anwendung. Die Grundemotionen Angst oder Ärger dominieren. Beides sind
unangenehme Gefühle. Die Auswahl reduziert sich auf die Überlebensprogramme Flucht
oder Kampf, wie in Tab. 4.14 dargestellt (Berkel 2014, S. 114). Führt auch das zu kei-
ner Verbesserung der Situation, wird die letzte Stufe des Notprogramms aktiviert: Das
ohnmächtige Erstarren. In diesem Zustand geht gar nichts mehr.
In spezifischen Stress- und Bedrohungssituationen haben die archaischen Notfallpro-
gramme durchaus den Nutzen des Selbstschutzes. Aber es wird auch viel Schaden ange-
richtet, weil der Mensch kopflos unterwegs ist.
4.4.6.3
Konflikte verletzen die Grundbedürfnisse des Menschen
In Abschn. 3.3.3 ist ausgeführt, dass das Verhalten des Menschen aufgrund seiner Grund-
bedürfnisse zielorientiert ist. Ungestillte Grundbedürfnisse oder Sehnsüchte des Men-
schen führen immer in der einen oder anderen Art zu Konflikten. Der Mensch erlebt sich
dann in einer Diskrepanz zwischen dem, was er erwartet, und den Umständen, in denen er
sich effektiv erlebt. Konflikte können folgende Grundbedürfnisse bedrohen:
Geborgenheit und Zuwendung: Da sich die Konflikte immer auf der Beziehungsebene
manifestieren, bedrohen sie damit auch das Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit zur
jeweiligen Gruppe oder Person, mit welcher die Störung auftritt.
Soziale Anerkennung und soziale Stellung: Wer Konflikte negativ konnotiert, erwartet
Gewinner und Verlierer. Natürlich will niemand als Verlierer wahrgenommen werden,
weil dies seine Anerkennung oder soziale Stellung bedrohen würde.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
433
Selbstentfaltung: Jeder Mensch möchte seine Fähigkeiten und Überzeugungen zum
Ausdruck bringen. Steht die eigene Überzeugung einer oder mehreren anderen gegen-
über, wird dies als Einschränkung der persönlichen Selbstentfaltung wahrgenommen.
Streben nach Leistung: Konflikte als Störungen verlangsamen oder stoppen sogar unse-
ren Arbeitsfortschritt. Man muss sich vom Inhalt und der vordergründig „produktiven“
Arbeit abwenden, um den zwischenmenschlichen Konflikt zu bearbeiten.
Existenzielle Sicherheit: Möglicherweise bedrohen Konflikte sogar die existenzielle
Sicherheit, wenn ein Konflikt derart eskaliert oder zumindest subjektiv als derart be-
drohlich wahrgenommen wird, dass der eigene Arbeitsplatz dadurch gefährdet ist.
4.4.6.4
Konflikte tun weh
Die Neurobiologie konnte mittlerweile durch Hirnscans nachweisen, was mit einem Men-
schen passiert, der aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen wird: dieselben Bereiche wer-
den aktiviert, die aktiviert sind, wenn dem Menschen körperliche Schmerzen zugefügt
werden: das Schmerzareal. Das Hirn benutzt für die Wahrnehmung und Verarbeitung von
sozialem Schmerz dieselben Strukturen wie für den Umgang mit körperlichen Schmerzen
(Ballreich und Hüther 2009). Die Volksweisheit „Trennung tut weh“ ist neurobiologisch
bestätigt.
Dabei bleibt es aber nicht: Nach Gerald Hüther schlagen sich Belastungssituationen
immer auch auf einer körperlichen Ebene nieder. Durch die sogenannten somatischen
Marker führt der mentale Schmerz zu einem physischen Schmerz, sei es beispielsweise
im Bauch oder im Herzen, wo sich vor allem die Beziehungsprobleme niederschlagen
(Ballreich und Hüther 2009).
4.4.7
Konfliktarten im Projektmanagement
In Konflikten besteht die Gefahr, dass sie vorschnell personifiziert werden: Das heißt die
Konfliktparteien werden auch als Konfliktverursacher wahrgenommen. Damit werden wir
der Komplexität der Konflikte nicht gerecht. Meistens sind die Konfliktparteien Symptom-
träger, und die Ursachen stehen im Hintergrund.
In Tab. 4.15 sind die wesentlichen Konfliktarten aufgeführt, die in der Projektarbeit
immer wieder vorkommen. Diese sind gruppiert nach den grundsätzlichen Eigenheiten der
Projekte (Abschn. 1.2). Die Tabelle zeigt auch, dass sich die Konflikte je nach Konfliktart
unterschiedlich äußern können (Abschn. 4.4.8.2).
4.4.7.1
Ziel- und Interessenkonflikt
Ein Zielkonflikt tritt dann auf, wenn zwei oder mehrere Parteien unterschiedliche Ziele
und Interessen verfolgen (Kreyenberg 2005, S. 27). Die möglichen Zielkonflikte in der
Projektarbeit sind vielfältig:
434
4
Team
Tab. 4.15 Konfliktarten im Projekt
Was sind Projekte?
Konfliktart
Äußerungsform
Bringen Veränderung
mit sich
– Persönlicher Konflikt
– Vorgehenskonflikt
– Beziehungskonflikt
Abgegrenzte und
einmalige Vorhaben
– Bewertungskonflikt
– Verteilungs- und Ressourcenkonflikt
Zielgerichtet und
innovativ
– Ziel- und Interessenkonflikt
– Rollenkonflikt
– Bewertungskonflikt
Interdisziplinär
– Wertekonflikt
– Rollenkonflikt
– Struktureller und organisatorischer Konflikt
Projektcharakter
ändert sich
– Vorgehenskonflikt
– Bewertungskonflikt
Schwierig zu planen
und zu steuern
– Vorgehenskonflikt
– Bewertungskonflikt
Brauchen außeror-
dentliche Ressourcen
– Verteilungs- und Ressourcenkonflikt
– Zielkonflikt
– Vorgehenskonflikt
Risikoexponiert
– Bewertungskonflikt
– Wertekonflikt
– Persönlicher Konflikt
Projekte sind Organi-
sationen
– Struktureller Konflikt
– Latenter oder offener
Konflikt
– Heißer oder kalter
Konflikt
– Verschobener oder
echter Konflikt
Zielkonflikte treten in Projekten vielfach dann auf, wenn die Ziele mit den entsprechen-
den Gewichtungen nicht umfassend ausgearbeitet, verhandelt und vom Auftraggeber
nicht abgesegnet wurden.
Im magischen Dreieck stehen die voneinander abhängigen Einflussfaktoren „Scope“,
„Kosten“ und „Zeit“ in einer gegenseitigen Spannung, die auch Konflikte erzeugen
kann. Jeder Kunde oder Auftraggeber erwartet als Projektresultat so viel Qualität oder
Funktionalität wie möglich. Dies jedoch innerhalb begrenzter Zeit und zu limitierten
Kosten.
Unterschiedliche Interessen und Erwartungen der Stakeholder.
Das agile Projektmanagement ist für Zielkonflikte weniger anfällig, da diese Projekte
viel mehr über eine Vision als über spezifische Ziele geführt werden. Voraussetzung ist
allerdings, dass dem Product Owner sämtliche Entscheidungskompetenzen zugesprochen
werden. Sollte das nicht der Fall sein, wird es zwischen dem Product Owner und den
Entscheidungsorganen der Stammorganisation zu Ziel- und Interessenkonflikten kommen.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
435
4.4.7.2
Verteilungs- und Ressourcenkonflikt
Jedes Projekt benötigt persönliche, finanzielle oder technische Ressourcen. Die Parteien
sind sich zwar einig über die Wichtigkeit eines Projektes. Weil die persönlichen, finanzi-
ellen und technischen Ressourcen aber beschränkt sind, entsteht ein Konflikt bezüglich
der Zuteilung der Ressourcen (Kreyenberg 2005, S. 29), ein Verteilungskonflikt.
Ob agile oder klassische Projektorganisation, in beiden Ansätzen kommt es zu Vertei-
lungskonflikten, wenn . . .
die Aufwandschätzungen nicht realistisch sind oder zu wenig Budget freigegeben wur-
de;
die Aufwandschätzungen während des Projektverlaufs nicht aktualisiert werden;
die Projekte über eine Koordination in die Stammorganisation eingebunden sind und
die Linienvorgesetzten immer wieder an den Prioritäten Veränderungen vornehmen;
die Projekte nicht in einer Multiprojektplanung konsolidiert werden;
auf der strategischen Ebene kein Projektportfolio besteht, über welches die Geschäfts-
leitung die Prioritäten transparent setzen und steuern kann.
Gut geschützt vor diesen Konflikten sind oft nur die strategisch wichtigen Projekte. Bei
allen anderen Projekten ist der Kampf um die Ressourcen eine wiederkehrende Heraus-
forderung für Projektleiter und Scrum Master.
4.4.7.3
Struktureller und organisatorischer Konflikt
Eine weitere wesentliche Konfliktquelle liegt in der Integration der Projektorganisation in
die Stammorganisation. Projekte sind immer temporäre Organisationsformen, welche auf
eine spezifische Art in die permanente Linienorganisation integriert sind. Vor allem die
Integrationsformen der Projektkoordination sowie der Matrix sind konfliktanfällig. In
der Projektkoordination ist der Projektleiter ein Vermittler und Entscheidungsvorbereiter
und stark von den Entscheidungen der Linienvorgesetzten abhängig. In der Matrix-Orga-
nisation hat der Projektleiter fachliche Weisungsbefugnis gegenüber seinen Mitarbeitern,
aber die Konsequenz daraus ist, dass alle Mitarbeiter zwei Vorgesetzte haben, welche sich
oftmals in ihren Prioritäten nicht gut abstimmen.
Wenn es sich dann noch um ein Kundenprojekt handelt und ein Kundenvertreter in die
Projektorganisation integriert ist oder sogar als deren formaler Auftraggeber agiert, ist ein
struktureller Konflikt fast garantiert.
Strukturelle und organisatorische Konflikte treten auf, wenn . . .
nicht explizit geklärt und besprochen ist, wie ein Projekt in die Stammorganisation
eingebunden wird und darauf basierend die Entscheidungskompetenzen und der Füh-
rungsstil (z. B. laterale Führung) nicht abgestimmt sind;
Projektrollen und -gremien zwar definiert sind, diese ihre Aufgabe nicht wahrnehmen
(z. B., wenn der Auftraggeber im Projekt nicht sichtbar ist);
in Kundenprojekten die Zuständigkeiten und Informationsflüsse zwischen der internen
und der Kundenorganisation nicht abgestimmt sind.
436
4
Team
Agile Projektteams sind mit dem Konzept der Selbststeuerung gut geschützt gegen Ein-
griffe aus der Stammorganisation. Natürlich können innerhalb des Teams immer wieder
Konflikte auftreten, weil jedes Teammitglied situativ sowohl Aufgaben in Bezug auf die
produktive Arbeit (Arbeit im System) als auch in Bezug auf die Arbeit am System zu über-
nehmen hat. Sollte diese persönliche Bereitschaft oder Flexibilität für die Grundlage der
Selbststeuerung nicht vorhanden sein, oder sollten dem Team vom Product Owner oder
von der Stammorganisation Lösungen vorgegeben werden, sind strukturelle oder organi-
satorische Konflikte vorprogrammiert.
4.4.7.4
Bewertungskonflikt
Bewertungskonflikte gehen oft auf die unterschiedlichen Vorerfahrungen, Wissensstän-
de und auch Informationsstände der Beteiligten zurück. In diesem Falle sind sich die
Parteien zwar darüber einig, welche Ziele verfolgt werden. Aber es bestehen unterschied-
liche Überzeugungen, auf welchen Wegen und mit welchen Methoden diese Ziele erreicht
werden. Die Effektivität und die Auswirkung der Vorgehensweisen werden unterschied-
lich bewertet (Kreyenberg 2005, S. 27 f.) Agil oder klassisch? Oder doch hybrid, und in
welcher Form? Wie sieht der Meilensteinplan aus? Welches können verbindliche Meilen-
steine sein während der Projektabwicklung?
Auch das Potenzial für Bewertungskonflikte ist in klassischen Projekten groß: Projekt-
arbeit ist keine repetitive Arbeit wie die meiste Linienarbeit. Jedes Projekt ist in irgendei-
nem Sinne einmalig. Von dem her wird es auch immer unterschiedliche Überzeugungen
geben, mit welchen Methoden und auf welchen Wegen diese Ziele zu erreichen sind.
Bewertungskonflikte treten auf, wenn . . .
der Projektauftrag nicht klar formuliert und auch ausgehandelt wurde;
die Zielsetzungen des Projektes nicht SMART oder ungenau definiert sind;
keine transparenten Kriterien für die Entscheidungsfindung festgelegt wurden;
zwischen Projektausschuss und Auftraggeber die Entscheidungskompetenzen und Ent-
scheidungsmodelle nicht geregelt sind.
Im agilen Ansatz hat der Product Owner die alleinige Entscheidungskompetenz, Sprint-
Resultate abzunehmen. Was er zurückweist, muss nochmals bearbeitet werden.
Die Teams selber sind in dieser Konfliktart gefordert, wenn . . .
unterschiedliche Überzeugungen bestehen zu den Anforderungen, die innerhalb eines
Sprints umgesetzt werden;
abweichend wahrgenommen wird, wer wie viel zur Teamleistung beiträgt;
die Arbeit im System einen höheren Wert hat als die Arbeit am System;
der Scrum Master im Falle von Diskrepanzen nicht genügend schnell interveniert.
4.4.7.5
Rollenkonflikt
In Abschn. 2.3.9 sind die unterschiedlichen Rollen in der agilen und klassischen Projekt-
organisation erläutert. In Abschn. 4.1.9 wird die Unterscheidung zwischen Position und
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
437
Rolle ausgeführt. Projektarbeit ist für einen Rollenkonflikt grundsätzlich stark exponiert,
weil die meisten Projektbeteiligten – außer in der reinen Projektorganisation – mehrere
Rollen gleichzeitig ausfüllen. Je weniger klar diese Rollen definiert und die Rollenüber-
nahmen gestaltet sind, desto größer ist das Konfliktpotenzial.
Der klassische Ansatz leidet häufig unter Rollenkonflikten. Im Gegensatz zum agilen
Projektmanagement sind hier die Zuständigkeiten zwischen Team, Teilprojektleiter, Pro-
jektleiter sowie Auftraggeber und Projektausschuss oft weniger scharf abgegrenzt.
Der Faktor Mensch ist in beiden Ansätzen gleichbedeutend. Damit sind Rollenkonflikte
immer möglich.
Rollenkonflikte treten im klassischen Projektmanagement auf, wenn . . .
die Zuständigkeiten der Rollen und Gremien nicht klar definiert sind;
die spezifischen Verantwortlichkeiten und Entscheidungskompetenzen nicht über eine
RACI-Matrix oder ein Funktionendiagramm transparent gemacht werden;
der Führungsstil des Projektleiters nicht abgestimmt ist auf die Integration des Projek-
tes in die Stammorganisation (z. B. laterale Führung);
das Kongruenzprinzip A-K-V auf allen Projektebenen nicht einigermaßen ausbalan-
ciert ist;
der Teamentwicklungsprozess (Abschn. 4.2) aus dem Storming nicht in ein konstruk-
tives Norming geführt wird.
Im agilen Ansatz sind Rollenkonflikte wahrscheinlich, wenn . . .
dem Product Owner nicht sämtliche Entscheidungskompetenzen zugesprochen wer-
den;
der Scrum Master aktiv im Team mitarbeitet;
dem Team die Entscheidungskompetenzen im Bereich der Anforderungen oder der
Selbstorganisation nicht zugestanden werden;
das Team zu wenig ausgeglichen ist und wenige Leistungsträger die Gesamtperfor-
mance des Teams stemmen müssen.
4.4.7.6
Persönlicher Konflikt
Bei persönlichen Konflikten (auch seelische Konflikte genannt) verspüren die Menschen
in sich unterschiedliche Entscheidungs- oder Verhaltenstendenzen (Kreyenberg 2005,
S. 30). Persönliche Konflikte der Projektbeteiligten sind umso stärker, je widersprüch-
licher beziehungsweise je unklarer die Vorgaben für das Projekt sind. Diese inneren
Entscheidungskonflikte können danach unterteilt werden, welche Möglichkeiten einer
Person realistisch zur Verfügung stehen. Abb. 4.22 fasst die drei – vom Psychologen Kurt
Lewin entwickelten – Konflikte zusammen.
Annäherungs-Annäherungskonflikt
Einer Person stehen zwei Optionen offen. Beide sind attraktiv. Die Person hat ein Dilem-
ma: Sie fühlt sich zu beiden hingezogen. Es ist aber unmöglich, beide Ziele gleichzeitig
438
4
Team
Vermeidungs-Vermeidungs-Konflikt
Die Person muss zwischen zwei Gege-
benheiten entscheiden, die sie beide als
Übel ansieht.
Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt
Die Person steht vor der Entscheidung,
die ihr sowohl Wertvolles wie Übles
bringt.
Annäherungs-Annäherungs-Konflikt
Die Person steht zwischen zwei Zielen,
die sie für gleich wertvoll hält, aber nicht
gleichzeitig anstreben/erreichen kann.
Abb. 4.22 Seelische Konflikte. (Nach Berkel 2014, S. 15 f.)
zu realisieren. Der Konflikt besteht darin, dass ein Entscheid gefällt werden muss für eine
der beiden Optionen. Die andere Möglichkeit scheidet aus.
I
Der Scrum Master nimmt Spannungen im Team wahr. Er muss entscheiden,
ob er direkt intervenieren soll, oder ob er es riskieren soll, dass das Team die
Probleme selber bewältigt und damit weiter zusammenwächst.
Der Projektleiter muss sich entscheiden, ob er eine Teamleitung in der Linie
übernehmen oder ob er weiter Projekte leiten möchte.
Vermeidungs-Vermeidungs-Konflikt
Im Fall des Vermeidungs-Vermeidungskonflikts ist eine Wahl zu treffen zwischen zwei
Möglichkeiten, die beide negative Konsequenzen haben werden. Der Entscheid muss zu-
gunsten des kleineren Übels gefällt werden.
I
Ein bewährter Projektleiter ist mit seinem Kundenprojekt einen Monat im Ver-
zug. Der Auftraggeber hat die Wahl, ihn hart anzugehen (was er scheut), zusätz-
liche Ressourcen für dieses Projekt bereitzustellen (die er wiederum anderswo
kompensieren muss) oder dann den Kunden zu informieren, dass es einen Ver-
zuggebenwirdinderProjektabwicklung.WasimmerderAuftraggebertunwird,
es wird zu Schwierigkeiten führen.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
439
Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt
Annäherungs-Vermeidungs-Konflikte sind durch Ambivalenz geprägt: Jede Wahlmöglich-
keit hat sowohl positive als auch negative Folgen.
I
Jemand wird für die Rolle des Product Owners in einem strategischen Entwick-
lungsprojekt nominiert. Er würde damit in eine höhere Einkommensklasse kom-
men und hätte auch endlich mehr Gestaltungs- und Entscheidungskompeten-
zen. Er wäre aber verpflichtet, innerhalb eines Jahres die IPMA Zertifizierung zu
bestehen. Er zweifelt, ob diese anspruchsvolle Aufgabe des Product Owners,
verbunden mit der Zertifizierung, vereinbar ist mit seiner Rolle als junger Fami-
lienvater.
4.4.7.7
Beziehungskonflikt (Sozialer Konflikt)
Beziehungskonflikte liegen dann vor, wenn es in der Beziehung zwischen Menschen zu
unterschwelligen oder offenen Störungen kommt. Dadurch, dass in Beziehungskonflikte
zwei oder mehrere Menschen involviert sind, haben diese eine ganz andere Dynamik als
die persönlichen Konflikte (Berkel 2014, S. 18 ff.).
Zweier- oder Paarkonflikte
Paarkonflikte erleben wir nicht nur in unseren privaten Beziehungen. Sehr oft erfahren
wir auch im Arbeitskontext konfliktbeladene Situationen zwischen zwei Personen: Vor-
gesetzte, Mitarbeiter, Verhandlungspartner usw. Mögliche Ursachen für Zweierkonflikte
sind:
Nähe vs. Distanz: Das Bedürfnis nach Nähe und Distanz verändert sich beim Men-
schen immer wieder. Zu viel Abstand oder auch zu viel Nähe erhöht die Spannung
beim Gegenüber. Dieses fühlt sich entweder verlassen oder eingeengt.
Beispiel: Wird ein Arbeitskollege zum Projektleiter ernannt, verändert sich das Nähe-
Distanz-Verhältnis. Die beförderte Person wird eher auf Distanz gehen, um ihrer neuen
Führungsrolle gerecht zu werden. Die ehemalige Kollegin erwartet jedoch immer noch
die gleiche Nähe wie vor der Beförderung.
Bewahren vs. Verändern: Jeder Mensch hat seine eigene Entwicklungsdynamik: Der
eine ist sehr offen für Veränderung, neugierig und permanent auf der Suche nach neuen
Möglichkeiten. Der andere sucht mehr Stabilität in seinem Leben, möchte das Erreichte
bewahren und findet Halt und Zufriedenheit in wiederkehrenden Ritualen und Abläu-
fen.
Kommt z. B. eine Kollegin voller Enthusiasmus aus einer Schulung zurück in die Fir-
ma, möchte sie das Gelernte sofort zur Anwendung bringen und bestehende Abläufe
verändern. Dies wird zu Konflikten führen mit den Personen, die das Bestehende be-
wahren wollen.
Kommunikation: Zwischenmenschliche verbale wie auch nonverbale Kommunikation
haben viel Konfliktpotenzial (Abschn. 3.9).
440
4
Team
Dreier- oder Dreieckskonflikte
Mit einer dritten Partei treten neue Phänomene in Konflikten auf, die in einer Zweierbe-
ziehung nicht möglich sind:
Koalition: Zwei Personen verbünden sich gegen einen Dritten.
Rivalität: Ein Vorgesetzter spielt zwei seiner Mitarbeiter gegeneinander aus. Diese
konkurrieren nun, um die Gunst des Chefs zu gewinnen.
Beziehung: Bei einem Paar bestimmen die Persönlichkeiten die Beziehung. Die Per-
sönlichkeit ist dann der wesentliche Einflussfaktor auf den Konflikt. In einem Drei-
erkonflikt ist es genau umgekehrt: Die Persönlichkeit der involvierten Personen steht
nicht im Vordergrund, sondern die Beziehung, die die Konfliktparteien zueinander ha-
ben: So hat der Vorgesetzte zu seinen beiden Mitarbeitern je eine eigene Beziehung.
Gruppenkonflikte
In der Gruppe kommen weitere Konfliktpotenziale zum Vorschein:
Revier: Jede Gruppe betrachtet ein Territorium als ihr Zuhause und verteidigt dieses
gegen Eindringlinge. Der Mensch in der Gruppe ist nicht nur sensibel, wenn räumliche
Grenzen missachtet werden. Die gilt auch für das Überschreiten von Zuständigkeiten
und Kompetenzen.
Rangordnung: Jede Gruppe bildet bewusst oder unbewusst eine Rangordnung. Be-
kannt ist die Rangordnung nach:
– Anführer (Alpha)
– Experte (Beta)
– Einfaches Gruppenmitglied (Gamma)
– Außenseiter (Omega)
Solange eine Gruppe die Rangordnung nicht festlegt, ist sie nicht arbeitsfähig. Neue
Organisationseinheiten oder auch Projekte lösen unweigerlich Rangordnungskämpfe
aus. Nach Berkel ist eine Gruppe nicht erfolgreich wegen des formalen Organigramms,
sondern weil die interne Rangordnung den funktionalen Anforderungen am besten ent-
spricht. Wird die Organisation nicht als zielführend angesehen oder nicht akzeptiert,
führt dies permanent zu Friktionen. Wiederkehrende Konflikte sind häufig ein Hinweis
für eine nicht akzeptierte Organisation.
Führung: Jede Gruppe, sei es ein Projektteam oder eine Linienorganisation, muss zwei
grundlegende Anforderungen erfüllen: Sie muss ihre Ziele erreichen und einen mini-
malen Zusammenhalt sicherstellen können. Außer in der reinen Projektorganisation hat
jede Person in der Projektarbeit zwei oder mehrere Vorgesetzte: den Linienvorgesetzten
und den Projektleiter. Die Art und Weise der Führung sowie die möglichen Diskrepan-
zen und Friktionen der Führungsverantwortlichen untereinander beinhalten weiteres
Konfliktpotenzial.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
441
4.4.7.8
Wertekonflikt
Werte bilden den Kern der Identität von sozialen Systemen, seien dies Einzelpersonen,
Gruppen oder ganze Organisationen. Werte symbolisieren das, was wir für wichtig und
richtig halten und an was wir uns gebunden fühlen. Werte geraten untereinander nicht in
einen Konflikt; es sind immer die Menschen, die sich mit spezifischen Werten identifi-
zieren. Wer befürchtet, dass die eigenen Werte infrage gestellt werden, fühlt sich persön-
lich in der Identität angegriffen. Deshalb wird oft so heftig auf Konflikte auf dieser Ebene
reagiert (Berkel 2014, S. 93).
Dabei kann es sich um persönliche Werte wie auch um Werte in einer Organisationskul-
tur handeln. Werte stehen in einem dynamischen Bezug zueinander: In der Erwerbsarbeit
liegt die Spannung hauptsächlich zwischen den Werten
Leistung (Organisation) und
Zufriedenheit (Individuum).
Je stärker die Firmenleitung auf Leistung setzt, desto stärker treten die Werte der in-
dividuellen Zufriedenheit wie Wohlbefinden oder Gesundheit in den Hintergrund (Berkel
2014, S. 23).
Die interdisziplinäre und oft auch interkulturelle Projektarbeit ist exponiert für Werte-
konflikte. Diese kommen im agilen wie im klassischen Ansatz gleichermaßen vor.
Auf der individuellen Ebene können Unterschiede auftreten in den Erwartungen an die
Art und Weise, wie die Prioritäten gesetzt werden, die Kommunikationskultur gestaltet
oder auch die Entscheide gefällt werden.
Auf der organisationalen Ebene treten Unterschiede meistens zwischen den Teilsys-
temen wie Verkauf, Produktion und Entwicklung auf. Diese verfolgen unterschiedliche
und auch gegensätzliche Werte in deren Aufgaben: Der Verkauf setzt auf Kundennähe,
Flexibilität und kompetitive Preise, die Produktion will Effizienz in den Prozessen und
tiefe Lagerstände, und in der Entwicklung stehen Innovation und hohe Qualität im Vor-
dergrund.
4.4.8
Konfliktdiagnose
Mit den Konflikten ist es wie mit einem Arztbesuch: Ist die Diagnose falsch, wird auch
die Behandlung nicht zielführend sein. Durch die Konfliktdiagnose soll eine unreflektierte
Personifizierung von Konflikten oder auch vorschnelle Schuldzuweisung vermieden wer-
den. Nur wenn wir verstanden haben, welche Ursachen hinter den Konfliktsymptomen
stecken, können wir Konflikte zielführend bearbeiten.
4.4.8.1
Hypothesen bilden statt wissen wollen
Der Mensch ist ein nicht-triviales System (Abschn. 1.6.2). Deshalb können wir nie wissen,
was er empfindet, wie er denkt oder wie er handelt. Das Einzige, was wir tun können in
442
4
Team
Bezug auf andere Menschen oder Gruppen, ist, Annahmen – und damit Hypothesen – zu
bilden.
Ob jedoch eine Hypothese richtig oder falsch ist, darüber bestimmt immer die entspre-
chende Partei, für welche diese gebildet wurde. Die Hypothese wird nur dann zu einem
Faktum, wenn sie von den involvierten Parteien bestätigt worden ist.
4.4.8.2
Äußerungsform von Konflikten
In den oben ausgeführten Konfliktarten kommt der Konfliktgegenstand zum Ausdruck.
Losgelöst davon kann die Art und Weise, wie der Konflikt zum Ausdruck kommt, ganz
unterschiedlich sein (Lippmann 2008, S. 327 ff.)
Latenter und offener Konflikt
Bei einem latenten Konflikt liegen zwar Gegensätze zwischen Parteien vor, diese haben
bis zum Moment allerdings noch nicht zu feindseligen Handlungen geführt. Das wäre
bei einem offenen Konflikt der Fall. Für einen Projektleiter oder Scrum Master kann es
wertvoll sein, schon latente Konflikte zu erkennen, um in einem frühen Stadium auf diese
eingehen zu können und sie damit auch nicht eskalieren zu lassen.
I
Der Projektleiter kann z. B. mit einem seiner Teilprojektleiter wesentliche Diffe-
renzen haben. Weil der Projektleiter aber weiß, dass der Teilprojektleiter einen
engen Bezug zum Auftraggeber hat, wird er den Konflikt nicht eskalieren lassen.
Sollte der Auftraggeber das Projekt aber an einen Kollegen abgeben, würde der
Konflikt ausbrechen.
Heißer und kalter Konflikt
In heißen Konflikten verläuft das Zusammenspiel sehr aktiv, die Parteien reagieren eher
überempfindlich. Angriff und Verteidigung sind für alle spür- und erkennbar. Sie werden
impulsiv und emotional geführt. Die Energie der Parteien wird genährt von den über-
zeichneten positiven Selbstbildern.
In kalten Konflikten ist das Zusammenspiel gelähmt. Enttäuschung, Frustration und
Hassgefühle werden unterdrückt und wirken in den Parteien destruktiv weiter. Eine Aus-
einandersetzung findet nicht oder nur indirekt statt, da sich die Parteien gegenseitig aus-
weichen und einen direkten Kontakt vermeiden.
Zwischen dem heißen und kalten Konflikt sind auch Wechselwirkungen möglich: So
kann ein kalter Konflikt nach Monaten oder Jahren plötzlich als heißer Konflikt eskalieren.
Aber auch das Gegenteil ist möglich: Wird ein heißer Konflikt nicht bewältigt, können sich
die Konfliktparteien in einen kalten Konflikt zurückziehen (Glasl 2004; siehe Abb. 4.23).
I
In Sitzungen kann gut beobachtet werden, ob eine heiße oder eine kalte Kon-
fliktkultur besteht. Wird offen debattiert und argumentiert? Steht jemand für
seine Überzeugung ein, auch wenn diese nicht von der Mehrheit geteilt wird?
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
443
► Glaube an konstruktive Ziele verloren
► Frustration, Sarkasmus
► Verantwortung für Tun wird nicht
übernommen
► Rückzug, ausweichen, vermeiden
Erhitzen für eigene Ziele ◄
Übermotivation ◄
über jeden Zweifel erhaben ◄
Kritik zurückweisen ◄
Angriff, Konfrontation ◄
• dynamisch
• aussenorientiert
• spontan
• provokativ
• direkte Kommunikation
• risikofreudig
• zukunftsorientiert
• statisch
• innenorientiert
• nach Regeln
• reaktiv
• indirekte Kommunikation
• Risiko vermeiden
• vergangenheitsorientiert
versus
formell
informell
kalt
heiss
Abb. 4.23 Heiße und kalte Konflikte. (Basierend auf Schwarz 2014)
Das könnte einen heißen Konflikt auslösen. Gehen sich die Sitzungsteilneh-
mer jedoch aus dem Weg und versuchen, die andere Partei „hinten herum“
schlechtzumachen und zu diffamieren, wäre dies ein kalter Konflikt.
Verschobener Konflikt (Ersatzbefriedigungen)
Eine weitere Differenzierung in der Äußerungsform besteht darin zu untersuchen, ob zwi-
schen den Parteien überhaupt die eigentliche Streitfrage ausgetragen wird. Möglich ist
auch, dass die im Zentrum stehende Differenz nur vom eigentlichen Thema ablenken soll.
Wenn das Gehirn findet, dass es nicht bekommt, was es braucht, versucht es, sich zu
nehmen, was es bekommen kann (Ballreich und Hüther 2009). Das sind dann Ersatzbe-
friedigungen.
I
Ein Projektleiter fordert von seinen Mitarbeitern immer wieder schnellstmöglich
Leistungen ein, obwohl diese im Vergleich zu anderen offenen Punkten eine tie-
fe Dringlichkeit haben.Die Wahrscheinlichkeit ist hoch,dassesdem Projektleiter
gar nicht um die effektiven Tätigkeiten geht: Er will immer wieder neu seinen
Status und seine Einflussnahme spüren.
444
4
Team
Vordergründig ist das eine gute Strategie, weil dadurch wenigstens das Gehirn Ruhe
gibt. Die eigentliche Sehnsucht oder das Grundbedürfnis dahinter wird jedoch nicht ge-
stillt. Möglicherweise entstehen auch Konflikte über ein Thema oder ein Anliegen, das
aus der subjektiven Perspektive für sehr wichtig gehalten wird. In Tat und Wahrheit steckt
dahinter ein anderes Bedürfnis.
Ein verschobener Konflikt kann daran erkannt werden, dass . . .
die Auseinandersetzung keinen zwingenden Grund hat und als „gesucht“ erscheint;
der Streitgegenstand in keinem Verhältnis zur Konfliktstärke steht;
kein wahres Interesse erkennbar ist;
naheliegende Lösungen vermieden werden;
der Konflikt zäh und kleinlich ausgetragen wird.
Verschobene Konflikte können eigentlich nur nachhaltig gelöst werden, wenn der zu-
grunde liegende echte Konflikt angegangen wird.
4.4.8.3
Konfliktstile
Die Abb. 4.24 stellt die unterschiedlichen Stile dar, die Menschen in Konflikten anwenden.
Diese werden unterschieden in Bezug auf die Selbstbehauptung respektive die Rücksicht-
nahme der entsprechenden Konfliktparteien (Berkel 2014, S. 60 ff.).
Die Evolution hat dem Menschen drei Konfliktstile mitgegeben, welche er mit allen
Tierarten teilt. Die Ausführungen zum Verlust der Selbststeuerung mit den Notprogram-
men des Gehirns (Abschn. 4.4.6.2) erklären die drei reflexgesteuerten Konfliktverhalten.
Absolute Selbstbehauptung: Angriff
Ich will mich durchsetzen und die Gegenpartei soll verlieren (Win/Lose). Offene Kon-
frontation (heißer Konflikt) oder indirekter Widerstand (kalter Konflikt).
Absolute Rücksichtnahme: Flucht
Die Gegenpartei setzt sich durch, ich ordne mich unter und gehorche (Lose/Win).
Dem starken Wunsch nach Harmonie und Zusammenhalt Vorfahrt gewähren.
Weder-noch: Totstellen
Beide Parteien versuchen, der Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Beide verlieren
(Lose/Lose). Der Konflikt wird geleugnet oder als irrelevant heruntergespielt. Möglich ist
auch, dass der Kontakt abgebrochen wird oder dass sich die Parteien mit dem aktuellen
Zustand begnügen.
Solange die Intensität des Konfliktes für die Betroffenen nicht zu stark ist, können
sie über ihre antrainierten Verhaltensmuster aus der Kindheit verfügen. Im besten Fall
entwickeln sie über ihre kognitiven Fähigkeiten Konfliktstile, die nur dem Menschen mit
seiner Vernunft möglich sind.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
445
hoch – altruistisch
hoch – egoistisch
gering
gering
Flucht (Lose/Win)
• Forderung der Gegenseite
• Sich unterordnen,
gehorchen
• Starker Wunsch nach
Harmonie
Integrieren (Win/Win)
• Ressourcen erweitern
• Bedürfnisse klären
• Neue Optionen
erschliessen
Aushandeln (Kompromiss)
Wechselseitig Konzessionen machen
Streitpunkte differenzieren
Totstellen (Lose/Lose)
• Gespräch aus dem Weg
gehen
• Konflikt leugnen
• Um das Thema
herumreden
Angriff (Win/Lose)
• Offen (direkt)
konfrontieren, attackieren
• Verdeckt (indirekt)
Prozesskontrolle,
Widerstand
Orientierung an den Zielen und Belangen der Gegenpartei
(Rücksichtnahme)
Orientierung an meinen Zielen und Belangen
(Selbstbehauptung)
Abb. 4.24 Typologie der Konfliktstile. (Berkel 2014, S. 60)
Kompromiss
Die Streitpunkte können differenziert werden. Beide Parteien weichen von der Maximal-
forderung ab. Man räumt sich gegenseitig Konzessionen ein.
Integration
Die wahren Ursachen des Konfliktes können identifiziert werden. Es ist möglich, den
Konflikt in einer Form zu bewältigen, welche für alle involvierten Parteien einen Gewinn
darstellt (Win/Win).
Auf den spezifischen Konfliktstil der Integration wird im Harvard-Konzept in Abschn.
4.4.10.4 ausführlich eingegangen.
Effektivität der Konfliktstile
Die schlechte Nachricht: Den zielführendsten Konfliktstil gibt es nicht. Je nach Kon-
fliktart, Dauer, Intensität und den involvierten Personen ist ein anderer Stil erforderlich.
Immerhin können die Effektivität und Angemessenheit der Konfliktstile eingeschätzt wer-
den (Abb. 4.25). Effektivität: Können die Ziele erreicht werden – die eigenen und/oder
fremde? Angemessenheit: Kann vermieden werden, die Beziehungen oder die gültigen
Regeln zu verletzen?
446
4
Team
gross
klein
angemessen
unangemessen
Effektivität
Verhalten
Kämpfen
(Win/Lose)
Vermeiden
(Lose/Lose)
Integrieren
(Win/Win)
Aushandeln
(Kompromiss)
Nachgeben
(Lose/Win)
Abb. 4.25 Effektivität der Konfliktstile. (Berkel 2014, S. 62)
Die Darstellung macht deutlich, dass das Ziel jeder Konfliktbearbeitung immer in der
Integration oder in der Kooperation (im Aushandeln) liegt. Diese beiden Konfliktstile sind
kognitiv geprägt. Nachgeben, Vermeiden und Kämpfen hingegen sind vom Affekt geprägt.
Konfliktsituationen sind für den Menschen immer auch Stresssituationen. Oder sie wer-
den es mit zunehmender Intensität und Dauer. Konfliktstile können sich auch über die Zeit
verändern: Was einmal mit einer offenen Haltung der Integration oder des Kompromis-
ses begonnen wurde, kann bei zunehmendem Stress oder und durch das Hervortreten der
Grundemotionen Angst und Ärger zu den affekthaften Stilen des Kampfes, der Vermei-
dung oder des Nachgebens führen.
Hinter den Konfliktstilen Kämpfen, Vermeiden und Nachgeben verbergen sich oft
Ängste:
Kämpfen: Ich will nicht unsicher oder als Schwächling wahrgenommen werden.
Totstellen: Ich habe Angst davor, eine konkrete Position einzunehmen und damit auch
in die Verantwortung gezogen zu werden.
Flucht: Ich habe Angst, dass ein Einsatz für meine Bedürfnisse als aggressiv, gefühllos
oder kalt wahrgenommen werden könnte.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
447
1
Verhärtung
2
Debatte
3
Taten
4
Koalition
5
Gesichtsverlust
6
Drohstrategie
7
Begrenzte Vernichtungsschläge
8
Zersplitterung
9
Gemeinsam in den Abgrund
Hauptphasen
Kooperation
und Konkurrenz
Sich selbst
erfüllende
Prophezeiung
Entwürdigung/
Verdinglichung
Abb. 4.26 Eskalationsstufen und deren Hauptphasen. (Glasl 2004, S. 218 f.)
4.4.9
Modelle zur Konfliktdiagnose
4.4.9.1
Konflikt-Eskalationsstufen
Das Modell der Konflikt-Eskalationsstufen von Friedrich Glasl (Abb. 4.26) hilft, die In-
tensität eines Konfliktes zu erkennen. Das Phänomen dahinter ist, dass ungelöste Konflikte
über die Zeit zunehmend die destruktiven Kräfte des Menschen aktivieren. Das Verhalten
der Konfliktparteien wird dabei immer emotionaler und unberechenbarer. Damit geht
schrittweise die Steuerfähigkeit verloren. Es wird für die Konfliktparteien immer schwie-
riger, zwischen der objektiven Wahrheit und der Wahrnehmung zu differenzieren und den
Konflikt selbständig und neutral lösen zu können.
Phase I: Kooperation und Konkurrenz (Win/Win)
Während der in Tab. 4.16 dargestellten Phase I steht bei den involvierten Parteien noch
das Wohlergehen aller im Vordergrund. Die involvierten Parteien sind überzeugt davon,
dass alle als Gewinner aus dem Konflikt hervorgehen können. Alle haben dem Konflikt
gegenüber eine konstruktive Haltung. Der Konfliktstil der Integration (Win/Win) steht im
Vordergrund.
448
4
Team
Tab. 4.16 Phase I: Kooperation und Konkurrenz (Win/Win)
Stufe
Wie kann die Eskalationsstufe erkannt werden?
1
Verhärtung
– Standpunkte kristallisieren sich heraus, verhärten sich und prallen aufein-
ander.
– Die Wahrnehmung von Spannungen führt zu Verkrampfungen. Trotzdem
besteht die Überzeugung, dass die Spannungen durch Gespräche lösbar
sind.
– Keine starren Parteien oder Lager.
2
Debatte
– Polarisation im Denken, Fühlen und Wollen.
– Sichtweise von Überlegenheit und Unterlegenheit.
– Argumente werden benutzt, um die Gegenpartei im Gefühlsleben zu
treffen.
3
Taten
– Die Überzeugung, dass „Reden nicht mehr hilft“, gewinnt an Bedeutung.
– Strategie der vollendeten Tatsachen.
– Die Empathie für den „anderen“ geht verloren. Fehlinterpretationen neh-
men zu, da das nonverbale Verhalten dem verbalen nicht mehr entspricht.
Tab. 4.17 Phase II: Selbsterfüllende Prophezeiung (Win/Lose)
Stufe
Wie kann die Eskalationsstufe erkannt werden?
4
Koalitionen
(„Seilschaften“)
– Die Parteien manövrieren sich gegenseitig in negative Rollen und
bekämpfen sich.
– Es wird versucht, die eigenen Vorurteile zu bestätigen.
– Anhänger für die eigene Partei werden geworben.
5
Gesichtsverlust
– Es kommt zu öffentlichen und direkten (verbotenen) Angriffen, die
auf den Gesichtsverlust des Gegners abzielen.
– Gegenpartei wird als Personifizierung des Bösen gesehen.
6
Drohstrategie
– Drohungen und Gegendrohungen nehmen zu.
– Der Druck wird erhöht, damit nimmt der Stress zu.
– Die Beteiligten kommen nicht mehr zum Überlegen, was sie tun.
Phase II: Selbsterfüllende Prophezeiung (Win/Lose)
Der Glaube an eine konstruktive Konfliktlösung ist bei den involvierten Parteien nicht
mehr vorhanden. Der Fokus liegt nun auf der Differenz und auf dem eigenen Gewinn. Die
Selbstbehauptung steht im Vordergrund (Win/Lose). Tab. 4.17 beschreibt die drei Stufen
der Phase II.
Phase III: Entwürdigung, Verdinglichung (Lose/Lose)
Der Konflikt ist in Phase III so weit eskaliert, dass den Parteien klar wird, dass nie-
mand mehr gewinnen kann (Lose/Lose). Beide Parteien sind nun noch bemüht, weniger
Schaden davonzutragen als die andere. Die Beziehungen zwischen den Konfliktpartei-
en werden nun völlig funktionalisiert. Man behandelt sich gegenseitig als Objekt, ohne
menschliche Regung und Anteilnahme. Tab. 4.18 zeigt die drei letzten Stufen zur gegen-
seitigen Vernichtung.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
449
Tab. 4.18 Phase III: Entwürdigung, Verdinglichung (Lose/Lose)
Stufe
Wie kann die Eskalationsstufe erkannt werden?
7
Begrenzte Vernich-
tungsschläge
– Der Gegner wird nicht mehr als Mensch gesehen.
– Begrenzte Vernichtungsschläge als „passende“ Antwort.
– Das Lügen wird zur Tugend, Hauptsache es schadet dem Gegner.
8
Zersplitterung
– Die Beziehungen werden systematisch unterbunden.
– Wichtige Funktionen werden lahmgelegt.
– Eine Regeneration der Kräfte ist nicht mehr möglich.
9
Gemeinsam in den
Abgrund
– Totale Konfrontation.
– Die Vernichtung des Gegners wird zum Preis der Selbstvernich-
tung in Kauf genommen.
Für das Konfliktmanagement im Projekt lassen sich aus dem Modell der Eskalations-
stufen folgende Schlüsse ziehen:
1. Je länger man wartet, den Konflikt zu bearbeiten, desto schwieriger wird es.
2. Bis zur Stufe 3 ist eine Konfliktlösung möglich, aus der alle involvierten Parteien einen
Gewinn ziehen. Bei Konflikten, die bis zur Stufe 6 eskalieren, gibt es im besten Fall
noch eine Gewinner-Verlierer-Lösung. Danach verlieren grundsätzlich beide Parteien.
Grenzen der Selbsthilfe
Sobald ein sozialer Konflikt die Stufe 3 überschreitet, beginnen die involvierten Perso-
nen in der Stufe 4 (Koalitionen), so viele Anhänger wie möglich für die eigene Partei zu
gewinnen. Über die größere Koalition soll dann die Konfliktlösung hergestellt werden.
Wenn sich ab dieser Phase ein Projektleiter, Scrum Master oder Linienvorgesetzter mit
der gut gemeinten Absicht zur Konfliktvermittlung einschalten sollte, werden die Parteien
versuchen, diese Person in ihre eigene Koalition hineinzuziehen. Somit verliert er seine
Neutralität und wird selber zur Konfliktpartei. Deshalb sollte ab der Eskalationsstufe 4
zwingend ein Moderator oder ein Mediator beigezogen werden. Falls dies eine firmenin-
terne Person ist, soll sie nicht aus dem gleichen hierarchischen Bereich kommen, sondern
z. B. aus einer Stabsstelle oder von HR. Noch besser übernimmt dies eine firmenexterne,
unabhängige Person. Die Abb. 4.27 stellt die Grenze der Selbsthilfe dar und fasst auch
Empfehlungen zur Intervention in Konflikten zusammen.
4.4.9.2
Schichtenmodell
Wie gehen wir in einer Konfliktdiagnose nun vor? Was kann uns Orientierung geben, da-
mit wir nicht in eine vorschnelle Personifizierung des Konfliktes fallen und die Symptome
von den Ursachen trennen können? Das Schichtenmodell in Abb. 4.28 liefert uns dazu
wertvolle Unterstützung (Schmidt und Berg 2008, S. 158 ff.)
450
4
Team
Hauptphasen
► ab hier ist Unterstützung notwendig
Gewinner – Gewinner
Gewinner – Verlierer
Verlierer – Verlierer
Mögliche Rollen
► ab hier ist Unterstützung notwendig
Stufe 1 - 3
Moderation
Stufe 3 - 6
externe Prozessbegleitung Mediation
Stufe 6 - 7
Vermittlung
Stufe 6 - 8
Schiedsverfahren
Stufe 7 - 9
Machteingriff
Sinnvolle Interventionen
► ab hier ist Unterstützung notwendig
Fragen, worum
es geht?
Zuhören
fördern
Einzelgespräche
führen
Selbstbild Eigen-
bild aufarbeiten
Geschichte der
Polarisation
aufarbeiten
Parteien trennen
Gespräche
unterstützen
Verhalten be-
wusst machen
Muster erken-
nen, aufzeigen
Rollenzu-
schreibung
Kritische Vorfälle
analysieren
Alternativen zum Ausstieg anbieten
Innere Antreiber
bewusst
machen
Nonverbales
Verhalten
thematisieren
Gespräche
unterstützen
Un-Werte fest-
halten, Koalition
aufzeigen
Abb. 4.27 Sinnvolle Rollen und Interventionen in Konfliktsituationen
Die Konfliktbearbeitung nach dem Schichtenmodell fordert zwei Grundsätze:
1. Die Bearbeitung beginnt immer auf der obersten Ebene.
2. Die Konfliktbearbeitung soll nur so weit auf die tieferen Ebenen ausgeweitet werden
wie nötig. Es geht nicht darum, jeden Konflikt auf die unterste Ebene zu vertiefen.
Das Modell ordnet die Normen und Werte der Organisation und der Person sowie Cha-
raktereigenschaften und Persönlichkeitsprofile den zwei untersten Schichten zu. Damit
soll eine vorschnelle Personifizierung des Konfliktes verhindert werden. Nach diesem Mo-
dell sind zuerst die Einflussfaktoren aus der Arbeitsorganisation, später die Rollenklärung
sowie die Rollenübernahme (Verhalten) zu prüfen.
Zuordnung der Konflikttypen zum Schichtenmodell
In einem nächsten Schritt werden in Abb. 4.29 die Konflikttypen dem Schichtenmodell
zugeordnet. Das ist natürlich eine Vereinfachung, denn oft hängen die Konflikte mit meh-
reren Einflussfaktoren (und Schichten) zusammen. Trotzdem macht diese Zuordnung be-
wusst, dass die Ursachen der meisten Konflikte der obersten Stufe der Arbeitsorganisation
zugeordnet werden können: Ziel- und Interessenkonflikte, Verteilungskonflikte, struktu-
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
451
Intervention von oben nach unten
1. Arbeitsorganisation (Sachkonflikt)
Infrastruktur, Strukturierung der Arbeitszeit
Äussere Arbeitsbedingungen
Anerkennung, Abläufe, Infofluss,Ressourcen (Personen, Finanzen)
2. Rolle
Verteilung von Aufgaben, Verantwortung
und Kompetenzen, Organigramm
Übereinstimmung von Rollen und Fähigkeiten
3. Verhalten
Kommunikations- und Verhaltensmuster
Leitungsstil, Zusammenarbeit, Konfliktfähigkeit
4. Normen und Werte
Persönliche Lebenseinstellung
Menschenbilder
Organisationskultur
5. Persönlichkeitsprofil
Besonderheiten einer
Person, Identität der
Organisation
Abb. 4.28 Schichtenmodell
relle und organisatorische Konflikte sowie Bewertungskonflikte. Diese Konflikttypen kön-
nen als Sachkonflikte subsumiert werden. Auf der nächsttieferen Ebene sind dann die
Rollenkonflikte angeordnet.
Die häufigsten Konflikttypen sind auf den Ebenen eins und zwei angeordnet. Wenn
die methodischen Ansätze von agil und klassisch sachgemäß in der Projektorganisation
angewendet werden, können viele Konflikte vermieden oder aber nach deren Auftreten
bewältigt werden, ohne dass der Mensch eine Rolle spielt. Er ist nur Symptomträger.
Ab Stufe 3 (Verhalten) hat der Mensch als Person Einfluss auf den Konflikt. Sollten
weder die Arbeitsorganisation noch die Rollen Grund für die Störung sein, wird die Ana-
lyse vertieft auf die Ebene des Verhaltens (Beziehungs- und persönlicher Konflikt). Auf
der nächsttieferen Ebene ist der Wertekonflikt angeordnet. Vor allem in der interkultu-
rellen Zusammenarbeit können auf dieser Ebene Diskrepanzen auftreten. Dem Persön-
lichkeitsprofil wird bewusst keine Konfliktart zugeordnet. Im beruflichen Kontext sollte
die Identität einer Person so gut wie möglich respektiert und geschützt werden. Es kann
natürlich sein, dass ein Konflikt in einem Projekt eine Projektionsfläche bildet für eine
Störung auf der Ebene der Persönlichkeit. Selbst in diesem Falle müsste die Störung auf
der Ebene des Verhaltens bearbeitet werden.
452
4
Team
Intervention von oben nach unten
1. Arbeitsorganisation (Sachkonflikt)
Ziel- und Interessenkonflikt, Verteilungs- und Ressourcenkonflikt,
Struktureller und organisatorischer Konflikt, Bewertungskonflikt
2. Rolle
Rollenkonflikt
3. Verhalten
Beziehungskonflikt
Persönlicher Konflikt
4. Normen und Werte
Wertekonflikt
5. Persönlich-
keitsprofil
Abb. 4.29 Zuordnen der Konfliktarten zum Schichtenmodell
4.4.9.3
Fragen zur Konfliktdiagnose
Nun sind alle Grundlagen für eine umfassende Konfliktdiagnose erörtert. Ob als direkt be-
troffene Partei, als involvierter Vorgesetzter, als Konfliktmoderator oder Mediator: Immer
wieder geht es darum, vom Affekt wegzukommen und wieder die kognitiven Fähigkeiten
und damit den Verstand zu aktivieren (Abschn. 4.4.6). Zu diesem Zweck helfen Fragen,
den Konflikt in aller Nüchternheit anzuschauen. In Anlehnung an Berkel (2014, S. 45 ff.)
sollen folgende Fragen bearbeitet werden:
1) Die Streitpunkte: Worum geht es?
Was bringen die Parteien gegeneinander vor?
Was verlangen sie voneinander? Was steckt als Anliegen dahinter?
Sehen sie die Streitpunkte gleich? Woher wissen sie das?
Wie erleben die Parteien den Konflikt persönlich? Wie wichtig ist er für sie?
Inwieweit sind die Streitpunkte objektiv fundiert oder subjektiv bedingt?
2) Der Verlauf: Wie hat sich der Konflikt entwickelt?
Was hat den Konflikt ausgelöst?
Welche „kritischen Ergebnisse“ haben ihn verschärft oder abgeschwächt?
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
453
Welcher Zustand herrscht jetzt?
Welcher Konflikt-Eskalationsstufe nach Glasl kann der Konflikt zugeordnet werden?
Wie ist die Äußerungsform des Konfliktes: „heiß“ oder „kalt“, latent oder offen, ver-
schoben oder echt?
3) Das Verhalten: Wie agieren die Parteien?
Wie versucht jede Partei, auf die andere einzuwirken?
Manipulieren sie einander? Oder argumentieren sie redlich?
Welche Muster (Reiz-Reaktion) treten immer wieder zwischen ihnen auf?
Welchen Stil setzt jede Partei bevorzugt ein? Bleibt sie starr oder agiert sie beweglich?
Debattieren sie miteinander, reagieren sie aufeinander oder kämpfen sie schon mitein-
ander?
Kann den Konfliktparteien ein spezifischer Konfliktstil zugeordnet werden?
Was bringt den Parteien eine Fortdauer des Konfliktes? Was bringt eine Einigung?
Welchen Preis (welche Konzession) sind die Parteien bereit zu bezahlen?
4) Die Parteien: Wer steht im Konflikt gegeneinander?
Wer sind die Parteien: Personen? Gruppen? Organisationen? Kollektive?
Bei Personen: Stehen hinter ihnen (Interessen-)Gruppen?
Bei Gruppen: Wer hat das Sagen? Wo und wie greift diese Person in den Konflikt ein?
Bei Organisationen: Wie ist die interne Kommunikations-, Macht- und Entscheidungs-
struktur?
Wie sind die Parteien organisatorisch zugeordnet: über-/untergeordnet? gleichrangig?
Wie fühlt sich jede Partei der anderen gegenüber: über-/unterlegen? stark/schwach?
Welches Prinzip sollte in der Beziehung gelten: Gleichheit? Fairness? Bedürftigkeit?
Was kann jede Seite aufgrund ihrer Position verlangen?
5) Erwartungen: Was erhoffen oder befürchten die Parteien von diesem Konflikt?
Ist der Konflikt für die Parteien unvermeidbar oder vermeidbar? Ist für sie eine Eini-
gung möglich oder unmöglich?
Wer profitiert vom Konflikt: Eine Partei? Dritte? Die Organisation?
Wem bringt der Konflikt Nachteile: Einer Partei? Dritten? Der Organisation?
Wer zieht Vorteile aus dem andauernden, ungelösten Konflikt?
Wie greifen die im System vorhandenen Regelungsmechanismen?
Wie bewerten die Parteien die bisherigen Versuche, den Konflikt zu beenden? Was hat
jede unternommen? Mit welchem Effekt?
Hoffen die Parteien, den Konflikt regeln zu können? Oder haben sie jede Hoffnung
aufgegeben?
454
4
Team
4.4.10
Konfliktbewältigung
4.4.10.1
Das Ziel von Konfliktmanagement
Was bezweckt Konfliktmanagement? Können wir den Anspruch haben, all unsere oben
aufgeführten Konfliktarten zu „lösen“? Das würde ja bedeuten, dass all die unterschied-
lichen Überzeugungen, Sichtweisen, Bedürfnisse und Gefühle, die zur „Unvereinbarkeit
zweier Elemente“ geführt haben, sich plötzlich in Minne auflösen?
Da Konflikte immer einen persönlichen und emotionalen Anteil haben, ist deren Lö-
sung ein anspruchsvolles Ziel. Konflikte sind immer eine Herausforderung, welche aktiv
bearbeitet werden muss. Berkel beschreibt das Ziel des Konfliktmanagements:
Konfliktbewältigung zielt darauf ab, einen Konflikt so in den Griff zu kriegen und zu meis-
tern, dass die Person (Partei) in ihrem Erleben (nicht mehr) eingeschränkt und (wieder) voll
handlungsfähig ist (Berkel 2014, S. 72).
Konflikte sind immer Störungen, die sich zuerst in unseren Beziehungen zu ande-
ren Menschen manifestieren. Auf den ersten Blick ist ein Konflikt immer unangenehm:
Einerseits behindern Konflikte das persönliche, zielorientierte Streben des Menschen.
Andererseits aktivieren Konflikte auch immer die Grundgefühle Angst oder Ärger
(Abschn. 4.4.6.2). Die Gefühle des Menschen sind immer sehr viel schneller als der
Verstand. Menschen, die in Konflikten ihre Grundemotionen sofort ausleben, werden
schnell destruktiv. Das verhindert das unter Abschn. 4.4.5 beschriebene positive Potenzial
von Konflikten.
4.4.10.2
Die Selbststeuerung wiederherstellen
Im Konflikt ist unser Hirn erregt, weil die Situation, mit der es konfrontiert wird, nicht dem
entspricht, was es erwartet. In der Erregung verliert der Mensch seine Fähigkeit zur reflek-
tierten Selbststeuerung. Wenn das Hirn im wahrsten Sinne des Wortes „heiß“ läuft, muss
es wieder heruntergekühlt werden, um die reflektierte Selbststeuerung wieder zu ermögli-
chen. Das kann nur auf dem gleichen Weg erreicht werden, wie die Erregung entstanden
ist.
Die Herausforderung dabei ist, dass unsere Haltungen, Einstellungen und Bewertungen
im präfrontalen Kortex (Abschn. 3.3.2) auf einem gekoppelten Netzwerk mit kognitiven
und emotionalen Anteilen beruhen. Jede Position oder Forderung in einem Konflikt kann
also rational begründet werden. Sie fühlt sich aber auch an, ist emotional verankert.
Oft wird versucht, in einem Gespräch zwischen den Konfliktparteien eine neue Ab-
machung zu erzielen und damit Regeln für ein verändertes Verhalten festzulegen. Auch
wenn diese Abmachung inhaltlich noch so viel Sinn machen mag, passiert es oft, dass die
Parteien danach wieder in die alten Verhaltensmuster zurückfallen. Der Grund, weshalb
viele Konflikte nicht erfolgreich bewältigt werden, liegt darin, dass das Verhalten eines
Menschen auf dessen Haltung basiert. Diese Haltung ist geprägt durch den oben beschrie-
benen kognitiven und emotionalen Anteil. Konfliktbewältigung, die diese Anteile nicht
miteinbezieht, kann deshalb nicht erfolgreich sein.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
455
Konfliktparteien können ihre Selbststeuerung nur dann wiederherstellen, wenn sie auch
aus der emotionalen Erregung herauskommen. Hierfür muss ein Raum des Vertrauens
geschaffen werden, in welchem die involvierten Parteien sich sicher fühlen. Das Gefühl
der Sicherheit lässt die Gefühle abkühlen. In diesem neu geschaffenen Raum des Vertrau-
ens sollen die Menschen dann ermutigt oder gar inspiriert werden, neue Erfahrungen
mit Strategien und Verhaltungsmustern zu machen, deren Wirksamkeit sie in vergleich-
baren Situationen mit der gegenwärtigen Haltung bisher für unmöglich gehalten hatten
(Ballreich und Hüther 2009).
4.4.10.3
Prozess der Konfliktbewältigung
Beispiel
„Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der
Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen.
Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen
will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht
hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm
nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen
wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen
einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das
Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß, weil er
einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der
Nachbar öffnet, doch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an:
„Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“
(Watzlawick 2004, S. 37 f.)
Die Hammer-Geschichte von Watzlawick zeigt auf: Der Mensch, beschäftigt mit sei-
nen eigenen Gedanken und Vorstellungen, gerät schnell in einen Teufelskreis. Je länger
wir schwierige Situationen mit uns herumtragen, desto größer wird die Gefahr, dass wir
uns unnötig in etwas hineinsteigern. Die Abb. 4.30 fasst die Voraussetzungen für eine
erfolgreiche Konfliktbewältigung zusammen.
Jeder der nachfolgenden Schritte illustriert den Prozess, wie ihn Berkel (2014) in seiner
kooperativen Konfliktbewältigung beschreibt (Abb. 4.30). Dieser beginnt bei der Person
selber, geht dann über in die Beziehung, damit schließlich auf der Sachebene die effektive
Problembearbeitung stattfinden kann.
Störung wahrnehmen
Da der Mensch Konflikte persönlich nimmt, beginnt die Konfliktbewältigung beim Men-
schen. Zuerst muss der Konflikt respektive die subjektiv empfundene Störung wahrge-
nommen werden.
I
Entweder melden sich die Konfliktparteien selber beim Projektverantwortli-
chen. Oder aber dieser interveniert aufgrund seiner persönlichen Wahrneh-
456
4
Team
3
Sache
Problem bearbeiten
Vereinbarung treffen
2
Beziehung
Vertrauen stiften
Offen kommunizieren
1
Person
Störung erkennen
Erregung kontrollieren
Wille zur Konfliktbearbeitung
Abb. 4.30 Prozess der Konfliktbewältigung. (Abgeleitet von Berkel 2014, S. 111 ff.)
mung oder Vermutung. Im Vordergrund steht hier die Äußerungsform des
Konflikts, die je nach Mensch und Situation ganz unterschiedlich sein kann.
Die Kenntnis des Konfliktsyndroms und der Konfliktsymptome leistet in dieser
Phase wertvolle Hilfe. Wichtig ist: Der Projektleiter kann nie wissen, ob eine Stö-
rung besteht und was die Gründe sein mögen. Er kann nur Hypothesen dazu
bilden und die involvierten Personen darauf ansprechen. Dieses Ansprechen
soll unbedingt in einem bilateralen Gespräch stattfinden. Es darf kein Druck
aufgebaut werden. Wenn die angesprochene Person einen Konflikt verneint
(weil es stimmt, oder weil die Person noch nicht in der Lage ist, darüber zu spre-
chen), muss er das so lange akzeptieren, wie die Leistungsfähigkeit des Teams
nicht beeinträchtigt wird. Sonst muss der Projektverantwortliche intervenieren.
Wille zur Konfliktbearbeitung
Die wesentliche Voraussetzung zur Konfliktbearbeitung liegt darin, dass alle involvierten
Parteien die Bereitschaft und den Willen für eine Bewältigung des Konfliktes zeigen. So-
lange nur eine Partei dies nicht will oder kann, wird die Konfliktbearbeitung nicht die
gewünschten Resultate liefern können. Die Herausforderung im Konflikt ist die, dass es
– nach der Konfliktdefinition von Glasl – immer um subjektiv empfundene Differenzen
im Fühlen, Denken oder Handeln geht.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
457
I
Konflikte stören den Fortschritt des Projektes. Daher möchten Projektverant-
wortliche diese so schnell wie möglich aus der Welt schaffen. Die betroffenen
Menschen haben aber ganz unterschiedliche Bedürfnisse, Fähigkeiten und
Möglichkeiten, mit diesen Situationen umzugehen. Deshalb brauchen Scrum
Master oder Projektleiter in einem Konflikt genügend Geduld, um den Bedürf-
nissen der Betroffenen zuentsprechen.Ebenfallsmussesihnengelingen,genug
Dringlichkeit für das Thema zu erzeugen. Je länger der Konflikt dauert, desto
mehr intensiviert er sich, desto mehr Personen werden davon betroffen.
Erregung kontrollieren
Eine konstruktive Konfliktbewältigung ist in der Erregung nicht möglich (Abschn. 4.4.6).
Den betroffenen Parteien muss es wieder gelingen, den „Fahrstuhl nach oben“ zu aktivie-
ren, d. h. aus den archaischen Notprogrammen und den frühkindlichen Überlebensstrate-
gien in die Selbststeuerung zu gelangen. Die Gefühle zu unterdrücken oder zu verdrängen
verstärkt diese nur.
Aus dem Affekt führt ein Gespräch am besten zur Vernunft. Im Gespräch werden
Gefühle in (rationale) Worte gefasst. Durch das Reden über die eigenen Gefühle und Be-
dürfnisse oder auch durch das Paraphrasieren von Aussagen anderer (Konflikt-)Parteien
wird das Hirn gezwungen, rational zu denken. Wenn das Gespräch nicht möglich ist, hilft
das Schreiben. Schreiben aktiviert wie das Sprechen die rationalen Verhaltensmuster des
Menschen. Dies erlaubt es, zum eigenen Empfinden eine gewisse Objektivität zu entwi-
ckeln.
Der Projektverantwortliche – in schwierigeren Fällen ein neutraler Coach oder Me-
diator – kann einen Raum schaffen, in welchem die betroffene Person beschreiben kann,
wie es ihr geht und was aus ihrer Sicht zu der spezifischen Erregung geführt hat. Der
Projektverantwortliche muss hier gut zuhören können und sollte vertraut sein mit unter-
schiedlichen Fragetechniken (Abschn. 3.9.8).
In diesem Schritt geht es weder um eine Diagnose noch darum, Lösungen zu ent-
wickeln. Sehr viel wichtiger ist es, die eigenen und die fremden emotionalen Anteile
beschreiben zu können, weil Konflikte vielschichtig sind. Jetzt wird die Grundlage für
die Konfliktdiagnose geschaffen.
I
Je früher der Konflikt bearbeitet wird, desto einfacher fällt es den Parteien, ihre
Gefühle wahrzunehmen und diese einzuordnen. Je weiter ein Konflikt eskaliert,
desto schwieriger ist es für die involvierten Personen. Wichtig ist, dass die Be-
troffenen davon überzeugt werden können, dass die Gefühle nicht bekämpft
werden sollen. Dadurch werden sie noch intensiver, wie die Hammer-Geschich-
te von Watzlawick zeigt. Der Verantwortliche muss einen Raum schaffen, in dem
sich der Betroffene sicher fühlt. Je nach Situation und Eskalationsstufe kann es
sinnvoll sein, schon hier eine neutrale Drittperson in das Gespräch mit einzube-
ziehen. Folgende Fragen sind gemeinsam zu beantworten:
Was hat die Störung ausgelöst?
Welche Grundemotionen (Angst oder Ärger) sind aktiviert?
458
4
Team
Vertrauen stiften
Jetzt ist auf der Beziehungsebene zwischen den Konfliktparteien der oben beschriebene
Raum des Vertrauens (Abschn. 4.4.10.1) herzustellen. Wer Vertrauen erhalten will, muss
seine Maske fallen lassen, muss sich öffnen und seine Vorstellungen und Empfindun-
gen mitteilen können. Dieses Öffnen ist jedoch immer auch mit einem Risiko verbunden:
Offenheit und Ehrlichkeit können ausgenutzt werden. Deshalb ist es so wichtig, Rahmen-
bedingungen schaffen zu können, in denen sich die Parteien sicher fühlen.
I
Eine neutrale Drittperson hat einen großen Einfluss auf die gefühlte Sicherheit
in einer Konfliktbewältigung. Sei es der Projektverantwortliche selber, ein Coach
oder Mediator: Wenn die Parteien Vertrauen haben zu dieser Person, können sie
sich auf den Prozess einlassen. Wichtig ist, dass die Drittperson in ihrer Rolle von
allenKonfliktparteienakzeptiertwird.WeitersindRegelnfestzulegen,diefüralle
Parteien in diesem Prozess verbindlich sind. Hilfreich ist es, mit realistischen Vor-
schlägen der anderen Partei entgegenzukommen sowie sicherzustellen, dass
die persönlichen Motive und Absichten verstanden werden.
Offene Kommunikation
Direkt mit dem Vertrauen verbunden ist die offene Kommunikation. Auch diese spielt
sich auf der Beziehungsebene ab. Gute persönliche Kommunikationskompetenzen
(Abschn. 3.9) sind hierfür wesentlich:
Kommunikation ohne Wertung
Ich-Botschaft statt Du-Botschaft
Kommunikationsquadrat: Sich selbst offenbaren und die eigenen Anliegen in einer
Komplettbotschaft darlegen
Interpretationen vermeiden: Über aktives Zuhören und weitere Fragetechniken Ge-
sprächspunkte klären
Problem bearbeiten
Jetzt sind die Voraussetzungen für die effektive Problembearbeitung auf der Sachebene
geschaffen. Die konkreten Ansätze dazu sind in Abschn. 4.4.11 aufgeführt.
Vereinbarung treffen
Ansatzpunkte für eine nachhaltige Konfliktbewältigung sind konkrete Maßnahmen und
Tätigkeiten, das persönliche Verhalten oder auch eine Veränderung der persönlichen Be-
wertung (Abschn. 3.5.4).
Je klarer (oder „SMARTer“) die Vereinbarungen definiert werden können, desto größer
ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Konfliktbewältigung erfolgreich sein kann. In dieser
Phase sind kleine Schritte als Erfolg zu würdigen. Doch sollen sich die Parteien nicht
vorschnell mit spezifischen Resultaten zufriedengeben, sondern beharrlich dafür sorgen,
dass wahrnehmbare und nachhaltige Verbesserungen erzielt werden können.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
459
1
2
3
4
5
6
Umsetzung und
Kontrolle
Bestmögliche Alternative wählen
Ideen bewerten.
Ergebnis auf objektive
Entscheidungs-
prinzipien aufbauen
Kriterien
Kreative Wahlmöglichkeiten
für die gemeinsamen Interessen
Neue Lösungen
Möglichkeiten
Basis Konfliktdiagnose:
Was ist klar/unklar?
Übereinstimmung/
Differenz
Worum geht es?
Beziehung schützen
Vertrauen schaffen
Mensch und Sache trennen
Nicht in Positionen verharren, Gefühlen
Raum geben, Eigenbild und Fremdbild
Interessen und Bedürfnisse
Abb. 4.31 Konfliktbewältigung nach dem Harvard-Konzept
4.4.10.4
Harvard-Konzept in der Konfliktbewältigung
Hinter jedem Konflikt steht eine Verhandlung. Entweder ist sie gescheitert – oder sie hat nie
stattgefunden (Michael Bullinger).
Wenn wir den Konflikt sehen als zwei Elemente, die gleichzeitig unvereinbar oder ge-
gensätzlich sind, stellt sich die Frage, wie die beiden Elemente wieder verbunden werden
können. Dafür kann die Verhandlungsführung nach dem Harvard-Konzept einen wertvol-
len Beitrag leisten, siehe Abschn. 4.3.4. Die klare Trennung zwischen Person und Sache
erlaubt es, dass unter Aufrechterhaltung des Respekts für den Menschen inhaltlich hart
gestritten werden kann. Den Fokus auf die Interessen und Bedürfnisse zu richten erlaubt
es, ein Gleichgewicht zwischen den Konfliktparteien herzustellen. In Abb. 4.31 wird der
Prozess der Konfliktbewältigung – orientiert am Harvard-Konzept – dargestellt (Basierend
auf Fisher et al. 1999).
Mensch von der Sache trennen
Je nach Eskalationsstufe eines Konfliktes (Abschn. 4.4.9.1) sind die Konfliktparteien noch
ihren Grundemotionen Ärger oder Angst ausgesetzt. Es gilt deshalb, zuerst wieder einen
460
4
Team
Raum zu schaffen, in dem sich die Parteien sicher fühlen können und in dem sie Ver-
trauen ins Gegenüber und möglicherweise in die neutrale Vermittlungsperson entwickeln
können. Für diesen Prozess braucht jeder Mensch unterschiedlich viel Zeit.
I
Die oben beschriebenen Voraussetzungen für eine konstruktive Konfliktbe-
wältigung sind zu schaffen, bevor der Prozess beginnen kann.
Alle Konfliktparteien können ihre Bedürfnisse nennen und Bedingungen an
den Prozess stellen.
Rollen sind zu klären: Welche Konfliktparteien sind aktiv in den Prozess ein-
gebunden? Wer ist für den Prozess verantwortlich? Welche Aufgaben, Kom-
petenzen und Verantwortlichkeiten hat diese Person?
Regeln für den Prozess der Konfliktbewältigung sind zu vereinbaren: Welche
Regeln gelten für die Kommunikation? Wie gehen wir mit Regelverstößen
um? Wer ist der Schiedsrichter? Wer trifft welche Entscheidungen?
Je nach Eskalationsstufe desKonfliktesmüssen die Konfliktparteien eine neu-
trale Drittperson wählen, die durch den Prozess moderiert, oder gar eine Au-
torität, welche die Kontrahenten voneinander trennt.
Worum geht es?
In den allermeisten Konflikten besteht nicht über alles ein Dissens. In einem ersten Schritt
sollen in dieser Phase die Übereinstimmungen erkannt und geschützt werden.
In einem zweiten Schritt werden die effektiven Differenzen und damit Konfliktquellen
herausgearbeitet oder bestätigt. Idealerweise ist in dieser Situation die Konfliktdiagnose
(Abschn. 4.4.8) bereits durchgeführt. Ansonsten ist die Diagnose nun gemeinsam zu stel-
len.
I
Resultate der Konfliktdiagnose besprechen. Die effektiven Differenzen her-
ausschälen.
Sich nicht vorschnell mit einer Erkenntnis zufriedengeben: Die Situation, die
Rahmenbedingungen oder andere (abwesende) Personen wie den Chef, die
KundenoderdenLieferantenzubeklagen,fälltmeistensleicht.InjedemKon-
flikt haben die Beteiligten auch einen eigenen Anteil. Diesen eigenen Anteil
zu beleuchten, fällt meistens viel schwerer.
Von den Symptomen zu den Ursachen vorstoßen: Das systemische Phäno-
men (Abschn. 4.4.2) und den verschobenen Konflikt mit den Ersatzbefriedi-
gungen (Abschn. 4.4.8.2) berücksichtigen.
Interessen und Bedürfnisse
Vielfach sind Konfliktparteien so mit ihrem Ärger über die andere Partei oder mit ihrer
Angst beschäftigt, dass sie sich selbst nicht mehr spüren. Sie können kaum mehr sagen,
was ihnen fehlt und was sie brauchen. In dieser Phase müssen die Parteien den großen
Schritt machen können, sich aus der Ich-Bezogenheit zu lösen und das Eigenbild mit
dem Fremdbild zu ergänzen.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
461
Wenn die involvierten Parteien Berührungspunkte in gemeinsamen Interessen und Be-
dürfnissen erkennen können, ist die Voraussetzung für eine tragfähige Konfliktbewäl-
tigung geschaffen. Sie können sich aus der gegenwärtigen Position lösen und sich für
zukünftige Interessen und Bedürfnisse öffnen.
Beispiel
Robert Dilts hat dazu den Metamirror entwickelt. Den kann jemand allein oder mit ei-
nem Coach anwenden. In der Kurzform geht das so: Du stellst zwei Stühle einander
frontal gegenüber: Stuhl 1 für dich, Stuhl 2 für deinen Konfliktpartner. Du stellst dir
vor, dass dein Gegenüber auf Stuhl 2 sitzt. Du setzt dich auf Stuhl 1 und sagst deinem
Gegenüber, was du an ihm schätzt und was du in Zukunft von ihm anders erwartest.
Danach stellst du dich hinter Stuhl 1 und beschreibst dein eigenes Verhalten in Be-
ziehung zu deinem Konfliktpartner. Dann setzt du dich auf Stuhl 2: Wie nimmst du
in der Position deines Gegners deine Worte wahr? Was empfindest du? Welche guten
Absichten entdeckst du hinter dem Verhalten des Konfliktpartners? Jetzt stellst du dich
seitlich zu den beiden Stühlen. Beschreibe von dieser Metaposition aus die Interaktion
der beiden Personen. Wie beurteilst du dein eigenes Verhalten? Wie das deines Kon-
fliktpartners? Wie gehen beide miteinander um? Welche Metapher beschreibt diesen
Umgang? Welche Ideen hast du aus dieser Position: Was möchtest du anders machen?
Welche Fähigkeiten kannst du dazu nutzen? Gehe nun zurück auf Position 2. Beurteile
die Lösungsidee aus dieser Perspektive. Zurück auf der 1. Position stellst du fest, wie
du die Kommunikation wahrnimmst. Was hat sich wie verändert? Verändere deine Po-
sition zwischen den Stühlen 1 und 2 solange, bis du mit deiner neuen Wahrnehmung
zufrieden bist. Stelle dir anhand einer konkreten Situation vor, wie du in Zukunft mit
dieser Person kommunizierst.
Die in Abb. 4.32 dargestellte Konfliktzwiebel veranschaulicht diese Differenzierung.
Sie arbeitet mit den am Konflikt beteiligten Personen direkt an weitreichenden Konfliktsi-
tuationen.
I
Durch lösungsorientierte Fragen kann ein positives Bild gezeichnet werden,
aufgrund dessen eine Verbesserung der Situation erreicht werden könnte:
„Woran könnten wir erkennen, dass der Konflikt bewältigt ist? Was wäre dann
anders im Vergleich zur aktuellen Situation?“
Zirkuläre Fragen können eine Partei auffordern, sich in die Perspektive der
anderen zu versetzen: „Wenn ich den Kollegen XY fragen würde, was denkst
du, liegt ihm wirklich am Herzen?“ Oder: „Welche Interessen verfolgt er mit
diesem Projekt, was ist ihm wirklich wichtig?“
Auch die Wunderfrage kann neue Perspektiven eröffnen: „Stell Dir vor, der
Konflikt ist bewältigt. Du arbeitest wieder motiviert und engagiert in deinem
Projekt: Woran könntest Du das erkennen?“
Zur Spiegelung und Klärung der Antworten kann immer wieder das Para-
phrasieren oder das aktive Zuhören angewendet werden.
462
4
Team
Interessen
Dinge, die eine Partei wirklich WILL
► Mittelfristige Wünsche
Positionen
Dinge, die eine Partei vorgibt, haben zu WOLLEN
► Kurzfristiger Fokus
Bedürfnisse
Dinge, die eine Partei braucht,
die sie haben MUSS.
► Langfristig zentral
Abb. 4.32 Konfliktzwiebel
Möglichkeiten
Je mehr Wahlmöglichkeiten zur Verfügung stehen, desto besser wird schließlich der ge-
troffene Entscheid. Diese Phase lebt davon, dass sich die Beteiligten aus ihren bestehenden
Denk- und Verhaltensmustern lösen können, um Lösungsansätze zu entwickeln, die mög-
licherweise noch nicht der gängigen Organisationskultur entsprechen. Alle Ansätze,
die es erlauben, den gemeinsamen Interessen ein Stück näher zu kommen, sollen erfasst
werden. Nur mit Fleiß und Druck wird es schwer, diese Möglichkeiten zu entwickeln.
Es braucht einen Überschuss an Aufmerksamkeit und damit einen Raum für Kreativität
(Abschn. 1.7.2).
I
Unter Zeitdruck sind kreative Lösungen schlecht möglich. Oft braucht es
mehrere Anläufe, um brauchbare oder gar hochwertige Varianten zu ent-
wickeln. Diesen Zeitbedarf müssen sich die Parteien und der Moderator
eingestehen.
Lösungsideen von externen Personen können in dieser Phase wertvoll sein.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
463
Kriterien
Die gemeinsame Diskussion objektiver Kriterien, die für die Auswahl der Verhandlungsal-
ternative angewendet werden können, erleichtert das Verlassen von Positionen und schmä-
lert die Grundlage für unfairen Druck.
I
Bei Sachkonflikten müssen die Projektverantwortlichen darauf achten, dass
die Entscheidungskriterien im Einklang sindmit den Anforderungen ausdem
Projektauftrag oder der Produktvision.
Für Lösungsansätze außerhalb der bestehenden Anforderungen nehme man
Rücksprache mit dem Product Owner oder dem Auftraggeber.
Bestmögliche Alternative wählen
Für die Auswahl der bestmöglichen Alternative eignet sich das BATNA-Prinzip, siehe
Abschn. 4.3.4.5. Wenn der Entscheid getroffen ist, ist das Wichtigste für Projektverant-
wortliche, von allen betroffenen Parteien für den gewählten Lösungsansatz Verbindlich-
keit einzufordern.
I
Im Sinne eines Maßnahmenplans wird festgelegt, wer was bis wann zu tun hat,
um die ausgewählte Lösung zu realisieren. Auch das Controlling obliegt den
Projektverantwortlichen: Sollten die Betroffenen mit ihren Beiträgen in Verzug
geratenoder sogar in alte Verhaltensmusterzurückfallen, muss das früh erkannt
werden. Darauf sind korrigierende Maßnahmen einzuleiten.
4.4.11
Konfliktbewältigung je nach Konfliktart
Die oben dargestellte grundsätzliche Herangehensweise zur Bewältigung von Konflik-
ten wird hier mit Empfehlungen zur Bewältigung spezifischer Konfliktarten gemäß
Abschn. 4.4.7 präzisiert.
4.4.11.1
Ziel- und Interessenkonflikt
Zielkonflikte
In einer frühen Phase im Projekt lassen sich Zielkonflikte über schriftliche Ziele klären,
die so gut wie möglich SMART formuliert sind. Diese Ziele sollten auch, im Sinne des
MbO, vereinbart und nicht einfach nur vorgegeben sein (Abschn. 4.1.13.4). Sollte ein
Zielkonflikt in einer späteren Projektphase auftreten, ist dieser über das Change Request
Verfahren zu bearbeiten.
Dabei sind immer die unterschiedlichen Kompetenzebenen der Projektgremien zu be-
rücksichtigen (Abschn. 2.3.9). Oft wirkt bei Ziel- oder Interessenkonflikten das systemi-
sche Phänomen, weil die Aufträge unklar oder widersprüchlich sind. Die Mankos eines
unklaren Auftrages manifestieren sich über kurz oder lang im Projektteam als Konflikte.
464
4
Team
Es gehört zur Aufgabe des Projektleiters, Differenzen oder Widersprüche in den Pro-
jektzielen aufzuzeigen und den Projektverantwortlichen Lösungsansätze vorzuschlagen.
Werden die Widersprüche nicht vom Auftraggeber, Projektleiter und Projektausschuss
(Entscheidungsträgern) angegangen, sondern in die Projektorganisation delegiert, mani-
festieren sie sich dann zwischen den Mitarbeitern.
Interessenkonflikte
Es ist sehr schwierig, alle unterschiedlichen Interessen der Stakeholder an ein Projekt
auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Mit einer fundierten Stakeholder-Analyse
werden die divergierenden Interessen der Anspruchsgruppen sichtbar. So können sie be-
arbeitet werden.
Vor allem für Akzeptanz- und Pionierprojekte (Abschn. 1.2.1) ist die fortlaufende Be-
wirtschaftung der Stakeholder-Interessen eine wichtige Aufgabe, um Konfliktpotenziale
frühzeitig zu erkennen.
4.4.11.2
Verteilungs- und Ressourcenkonflikt
Jedes Projekt ist damit herausgefordert, mit personellen, finanziellen und technischen
Ressourcen seine Ziele zu erreichen. Diese Spannung kann nicht grundsätzlich aufgelöst
werden. Innerhalb des Projektes muss der Projektleiter antizipieren, Divergenzen aufzei-
gen und den Entscheidungsverantwortlichen Lösungen vorschlagen.
Oft müssen Projektleiter aber auch lernen, ihre Auftraggeber unter Druck zu setzen,
um die Ressourcen zugeteilt zu bekommen, die ihnen gemäß Projektauftrag zustehen.
Bei Ressourcenkonflikten wirkt auch das systemische Phänomen (Abschn. 4.4.2):
Wenn in der Linienorganisation unzureichende Ressourcenplanungen für die Mitar-
beiter gemacht werden, spiegelt sich das auch in den Projektteams wider. Wer seine
verfügbaren personellen Ressourcen nicht kennt, startet womöglich viel mehr Projekte,
als er bearbeiten kann. Werden die Ressourcenplanungen und -zuteilungen nicht auf der
Ebene der Entscheidungskompetenz im Projekt entschieden, wird der Konflikt in das
Projektteam delegiert. Die Konsequenzen daraus sind dann:
Beziehungskonflikt: Der Konflikt manifestiert sich zwischen Personen im Projektteam,
z. B. zwischen Projektleiter und Teilprojektleiter.
Persönlicher Konflikt: Der Projektleiter versucht, das Defizit zu kompensieren. Damit
steigt die Belastung, es kommt zum Loyalitätsdilemma oder zu Motivationsproblemen.
In größeren Organisationen können das Multiprojektmanagement (Abschn. 2.7) und
ein Projektportfolio wesentliche Friktionspunkte entschärfen. Überallokationen von Ein-
zelpersonen werden im Multiprojektmanagement ersichtlich. Sie können nur mittels Prio-
risierung im Projektportfolio gelöst oder zumindest entschärft werden. Die Voraussetzung
dafür ist allerdings, dass die zuständigen Gremien auch ihre Verantwortung für das Multi-
projektmanagement wahrnehmen und – im Falle von Überallokationen – die notwendigen
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
465
Entscheide fällen. Das bedeutet, dass laufende Projekte gestoppt, verlangsamt oder abge-
brochen werden.
4.4.11.3
Struktureller und organisatorischer Konflikt
Strukturelle Konflikte betreffen v. a. Projektorganisationen, die über eine Matrix oder
eine Koordination an die Stammorganisation angebunden sind (Abschn. 4.1.4). Dieses
Problem kann der Projektleiter zwar transparent machen. Eine Veränderung zu erwirken
ist allerdings sehr schwierig, da diese das Führungssystem der Stammorganisation be-
einflussen würde. Der Projektleiter kann höchstens über seinen Auftraggeber optimale
Rahmenbedingungen für seine Projektarbeit erwirken. Zudem muss er seinen Führungs-
stil entsprechend anpassen: In einer Koordination führt er lateral (Abschn. 4.1.13.2).
Werden strukturelle oder organisatorische Konflikte nicht verhandelt und entschieden,
sondern mit „faulen Kompromissen“ respektive mit „work arounds“ gelöst, werden Kon-
flikte nur verlagert oder an andere Stellen delegiert.
4.4.11.4
Bewertungskonflikt
Der Mensch als nicht-triviales System ist unberechenbar. Er hat unterschiedliche Sicht-
weisen, Überzeugungen und kann seine Meinung ändern. Bewertungskonflikte können
vermieden werden, wenn vor jeder Entscheidungsfindung der Entscheidungsmodus
vorab festgelegt wird. Ein Konsensentscheid ist zwar ein ehrenwertes Ziel. Weil alle Be-
teiligten selten die gleiche Meinung haben, muss ein Konsens- oder auch der Mehrheits-
entscheid ein mögliches Szenario sein. In gewissen Situationen müssen sich Projektleiter
oder Auftraggeber auch das Vetorecht ausbedingen.
Die wichtigste Maßnahme, um Bewertungskonflikte zu vermeiden, bildet der Projekt-
auftrag. Der Projektleiter ist dafür verantwortlich, dass er diesen so lange klärt und ver-
handelt, bis er völlig klar ist und er weiß, an welchen Zielen er gemessen wird. Auch die
Projektorganisation mit der RACI-Matrix oder dem Funktionendiagramm hilft, frühzei-
tig festzulegen, wer bei welchem Lieferobjekt oder Arbeitspaket welche Verantwortungen
und Entscheidungskompetenzen hat. Über diese Tabellen wird auch klar, welche Entschei-
dungskompetenzen der Auftraggeber für sich beansprucht und was er ins Projektteam
delegiert.
Für den Projektleiter steht die Prozesskompetenz im Vordergrund. Anträge für Fachent-
scheide muss er seinen Experten im Team delegieren können, weil er das Fachwissen dazu
nicht hat.
Verschärfen sich in einem Scrum Team unterschiedliche Überzeugungen und Sicht-
weisen, ist es die Aufgabe des Scrum Masters, zu intervenieren und zu vermitteln. Die
Retrospektive bildet die Plattform, auf der mögliche Diskrepanzen sichtbar gemacht und
bearbeitet werden.
466
4
Team
4.4.11.5
Rollenkonflikt
Rollenkonflikte gibt es auf zwei Ebenen:
Formale Ebene zur Ausgestaltung der Rollen: WAS sind die Aufgaben und Verant-
wortlichkeiten des Projektleiters oder Product Owners (Abschn. 4.1.9)?
Informale Ebene der gelebten Rolle: WIE wird diese Rolle ausgefüllt? WIE ist die
Schnittstelle zwischen Organisation und Person ausgestaltet (Abschn. 4.1.11)?
Formale Ebene
Die formale Ausgestaltung der Projektrollen im klassischen Ansatz ist bekannt (Abschn.
2.3.9.2), allerdings variiert diese stark je nach der Anbindung des Projektes an die
Stammorganisation: Ist das Projekt über eine Koordination an die Stammorganisation
eingebunden, hat der Projektleiter fast keine Entscheidungskompetenzen. Er ist als
Koordinator dafür verantwortlich, dass die entsprechenden Linienverantwortlichen die
relevanten Informationen und Entscheidungsgrundlagen erhalten. In der Matrix-Integra-
tion ist die Abstimmung mit den Linienvorgesetzten ebenfalls anspruchsvoll, v. a. dann,
wenn der Projektplan in Bewegung gerät und Ressourcen neu geplant werden müssen.
Grundsätzlich können formale Rollenkonflikte über einen fundierten Projektauftrag
verhindert oder auch im Nachhinein geklärt werden. Ebenfalls liefert die RACI-Matrix
oder das Belbin-Teamrollen-Konzept hier wertvolle Dienste.
Die formalen Rollen in agilen Projektteams sind klar definiert. Agiles Projektmanage-
ment wird idealerweise in reiner Projektorganisation abgewickelt. Bei voller Konzentrati-
on der Kräfte auf das Projekt funktioniert die Selbststeuerung am besten.
Schwierig ist für den Product Owner, wenn er nicht mit den Entscheidungskompe-
tenzen ausgestattet ist, die Sprint-Resultate seines Teams abzunehmen. Ist er in seinen
Entscheiden abhängig von irgendwelchen Gremien der Stammorganisation, verlangsamt
das den Projektfortschritt. Auch verliert der Product Owner dadurch seinen Status gegen-
über dem Team. Er muss sicherstellen, dass er selber genügend Ressourcen hat für seine
Aufgabe. Beide Aspekte sind mit den Entscheidungsverantwortlichen der Stammorgani-
sation zu klären.
Informale Ebene: Gelebte Rolle
Die gelebte Rolle findet im Berührungspunkt zwischen Organisation und Person statt
(Abschn. 4.1.11). Die Organisation setzt sich zusammen aus mehreren Rollensendern.
Als Rollenträger bringt jeder Mensch seine einzigartige Person, seinen Charakter und
seine Prägung in die Projektrolle ein, wie auch immer sie inhaltlich definiert ist. Manch-
mal senden wir Menschen Nachrichten aus, die uns nicht bewusst sind. Zudem können
wir nie wissen, wie wir auf andere Menschen wirken.
Wollen wir Konflikte in Bezug auf die gelebte Rolle klären, sind wir darauf angewie-
sen, dass wir Selbstbild und Fremdbild immer wieder abgleichen können. Deshalb sind
unsere Kommunikationskompetenzen grundsätzlich wichtig. Wir sind darauf angewiesen,
dass wir immer wieder von unseren Kollegen Feedback erhalten (Abschn. 3.9.7) und mit
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
467
diesem konstruktiv umzugehen. Damit wir uns ein besseres Bild davon machen können,
wie wir auf andere Menschen wirken, sind auch die Belbin Teamrollen hilfreich. Der An-
satz betont, dass es ganz unterschiedliche Kompetenzen in einem Team braucht. Zudem
erlaubt er, über den Vergleich von Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung Unterschie-
de zu erkennen und diese zu bearbeiten.
4.4.11.6
Persönlicher Konflikt
In Abschn. 4.4.2 ist ausgeführt, dass sich Konflikte als Konsequenz des systemischen
Phänomens vordergründig als persönliche und soziale Konflikte manifestieren. Fehlende
Ressourcenplanungen, nicht geklärte Projektprioritäten (Projektportfolio) und die Abstim-
mung zwischen den Projektverantwortlichen und den Linienvorgesetzten (Projektkoor-
dination und Matrix) sind oft Ursachen, dass Konflikte aus der Organisation in das
Projekt delegiert werden und damit die einzelnen Personen herausfordern.
Bewältigt werden kann dieser Konflikt, wenn sich der Projektverantwortliche als
Symptomträger erkennt und es schafft, den Konflikt an die verursachende Stelle zurück-
zuweisen. Im optimalen Fall erkennen Auftraggeber oder die Linienvorgesetzten, dass
im Bereich des Change Request Managements Handlungsbedarf besteht: Die Qualität der
Projektarbeit ist sicherzustellen und die betroffenen Projektbeteiligten sind vor Konflikten
zu schützen. Um dieses optimale Resultat zu erreichen, braucht der Projektverantwortliche
hohe Kompetenzen im Bereich der Verhandlungsführung Abschn. 4.3.
Die Herausforderung ist in dieser Situation, dass bei einem delegierten Konflikt die
Handlungsverantwortung beim Symptomträger ist und nicht bei der Partei, die für die
Ursache des Konfliktes verantwortlich ist. Das bedeutet, dass sich der Symptomträger
in all dem operativen Druck der Projektabwicklung noch Zeit nehmen muss für diesen
delegierten Konflikt. Damit beginnt ein Vermeidungs-Vermeidungskonflikt. Je mehr Zeit
sich eine Person nimmt für die Bekämpfung der Ursache, desto weniger Zeit hat sie für
andere Verpflichtungen.
I
Im Vermeidungs-Vermeidungskonflikt sind die Personen in einem Dilemma.
Dieses kann oft weder aufgelöst werden, noch dürfen die betroffenen Personen
an sich die Erwartung haben, dass es eine gute Lösung geben kann. Kann die
äußere Situationnicht verändert werden (z.B.wenn kein strukturiertesChange
Request Management eingerichtet wird), bleiben noch folgende Möglichkeiten
(Abschn. 3.5.4):
Das eigene Verhalten verändern und Change Requests ab einer bestimm-
ten Projektphase nicht mehr akzeptieren. Mit diesem Verhalten geht der Pro-
jektverantwortliche natürlich ein Risiko ein, weil es nicht der gängigen Pro-
jektmanagement-Kultur entspricht und damit von Linienvorgesetzten oder
Mitarbeitern sanktioniert werden könnte.
Die Bewertung verändern und damit akzeptieren, dass permanente Ver-
änderungen am Scope in dieser Organisation zum Alltag gehören, mit allen
Konsequenzen für das Projekt selber wie auch für die eigene Person.
468
4
Team
Natürlich kann man auch versuchen, die ganze Sache zu verdrängen. Meis-
tens funktioniert das in der Projektarbeit nur kurzfristig, weil alle Arten von
Versäumnissen und Defiziten einen Einfluss auf das magische Dreieck haben
und damit sichtbar werden über Zeitverzögerungen, Budgetüberschreitun-
gen oder Reduktion des Scope.
Im schlimmsten Fall, wenn trotz des Versuchs der Neubewertung der persön-
liche Stress immer mehr zunimmt, muss sich die betroffene Person sogar vor
einer unkontrollierbaren Stressreaktion schützen (Abschn. 3.5.7) und die Projekt-
verantwortung abgeben oder gar die Stelle wechseln.
4.4.11.7
Beziehungskonflikt (sozialer Konflikt)
Kommunikation
Innerhalb des sozialen Konfliktes haben die verbale und nonverbale Kommunikation im-
mer Friktionspotenzial. Der bekannte Satz „Ich weiß erst, was ich gesagt habe, wenn ich
die beim Empfänger angekommene Botschaft kenne“ fordert uns immer wieder neu dazu
auf, uns für die subjektive Wahrheit des Gegenübers zu öffnen.
Die beste Bewältigung eines Kommunikationskonfliktes ist das direkte Gespräch.
Dabei ist zwischen Wirkung und Wertung zu differenzieren. Wie im Konfliktsyndrom
(Abschn. 4.4.3) dargestellt, leidet die Kommunikation immer in Konflikten. Damit ist
sie auch eine wirkungsvolle Intervention. Kommunikationskompetenzen zu entwickeln,
sollte für alle Projektbeteiligten selbstverständlich sein. Die Projektverantwortlichen sind
zudem aufgefordert sicherzustellen, dass in den Teams regelmäßige Kommunikations-
möglichkeiten installiert sind.
Nähe versus Distanz
Projektleiter und Product Owner übernehmen eine Führungsfunktion. Dadurch sind sie
darauf angewiesen, dass sie Weisungsbefugnis und Entscheidungskompetenzen gegen-
über ihrem Team haben. Je besser die Rolle geklärt und der Auftrag formuliert ist, desto
geringer sollte das Friktionspotenzial sein. Alle Beteiligten sollen sich aber immer wieder
bewusst machen, wer, wann in welcher Rolle ist. Vor allem wenn Projektleiter und Pro-
duct Owner früher Arbeitskollegen waren, müssen sie ein gutes Gefühl dafür entwickeln,
wann sie noch Kollege sein können und wann sie mehr auf Distanz gehen müssen, um
ihrer Verantwortung und Rolle gerecht zu werden.
Revier
Ein Projektteam in seiner interdisziplinären Zusammenarbeit hat immer den Auftrag, ver-
schiedene Kompetenzbereiche und damit Territorien zu verbinden. Oft hat das Projektziel
Konsequenzen auf bestehende Reviere, sei das bei Entwicklungsprojekten auf die Produk-
tion oder bei Veränderungsprojekten auf die Prozesse der Linienorganisation. Dies fordert
immer die bestehenden Machtgefüge heraus. Projektverantwortliche haben oft nicht die
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
469
Macht, diese Spannungen selber zu bearbeiten. Vielmehr müssen sie sich im Rahmen des
Mandates die Unterstützung der Entscheidungsträger sicherstellen.
Rangordnung
Oft haben Projektverantwortliche nicht den gleichen Status wie die Verantwortlichen in
der Stammorganisation. Möglicherweise sind im Team auch Personen, welche in der
Stammorganisation höher angesiedelt sind als die Projektverantwortlichen. Werden Pro-
jektverantwortliche nicht in ihren Rollen anerkannt, sind sie wirkungslos. Auch hier geht
es darum, dass sie von ihren Entscheidungsträgern unterstützt werden und dass sämtli-
chen im Projekt involvierten Personen bewusst ist, welche Linienvorgesetzten hinter dem
Projekt stehen. Gute Wirkung zur Klärung der Rangordnung wird jeweils schon im Kick-
off erzielt: Ist der Auftraggeber präsent und setzt vor dem versammelten Projektteam den
Projektleiter oder Product Owner offiziell in seine Rolle ein, sind diese Rollen weit wir-
kungsvoller, als wenn das nicht geschieht.
Führung
Product Owner und Projektleiter sind anspruchsvolle Führungspositionen. Oft haben sie
sich über ihre Expertenrolle für diese Aufgaben qualifiziert. Ihre Kompetenzen sind in die-
ser Situation weitgehend technisch-inhaltlicher Natur. Dies reicht allerdings noch nicht
für die Herausforderungen, die Product Owner und Projektleiter zu bewältigen haben.
Hier sind Prozess- und Entscheidungskompetenzen gefragt. Die Projektverantwortli-
chen, die nicht loslassen können von den technischen Details, demotivieren ihre Teams
und sorgen für Verwirrung. Dies kommt dann oft in Beziehungskonflikten zum Ausdruck.
I
Wie gehen wir damit um, wenn die Chemie nicht stimmt? Wenn der Pro-
jektleiter einen seiner Teilprojektleiter unsympathisch findet und bei jeder
Begegnung negative Gefühle entwickelt? In solchen Situationen hilft die Fä-
higkeit zur Selbstreflexion gemäß Abschn. 3.3.6: Unsere eigenen Gefühle haben
viel mehr mit uns selber zu tun als mit den anderen Menschen. Die Gründe,
warum dem Projektleiter ein Teilprojektleiter unsympathisch erscheint, können
vielfältig sein:
Der Teilprojektleiter kann ganz andere Charaktereigenschaften haben als
der Projektleiter. Ist der Projektleiter im Sinne der Belbin Teamrollen z. B. ein
starker Macher und der Teilprojektleiter ein starker Perfektionist, hat dies
Konfliktpotenzial (Abschn. 3.10.2).
Projektleiter und Teilprojektleiter weisen unterschiedliche Ausprägungen
ihrer Grundbedürfnisse aus. So können z. B. ein hohes Bedürfnis nach Sta-
tus und Anerkennung auf ein starkes Bedürfnis nach Geborgenheit prallen
(Abschn. 3.3.3).
Möglich ist auch, dass es sich um eine Projektion handelt: Der Projektleiter
projiziert einen eigenen Schatten oder ein Unvermögen auf den Teilprojekt-
leiter. Sollte der Projektleiter nicht in der Lage sein, eine solide Projektpla-
470
4
Team
nung zu machen – und dies als eigene Schwäche anzunehmen und zu ak-
zeptieren –, könnte dieser dem Teilprojektleiter vorwerfen, unzuverlässig zu
sein und seinen Verbindlichkeiten nicht nachzukommen. Vielleicht hat der
Teilprojektleiter aber das falsche Gesicht, den falschen Namen oder sonst ei-
ne Eigenart, die den Projektleiter unbewusst an eine Person erinnert, mit der
er einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat.
In allen Situationen sind zunächst die Gefühle zuzulassen und nicht zu bekämp-
fen. Dann können sie, im Sinne einer Selbstreflexion, eingeordnet und auch
bewertet werden. Da der Projektleiter mit seinem Teilprojektleiter „nur“ auf ei-
ner professionellen Ebene zusammenarbeiten muss, ist Sympathie nicht zwin-
gend nötig. Es genügt, wenn der Respekt da ist und die Ziele, die vereinbart
wurden, erreicht werden. Hierfür sind Rollenklärung und ein adäquater Füh-
rungsstil nötig. Für die wesentlichen Bedürfnisse nach Zuneigung, Sympathie
und Liebe sind Beziehungswelt und Eigenwelt da (Abschn. 3.10.1). Es wäre eine
Überforderung, diese Ansprüche im beruflichen Umfeld befriedigen zu wollen.
Man muss aufhören, sich selber zu hinterfragen, und annehmen können, dass
mit einer spezifischen Person die Chemie nicht stimmt. Wenn im Sinne der per-
sönlichen Veränderungsstrategien (Abschn. 3.5.4) Verdrängung der Antipathie
und Neubewertung der Situation nicht möglich sind, bleibt noch, die Situation
zu verändern, indem der Kontakt zu dieser Person reduziert oder abgebrochen
wird.
4.4.11.8
Wertekonflikt
Werte sind ein wesentlicher Teil unsere Persönlichkeit. Das erklärt, weshalb es so schwie-
rig ist, Wertekonflikte zu bewältigen. Jeder Tugend steht eine Schwestertugend gegenüber.
Solche Wertepaare sind z. B. Vertrauen und Vorsicht, Durchsetzung und Rücksicht oder
Struktur und Flexibilität. In der Balance beider Tugenden zu sein, beide Eigenschaften
leben zu können, bedeutet Professionalität.
Werte werden Unwerte
Jeder Wert hat auch eine negative Übertreibung, wie im Wertequadrat nach Schulz von
Thun Abb. 4.33 dargestellt. Als Beispiel dient der Wert der strukturierten Arbeit, wie sie
in monochronen Organisationskulturen im Vordergrund steht (Abschn. 4.1.14.4). Struk-
turiert arbeiten zu können, ist in der Projektabwicklung wichtig. Die ganze Projektab-
wicklung, agil und klassisch, basiert darauf. Aber es gibt auch ein „zu viel des Guten“.
Das wird als (entwertende) Übertreibung bezeichnet. Ebenso wichtig ist es aber auch, bei
Veränderungen oder Problemen von Planungen abzuweichen oder „Umwege“ gehen zu
können, also flexibel zu sein. Hier wäre die Übertreibung dann, alle Planung wegzulassen
und chaotisch vorzugehen.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
471
Das Netz der Beziehungen zwischen den vier Polen des Wertequadrats
flexibel
pedantisch
chaotisch
positives Spannungsverhältnis
Überkompensation
entwertende Übertreibung
entwertende Übertreibung
strukturiert
Entwicklung
Abb. 4.33 Beispiel Wertequadrat für strukturierte Arbeitsweise
Beispiel
Wer in einem klassischen Projekt Tätigkeiten im Detail plant, die in zehn Monaten
stattfinden sollen, ist pedantisch. Der Planungsaufwand ist enorm. Das Risiko, dass
sich daran noch etwas verändern wird, ist sehr groß.
Der konträre Gegensatz zur strukturierten Arbeit ist flexibles Vorgehen. Dazu ist chao-
tische Arbeit die konträre Übertreibung zum pedantischen Arbeiten. Damit gibt es zwei
neue Paare: die strukturierte Arbeit steht in einem positiven Spannungsverhältnis zur fle-
xiblen Arbeit. Die jeweilige Übersteigerung ergibt das negative Wertepaar von pedantisch
und chaotisch.
Die Entwicklung besteht darin, dass man beide Werte als Tugenden nutzen kann. Die
Gefahr ist jedoch groß, dass man sich in der Übertreibung der Schwestertugend verrennt.
Dies im Bestreben, die andere, einem nicht so geläufige Tugend möglichst gut zu erfüllen
(Überkompensation). Der konstruktive Umgang mit solchen Wertekonflikten bedeutet die
gleichzeitige Entwicklung beider Schwestertugenden. Das bringt die menschlichen Qua-
litäten ins Gleichgewicht.
472
4
Team
Erwartungen mit den Ent-
scheidungsträgern klären
Verhandeln
Dilemma bewirtschaften
Multiprojektmanagement
Projektportfolio
Anbindung des Projekts
an die Stammorganisation
Rollen klären
RACI Matrix
Auf gemeinsame
Verhaltensregeln einigen
Ziele und Interessen
Verteilung und Ressourcen
Struktur und Organisation
Bewertung
Rolle
Beziehung
Person
Werte
Abb. 4.34 Strategien der Konfliktbewältigung je Konfliktart
4.4.11.9
Zusammenfassung Konfliktbewältigung
Die Übersicht in Abb. 4.34 fasst eine kleine Auswahl an Strategien und Ansätzen zusam-
men, die für die Bewältigung spezifischer Konfliktarten hilfreich sein können.
4.4.12
Konfliktprävention
Da Projektarbeit sehr konfliktanfällig ist, sind hier Möglichkeiten einer bestmöglichen
Prävention aufgezeigt.
4.4.12.1
Projektmanagement Methodik
Entweder suchst du den Konflikt zu Beginn des Projektes, oder er findet dich während der
Abwicklung.
Die mit Abstand wirkungsvollste Prävention auf der Ebene der Ursachen ist für uns
Autoren eine sorgfältige Anwendung der Projektmethodik. Sind Ziele oder Visionen
klar, Interessen der Stakeholder analysiert, Projektstrukturplan und Detailplanung mit den
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
473
Aufwandschätzungen unterlegt, die Projektorganisation festgelegt, die Verfügbarkeit der
Ressourcen geklärt und Kommunikationsplattformen eingerichtet, haben Konflikte wenig
Nahrung.
Finden sich in diesen Unterlagen widersprüchliche oder unvereinbare Elemente, sind
sie methodisch transparent zu bearbeiten. Wenn nicht, wird sich das Konfliktpotenzial
nicht einfach auflösen, sondern in einer späteren Projektphase – und dann in einer höheren
Intensität – entfalten.
4.4.12.2
Störungen haben Vorrang
Das Konfliktsyndrom in Abschn. 4.4.3 ermöglicht uns, die Prävention da anzusetzen, wo
die Konflikte eskalieren können: offen kommunizieren, verzerrte Wahrnehmungen einan-
der gegenüberstellen und zurechtrücken, vertrauensbildende Maßnahmen ergreifen und
die gemeinsamen Ziele bestärken. Auch Verhaltensänderungen von Personen im Projekt-
team – und damit Konfliktsymptome (Abschn. 4.4.4) sind Frühindikatoren für Störungen.
Projektleiter und Scrum Master müssen sich für diese Frühindikatoren von Konflikten sen-
sibilisieren. Ein Postulat der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth Cohn heißt:
„Störungen haben Vorrang“: Je früher diese bearbeitet werden, desto einfacher wird es
sein, Bewältigungsstrategien zu entwickeln, die für alle involvierten Parteien zufrieden-
stellend sind. Je länger gewartet wird, desto höher wird die Intensität der Konflikte, wie
dies in den Eskalationsstufen in Abschn. 4.4.9.1 ausgeführt ist.
Die wesentliche Maßnahme, um diese Eskalationen im Keime zu ersticken, bildet
das Informations- und Kommunikationskonzept (Abschn. 2.4.10.2). Wenn alle internen
und externen Stakeholder erfasst und bewertet sind, müssen zielführende Plattformen für
die Kommunikation installiert werden. Diese – ergänzt mit den Kompetenzen der per-
sönlichen Kommunikation (Abschn. 3.9) – bilden das Fundament der Zusammenarbeit.
Sitzungen dienen auch der Kommunikation und dem Beziehungsaufbau, der Beziehungs-
pflege. Über Beziehung entsteht Vertrauen. Vertrauen ermöglicht den offenen Dialog und
eine Kultur, in welcher im Sinne von „Hart in der Sache, weich gegenüber dem Menschen“
für die beste Lösung gestritten werden kann.
4.4.12.3
Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz
Zwei Kompetenzbereiche auf der persönlichen Ebene schließen das Kapitel ab.
Konfliktfähigkeit
Die Konfliktfähigkeit einer Person zeigt sich darin, inwiefern sie diese Konflikte aus-
halten und fair bewältigen kann. Konfliktfähigkeit basiert auf der persönlichen Haltung,
dass jede noch so schwierige Situation irgendwie bearbeitet werden kann und dass aus
jedem Konflikt ein Nutzen entstehen kann. Diese Haltung steht in engem Zusammen-
hang mit der Resilienz (Abschn. 3.8.4). Konfliktfähige Menschen sind davon überzeugt,
dass die im Konflikt entwickelte Energie positiv eingesetzt werden kann. Unterschiede
und Differenzen werden als integrale Bestandteile des Lebens aufgefasst. Konflikte wer-
den gewinnbringend bewältigt mit der Überzeugung, dass die Arbeit an den Differenzen
474
4
Team
Tab. 4.19 Grundannahmen zur Konfliktfähigkeit. (Glasl 2008, S. 13)
Konfliktscheu
Konfliktfähigkeit
Streitlust
Konflikte kosten nur Kraft,
darum: Hände weg davon!
Aggressionen sind Energie:
Ich leite sie positiv um!
In Konflikten erlebe ich mich
selbst – sie steigern Vitalität!
Offene Konflikte zerstören
unnötig vieles!
Konflikte helfen, sich von
alten Gewohnheiten zu lösen!
Nur aus Chaos entsteht wirk-
lich Neues!
Konflikte vertiefen nur die
Gegensätze. Differenzen sind
im Grunde doch nicht lösbar!
Unterschiede sind lebens-
notwendig, das Arbeiten an
Differenzen bereichert alle!
Konsens ist oft Illusion, denn:
„Der Krieg ist der Vater aller
Dinge!“
Menschen und Organisationen weiterbringen. In einem „Entweder-oder“-Denken ist das
nicht möglich. Der Mensch muss sich im Umgang mit Polaritäten auf das „Sowohl-als-
auch“ einlassen können (Abschn. 4.1.14.4). Die Tab. 4.19 stellt die Konfliktfähigkeit als
Bindeglied zwischen Konfliktscheu und Streitlust dar.
Das übertriebene Gute wird zum Bösen (F. Glasl).
Frustrationstoleranz
Frustrationstoleranz als Kompetenz wird den Menschen zugewiesen, die nicht immer
die eigenen Ziele durchsetzen müssen (Kreyenberg 2005, S. 219). Schwestertugend der
Konfliktfähigkeit ist die Frustrationstoleranz. Schon kleine Kinder müssen lernen, dass sie
nicht alles haben können, dass es nicht immer so läuft, wie sie es sich wünschen. Das ist
im Berufsleben auch so. Es gibt Kunden, Vorgesetzte und Organisationskulturen, welche
nicht unserem Ideal entsprechen. Wir müssen immer wieder auch einsehen können, dass
wir einerseits begrenzt sind in unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten und andererseits,
dass die Projektorganisation nicht perfekt funktionieren wird.
4.4.13
Umgang mit Krisen
Krisen sind plötzliche und unerwartet eintretende Ereignisse, die mit den üblichen und mehr
oder weniger standardisierten Managementmethoden nicht bewältigt werden können (Wasti-
an et al. 2009, S. 292).
In jedem Projekt können Krisen entstehen. Eine Projektkrise ist eine Situation, in welcher
der Projektfortschritt blockiert oder stark eingeschränkt und die Erreichung des Projekt-
ziels gefährdet ist. Damit verlangt eine Krise auch eine sofortige Intervention. Dies ist
eine nicht delegierbare Führungsaufgabe der Projektverantwortlichen.
Eine Krise kann ihren Ursprung in der (Projekt-)Organisation selber haben. Oft sind
sie jedoch durch Bedingungen von außerhalb der Organisation ausgelöst.
4.4
Konfliktmanagement und Krisen
475
Interne Krisenursachen
Es gibt eine Reihe von Warnsignalen bzw. Indikatoren für sich anbahnende Krisen. Bei-
spiele: sich aufsummierende Kostenüberschreitungen, unfertige Teilergebnisse, fehlende
Entscheidungen, schwindende Motivation und fehlendes Engagement der Projektbeteilig-
ten, Hilferufe aus dem Projekt.
Krisen sind Ausnahmesituationen und brauchen daher ein spezielles Vorgehen und eine
adäquate Organisation. Die Bearbeitung von Krisen erfolgt in verschiedenen Phasen.
Folgende Maßnahmen können helfen, interne Krisenursachen so früh wie möglich zu
erkennen und zu bearbeiten:
Sorgfältiges und periodisches Risikomanagement und Controlling von „Scope“, „Zeit“
und „Kosten“.
Indizien für das Konfliktsyndrom (Abschn. 4.4.3) und für Konfliktsymptome (Abschn.
4.4.4) sowie Aspekte aus der Gruppendynamik (Abschn. 4.2) erkennen und bearbeiten.
Offene Gesprächskultur, regelmäßige persönliche Absprachen sowie Maßnahmen in
Bezug auf die Konfliktprävention.
Externe Krisenursachen
Trotz aller Vorsicht und Professionalität können Projektkrisen ganz unvermittelt von au-
ßen auf Projektteams treffen. Gründe dafür können sein, dass Projektbeteiligte eine Krise
in ihrem persönlichen Umfeld erleiden. Das kann ihre eigene Arbeitsfähigkeit lähmen und
sich auch auf das Team übertragen. Es kann aber auch ein wichtiger Lieferant ausfallen,
ein Kunde bankrottgehen oder ein Hacker-Angriff die gesamte Infrastruktur lahmlegen.
Große Organisationen betreiben Krisenstäbe, welche sich auf Worst-Case-Szenarien vor-
bereiten. Projektorganisationen sind hierfür jedoch zu klein.
Folgende Maßnahmen können helfen, externe Krisenursachen so früh wie möglich zu
erkennen und zu bearbeiten:
Regelmäßiges und aktives Stakeholdermanagement;
Maßnahmen aus dem Risikomanagement wie Bonitätsprüfungen oder Zweitlieferan-
ten;
Schnelle Intervention und Hilfestellungen, wenn Projektbeteiligte eine persönliche Kri-
se erleben.
I
Im Moment der Wahrnehmung einer Krise sollte der aktuelle Zustand so gut wie
möglich dokumentiert werden. So wie die Polizei bei einem Autounfall sofort
Beweis-Fotografien macht. Sollte z. B. ein Product Owner ausfallen und durch
eine andere Person ersetzt werden, ist im Moment der Übernahme eine um-
fassende Ist-Aufnahme von Produktkonzept, Product Backlog, Releaseplan und
auch von den aufgelaufenen Kosten zu machen.
476
4
Team
Tab. 4.20 Leitsätze in der Krisen-Kommunikation
Informieren Sie als Führungskraft ...
Informieren Sie konkret über ...
Aktiv und nicht reaktiv,
Opfer
Rasch und kontinuierlich,
Schaden
Zuerst immer direkt Betroffene,
Konsequenzen
Wahrhaftig und empathisch.
Sofortmaßnahmen
Kein „no comment“!
Untersuchungen
Alter (2008) S. 120
Führung und Kommunikation
Krisen sind Chefsache. Projektleiter, Scrum Master und Product Owner müssen sich
ihrer sofort annehmen. Auch ihre Vorgesetzten in der Linienorganisation haben sie um-
gehend in Kenntnis zu setzen. Eine Task Force muss gebildet werden, die verantwortlich
ist für die Bewältigung der Krise. Je nach Beurteilung der Situation müssen darin die
verantwortlichen Hierarchieebenen vertreten sein.
Krisen verunsichern. Sie generieren Ängste. Deshalb ist in Krisensituationen die Kom-
munikation zentral. Orientieren Sie Ihre Kommunikation in Krisen an den Leitsätzen in
Tab. 4.20.
4.5
Veränderung und Widerstand
Fast jedes Projektvorhaben führt zwangsläufig zu kleineren oder größeren Anpassungen
innerhalb der Stammorganisation. Denn meistens sind auch irgendwelche betrieblichen
Prozesse von der Neuerung betroffen. Beispiele: Neue Produkte kommen dazu. Einzelne
Arbeitsschritte verändern sich. Es ergibt sich eine neue Betriebsstruktur: Organisations-
einheiten werden neu zusammengestellt. Bisherige Arbeiten fallen weg. Dienstleistungen
werden neu definiert. Diese Veränderungen bedingen immer Anpassungen für die betei-
ligten Personen in ihren Tätigkeiten, ihrem Verhalten oder sogar in ihrer Haltung.
4.5.1
Change und Transformation
Eine Veränderung kann unterschiedliche Auslöser haben. Dargestellt an einem allgemei-
nen Businessmodell in Abb. 4.35 kann der Impuls zum Beispiel erfolgen aufgrund von
Veränderungen in der Strategie, Korrekturen und Anpassungen in den Strukturen und
Prozessen oder auch durch das Bedürfnis, die Organisationskultur weiterzuentwickeln.
Wo auch immer der initiale Impuls gesetzt wird, es hat eine Auswirkung auf die anderen
zwei Dimensionen des Businessmodells.
4.5
Veränderung und Widerstand
477
Kultur
Management
Strategie
Struktur
Abb. 4.35 Veränderung von Strategie, Struktur und Kultur
4.5.1.1
Change: Probleme lösen
Wir sprechen von „Change“, wenn die heutige Situation verändert werden muss: Pro-
zesse und Methoden müssen verbessert oder ersetzt werden, um den aktuellen oder zu-
künftigen Anforderungen zu genügen.
Beispiele
Die Produktionskosten sind zu hoch. Neue Produktionsprozesse müssen gefunden
werden, um die Kosten zu reduzieren. So wird ein höherer Deckungsbeitrag mög-
lich.
Die Aufwandschätzungen für die Projekte waren wiederholt 20 % zu tief. Die Re-
ferenzwerte der analogen Schätzmethode sollen überprüft werden. Zudem wird für
Projekte mit hohem Komplexitätsgrad der Planning Poker (Abschn. 2.4.6.2) einge-
führt.
4.5.1.2
Transformation: Lösungen finden
Von „Transformation“ sprechen wir, wenn aufgrund einer Vision oder von Zukunftsanfor-
derungen neue Strategien entwickelt werden sollen.
478
4
Team
Beispiele
Unsere Produkte sollen weitgehend mittels Roboter produziert werden können. Wel-
che Prozesse, Strukturen und Verfahren müssen genutzt werden, um weitgehend auf
Automation umstellen zu können?
In einer Organisation soll vermehrt nach dem agilen Ansatz gearbeitet werden. Es
wird ein Projekt zur Organisationsentwicklung gestartet, basierend auf dem Ansatz
von „Radical Collaboration“ (Abschn. 4.1.14.3). Damit ist die Grundlage zu legen
für die Selbststeuerung in den agilen Teams.
4.5.2
Mind Change
Veränderungen an Strategie und Struktur beeinflussen die Kultur
Das Businessmodell in Abb. 4.35 legt nahe, dass jede Veränderung in der Strategie oder in
der Struktur einen Einfluss hat auf die Kultur und damit auf den einzelnen Menschen und
die Organisation als Ganzes. In vielen Projekten erschließen sich Nutzen und Wirtschaft-
lichkeit erst, wenn die involvierten Personen ihr Verhalten anpassen, seien es innovative
technologische Lösungen, effektivere Prozesse oder neue Produkte.
Gezielte Projektaktivitäten und eine entsprechende Projektführung sind notwendig, da-
mit die Betroffenen ihr Verhalten verändern können. Dies ist umso mehr gefragt, als die
Veränderungszeiten immer kürzer werden. Die fortlaufenden koordinierten Maßnahmen
werden als Veränderungsmanagement bezeichnet. Es sind nicht nur die Change-Projekte,
die Veränderung mit sich bringen. Es betrifft alle Projekte in größerem oder kleinerem
Ausmaß.
Zwei Ebenen der Veränderung
Abb. 4.36 stellt die beiden Ebenen der Veränderung dar. Auf der Ebene der „hard factors“
werden im Change oder in der Transformation neue Strukturen, Prozesse oder Systeme
erarbeitet. Die Führung und Steuerung dieses physischen Prozesses wird als Management
und Controlling bezeichnet. Ebenso wichtig sind der psychische und geistige Wandel.
Hier stehen die „soft factors“ im Vordergrund, mit denen die Kultur, die Fähigkeiten und
das Verhalten der Individuen und der Organisation entwickelt werden. Für diesen Teil der
Projektleitung sind Leadership und Kommunikationskompetenzen gefordert.
4.5.3
Der Mensch und Veränderung
Haben Sie gerne Veränderung? Wie halten Sie es persönlich mit Veränderung in Ihrem pri-
vaten Leben? Die meisten von uns sind wohl nicht darauf aus, dass sich das Leben um sie
herum permanent verändert. Wieso ist das so? Zuerst einmal haben wir alles Wissen, alle
Abläufe und Fertigkeiten, die wir im Projektalltag brauchen, einmal mühsam gelernt. Sich
4.5
Veränderung und Widerstand
479
Umzusetzende
Vision
Strategie
Organisation
Veränderung
Physischer Wandel
wird gesteuert
durch:
– Management
– Controlling
hard factors
soft factors
Psychischer Wandel
wird gesteuert
durch:
– Leadership
– Kommunikation
Strukturen
Systeme
Prozesse
Kultur
Fähigkeiten
Verhalten
Erfolg
Change/Transformation
Sachlogik
Mind Change
Psychologik
Abb. 4.36 Zwei Ebenen der Veränderung
etwas Neues anzueignen ist ein anspruchsvoller Prozess, der uns viel Energie abverlangt.
Was wir einmal mit viel Aufwand kognitiv lernen müssen, wird dann über die Jahre zu un-
seren Routinen, zu unseren impliziten und intuitiven Verhaltensmustern. Diese Muster
abzurufen kostet uns wenig Energie. Sie sind verankert in festen neuronalen Netzwerken
in unserem Hirn (Abschn. 3.3.2). Da der Mensch den größten Teil seiner Evolution lernen
musste, in einer Welt des Mangels zu überleben (für viele ist das leider auch heute noch
der Fall), hat unser Hirn auch einen effizienten „Stand-by“-Modus entwickelt: So versucht
unser Hirn stets, seinen Energieverbrauch so gering wie möglich zu halten.
Das Bekannte und Beständige hat noch weitere Vorteile für uns: Wir fühlen uns si-
cher. Als Projektverantwortliche haben wir uns über die Jahre viel Wissen und Erfahrung
angeeignet. Wir haben damit in der Organisation oder gar in der Branche eine Reputati-
on aufgebaut und ein wertvolles formales und informelles Netzwerk aufgebaut. Über all
das können wir, bewusst oder unbewusst, die individuell wichtigen persönlichen Grund-
bedürfnisse befriedigen (Abschn. 3.3.3).
Veränderungen in unseren Abläufen, Aufgaben oder Zuständigkeiten bedeuten für uns,
Sicherheits- und Identitätsstiftendes loszulassen. Je nach den Charaktereigenschaften
eines Menschen mit seinen Grundbedürfnissen und Kompetenzen oder seiner persönli-
chen Resilienz (Abschn. 3.8.4) wendet er eine unterschiedliche persönliche Bewältigungs-
480
4
Team
strategie an (Abschn. 3.5.4). Für viele bedeutet Veränderung auch Unsicherheit, manchmal
sogar Angst. Wer diese Unsicherheit oder Angst nicht überwinden kann, wird am Status
quo festhalten.
4.5.4
„Formel“ der Veränderung
Wer meint, dass sich die Veränderung von Menschen oder Organisationen über eine ein-
fache Formel herleiten lässt, reduziert diese auf ein triviales System (Abschn. 1.6.2).
Organisationen und Menschen sind viel komplexer. Trotzdem kann eine Formel als Er-
gänzung zur Veränderungsformel in Abschn. 1.4.4 herbeigezogen werden:
In der Veränderung stehen sich die Lernangst und die Existenzangst gegenüber. Lern-
angst meint, dass Menschen oder Organisationen es sich nicht zutrauen, in einem neuen
Thema wieder dieselbe Kompetenz aufbauen zu können. Diese „Kellerwanderung“ be-
deutet, temporär inkompetent zu werden oder gar seine Identität, den Status oder die
Gruppenmitgliedschaft zu verlieren. Die Existenzangst beinhaltet den Verlust der Exis-
tenzgrundlage: den Verlust der Marktposition oder sogar der Überlebensfähigkeit der
Organisation, das Auseinanderfallen eines Teams oder – auf der persönlichen Ebene –
den Verlust der Fachkompetenz, der Anstellung oder der eigenen Gesundheit.
Welche Angst ist in unserer Wahrnehmung stärker? Auch wenn es viele nicht gerne
hören wollen: Es ist die Lernangst. Die permanente Weiterentwicklung und das Weiterler-
nen von Organisationen und Menschen sind sehr anspruchsvoll, anstrengend und auch mit
vielen Unsicherheiten und Risiken verbunden. Bestehende Gewohnheitsmuster hingegen
vermitteln Sicherheit. In den meisten Organisationen braucht es sehr viel Energie, einen
nachhaltigen Veränderungsprozess zu durchlaufen. Veränderung hat einen hohen Preis
und verlangt ein erhebliches Commitment von allen involvierten Personen. Sie müssen
erst noch bereit sein, ein höheres Risiko zu tragen.
Beispiel
Der Mensch ist sehr gut im Verdrängen. Viele versuchen, das Leben so lange wie mög-
lich in den gewohnten Bahnen abzuwickeln, seien es Organisationen oder einzelne
Menschen. Diese vertrauten Bahnen werden erst dann verlassen, wenn es wirklich nicht
mehr geht: Jemand fürchtet, seine Anstellung zu verlieren, wenn er sich nicht mit einer
neuen Technologie vertraut macht. Oder er leidet so stark unter Stress, dass die psycho-
somatischen Symptome nicht mehr ignoriert werden können. Oder eine Organisation
befürchtet, aufgrund des Markteintritts eines Mitbewerbers einen Umsatzeinbruch zu
erleiden, wenn sie nicht einen Innovationsschub erzielen kann.
In diesen Situationen steigt die Existenzangst, oft begleitet von einem höheren Stress-
niveau. Die gesteigerte Existenzangst führt nun dazu, dass die Lernangst in den Hin-
tergrund tritt. Verdrängung ist keine Option mehr. Auf der persönlichen Ebene kann das
4.5
Veränderung und Widerstand
481
eigene Verhalten verändert werden, oder die Situation wird neu bewertet (Abschn. 3.5.4).
Organisationen stoßen die Veränderung über eine neue Strategie und/oder Struktur an.
4.5.5
Veränderungsbereitschaft in Organisationen
Menschen, die Veränderungen positiv konnotieren und sich ihnen neugierig und lustvoll
zuwenden, bilden die Ausnahme von der oben beschriebenen „Formel“ der Verände-
rung. Rogers unterscheidet in Veränderungsprozessen folgende Anwendergruppen (Ro-
gers 2003):
Innovatoren
Visionäres Denken, enthusiastisch, manchmal auch unkritische und einseitige Einstel-
lung gegenüber Neuerungen.
Frühe Übernehmer
Positive Haltung gegenüber Veränderungen unter Einbezug der Pros und Contras, des-
halb genießen sie hohe Akzeptanz in den Organisationen.
Frühe Mehrheit
Anfänglich indifferent gegenüber der Veränderung. Machen mit, allerdings ohne ho-
he Begeisterung. Lassen sich begeistern über schnelle Erfolge, die v. a. ihnen selbst
zugutekommen (Quick-Wins).
Späte Mehrheiten und Nachzügler
Diese ins Boot zu holen ist aufwändig, da sie eher resigniert oder mit aktivem Wider-
stand reagieren. Wenn die Gruppe zu groß ist, kann dies das Scheitern des Verände-
rungsprozesses bedeuten.
Die Abb. 4.37 stellt einerseits die prozentuale Verteilung der Personen auf die Gruppen
dar und zeigt auch auf, wann diese Gruppen in den Veränderungsprozess einsteigen. Was
bedeutet das für das Gestalten von Veränderungsprozessen?
Nach Rogers kann es auch zu viel Begeisterung geben für Veränderung (Innovatoren).
Der Wandel darf nie Selbstzweck sein. Er soll immer Mittel zum Zweck und auf spezi-
fische Ziele ausgerichtet sein. Auch soll er bezüglich der Risiken und der personellen und
finanziellen Ressourcen, die damit absorbiert werden, sorgfältig abgewogen sein.
Es ist eine Binsenwahrheit, dass sich nie alle involvierten Personen begeistert auf eine
Veränderung einlassen. Veränderung wird immer auch Widerstand generieren. Die späte
Mehrheit will zuerst Resultate sehen, bevor sie den Veränderungsprozess unterstützt. Um
sie zu gewinnen, müssen die durch die Veränderung erzielten Erfolge quantifiziert wer-
den. Die Nachzügler bleiben skeptisch. Dieser Gruppe darf nicht zu viel Aufmerksamkeit
geschenkt werden.
482
4
Team
Zeit
Nachzügler
16%
Frühe
Über-
nehmer
13.5%
Frühe
Mehrheit
34%
Späte
Mehrheit
34%
Anzahl Übernehmer
Innova-
toren
2.5%
Abb. 4.37 Verteilung der Anwendergruppen. (Rogers 2003)
Tab. 4.21 Sachlogik und Psychologik in Projekten
Sachlogik
Psychologik
Scope/Ziel und Anforderungen
Umgang mit Macht und Führung
Strategien
Bewältigung von Konflikten und Widerstand
Meilensteine und Sprint-Ziele
Entwicklung der Organisationskultur
Kosten und Ressourcen
Motivation und Sinn
Projektpriorität (Projektportfolio)
Persönliche Kommunikation
Projektplanung und -Abwicklung
Teamentwicklung
Projektorganisation
Wahrnehmung und Bewusstsein
Problemlösungsmethodik
Entwickeln von Fähigkeiten und Haltung
4.5.6
Psychologik und Sachlogik in Projekten
Zu der in Abb. 4.36 dargestellten Differenzierung der Veränderung auf den zwei Ebenen
Sachlogik (Change oder Transformation) und Psychologik (Mind Change) stellt Tab. 4.21
ein paar Schwerpunkte und Kompetenzbereiche gegenüber.
4.5
Veränderung und Widerstand
483
stark
stark
schwach
schwach
Ohne glaubwürdige,
breite Veränderungs-
arbeit bewegt sich
wenig
Gestaltungswille der Führung
Kooperationsbereitschaft der Mitarbeiter
hohe
Konfliktdynamik
Misserfolg
vorprogrammiert
hohe
Veränderungsdynamik
begrenzte
Veränderungsreichweite
Abb. 4.38 Gestaltungswille und Kooperationsbereitschaft
4.5.7
Gestaltungswille und Kooperationsbereitschaft
Wesentliche Voraussetzungen für getragene und greifende Veränderungen sind die volle
Identifikation und das Commitment der Geschäftsleitung. Viele Veränderungsvorhaben
scheitern, weil dieses Commitment von oben fehlt und die Notwendigkeit der Verände-
rungen nicht immer wieder kommuniziert und bestätigt wird. Wenn sich das Management
aktiv am Veränderungsprozess beteiligt, lebt es den gemeinsamen Lernprozess vor. Die
von der Organisation angestrebten Veränderungen werden dadurch (eher) übernommen.
Die Abb. 4.38 stellt dar, dass die Veränderungsdynamik am höchsten ist, wenn ein
hoher Gestaltungswille in der Führungsorganisation mit einer starken Kooperationsbereit-
schaft der Mitarbeiter gepaart werden kann.
Ist der Gestaltungswille stark, die Kooperationsbereitschaft schwach, muss mit einer
hohen Konfliktdynamik in der Projektabwicklung gerechnet werden. Nur die Mitarbei-
ter ohne Unterstützung der Führung können wenig erreichen. Wenn beide Seiten wenig
Engagement zeigen, ist der Misserfolg vorprogrammiert.
484
4
Team
Vorhandenes
Gleichgewicht
«Soziale Systeme»
neigen dazu, den
Status quo
möglichst lange
zu erhalten.
Etwas Neues
einführen
Das Neue integrieren
Sobald sich erste
Erfolge der Verände-
rung abzuzeichnen
beginnen, gewinnt das
Neue an Attraktivität.
Neues Gleichgewicht
1
2
Verwirrung Unsicherheit
Chaos und Chance
Nur das positive Durchleben
dieser Phase führt zu einer
echten Veränderung.
3
4
5
Abb. 4.39 Zustände in Veränderungsprozessen. (Satir et al. 1995)
4.5.8
Veränderungsprozess-Modell
4.5.8.1
Phasen der Veränderung
Virginia Satir hat ihr Modell „Phasen der Veränderung“ ursprünglich für die Familienthe-
rapie entwickelt. Das Modell beschreibt auch die Entwicklung von Menschen, Gruppen
und Organisationen im Umgang mit Veränderung über fünf Phasen (Abb. 4.39). Diese
werden mit unterschiedlicher Bereitschaft und mit unterschiedlichem Zeitbedarf durch-
laufen.
Phase 1: Status quo oder Gleichgewicht
Diese Phase (meist die Ausgangslage) des stabilen Gleichgewichts und der Kontinuität
vermittelt Sicherheit. Die eingespielte Routine gibt das Gefühl, effizient zu sein. Um die-
ses Gleichgewicht nicht zu gefährden, wird ein Veränderungsbedarf in der Praxis häufig
möglichst lange ausgeblendet, indem die Realität nicht wahrgenommen werden kann oder
will. Je länger diese Phase dauert, umso schwieriger wird es für die Betroffenen, sich auf
Veränderungen einzulassen.
4.5
Veränderung und Widerstand
485
Phase 2: Aufbruch, etwas Neues
In dieser Phase wächst das Bewusstsein, dass Veränderungen notwendig werden. Meist
ist es nur ein kleiner Kreis – z. B. das Management –, der aufgrund des Veränderungsbe-
darfs etwas Neues plant und in die Wege leitet. Die Bereitschaft zur Veränderung ist in
dieser „Auftauphase“ herzustellen.
Phase 3: Verwirrung, Unsicherheit, Chaos und Chance
Bei der Einführung des Neuen entsteht anfangs Verwirrung. Häufig nehmen die Mitar-
beiter den Veränderungsprozess erst in dieser Phase wahr. Sie müssen auf einen bereits
fahrenden Zug aufspringen und versuchen dann mit mehr oder weniger Bereitschaft, die
Veränderung zu bewältigen und das Neue auszuprobieren. Meist geschieht dies mit den
bisherigen Methoden und Verhaltensweisen, die für die neuen Anforderungen kaum mehr
geeignet sind. Im Alltag entstehen Situationen, in denen nichts mehr funktioniert, da das
Bewährte nicht mehr gilt und das Neue noch ungewohnt oder unbekannt ist.
In der Folge entsteht ein Chaos, sowohl für die Menschen als auch für die ganze Or-
ganisation. Nur das positive Durchleben dieser Phase führt zu einer echten Veränderung!
Allerdings darf diese Phase nicht zu lange dauern, denn sie ist mit viel Angst, Unsicher-
heit und teuren Reibungsverlusten verbunden. Oft ist nicht klar, ob jetzt noch das Alte
oder bereits das Neue gilt.
Phase 4: Integration
Die Fähigkeit der Menschen, Phasen der Verwirrung und der Krise trotz aller Schwie-
rigkeiten positiv anzugehen, ist ein Schlüsselfaktor für das Erreichen der Phase 4. Sobald
sich erste Erfolge der Veränderung abzeichnen, gewinnt das Neue an Attraktivität. Es
kommt zu einer Integrationsphase, in der die neue Wirklichkeit eingeübt und die neu-
en Verhaltensweisen erprobt werden, bis allmählich wieder Sicherheit entsteht. Der neue
Zustand wird wieder „eingefroren“. Auch Fehler gehören zum Lernprozess. Diese sol-
len festgehalten und reflektiert werden, brauchen aber nicht gleich zu Kurskorrekturen zu
führen. Gelingt dieser tolerante Umgang mit Fehlern den Führungspersonen nicht, erfolgt
statt des Fortschritts ein Rückfall in Phase 3.
Phase 5: Stabilität und Status quo
Auf die Integrationsphase folgt die Phase des neuen Gleichgewichts. Diese Phase der
Konsolidierung ist wichtig für die Vertiefung der Erfahrungen und die Verankerung der
neuen Kenntnisse und Fähigkeiten. In der VUKA-Welt (Abschn. 3.3.4) werden diese Pha-
sen immer kürzer, weil sie von weiteren Veränderungen eingeholt bzw. überholt werden.
Die fünf Phasen werden nicht linear durchlaufen. Bei jeder größeren Schwierigkeit
gibt es Rückfälle in die Chaosphase. Angst und Resignation gewinnen die Oberhand. Mit
der Zeit nehmen aber sowohl die Anzahl als auch die Dauer dieser Rückfälle ab. Der
Veränderungsprozess beginnt zu greifen.
486
4
Team
Mitarbeiter
Führungskräfte
Oberste Leitung
Zeit
Die oberste Leitung ist
vor allen anderen in
die Veränderung involviert.
Darum bewegen sie sich
als Erste durch die
Veränderungskurve.
Danach werden
die Führungskräfte
informiert und
sie beginnen sich
durch die Kurve
zu bewegen.
Wenn die Mitarbeiter
informiert werden, sind die
Leitung und die Führungs-
kräfte bereits in der Inter-
grationsphase und können
den Mitarbeiter gegenüber
ungeduldig sein.
Abb. 4.40 Ungleichzeitigkeit von Veränderungsphasen
4.5.8.2
Ungleichzeitigkeit
Die Veränderungsphasen laufen in der Organisation für bestimmte Gruppen zeitlich ver-
setzt ab (Abb. 4.40). Dies bedeutet, dass nicht alle beteiligten Personen bzw. Hierarchie-
stufen sich zur gleichen Zeit in der gleichen Phase befinden. Das kann zu zusätzlicher
Dynamik im Projekt führen. Diese Ungleichzeitigkeit entsteht durch den Wissensvor-
sprung der Verantwortlichen. Sie haben sich schon über längere Zeit mit der Veränderung
befasst und sind im Prozess entsprechend weiter vorangeschritten. Nun erwarten sie mit
Ungeduld rasche Resultate und erhöhen mit dieser Forderung die Spannung bei den Mit-
arbeitern.
Diese Ungleichzeitigkeit stellt insbesondere an die Projektleitung hohe Anforderungen.
4.5.9
Umgang mit Widerstand
4.5.9.1
Positive und negative Konnotation
Es gibt keine Veränderung ohne Widerstand. Nicht das Auftreten von Widerständen,
sondern deren Ausbleiben muss Anlass zur Beunruhigung geben. Widerstand darf weder
nur negativ konnotiert sein noch darauf reduziert werden, dass Verweigerer, Konservative
4.5
Veränderung und Widerstand
487
Ohne Veränderung
bleibt die menschliche
Entwicklung stehen.
Dauerhafte Veränderung ohne
Widerstand führt zu Willkür,
Chaos und Auflösung.
Jeder Mensch hat nur eine
eingeschränkte Kapazität
für Veränderung.
Keine Veränderung
ohne Widerstand
• Kein Widerstand ist ein Grund
zur Besorgnis
Nichtbeachten von Widerstand
führt zu Blockierungen
• Es ist ein faires Angebot,
wenn man versucht eine Lösung
mittels anderer Ansätze zu
finden
Die Kunst Widerstand zu bewältigen
• Mit dem Widerstand gehen,
nicht dagegen
• Gründe ausführen, Dialoge führen
• Vorgehensplan zusammen
abgleichen
Widerstand enthält eine
verschlüsselte Botschaft
• Denkpausen einlegen
• Meinungen neu beurteilen
Abb. 4.41 Aspekte von Widerstand und Veränderung
oder Ewiggestrige sich gegen den Wandel der Zeit stemmen. Widerstand ist ein wichtiges
Potenzial, wenn Menschen etwas, was für sie wertvoll ist, schützen wollen.
Wenn ein Projekt etwas verändert, das Sie persönlich als wertvoll und schützenswert
erachten, leisten auch Sie selber Widerstand. Wenn Veränderungsprozesse auf keinen
Widerstand stoßen, ist offenbar nichts Schützenswertes (mehr) vorhanden. Oder die be-
troffenen Stakeholder sind schon in der Resignation oder inneren Kündigung.
Abb. 4.41 fasst positive und negative Aspekte von Widerstand und Veränderung zu-
sammen.
Veränderung bedeutet Aufbruch und beinhaltet die Chance, sich weiterzuentwickeln.
Es heißt aber auch loszulassen, von Liebgewordenem Abschied zu nehmen. Widerstand
nicht zu beachten führt zu Blockaden. Sozialer Druck führt zu Gegendruck. Jeder sorgfäl-
tig behandelte Widerstand (siehe auch Abschn. 3.5.4 Konflikt) kann neue Ressourcen und
Fähigkeiten hervorbringen. Wie das geht?
Beteiligte und Betroffene einbeziehen, Feedbackschleifen einbauen
Transparenz und Offenheit als wesentliche Grundhaltung
Nachteile mitkommunizieren
Vorteile und langfristigen Nutzen verständlich machen
Mitarbeiter sorgfältig auf neue Situationen vorbereiten und befähigen
488
4
Team
Widerstand
gegen
Veränderungen
Vorgetäuschte Inkompetenz
«Ich versteh‘ das nicht, was wir
da vorhaben!»
Resignation
«Es hat sowieso keinen Sinn!»
Gesundbeten
«Wir haben keine Probleme!»
Zeitmangel
«Ich muss Umsatz machen, ich
habe dafür keine Zeit!»
Passiver Widerstand
«Ich mache nur mehr das, was
man mir sagt. Die werden schon
sehen, was dabei herauskommt!»
Aktiver Widerstand
«Bei uns gehen die Uhren anders!»
Vorgetäuschtes Engagement
«Ich arbeite doch sowieso mit
voller Kraft im Projekt mit!»
Stellvertreter-Kriege
«Andere haben doch gar keine
Ahnung von unseren Problemen!»
Qualität
«Ich bin der Beste! Warum soll
ich mich ändern?»
Abb. 4.42 Formen von Widerstand
4.5.9.2
Ist Widerstand ein Synonym für Konflikt?
Wenn eine Person Widerstand leistet, bedeutet das in jedem Fall einen Konflikt? Wider-
stand wird oft als Synonym für Konflikt gebraucht (Kreyenberg 2005, S. 97). In unserem
Verständnis ist der Widerstand, wenn dieser in einer ersten Form auftritt, noch kein Kon-
flikt. Es kann aber ein Konflikt daraus entstehen, wenn eine Partei auf ihrer Position
beharrt und dies dazu führt, dass sich eine andere Partei im eigenen Handeln beeinträchtigt
fühlt.
4.5.9.3
Formen von Widerstand
Widerstand enthält immer auch eine verschlüsselte Botschaft. Die Ursachen liegen häufig
im emotionalen Bereich. Der Widerstand einer von Veränderung betroffenen Person kann
sich in sehr unterschiedlicher Form zeigen. Eine bestehende Ordnung, Struktur, Beziehung
oder anderes werden infrage gestellt. Dies bedroht das innere Gleichgewicht, was zu einer
Abwehrhaltung führen kann.
In Abb. 4.42 werden unterschiedliche Formen von Widerstand aufgeführt. Gleichgül-
tig, welche Form der Widerstand annimmt, letztlich sind die Ursachen verborgen in
individuellen oder sozialen Bedürfnissen. Widerstand enthält meist ein Energiepotenzi-
al, das konstruktiv genutzt werden kann.
4.5
Veränderung und Widerstand
489
Wie kann die Projektleitung mit Widerstand umgehen? Die Projektmitarbeiter oder
andere betroffene Personen sind eher bereit sich zu verändern, wenn . . .
die Veränderung als Chance und nicht als Bedrohung wahrgenommen und gelebt wird;
ein gutes Vertrauensverhältnis und eine offene Kommunikation gepflegt werden;
sie sich sicher fühlen, d. h. nicht mit Sanktionen und Machtübergriffen rechnen müssen,
wenn sie allfällige Missstände aufdecken bzw. ansprechen;
die Veränderungen für sie sinnvoll sind und für sie etwas Positives daraus resultiert;
ihre bisherigen Leistungen anerkannt werden;
sie frühzeitig in den Veränderungsprozess mit einbezogen werden;
sie gut informiert sind und die nötige Unterstützung erhalten;
auf ihren Widerstand eingegangen wird (wenn die „unterschwellige emotionale Ener-
gie“ ernst genommen wird, kann sie sinnvoll kanalisiert werden).
Sie sind eher weniger bereit, die Veränderungen aktiv mitzugestalten, wenn . . .
Angst und Unsicherheit das Arbeitsklima überschatten;
sich Handlungsmuster automatisiert haben;
Ignoranz oder Nichtbeachtung vorherrscht;
fehlendes Problembewusstsein, Verständnis und Isolation vorhanden sind;
im Team nicht offen kommuniziert wird;
kein Sinn erkennbar ist.
4.5.9.4
Umgang mit Widerstand
In den Gesprächen zur Klärung des Widerstandes ist vor allem darauf zu achten, dass
nicht um Positionen verhandelt wird. Die wahren Interessen des Widerstandes sind auf-
zudecken. Diese zeigen sich meist nicht offensichtlich und müssen stufenweise herausge-
arbeitet werden. Dazu empfehlen wir Autoren Ihnen ein Vorgehen in drei Stufen gemäß
Abb. 4.43, seien Sie Projektverantwortlicher, Coach oder neutrale Drittperson.
Stufe 1
Gehen Sie von sachlichen Bedenken als Ursache für den Widerstand aus. Fragen Sie
nach, was Ihr Gegenüber verstanden hat. Dann informieren Sie, um die Sachverhalte auf-
zuklären.
Handelt es sich tatsächlich um sachliche Bedenken, klären Sie sie inhaltlich, wägen
Sie die Argumente ab. Sind die Argumente jedoch vorgeschoben, weil dem Widerstand
andere Ursachen zu Grunde liegen, wird sich die Diskussion im Kreis der Schein-Sach-
lichkeit drehen. Gehen Sie zu Stufe 2, um den intellektuellen Schlagaustausch hinter sich
zu lassen.
Stufe 2
Man nimmt an, dass weit mehr als die Hälfte aller Widerstände auf Ängste zurückgehen.
Wenn Sie von Ängsten ausgehen müssen, wechseln Sie die Gesprächsstrategie: zuhören
490
4
Team
Ursache von Widerstand
Umgang mit Widerstand
Stufe 1:
Sachliche Bedenken
- informieren
- argumentieren
- aufklären
Stufe 2:
Ängste und Befürchtungen
- verstehen statt erklären
- zuhören statt argumentieren
- nachfragen und spiegeln
Stufe 3:
Eigeninteressen
- klare Ansprache und Kompromiss
- Konfrontation und Einlenken
- Klärung über die Hierarchie
Ursache von Widerstand
Umgang mit Widerstand
Stufe 1:
Sachliche Bedenken
- informieren
- argumentieren
- aufklären
Stufe 2:
Ängste und Befürchtungen
- verstehen statt erklären
- zuhören statt argumentieren
- nachfragen und spiegeln
Stufe 3:
Eigeninteressen
- klare Ansprache und Kompromiss
- Konfrontation und Einlenken
- Klärung über die Hierarchie
Abb. 4.43 Ursachen und Umgang mit Widerstand
statt argumentieren, verstehen statt erklären. Jetzt helfen Fragetechniken. Für Ihren Ge-
sprächspartner entsteht ein Raum, in dem er sich sicher fühlt. Auf der Basis von Vertrauen
können Sie Ängste ansprechen (Abschn. 4.4.10.3). Fragen Sie nach. Vergewissern Sie
sich, ob Sie Ihr Gegenüber richtig verstanden haben, indem Sie seine Aussagen mit ei-
genen Worten wiedergeben. Paraphrasieren Sie und hören Sie aktiv zu (Abschn. 3.9.8.2).
Erst wenn Ihr Gegenüber den Eindruck hat, dass Sie seine Ängste oder Befürchtungen
verstanden haben und Sie diese ernst nehmen, ist es möglich, gemeinsam nach Lösungen
zu suchen. Fragen Sie die Person, was ihr helfen könnte und was sie noch braucht, statt zu
früh schnelle Lösungen anzubieten.
Die sicherste Methode, nichts über die Ängste und Befürchtungen zu erfahren und
sich dabei eine Chance zu vergeben, ist das Beruhigen, Trösten, Beschwichtigen oder die
sachliche Erklärung, dass es doch „überhaupt keinen Grund gibt, sich Sorgen zu machen“.
Liegen dem Widerstand tatsächlich Ängste zugrunde, wird die Person auf das einfühl-
same Vorgehen reagieren und mit Ihnen nach praktikablen Wegen suchen.
Führen selbst mehrere solche Gespräche nicht weiter, liegen dem Widerstand vermut-
lich nicht Ängste zugrunde. Gehen Sie auf die dritte Stufe.
4.5
Veränderung und Widerstand
491
Stufe 3
Auf der tiefsten Stufe verursachen Eigeninteressen den Widerstand. Bilden Sie vor dem
Gespräch Hypothesen zu den Interessen und Antreibern dieser Person: Welche Begüns-
tigungen könnte sie verlieren, welche mühsam erworbenen Rechte oder Vorteile, welche
Incentives, welchen Status oder welches Prestige? Oder: Welche Vorteile und Freiheiten
bezüglich Arbeitszeit oder Fahrgemeinschaften?
Steigen Sie in dieses Gespräch ein, indem Sie diese Interessen klar ansprechen: Wel-
che Vorteile oder Privilegien könnte die Person durch die Veränderungen möglicherweise
verlieren oder aufgeben müssen?
Sie können nicht davon ausgehen, dass jede Person offen darüber spricht und bereit ist,
eine Lösung auszuhandeln. Wenn die Bereitschaft zum Gespräch fehlt, ist manchmal eine
klare Konfrontation notwendig. Im bilateralen Gespräch muss die Person auf ihr egois-
tisches Verhalten hingewiesen und dafür sensibilisiert werden, dass sie damit wichtige
Veränderungen behindert. Dann führt oft nur ein Machtentscheid der Hierarchie zur Lö-
sung der Situation. Selbst hier ist sorgfältiges Vorgehen geboten. Geben Sie der Person
die Chance, einzulenken und zur Kooperation zurückzukehren, bevor Sie den Weg über
die Hierarchie beschreiten. Insbesondere dann, wenn Sie nach der Veränderung mit dieser
Person zusammenarbeiten wollen oder müssen.
Tab. 4.22 Interventionen bei Widerstand
– Informationen sammeln
– Die besten Alternativen für sich selbst eruieren
– Die besten Alternativen der Gegenpartei erkennen
– Optionen für den beidseitigen Vorteil entwickeln
– Objektive Kriterien formulieren
– Mögliche Verhandlungslösungen evaluieren
Informieren über:
– Ist-Situation: wertfrei
– geplante Veränderungen und Ziele: rechtzei-
tig und transparent
– Konsequenzen für die Mitarbeiter: umfassend
und kontinuierlich
Hinhören/Hinschauen auf:
– Äußerungen der Mitarbeiter
– außergewöhnliches Verhalten
– Gerüchte usw.
– verschiedene Formen von Widerstand
Beteiligen an:
– Diskussionsveranstaltungen
– Bewertung der Ist-Situation
– Entscheidungsprozessen
– Hearings und Präsentationen
Eingehen auf:
– Bedürfnisse der Betroffenen
– Wünsche und Meinungen
– Gute Ideen
– Härtefälle
Verhandeln über:
– Streitpunkte
– Meinungsverschiedenheiten: in kooperativer
und konsensfähiger Weise
Training und Ausbildung:
– so früh wie möglich
– je nach Bedarf, sowohl bei Inhalten auf der
Sachebene als auch auf der Beziehungsebene
492
4
Team
Abschließende Überlegungen zu den drei Stufen
In dieser Reihenfolge vorzugehen empfiehlt sich, da Sie damit keinen „Schaden“ anrich-
ten. Unterstellt man jemandem, der sachliche Bedenken hat, er hätte Ängste, könnte er
sich nicht richtig ernst genommen fühlen. Einer Person mit Ängsten zu unterstellen, sie
hätte Eigeninteressen, führt häufig zu einer Kränkung und macht es unmöglich, über die
Ängste zu sprechen.
4.5.9.5
Interventionen bei Widerstand
Tab. 4.22 fasst mögliche Interventionen bei Widerstand zusammen.
Wenn Teammitglieder Widerstand signalisieren, erwarten sie, dass er wahrgenommen
und aufgearbeitet wird. Schenkt die Projektleitung dem Widerstand keine Beachtung,
fühlen sich die Teammitglieder unterlegen, verletzt oder nicht ernst genommen. Ihr Miss-
behagen und ihre Unzufriedenheit nehmen zu. Sie ziehen sich zurück und verhalten sich
passiv. Die negativen Emotionen werden auf andere projiziert. Der Widerstand wird perso-
nalisiert. Es kann sich daraus ein sozialer Konflikt mit einer großen Dynamik entwickeln
wie „Die Projektleitung trägt die Schuld, dass . . . !“.
4.6
Zum Schluss ...
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es (Erich Kästner).
Noch vor Kurzem genügte es, über die nötige Methodenkompetenz zu verfügen, um
Projekte abzuwickeln. So wurden oftmals die bestens ausgewiesenen Fachkräfte zu Pro-
jektleitern ernannt. Im vorliegenden Handbuch Projektmanagement zeigen wir Autoren
auf, dass für den Erfolg von komplexen, interdisziplinären Vorhaben unterschiedliche
Kompetenzen nötig sind. Deshalb haben wir die methodischen Grundlagen in einen Bezug
gestellt zum Menschen, der in Projektteams wirkt. Die drei Ebenen sind in einer Wechsel-
wirkung miteinander verknüpft.
Wir hoffen, dass Sie daraus immer wieder neue, konstruktive Impulse ableiten kön-
nen, um die Herausforderungen in Ihrer Projektarbeit konstruktiv zu bewältigen. Projekte
schaffen Veränderung. Das fordert alle Beteiligten immer wieder heraus. So werden auch
Sie selber immer wieder – im Sinne von Erich Kästner – gefordert und eingeladen sein,
für Ihre Projekte Gutes zu tun.
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494
4
Team
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wandte Psychologie für Führungskräfte (Bd. II). Heidelberg: Springer Medizin Verlag.
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline
(ICB) der IPMA
Abschn. 1.8 beschreibt die Standards und Zertifizierungsmodelle im Projektmanagement.
Das vorliegende Handbuch Projektmanagement deckt wie die IPMA die verschiedenen
notwendigen Kompetenzen für das Projektmanagement ab und ist nicht auf ein definiertes
prozessorientiertes Framework ausgelegt.
Die Basis für die IPMA-Zertifizierung bildet die Individual Competence Baseline
(ICB). Die notwendigen Kompetenzen strukturiert IPMA anhand des „Eye of Compe-
tence“ (siehe Abb. 5.1).
Folgende Referenzierung Tab. 5.1 zwischen der Swiss Individual Competence Baseline
(Version 4.0) für Projektmanagement und dem vorliegenden Handbuch Projektmanage-
ment unterstützt Personen, welche eine IPMA-Zertifizierung anstreben.
Die Referenzierung kann auch sinngemäß für die beiden Swiss ICB für Programm-
management und Portfoliomanagement angewendet werden. Die Adaptierung an das Pro-
grammmanagement und das Portfoliomanagement muss jedoch durch den Leser vorge-
nommen werden.
495
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019
J. Kuster et al., Handbuch Projektmanagement, https://doi.org/10.1007/978-3-662-57878-0_5
496
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline (ICB) der IPMA
People
People
Practice
Perspective
Perspective
Practice
Abb. 5.1 Eye of Competence von IPMA (International Projectmanagement Association)
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline (ICB) der IPMA
497
Tab. 5.1 Swiss Individual Competence Baseline (ICB) Version 4.0
Kompetenz
Kompetenzindikatoren
Abschnitt im Buch
Kompetenzbereich Kontext (Perspective)
1.01 Strategie
1.01.01 Das Projekt mit der Mission und der
Vision der Organisation in Einklang bringen
1.2.5/2.2.2/2.2.3/2.3.1/
2.3.2/2.7.1
1.01.02 Chancen identifizieren und ausschöpfen,
die die Strategie der Organisation beeinflussen
1.2.5/2.2.2/2.2.3/2.3.8
1.01.03 Rechtfertigung für das Projekt
entwickeln und sicherstellen, dass die betriebs-
wirtschaftlichen und/oder organisationalen
Gründe, die zum Projekt geführt haben, weiterhin
bestehen
2.2.2/2.2.4/2.3.2/2.3.9/
2.3.11/2.3.12/2.5.4/2.5.6/
2.5.7/2.7.1
1.01.04 Kritische Erfolgsfaktoren bestimmen,
beurteilen und überprüfen
2.3.1
1.01.05 Key Performance Indicators (KPI) be-
stimmen, beurteilen und überprüfen
2.3.1
1.02.01 Die Grundlagen des Projektmanagements
und dessen Einführung kennen
1.1–1.4/2.1/2.3.9
1.02.02 Die Grundlagen des Programmmanage-
ments und deren Einführung kennen
1.9/2.7.2
1.02.03 Die Grundlagen des Portfoliomanage-
ments und dessen Einführung kennen
1.2.3/1.2.4/1.9/2.7.1/3.9
1.02.04 Das Projekt mit den Supportfunktionen
in Einklang bringen
2.7.3/2.7.4
1.02.05 Das Projekt mit den Entscheidungs- und
Berichterstattungsstrukturen sowie den Quali-
tätsanforderungen der Organisation in Einklang
bringen
2.3.5/2.3.6/2.4.11/2.5.6/
4.1.4
1.02.06 Das Projekt mit den Prozessen und Funk-
tionen der HR in Einklang bringen
2.3.5/2.3.9/2.6.4/3.5/
3.10/4.1.4
1.02 Governance,
Strukturen und
Prozesse
1.02.07 Das Projekt mit den Finanz- und Control-
ling-Prozessen in Einklang bringen
2.3.5/2.5.6/2.5.7/4.1.4
498
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline (ICB) der IPMA
Tab. 5.1 (Fortsetzung)
Kompetenz
Kompetenzindikatoren
Abschnitt im Buch
1.03.01 Die für das Projekt gültigen Rechtsvor-
schriften identifizieren und einhalten
2.3.3.2/2.3.8/2.3.10.4/
2.3.10.5/2.9
1.03.02 Alle für das Projekt relevanten Vorschrif-
ten für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz
(SGU) identifizieren und einhalten
2.3.3.2/2.3.8/2.3.10.4/
2.3.10.5
1.03.03 Alle für das Projekt relevanten Verhal-
tensregeln und Berufsvorschriften identifizieren
und einhalten
2.3.3.2/2.3.10.4/3.2
1.03.04 Für das Projekt relevante Prinzipien und
Ziele der Nachhaltigkeit identifizieren und ein-
halten
2.3.2/2.3.3.2
1.03.05 Für das Projekt relevante professionelle
Standards und Tools bewerten, nutzen und wei-
terentwickeln
1.4/1.8/2.3.10.4/2.7.1.1/
2.7.1.2/2.7.3./2.7.4
1.03 Compliance,
Standards und
Regulationen
1.03.06 Die Projektmanagementkompetenz der
Organisation bewerten, vergleichen und verbes-
sern
1.8/2.7.3/3.10
1.04 Macht und
Interessen
1.04.01 Persönliche Ambitionen und Interessen
Dritter und deren potenzielle Auswirkungen auf
das Projekt beurteilen sowie diese Kenntnisse
zum Nutzen des Projekts verwenden
2.3.5/2.3.10.1/4.1.3/4.5
1.04.02 Informellen Einfluss von Einzelpersonen
und Personengruppen und deren potenzielle Aus-
wirkungen auf das Projekt beurteilen sowie diese
Kenntnisse zum Nutzen des Projekts verwenden
2.3.5/2.3.9/4.1.3/
4.2.2/4.5
1.04.03 Persönlichkeiten und Arbeitsstile Dritter
beurteilen und zum Nutzen des Projekts einset-
zen
3.1/3.2/3.4/3.10.2/
4.1.14.1/4.1.14.2
1.05 Kultur und
Werte
1.05.01 Kultur und Werte der Gesellschaft und
deren Auswirkungen auf das Projekt beurteilen
1.6/2.3.5/2.3.10.1/3.4/
4.1/4.2
1.05.02 Das Projekt mit der formellen Kultur und
den Werten der Organisation in Einklang bringen
2.3.5/2.3.10.1/2.3.10.4/
3.4/4.1/4.2
1.05.03 Die Informelle Kultur und Werte der
Organisation und deren Auswirkungen auf das
Projekt beurteilen
2.3.5/2.3.10.1/3.4/4.1/4.2
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline (ICB) der IPMA
499
Tab. 5.1 (Fortsetzung)
Kompetenz
Kompetenzindikatoren
Abschnitt im Buch
Kompetenzbereich Menschen (People)
2.01.01 Einfluss der eigenen Werte und persön-
lichen Erfahrungen auf die Arbeit identifizieren
und reflektieren
3.3/3.4/3.8.1/3.9/3.10
2.01.02 Selbstvertrauen auf der Basis von persön-
lichen Stärken und Schwächen aufbauen
3.5/3.8.2/3.10
2.01.03 Persönliche Motivationen identifizieren
und reflektieren, um persönliche Ziele zu setzen
und darauf zu fokussieren
3.3.3/3.5/3.7/3.8/3.10
2.01.04 Eigene Arbeit abhängig von der Situation
und den eigenen Ressourcen organisieren
3.2/3.5/3.8/3.9/3.10.2/
2.01
Selbstreflexion
und Selbst-
management
2.01.05 Verantwortung für das persönliche Ler-
nen und die persönliche Weiterentwicklung
übernehmen
3.8/3.10
2.02.01 Ethische Werte bei allen Entscheidungen
und Handlungen anerkennen und anwenden
3.4/3.9/4.4.11.8
2.02.02 Die Nachhaltigkeit von Leistungen und
Ergebnissen fördern
2.3.4/2.6.5/3.8.4/4.3.3/
4.5.4
2.02.03 Verantwortung für die eigenen Entschei-
dungen und Handlungen übernehmen
2.8.2/3.8.4/3.10/4.1.5/
4.1.6
2.02.04 Widerspruchsfrei handeln, Entscheidun-
gen treffen und kommunizieren
2.3.15/2.8.2/3.5.4/3.9
2.02 Persönliche
Integrität und
Verlässlichkeit
2.02.05 Aufgaben sorgfältig erfüllen, um Vertrau-
en bei anderen zu schaffen
3.2/3.3.7/4.2.3
2.03 Persönliche
Kommunikation
2.03.01 Eindeutige und strukturierte Informatio-
nen an andere weitergeben und deren gleiches
Verständnis sicherstellen
2.6.4/3.9/3.10.3
2.03.02 Offene Kommunikation ermöglichen und
fördern
3.3.7/3.9/4.2
2.03.03 Kommunikationsarten und -kanäle aus-
wählen, um die Bedürfnisse der Zielgruppe, der
Situation und der Führungsebene zu erfüllen
2.3.5/2.3.6/3.9
2.03.04 Mit virtuellen Teams effektiv kommuni-
zieren
3.9.8.2/4.1.14.5
2.03.05 Humor und Perspektivenwechsel ange-
messen anwenden
2.3.5/3.3.5/3.3.8/3.5/
3.9.5/3.9.8/3.10.5/4.3.3/
4.3.4/4.4.8/4.4.10
500
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline (ICB) der IPMA
Tab. 5.1 (Fortsetzung)
Kompetenz
Kompetenzindikatoren
Abschnitt im Buch
2.04 Beziehungen
und Engagement
2.04.01 Persönliche und berufliche Beziehungen
aufbauen und pflegen
1.5.2/2.3.6/2.4.10/3.3.8/
3.4/3.10
2.04.02 Soziale Netzwerke aufbauen, moderieren
und an ihnen teilnehmen
1.5.2/1.6.2/4.1.3.3
2.04.03 Durch Zuhören, Verständnis und Unter-
stützung Empathie zeigen
3.9.8
2.04.04 Vertrauen und Respekt zeigen, indem
andere ermutigt werden, ihre Meinungen und
Bedenken zu äußern
1.6.4/3.3.7/3.4/3.7/3.9/
4.1.8/4.1.12.3/4.1.13.3–
4.1.13.9/4.1.14
2.04.05 Eigene Visionen und Ziele kommunizie-
ren, um Engagement und Commitment Dritter zu
erreichen
2.8.1.4/3.7/3.9/4.1.3
2.05 Führung
2.05.01 Initiative ergreifen und proaktiv mit Rat
und Tat zur Seite stehen
3.8/3.9.1/3.9.4/3.10.3/
3.10.4/4.1.2
2.05.02 Ownership übernehmen und Commit-
ment zeigen
4.1.2/4.1.12/4.1.13
2.05.03 Durch Vorgeben der Richtung, durch
Coaching und Mentoring die Arbeit von Einzel-
personen und Teams leiten und verbessern
3.7/3.10.3/3.10.4/4.1.5/
4.1.8/4.1.9
2.05.04 Macht und Einfluss angemessen auf Drit-
te ausüben, um die Ziele zu erreichen
2.3.5/2.3.9/4.1.3/4.1.4/
4.1.8/4.1.9
2.05.05 Entscheidungen treffen, durchsetzen und
überprüfen
2.8.2/3.9/4.1.8/4.1.9
2.06 Teamarbeit
2.06.01 Das Team zusammenstellen und entwi-
ckeln
1.5/2.3.9.3/3.1/3.7/4.1.9–
4.1.11/4.1.12.6/4.1.13.3/
4.1.14/4.2
2.06.02 Zusammenarbeit und Netzwerken zwi-
schen Teammitgliedern fördern
1.5/2.3.9.1/3.9.8/4.1.9–
4.1.11/4.2
2.06.03 Die Entwicklung des Teams und der
Teammitglieder ermöglichen, unterstützen und
überprüfen
2.5.5/2.6.6/3.7/3.8/
4.1.12.4/4.2
2.06.04 Teams durch das Delegieren von Aufga-
ben und Verantwortlichkeiten stärken
3.9.7/4.1.5/4.1.8/4.1.14.2
2.06.05 Fehler erkennen, um das Lernen aus
Fehlern zu ermöglichen
2.5.5/2.6.6/3.8.5
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline (ICB) der IPMA
501
Tab. 5.1 (Fortsetzung)
Kompetenz
Kompetenzindikatoren
Abschnitt im Buch
2.07 Konflikte und
Krisen
2.07.01 Konflikte und Krisen antizipieren und
wenn möglich verhindern
2.5.5/3.5/4.1.8/4.1.14/4.4
2.07.02 Ursachen und Auswirkungen von Kon-
flikten und Krisen analysieren und angemessene
Reaktionen auswählen
4.4.2/4.4.3/4.4.4/4.4.7–
4.4.9
2.07.03 Konflikte und Krisen und/oder deren
Auswirkungen lösen bzw. in ihnen vermitteln
3.3.7/3.9/4.4.6/4.4.10–
4.4.13
2.07.04 Lernergebnisse aus Konflikten und
Krisen identifizieren und weitergeben, um die
zukünftige Arbeit zu verbessern
1.5.2/2.5.5/4.2.2/4.2.3/
4.4.12
2.08 Vielseitigkeit
2.08.01 Ein offenes und kreatives Umfeld schaf-
fen und unterstützen
1.5–1.7/2.8.1/3.3.7/4.2.3
2.08.02 Konzeptionelles Denken anwenden, um
Situationen zu analysieren und Lösungsstrategien
zu definieren
1.3.3/1.6.3/1.6.4/1.7.1–
1.7.3/2.3.15
2.08.03 Analytische Techniken anwenden, um
Situationen, Informationen und Trends zu analy-
sieren
2.3.10/2.3.15/2.8.2
2.08.04 Kreative Techniken fördern und anwen-
den, um Alternativen und Lösungen zu finden
2.3.16/2.8.1/2.8.2
2.08.05 Ganzheitliche Sicht auf das Projekt und
seinen Kontext fördern, um den Entscheidungs-
prozess zu verbessern
1.3.3/2.3.5/2.3.10
2.09
Verhandlungen
2.09.01 Interessen aller Parteien, die an den Ver-
handlungen beteiligt sind, identifizieren und
analysieren
4.3.1/4.3.2/4.3.3.1/
4.4.10.4
2.09.02 Optionen und Alternativen entwickeln
und evaluieren, die das Potenzial haben, die Be-
dürfnisse aller Beteiligten zu erfüllen
4.3.1/4.3.2/4.3.3.1–
4.3.3.3/4.3.4
2.09.03 Verhandlungsstrategie definieren, die mit
den eigenen Zielen übereinstimmt und für alle
beteiligten Parteien akzeptabel ist
4.3.3.2/4.3.3.3/4.3.4
2.09.04 Einigungen mit anderen Parteien erzie-
len, die mit den eigenen Zielen übereinstimmen
4.3.3.2/4.3.3.3/4.3.4
2.09.05 Zusätzliche Verkaufs- und Akquisitions-
möglichkeiten entdecken und ausschöpfen
1.2.5/2.3.9.9
502
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline (ICB) der IPMA
Tab. 5.1 (Fortsetzung)
Kompetenz
Kompetenzindikatoren
Abschnitt im Buch
2.10 Ergebnis-
orientierung
2.10.01 Alle Entscheidungen und Handlungen
hinsichtlich ihrer Auswirkung auf den Projekter-
folg und die Ziele der Organisation evaluieren
2.3.2/2.3.4/2.3.11/2.4.3
2.10.02 Bedürfnisse und Mittel aufeinander
abstimmen, um Ergebnisse und Erfolge zu op-
timieren
2.3.3.4/2.3.5/2.3.11/2.4.3
2.10.03 Gesunde, sichere und produktive Arbeits-
umgebung schaffen und aufrecht erhalten
2.3.9/2.3.11/2.4.3/2.5.2/
4.2
2.10.04 Das Projekt, seine Prozesse und Ergeb-
nisse promoten und „verkaufen“
2.3.5/2.3.6
2.10.05 Ergebnisse liefern und Akzeptanz erhal-
ten
2.5.4/2.5.6.4/4.5
Kompetenzbereich Praktiken (Practice)
3.01 Projektdesign 3.01.01 Erfolgskriterien anerkennen, priorisieren
und überprüfen
2.3.1–2.3.3/2.3.5/2.3.10
3.01.02 Lessons Learned aus und mit anderen
Projekten überprüfen, anwenden und austauschen
2.5.5/2.5.6/2.6.6
3.01.03 Projektkomplexität und ihre Konsequen-
zen für den Projektmanagementansatz bestimmen
1.2.1–1.2.4/1.4/2.1
3.01.04 Generellen Projektmanagement-Ansatz
auswählen und anpassen
1.4/2.1
3.01.05 Konzept für die Projektdurchführung
entwerfen, überwachen und anpassen
1.4/2.1/2.3.13/2.5.4/2.5.6
3.02.01 Hierarchie der Projektziele definieren
und entwickeln
2.3.2/2.3.3
3.02.02 Bedürfnisse und Anforderungen der Pro-
jekt-Stakeholder identifizieren und analysieren
2.3.3/2.3.5/2.3.11/2.4.2/
2.4.3
3.02
Anforderungen
und Ziele
3.02.03 Anforderungen und Abnahmekriterien
priorisieren und entscheiden
2.3.3/2.3.5/2.3.11/2.4.2/
2.4.3
3.03.01 Lieferobjekte definieren
2.3.11/2.4.3/2.5.2
3.03.02 Leistungsumfang strukturieren
2.3.11/2.4.3/2.5.2
3.03.03 Arbeitspakete definieren
2.3.11/2.4.3/2.5.2
3.03
Leistungsumfang
und Lieferobjekte
3.03.04 Konfiguration des Leistungsumfangs
erstellen und aufrechterhalten
2.3.3/2.3.9/2.3.11/2.4.3/
2.5.2/2.5.6/2.5.7
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline (ICB) der IPMA
503
Tab. 5.1 (Fortsetzung)
Kompetenz
Kompetenzindikatoren
Abschnitt im Buch
3.04 Ablauf und
Termine
3.04.01 Aktivitäten definieren, die nötig sind, um
das Projekt (ab)liefern zu können
2.3.11/2.4.7/2.5.2
3.04.02 Arbeitsaufwand und Dauer von Aktivitä-
ten festlegen
2.4.6/2.4.7/2.5.2
3.04.03 Vorgehensweise für Termine und Phasen
respektive Sprints festlegen
2.4.4/2.4.7/2.5.2
3.04.04 Abfolge der Projektaktivitäten bestim-
men und einen Ablauf- und Terminplan erstellen
2.4.4/2.4.7/2.5.2
3.04.05 Fortschritt anhand des Terminplans
überwachen und notwendige Anpassungen vor-
nehmen
2.5.3/2.5.4/2.5.6/2.5.7
3.05 Organisation,
Information und
Dokumentation
3.05.01 Bedürfnisse der Stakeholder bezüglich
Information und Dokumentation beurteilen und
bestimmen
2.3.5/2.3.6/2.4.10
3.05.02 Struktur, Rollen und Verantwortlichkei-
ten im Projekt definieren
2.3.9/4.1.4/4.1.9–4.1.11
/
3.05.03 Infrastruktur, Prozesse und Informations-
systeme aufbauen
2.3.5/2.4.10
3.05.04 Organisation des Projekts implementie-
ren, überwachen und ggf. anpassen
2.3.9/4.1.9–4.1.11
3.06 Qualität
3.06.01 Qualitätsmanagementplan für das Projekt
entwickeln, die Implementierung überwachen
und gegebenenfalls überarbeiten
2.4.11
3.06.02 Projekt mit seinen Lieferobjekten
überprüfen um sicherzustellen, dass sie die
Anforderungen des Qualitätsmanagementplans
weiterhin erfüllen
2.4.3/2.4.11/2.5.4/2.5.6/
2.6.3
3.06.03 Erreichung der Qualitätsziele des Pro-
jekts verifizieren und erforderliche korrektive
und/oder präventive Maßnahmen empfehlen
2.4.3/2.5.6/2.5.8/2.6.3
3.06.04 Validierung von Projektergebnissen pla-
nen und organisieren
2.4.11/2.6.3
3.06.05 Qualität im Verlauf des Projekts sicher-
stellen
2.4.11
3.07.01 Projektkosten abschätzen
2.4.4/2.4.6/2.4.9
3.07.02 Projektbudget erstellen
2.4.9
3.07.03 Projektfinanzierung sichern
2.2/2.7.1
3.07.04 Finanzmanagement- und Berichtssys-
tem für das Projekt entwickeln, einrichten und
aufrechterhalten
2.5.6/2.5.7/2.7.1.8
3.07 Kosten und
Finanzierung
3.07.05 Finanzen überwachen, um Abweichun-
gen vom Projektplan zu identifizieren und zu
korrigieren
2.5.6/2.5.7/2.7.1.8
504
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline (ICB) der IPMA
Tab. 5.1 (Fortsetzung)
Kompetenz
Kompetenzindikatoren
Abschnitt im Buch
3.08 Ressourcen
3.08.01 Strategische Ressourcenplanung ent-
wickeln, um die Projektergebnisse liefern zu
können
2.4.8
3.08.02 Qualität und Menge der benötigten Res-
sourcen definieren
2.4.4/2.4.7
3.08.03 Potenzielle Ressourcenquellen identifi-
zieren und ihre Beschaffung verhandeln
2.4.8/2.9
3.08.04 Ressourcen gemäß dem festgelegten
Bedarf zuweisen und verteilen
2.4.7/2.4.8/2.5.2/4.4
3.08.05 Ressourcenverbrauch evaluieren und
erforderliche Korrekturmaßnahmen ergreifen
2.5.6/2.5.7/3.10
3.09 Beschaffung
3.09.01 Beschaffungsbedarf, Optionen und Pro-
zesse vereinbaren
2.9
3.09.02 Zu Evaluation und Auswahl von Liefe-
ranten und Partnern beitragen
2.9
3.09.03 Zu Verhandlungen und Vereinbarungen
von Vertragsbestimmungen beitragen, um diese
in Einklang mit den Projektzielen zu bringen
2.9/2.3.10.4
3.09.04 Vertragsausführung überwachen,
Probleme ansprechen und falls notwendig Ent-
schädigungen verlangen
2.5.6/2.5.7/2.5.8
3.10 Planung und
Steuerung
3.10.01 Projekt starten, Projektmanagement-Plan
entwickeln und Zustimmung einholen
2.3.5/2.3.10/2.3.12–
2.3.14
3.10.02 Übergang in eine neue Projektphase ein-
leiten und managen
2.2.1/2.2.5/2.3.1/2.3.17/
2.4.1/2.4.12/2.5.1/2.5.9/
2.6.1/2.6.7
3.10.03 Projektleistung mit dem Projektplan
abgleichen und gegebenenfalls Korrekturmaß-
nahmen treffen
2.4.7/2.5.2/2.5.4/2.5.6/
2.5.7
3.10.04 Bericht über den Projektfortschritt erstat-
ten
2.2.5/2.3.17/2.4.12/2.5.4/
2.5.6/2.5.7/2.5.9 2.6.7
3.10.05 Projektänderungen beurteilen, Zustim-
mung für diese einholen und implementieren
2.5.8
3.10.06 Eine Phase oder das Projekt abschließen
und evaluieren
2.2.5/2.3.17/2.4.12/2.5.5/
2.5.9/2.6.6
5
Referenzliste zur Individual Competence Baseline (ICB) der IPMA
505
Tab. 5.1 (Fortsetzung)
Kompetenz
Kompetenzindikatoren
Abschnitt im Buch
3.11 Chancen und
Risiken
3.11.01 Chancen- und Risikomanagementstruktur
entwickeln und implementieren
2.3.8/2.3.10.2
3.11.02 Chancen und Risiken identifizieren
2.3.8/2.3.10.2
3.11.03 Wahrscheinlichkeit und Auswirkungen
von Chancen und Risiken analysieren
2.3.8/2.3.10.2
3.11.04 Strategien auswählen und Maßnahmen
implementieren, um Chancen und Risiken zu
adressieren
2.3.8
3.11.05 Chancen, Risiken und implementierte
Maßnahmen evaluieren und überwachen
2.3.8
3.12 Stakeholder
3.12.01 Stakeholder identifizieren und ihre Inte-
ressen und ihren Einfluss analysieren
2.3.5/2.5.8/3.3.5/4.1.3
3.12.02 Stakeholder-Strategie und Kommunikati-
onsplan entwickeln und aufrechterhalten
2.3.5/2.3.6/2.4
3.12.03 Geschäftsleitung, Auftraggeber und hö-
heres Management einbinden, um Commitment
zu erreichen und um Interessen und Erwartungen
zu managen
2.3.5/4.1.4
3.12.04 Benutzer, Partner und Lieferanten ein-
binden, um Kooperation und Commitment zu
erreichen
2.3.5/2.9
3.12.05 Netzwerke und Allianzen aufbauen, auf-
rechterhalten und beenden
2.3.5/4.1.3.3
3.13 Change und
Transformation
3.13.01 Adaptationsfähigkeit der Organisati-
on(en) zu Veränderung beurteilen
1.4.4/3.5/4.5
3.13.02 Veränderungsanforderungen und Trans-
formationschancen identifizieren
2.3.5/4.5
3.13.03 Veränderungs- oder Transformationsstra-
tegie entwickeln
1.4.4/2.5.5/2.6.6/4.5
3.13.04 Veränderungs- oder Transformations-
management implementieren
2.3.6/2.6.2/2.6.4
Über die Autoren
Jürg Kuster, Dipl.-Ingenieur ETH
Studium der Elektrotechnik an der ETH Zürich. Insgesamt
über elf Jahre als Manager und Projektleiter in verschiedenen
Unternehmen tätig. Ausbilder und Experte für die Schwei-
zerischen Fachprüfungen zum Informatikprojektleiter und
Wirtschaftsinformatiker. Dozent an verschiedenen Ausbil-
dungsinstituten. Inhaber der Pentacon AG in Winterthur und
seit 2008 Geschäftsleiter der BWI Management Weiterbildung
in Zürich.
Arbeitsschwerpunkte: Entwicklung von Führungskräften,
Projekt-Coaching, Konzeption und Einführung von unter-
nehmensweiten Projektmanagement-Standards und Weiterbil-
dungsprogrammen.
www.bwi.ch
Christian Bachmann, Betriebsökonom FH
Studium an FH Aargau und Chur mit Abschluss als Be-
triebsökonom. Weiterbildungen in Coaching, Organisations-
entwicklung und Theologie: Systemische Trainings-Gruppe,
Koenigswieser & Network, Wien; MAS ZFH in Supervision
und Coaching in Organisationen, IAP Zürich; MAS Spirituelle
Theologie in interreligiösen Prozessen, Universität Salzburg.
Zehn Jahre operatives Projektmanagement in der Finanz-
dienstleistungsindustrie. Seit 2006 selbständiger Berater und
Coach und seit 2011 Trainer bei BWI Management Weiterbil-
dung, Zürich.
Arbeitsschwerpunkte: Trainer in Projektmanagement-Methodik, Teamführung, Selbst-
management sowie in der Leitung und Moderation von Sitzungen (in Industrie und in
Bildungsorganisationen). Prozessbegleitungen in der Weiterentwicklung von Projektor-
ganisationen. Coaching von Führungskräften und Projektverantwortlichen.
www.bc-c.ch
507
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019
J. Kuster et al., Handbuch Projektmanagement, https://doi.org/10.1007/978-3-662-57878-0
508
Über die Autoren
Eugen Huber, Dipl. phil. I
Studium an der Université de Neuchâtel. Individualpsycholo-
gischer Berater (Alfred-Adler-Institut Zürich), systemisch-lö-
sungsorientierter Coach (FHNW Olten), Experte in Organisa-
tionsmanagement mit eidgenössischem Diplom, MAS im Lei-
ten & Entwickeln von Bildungsorganisationen (PHLU). Als
neugieriger Mensch mit Begeisterung dem lebenslangen Ler-
nen verpflichtet, arrangiert er seit 1972 Lernprozesse auf allen
Stufen. Seit 1987 als Projektleiter, Berater, Coach und Füh-
rungskraft tätig.
Arbeitsschwerpunkte: Projektleitung im Bereich des Public
Management, Berater und Coach für Entwicklungsprozesse von Menschen und Organisa-
tionen, Leitung und Entwicklung von Expertenorganisationen und deren Mitarbeitern.
www.corporate-development.eu
Mike Hubmann, Ingenieur FH, EMBA HSG,
Integral Systemic Coach
Ausbildungen in Coaching, Organisationsentwicklung, syste-
mischer Aufstellungsarbeit, agilem und klassischem Projekt-
management (Certified Senior Project Manager IPMA Lev-
el B, HERMES 5 Advanced, Certified Scrum Master), MBA
in Business Engineering, Marketing und Elektrotechnik. Mehr
als 25 Jahre Erfahrung in Projektmanagement von agilen und
klassischen Projekten. Das Meistern anspruchsvoller Projekte
ist seine Kernkompetenz. Seit 2009 Assessor für IPMA Lev-
el B Zertifizierungen beim VZPM und seit 2017 zusätzlich
Prüfungsexperte. Seit 2011 Trainer und Coach der BWI Management Weiterbildung in
Zürich. Seit 2016 Inhaber der Mike Hubmann GmbH.
Arbeitsschwerpunkte: Coach und Organisationsentwickler für Privatpersonen, Teams
und Organisationen in herausfordernden Geschäftssituationen oder in Veränderungssi-
tuationen, Aufsteller (systemische Aufstellungen, Organisationsaufstellungen), Trainer,
Berater, Projektmanager und Projektmanagementexperte.
www.mikehubmann.ch
Über die Autoren
509
Robert Lippmann, Lic. oec. publ., NDU SNU
Kaufmännische Ausbildung, danach Studium und Abschluss
in Wirtschaftswissenschaften (Lic.oec.publ., Uni Zürich)
Weiterbildungen und Diplome in Arbeits- und Organisati-
onspsychologie, Gruppendynamik und Nachdiplom in Unter-
nehmensentwicklung (DNU SNU). Seit 1996 selbständiger
Management- und Organisationsberater, Trainer und Coach
in Industrie, Dienstleistung und Öffentlicher Verwaltung, vor
allem in Projektmanagement, Führung, Coaching, Kommu-
nikation und Moderation. Langjährige Erfahrung als Projekt-
leiter, spezialisiert auf operative Umsetzung von Konzepten,
Organisationsvorhaben und als Bauherrenvertreter. Mitautor des Fachbuchs Lippmann E.
(Hrsg.), Coaching (3. Aufl. 2013) im Springer Verlag.
Arbeitsschwerpunkte: Projektleitungen und -Beratungen, Coaching, Trainer in Weiter-
bildungen für Führungskräfte und Projektleiter, Mandate als Manager auf Zeit.
www.lippmann.ch
Emil Schneider, dipl. Ingenieur ETH, Betriebsingenieur
NDS ETH
Abschluss als Elektroingenieur an der ETH Zürich. Weiterbil-
dung in Projektführung, Qualitätsmanagement, Internationales
Industriemanagement, Industrielles Marketing. Nachdiplom-
studium in Betriebswissenschaft am BWI/ETHZ. Zehn Jah-
re Erfahrung als Entwickler und Projektleiter. Fünfzehn Jahre
Führungserfahrung als Leiter von Entwicklungsabteilungen in
großen Unternehmen. Seit 1993 selbständiger Managementbe-
rater, Coach und Trainer (Schneider & Partner).
Arbeitsschwerpunkte: Trainer für Projektmanagement mit
Schwerpunkt Innovation und Coach für Qualität in Unterneh-
mensprozessen.
Patrick Schneider,
dipl. Ingenieur ETH, EMBA Universität Zürich
Studium der Elektrotechnik an der ETH Zürich. Diplomar-
beit an der Harvard University. Executive MBA in General
Management an der Universität Zürich und an der Stanford
University. Fünfzehn Jahre Erfahrung im Business Develop-
ment bei international tätigen Dienstleistern, im e-Commerce
und IT-Outsourcing. Vier Jahre Bereichsleitung auf Stufe Ge-
schäftsleitung mit Produktmanagement, Projektleitung, Test-
abteilung und Kundendienst in der Maschinenindustrie. Seit
2015 aktiv als Trainer für Projektmanagement, als Projektlei-
510
Über die Autoren
ter und als Berater für Projekt-, Produkt- und Prozessmanagement. Gründer und Inhaber
der Schneider Associates. Seit 2016 Mitglied der Geschäftsleitung der BWI Management
Weiterbildung in Zürich.
Arbeitsschwerpunkte: Inhouse Trainings für Produkt- und Projektmanagement; Ein-
führung von Prozessen und Standards; Projektleitungsmandate.
www.schneiderassociates.net
Urs Witschi, dipl. Architekt ETH und Betriebsingenieur
NDS ETH
Studium der Architektur und Nachdiplom in Betriebswissen-
schaft an der ETH Zürich. Weiterbildung in systemischer Be-
ratung. Unternehmensberater an der Stiftung BWI/ETH in den
Bereichen Führung, Organisation und Projektmanagement.
1995 Mitbegründer und Partner des ONION-Netzwerkes und
2002 Mitbegründer und Geschäftsführer der DRIFT Con-
sulting GmbH mit den Schwerpunkten Projektmanagement
und Change-Management. Zwölf Jahre Vorstandsmitglied und
heute Ehrenmitglied der spm (Swiss Project Management As-
sociation). Seit 2017 im Netzwerk www.agil.works als Entwickler und Berater aktiv.
Arbeitsschwerpunkte: Begleitung bei Change-Vorhaben, Coaching von Projektleitern,
Entwicklungsarbeiten und Beratung in Richtung agile Organisation.
www.driftconsult.com
Roger Wüst, dipl. Ingenieur HTL, Betriebsingenieur STV
Studium zum Vermessungs- und Betriebsingenieur. Mehr als
30 Jahre Erfahrung in Ausbildung und Beratung von Füh-
rungspersonen in Privatwirtschaft und Non-Profit-Organisa-
tionen, insbesondere in der Erarbeitung und Implementierung
unternehmensspezifischer
Projektmanagementphilosophien.
Seit 1996 als selbständiger Unternehmer in Privatwirtschaft,
öffentlichen Verwaltungen und an Hochschulen tätig.
Arbeitsschwerpunkte: Coaching von Einzelpersonen und
Teams mit dem Fokus auf Förderung und Entwicklung der
jeweiligen Coachees und Stärkung ihrer Persönlichkeit. Er
bevorzugt dabei wertschätzende Ansätze der Gruppendynamik, systemische Beratungsin-
terventionen und Organisationsaufstellungen.
www.net-coaching.ch
Sachverzeichnis
A
Ablaufplan, 174
Abnahme, 233
Adjourning, 408
Agile Vorgehensweise, 18
Agiles Manifest, 19
Agiles Projektmanagement, 18, 34, 61, 110,
163, 168, 172, 197, 200, 203, 268, 351,
354, 370
Agiles Vorgehensmodell, 34
Aktives Zuhören, 332
Akzeptanz, 98, 155, 191, 315, 348, 384, 386
Akzeptanzkriterium, 166
Akzeptanzprojekt, 4, 11
Analogiemethode, 260
Änderung, 90, 222
Änderungsantrag, 224
Änderungsmanagement, 223
Anerkennung, 39, 232, 257, 284, 306, 335, 405,
408, 423, 432, 469
Anforderung, 80, 83, 86, 482
Funktionale Anforderung, 88
Nicht-Funktionale Anforderung, 88
Priorisierung von Anforderungen, 88
Rahmenbedingung, 88
Anforderungskatalog, 83, 159, 170
Angst, 298
Arbeit am System, 39, 44, 46, 313, 360, 375,
398, 405
Beziehung, 39
Organisation, 39
Arbeit im System, 38, 46, 359, 375, 398, 404,
407
Inhalt, 38
Arbeitspaket, 138, 141, 147, 174, 465
Arbeitstechnik, 311
Audit, 192, 216
Aufgabe, 113, 116, 361
des Auftraggebers, 113, 116
des Auftraggebers / Projektausschusses, 210
des Product Owner, 113
des Projektausschusses, 113, 116
des Projektleiters, 117, 210
des Scrum Master, 113
Aufgabenpaket, 141
Aufgabe-Kompetenz-Verantwortung, 357
Aufstellung, 364, 400
Auftraggeber, 19, 111, 113, 116, 227, 358, 377,
386, 463
Auftragsabwicklungsprojekt, 11
Auftragsklärung, 130
Aufwandschätzung, 170, 173, 174, 217, 312
Auslastung, 186
Ausscheidekriterium, 85, 266
Ausschreibung, 270
Auswirkungsanalyse, 227
Authentizität, 367
autoritärer Führungsstil, 380
Autorität, 350, 355
A-K-V, 357
Axiomtheorie, 319
B
Backlog
Product Backlog, 163
Sprint Backlog, 197
Balkenplan, 175
BATNA-Prinzip, 421, 463
Bedeutsamkeit, 307
Bedürfnisse, 155
Begleitgruppe, 116
Belbin, 40, 337, 388
511
512
Sachverzeichnis
Belbin Blinder Fleck, 389
Belbin Teambericht, 388
Belbin Teamrolle, 336, 337, 372, 388, 467, 469
Belbin Teamrollenbericht, 339
Bemächtigung, 350
Benutzerschulung, 234
Benutzer-Handbuch, 234
Berichtswesen, 191, 206, 208
Beschaffung, 268
Best-in-Market, 93
Betriebsorganisation, 235
Betriebsprozess, 235
Betriebsübergabe, 235
Bewältigungsstrategie, 297
Bewertungskonflikt, 436, 465
Bewusstsein, 289
Beziehung, 350
Beziehungskonflikt, 439, 468
Bionik, 259
Blinder Fleck, 327
Blinder Fleck im Team, 389
Botschaft
Ich- und Du Botschaft, 325
Komplettbotschaft, 321
Brainstorming, 257
Break-even Analyse, 183, 222
Burndown Bericht, 200
Burndown Chart, 200, 407
Burnout, 300
Business Case, 69, 72, 158
C
Change, 476
Change Request, 91
Change Request Antrag, 224
Change Request Management, 223
Change-Projekte, 29
Circle of Competence, 310
Claim Management, 223, 227, 415
Coaching, 332, 340, 360
Collaboration-Tools, 191
Compliance, 134
Concurrent Engineering, 32
Controlling, 117, 204, 248, 407, 419
Critical Thinking Appraisal, 338
Cynefin-Framework, 35
D
Daily Standup / Daily Scrum, 64, 168, 200, 405
Daily Standup/Daily Scrum, 288
Datenschutz, 135
Definition of Done, 166
Delegation, 361
delegativer Führungsstil, 380
Deliverable, 144
Delphi Methode, 173
Deming-Kreis, 154
Design Thinking, 154, 155
Design-to-Cost, 93, 182
Detailplanung
Ablaufplan, 65
Kostenplan, 65
Ressourcenplan, 65
Terminplan, 65
Detailziel, 83
Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement,
52
Dialogverfahren, 268
Dilemma, 297, 308, 386, 437, 467
DIN 69901, 58
DMAEC, 154
DMAIC, 154
Dokumentation, 189
Downside-Strategie, 343
Du-Botschaft, 325
Dynamik in Teams, 403
Adjourning, 408
Forming, 403
Norming, 405
Performing, 407
Storming, 404
Dynamische Payback-Methode, 222
E
Earned-Value-Analyse, 207
Ebenen der Zusammenarbeit, 38, 40, 97, 341,
425
Eignungskriterien, 273
Einfluss-Organisation, 120
Einführungsarten, 232
Einführungsphase, 27, 229
Einladungsverfahren, 272
Einmalkosten, 183, 221
Einstellung, 397
End-Review, 217
Entscheidungsfindung, 72, 262, 340
Entwicklungsprojekt, 11
Epic, 166
Sachverzeichnis
513
Erfolgsfaktor, 76, 250
Erfolgsfaktoren der Zusammenarbeit, 337
Ergebniskontrolle, 249
Ermächtigung, 350, 365
Ersatzbefriedigung, 443
Eskalationsstufe, 447
e-learning, 234
Existenzangst, 480
Expertenschätzung, 173
Extreme Programming, 19
extrinsische Motivation, 305
Eye of Competence, 13, 53, 495
F
Fachkompetenz, 276
Fachspezialist, 385
Fail fast, 318
Failure Mode and Effect Analysis, 106
Feasibility Study, 99
Feedback, 156, 325, 326
Feedbackregeln, 328
Fehlermöglichkeit- und Einflussanalyse, 106
Fischgräten-Methode, 132
Flow, 302
FMEA, 104
Design FMEA, 106
Konzept FMEA, 106
Produkt FMEA, 106
Produktions-FMEA, 106
Prozess FMEA, 106
System FMEA, 106
Formel der Veränderung, 480
Forming, 403
Fortschrittskontrolle, 249
Frage
Aktives Zuhören, 332
geschlossene Frage, 330
Herzfrage, 334
hypothetische Frage, 334
offene Frage, 330
ressourcenorientierte Frage, 334
Skala Frage, 334
zielorientierte Frage, 334
zirkuläre Frage, 334
Fragetechnik, 330
Freihändige Vergabe, 272
Fremdeinschätzung, 339
Fremdsteuerung, 42, 44, 45, 305
Frustrationstoleranz, 474
Führung, 349, 373, 378, 469
Ausprägungen von Führung, 359
indirekte Führung, 374
laterale Führung, 381
Führungsarbeit, 360
Führungsaufgabe, 110
Führungskompetenz, 111, 116, 275, 349, 350,
356, 398
Führungskontinuum, 127
Führungsmodell
situatives Führungsmodell, 380
Führungsstil, 378
autoritärer Führungsstil, 380
delegativer Führungsstil, 380
integrierender Führungsstil, 380
partizipativer Führungsstil, 380
G
Gantt-Diagramm, 175
Gate Review, 217
Geborgenheit, 283, 432
Gebrauchsanleitung, 234
Gehirn, 263, 279, 287
Gehorsam
vorauseilender Gehorsam, 359, 427
gelebte Rolle, 367, 466
Generation Y, 285
Gesamtprojekt, 140
Gestaltungswille, 483
Globalziel, 82
Golden Profiler of Personality, 336
Governance, 134
GPM, 52
GPOP, 340
Gremium, 109, 111, 113, 116, 129, 237, 322,
351, 356, 361, 437
Grobplanung, 137, 168, 179
Grobziel, 82
Grooming, 165, 203
Grundbedürfnis, 282
Grundemotion, 432
Grundhaltung, 315
H
HACCP, 104
Haltung, 397
Handlungsfähigkeit, 309
Harmonie, 387
Harvard-Konzept, 416, 419, 459
514
Sachverzeichnis
Heißer Konflikt, 442
HERMES, 51, 57, 84
Humor, 292
Hybride Vorgehensweise, 28
Hybrides Projektmanagement, 28, 34, 61, 118
Hybrides Vorgehensmodell, 34
I
ICB, 52, 495
Ich-Botschaft, 325
Ideenmanagement, 261
Inbetriebnahme, 233
Individual Competence Baseline, 52, 495
Information, 189
Informationssicherheit, 135
Informationssystem, 191
Initialisierungsphase, 24, 74
Inkrement, 21, 198, 203
Innovationsprojekt, 11
integrierender Führungsstil, 380
Integrität, 15, 47, 135, 283
Interessenkonflikt, 433, 464
International Project Management Association,
52
Intervision, 342
intrinsische Motivation, 305
INVEST Merkmale, 166
IPMA, 52
IPMA Zertifizierung, 495
Ishikawa-Diagramm, 133
ISO 21500, 58
J
Johari-Fenster, 326
K
Kalter Konflikt, 442
Kanban, 19, 22, 177
Kanban Board, 28, 199
Kano-Modell, 89
Kapazitätstreue Planung, 181
Kapitalwert-Methode, 222
KEF, 76
Kepner-Tregoe, 154
Key Performance Indikator, 79
Kick-off, 149
Klassische Vorgehensweise, 22
Klassisches Projektmanagement, 18, 22, 34, 61,
110, 115, 159, 170, 174, 184, 192, 204,
222, 270, 351, 353, 377
Klassisches Vorgehensmodell, 34
Kleinprojekt, 11
Kohärenz, 307
Kohäsion, 406
Kollegiale Führung, 373, 394
Kommunikation, 189, 318, 468
Persönliche Kommunikation, 318
Kommunikationskonzept, 11, 39, 96, 161, 191
Kommunikationskreislauf, 322
Kommunikationsmatrix, 191
Kommunikationsquadrat, 319
Appell, 320
Beziehung, 320
Inhalt, 319
Selbstoffenbarung, 320
Kommunikationssystem, 191
Kompass, 64
Kompetenz, 110
Fachkompetenz, 276
Führungskompetenz, 275
Methodenkompetenz, 275
Selbstkompetenz, 275
Teamkompetenz, 275
Verhandlungskompetenz, 275
Kompetenzbereich, 14
Kontext, 14
Mensch, 14
Praktiken, 15
Kompetenzkreis, 310
Kompetenzmodell, 275, 371, 377
Kompetenzprofil
im agilen Projekt, 371
im klassischen Projekt, 377
Kompetenzregelung, 125
Komplettbotschaft, 321
Komplexität, 4, 366
Konfiguration des Portfolios, 242
Konflikt, 231, 422
Annäherungs-Annäherungskonflikt, 437
Annäherungs-Vermeidungskonflikt, 439
Bewertungskonflikt, 436, 465
Beziehungskonflikt, 439, 468
Grundemotion, 432
Harvard-Konzept, 459
heißer Konflikt, 442
Interessenkonflikt, 433, 464
kalter Konflikt, 442
latenter Konflikt, 442
offener Konflikt, 442
Sachverzeichnis
515
organisatorischer Konflikt, 435, 465
persönlicher Konflikt, 437, 467
Ressourcenkonflikt, 435, 464
Rollenkonflikt, 436, 466
Schichtenmodell, 449
sozialer Konflikt, 439, 468
struktureller Konflikt, 435, 465
Vermeidungs-Vermeidungskonflikt, 438
verschobener Konflikt, 443
Verteilungskonflikt, 435, 464
Wertekonflikt, 441, 470
Zielkonflikt, 433, 463
Konfliktart, 433
Konfliktbewältigung, 422, 454, 459, 463, 472
Konfliktdiagnose, 441, 447
Konfliktfähigkeit, 473
Konfliktmanagement, 422
Konfliktpotenzial, 429
Konfliktprävention, 472
Konfliktstil, 444
Konfliktsymptom, 429
Konfliktsyndrom, 427
Konflikt-Eskalationsstufe, 447
Konfrontation, 414, 444
Können, 281
Konsensfähigkeit, 348
Kontext, 14
Kontextanalyse, 130
Konzeptphase, 26, 159
Kooperationsbereitschaft, 483
kooperative Konfliktbewältigung, 455
Kostenkontrolle, 218
Kostenkurve, 188
Kostenplan, 65, 187
Kostentransparenz, 221
Kostenwirksamkeitsanalyse, 262
KPI, 79
Kreativität, 47, 255
Domäne, 48
Feld, 48
Mensch, 48
Kreativitätstechnik, 47, 87, 156, 255
Krise, 474
Kritischer Erfolgsfaktor, 76
Kritischer Pfad, 176
Kultur, 293
L
Large Scale Scrum (LeSS), 19
Lastenheft, 83, 170
laterale Führung, 381
Leadership, 374
Lean, 154
Lebenswelt, 335
Leistungs
bereitschaft, 276
fähigkeit, 276
möglichkeit, 277
Lenkungsausschuss, 116
Lernangst, 480
LeSS, 19
Lieferobjekt, 64, 138, 142, 144, 147, 174, 233,
465
Life-Cycle-Kosten, 183, 221
Linienorganisation, 108
Lose/Lose, 448
Lösung herstellen, 260
Lösungsauswahl, 255, 265
Lösungsbewertung, 262
Lösungsfindung, 255
Lösungskonzept, 159, 170
Lösungsorientierung, 315
Lösungssuche, 261
Lösungstest, 260
Lösungsvariante, 159
M
Machbarkeitsstudie, 99
Macht, 350
geliehene Macht, 353
institutionelle Macht, 352
persönliche Macht, 352
Machtquellen, 351
Magisches Dreieck, 81, 92
Kosten, 92
Scope, 92
Zeit, 92
Management by Objectives, 383
Matrix-Projektorganisation, 123, 356
MbO, 383
MBTI, 40, 340
Mechanistisches Weltbild, 45
Mehrfachrolle, 129
Meilenstein, 64
Meilenstein Review, 217
Meilensteinplan, 137, 138
Meilenstein-Trendanalyse, 207
Mensch, 14, 278
516
Sachverzeichnis
Metamirror, 421, 461
Meta-Kommunikation, 323
Methodenkompetenz, 111, 118, 275, 492
Mind Change, 478
Mindset, 393
Monochrone Organisationskultur, 395
Morphologischer Kasten, 262
MoSCoW-Priorisierung, 90
Motivation, 277, 304
extrinsische Motivation, 305
intrinsische Motivation, 305
Multikulturelle Zusammenarbeit, 394
Multiplikatoren Methode, 173
Multiprojektmanagement, 58, 185, 239, 464
Aufgabenfeld, 240
Element, 240
Problemfeld, 240
Reporting im Multiprojektmanagement, 248
Multiprojektstruktur, 247
Mündliche Kommunikation, 191
Mussziel, 85
N
Nachforderungsmanagement, 223, 227
Nachkontrolle, 217
Neuroplastizität, 279
Nicht-triviales System, 42
Nichtziel, 82
Norming, 405
Nullserie, 233
Nutzwertanalyse, 262
O
Offenes Verfahren, 272
Optimierungskriterium, 85, 265, 266
Organisationsaufstellung, 400
Organisationsform, 8
Matrix-Projektorganisation, 123
Projektkoordination, 120
reine Projektorganisation, 121
Organisationskultur, 293
monochrone Organisationskultur, 395
polychrone Organisationskultur, 395
Organisationsrahmen, 381
Organisatorischer Konflikt, 435, 465
Orientierung, 307
P
partizipativer Führungsstil, 380
Passung, 307
PDCA-Zyklus, 154
People, 14
Performing, 407
Persönliche Kommunikation, 318
Persönlicher Konflikt, 437, 467
Persönlicher Rahmen, 381
Persönlichkeitstypologie, 336
Perspective, 14
PERT, 173
Pflichtenheft, 159, 170
Phase
Einführungsphase, 27, 229
Initialisierungsphase, 24, 74
Konzeptphase, 26, 159
Projektbeauftragungsphase, 24, 69
Realisierungsphase, 26, 195
Phasenbericht, 161
Phasenkonzept, 22
Phasenplan, 138, 205, 254
Pilotversuch, 233
Pink Zone, 392
Pionierprojekt, 6, 11
Plan/Ist-Kostenvergleich, 188
Planhorizont, 135
Planning Poker, 172
Planung, 137, 168, 178
Planungsstil, 395
Plus-Minus-Liste, 227
PMA, 52
PMBOK® Guide, 53
PMI, 53
PMO, 252
Polarität, 398
Polychrone Organisationskultur, 395
Portfolio, 248
Portfolioboard, 72, 206, 242
Portfoliomanagement, 191, 239, 250, 254, 495
Portfoliomanager, 52
Portfoliomix, 239
Portfolioplanung, 72
Portfolio-Konfiguration, 242
Position, 364
Potentialprojekt, 5
power user, 234
Practice, 15
Präferenzmatrixverfahren, 267
Praktiken, 15
Prävention, 472
Sachverzeichnis
517
Praxisbeispiel, 66
PRINCE2, 54
Prioritätsklassifizierung, 244
Problemlösungsprozess, 152
Problemlösungszyklus, 152
Product Backlog, 21, 61, 82, 87, 88, 113, 159,
163, 168, 171, 197, 198, 200, 222, 231,
235, 268, 376, 475
Product Owner, 21, 110, 111, 113, 163, 169,
309, 370, 371, 409, 463, 476
Produktivsetzung, 233
Produktkonzept, 21, 78, 82, 159, 163, 475
Produktmanagement, 13
Produktvision, 39, 61, 163
Programmmanagement, 12, 58, 250, 495
Programmmanager, 52
Project Management Institute, 53
Project Management Office, 252
Projekt Management Austria, 52
Projektabschluss, 236
Projektänderung, 222
Projektantrag, 26, 69, 71, 73, 222
Projektart, 6
Projektauftrag, 26, 39, 43, 73, 74, 82, 84, 114,
116, 129, 145, 162, 215, 309, 352, 358,
359, 361, 377, 386, 409, 436, 463, 464
Projektausprägung, 4, 387
Akzeptanzprojekt, 4
Pionierprojekt, 6
Potentialprojekt, 5
Standardprojekt, 4
Projektausschuss, 85, 111, 115, 116, 206, 209,
210, 217, 373, 375, 386, 436, 437
im agilen Projekt, 113
im klassischen Projekt, 116
Projektbeauftragungsphase, 24, 69
Projektbeurteilung, 215
Projektcharakter, 4
Projektcontrolling, 27, 204
Projektdirektor, 52
Projektdokumentation, 191
Projekthandbuch, 149
Projektion, 469
Projektklasse, 9
Projektkontrolle, 206
Projektkoordination, 120, 356
Projektkoordinator, 385
Projektkultur, 391
Projektleiter, 52, 110, 111, 117, 358, 385, 409,
476
Projektliste, 243
Projektmanagement, 12
agiles Projektmanagement, 18, 34, 61,
110, 163, 168, 172, 197, 200, 203,
268, 351, 354, 370
Dimensionen im Projektmanagement, 13
hybrides Projektmanagement, 28, 34, 61,
118
klassisches Projektmanagement, 22, 34,
61, 353, 377
Projektmanagementhandbuch, 254
Projektmanagementkompass, 64
Projektmanagementmethodik, 472
Projektmanagementplan, 149
Projektmanagementrichtlinie, 254
Projektmanagementstandards, 51
Projektmarketing, 97, 191
Projektmitarbeiter, 52
Projektorgan, 110
Projektorganisation, 108, 110, 115
Projektphase, 64
Projektplanung, 137, 168, 178
Projektportfolio, 13, 43, 53, 58, 69, 74, 105,
239, 242, 248, 250, 253, 365, 435, 464,
467, 482
Projektpriorität, 243
Projektrückschau, 236
Projektschlussbeurteilung, 236
Projektsteckbrief, 24, 69, 72
Projektsteuerung, 210
Projektstrategie, 93
Projektstrukturierung, 137
Projektstrukturplan, 64, 137, 142
Projektteam, 111, 117, 385
Projektteamzusammensetzung, 386
Projektwürdigkeit, 8
Projektziel, 80
Prototyping, 32, 156
Prozentsatzmethode, 173
Prüfen, 192
PSP, 142
Psychologik, 482
Psychometrische Verfahren, 337
Puffer, 176
Q
Qualität der Beziehung, 322
518
Sachverzeichnis
Qualitätsmanagement, 192
Qualitätsmanagementplan, 193
Quality Gate Review, 217
R
RACI Matrix, 125, 425, 465
Radical Collaboration, 392
Rahmenbedingung, 84, 88, 266
Rangordnung, 469
Rangreihenverfahren, 267
Realisierungsphase, 26, 195
Rechtsvorschriften, 134
Refinement, 165, 203
Reine Projektorganisation, 121, 356
Reiss Motivation Profile, 337
Releaseplan, 61, 159, 168, 475
Releaseplanung, 168
Rentabilitätsrechnung, 222
Reporting, 206, 208, 361
Reporting im Multiprojektmanagement, 248
Request for Information, 271
Request for Proposal, 271
Request for Quotation, 271
Requirements Engineering, 87
Reserven, 174
Resilienz, 313
Ressourcenabhängigkeit, 247
Ressourcenabstimmung, 184
Ressourceneinsatzplan, 184
Ressourcenhistogramm, 181
Ressourcenkonflikt, 435, 464
Ressourcenkontrolle, 220
Ressourcenverfügbarkeit, 247
Retrospektive, 203, 232
Return on Investment, 222
Revier, 468
Review, 128, 139, 192, 216, 232, 249
Reviewboard, 116
RFI, 271
RFP, 271
RFQ, 271
Risiko, 101
Risikoliste, 104
Risikomanagement, 100, 318
Risikomanagementtool, 104
Risikoprozess, 100
Risk Impact, 224
ROI, 222
Rolle, 109, 111, 113, 116, 356, 364, 367, 437
gelebte Rolle, 367, 466
Rollenkonflikt, 436, 466
Rollensender, 367
Rollenträger, 367
Rollenübernahme, 368, 437
Rückwärtsterminierung, 182
S
Sachlogik, 482
SAFe, 19
Scaled Agile Framework (SAFe®), 19
Schätzgenauigkeit, 65, 177
Schätzung, 65
Scheitern, 316
Schichtenmodell, 449
Schlupf, 176
Schlüsselposition, 385
Schulz von Thun, 319, 332
Schutzbedarfsanalyse, 135
Schwerpunktthema, 166
Scope, 20, 38, 87, 92, 147, 170, 227, 253, 409,
422, 482
Scope Creeping, 426
Scrum, 20, 61, 163, 168, 197, 200, 203, 370
Scrum Alliance, 52, 57
Scrum Master, 21, 44, 111, 113, 198, 200, 203,
309, 351, 361, 368, 370, 371, 408, 436,
465, 476
Selbsteinschätzung, 339
Selbstentfaltung, 284
Selbsterkenntnis, 336, 337
Selbstkompetenz, 111, 115, 275
Selbstmanagement, 308
Selbstorganisation, 22, 45, 111, 195, 371
Selbstreflexion, 289, 431
Selbststeuerung, 42, 45, 46, 114, 350, 372,
375, 394, 399, 431, 436, 454
Selektive Wahrnehmung, 288, 322
Selektives Verfahren, 272
Serienproduktion, 229
Simultaneous Engineering, 32
Sinn, 306
Situationsanalyse, 130
situatives Führungsmodell, 380
Six Sigma, 154
Slack, 176
SMART, 85
Sounding Board, 116
sozialer Konflikt, 439, 468
Sachverzeichnis
519
sozialer Status, 284
Sozialkompetenz, 111, 116, 276, 371, 378
Spezifikation, 83
Spiralmodell, 34
Sprint Backlog, 197, 199, 200
Sprint Planung, 168, 197, 199
Sprint Review, 21, 113, 203, 351, 407
Sprintdurchführung, 200
Stacey-Matrix, 35
Stage Gate Review, 217
Stakeholder, 155
Stakeholder-Analyse, 94
Stakeholder-Management, 93
Stammorganisation, 58, 108, 119, 278, 347,
351, 356, 358, 365, 410, 434, 435, 465,
469
Standardprojekt, 4
Steering Committee
im agilen Projekt, 113
im klassischen Projekt, 116
Steuergruppe, 116
Storming, 404
Störung, 473
Story Points, 172
Strategieumsetzung, 250
Stress, 295
Stressor, 299
Stressreaktion, 298
Struktureller Konflikt, 435, 465
Swiss ICB, 495
SWOT-Analyse, 131
SWOT-Strategie, 132
Synektik, 259
Systemischer Ansatz, 43
Systemisches Phänomen, 424
Systemisches Weltbild, 45
Systemziel, 83, 142, 363
Szenario-Technik, 135
T
Target Costing, 182
Task, 142
Task Force, 122
Tätigkeit, 142
Tätigkeitsliste, 175
Taylorismus, 1, 41, 275
Team, 114, 347, 370
im agilen Projekt, 370
im klassischen Projekt, 377
Teamarbeit, 38
Teambericht, 388
Teamkapazität, 198
Teamkompetenz, 111, 116, 275
Teammitarbeiter, 385
Teamrahmen, 382
Teamrolle, 196, 336, 337, 388, 467, 469
Teamrollenbericht, 339
Teilprojekt, 137, 140
Teilprojektleiter, 117
Teilziel, 84
Terminkontrolle, 218
Terminplan, 174
Termintreue Planung, 181
Testen, 193
Timebox, 21
Time-to-Market, 93
train-the-trainer, 234
Transformation, 476
Tripple constraint, 93
Triviales System, 42
Tuckman, 403
T-Shirt Sizing, 172
U
Umfeldanalyse, 130, 210
Umweltanalyse, 130
Ungehorsam
konstruktiver Ungehorsam, 358
Upside-Strategie, 343
Ursachen-Wirkungsanalyse, 132
User Story, 166
V
Variantenbildung, 261
Veränderung, 29, 295, 476
Veränderungsbereitschaft, 481
Veränderungsprozess-Modell, 484
Verantwortlichkeit, 125
Verbesserungsvorschlag, 11, 203
Verein zur Zertifizierung von Personen im
Management, 52
Verhandlung, 15, 80, 92, 185, 274, 359, 409,
459, 491
Harvard-Konzept, 419
Verhandlungsführung, 399, 409, 417
Verhandlungskompetenz, 111, 116, 275
Verhandlungsstrategie, 413, 416, 419
Verhandlungstaktik, 416
520
Sachverzeichnis
Verhandlungsverfahren, 272
Verhandlungszyklus, 410
Verschobener Konflikt, 443
Versionenkonzept, 33
Verteilungskonflikt, 435, 464
Vertragsentwurf, 273
Vertrauen, 30, 190, 290, 328, 354, 363, 366,
374, 397, 406, 418, 455, 458, 473
Vielseitigkeit, 47
Virtuelles Team, 399
vorauseilender Gehorsam, 359, 427
Vorbereitung Betrieb, 235
Vorgehensmodell
agil, 34
hybrid, 34
klassisch, 34
Vorgehensprinzip, 16
Phasengliederung, 137
Problemlösungsprozess, 152
Variantenbildung, 18
vom Groben zum Detail, 16
Vorgehensziel, 83, 363
Vorwärtsterminierung, 181
VUKA-Welt, 286, 485
V-Modell, 31
VZPM, 52
W
Wahrnehmung, 287
Wasserfall-Modell, 18
WBS, 142
Wechselwirkung, 40, 45, 278, 409, 442, 492
Weltbild
mechanistisch, 44
systemisch, 44
Wertekonflikt, 441, 470
Wert-Risiko-Matrix, 91
Widerstand, 3, 30, 197, 231, 429, 430, 444,
476, 481, 486
Formen von Widerstand, 488
Intervention bei Widerstand, 492
Umgang mit Widerstand, 489
Win/Lose, 448
Win/Win, 447
wirtschaftliche Projektsituation, 221
Wirtschaftlichkeit, 73, 100, 117, 158, 183, 194,
215, 222, 236, 244, 478
Wissen, 281
Work Breakdown Structure, 142
Workplace Big Five, 337
WPB5, 337
Wunschziel, 85
Z
Zeitmanagement, 311
Zeitmanagement-Matrix, 312
Zertifizierung, 495
Zertifizierungsmodell, 51
Ziel, 3, 80, 129, 135, 142, 170, 210, 215, 223,
230, 252, 377, 383, 404, 429, 464, 474,
482
Detailziel, 83
Globalziel, 82
Grobziel, 82
Mussziel, 85, 266
Nichtziel, 82
Optimierungsziel, 85
SMARTes Ziel, 85, 421, 463
Sollziel, 85
Systemziel, 83, 142
Vorgehensziel, 83
widersprüchliche Ziele, 85
Wunschziel, 85, 266
Zieländerung, 90
Zielformulierung, 84
Zielkonflikt, 433, 463
Zielpyramide, 412
Zielsetzung, 80
Zielvereinbarung, 384
Zielvorgabe, 384
Zugehörigkeit, 307
Zusammenarbeit, 1, 2, 25, 27, 38, 41, 45, 347,
388
Ebenen der Zusammenarbeit, 38, 40, 97,
341, 425
Zuschlagskriterien, 273
Zuwendung, 283, 432
Zwei Ebenen der Veränderung, 478